Severus Snape saß an seinem gewohnten Platz am Lehrertisch der Großen Halle. Zwischen Lupin auf der linken und Dumbledore auf der rechten Seite. Bereits vor einer Stunde hatte sie ein Patronus von Kingsley erreeicht und berichtet, was im Zug geschehen war. Dumbledore war außer sich und hatte sofort über das Flohnetzwerk den Minister in die Mangel genommen. Es fielen einige sehr harsche Worte und einige Gläser Whiskey später wurde Albus wieder der ruhige, alte Magier wie sie ihn kannten.

Severus hüllte sich in Schweigen. Er hatte sowas ja befürchtet. Dementoren war nicht zu trauen und noch weniger denen, die sie kontrollierten. Sie frei auf dem Gelände herumlaufen zu lassen war ein Fehler. Davon war er überzeugt. Ebenso hielt er es für einen Fehler einen Werwolf auf die Schüler loszulassen. Albus ließ sich in dieser Sache jedoch nicht umstimmen. Es war Teil seines Plans Lupin als Lockvogel für Black bereitzuhalten.

Das Ministerium ging offiziell davon aus, dass Sirius Black Harry töten wollte. Severus war sich da nicht so sicher. Er kannte zwar die Geschichten rund um seine Gefangennahme, aber irgendetwas an der Geschichte war faul. Warum war er nicht schon vorher geflohen, wenn es für ihn doch scheinbar ein Klacks war aus Askaban auszubrechen? Warum jetzt? Das ging Severus die ganze Zeit durch den Kopf und ließ ihm keine Ruhe.

Severus saß da, die Arme vor der Brust verschränkt und in seine Gedanken vertieft. Vermutlich wirkte er noch grimmiger als sonst.

Dumbledore erhob sich und hielt seine übliche Ansprache. Dieses Mal nur wesentlich ernster als sonst.

„Willkommen, willkommen zu einem neuen Jahr in Hogwarts. Ich weiß, dass einige von euch Fragen haben. Wie ihr sicher bemerken konntet hat das Ministerium die höchste Sicherheitsstufe verhängt und einige der Dementoren nach Hogwarts beordert."

Unruhiges Murmeln erfüllte die Hallen. Fast so, als hätten einige nicht mitbekommen, was im Zug passiert war.

„Ich beschwöre selbst die Unbesonnensten unter euch sich nicht mit den Wachen von Askaban anzulegen. Dementoren sind finstere Geschöpfe und kennen weder Mitleid noch Schuld." Albus atmete tief. „Des weiteren habe ich noch einige Änderungen bekannt zu machen. Da Professor Raue-Pritsche in den Ruhestand geht übernimmt das Fach Pflege magischer Geschöpfe ab nun unser geschätzter Wildhüter Rubeus Hagrid."

Hagrid erhob sich rumpelnd von seinem Platz und stieß dabei heftig mit den Knien gegen den Lehrertisch, der gleich einen Satz nach vorn machte. Nervös stand der Halbriese da und nickte eifrig. Minerva, die neben ihm saß packte ihm an seinem mit Flicken übersäten Mantel und zog ihn auf den Stuhl zurück.

Am Tisch der Slytherins gab es Tuscheleien und einige angewiderte Blicke in Richtung Hagrid.

„Zudem möchte ich auf dem Posten von Verteidigung gegen die Dunklen Künste Professor Remus Lupin begrüßen.

Lupin erhob sich. Er stand da mit Jackett, Hemd und Fliege, nickte höflich und setzte sich wieder. Severus blickte aus den Augenwinkeln zu ihm herüber. Er saß da und schnitt sich ein Stück aus seinem englischen Steak.

Der Verzehr von halbrohen Fleisch gehörte zwar gewissermaßen zum hießigen Kulturgut, aber Severus konnte nicht anders als sich zu fragen, ob man als Werwolf vielleicht besonders viel davon aß.

Nach dem Abendessen ging Severus in die Kerker hinab in seine Privaträume. Dort wartete bereits seine alte Schäferhündin auf ihn. Sie begrüßte ihn mit dem Schwanz wedelnd.

Severus krauelte Leia am Hals und zog seine schwarze Lehrerrobe aus. Darunter trug er wie immer Hemd und Krawatte. Er legte sich auf das alte Sofa in der Mitte des Raumes. Ihm gegenüber legte sich die Hündin vor den Kamin.

Severus war müde. Seit Blacks Ausbruch hatte er kaum eine freie Minute gehabt. Ohne es zu merken schlief er ein und erwachte am nächsten Morgen mit wahnsinnigen Nackenschmerzen. Severus setzte sich auf, rieb sich den Hals und die Augen. Er blickte auf seine Armbanduhr und beinahe hätte ihn der Schlag getroffen. Er hatte völlig verpennt. In zehn Minuten musste er im Unterricht sein. Das konnte ja heiter werden. Unterricht auf leeren Magen war die Hölle.

Severus stand auf und trottete noch missmutiger als sonst zum Klassenzimmer. Davor wartete ausgerechnet auch noch Potters Klasse. Und das ohne etwas zu Essen. Viel Spaß. Er schloss das Zimmer wie immer mit seinem Schlüssel auf und ließ die Schüler wortlos ein. Er ging hinter sein Pult und starrte für einen Augenblick die Schüler völlig gedankenlos an. Severus hatte tatsächlich keine Ahnung, was er eigentlich heute drannehmen wollte.

Die letzten Tage und Wochen war er nur mit Dementoren und Sicherheitskonzepten beschäftigt gewesen. An Unterrichtsvorbereitung war bei dem Stress nicht zu denken.

„Ähem ... chrm ... also ...", machte Severus, um Zeit zu schinden. „Sie haben doch sicher Hausaufgaben, die Sie mir abgeben möchten?"

Normaler Weise gab er immer Hausaufgaben über die Ferien. Hätte ihn gewundert, wenn er das vergessen hätte.

Die Schüler kramten in ihren Sachen nach ihren Aufsätzen und gaben sie brav bei ihm ab. Severus schnappte sich einen der Aufsätze und überflog ihn schnell. Ah ja, Schrumpfungstränke. Da hatte er es ja.

„Da Sie alle ihre Hausaufgaben gemacht haben wissen Sie ja jetzt wie Sie ihren Trank zu brauen haben. Also, an die Arbeit!", sagte Severus im Befehlston.

Einige Schüler stöhnten genervt. Darunter auch Potter und sein Kumpel Weasley, die sogleich Ms Granger bedrängten.

„Ach, und vorher noch ein paar Änderungen damit Sie auch mal ihren Kopf anstrengen müssen. Potter setzt sich Malfoy. Weasley zu Longbottom und Granger arbeitet alleine ohne ihren enormen Wissenschatz schon wieder allen anderen mitzuteilen."

Potter und Weasley starrten ihn mit offenen Mündern an und Protest lag ihnen bereits auf der Zunge.

„Keine Widerrede. Ich kann ja schlecht immer nur Ms Granger benoten, wenn Sie beide arbeiten sollen."

„Boah, dieser elende ...", hörte er Harry leise motzen.

„Danke, Mr Potter. 10 Punkte Abzug für Gryffindor und seien Sie froh, dass ich das Ende dieses Satzes nicht gehört habe."

Mit einem vernichtenden Blick auf Severus packte Potter seine Sachen und ging zu Malfoy hinüber. Er tat das nicht, wie im oft vorgeworfen wurde, aus reiner Bosheit. Draco war ähnlich durchschnittlich wie Harry. Die beiden konnten noch was voneinander lernen. Und Weasley war immerhin gegabt genug die größten Katastrophen seitens Longbottom abzuwehren, wenn er sich Mühe gab. Ms Granger käme dagegen hervorragend alleine zurecht.

Severus war nicht unfair, aber wenn Granger immer für fünf weitere mitarbeitete würden sie ja nie besser.

Die Schüler suchten sich in den Büchern ihre Rezepte heraus und holten sich die Zutaten bei ihm ab. Einige Zeit herrschte geschäftiges Schweigen und Severus zog die Schubladen seines Schreibtischs auf. Schließlich fand er zwischen irgendwelchen alten Arbeiten einen Schokoriegel und ein altes, zerknülltes Päckchen Zigaretten. Er musste hier unbedingt wieder einmal aufräumen.

Severus steckte den Schokoriegel und die zermatschten Zigaretten in die Hosentasche. Er musste nur diese Doppelstunde irgendwie durchhalten - und nicht ans Essen oder Nikotinentzug denken.

In der letzten Reihe fingen Harry und Draco gerade an sich gegenseitig mit ihren Schulbüchern zu verprügeln. Gott, diese Kinder machten ihn noch wahnsinnig! Severus stand auf und ging zum Tisch der beiden. Mit einem gekonnten Handgriff schnappte den beiden Jungs ihre Prügelinstrumente weg.

„In mein Büro, aber sowas von!"

Draco begann hämisch zu grinsen.

„Du auch!", sagte er zu ihm und Dracos Grinsen erstarb sofort.

Severus scheuchte die beiden vor sich her durch die Tür, die von hier in sein berüchtigtes Arbeitszimmer führte. Es war wie immer klein und mieftig. Die Regale waren voll mit Zutaten und Aktenordnern. Auf seinem Schreibtisch stapelte sich der Papierkram.

Severus packte Potter und Draco am Kragen und bugsierte sie grob auf den beiden Stühlen vor seinem Schreibtisch. Er selbst lehnte sich an sein Pult und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Nun, habt ihr vielleicht etwas zu sagen?", fragte Severus grimmig.

„Er hat angefangen.", sagte Draco sofort.

„Mr Malfoy, sehe ich vielleicht aus als würde mich das interessieren?"

„Aber ...", setzte Draco wieder an.

Severus schnitt ihm das Wort mit einem besonders harschen Blick ab. Der eine war sein Patensohn und auf den anderen musste er in jeder Sekunde ein Auge werfen, weil er sich sonst wieder selbst umbrachte. Das machte es nicht leichter.

„Wenn ihr das nicht bis an euer Lebensende abarbeiten wollt, dann würde ich mir an eurer Stelle ganz schnell was überlegen, was mich besänftigen könnte.", sagte Severus.

Die beiden Jungen sahen nach unten und brachten keinen Laut heraus.

„Das hab ich mir gedacht.", sagte Severus. „Nachsitzen, alle beide, und jeweils noch 15 Punkte Abzug für Gryffindor und Slytherin."

Draco sah ihn mit großen Augen an als könne er es nicht fassen.

„Ja, Mr Malfoy, ich habe kein Problem meinem eigenen Haus Punkte abzuziehen."

Manchmal reichte es ihm. Severus war kein guter Lehrer. Als pädagogisches Vorbild war er absolut untragbar, aber eines hatte er sehr gut gelernt im Krieg; Menschen einschüchtern. Da war er nicht stoltz drauf. Und Kinder einzuschüchtern und streng zu behandeln war vermutlich nicht gerade pädagogisch wertvoll. Aber was sollte er sonst tun?

„Und jetzt geht mir aus den Augen.", sagte Severus grimmig.

Er folgte den beiden Jungen zurück ins Klassenzimmer. Sie wollten sich wieder setzen, doch Severus deudete mit dem Finger Richtung Ausgang.

„Da ist die Tür. Raus. Und keine Sorge, das könnt ihr alles nacharbeiten!"

Potter und Draco verschwanden aus dem Klassenzimmer. Severus wollte gerade wieder zu seinem Tisch gehen als eine Explosion hinter ihm den Raum erschütterte. Ein Kessel flog quer durch den Raum und zog dabei einen beträchtlichen Feuerschweif hinter sich her. Severus warf sich zu Boden, ähnlich wie die meisten Schüler in unmittelbarer Umgebung. Als er sich wieder aufraffte sah er wie Lonbottom und Weasley rauchend husteten.

„Wohl doch keine Wurzelknollen zugeben ...", keuchte Weasley.

Wollte diese Stunde denn gar kein Ende nehmen?

„Longbottom! Weasley!", rief Severus aufgebracht. „Nachsitzen! 20 Punkte Abzug für Gryffindor!"

„Aber ...!", wollte Weasley unterbrechen.

„30 Punkte Abzug für Gryffindor! Und wenn Sie nochmal widersprechen werden es 40!"

Longbottom rutschte auf seinem Stuhl in sich zusammen.

„Was zum Teufel ist los mit euch? Warum wird mein Unterricht immer mit einem Kurs für Pyrotechnik verwechselt, hä?!"

Severus kam jetzt richtig in fahrt. Vielleicht lag es an seinem knurrenden Magen, dass er so reagierte, aber manchmal beschlich ihn das Gefühl, dass diese Kinder ihn mit Absicht so auf die Palme brachten. Das konnte doch alles nicht wahr sein!

Die beiden starrten ihn an und bevor sie etwas Dummes entgegnen konnten läutete die Glocke zur Pause. Sie Schüler packten ihre Sachen in einem rasanten Tempo zusammen und verschwanden in Rekordzeit aus dem Klassenzimmer.

Remus Lupin stand etwas nervös vor seiner Klasse. Der erste Schultag. Remus hatte zwar schon früher unterrichtet, aber nicht in Hogwarts und nicht vor so vielen Schülern. Er hatte sich eine Zeit lang als Nachhilfslehrer unter Muggeln durchgeschlagen. In der magischen Welt bekam man als Werwolf nur sehr schwer einen Job und so wanderte er immer als Tagelöhner von einer Arbeit zur nächsten. Insofern ihn der Hund in seinem Inneren nicht außer Gefecht gesetzt hatte. Jetzt hier zu stehen kam ihm immer noch unwirklich vor.

Remus stand vor der Klasse, die wie gebannt auf den Kleiderschrank starrten, den er hier aufgestellt hatte. Das Möbelstück rütttelte und schüttelte sich wie verrückt.

„Also, wer kann mir sagen was das ist?", fragte er.

Ein Schüler in der forderen Reihe meldete sich.

„Ja."

„Ein Irrwicht."

„Richtig, und wer kann mir sagen, was ein Irrwicht ist?", sagte Remus.

Ein Mädchen meldete sich. Remus musste blinzeln. Er hätte schwören können, dass auf der Bank neben Harry gerade noch ein Platz frei gewesen ist. Vielleicht war er zu nervös?

„Ja, bitte."

„Ein Irrwicht ist ein Formwandler. Er verwandelt sich immer in das, was man selbst am meisten fürchtet.", ratterte das Mädchen herunter.

„Genau, das macht Irrwichte für viele sehr furchteinflößend, obwohl sie genau genommen harmlos sind. Es gibt einen Spruch gegen diese Art Wesen und den üben wir erst einmal.", sagte Remus und zog seinen Zauberstab aus der Brusttasche seines Jacketts.

„Riddikkulus.", sagte Remus laut. „Nun, ich will wissen, ob ihr es könnt."

„Riediekulus."

„Riddickuulus."

„Ridikkolus."

„Immer dran denken, doppelte Konsunanten werden kurz gesprochen.", sagte Remus.

„Ridikkulus."

„Rieddikkulus."

„Riddikkulus."

„Genau so.", sagte Remus. „Der Spruch allein hält euch den Irrwicht aber noch nicht vom Hals, sondern er ist lediglich eine Art kleines Helferlein. Denkt an eure größte Angst und dann denkt daran wie ihr diese, eure größte Furcht, lächerlich macht. Ihr müsst euch den Irrwicht so vorstellen, dass ihr lauthals über ihn lachen könnt."

Einige Schüler kicherten. Remus fiel jedoch ein Junge in der ersten Reihe auf, den dieser Gedanke so gar nicht erfreuen zu schien. Er saß zusammengesunken da und hatte den Kopf gedenkt.

„Wie heißt du?", fragte Remus zu dem Jungen.

„Nevll Lngbottm.", nuschelte er.

„Wie?"

„Neville Longbottom.", sagte er jetzt deutlich.

„Gut, Neville, steh auf und komm her.", forderte Remus ihn auf. Der Junge sah sich um als würde sein Lehrer vielleicht noch einen anderen Neville meinen. „Na komm, keine Scheu."

Mit gesenkten Kopf trottete der Junge zu Remus vor die Klasse.

„Sag, was ist deine größte Angst?"

„Proffsr Snpe.", murmelte er schon wieder.

„Bitte nochmal."

„Vor Professor Snape.", sagte Neville, der sich mit aller Kraft zwang klar zu sprechen.

Die Klasse lachte und Neville schien noch mehr in sich zusammen zu sinken.

„Professor Snape. Tja, wer fürchtet den nicht?", sagte Remus. Das wäre eine Herausforderung. Snape witzig aussehen zu lassen wäre selbst für ihn nicht einfach.

„Neville, du lebst doch bei deiner Großmutter ...", sagte Remus. Es hatte etwas gedauert, aber ihm war es gerade wieder eingefallen. Remus hatte die Longbottoms gekannt und wusste was ihnen widerfahren war. Er brauchte jedoch einige Augenblicke um in dem verängstigten Jungen vor sich die Züge von Alice und Frank wiederzuerkennen. Schreckliche Geschichte, aber vielleicht würde sie ihm jetzt helfen.

„Aber der Irrwicht soll auch nicht aussehen wie sie.", ging Neville panisch dazwischen.

„Nein, nein, das tut er nicht.", beschwichtigte Remus ihn. „Stell dir ihre Kleider vor, nur ihre Kleider."

„Sie hat immer einen Geier auf ihrem Hut und eine rote Handtasche ...", plapperte Neville drauf los.

„Das muss ich gar nicht hören. Du musste es nur klar und deutlich vor dir sehen. Wenn du es siehst sehen wir es auch.", sagte Remus. Er beugte sich zu dem Jungen herunter und sagte leise, damit es der Rest der Klasse nicht hören konnte: „Stell dir Professor Snape in den Kleidern deiner Großmutter vor."

Nevilles Augen wurden groß.

„Du schaffst das.", sagte Remus und zwinkerte ihm zu. „Halt dich bereit. Auf drei öffne ich den Schrank. Eins - zwei - drei"

Mit einem Wink seines Zauberstabs öffnete Remus die Tür des Schranks. Einen Augenblick passierte gar nichts, dann entstieg dem dunklen Inneren ein täuschend echter Severus Snape in schwarzer Robe mit Hemd und Krawatte. Er ging einen Schritt auf Neville zu, der wie erstarrt dastand und kein Wort herausbrachte.

„Los, Neville, behalt die Nerven.", sagte Remus. „Zauberstab hoch."

Neville richtete langsam den Zauberstab auf den Snape-Irrwicht.

„Riddikkulus.", sagte er laut und deutlich.

Der Irrwicht stolperte rückwärts und hatte plötzlich einen grünen Blazer an. Auf seinem Kopf trohnte ein zerfledderter Spitzhut mit einem ausgestopften Geier. Hinzu kam eine rote Handtasche, Samthandschuhe und Stöckelschuhe in denen er kaum stehen konnte. Mit überaus echter Verwirrung sah sich der Snape-Irrwicht um.

Remus konnte nicht anders als loszuprusten. Im ernst, das sah viel witziger aus als es sich angehört hatte.

Auf Nevilles Gesicht breitete sich nun auch ein Grinsen aus.

„So, bildet eine Reihe. Jeder ist mal dran.", sagte Remus.

Mit einigem Gedränge formierten die Schüler eine Reihe. Nacheinander begegneten sie ihren größten Ängsten - und überwanden sie. Remus ermutigte sie immer wieder sich zu stellen. Schließlich sah er wie sich Harry dem Irrwicht nährte. Für einen Augenblick wusste Remus nicht, was der Irrwicht zeigen würde, dann verwandelte er sich in eine große Kapuzengestalt. Intuitiv ging er dazwischen. Er stellte sich vor Harry und der Irrwicht veränderte seine Gestalt hin zum Mond. Seine größte Furcht. Einmal im Monat wurde sie wahr.

„Riddikkulus.", rief Remus und der Irrwicht verwandelte sich in einen Ballon, den er zurück in den Schrank scheuchte.

„Tut mir leid. Die Stunde ist zu Ende.", sagte Remus. „Man soll aufhören, wenns am Schönsten ist."

Die Schüler zerstreuten sich, einzig Harry stand noch dort, wo er vorher war. Er wirkte bleich. Remus hätte vielleicht nicht dazwischen gehen sollen, aber ein Irrwicht in der Form von Lord Voldemort wäre selbst für einen erwachsenen Magier gefährlich gewesen. Allerdings war Remus sich nicht sicher, ob er in diesem Augenblick nicht seiner eigenen Angst nachgegeben hatte.

„Alles in Ordnung?", fragte Remus. „Komm nach dem Unterricht in mein Büro, ja?"

Harry nickte nur, packte seine Sachen und ging davon.

Die Sache mit dem longbottschem Geierhut-Snape hatte sich schnell in der Schule herumgesprochen und auch Severus' Ohren erreichte sie schließlich. Er wusste nicht wen er dafür mehr verfluchte; Lupin, Longbottom oder diese ganzen Schüler und Lehrer, die das auch noch überall herumerzählen mussten.

Das war ohnehin nicht sein Tag gewesen. Vermutlich hatte Severus heute auch überdurchschnittlich viele Punkte abgezogen. Das kam davon, wenn man hungrig auf Arbeit ging. Ein Schokoriegel in der Pause und zwei verknickte Zigaretten retteten ihn schließlich bis zum Mittagessen.

Während des Essens hörte er ständig Leute kichern, wenn er an ihnen vorbei ging oder wie gerade eben mit ihnen am Tisch saß. Minerva giggelte die ganze Zeit mit Sprout und warf ihm ab und zu einen Blick zu. Als würde gerade er das nicht merken!

Verdammt, das war als wäre er wieder dreizehn und um ihn herum säßen pupertierende Schüler, die sich irgendwelche bekloppten Streiche für das Klassenopfer ausdachten. Es war als wäre er wieder in der Schule! Mist, er war ja auch in der Schule!

Severus spachtelte sein Essen hinter und verließ den Lehrertisch als Erstes. Mit finsterer Mime ging er an den Schülern vorbei und warf denen die es wagten zu lachen einen vernichtenden Blick zu. Er ging nach draußen in den Hof und trat in einem Augenblick des Zorns den nächstbesten Mülleimer um.

„Na, Professor, schlechte Laune?", fragte jemand.

Severus sah auf und entdeckte John. Er stand da, die Hände in den Hosentaschen. Er trug seine Schuluniform bewusst unordentlich, so dass das Hemd unten raus hing und die Hosenbeine hatte er umgeschlagen. Das war diese pubertäre Rebellen-Nummer.

„Sag bloß nichts.", brummte er ihm entgegen.

„Ich hab es schon gehört. Du weißt ja wie sich hier Nachrrichten verbreiten." John holte ein Päckchen Zigaretten aus der Hosentasche. „Hier."

„Ich bin Lehrer.", sagte Severus.

„Als hätte dich das je interessiert.", meinte John und drückte ihm das Päckchen in die Hand. „Aber nicht alle auf einmal."

Severus öffnete das Päckchen und zog eine Zigarette heraus. Er bot John auch eine an. Wenn sie schon mal Regeln brachen, dann richtig. John nahm sich eine. Severus holte sein altes Benzinfeuerzeug aus der Tasche seiner Robe und zündete sich die Zigarette an. Anschließend gab er es John, der das gleiche tat.

„Und? Wie geht's dir?", fragte Severus.

„Versuchst du jetzt ein Gespräch zu führen?", fragte John.

„Keine Ahnung.", gab Severus zu.

„Du hast dich seit Wochen nicht Zuhause gemeldet."

„Du siehst doch was hier los ist!? Die drehen alle durch wegen Black und ich sitz mal wieder mitten im Orkan.", entgegnete Severus.

„Das Telefon ist aber nicht kaputt.", sagte John.

„Soweit ich informiert bin bist du eh mit deiner kleinen Freundin beschäftigt."

„Ja, und? Willst du mir das verbieten?", fragte John.

„Nein, aber ich weiß nicht warum du schon wieder Streit suchst."

„Ich suche keinen Streit!", widersprach John.

„Ach ja?", fragte Severus und sah seinen Sohn durchdringend an.

„Mom ist immer alleine Zuhause."

„Darum geht es also.", schloss Severus.

„Worum denn sonst? Wenn du da bist, dann streitet ihr euch."

„Das ist kein Streit, das ist lautes Argumentieren.", erklärte Severus.

„Idiot!", entfuhr es John.

„Was?", fragte Severus verdutzt.

„Vollidiot!", John schnippte seinem Vater die Zigarette vor die Füße. „Mit dir ist es wie mit 'ner Wand zu reden! Völlig sinnlos!"

Wütend trabte John davon. Severus blickte ihm verwirrt hinterher. Was hatte er denn jetzt schon wieder falsch gemacht?

Eine Minute später kam jemand hinaus mit dem er nun wirklich nicht reden wollte; Remus Lupin. Severus trat seine Zigarette aus und wollte gerade an ihm vorbeigehen als er ihn sanft mit der Hand an der Schulter stoppte.

„Was wollen Sie?", zichte Severus.

„Ich dachte, wir müssen vielleicht etwas klarstellen.", erwiderte Lupin.

„Ach, und was soll das sein?", grollte Severus.

„Ich habe ihnen nichts getan, Severus. Sagen Sie nicht, dass meine reine Existenz stört?"

„Was wollen Sie, Lupin?", sagte Severus aufgebracht. Er war schon wieder wütend.

„Wir sind keine Feinde.", sagte Lupin ruhig.

„Sind wir nicht?", entgegnete Severus.

„Ich denke, Sie verstehen da etwas falsch. Das was heute passiert ist war ein Unfall, wenn man so will."

„Ein Unfall? Klar, und ich bin Godric Gryffindor.", zichte Severus. „Was soll es denn sonst gewesen sein? Das mit dem Provozieren kann ich nämlich auch noch ziemlich gut, Lupin, nur falls Sie es vergessen haben."

„Wie könnte ich das je vergessen?", sagte Lupin.

Severus ging an ihm vorbei.

„Das Angebot bleibt.", rief Lupin ihm hinterher. „Wir können darüber reden."

Severus ignorierte ihn und stampfte zurück ins Schloss.