John Franco war ein recht durchschnittlicher Fünfzehnjähriger. Er war weder besonders klug noch besonders schön. Wie viele Jungs in seinem Alter war er einfach nur da - hin und her geworfen zwischen Hormonen, Wachstumsschüben und allegemeinem jugendlichen Groll.

Er saß unter der Brücke. Über sich hörte er den Fernverkehr rauschen. An die Pfeiler waren Graffitis gesprüht. Er trug ein ausgewaschenes Sweatshirt und Jeans. Sein kurzes, rabenschwarzes Haar schaute unter seiner Baseballmütze heraus. Zusamen mit einigen anderen Jungs und Mädchen saß er hier. Sie hingen hier ab. So ganz ohne elterliche Kontrolle.

„He, John.", rief ihn ein Mädchen. Sie hatte buntes Haar und trug eine Jeansweste auf der mit Aufnähern zahlreiche Punkbands verewigt waren. Darunter trug sie ein rotes Shirt und löchrige Jeans. Dazu ausgelatschte Ranger-Stiefel.

Sie warf ihm eine Spraydose zu. Er fing sie. John nahm die Dose und schüttelte sie. Noch bevor er sich was ausdenken konnte rief jemand laut: „Scheiße, die Cops!"

John warf die Dose weg und rannte an der Seite des Mädchens davon. Die Jugendlichen zerstreuten sich. Die einen rannten quer über das Feld, andere hoch zur Autobahn und John mit seiner Gefährtin querfeldein bis zu einem Bach, der auf beiden Seiten von Betonwänden eingegrenzt wurde. Er und das Mädchen rutschten auf den Hintern die schrägen Betonwände hinunter, rannten mit nassen Füßen durch das Wasser bis sie zu einer Unterführung gelangten.

„Stehen bleiben!", hörten sie jemanden von oben rufen.

John drängte sich mit ihr in den Schatten der Unterführung. Sie sahen wie ein Polizist mit gelber Warnweste oben entlang rannte.

„He, du kleiner Punk! Bleib stehen!", hörten sie jemanden rufen. Fußgetrampel und das Geräusch als würde jemand zu Boden geworfen.

„Ahrgh!"

„Jetzt kommst du mit!"

John und das Mädchen standen regungslos unter der Unterführung. Er nahm ihre Hand und spürte seinen Atem. Sein Herz klopfte wie verrückt. Wenn die Cops sie fanden gäbe das ein ganz schönes Geschrei.

Ein Wagen kam zum Stehen.

„Hier, noch einer."

„Boah, ich hab gar nix gemacht.", hörten sie die Stimme eines der Jungs trotzig.

„Erzähl das dem Jugendrichter. Jetzt rein da."

Autotüren schlugen zu und sie hörten wie sich der Wagen wieder in Bewegung setzte. John atmete aus. Er sah das Mädchen neben sich an.

„Ich seh nach, ob die Luft rein ist.", sagte John leise und ging zu dem Betonpfeiler der Unterführung. Er kletterte auf den steilen Betonblock nach oben. Es war niemand zu sehen.

„Alles klar. Komm raus.", sagte er und das Mädchen kam unter der Unterführung hervor.

Beide kletterten sie nach oben und machten sich auf den Weg zurück. John nahm ihre Hand erneut. Sie sah ihn an und begann zu lächeln. In den letzten Monaten war etwas Besonderes zwischen ihnen gewesen. Unabhängig davon, ob sie wie jetzt vor irgendwelchen Bullen davon liefen oder das Jahr in der Schule verbrachten.

John dachte in diesen Momenten nicht groß nach. Er tat einfach, was ihm gerade einfiel. Mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg.

Es war nicht so, dass die Ferien in einem tristen, londoner Vorort besonders spannend gewesen wären. Da war es auch egal, dass sie eigentlich Magier waren. Außerhalb der Schule durften sie eh nicht zaubern, also machten sie, was Teenager halt so machten. Irgendwo abhängen, Unsinn anstellen und hoffen, dass es ihre Eltern nicht mitkriegten.

Sie liefen die Straße entlang und gingen am Rand des Ortes zu einem alten Abbruchhaus, welches mit zahlreichen Grafitti besprüht worden war. Dort gingen zahlreiche Leute mit bunten Haaren und zerschlissenen Klamotten ein und aus. Das Haus war seit einigen Jahren von Punks und Obdachlosen besetzt. Ab und an tauchte die Polizei auf und wollte sie verjagen, doch sie blieben. Für die meisten Menschen, die hier wohnten war es auch das einzige Haus in das sie zurückkehren konnten. Einige Teile des Gebäudes waren bereits wieder in Stand gesetzt, andere glichen noch immer einer einzigen Bauruine.

„He, Mary, alles klar?", fragte einer der Punks, die am Eingang herumlungerten.

„Die Bullen sind wieder unterwegs. Passt auf.", sagte das Mädchen an Johns Seite.

„Ja, ja. Immer die selbe Leier.", antwortete der Punk und drehte sich eine Zigarette.

Drinnen war die Luft verraucht und von den beschmierten Wänden bröckelte Putz ab. Um Flur stand aller möglicher Kram von Kohlenanzünder, Holzscheiden, alten Stühlen und undefinierbaren Haufen aus Kleidung und Dreck.

Irgendwo hatte jemand den Bass seiner Gitarre voll aufgedreht und es schallten schlecht gestimmte Töne durch das Haus. An anderer Stelle saßen alternde Hippies in zerschlissenen Klamotten in ausgeleierten Sesseln und drehten sich Joints während sie wieder einmal der Frage nachgingen wer denn nun Recht hatte: Marx oder Bakunin?

Marys Zimmer lag im ersten Stock hinter einer grün gestrichenen, mit zahlreichen Aufklebern tapezierten Tür. Das Zimmer war spartanisch eingerichtet mit einem niedrigen Holztisch und wild zusammengewürfelten Stühlen, einem Schrank und einem Regal, die nicht zueinander passten und ihrem Bett, dass in eine Nische gequetscht war.

Auf und unter dem Tisch stapelten sich Bücher und Pergamentrollen. Ihre Eule saß auf einer Strange neben dem Eingang. Ein alter Kauz dessen Federn seltsam zerfleddert wirkten als bekäme er gerade seine Mauser - was nicht sein konnte, da die Eulen der Magier in Regel mit Zaubern gegen sowas belegt wurden. Die Eulen selbst waren keine magischen Wesen, aber die meisten Zauberer erweiterten die Tiere mit zahlreichen Bannen. Wie sollte ein solcher Vogel auch sonst nach Hogwarts oder wo man sich gerade befand finden? Eulen waren ja schließlich keine Brieftauben.

John schloss die Tür hinter sich. Sie hatten ihre gemeinsame Zeit hier verbracht. Sie hatte Witze gemacht, gequatscht, miteinander geschlafen. Ja, auch das. Sie kannten sich seit etwas mehr als zwei Jahren. Irgendwann war es mehr geworden als bloße Schulfreundschaft.

John versuchte so viel wie möglich Zeit mit ihr zu verbringen und so wenig wie möglich Zuhause, wo eh nur der übliche Jammer auf ihn wartete.

Er nahm seine Mütze ab und zerstruppelte sich das schwarze Haar bis es in gewohnter Weise in alle Richtungen abstand.

Mary und John küssten sich. Es war ein langer, intensiver Kuss. Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und erwiderte die Geste.

John verlor sich gern in den Armen von Mary. Mit ihr kam ihm alles besser vor. Dann dachte er nicht so oft an den Streit mit seinen Eltern, allen vorran seinem Vater. Davon abgesehen liebten sie sich - und zwar in einer Weise die schon lange über Händchen halten hinausging.

Er hatte gerne Sex mit ihr. Es war nichts, wofür er sich schämte, auch wenn er es insbesondere vor seinem Vater verborgen hielt. Mit seiner Mutter konnte John darüber reden, aber die Vorstellung „Männergespräche" führen zu müssen gruselte ihn.

Johns Verhältnis zu seinem leiblichen Vater war bescheiden. Er wohnte zwar ab und an bei ihnen, aber in all den Jahren hatte sich eine distanzierte Beziehung zwischen ihnen herausgebildet. Er war nicht die Art von Vater zu dem man hinging und sagte „He Dad, ich hab eine Freundin. Wollen wir drüber reden?" Es war kompliziert zwischen ihnen. Sehr kompliziert.

Deshalb verbrachte er die Tage und Nächte mit Mary. Schlief mit ihr. Es war ihm lieber so. John ging nach Hause damit seine Mutter sich keine Sorgen machte. Ansonsten verbrachte er die Ferien an der Seite seiner Freundin. Es war ihm lieber ab und an neben einer Maus aufzuwachen als seine Eltern ertragen zu müssen.

John lag mit Mary ineinander verschlungen im Bett. Sein Kopf lag an ihrer Brust. John döste an ihrer Seite. Wie so oft, wen sie miteinander geschlafen hatten. Es wäre weder das erste noch das letzte Mal.

Er öffnete die Augen und sah auf die Uhr. Es war Zeit sich aufzuraffen. John drückte Mary sanft von sich und setzte sich auf. Sie sagte nichts, sondern nahm nur seine Hand. John suchte seine Sachen zusammen und zog sich an. Anschließend beugte er sich zu ihr herunter und küsste sie zum Abschied.

„Bis morgen.", sagte er und verließ das Zimmer.

John Franco verließ das Haus und fuhr mit dem Bus nach Hause. Dieses war ein kleines Vorstadthaus mit ebenso kleinen Vorgarten. Auf dem Bürgersteig davor stand ein blauer VW. Seine Mutter war also da.

John ging hinein, zog sich die Schuhe aus und ging in die Küche. Dort saß seine Mutter bei einer Tasse Kaffee. Er überragte sie mittlerweile um mindestens einen Kopf. Sie hatte rotblondes, kurzes, zu einem Igel gekämmtes Haar und trug T-Shirt und Jeans.

„Na, kommst du auch mal wieder nach Haus.", sagte sie, ohne von der Zeitung auf dem Tisch aufzublicken.

„Sorry, ist später geworden.", antwortete John kleinlaut.

„Ja, natürlich.", gab seine Mutter zurück.

„Wo ist Severus?", fragte John.

„Er ist nicht da, falls du das meinst.", sagte sie unnd zeigte ihm das Titelblatt der Zeitung.

Es war eine Ausgabe des Tagespropheten. Die Titelseite zeigte das Gefangenenpotrait eines Mannes mit langen, schwarzen Haaren und Bart. Darüber pragte in großen Lettern „Haben Sie diesen Zauberer gesehen?"

„Oh ha.", machte John nur.

„Versprich mir, dass du auf Severus aufpasst."

„Mach ich das nicht sowieso schon immer?", entgegnete John.

„Dumbledore hat ihn zurückgerufen. Ich habe ein schlechtes Gefühl bei der Sache."

„Du meinst, er wird irgendetwas Dummes anstellen, wenn er die Gelegenheit dazu hat."

Seine Mutter seufze und legte die Zeitung wieder hin.

„Er braucht manchmal jemanden, der ihm sagt, dass er dabei ist, was Dämliches anzustellen.", sagte sie. „Und ich bin ja nicht da."

John verzog das Gesicht. Sie wussten beide wie es in dieser Angelegenheit um Severus stand. Es würde alte Wunden aufreißen. John kannte erst seit etwa zwei Jahren die komplette Wahrheit über seinen Vater. Was er getan hatte und warum. Das hatte ihr Verhältnis nur minimal entspannt. Es war eine Sache unter einem anderen Namen als sein Erzeuger aufzuwachsen, zu sehen wie er kaum Zeit mit ihm verbrachte und zu glauben John als sein Sohn wäre nur ein Unfall gewesen, den er bereute. Etwas anderes war es zu erfahren, dass es nicht daran lag, dass er ihn nicht wollte, sondern weil er ein gottverdammtes Doppelleben führte. Als Severus Snape nur ein schlechter Lehrer und ein mieser Vater war schien John einiges einfacher. Es war einfacher auf ihn wütend zu sein.

Heute allerdings fragte sich John jedes Mal, ob er nicht irgendwas für Dumbledore zu erledigen hatte. Immer wenn John ein Geheimnis seines Vaters lüftete tat sich ein Neues auf. Es war wie in einem Labyrinth. Immer wenn man glaubte man sei dem Ziel einen Schritt näher stellte man fest, dass man nur in einer neuen Sackgasse gelandet war.

Über vieles schwieg sich sein Vater aus und es nervte John ungemein, doch ausgerechnet über die Geschichte mit Sirius Black wusste er bescheid. Vielleicht weil Severus sie immer für zu unbedeutend hielt. Die alten Geschichten. Es war fast 20 Jahre her, aber einiges davon machte seinen Vater noch so wütend wie zu seiner Schulzeit. Alte Feindschaften, die er - ob nun bewusst oder unbewusst - pflegte und die ihn Dummheiten begehen ließen.

In der Schule spielte sein Vater oft den unnahbaren, aber im Grunde war er ein aufgewühlter Mann, der schon mal zu cholerischer Hysterie neigte. Zuhause hatte John das oft genug erlebt.

„Darf ich ihn verprügeln?", fragte John seine Mutter.

„Nur wenn es nicht anders geht.", sagte sie.

Sie wussten beide, dass das nur ein Scherz war.

Remus Lupin stand am Bahnhof Kings Cross. In seiner Hand trug er einen geflickten Aktenkoffer. Die Instruktionen waren klar gewesen. Potter beobachten und im Notfall eingreifen. Es war unüblich, dass Lehrer mit dem Hogwarts Express fuhren. Ihn überkam für einen Augenblick ein Gefühl der Nostalgie als er in den Wagon stieg. Es war fast zwei Jahrzehnte her, dass er das letzte Mal in einem dieser Abteile gesessen hatte. Nichts hatte sich verändert. Für Remus hatte der Gang durch die noch leeren Abteile etwas von einer Zeitreise.

In einem der hinteren Wagons begegnete er einem Auror. Ein altbekanntes Gesicht aus seiner Zeit beim Orden des Phönix. Ein farbiger Auror in einem violetten Umhang. Kingsley Shacklebolt. Sie gaben sich die Hand.

„Ah, Lupin, lange nicht gesehen.", sagte Kingsley.

„Ebenfalls.", erwiderte Remus.

„Wie viele Probleme erwartet Dumbledore genau? Er war recht vage."

„Alle Probleme, die man mit den Wachen von Askaban haben kann.", erwiderte Remus. „Auch wenn es gegen deinen Arbeitgeber geht, Kingsley, er traut dem Ministerium nicht und noch weniger den Dementoren."

„Kann ich gut verstehen.", sagte Kingsley. „Die ersten Schüler müssten bald eintrudeln. Ich geh zurück auf meinen Posten."

Kingsley zwängte sich in dem schmalen Gang an Remus vorbei. Dieser ging in den hintersten Wagon und suchte sich dort ein leeres Abteil. Den Koffer legte er auf die obere Ablage und zog seinen geflickten Mantel aus, den er ebenfalls in die Ablage legte. Remus setzte sich hin und streckte die Beine auf dem gegenüberliegenden Sitzplatz aus. Solange er hier alleine war musste er ja noch nicht als Vorbild überzeugen.

Remus verschränkte die Arme vor der Brust und ließ den Blick über den noch leeren Bahnsteig gleiten.

Dumbledore war nicht aus reiner Herzensgüte auf ihn zurückgekommen. Nein, es ging hier nicht ums Unterrichten. Er war der letzte lebende Freund von Sirius Black und sollte der nach seiner spektakulären Flucht einen Ausflug nach Hogwarts planen, dann wäre jemand da, der mit ihm reden konnte. Der Plan war simpel falls es zur Konfrontation kommen sollte. Allerdings überlebte kein Schlachtplan den ersten Feindkontakt. Dumbledore wusste das und Remus wusste, dass Dumbledore das wusste.

Snape hatte die letzten Tage immer wieder versucht Dumbledore davon abzubringen Remus einzusetzen. Auf der einen Seite waren seine Argumente logisch - es war schlicht Irrsinn einen Werwolf als Lehrer zu engagieren, dessen war sich auch Remus völlig im Klaren - dennoch spürte er wie die alten Vorurteile und Probleme langsam wieder durchsickerten. Bei Snape ebenso wie bei Remus.

Wobei er noch nicht einmal etwas gegen Snape hatte. Das war schon früher so gewesen. Er hegte keinen Groll, aber seine ganze zynische und jähzornige Art machte ihn unausstehlich und zu einem wandelnden Pulverfass. Allerdings sprang Remus nur selten darauf an. Sirius und James hingegen ... er konnte gar nicht zählen wie oft die drei sich gegenseitig geprügelt hatten, bei den kleinsten Anlässen. Remus machte es da wesentlich mehr Sorgen, was passieren würde, wenn Sirius Snape als Erstes über den Weg lief.

Der Krach von Kinderstimmen nährte sich. Remus zog die Beine ein und setzte sich aufrecht hin. Er zog eine Ausgabe des Tagespropheten aus seiner Jacketttasche und tat beschäftigt. Lärmende Schüler zogen an ihm vorbei. Immer wieder. Mindestens eine halbe Stunde lang. Remus erhob sich und zog aus der Tasche seines Mantels einen braunen Herrenhut. Er setzte sich wieder und schob den Hut in sein Gesicht. Remus tat so als würde er schlafen.

Eine von Dumbledores Anweisungen war auch sich nicht zu erkennen geben. Ein schlafender Passagier sollte nicht gar so auffallen.

Wenig später öffnete sich die Tür zum Abteil und drei Teenager traten ein.

„Du hast deine Tante aufgeblaßen? Cool.", sagte ein Junge.

„Das ist nicht witzig, Ron.", meldete sich ein Mädchen tadelnd.

„Ich finds trotzdem ziemlich cool.", erwiderte der Junge. „Wer ist denn das?"

„Hmm, R.J. Lupin.", sagte das Mädchen.

„Woher weißt du das denn schon wieder?!", antwortete der Junge schnippisch.

„Es steht auf seinem Koffer.", entgegnete das Mädchen.

„Könnt ihr mal aufhören zu Streiten? Danke." Das war ein weiterer Junge, dessen Stimme einen ziemlich genervten Eindruck machte. „Ob er schläft?"

„Bestimmt.", meinte das Mädchen.

„Gut, ich muss euch nämlich was erzählen."

Remus wusste wer der Junge war, der hier erzählte. Harry Potter. Sein Gespür von früher hatte er offenbar immer noch. Dass sich die Drei genau dieses Abteil aussuchten war ein glücksfall. So konnte er alles mithören, während er den schlafenden Reisenden simulierte. Einzig sein Nacken beschwerte sich schon sehr bald.

Die Drei redeten über Sirius und das er wohl vorhatte Harry zu töten. Remus konnte sich dieser These ja nicht anschließen. Die ganze Angelegenheit und die Umstände von Sirius' Verhaftung hatte er schon immer merkwürdig gefunden. Allerdings reichten die Beweise nie aus um seinen alten Freund zu entlasten. Am Ende war es ein Indizienprozess in der extrem aufgeheizten Stimmung am Ende des Krieges gewesen. Remus hatte in dieser Zeit ebenfalls einiges über sich ergehen lassen müssen.

Sie sprachen noch lange über das für und wider und drehten sich dabei ordentlich im Kreis. Wie hätten sie auch mehr wissen können als das was in der Zeitung stand? Das Ratespiel fand nach fast zwei Stunden ein jähes Ende als der Zug unerwartet hielt.

„Was ist denn jetzt los?", fragte der Junge namens Ron.

„Keine Ahnung, vielleicht 'ne Panne.", mutmaßte Harry.

„Fühlst du das?", fragte das Mädchen.

Remus spürte die plötzliche Kälte, den Hauch des Finsteren, der durch den Wagon strömte. Die Dementoren war hier. Remus umklammerte kaum merklich den Zauberstab in der Tasche seines Jacketts. Das Trio war verstummt. Die Aura des Wesens, dass die Tür zum Abteil öffnete ließ sie erstarren. Wer noch nie einem Dementor begegnet war, der würde diese Begnung nicht so leicht vergessen.

Er hörte wie jemand auf den Boden fiel. Das reichte. Remus wirbelte herum und schoss seinen Patonus auf die Kreatur unter der Kapuzenrobe. Ein aus weißem Nebel bestehender Wolf schoss aus der Spitze seines Zauberstabs und der Dementor wurde aus dem Abteil katapuliert. Remus stürzte ihm hinterher. Im Flur baute sich die Kreatur vor ihm auf.

„Sirius Black ist nicht hier. Verschwindet!", sagte er völlig klar und ohne Angst. Er konnte der Kälte und der Furcht widerstehen mit der der Dementor sonst seine Opfer lähmte.

Der Dementor schwebte vor ihm. Seine abgemagerten Hände, die aussahen wie von einem gerade verrottenden Toten, der schon ewig im Wasser lag, wog er hin und her.

„Hier gibt es nur Kinder. Raus!", sagte Remus. „Expacto Pat-„

Der Dementor wartete nicht darauf, dass Remus erneut einen Patronus auf ihn abschoss. Langsam glitt er aus dem Abteil und schließlich dem Zug.

„Hilfe!", rief das Mädchen aus dem Abteil.

Remus eilte zurück und sah wie die beiden sich über Harry beugten.

„Macht mal Platz, ihr beiden!", sagte er und beugte sich zu dem Jungen hinunter. Er lag auf dem Boden und zuckte unkontrolliert. Remus nahm ihn in den Arm und bugsierte ihm auf einem der Sitze.

„Was ist mit ihm?", wollte das Mädchen wissen.

Remus antwortete nicht, sondern legte Harry auf die Seite, er winkelte den Arm des Jungen unter dessen Kopf an. Er sollte schließlich nicht an seinem Erbrochenen ersticken.

Er setzte sich Harry gegenüber.

„Es sieht schlimmer aus als es ist. Die Attacke des Dementors war heftig.", sagte er schließlich.

„Und Sie sind?", fragte Ron.

„Remus Lupin.", stellte er sich noch einmal ganz förmlich vor.

„Sind Sie ein Lehrer?", fragte das Mädchen.

„Wenn man es so nennen will.", entgegnete Remus und holte aus dem Inneren seines Jacketts eine Tafel Schokolade hervor. Er brach ein paar Stücken ab und gab den beiden jeweils eine.

„Hier. Gegen die schlechten Gefühle.", sagte Remus und erhob sich. Er trat in den Flur und erblickte Kingsley.

„Bei euch alles okay?", fragte er.

„Ja, beinahe. Sind sie weg?"

„Ja. Dumbledore rastet aus, wenn er erfährt was hier los war.", sagte Kingsley. „Was ist bei dir los?"

„Der Dmentor hier hinten hat Potter ganz schön erwischt. Ich kümmere mich um ihn. Sorg dafür, dass wir hier wegkommen, bevor die noch einen Angriff starten.", antwortete Remus leise.

„Schon dabei.", sagte Kingsley und verschwand durch die Wagontür.

Remus ging zu dem Trio zurück und sah wie Harry versuchte sich langsam aufzusetzen. Zu seinem Glück hatte er nicht gebrochen. Er setzte sich zu ihm.

„Vorsicht. Nicht so schnell."

„Was ... was war das?", sagte Harry schwach.

„Das? Das war ein Dementor. Eine Wache von Askaban. Sie dachten wohl in diesem Zug könnte sich Sirius Black in einem Gepäckstück verstecken."

Das war wirklich nicht komisch, entsprach aber der Logik mit der das Ministerium handelte. Remus gab Harry noch ein Stück Schokolade. „Hier, dann ist es nur noch halb so übel."

„Ich hab ne Frau schreien hören.", sagte Harry unvermittelt.

„Es hat niemand geschrien.", erwiderte das Mädchen furchtsam.

„Dementoren sind einige der grausamsten Geschöpfe auf diesem Planeten. Sie nähren sich von euch und euren Gefühlen. Sie löschen jede noch so glückliche Erinnerung aus euren Köpfen und lassen nichts als Schmerz und Leid zurück.", erklärte Remus. „Sie sind die Wachen von Askaban und sie sind ohne Gnade."

„Was wollten die von uns?", fragte der Rotschopf Ron.

„Dementoren werden von schlechten Emotionen angezogen. Von Tod und Verlust im Leben eines Menschen." Remus sah Harry nicht an. Der Junge wusste selbst am Besten, was er verloren hatte. „Ich gehe mal schauen, was der Zug macht." Er ließ die Schokolade auf seinem Sitz zurück und ging aus dem Abteil.

Remus ging einen Wagon weiter, blieb im Flur stehen und atmete tief durch. Er hatte in Harrys Gesicht geblickt und seine toten Freunde gesehen. James und Lily ... der Junge war ihnen wie aus dem Gesicht geschnitten. Die schlechten Erinnerungen, die der Dementor nicht hervorholen konnte überkamen ihn bei einem Blick auf den Jungen. Er erinnerte ihn an die Vergangenheit, an das was sie einzuholen drohte.

Remus war sich unsicher, ob er das aushalten würde worauf er sich hier eingelassen hatte. Wohin er auch blickte waren Erinnerungen, Schatten und Geister. Er hatte so viel in dieser Schule zurückgelassen. Entweder er würde es durchstehen oder daran zugrunde gehen. Was davon zutraf würde sich zeigen.