TEIL 5
- Kapitel 24 -
Harry nahm den letzten Schluck aus seinen Long Island Iced Tea und fühlte sich endlich bereit für das Abendessen bei Hermine und Ron. Noch war Draco nicht da. Die anderen Gäste saßen bereits um den Couchtisch herum und ließen sich von Hermine mit Aperitifs verwöhnen, während Ron sich um das Essen kümmerte. Samuel stand in der Küche und unterhielt Ron dabei mit Geschichten aus seiner Schulzeit in New York.
Noch hatte Harry seine Beziehung zu Samuel nicht beendet. Er hatte bisher weder den Mut dafür aufgebracht noch die richtige Gelegenheit gefunden. Über das Flohnetzwerk wollte er sich nicht von Samuel trennen und gesehen hatten sie sich erst hier in Ron und Hermines Wohnzimmer, weil es Probleme mit Samuels Portschlüssel gegeben hatte. Anstatt in London war er in Helsinki gelandet und brauchte den ganzen Nachmittag, um sich nach London durchzuschlagen, von wo er direkt zu Hermines und Rons Wohnung appariert war. Harry konnte ihn nun wohl kaum mit seinen unangenehmen Offenbarungen konfrontieren und wollte auch niemand den Abend verderben. Harrys Geständnisse würden bis morgen warten müssen.
Er war ein wenig dankbar für den Aufschub. Bei dem Gedanken an das Gespräch verkrampfte sich alles in Harry. Samuel verletzen zu müssen, war das letzte, was er wollte. Dass er Schluss machen würde, stand außer Frage, in Bezug auf Draco fühlte er sich jedoch unsicherer denn je.
Nach der Nacht mit dem Slytherin im Grimmauld Place hatte sich Harry noch so euphorisch gefühlt. Er war voller Hoffnung gewesen, dass Draco seine Gefühle erwidern könnte. Doch später im Büro hatte sich Draco genau wie immer verhalten. Nicht der kleinste Hinweis deutete darauf hin, dass er Harry nachts geküsst hatte. Eher verhielt er sich kumpelhafter denn je.
Am Wochenende, als Harry Teddy betreute, hatte Harry viel über seine Gefühle für Draco nachgedacht. Ja, er empfand sehr viel für den Slytherin, aber Liebe? – War das nicht ein zu starkes Wort? Fühlte sich Verliebtheit am Anfang nicht immer so an, so allumfassend und berauschend, so dringlich, unendlich und irrational? Auf der anderen Seite hatte Harry noch nie etwas Vergleichbares für eine andere Person gefühlt. Niemand hatte ihn je so fasziniert wie Draco, und das über Jahre hinweg. Keiner konnte Harry so aufregen, anregen und erregen wie der blonde Slytherin. Harry konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass seine Gefühle für Draco sich jemals ändern würden. Je mehr er ihn kennenlernte, desto mehr wollte er mit ihm zusammen sein.
Harry musste sich eingestehen, dass er sich seine Gefühle für Draco nur kleinreden wollte, weil er Angst hatte, verletzt zu werden. Zu viele Menschen waren ihm in seinem Leben genommen worden. Sich auf Draco einzulassen, war riskant. Schließlich kannte er den Slytherin eigentlich gar nicht. Was, wenn er Harry manipulierte? Konnte Harry ihm überhaupt vertrauen?
Als ihm Hermine bei einem Treffen vor ein paar Tagen ganz nebenbei mitteilte, dass Draco nicht allein zu ihrem Abendessen kommen würde, traf Harry die Eifersucht mit voller Wucht. Hatte Draco etwa jemanden kennengelernt? Er hatte den Slytherin in der Woche kaum gesehen. Irgendwie schien ihr Experte für dunkelmagische Artefakte ständig beschäftigt zu sein. Harry hatte sogar den Verdacht, Draco würde ihm aus dem Weg gehen. Vielleicht war Harry am Freitag auch einfach zu offensichtlich gewesen? Konnte es sein, dass Draco ihm auswich, weil er sich bedrängt fühlte? Nun, Harry würde es herausfinden. Wenn nicht heute Abend, dann doch in den nächsten Wochen.
Harry überlegte, ob er sich direkt einen zweiten Eistee zubereiten sollte. Der Gedanke, einen ganzen Abend mit Draco und Samuel in einem Raum verbringen zu müssen, machte ihn nervös. Samuel war aus der Küche heraus gekommen und unterhielt sich gerade mit Ginny und ihrem neuen Freund Turgay. Ginny hatte ihn auf der letzten Quidditch-Europameisterschaft in Bulgarien kennengelernt. Harry hatte sie seit der Schule nicht mehr so verliebt gesehen und glaubte, dass es was Ernstes war. Turgay arbeitete als magischer Physiotherapeut für die deutsche Quidditch-Mannschaft. Er kam auch aus Deutschland, war mittelgroß und gut gebaut. Sein Gesicht wurde von dunklen Locken umrahmt und seine Augen glänzten wie schwarze Kohlestückchen. Harry fand ihn sehr attraktiv, auch wenn er selbst auf hellere Typen stand. Turgays Englisch hatte einen starken Akzent, weshalb er in Gesprächen etwas zurückhaltend blieb. Er beobachtete aber alles mit einem wachen und offenen Blick.
Luna und Seamus gehörten ebenfalls zu den Gästen des Abends. Dean hatte leider keine Zeit gehabt. Er musste Überstunden schieben. Ron war noch immer in der Küche und überprüfte die Gemüselasagne, die im Ofen vor sich hin brutzelte. Als es klingelte, stand Hermine auf und ging zur Tür. Das konnte nur Draco sein. Dieses Mal nicht per Kamin.
Hermine kam in Begleitung von Draco und Astoria ins Wohnzimmer zurück. Sie trug eine Weinflasche und einen großen Blumenstrauß in der Hand, die die Neuankömmlinge ihr offenbar als Gastgeschenk überreicht hatten. Harry wusste nicht, was er davon halten sollte, dass Draco seine ehemalige Verlobte mitgebacht hatte. Auf einmal wurde ihm Astoria sehr unsympathisch. Während Hermine und Astoria sich bekannt machten, sog Harry Dracos Erscheinung in sich auf. Der Blonde trug ein dunkelblaues Jackett mit einer dazu passenden, enganliegende Anzughose und einem weißen T-Shirt. Der Anzug hob seine schlanke, hochgewachsene Gestalt perfekt hervor. Harrys verspürte immer eine gewisse Erregung, wenn Draco so gut aussah. Er selbst war in Jeans und einem schlichten, grauen Pulli erschienen.
Draco legte seine Hand leicht auf Astorias unteren Rücken und führte sie mit vollendeten Manieren zu den anderen Gästen. Natürlich sah auch Astoria sehr gut aus. Sie war ebenfalls in dunkelblau gekleidet. Ihr knielanges, elegantes Kleid betonte ihre feminine Figur. Harrys Stimmung sank. Waren die beiden Slytherins absichtlich in Partnerlook gekommen? Harry ging ebenfalls zu den anderen rüber und brachte es gerade noch über sich, Draco zur Begrüßung zuzunicken und Astoria höflich die Hand zu reichen, als Hermine die beide noch mal allen vorstellte. Draco grinste ihn hingegen gutgelaunt an, was Harry noch mehr ärgerte. Dracos Arm lag nun um Astorias Schultern und er wirkte wie ihr fester Freund und nicht wie ein Kumpel.
Ron kam aus der Küche, um die neuen Gäste zu begrüßen. Harry kannte die Körpersprache seines besten Freundes und sah sofort, dass ihm Astorias Aussehen gut gefiel. Hermine konnte sich aber durchaus mit ihr messen, fand Harry. Sie hatte eine fantastische Figur und ein sehr hübsches Gesicht.
Ron gab sich weltmännisch: „Draco, Astoria, wir haben schon eine Runde Aperitifs hinter uns. Was kann ich euch anbieten? Das Essen ist auch bald fertig."
Die Slytherins baten um einen Gin Tonic und Harry bot an, ihn zuzubereiten. Er ging zum Sideboard zurück, wo Ron eine Sammlung von verschiedenen alkoholischen Getränken und dazu passenden Gläsern aufbewahrte. Harry fand das reichlich übertrieben, würde sich aber nicht beschweren, da er schon bei vielen Gelegenheiten von Rons neuem ‚Hobby' profitiert hatte. Draco gesellte sich zu ihm.
„Weißt du überhaupt, wie das geht, Harry?", neckte er. Harrys Sinne wurden wieder von Dracos typischem Geruch und seiner Nähe überwältigt. Musste er denn immer so anfällig für diesen Slytherin sein?
„Allerdings, du kannst dich ruhig wieder setzen", schnappte er etwas zu aggressiv zurück. Seine Stimmung schien wirklich an einem Tiefpunkt angelangt zu sein.
„Alles klar." Draco klang defensiv.
Harry war sein eigenes Verhalten peinlich, aber bevor er noch was sagen konnte, kehrte Draco zu den anderen zurück. Harry entschied, dass er noch einen Drink gebrauchen konnte, und bereitete drei Gin Tonics vor, auch wenn er das Getränk eigentlich zu bitter fand. Harry dachte an Hermines Geburtstagsparty zurück. Wie war seine Welt in so wenigen Wochen nur so aus den Fugen geraten?
Als Harry die Drinks fertig gemischt hatte, nahmen die anderen bereits ihre Plätze am Tisch ein. Hermine und Ron mit Ginny und Turgay an dem einen Ende, die restlichen Gäste am anderen. Harry saß vor Kopf mit Draco und Astoria zu seiner Rechten und Samuel zu seiner Linken. Natürlich setzte sich Draco erst als Astoria Platz genommen hatte und schob ihr den Stuhl an, ganz der Gentleman. Samuel, der Dracos Geste ebenfalls gesehen hatte, warf Harry einen leicht amüsierten Blick zu. Harry verzog das Gesicht und nickte zustimmend.
Draco und Astoria passten perfekt zueinander. Sie stammten beide aus reinblütigen Familien, hatten die gleiche kultivierte Eleganz, und mit Sicherheit auch ähnliche Werte und Lebensziele. Egal was Draco sagte, vielleicht würde er sie doch zur Frau nehmen, um den Fortbestand seines Namens zu sichern. Je älter man wurde, desto mehr besann man sich auf die Familie. Harry kippte seinen Gin Tonic runter und verzog den Mund. Er war eindeutig zu bitter. Draco sah ihn fragend an. Harry schüttelte leicht den Kopf, um Draco zu signalisieren, dass alles in Ordnung war, auch wenn er das Gegenteil empfand.
Trotz des Essens merkte Harry den Alkohol deutlich. Zwei Longdrinks auf leerem Magen in so kurzer Zeit waren definitiv zu viel für ihn. Leider verbesserte der Alkohol seine Stimmung nicht, aber da Harry sowieso keine Lust verspürte, sich an der Unterhaltung zu beteiligen, war es ihm egal.
Das Gespräch wurde natürlich von Draco und Astoria beherrscht, dabei rissen sie die Unterhaltung keineswegs an sich, sondern verstanden sich einfach vortrefflich darauf, unterhaltsam zu erzählen und andere zum Sprechen zu animieren. Ihnen fiel zu jedem Thema etwa Geistreiches oder eine weiterführende Frage ein. Sie konnten ihre Gesprächspartner kaum wahrnehmbar umschmeicheln und dafür sorgen, dass keine peinlichen Gesprächslücken entstanden. Harry hasste und genoss den Abend gleichermaßen. Er bemerkte selbst, wie er an Dracos Lippen hing und immer wieder auflachte.
Harry hatte nach dem Gin Tonic zunächst auf Alkohol verzichtet. Als sie aber nach dem Nachtisch zurück zum Sofa wechselten – Draco zog sein Jackett aus, nachdem er Hermine höflich gefragt hatte, ob er ablegen dürfe – holte sich Harry ein Ale aus dem Kühlschrank. Als er zurückkam, waren alle Plätze bereits besetzt, abgesehen von dem schmalen Platz direkt links neben Draco auf dem Sofa. Daneben saß Samuel in einem Sessel und unterhielt sich mit Hermine über ein neues Gesetz, das die Rechte von Meermenschen stärken sollte. Offenbar wurde ihr Paarungsverhalten durch den zunehmenden Tourismus auch in der Welt der Zauberer erheblich gestört. Das Gesetz sollte verhindern, dass in der Paarungszeit bestimmte Buchten in Cornwall angefahren werden durften und sollte dafür sorgen, dass Muggels den Buchten fern blieben.
Harry hörte nur mit einem Ohr zu. Die Hälfte seiner Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf das Gefühl, das Dracos Oberschenkel an seinem Bein auslöste. Harry konnte sich nicht dazu bringen, sein Bein etwas abzurücken. Als Samuel nach seiner Hand griff, wusste Harry nicht, wie er sie ihm wieder entziehen konnte, ohne dass es Samuel seltsam vorkam. Er bemerkte Dracos schnellen Blick auf ihre ineinander verschränkten Hände.
Dracos rechter Arm lag hinter Astoria auf der Sofalehne, aber seine linke Hand legte er nun auf seinem Schoß ab, so dass sein linker Ellenbogen Harrys Oberschenkel berührte. Er unterhielt sich mit Ron, Ginny und Astoria über Weihnachtsbräuche und die Weihnachtstage im Allgemeinen.
„Für meine Mutter würde eine Welt zusammen brechen, wenn wir Weihnachten nicht in den Fuchsbau kämen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir jemals ein Weihnachten in diesem Apartment verbringen werden", sagte Ron gerade.
„Wo wirst du eigentlich Weihnachten verbringen, Draco", fragte Harry, und nutzte die Gelegenheit, Samuels Hand wieder loszulassen.
„Bei meiner Mutter in Nizza. Wir werden etwas Leckeres essen und Scrabble spielen. Dann lesen wir noch mal die ganze Weihnachtspost und versuchen, nicht daran zu denken, wie viel weniger Weihnachtskarten wir seit dem Krieg bekommen. Dieses Jahr kann ich sie hoffentlich dazu bringen, sich mit mir einen Muggelfilm anzuschauen, anstatt nochmal alle Weihnachtsfeste im Manor durchzugehen und sich dabei schmerzlich bewusst zu werden, dass Vater nicht mehr dabei ist und wir nicht mehr in Whiltshire wohnen. Makaber wird es immer dann, wenn wir bei Weihnachten 1996 ankommen."
‚…als Voldemort in unserem Haus residierte', beendete Harry den Satz gedanklich, und war sich bewusst, dass auch alle anderen – abgesehen von Samuel – das Gleiche dachten.
Die Gespräche um sie herum waren verstummt. Es war untypisch für Draco, so etwas Privates in aller Öffentlichkeit preis zugeben. Harry erkannte daran, dass Draco keineswegs gut drauf war, auch wenn es bisher den Anschein gehabt hatte. Vielleicht hatte aber auch der Alkohol seine Zunge gelöst. Ohne darüber nachzudenken, hob Harry seine rechte Hand, um Draco tröstend über den Rücken zu streichen. Er bemerkte jedoch Astorias Blick, die ihrerseits ihre Hand gehoben hatte. Sie tätschelte Dracos Oberschenkel und sah Harry mit einem so eindringlichen Ausdruck im Gesicht an, dass er seinen Arm wieder zurück zog und verlegen wegschaute.
„Und ihr feiert bei den Weasleys? Harry?" Harry hatte für einen Augenblick nicht bemerkt, dass Draco eine Frage an ihn gerichtet hatte. Er musste sich räuspern, um seine Kehle frei zu machen.
„Den 25. verbringe ich zusammen mit Teddy und Andromeda. Am 26. bin ich dann bei den Weasleys." Harry hatte mit Draco seit ihrer zufälligen Begegnung vor der Eisdiele nicht mehr über Andromeda gesprochen. Er wusste, dass zwischen den Familien eigentlich kein Kontakt mehr bestand. Bei seinen letzten Gesprächen mit Andromeda hatte er immer mal wieder das Thema auf Draco und Narcissa gebracht, doch noch nicht zu fragen gewagt, ob er Draco zu seinen Treffen mit Teddy einladen durfte. Es war ein heikles Thema, an das sich Harry noch nicht herangetraut hatte, weder vor Andromeda noch vor Draco.
„Zusammen mit mir", warf Samuel ein. Natürlich, Harry hatte Samuel ja mit in den Fuchsbau nehmen wollen. Alle freuten sich schon darauf – nur Harry nicht mehr. Harry rückte unruhig auf seinen Platz hin und her. Draco legte ihm in ungewöhnlich vertrauter Weise kurz eine Hand auf den Oberschenkel, um ihn auf seine Zappelei aufmerksam zu machen und zur Ruhe zu bringen.
„Andromeda hat Mutter und mir letztes Jahr eine Weihnachtskarte geschickt. Das hat uns sehr gefreut", meinte Draco in einem viel leichteren Ton, und Harry wunderte sich nicht zum ersten Mal, wie schnell Draco von einer Stimmung in die nächste wechseln konnte. Dann ging ihm auf, dass Dracos Stimmung sich durchaus nicht geändert hatte. Er verstand es einfach, seine wahren Gefühle zu verbergen.
Hermine und Astoria hatten ihre jeweiligen Gespräche wieder aufgenommen, um die anderen von Dracos entwaffnenden Worten abzulenken. Harry war ihnen dankbar. Allein, dass Draco nun anfing, mit der linken Hand nervös an seiner Hose zu nesteln, zeigte ihm, wie unwohl er sich in Wirklichkeit fühlte. Harry wusste nicht, was der Grund für Dracos schlechte Stimmung war, aber er wollte ihn gerne aufmuntern. Draco hatte inzwischen seine eigene Unruhe bemerkt und setzte sich auf seine Hand. Ohne nachzudenken ließ Harry seine Finger ebenfalls in dem Spalt zwischen ihren Beinen verschwinden und berührte mit seinem Daumen unauffällig Dracos Handinnenfläche. Als dieser nicht wegzuckte, schloss er seine Finger um Dracos Hand.
Draco sah Harry überrascht an, zog seine Hand aber noch immer nicht weg, sondern veränderte seine Sitzposition so, dass sie ihre Hände noch besser miteinander verschränken konnten. Harrys Herz galoppierte davon. Bei allen guten Geistern, was tat er da? Fast hätte Harry sogar seine Finger zwischen denen von Draco gleiten lassen. Aber auch so war es in Wahrheit nichts anderes als Händchenhalten. Draco und er – sie hielten sich an den Händen, heimlich, und keiner der anderen schien zu bemerken, was zwischen ihren zusammen gepressten Oberschenkeln vor sich ging. Ein wohlig warmes Gefühl breitete sich in Harrys Körper aus. Die innere Unruhe und Gereiztheit, die er den ganzen Abend über empfunden hatte, fielen von ihm ab, obwohl es in seinem Bauch nur so flatterte. Es fühlte sich richtig an, Dracos Hand in seiner Hand zu spüren, und Harry wollte sie am liebsten nie wieder loslassen. Dabei hatte er Draco mit einem simplen Händedruck doch nur einfach etwas moralische Unterstützung geben wollen, ohne die Aufmerksamkeit der anderen auf Dracos Stimmung zu lenken.
Es waren noch keine zwei Minuten vergangen, da bemerkte Harry Turgays gerunzelte Stirn und seinen fragenden Blick. Sein Gesicht glühte vor Scham auf. Er löste seine Finger langsam von Dracos Hand und griff nach seinem Ale. Draco ließ es ohne Reaktion geschehen. Harry wagte nicht, zu Samuel zu schauen, hörte jedoch, dass er sich noch immer am allgemeinen Gespräch beteiligte, ahnungslos und gutgelaunt.
Harry wandte sich wieder zu Draco: „Ich habe den Eindruck", sagte er, als wäre nichts geschehen, „dass sich Andromeda Kontakt zu deiner Mutter wünscht. Wir haben ab und zu von euch gesprochen. Sie scheint davon auszugehen, dass deine Mutter diejenige ist, die keinen Kontakt möchte, weil sie es auch war, die den Kontakt abgebrochen hat."
„Auf Wunsch meines Vaters, nicht, weil sie es selbst so wollte", erwiderte der Slytherin. „Jetzt allerdings schämt sich meine Mutter viel zu sehr, um mit Andromeda Verbindung aufzunehmen. Nymphadora und ihr Mann sind im Krieg gefallen. Teddy ist Waise. Alles wegen Todessern wie wir es gewesen sind. Meine Mutter kann ihrer Schwester nicht mehr ins Gesicht sehen." Es lag viel Resignation in Dracos leiser Stimme.
„Andromeda hat außer Teddy keine Familie mehr. Sie erzählt gelegentlich davon, wie nahe sie ihren Schwestern früher gestanden hat. Ich glaube, dass sie deiner Mutter verzeihen möchte." Harry wusste nicht, ob er eine Grenze überschritt, wenn er sich so in die Angelegenheiten von Dracos Mutter und Andromeda einmischte, daher sagte er nichts weiter. Auch Draco schwieg, aber Harry sah, wie es in ihm arbeitete.
Als Draco von Astoria angesprochen wurde, lehnte er sich nach vorne und wandte sich von Harry ab. Ihr Gespräch mit Ron und Hermine ging mittlerweile um den Unterschied zwischen den Weihnachtsliedern von Muggels und Zauberern. Astoria hatte dazu ein Referat in Muggelkunde halten müssen und versuchte sich nun an der Melodie von „Rudolph, The Red Nosed Reindeer". Samuel, der sehr gerne sang, fiel mit ein und die anderen taten es ihm nach einer Weile gleich. Es war lustig, da außer Harry und Hermine niemand wirklich den Text kannte, aber alle mitsingen wollten. Harrys Stimmung hob sich merklich als er bemerkte, dass auch Draco fröhlicher wurde. Als Draco zwischendurch aufstand, um zur Toilette zu gehen, ergriff Samuel die Gelegenheit, seinen Platz einzunehmen, um dichter neben Harry zu sitzen.
Dracos Blick fiel auf Harry und Samuel, als er ins Wohnzimmer zurückkehrte. Für einen Sekundenbruchteil meinte Harry, so etwas wie Enttäuschung über sein Gesicht huschen zu sehen. Anstatt Samuels Platz im Sessel einzunehmen, blieb Draco am Sideboard stehen, wo sich Ron und Seamus bald zu ihm gesellten, um sich einen Drink zu mixen. Harrys Blick wanderte immer wieder zu Draco, und das ein oder andere Mal fühlte er sich dabei von Turgay ertappt. Harry fragte sich, welche Schlüsse Turgay aus seinen Beobachtungen zog, und ob Ginny Harry bei ihrem nächsten Treffen darauf ansprechen würde. Harry war froh, als sich Draco und Astoria gegen Mitternacht verabschiedeten. Er selber zögerte den Abschied heraus. Die Vorstellung gleich ein Bett mit Samuel teilen zu müssen, erschien Harry absurd.
Es war schon kurz vor zwei als Samuel und Harry im Grimmauld Platz aus dem Kamin stiegen. Samuel war ungewöhnlich still, obwohl er während der Party sehr leutselig gewirkt hatte. Harry wusste nicht, was er sagen sollte. Er würde Samuel sicher nicht mitten in der Nacht über seine wahren Gefühle aufklären und ihn damit veranlassen, das Haus zu verlassen. In bedrückender Schweigsamkeit machten sie sich bettfertig. Harry versuchte Nähe zu vermeiden, indem er so Tat als sei er müde und würde direkt einschlafen. Tatsächlich machte er in dieser Nacht kein Auge zu. Ihm war elend zumute. Er hatte Angst vor dem Gespräch, das vor ihm lag. Samuels Portschlüssel ging um elf Uhr und nicht wie üblich erst am Nachmittag, da er noch zu dem Geburtstagskaffee seiner Großmutter in Dublin wollte. Um sechs Uhr schälte sich Harry aus dem Bett und ging hinunter in die Küche, setzte Tee auf und nahm die Kanne und zwei Tassen mit ins Wohnzimmer.
Samuel kam gegen halb acht die Treppe herunter. Zu Harrys Überraschung hielt er seinen Koffer bereits in der Hand. Er stellte ihn im Flur ab, kam aber nicht ins Wohnzimmer, sondern blieb an der Wohnzimmertür stehen. Harry schenkte Samuel eine Tasse Tee ein und hielt sie ihm entgegen. Samuel beachtete sie gar nicht. Er sah Harry nur ernst und leicht grimmig an.
Harry wand sich innerlich unter Samuels Blick und überlegte, wie er das Gespräch eröffnen konnte. In dem Augenblick fragte Samuel: „Wann hattest du vor, mir zu sagen, was da zwischen dir und Draco läuft, Harry? Oder wolltest du es per Eule machen, um dir die Konfrontation zu ersparen? Und seit wann habt ihr denn schon was miteinander?"
Harry fühle sich überrumpelt: „Samuel, nein, so ist das nicht, wir haben nichts miteinander."
„Lüg mich nicht an, Harry. Ich war gestern Abend da, auch wenn du es zwischendurch zu vergessen schienst. Ich Idiot dachte ja erst noch, Draco wäre mit Astoria zusammen, aber dann ist mir aufgefallen, wie du ihn ansiehst – und wie er dich anschaut. Ihr seid verliebt – ihr zwei! Oder geht es um Sex?"
„Nein, es … es geht nicht um … Sex. Also, nicht für mich, nicht … äh … nur … jedenfalls. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll", stammelte Harry.
„Das ist nicht so schwer. Du hast dich in Draco verliebt und willst mich nun loswerden." Samuel erhob die Stimme. Harry holte Luft und nahm sich vor, klarer zu sein. Er war Samuel eine Erklärung schuldig, aber gab es die überhaupt? Wie ließ sich Liebe erklären?
„Du hast Recht … Ich habe mich in Draco verliebt", gab Harry zerknirscht zu und fügte schnell hinzu: „Aber Draco weiß nichts davon. Wir sind nur Freunde. Es ist wirklich nie was zwischen uns gelaufen und … und Draco hat auch nie in irgendeiner Form gezeigt, dass da mehr sein könnte."
„Na, mit seinen Blicken hat er es schon recht deutlich gezeigt", gab Samuel vorwurfsvoll zurück. Harry wusste nicht, wovon Samuel sprach, er war aber naiv genug nachzufragen: „Wie meinst du das?"
„Das musst du schon selbst rausfinden. Ich werde sicher nicht den Kuppler spielen. Ich …" Seine Stimme brach und Harry hatte das Gefühl, dass er um Fassung rang. „Dann war es das jetzt wohl mit uns. Draco kommt daher und ich darf mich verpissen."
Harry verzog das Gesicht, zerknirscht und voller Mitgefühl. Es klang krass, wie Samuel es formulierte, aber am Ende war es genau das, und es tat Harry unendlich leid. „Glaub mir, ich wollte das nicht. Du bedeutest mir viel, aber…"
„…aber nicht so viel wie Draco", beendete Samuel Harrys Satz. „Er hat wirklich nicht lange gebraucht, dich mir wegzuschnappen. Wie lange ist er jetzt in London? Zwei Monate? Oder geht das schon länger zurück? Ihr ward doch zusammen in Hogwarts."
Harry wurde rot und schaute zu Boden.
„Aha. Ich hatte also eigentlich nie eine Chance, nachdem er auf Hermines Party aufgetaucht war." Ein bitterer Zug legte sich auf Samuels Gesicht. „Ich erinnere mich noch. Du warst ganz komisch an dem Abend und bist fast sauer geworden als ich die Malfoys als Todesser-Familie bezeichnet habe. Und dann bist du noch alleine geblieben, hast mich quasi nach Hause geschickt, wohl um freie Bahn zu haben."
„Ich habe dich nicht nach Hause geschickt", wandte Harry kleinlaut ein, aber seine ganze Schuld war so offenkundig, dass es nichts gab, was er sagen konnte, um die Situation besser zu machen.
Samuel sah in kalt an und nahm seinen Koffer in die Hand. „Was bist du doch für ein Arsch, Harry." Samuel drehte sich um und ging in Richtung Haustür. Harry folgte Samuel den Flur entlang. Er hielt immer noch die Teetasse in der Hand und stellte sie nun schnell auf der Bank ab.
„Und als du bei mir warst, in den letzten Wochen. Du wirktest immer so abwesend. Wolltest auch nicht mit auf unseren Bootsausflug, dabei warst du so begeistert, als ich das erste Mal davon erzählt hatte. ‚Ja, das klingt toll'", äffte er Harry nach, „'Lass uns das machen.' Oh, und die Sache im Dragons." Er schwieg für ein paar Augenblicke, erinnerte sich, fuhr sich dann mit der Hand über die Augen. Harry wäre am liebsten im Boden versunken.
„Wie du Draco da an der Theke angestrahlt hast, Harry. Bei den Göttern, das ist Wochen her und doch war es so klar. Ich hab es nur nicht sehen wollen. Hast du es die ganze Zeit gewusst? Du musst es gewusst haben, Harry. Himmel!" Wieder schwieg Samuel und rang um Fassung. Dann machte er ein Würgegeräusch. „Der Sex an dem Abend. Wie kalt du warst." Er sah Harry mit fast hasserfüllten Augen an. „Du hast mich benutzt. Hast an Draco gedacht und… und…" Samuels Gesicht zeigte seine ganze Abscheu.
Harry traten die Tränen in die Augen. In diesem Augenblick wünschte er, es wäre alles anders gekommen. „Es tut mir so leid, Samuel, so leid."
Samuel nahm seine Jacke von der Garderobe und öffnete die Eingangstür. Er wandte sich noch mal um, räusperte sich und holte tief Luft. „Was soll ich sagen, manchmal läuft es halt anders, als man sich das vorgestellt hat."
„Wo gehst du jetzt hin? Dein Portschlüssel ist doch erst um elf."
„Ich such mir ein schönes Café und frühstücke in Ruhe. Keine Sorge, ich komme schon klar. Ist ein bisschen spät, sich Sorgen um mich zu machen."
Harry fühlte den dringlichen Wunsch, Samuel zu umarmen, aber der blickte ihn nur noch mal lange abschätzig an und sagte: „Mach's gut, Harry. Es war schön, solange es gehalten hat. Jedenfalls dachte ich, es wäre schön. Ich würde dir ja gerne Glück mit Draco wünschen und ein guter Verlierer sein, aber – sorry – das schaffe ich gerade nicht."
Harry überbrückte mit drei Schritten den Abstand zwischen ihnen und zog Samuel an sich heran. „Du bist ein wunderbarer Mensch, Samuel. Sowas hast du nicht verdient. Es tut mir leid!"
Samuel standen nun auch die Tränen in den Augen. Er löste sich aus Harrys Umarmung, ging zur Tür hinaus und verschwand aus Harry Lebens. Harry versuchte sich die Tränen wegzuwischen, aber es kamen immer neue nach. Ermattet ließ er sich auf die Sitzbank fallen. Er saß lange in dem trüben Licht des Flures, bis er auf Kreacher aufmerksam wurde. Der alte Elf starrte ihn verwundert an: „Jetzt kann ja Mister Draco hier einziehen", kommentierte er mitleidslos.
Die Äußerung war so gemein und unpassend, Harry kamen erneut die Tränen. Er ging wortlos an Kreacher vorbei, schleppte sich die Treppe hoch und knallte die Tür zu seinem Schlafzimmer zu. Mit letzter Kraft verkroch er sich unter seiner Bettdecke. Einschlafen konnte er nicht. Ein Wirrwarr an Gefühlen ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Manchmal wusste er nicht einmal mehr, warum er die Beziehung beendet hatte, so beschämt und traurig fühlte er sich über sein eigenes Verhalten und den Verlust.
Mit zunehmender Unruhe entstand das Gefühl, mit jemanden reden zu müssen, sich auszuheulen. Harry stand auf und ging ins Wohnzimmer. Eigentlich hätte er sich an Hermine gewandt, aber da sie sowohl mit Samuel als auch mit Draco befreundet war, erschien sie Harry gerade nicht die passende Ansprechpartnerin zu sein. Also versuchte er, Ginny über das Flohnetzwerk zu erreichen, und war froh, als ihr verschlafenes Gesicht im Kamin erschien.
Es wurde ein langes Gespräch und obgleich sich Harry gut an Turgays Blicke erinnerte, war Harry etwas verblüfft, dass Ginny so gar nicht überrascht wirkte. Harry erzählte ihr lang und breit was sich zwischen ihm und Draco in den letzten zwei Monaten zugetragen hatte und wie die Trennung von Samuel verlaufen war. Nach dem Gespräch fühlte sich Harry deutlich besser, er wusste jedoch, dass die Traurigkeit und Scham, einen Freund und Liebhaber auf so erbärmliche Weise verloren zu haben, noch lange nachklingen würde. Was Harry aufmunterte war, dass auch Ginny bemerkt hatte, dass Draco ihn mit mehr Interesse angesehen hatte, als es sich für einen guten Freund gehörte.
- Kapitel 25 -
Harry war froh, dass er am Montag auf einem Einsatz in Hogsmeade war und Draco an diesem Tag nicht sah. Er fühlte sich zu niedergeschlagen für eine Konfrontation mit dem Slytherin. Warum nur hatte er so lange gezögert, Schluss zu machen? Er schwor, niemals wieder so lange zu warten, wenn die Gefühle eines anderen Menschen betroffen waren. Samuels Wut und Enttäuschung hatten ihm die Augen geöffnet.
Trotz seiner Scham war er aber auch erleichtert, und er wollte, dass Draco von dem Ende seiner Beziehung zu Samuel wusste. Harry hatte allerdings keine Ahnung, wie er die Information geschickt einfließen lassen konnte, ohne dass der Grund für die Trennung gleich offensichtlich wurde. Harry war nämlich durchaus noch nicht so weit, Draco seine Gefühle zu gestehen.
„Hey Harry, was ist jetzt mit Samstag? Ich hatte dir doch erzählt, dass Jean mich besuchen kommt und wir ins Colours gehen. Du wolltest doch auch kommen. Ist Samuel an dem Wochenende da?"
„Nein, wir haben Schluss."
„Echt? Warum denn?"
„Weil ich mich total in dich verliebt habe."
Oh nein, das ging gar nicht. Das war viel zu …ehrlich...und…mutig. Was Harry brauchte war eine Strategie!
In der Mittagspause am Mittwoch sprach Draco Harry tatsächlich auf seine Pläne für das Wochenende an. Sie saßen zusammen mit Hermine und Ron in einer Pizzeria in der Nähe des Ministeriums. Draco lud auch Hermine und Ron mit ins Colours sein, Samuel hingegen erwähnte er mit keinem Wort. Ron und Hermine hatten am Samstag keine Zeit, weil sie versprochen hatten, auf Bill und Fleurs Baby aufzupassen, aber Harry versicherte Draco, dass er kommen würde.
Harry war erleichtert, dass er um das Thema ‚Samuel' herumgekommen war. Es erschien ihm auch seltsam, vor Draco damit anzufangen, solange er Ron und Hermine noch nichts von der Trennung erzählt hatte. Harry war klar, dass er seine zwei besten Freunden nicht länger im Dunkeln lassen konnte und verabredete sich mit ihnen zum Kino. Sie wollten sich Robert Altmans neuen Film 'Gosford Park' ansehen und dann in einer Kneipe noch einen Absacker trinken.
So betraten sie am Donnerstag um viertel vor elf das Harp, eine Muggel-Kneipe am Leicester Square. Nachdem sie – wie Harry fand – endlos über den Film geredet hatten, eröffnete er seinen Freunden, dass er sich von Samuel getrennt hatte. Hermine und Ron waren nicht im geringsten überrascht.
„Ihr habt es schon gewusst? Von Ginny?", fragte Harry verwundert, aber ohne Verärgerung, schließlich war seine Trennung kein Geheimnis.
„Nein, von Hermine", antwortete Ron.
„Ich weiß es von Samuel. Ich hatte mit ihm nochmal wegen des neuen Meermenschen-Gesetzes gefloht und da hat er es mir erzählt", erklärte Hermine schnell.
„Hat er auch gesagt, warum?". Harry war ein wenig verlegen.
„Wir wissen warum, Kumpel, und ich kann nicht sagen, dass ich es begreife", erwiderte Ron und zitierte ein Sprichwort aus der Zaubererwelt: "Du gehst einem Wichtel aus dem Weg, um einen Imp zu treffen."
Hermine stieß ihn unsanft mit ihrem Ellenbogen in die Seite. „Das ist überhaupt nicht wahr", rief sie empört aus. „Samuel und Draco sind beides tolle Männer, und abgesehen davon, steht es uns nicht zu, darüber zu entscheiden, wer am besten zu Harry passt. Mir tut Samuel natürlich leid, aber es ist sicherlich besser, es jetzt zu beenden, als es noch hinzuziehen. Wann ist dir den klar geworden, dass du dich für Draco interessierst?"
„Also interessiert hat sich Harry ja wohl schon immer für Draco", warf Ron sofort ein. „Denk Mal an die ganze Schulzeit zurück. Er war ja regelrecht besessen von dem Frettchen." Ron verdrehte die Augen.
Harry versuchte, ihn zu ignorieren, bekam aber trotzdem einen roten Kopf. Das Ganze war aber auch wirklich zu peinlich. „Ich habe mich aber erst bei … äh, wenn ich ehrlich bin… vielleicht nach den ersten Trainingsstunden in ihn verliebt. So genau kann ich das gar nicht sagen. Ich hab' es auch erst letzte Woche so richtig erkannt."
„Nach den ersten Trainingsstunden? Also quasi direkt nachdem Draco bei euch angefangen hat! Oh, Mann, wie kriegt der Slytherin nur alle so leicht rum? Erst Hermine, dann dich…"
Hermine sah ihren Freund vorwurfsvoll an. „Du findest ihn doch auch inzwischen sehr nett, Ron. Hast du ihn nicht erst letzte Woche nochmal in deinen Laden eingeladen, um mit ihm über eure Produkte zu sprechen?"
„Naja, er versteht ja auch 'ne Menge von magischen Objekten. Und er ist witzig. Hast du Mal erlebt, wie er McGonagall nachahmt? Oder Filch, als George und Fred damals mit diesen hüpfenden Fröschen Mrs. Norris komplett verrückt gemacht haben? Oh Mann, der hat's echt drauf."
Harry kannte Dracos Version von Filch nicht, aber er konnte sie sich lebhaft vorstellen, und war eigentümlich stolz auf Draco. Er hatte sich früher oft gefragt, wie es sein konnte, dass jemand wie Draco in seinem Haus so beliebt war, und hatte es auf die allgemeine Charakterschwäche der Slytherins geschoben. Inzwischen verstand Harry, dass Draco nicht alleine wegen seiner Herkunft und schon gar nicht wegen seiner Boshaftigkeit eine Führungsposition in seinem Haus eingenommen hatte, sondern vor allem, weil er lustig war und einen scharfen Verstand besaß. Wenn man ihn kannte, merkte man schnell, dass hinter seiner Arroganz Verletzlichkeit und Wärme zu finden waren. Er war zudem sehr loyal und schützte seine Freunde. Tatsächlich erinnerte sich Harry daran, dass es nicht mal die gemeinsten Schüler gewagt hatten, einen Slytherin zu ärgern, weil alle wussten, dass Draco und seine Freunde so ein Verhalten vergelten würden.
„Die Sache ist nur, ich weiß nicht, ob Draco auch was für mich empfindet." Harry schaute Hermine fragend an. „Du kennst ihn doch besser. Ginny und sogar Samuel meinten, sie hielten es nicht für abwegig. Hat er dir gegenüber denn Mal was angedeutet?"
„Harry Potter, du glaubst doch wohl nicht, dass ich etwas ausplaudern würde, das mir Draco im Vertrauen erzählt." Harry verzog enttäuscht seinen Mund. Er hatte auf ein bisschen mehr Unterstützung gehofft. „Aber nein, Wir haben nie über seine Gefühle für dich gesprochen."
Nun ließ Harry die Schultern sinken und wollte sich gerade zurücklehnen, da meinte Hermine: „Aber da ich Draco nun schon länger kenne, würde ich mich Ginny und Samuel... – Hat er das wirklich gesagt? Der Mann ist einfach zu gut für diese Welt. – Also, ich würde mich ihrer Meinung anschließen. Bei dem Abendessen bei uns hat er dich wirklich oft angesehen und wirkte irgendwie interessiert an dir, nicht wahr, Ron?"
„Ich kann da leider nichts zu sagen. Ich dachte, Draco wäre vielleicht doch mit Astoria zusammen. Bi oder so. Sorry."
Hermine verdrehte die Augen. Dann schaute sie Harry an und schlug vor: „Frag Draco doch einfach."
„Das ist ja wohl nicht so leicht. Wenn er meine Gefühle nicht erwidert, dann ist nicht nur unsere Freundschaft dahin. Auf der Arbeit wird es dann auch kompliziert. Das möchte ich auf keinen Fall. Ich möchte mir erst sicher sein, dass er auch Interesse an mir hat, bevor ich meine Gefühle gestehe."
„Oh Harry, bei so etwas ist man sich doch nie sicher. Einer muss einfach den ersten Schritt machen."
„Warum kann das nicht er sein?"
„Sprach der Bezwinger Voldemorts", warf Ron ein. „Merlin, Harry, bist du ein Gryffindor oder ein Hufflepuff?"
„Mut allein reicht nicht. Ich brauche eine Strategie, Ron." Und um seinen vorlauten Freund zu ärgern, fügte er noch hinzu: „Erst denken, dann handeln! Kennst du vielleicht nicht." Oje, er klang schon wie Draco.
„Also eine Strategie…", Ron tat so, als würde er angestrengt nachdenken. „Grab ihn doch einfach mal an. Genau! Geht doch Mal zusammen in einen Club und tanz ihn an oder so. Du triffst ihn am Samstag doch im Colours." Ron begann, seinen Oberkörper rhythmisch zu bewegen, und lehnte sich in Harrys Richtung. Dabei machte er einen so dämlich verliebten Gesichtsausdruck, dass Harry lachen musste. Hermine schüttelte nur den Kopf, konnte sich aber auch ein Grinsen nicht verkneifen. Ron hatte noch mehr Ideen: „Oder rück im Kino an ihn ran. Wenn er sein Bein gegen deins drückt, weißt du Bescheid."
Harry dachte an die Situation auf dem Sofa in Hermines und Rons Wohnzimmer zurück, da sagte Hermine: „Im Grunde hat Ron recht. Schau doch mal, wie er auf körperliche Nähe reagiert. Wenn nichts zurückkommt, kannst du ja immer noch so tun als wäre alles nicht so ernst gewesen."
„Aha? So geht das also, Fräulein Granger. Sie haben ja Tricks drauf", warf Ron mit gespielter Entrüstung ein.
„Der Vorschlag kam doch eigentlich von dir, Ron", gab Hermine zurück und grinste.
Nun meldete sich Harry: „Aber vielleicht ist er einfach nur auf Sex aus. Ich bin schwul, er ist schwul, da kann man ja mal."
„Ah, so geht das bei euch?", fragte Ron interessiert.
„Nein, so meinte ich das nicht. Eher so nach ‚Friends with benefits'."
„Also den Film hab ich im Sommer mit Luna gesehen", fiel Hermine ein.
„Welchen Film?", fragten Harry und Ron unisono.
„'Freunde mit gewissen Vorzügen' mit Mila Kunis und Justin Timberlake. Ich habe dir doch davon erzählt, erinnerst du dich nicht, Ron?"
„Nö." Ron zuckte mit den Schultern.
„Also, die im Film sind am Ende zusammen gekommen, Harry." Hermine lächelte und Harry wusste, dass sie nicht ernsthaft meinte, dass er Draco so einen Vorschlag unterbreiten sollte.
Hermine legte ihre Hand über die von Harry. „Du merkst schon, wir können dir da nicht wirklich weiterhelfen. Immerhin haben wir selber nicht gerade viel Erfahrung mit sowas."
„Aber wie man zusammen bleibt, wenn man erstmal in einer Beziehung ist, da können wir dir schon einiges zu verraten", fügte Ron mit einem liebevollen Lächeln in Richtung Hermine hinzu.
„Oh ja", bestätigte Hermine, und meinte dann noch: „So kitschig es auch klingen mag, sei mutig und folge deinem Herzen, Harry. Damit bist du bisher immer gut gefahren. Ich bin mir sicher, das klappt auch dieses Mal."
„Und wenn nicht, sind wir immer für dich da", fügte Ron hinzu. Und nur, um Harry eins auszuwischen, sagte er noch: „Ansonsten: Andere Mütter haben auch schöne Söhne. Die meisten sind auch nicht so blass und eingebildet wie dein Draco."
Harry knuffte seinen Freund und entspannte sich ein wenig. Er hatte Ron und Hermine unglaublich lieb und wusste, dass er sich immer auf sie verlassen konnte.
Bevor sie sich auf dem Gehweg vor der Kneipe verabschiedeten, fiel Harry ein, was er Hermine noch hatte fragen wollen: „Weißt du eigentlich, was Draco für einen Patronus hat?"
Hermine stutzte, dann antwortete sie: „Nein. Er hat in Hogwarts immer gesagt, er könne keinen Patronus erzeugen. Ich habe ihn deswegen nie weiter behelligt, weil ich dachte, dass es traurig ist, wenn man keine einzige schöne Erinnerung hat, aus der heraus man den Zauber wirken kann."
Harry versuchte, seine Enttäuschung zu verbergen, und schwieg. Dann verabschiedete er sich und apparierte nach Hause.
Abends im Bett dachte er noch einmal über den Vorschlag seiner Freunde nach, sich Draco offensiv körperlich zu nähern. Er fragte sich, ob er das in den letzten Wochen nicht bereits bewusst oder unbewusst getan hatte, und natürlich dachte er an das Händchenhalten zurück. War es für den Slytherin einfach eine freundschaftliche Geste gewesen? Konnte man es überhaupt als rein platonische Handlung interpretieren? Auf jeden Fall hatte Draco seinen Händedruck erwidert.
Und was war mit all den anderen Situationen? Draco war nie zurück gezuckt, außer einmal in der Kantine, als Harry nach seiner Hand gegriffen hatte. Bei allen anderen Malen hatte Draco höchstens mit Verlegenheit reagiert. War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?
Harry fiel ein, dass Draco oft dazu neigte, anzügliche Bemerkungen zu machen. Und war er vor seiner Haustür nicht ganz nah an Harry herangetreten und hatte ihm den Schal zugebunden? Machte man das unter Freunden? Eher nicht, oder doch?
Harry kam zu dem Schluss, dass eine gewisse Chance bestand, dass Draco ebenfalls etwas für ihn empfand. Samstag im Colours würde er Hermines und Rons Idee in die Tat umsetzen und mit Draco flirten. Harry hatte noch nie eine andere Person umwerben müssen. Bisher waren immer alle auf ihn zugekommen. Nun musste er die Initiative ergreifen und den blonden Slytherin irgendwie erobern. Es wäre doch gelacht, wenn er an dieser Aufgabe scheitern würde. Harry beschloss, sich wie ein Gryffindor zu verhalten.
Als Harry am Samstag das Colours betrat, war der Laden bereits brechend voll. Es war kurz vor Mitternacht und Harry drückte sich an den verschiedensten Typen von Hexen, Zauberern und anderen magiebegabten Wesen vorbei, um zur Theke zu gelangen. Das Gute am Colours war, dass hier so viele krasse Gestalten herumliefen und mit so vielen extremen Outfits, dass man Harry unter all den Leuten kaum beachtete, auch wenn er durchaus merkte, dass einige Blicke länger an ihm hängen blieben und man ihm bereitwillig Platz machte, wenn er durch die Menge schritt. Er bestellte sich einen Cuba Libre und betrat die geschwungene Treppe, die hoch zur Empore führte. Von dort erhoffte er sich einen besseren Blick über die Menschenmenge. Auf halber Höhe blieb er stehen, um nach Draco und seinen Freunden Ausschau zu halten.
Harry musste nicht lange suchen. Draco war mitten auf der Tanzfläche und Pansy Parkinson stand mit einem etwa gleichaltrigen, dunkelhaarigen Mann am Rand der tanzenden Menge und unterhielt sich. Harry verharrte auf der Treppe, um Draco zu beobachten. Er war ein wenig überrascht, ja beinahe erschrocken über Dracos Aufmachung, die in ihrem Style entfernt an Steampunk erinnerte. Der Slytherin trug eine enganliegende schwarze Lederhose und halbhohe schwarze Stiefel. Sein Oberkörper war mit einem Hemd bedeckt, dessen Stoff aus einem leicht transparenten, schwarzen Gewebe mit Paisley-Muster bestand. Anstatt eines Kragens, gab es nur einen tiefen V-Ausschnitt, dessen breiter Rand mit kurzen Rüschen besetzt war und der im Brustbereich mit schwarzen Bändern zusammen gehalten wurde. Die etwas weiten, ebenfalls durchscheinenden Ärmel endeten in langen, bestickten Manschetten. Die Art wie das gesamte Outfit Dracos Körper zur Geltung brachte, gleichzeitig feminin und maskulin wirkte, zog Harry in seinen Bann und es war ihm für mehrere Minuten unmöglich, seinen Blick abzuwenden. Hinzu kam, dass er Draco noch nie so tanzen gesehen hatte. Er bewegte sich völlig losgelöst von seiner Umgebung, nur auf die Musik und seine Bewegungen konzentriert.
Nach einiger Zeit spürte Harry, wie ihm das Beobachten nicht mehr reichte, er wollte in Dracos Welt eintauchen und den Augenblick mit ihm teilen. Er verließ die Treppe, stellte sein Glas auf einem Stehtisch ab und mischte sich unter die Tanzenden. Als er bei Draco angekommen war und der Slytherin ihn wahrnahm, erschien ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht, das Harry direkt mitten ins Herz traf. Dracos Mund formte ein lautloses „Hallo" und er umarmte Harry zur Begrüßung – viel zu kurz für Harrys aufgestaute Sehnsucht. Dann sah er sich suchend um und schaute Harry fragend an. Harry hörte ein „Samuel?" und schüttelte den Kopf. „Ich bin alleine", rief er, ohne zu wissen, ob seine Antwort Dracos Ohr erreicht hatte. Dieser nickte jedoch lächelnd, nahm Harrys Hände und animierte ihn zum Tanzen. Harry war gar nicht aufgefallen, dass er die ganze Zeit einfach nur auf der Tanzfläche gestanden hatte. Als er begann, sich mit der Musik zu bewegen, ließ Draco seine Hände wieder los, und versenkte sich erneut in seinen eigenen Tanz.
Harry überlegte, wie er Dracos Aufmerksamkeit zurückgewinnen konnte. Er sah mehrere Paare auf der Tanzfläche, einige tanzten sich gegenseitig an und manche schienen vergessen zu haben, dass sie sich nicht in einem Schlafzimmer befanden. Hände wanderten schamlos an Körpern entlang, Lippen trafen sich zu tiefen Küssen und Unterleibe wurden aneinander gepresst.
Harry war schon oft angetanzt worden, aber er selber hatte bei so etwas nie die Initiative ergriffen, und ganz so freizügig, wie sich manche der anwesenden Personen auf der Tanzfläche miteinander bewegten, hatte sich Harry noch nie in der Öffentlichkeit gezeigt. Draco hatte Recht, Harry war ein wenig prüde. Er überlegte, wie er als nächstes vorgehen sollte, und merkte, dass er das Ganze viel zu verkopft anging. Sein Mut verließ ihn und er entschied, lieber noch was zu trinken und es später zu versuchen, wenn er sich ein bisschen an die aufgeladene Atmosphäre im Club gewöhnt hatte.
Er berührte Draco am Arm, um ihn zu signalisieren, dass er die Tanzfläche wieder verlassen würde. Womit er nicht gerechnet hatte war, dass Draco den Kopf schüttelte und Harry spielerisch zu sich zog. Er schlang seine Arme locker um Harrys Körper und bewegte sich mit ihm zur Musik. Harry schaffte es, sich von Dracos Bewegungen leiten zu lassen und nicht allzu sehr zu verkrampfen. Einige Minuten später legte Draco seine Hände auf Harrys Hüften, drehte ihn um 180 Grad und zog Harrys Rücken an seinen Körper. Nicht zu dicht, aber eng genug, dass Harry immer wieder Dracos Oberkörper an seinem Rücken und Dracos Unterleib an seinem Gesäß spüren konnte.
Harry war sowieso schon leicht angetörnt, aber diese Nähe machte sich nun definitiv in seinem Glied bemerkbar. Draco beugte sich vor und brachte seine Lippen dicht an Harrys Ohr. Sein Atem strich über Harrys Hals, als er fragte, wann Harry gekommen sei. Harry erschauderte, aber es gelang ihm zu antworten: „Eben erst. Ich war noch kurz auf der Treppe, um euch zu finden. Ich habe Parkinson und deinen Freund gesehen." Als wäre das die Erinnerung gewesen, die Draco gebraucht hatte, entließ er Harry aus seinen Armen, der sofort die Nähe des Slytherins vermisste.
Da griff Draco auch schon nach Harrys Handgelenk, beugte sich nochmal kurz vor und sagte: „Komm, Jean und Pansy warten schon auf dich. Sie müssten da hinten sein."
Draco zog ihn in den von der Bar abseits gelegenen Teil des Clubs, wo Harry die anderen zuvor gesehen hatte. Er war sich deutlich Dracos Hand an seinem Arm bewusst. Schon bald sah Harry Parkinson und Jean vor sich. Pansy trug ein schwarzes Outfit, das vom Style her zu Dracos passte. Ihre Bluse war bis zum Hals zugeknöpft, aber ebenfalls durchscheinend und dadurch etwas aufreizend. Die Ärmel endeten knapp unterhalb der Schultern. Dazu trug sie einen enganliegenden, knielangen Rock und eine schwarze Strumpfhose mit hochhackigen Pumps. Ihre langen schwarzen Haare waren hochgesteckt, die Augenpartie gut betont und die Lippen rot geschminkt. Parkinson sah heiß aus. Den Blick, mit dem sie Harry entgegensah, konnte man allerdings nur als ‚kühl' bezeichnen.
Jean hingegen sah Harry mit offener Neugierde an. Er trug schwarze Jeans und ein schwarzes T-Shirt und hatte damit die gleiche Kleidung gewählt wie Harry. Das machte ihm Harry gleich sympathisch. Als Harry näher kam, merkte er, dass sie in den Bereich eines Ruhezaubers traten, der die laute Musik um sie herum um einige Nuancen abschwächte. Harry nickte zunächst der Slytherin zu. „Parkinson, schön dich zu sehen." Er wollte höflich bleiben und Pansy eine Chance geben, immerhin war sie eine Freundin von Draco.
„Ebenso", erwiderte sie mit wenig Wärme in der Stimme. Dann wandte Harry sich Jean zu. Draco übernahm die Vorstellung: „Jean, das ist Harry Potter. Du hast ja schon von ihm gehört. Und das ist Jean de Bauffremont."
Harry reichte Jean die Hand und er schüttelte sie mit festem Händedruck. „Enchanté. Sie sind auch in Frankreich sehr berühmt, Harry. Es ist mir eine Ehre, Sie kennen zu lernen. Sie müssen mir alles von Ihrem Kampf gegen den dunklen Lord erzählen."
Harry fragte sich, ob das der Jean war, mit dem Hermine und Ron in einem Pariser Café gewesen waren, und der ihnen so viele Fragen gestellt hatte. Sein Englisch war fehlerfrei, hatte aber einen angenehmen französischen Akzent. Wie dem auch sei, Harry wollte den Abend sicherlich nicht damit verbringen, von der schwersten Zeit in seinem Lebens zu erzählen, und schaute Draco hilfesuchend an. Dieser sagte etwas auf Französisch zu Jean, das Harry nicht verstehen konnte. Dann lehnte er sich zu Harry: „Komm, wir holen die nächste Runde", und ging vor zur Bar. Harry folgte ihm, froh, Pansy und den Fragen des Franzosen für ein paar weitere Minuten zu entkommen.
„Keine Sorge, du musst Jeans Neugierde nicht befriedigen. Ich habe ihm gesagt, dass der Krieg nicht gerade dein Lieblingsthema ist und du hier bist, um dich zu amüsieren."
„Parkinson scheint sich nicht zu freuen, dass ich hier bin."
„Ah, nein, wenn sie etwas kühl wirkt, hat das andere Gründe. Sie wird schon noch auftauen. Was möchtest du trinken?"
Harry entschied sich für einen zweiten Cuba Libre und Draco für einen Gin Tonic. Für Parkinson bestellte Draco einen Merlin's Beard und für Jean Mineralwasser. Es war eng an der Theke und während sie auf die Getränke warteten, rückte Harry noch näher an Draco heran als nötig. Anstatt zu reden, genoss er die Gefühle, die diese Nähe in ihm auslöste. Er beobachtete Draco, während dieser seinen Blick durch die Menge schweifen ließ. Sobald Draco zu Harry schaute und seinen intensiven Blick bemerkte, machte er ein fragendes Gesicht und blickte wieder weg, als Harry ihn nur weiterhin anlächelte. Als sich dieses Spiel noch zweimal wiederholte, zog Draco eine alberne Grimasse, die Harry zum Grinsen anregte. Allerdings musste er sich auch eingestehen, dass Draco ihn nicht wirklich ernst nahm.
Zurück bei den anderen erzählte Draco kurz von seinem Besuch im Britischen Museum und fragte Jean, ob er es am anderen Tag besuchen wolle. Dieser war sofort einverstanden. Wie auch bei dem Abendessen bei Ron und Hermine hielt Draco das Gespräch in Gang und versuchte, alle mit einzubeziehen. Harry blieb bei seiner Strategie, Dracos Nähe zu suchen. Es war ihm egal, wenn er für die anderen dabei sehr offensichtlich war. Immer wieder streifte er mit seinem Handrücken wie zufällig Dracos Hand oder Hüfte. Wenn es sich ergab, legte er ihm kurz eine Hand auf die Schulter oder sah ihn länger als nötig an. Das Ganze war keineswegs aufgesetzt, Harry wollte Draco berühren, sehnte sich geradezu danach, körperlichen Kontakt herzustellen. Da Draco keinerlei Ablehnung zeigte, sondern Harry auch ab und zu berührte, begannen Schmetterlinge in Harrys Bauch zu flattern. Parkinsons misstrauische Blicke versuchte er zu ignorieren.
Nach zwei weiteren Drinks zog Pansy Draco auf die die Tanzfläche. Harry blieb mit Jean am Rand stehen. Er mochte den Franzosen trotz seiner etwas sonderbaren Art. Jean war freundlich und wirkte ehrlich interessiert. Jegliche Vorbehalte, die Harry gegen Dracos französischem Freund gehabt hatte, schwanden auch angesichts der Tatsache, dass zwischen den beiden tatsächlich nichts zu laufen schien.
Während Harry sich über seine Arbeit als Auror ausfragen ließ, beobachtete er Pansy und Draco beim Tanzen. Sie tanzten voreinander und man sah an der Art, wie sie miteinander umgingen und sich manchmal auch berührten und anmachten, dass sie sehr vertraut miteinander waren.
Harry sah dem wechselnden Spiel zwischen ihren Albernheiten und dem sich ganz der Musik hingebenden Bewegungen mit einem fast seligen Lächeln zu. Aufgrund der Trennung von Samuel fühlte er sich in dem Moment frei und unbeschwert. Er genoss den Abend und da er sich durch Dracos Verhalten ermutigt fühlte, entschloss er sich, den nächsten Schritt zu wagen und Draco noch offensiver anzugraben.
Gerade als er die Tanzfläche betreten wollte, sah er, wie Draco von einem attraktiven, südländisch aussehenden Mann mit langen gelockten Haaren angesprochen wurde. Draco lachte auf und ließ sich in eine Unterhaltung verwickeln. Harry sah, wie der Mann einen Zauber sprach, damit sie beide sich besser verständigen konnten. Offenbar traf der Fremde Dracos Humor, denn er lachte mehrfach und ließ sich von dem Typen sogar antanzen.
Jeans Fragen wurden für Harry zu einem bloßen Hintergrundrauschen. Mit Unbehagen beobachtete er, wie der Fremde Dracos Hände nahm und nun richtig mit ihm tanzte. Er schwang Draco herum und berührte ihn an der Hüfte, am Rücken und an den Armen. Er ließ nicht mal Dracos Gesäß aus. Mit einem seltsamen Gefühl im Magen beobachtete Harry das Treiben eine ganze Weile und hoffte, Draco möge zu ihm hinsehen und das Spiel beenden. Doch der Slytherin tat nichts dergleichen.
Als der Fremde es wagte, Draco an sich zu ziehen und seinen Unterleib an Dracos Hintern zu pressen, überrollte Harry eine Welle aus Eifersucht und Zorn. Er war eigentlich kein besitzergreifender Mensch, war es jedenfalls bisher nie gewesen, aber das ging zu weit. Schließlich war es Harry, der mit Draco genau das tun wollte, was der andere da gerade tat, und er war sicher nicht bereit sich von einem anderen die Tour vermasseln zu lassen. Harry versuchte, die wutgetränkte Magie in Zaun zu halten, die aus ihn herausdrängte, und betrat die Tanzfläche, ohne Plan, wie genau er Draco und den Latino auseinanderbringen sollte.
Seine magische Aura hatte sich so verdichtet, dass ein paar der Tänzer ihm automatisch Platz machten, und zwar nicht, weil sie den Retter der Welt erkannten, sondern weil sie vor Harrys Magie Respekt hatten. Harry musste dem fremden Mann gar nichts sagen. Als er Harry auf sich zukommen spürte, wich auch er instinktiv einen Schritt zurück. Ein Blick in Harrys Gesicht zeigte ihm, dass er hier unerwünscht war. Mit Genugtuung schaute Harry ihm nach, als er zwischen den anderen Tänzern verschwand.
Erleichtert wandte sich Harry Draco zu, bereit, den Platz des Fremden an Dracos Seite einzunehmen. Beide Slytherin hatten aufgehört zu tanzen. Draco sah Harry kühl an. Als Harry nach seinen Händen greifen wollte, zog er sie weg und verließ die Tanzfläche. Etwas hilflos lief Harry Draco hinterher und griff nach seinem Arm. Draco drehte sich um und fragte scharf: „Wo ist eigentlich Samuel heute?"
Harry fragte sich in dem Moment nicht mehr, ob der richtige Augenblick gekommen war, Draco über die Trennung aufzuklären. Er antwortete ohne nachzudenken: „Wir sind nicht mehr zusammen."
Draco sah ihn schockiert an. „Hat er Schluss gemacht? Wegen Sonntag?"
Harry war verwirrt. Sonntag war offenbar wirklich etwas zwischen ihnen geschehen, das alle Welt mitbekommen hatte.
„Ja, wegen Sonntag", sagte Harry und wollte hinzufügen, dass nicht Samuel, sondern er Schluss gemacht hatte, aber Draco sagte bereits: „Das tut mir leid für dich, Harry. Wenn ich irgendwelche falschen Signale gegeben habe, tut mir das leid. Ich bin aber kein Trostpflaster. Soll ich mit Samuel reden und die Sache aufklären?"
Harry verstand die Welt nicht mehr. Warum tat es Draco leid und wieso wollte er versuchen, ihn wieder mit Samuel zusammen zu bringen? Draco sollte doch eigentlich froh darüber sein, dass Harry wieder frei war. Hatte sich Harry mit dem Glauben, dass Draco sich für ihn interessierte, doch was vorgemacht? War Draco deswegen sauer geworden, als Harry seinen potentiellen One-Night-Stand vertrieben hatte?
„Nein, schon gut. Es tut mir leid, dass ich deinen Tanzpartner vertrieben habe." Harry fühlte sich gedemütigt. Er suchte nach einer Möglichkeit, sein Gesicht zu wahren und entschied sich in seiner Not für eine fadenscheinige Lüge: „Ich hatte es gar nicht so richtig mitbekommen, dass da zwischen euch was gelaufen ist, und wollte einfach mit dir und Pansy tanzen. Ich wusste nicht, dass ich alle erschrecken würde."
Draco schaute ihn prüfend an, sagte dann aber: „Ist schon gut. Ich würde Jean eh nicht alleine lassen, wenn er schon Mal in London ist. Ich muss zur Toilette. Würdest du uns bitte noch was zu trinken besorgen?"
Harry nickte und ging zur Bar. Er fühlte sich wie im falschen Film. Der Abend hatte so gut begonnen und nun war da nur noch Enttäuschung.
Als er mit den Getränken zu den anderen zurückkehrte, war auch Draco schon da. Pansy redete auf ihn ein, verstummte aber, als Harry sich näherte. Jean nahm mit einem Dankeschön sein Glas entgegen und fragte Harry, ob er schon mal in Paris gewesen sei. Als Harry verneinte, erzählte er von den interessanten Sehenswürdigkeiten der Zauberer-Welt in Paris und lud Harry ein, ihn in Paris zu besuchen. Harry könne auch Hermine und Ron mitbringen. Sie wären ihm sehr sympathisch gewesen. Harry hörte nur mit halbem Ohr zu. Draco stand gefühlte Meilen von ihm entfernt. Er sah immer wieder zu dem Slytherin hinüber, aber der war augenscheinlich ganz auf sein Gespräch mit Pansy konzentriert. Manchmal schaute er in die Menschenmenge, so als suchte er nach dem Latino.
Harrys Stimmung konnte kaum noch tiefer sinken. Alles in ihm drängte danach, Draco zu schütteln und zu fragen, ob er nicht wusste, was mit Harry los war. Stattdessen trank er deprimiert sein Bier und tat so, als wäre alles in Ordnung. Er hielt es noch genau eine halbe Stunde aus, dann verabschiedete er sich von den anderen und ging niedergeschlagen in Richtung der Kamine, um nach Hause zurückzukehren.
Parkinson kam noch ein Stück mit ihm mit, angeblich, um die Toiletten aufzusuchen. Die Art und Weise wie sie Harry ansah, zeigte ihm aber, dass sie noch mit ihm sprechen wollte. Harry wappnete sich für das Schlimmste. Und tatsächlich, bevor Harry ein letztes 'Tschüss' sagen konnte, hielt sie ihn auf: „Du stehst also auf Draco?" Ihre Frage klang eher nach einer Aussage. „Warum sagst du es ihm nicht einfach? Du bist ein Gryffindor, du hast den dunklen Lord besiegt und jetzt kannst du ihm nicht mal klar sagen, was du von ihm willst?" Parkinsons Stimme klang vorwurfsvoll und das machte Harry wütend.
„Ich finde, ich habe heute durchaus gezeigt, was ich von ihm möchte", fuhr er auf, „und es sah mir ganz danach aus, als ob er mehr Lust auf einen heißen Latino hat als auf mich."
„Ach, und was ist mit Samuel? Bist du nicht derjenige, der sich nicht entscheiden kann?"
„Samuel und ich sind nicht mehr zusammen." Harry wusste nicht, warum er sich vor Pansy Parkinson rechtfertigte, aber irgendwas in ihm drängte danach, der Slytherin die Wahrheit zu sagen - allen die Wahrheit zu sagen. „Ich habe Sonntag Schluss gemacht, und zwar wegen Draco. Ich möchte mit Draco zusammen sein. Aber es scheint, als hätte Draco kein Interesse an mir."
Parkinson schaute ihn ungläubig an und schnaubte: „Kein Interesse? Draco interessiert sich seit Jahren für dich! Er hat dir mit 11 Jahren seine Freundschaft angeboten. Da du sie abgelehnt hast, hat er andere Wege gefunden, deine Aufmerksamkeit zu bekommen. Du hättest ihn mal erleben sollen, wie nervös er beim Trimagischen Turnier war und wie er ständig von dir geredet hat. Im 6. Schuljahr, als er es schon fast geschafft hatte sich einzureden, er würde dich hassen, hast du ihn mit Snapes Zauberspruch fast umgebracht. Und was macht Draco? Er stellte es als Unfall dar und drängt Snape noch vom Krankenbett aus, die Sache auf sich ruhen zu lassen, damit keine Anklage gegen dich erhoben wird und du auf der Schule bleiben kannst."
Pansys Tonfall zeigte deutlich, was sie von Dracos damaliger Entscheidung hielt. "Du konntest ja immer gegen alle Regeln verstoßen ohne dafür bestraft zu werden."
Pansy hielt kurz inne und Harry sah, dass eine weitere schmerzvolle Erinnerung in ihr hochkam. „Im Manor hat Draco so getan, als ob er dich nicht erkennt, obwohl ihm klar war, dass der Dunkle Lord ihm das niemals glauben und schon gar nicht verzeihen würde. Weißt du eigentlich, wie Draco bestraft wurde, als V-…Voldemort im Landsitz eintraf?"
Harry konnte es sich vorstellen und erbleichte, aber schon prasselten die nächsten Sätze auf ihn ein: „Bei der Schlacht um Hogwarts hat Draco dich gesucht, um dich irgendwie von dem Dunklen Lord fernzuhalten und gleichzeitig Vincent und Gregory in Schach zu halten, die dich ihm nur zu gern ausgeliefert hätten. Sein Plan ist gänzlich in die Hose gegangen. Aber dass du ihn trotz allem vor dem Dämonenfeuer gerettet hast, hat dich für ihn nur noch mehr zum Helden werden lassen." Wieder wurde sich Harry des Vorwurfs gewahr, der in Panys Stimme lag.
„Na und dann hat Granger ihn gedrängt, sich auf die Stelle im Ministerium zu bewerben, wo er mit dir in der gleichen Abteilung arbeiten würde. Ich bin mir sicher, egal welche Gründe Draco sonst noch hatte, diesen Job anzunehmen, die Verlockung, dich wiederzusehen, hätte er sowieso nicht widerstehen können. Also, um das mal ganz klar zu sagen, seitdem er dich zum ersten Mal getroffen hat, interessiert sich Draco für dich."
„Das wusste ich nicht", rief Harry mit einem fast verzweifelten Ton, der Parkinson zu besänftigen schien. „Draco hat immer nur gezeigt, dass er mich nicht ausstehen kann."
„Ich glaube nicht, dass Draco sich seiner Gefühle für dich jemals ganz bewusst war. Wenn man als Malfoy aufwächst und mit dem Dunklen Lord ein Zuhause teilen muss, wird man gut darin, Gefühle zu unterdrücken und umzudeuten. Ich habe lange gebraucht, überhaupt zu durchschauen, dass er schwul ist und wen er wirklich will."
Wieder hielt die Slytherin inne. Ihre Stimme nahm einen zögerlichen Klang an. „Ich habe früher wirklich geglaubt, Draco und ich könnten ein Paar sein. Es war nicht gerade leicht für mich zu erkennen, dass ich keine Chance bei ihm hatte. Bei Godric, manchmal habe ich dich dafür gehasst, dass du ihm so wichtig warst und er dir im Grunde völlig egal war. Es gab Momente, da wollte ich einfach nur, dass du verschwindest."
Pansy holte Luft. Harry merkte, dass es ihr schwer fiel, ihn in die Augen zu sehen. Mit belegter Stimme sagte sie: „Ich schäme mich für mein Verhalten von damals und möchte mich dafür entschuldigen. Mir ist inzwischen längst klar geworden, was du durchmachen musstest und was du für uns geopfert hast. Ich möchte wirklich wiedergutmachen, dass ich dich an den Dunklen Lord auszuliefern wollte. Deshalb erzähle ich dir das alles überhaupt – gegen Dracos Willen, versteht sich. Ich schulde dir was und ich glaube, dass es Draco glücklich machen wird, wenn dir einer auf die Sprünge hilft. Also, wenn du auch nur halb so viel für Draco empfindest wie er für dich, dann sag es ihm. Und wenn es dir nicht ernst ist, dann – bei Merlin – halt dich von ihm fern." Mit diesen Worten drehte sie sich um und verschwand in dem Gang zu den Toiletten.
Harry blieb zutiefst erschüttert an dem Fleck stehen, an dem Parkinson ihn verlassen hatte. Er fühlte den Drang, zur Draco zurückzukehren und genau das zu tun, was Pansy ihm vorgeschlagen hatte. Er sah aber ein, dass es ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt war, hier in der Disco und mit Jean als Zeugen seine Gefühle zu erklären und Geständnisse aus jemandem herauszupressen. Es war keine Unsicherheit, die ihn davon abhielt, zu Draco zu stürmen, sondern Vernunft. Morgen Abend oder Montag, nüchtern und nicht so aufgewühlt, würde er endlich das einzig Richtige tun und Draco sein Herz offenbaren. Wenn er darauf treten würde, es war für Harrys Entscheidung irrelevant. Er war lange genug feige gewesen, und es hatte alle nur unglücklich gemacht.
Trotz seiner Entschlossenheit bahnte sich Harry wie in Trance den Weg zu den Kaminen und flohte zurück in den Grimmauld Place.
- Kapitel 26 -
Zurück im Grimmauld Platz setzte sich Harry auf sein Sofa. Pansys Worte entfalteten eine seltsame Wirkung in seinen Gedanken und beschworen zahlreiche Erinnerung von der Schulzeit hervor. Jede einzelne Begegnung mit Draco erschien ihm in einem neuen Licht. Hatte sich Draco wirklich schon immer für ihn interessiert, und wann waren diese Gefühle mehr geworden und hatten den Bereich kindlicher Neugierde verlassen? Hatte Draco ihn ebenso heimlich beobachtet wie Harry ihn?
Harry konnte den Tagesanbruch kaum erwarten. Er wollte so schnell wie möglich mit Draco sprechen, aber wusste aus den Gesprächen vom Vorabend, dass Jean erst gegen Abend die Stadt verlassen würde.
Gegen fünf fiel Harry in einen unruhigen Schlaf, aus dem er erst am späten Vormittag erwachte. Er ging unter die Dusche, aß und apparierte wie verabredet zu Andromeda, um Teddy abzuholen. Er würde den Nachmittag mit Teddy bei den Weasleys verbringen.
Hermine und Ron trudelten zum Tee ebenfalls dort ein. In einer ruhigen Minute fragten sie Harry nach seinem Abend im Colours und Harry berichtete ausführlich über die Ereignisse. Pansys Worte gab er nur in abgeschwächter Form wieder, da er es Draco gegenüber als Vertrauensbruch empfand, zu sehr ins Detail zu gehen. Er wusste ja auch gar nicht, ob sie wirklich der Wahrheit entsprachen.
Nachdem Harry Teddy abends wieder bei Andromeda abgegeben hatte, apparierte er zu Dracos Wohnung. Kein Licht war in den Fenster zu sehen und als Harry klingelte, kam ebenfalls keine Reaktion. Harry setzte sich auf die Treppenstufen in dem kleinen Vorgarten und wartete. Weil es bitter kalt war, musste er alle zwanzig Minuten seinen Wärmezauber auffrischen. Nach eineinhalb Stunden waren seine Gliedmaßen trotzdem steif und durchgefroren. Dracos Vermieter, an dessen Namen sich Harry nicht erinnerte, kam zweimal aus dem Haus, um sich zu vergewissern, dass Harry keinen Unsinn anstellte. Beim dritten Mal bat er Harry, nach Hause zu gehen. Harry apparierte also in den Grimmauld Platz und wartete genau eine Stunde. Dann schickte er Draco eine Nachricht. Seine Eule Lizzy kam allerdings ohne eine Antwort zurück.
Eine zweite Nachricht um halb zwölf blieb nicht unbeantwortet.
„Hallo Harry,
ich bin gerade erst zurück und hundemüde.
Wir sehen uns sicher morgen.
Draco"
Harry starrte die kalten Worte an, die sich wie ein Schlag ins Gesicht anfühlten. So kommst du mir nicht davon, dachte er, und ging ins Bett. Morgen erwische ich dich.
Am Montag in der MMI saß Harry schon eine ganze Weile in einer der vorderen Stuhlreihen, als Draco wie gewohnt auf den letzten Drücker erschien und einen Platz ganz hinten einnahm. Beim Eintreten hatte er Harry zugenickt, wich aber ansonsten seinen Blicken aus. Nach der Konferenz verließ Draco als erster den Raum und verschwand im Archiv. Da Harry eine weitere Besprechung hatte, fand er keine Möglichkeit, mit dem Slytherin zu reden. Erst zwei Stunden später erschien Draco erneut in der Zentrale. Harry hatte den Eingang im Auge behalten, so sah er, wie Draco schnell etwas von seinem Schreibtisch holen wollte, um dann sofort wieder zu verschwinden. Er schaute nicht ein einziges Mal zu Harry herüber, was diesen sehr verärgerte. Harry wusste nicht, warum Draco ihm auswich, und wollte gerade aufstehen und hinter ihm hereilen, als er sah, wie Draco von einer Kollegin im Flur aufgehalten und in ein Gespräch verwickelt wurde. Langsam gingen sie in Richtung der Aufzüge davon. Harry überlegte, ob er Draco trotzdem folgen sollte, entschied sich aber dagegen.
Mit angespannten Muskeln wandte sich Harry erneut seinen Berichten zu. Immer wieder starrte er auf die große Uhr an der gegenüberliegenden Wand. Die Zeiger standen auf 11:37. Während er mit leerem Blick das Ticken des Sekundenzeigers verfolgte, tippten seine Finger einen holprigen Rhythmus auf die Arbeitsfläche seines Tisches. Nach einer halben Stunde hatte er fünf Sätze geschrieben. Harry hielt es nicht mehr aus. Er sprang auf, wobei sein Stuhl durch den Ruck beinahe umkippte. Mit schnellen Schritten lief er zum Aufzug und wartete ungeduldig auf die Kabine. Als sie endlich eintraf, drückte er mehrfach die Taste mit der Nummer 9. Harry hoffte, dass er Draco im Archiv finden würde. Auf der richtigen Ebene angekommen stieg er aus dem Fahrstuhl.
Hinter der vierten Tür von links befand sich der Eingang zum Archiv. Im Empfangsbereich saß Mrs. Fox. Ein Teelöffel verrührte den Zucker in ihrer Tasse. Sie grüßte freundlich und setzte zu einem Gespräch über das Wetter an, doch Harry unterbrach sie kurzerhand: „Hallo Lydia, ist Draco hier durchgekommen?" Mit einem leicht konsternierten Gesichtsausdruck bejahte Mrs. Fox die Frage und Harry schob sich an dem engen Ausgabebereich vorbei in den großen Archivsaal. Meterhohe Regale versperrten Harry den Blick und er hätte nicht sagen können, wo er Draco zuerst suchen sollte.
„Draco hat seinen Arbeitsplatz bei den Artefakten aus dem 13. Jahrhundert. Es ist der kleine Raum mit der Nummer A13 hinten links, Harry", rief Mrs. Fox Harry hinterher, woraufhin dieser sich umwandte und die Empfangsdame dankbar anlächelte.
Das Archiv war mit nur wenigen Lämpchen beleuchtet. Als Harry den Saal A13 betrat, bemerkte er einen schwachen Lichtschein am Ende des engen Hauptganges. Dem Licht folgend erblickte Harry einen Schreibtisch, auf dem eine helle Lampe eine gemütliche Atmosphäre verbreitete. Schon von weitem sah Harry, dass Dracos Tasche auf dem Boden stand und seine Robe über der Stuhllehne hing. Draco selbst war nicht zu sehen.
Harry ging auf den Tisch zu, als ihn ein Geräusch von links herumfahren ließ. Draco war aus einem der Gänge zwischen den Regalen hervorgetreten, um sich bemerkbar zu machen. Ein kleines Lämpchen schwebte über seiner Schulter. Der Slytherin sah ihn ohne Überraschung an, doch Harry kannte Draco inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sein neutraler Gesichtsausdruck auch eine Maske sein konnte.
„Suchst du mich?"
Harry nahm Dracos Erscheinung in sich auf. In der linken Hand hielt er ein Klemmbrett in der Rechten eine selbstauftankende Schreibfeder. Am seinem Kinn war ein kleiner blauer Tintenfleck. Wie er so dastand, etwas abweisend und ein wenig einem verschrobenen Wissenschaftler ähnelnd, Harry wollte ihn einfach nur an sich ziehen und festhalten. Merlin, wie er diesen Mann liebte und begehrte.
„Ja, ich …äh." Harry räusperte sich und dachte an Parkinsons Worte. Mit seinem ewigen Gestammel würde er nicht weiterkommen. Er machte ein paar Schritte auf Draco zu. Als er fast vor ihm stand, hielt er inne und errötete dann doch unter Dracos fragendem Blick. „Ich wollte mit dir über Samstag sprechen, und da du mir den ganzen Morgen ausgewichen bist, dachte ich, dass ich hier mit dir reden kann."
Harry sah, wie Draco verlegen zu Boden blickte und seine Unterlippe zwischen die Zähne zog. Der Anblick lenkte ihn für einen Augenblick ab. Er hörte Draco sagen: „Ich war ziemlich beschäftigt. Ich dachte, wir würden uns gleich in der Mittagspause noch sehen."
Harry konzentrierte sich wieder auf das, was er eigentlich sagen wollte: „Ah ja? Naja, es ist ja schon fast zwölf. Wir könnten in die Kantine gehen, aber ich denke, was ich dir zu sagen habe, besprechen wir besser unter vier Augen." Zuerst lag ihm aber eine andere Frage auf dem Herzen: „Wo warst du denn gestern den ganzen Abend?"
Draco runzelte die Stirn. Trotzdem antwortete er: „Ich war mit Jean im Manor. Ich hatte ihm von unserem Besuch dort erzählt und er wollte es unbedingt sehen." Das hatte Harry nicht erwartet. Offenbar verriet sein Blick, wie erstaunt er war, denn Draco fuhr fort: „Jean stammt aus einer sehr alten französischen Adelsfamilie. Die Bauffremonts besitzen viele alte Schlösser und Burgen. Jean meinte, eine Großtante von ihm würde sich sehr gut mit der Magie alter Häuser auskennen. Er hat mir versprochen, sie auf mein Problem anzusprechen. Er ist sehr zuversichtlich und glaubt, sie wird mir helfen können."
Harry war ein wenig eifersüchtig, dass Draco mit Jean im Manor gewesen war. Unter dem Gefühl der Eifersucht mischte sich aber auch ein Gefühl der Sorge um Dracos Wohlergehen. Wie war es ihm im Manor ergangen? Hatte Jean auf ihn aufgepasst, wie Harry es getan hätte?
„War der Geist von Nagini noch da? Hat sie dich wieder angegriffen?", fragte Harry und machte noch einen Schritt auf Draco zu. Beinahe hätte er seine Hand nach ihm ausgestreckt.
„Nein, und dieses Mal war ich auch vorbereitet. Es ist nichts Schlimmes geschehen." Draco lächelte Harry leicht an. „Wir waren auch nochmal in Voldemorts Zimmer. Stell dir vor, Jean hat danach auch behauptet, ein Malfoy würde stinken. Unfassbar. Auf Französisch klingt es allerdings viel netter."
„Ich finde, dass du ansonsten immer sehr gut riechst", meinte Harry sanft. Draco errötete und konnte Harry nicht anschauen.
Schüchtern sagte er: „Es tut mir leid, dass ich dir gestern nur so kurz geantwortet habe. Ich war wirklich völlig geschafft. Jean ist ein Frühaufsteher und wir waren sieben Stunden lang im Britischen Museum. Sieben Stunden! Was habe ich nur für Freunde?"
„Welche, die dich sehr gern haben und wissen, dass du sehr viel für sie in Kauf nehmen würdest."
Draco räusperte sich. „Worüber wolltest du denn eigentlich so dringend mit mir sprechen?"
Nun musste auch Harry seine Kehle frei machen. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und sagte mit rauer Stimme: „Pansy hatte mich im Colours noch aufgehalten, bevor ich nach Hause gefloht bin. Sie hatte ein paar … ähm … für mich sehr wichtige … Dinge zu sagen."
„Ich weiß", gab Draco unsicher von sich, „sie hat es mir erzählt."
„Oh", gab Harry ebenso unsicher zurück. „Hat sie dir auch erzählt, worüber genau wir gesprochen haben?"
Harry konnte förmlich sehen, wie Draco abwägte welche Antwort am klügsten wäre. Offenbar entschied er sich für die Offensive, denn er sagte: „Zum Beispiel, dass du dich von Samuel getrennt hast, weil du mit mir zusammen sein möchtest", und für eine Sekunde zog sich alles in Harry vor Schreck zusammen, obwohl er genau deshalb hier war, um Draco seine Gefühle zu gestehen.
„Bist du mir deshalb den ganzen Morgen aus dem Weg gegangen?"
Dracos Wangen färbten sich wieder rot, er suchte nach einer Antwort: „Nein...ja...Ich weiß nicht, ob ich es glauben kann. Es ist…Ich habe so lange… Ist es denn wahr?", fragte Draco und dieses Mal war er es der stammelte. Sein Gesicht wirkte auf einmal so verletzlich und hoffnungsvoll, dass Harry keine Zweifel daran blieben, welche Antwort Draco hören wollte.
„Ja, ja, das ist es", hauchte er und überbrückte den Abstand zwischen ihnen mit zwei weiteren Schritten, umschlang Draco mit seinen Händen und zog ihn zu sich heran. Er drückte seine Lippen auf Dracos, die sich vor Überraschung leicht öffnete. Harry saugte sanft an Dracos Unterlippe und ließ seine Zunge vorsichtig darüber gleiten. Wie sehr hatte er sich danach gesehnt, den Geschmack von Draco erkunden zu dürfen. Unbewusst drängte Harry seinen Körper noch weiter gegen Dracos, der unter dem Druck langsam nach hinten wich, bis sein Rücken gegen das Regal stieß.
Als Draco den Kuss nicht erwiderte, wurde Harry unsicher. Was tat er hier? Hatte er den Slytherin zu sehr überrumpelt? Harry wollte sich gerade zurückziehen, als Draco sein Notizbrett und die Schreibfehler mit einem wortlosen Zauber fortschickte und Harrys Taille umschlang. Sie hielten sich in einer engen, innigen Umarmung. Draco strich mit seinen Händen zärtlich über Harrys Rücken.
„Merlin, ich dachte schon, du willst das hier nicht", murmelte Harry und verbarg sein Gesicht in Dracos Halsbeuge. Draco lachte leise in einer Weise, die Harry Schauer über den Rücken jagte. Dann nahm Draco Harrys Gesicht in seine Hände und küsste ihn zärtlich, zunächst auf die Wangen, dann auf den Mund. Seine Zunge fand Harrys und spielte mit ihr. Harrys Zunge folgte Dracos. Er erkundete die Süße von Dracos Mundhöhle, saugte dann wieder an Dracos Lippen und traf Dracos Zunge erneut in einem süßen Reigen. Noch nie hatte ein Kuss solche Gefühle in Harry ausgelöst, so eine tiefe Wärme und prickelnde Erregung. Hatte er überhaupt schon jemals richtig geküsst? Harry wollte mehr und schnell wurde der Kuss leidenschaftlicher.
Harry stöhnte leise in Dracos Mund. Das seit Jahren aufgestaute Verlangen nach Draco ließ ihn erzittern und vernebelte jeden weiteren klaren Gedanken. Er wollte Draco mit Leib und Seele, ganz und gar, und wenn Draco sich nicht wehrte, würde er ihn nie wieder hergeben.
Dracos Hände wanderten über Harrys Körper und Harry hätte am liebsten Dracos Shirt entzwei gerissen. Er wollte endlich diese alabasterfarbene, weiche Haut spüren, die er schon so oft aus der Ferne bewundert hatte. Er löste seine Lippen von Dracos und schaute ihn mit einem zärtlich-fragenden Blick an, während er seine Hände unter Dracos Oberteil gleiten ließ. Draco Augen fielen halb zu und er lehnte sich Harry entgegen. Das genügte Harry, um zu wissen, dass seine Berührungen auch unter dem Stoff willkommen waren. Er ertastete Dracos harte Brustwarzen, die Wölbungen und Vertiefungen seiner Bauchmuskel, die feinen Haare.
Wie oft hatte er davon geträumt, Dracos Körper ganz für sich zu haben und jede Nuance in sich aufzunehmen? Endlich war es ihm erlaubt, seinem Verlangen ein wenig nachzugehen, und Draco reagierte mit dem gleichen, fast ungeduldigen Begehren. Er drückte seinen Unterkörper an Harry und küsste seinen Hals. Seine Hände strichen über Harrys Brustmuskeln, Rücken, Hintern und zogen ihn noch enger an sich. Unwillkürlich begannen sie, sich rhythmisch zu bewegen und ihren Unterleib aneinander zu reiben, während ihre Münder sich zu weiteren Küssen fanden.
„Ich will dich schon so lange, Draco. Es gibt niemanden, den ich je so sehr wollte wie dich", murmelte Harry zwischen den langen, intensiven Küssen. Noch nie hatte er das Bedürfnis gehabt, seine Liebhaber zu preisen und ihnen Zärtlichkeiten ins Ohr zu flüstern. Für Draco würde er Gedichte schreiben.
Ihre Bewegungen brachten Harry langsam um den Verstand. Sie würden aufhören müssen, wenn er hier nicht wie ein 14jähriger in seine Hose ejakulieren wollte. „Ich…ich…möchte nicht aufhören, Draco, ich…Himmel…ich kann nicht…ich will." Da war es wieder, sein Gestammel, aber dieses Mal störte es Harry nicht.
Draco lachte mit vor Erregung tiefer Stimme. Es war das Lachen, das in Harrys Erinnerung eingebrannt war. Dieses Lachen sollte nur noch ihm gehören. Kein anderer durfte je erfahren, wie sinnlich der Blonde klingen konnte. "Dann hör nicht auf", forderte Draco ihn heiser auf und fragte: „Darf ich?"
Harry fühlte Dracos schlanke Finger an seinem Hosenbund. Er wusste, was passieren würde, wenn er nun ‚ja' sagte, und keine Macht der Welt hätte ihn dazu gebracht, es abzulehnen. Er war zu erregt.
„Bitte", war das Einzige, was er herausbringen konnte, gefolgt von einem „Ahhh", als Draco seine Hose öffnete.
„Du fühlst dich so gut an, Harry! Allein dein Duft macht mich verrückt!" Auch Draco schien es danach zu drängen, seine Begeisterung in Worte zu fassen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich dich jemals in dieser Weise berühren darf. Vor ein paar Wochen hätte ich nicht Mal geglaubt, dass wir Freunde werden könnten. Ich bin so froh, dass du endlich frei bist. Ich möchte dich für mich."
Harry hielt es kaum aus, Dracos Worte machten ihn noch mehr an, ließen seine Seele erklingen, beruhigten sein Herz. Ungeduldig presste er sich gegen Dracos Hand. Er atmete schwer, aber auch Dracos Atmung war deutlich beschleunigt. Seine Wangen waren gerötet und Harry liebte, wie die Erregung Dracos Gesicht färbte, wie seine Augen dunkel wurden und sein Gesicht einen entrückten Ausdruck annahm.
Während Draco ihn weiter Richtung Höhepunkt brachte, murmelte Harry atemlos: „Ich habe mir vorgestellt, wie es mit dir ist. Ich habe dich mit Thomas Walsh gesehen … und … mir gewünscht, ich wäre an seiner Stelle. Und dann …dann.. stehst du … ohh … nackt in der Umkleide im … im … Ministerium. Du weißt nicht, was das mit mir … hmmm … gemacht hat." Weiter kam Harry nicht, zu sehr überwältigte ihn die Erregung. Es bedurfte nur wenige weitere Bewegungen von Dracos Hand, dann kam er in einem fast überwältigenden Orgasmus.
Schwer atmend lehnte er sich an Draco, der ihn zärtlich umarmte und streichelte, und genoss das Nachbeben seines Höhepunktes. Diese feine Haut, dieser Geruch. Harrys Lippen knabberten an Dracos Hals und saugten an seinem linken Ohrläppchen. Dracos erigiertes Glied drückte derweil gegen Harrys Leistengegend und verlangte nach Aufmerksamkeit, die Harry mehr als gern zu geben bereit war. Ohne Nachzudenken sank er auf die Knie und öffnete Dracos Hosenbund.
„Harry?", hörte er Dracos leise Stimme. „Du brauchst nicht…"
„Ich will aber, ich will so gerne. Darf ich?", gab Harry zurück, denn alles andere wäre gelogen. Als er ein raues „Natürlich" hörte, befriedigte er Draco mit seinem Mund. Seine Leidenschaft wurde dadurch erneut so geweckt, dass er sich dabei selbst anfasste. „Harry, ich komme gleich", warnte ihn Draco wenige Augenblicke spätererreichten beide den Höhepunkt.
Danach sank Draco erschöpft neben Harry auf den Boden. Harry sprach mehrere Reinigungszauber über sie, dann lehnte er sich ebenfalls an das unbequeme Regal. Er nahm Dracos Hand zwischen seine und hielt sie locker auf seinem Schoss. Er schloss die Augen und sagte nach einer Weile des einvernehmlichen Schweigens: „Hoffentlich hat Mrs. Fox nichts bemerkt".
Es war als Scherz gemeint, aber Draco reagierte alarmiert: „Oh Shit, Lydia. Sie ist extrem neugierig und wird mit Sicherheit nachgeschaut haben, warum du ins Archiv gekommen bist." Draco schien tatsächlich zu überlegen, ob er sofort aufstehen und zu Mrs. Fox gehen sollte, dann ließ er sich jedoch wieder gegen das Regal fallen und seufzte leise: „Ist jetzt eh zu spät. Naja, dann hat sie mich eben auch Mal in einer komprimierenden Situation erlebt."
„Ich fand es sehr, sehr schön." Harry lächelte Draco an.
„Ich auch", stimmte ihm der andere zu und drückte Harrys Hand.
„Hast du heute Abend Zeit oder morgen? Ich möchte dich gerne zu mir einladen?" Es war mehr eine schüchterne Bitte als eine Frage.
„Ist das ein Date?"
„Hm." Harry nickte zustimmend und sah Draco an. „Ich möchte das hier zwischen uns gerne fortsetzen. Was sagst du dazu?"
„Fragst du mich gerade, ob ich dein fester Freund sein will?"
„Ja", antworte Harry ohne Umschweife. „Das fände ich schön", ergänzte er.
Draco führte Harrys Hand zu seinen Lippen und küsste sie. Er lehnte seinen Kopf an das Regal und hing für ein paar Augenblicke seinen Gedanken nach. Harry wünschte sich so sehr, dass Draco einwilligen würde. Dieser gab jedoch zu bedenken: „Die Presse wird das mögen: ‚Der Retter der Welt und der Todesser'."
„Das hast du schon Mal gesagt, und ich gebe dir die gleiche Antwort: Du bist kein Todesser, und was die Presse sagt, ist mir scheiß egal."
„Bist du dir sicher? Ich könnte es nämlich … ich hätte Probleme damit, wenn du es dir in ein paar Wochen anders überlegst, weil die Öffentlichkeit Druck auf dich ausübt."
„Ich werde es mir ganz sicher nicht anders überlegen", sagte Harry mit fester Stimme. „Weißt du, wie lange ich schon … was von dir will. Ich bin total verliebt in dich, Draco. Ich habe so noch nie für jemanden empfunden."
Harry hätte auch drei andere Worte benutzen können, aber das zu sagen, egal wie sehr sie seinen Gefühlen entsprachen, war noch zu früh. „Die letzten Wochen haben mich fast verrückt gemacht vor Sehnsucht nach dir, Draco. Ich will dich. So sehr."
Warum Harry es so einfach gelang, solch entwaffnende Geständnisse zu machen, war ihm selbst völlig unklar. Er vertraute Draco und wollte einfach, dass der Slytherin genau wusste, dass es sich nicht um ein kleines Techtelmechtel handelte, er kein Trostpflaster war und sich ohne Risiko auf Harry einlassen konnte.
Draco sah ihn sprachlos an. „Harry…"
„Du brauchst das nicht auch zu sagen, Draco. Ich wollte dir nur klar machen, wie ernst es mir mit dir ist."
„Nein, ich … ich bin auch verliebt in dich, sehr", antwortete Draco leise und zog Harry in einen langen zärtlichen Kuss. Irgendwann, es mögen Stunden vergangen sein, löste er sich von Harry und sagte: „Weißt du eigentlich, was mein Patronus ist, Harry?"
Harry schüttelte den Kopf. Sein Herz, das zu einer wunderbaren Ruhe gefunden hatte, klopfte auf einmal sehr schnell.
„Ein Hirschbock. Genau wie deiner."
Als Harry nach einiger Zeit das Archiv verließ, warf ihm Mrs. Fox einen missbilligen Blick zu. „Bei aller Liebe, Harry, aber dafür gibt es privatere Räumlichkeiten!"
Harry strahlte sie nur an, und weil sein Herz so übervoll war, platzte er heraus: „Es war das erste Mal, Lydia! Unser erstes Mal und Draco ist nun mein Freund! Wir sind zusammen!"
„Äh, das freut mich für dich, Harry, aber sowas gehört sich trotzdem nicht."
„Ich weiß, es wird nicht wieder vorkommen, jedenfalls hier nicht. Tut mir leid." Richtig schuldig fühlen konnte sich Harry nicht, er war einfach viel zu glücklich darüber, wie sich die Dinge entwickelt hatten. Ihm war als wäre die Sonne aufgegangen und sein Herz lachte voller Vorfreude auf ein Leben mit Draco an seiner Seite.
- Ende -
Liebe Leser,
hiermit verabschiede ich mich von euch.
Es war eine Freude, diese Geschichte zu
schreiben, und ich hoffe, es hat euch Spaß
gemacht, sie zu lesen.
Gibt mir doch ein Feedback, wenn es euch
gefallen hat.
Liebe Grüße
Dramafanforever
