Draco Malfoy war mit Crabbe und Goyle auf dem Weg zu Pflege Magischer Geschöpfe. Er konnte es nicht fassen, dass ihm ausgerechnet Severus so viele Punkte abgezogen und ihn auch noch zum Nachsitzen verdonnert hatte. Zusammen mit Potter! Das war ja wohl der Gipfel! Und jetzt hatten sie auch noch Unterricht bei diesem unterbelichteten Halbblut.

Draco kochte schon den ganzen Tag. Er hätte am liebsten jemanden getreten. Seine beiden Begleiter eigneten sich dafür leider nicht. Die beiden Primaten, die ihm überall hin folgten, waren nicht nur im Kopf etwas taub.

Als sie bei Hagrid ankamen zeigte der ihnen irgendso ein gefiedertes Mistviech namens Seidenschnabel. Er hasste dieses Fach jetzt schon. Er hatte noch nie was für Tiere übrig gehabt und mit diesem behaarten Honk als Lehrer wurde das nicht besser.

Hagrid ließ ausgerechnet Potter den Vortritt. Der verbeugte sich vor dem Tier und wurde von Hagrid auf dessen Rücken gesetzt. Wie lächerlich! Und so typisch, dass Potter wieder das Vorzeigeobjekt war.

Hagrid gab dem Hippongreif einen Klaps und er trabte los, breitete die Flügel aus und schwang sich in die Lüfte. Während alle seine Klassenkameraden auf das Vieh zeigten und ihm am Himmel verfolgten stand Draco etwas abseits an einer Birke, verschränkte die Arme und grollte noch mehr. Schließlich landete Seidenschnabel wieder.

„Toll gemacht. Und wer will als nächstes?", rief Hagrid und hievte Potter vom Rücken des Hippongreif.

Draco stampfte wütend auf ihn zu.

„Ja, ja, du bist gar nicht gefährlich. Du dreckiges Mistvieh, oder?", rief er.

Der Halbriese riss die Augen auf.

„Nicht, Malfoy! Nicht!"

Doch zu spät. Der Hippongreif war ordentlich verärgert, breitete die Flügel aus und hieb mit der kralle nach ihm. Draco ging mit einem Schmerzensschrei zu Boden. Er hielt sich den Arm.

Hagrid beruhigte das Tier und warf ein Stück Fleisch in die entgegengesetzte Richtung, um Seidenschnabel auf Abstand zu bringen.

„Hagrid!", rief Granger. „Er muss sofort in den Krankenflügel!"

„Ja, natürlich. Ich bin der Lehrer. Ich mach das.", sagte Hagrid so als müsse er sich selbst daran erinnern.

Er nahm Draco und trug ihn hoch zum Schloss.

Als Leiter des Hauses Slytherin wurde Severus stets informiert, wenn irgendeiner seiner Schüler irgendwo etwas angestellt hatte. So erfuhr er auch zeitnah von dem „Unfall" der Draco widerfahren war.

Severus war sich ziemlich sicher, dass Draco da wieder ein riesiges Theater aufführte. Er hatte die Wunde gesehen. Ein Kratzer. Hätte der Hippongreif ihn ernsthaft verletzen wollen wäre das Ergebnis ein deutlich anderes. Hagrid hatte ihm alles erzählt. Der Junge machte ihn wahnsinnig. Er hatte mehr denn je seine „Ich bin der Boss!"-Phase. Lucius war in seinem Alter ähnlich gewesen, allerdings wusste er damals einfach wo die Grenzen lagen. Draco hingegen überspannte den Bogen ständig. Vielleicht war das so ein pubertäres Aufmerksamkeits-Ding? Egal.

Severus musste natürlich einen Brief an Lucius schreiben. Mal wieder. Als Dracos Patenonkel fand er das doppelt nervig. Er hätte seinem alten Freund gerne mal etwas Positives über seinen Sohn geschrieben, aber damit glänzte Draco nicht gerade. Stattdessen hatte er eine dicke Schulakte vor sich liegen, die jede Woche etwas wuchs.

Draco war kein übler Junge, aber es gab Zeiten da hätte Severus ihn gerne eine geknallt, weil er so unausstehlich war. Das durfte er nur leider nicht. Hunderte Vorschriften hinderten ihn daran. Also blieb es bei einem Brief an Lucius, in dem er schon wieder erklärte, dass sein Sohn sich total daneben benahm.

Severus legte den Brief auf den Stabel mit den anderen Elternbriefen. Es war ja nicht so als ob Draco der Einzige wäre, der sich ständig wie die Axt im Walde benahm.

Er stand auf. Am der Tür eines Schrankes war eine Dartscheibe befestigt auf welche er ein Foto von Dumbledore geklebt hatte. Das Foto war bereits völlig durchlöchert. Severus holte aus einem Fach des Schreibtischs einige Dartpfeile heraus. Es half ihm beim Nachdenken die Scheibe und ganz besonders das Foto zu beschießen.

Severus nahm einen Pfeil und schoss auf das Foto. Der Foto-Dumbledore wisch wieder einmal empört aus. Magische Fotos reagierten auf Zerstörung ja immer recht persönlich.

Für ihn war die erste Woche nicht besonders gut gelaufen. Ständig fühlte er sich als wäre er wieder ein Schüler und wie früher überkamen ihn die alten Verteidigungsreflexe. Der erwachsene Severus Snape in seinem Kopf versuchte ihn ständig zu beruhigen, doch es gab auch immer noch den Jungen, der von seinen Klassenkammeraden gedehmütigt wurde bis aufs Blut und für den die Schule die Hölle war. Lupins Auftauchen hatte die alten Wunden wieder aufbrechen lassen. Vermutlich hätte er das Ganze gefasster verarbeiten müssen - so wie ein erwachsener Mann, der über dem stand, was vor vielen Jahren war -, doch er konnte es nicht. In seinem Kopf erlebte Severus Flashbacks. Er war wieder der Junge, der von einer Clique Gryffindors fertig gemacht wurde, während alle, bis auf seine beste Freundin, das Mobbing höflich ignorierten.

Severus hatte sehr lange nicht mehr daran gedacht, was in seiner Zeit in Hogwarts passiert war. Er dachte sogar, er wäre endlich darüber hinweg. Falsch gedacht. Severus war wieder dreizehn und wütend darüber wie ihn alle auslachten und es lustig fanden wie er gepeinigt wurde. Ein Riesenspaß, außer für ihn.

Severus schoss immer wütender die Pfeile in die Dartscheibe. Früher wäre er übers Gelände gelaufen und hätte irgendwas demoliert. Als Lehrer kam das leider nicht so gut an.

Es klopfte.

„Herein.", rief er und lehnte sich mit verschränkten Armen an den Schreibtisch.

Es war Potter. Draco hatte sich ja elegant aus seiner Strafarbeit herausgewunden.

„Sir.", sagte Harry tonlos.

„Mitkommen.", sagte Severus. Er führte den Jungen ins Labor, wo er ihm auftrug sämtliche Kessel auszuschrubben. Die hatten es bitter nötig.

Wortlos machte sich Potter ans Werk. Severus saß vorn an seinem Pult beobachtete ihn eine ganze Weile bei der Arbeit. Es war nur das Kratzen der Bürste auf Metall zu hören. Potter war mit den Jahren intelligent genug geworden sich nicht zu beschweren.

Sie saßen hier beide ihre Zeit ab. Nach zwei Stunden war Potter mit den Kesseln fertig und er schickte ihn weg.

Severus holte seine Zigaretten aus der Tasche seiner Robe und rauchte. Im Labor zu rauchen war komplett gegen die Vorschriften, aber das war ihm egal. Er hatte es manchmal so satt Lehrer zu sein. Severus konnte einfach nicht auf pädagogisch. Deshalb war er ja auch Alchemist geworden. Da war der Kontakt zu anderen Menschen normaler Weise stark begrenzt.

Severus Snape saß allein an der Theke des Eberkopfes und ertränkte seine Sorgen in einem Glas Whiskey. Er rauchte und hatte seinen Kopf auf dem Arm aufgestemmt.

Dieser Tage war nicht viel los in der Kneipe von Dumbledores Bruder Aberforth. So bemerkte Severus auch als jemand von draußen eintrat. Er blickte über die Schulter und entdeckte Lupin, der auf ihn zukam. Grummelnd blickte Severus in sein Glas und tat so als hätte er den Werwolf nicht gesehen.

Lupin ließ sich an der Theke neben Severus nieder.

„Ein Guiness, wenn Sie so freundlich wären.", sagte Lupin zum Wirt.

Sie saßen einen Augenblick schweigend nebeneinander, taten so als hätten sie den anderen nicht bemerkt. Schließlich wandte sich Lupin an Severus.

„Mein Angebot steht im übrigen immer noch.", sagte er. „Wir können darüber reden."

„Was gibt's da zu reden?", grollte Severus.

„Sagen Sie es mir?", fragte Lupin. „Ich weiß, Sie misstrauen mir ... wegen dem was ich bin und wegen den Streitigkeiten der Vergangenheit. Ich würde das sehr gerne aus dem Weg räumen, wissen Sie."

Severus begann zu lachen.

„Was ist so witzig?", fragte Lupin ehrlich überrascht.

„Remus Lupin, glaubst du ernsthaft, ein paar nette Worte würden das beseitigen, was zwischen uns liegt?", antwortete Severus ernst.

„Ich dachte, ich könnte es versuchen.", meinte Lupin.

Aberforth brachte ihm sein Bier.

„Tja, das war dann wohl nichts.", bemerkte Severus.

„Ich dachte wir wären mittlerweile erwachsen und könnten das wie Erwachsene klären."

„So? Und wie genau soll das gehen?", sagte Severus.

„Dann helfen Sie mir."

„Und wobei? Dabei noch ein paar Späße auf meine Kosten zu fabrizieren?", giftete Severus.

„Es war nicht mit Absicht. Das ist mein voller ernst.", sagte Lupin. „Wissen Sie, wenn Sie gerade Irrwichte durchnehmen würden und ein Schüler erzählt ihnen seine größte Angst auf Gottes Erde sei der grantige Zaubertranklehrer, was würden Sie tun?"

Severus schwieg.

„Meine einzige Absicht war einem Jungen zu helfen, der sich schon davor fürchtete auch nur Ihren Namen auszusprechen, Severus."

„Schön.", grollte Severus und trank seinen Whiskey.

„Schön?", sagte Lupin verwirrt.

„Was soll ich denn Ihrer Meinung nach sagen?"

„Wissen Sie, Severus, bevor Dumbledore mich angeheuert hat habe ich Nachhilfeunterricht gegeben. Und wenn ich bei Schülern aus Hogwarts war, dann habe ich so einiges über Sie gehört. Über Ihre Methoden, wenn man so will."

„War's das?", fragte Severus aus seinem Glas heraus.

„Sie müssen Ihren Hass nicht immer an anderen auslassen, wissen Sie?."

Severus stellte das Glas geräuschvoll ab.

„Was wissen Sie schon von meinem Hass?", giftete er.

„Ich weiß, dass alles an diesem Ort Sie an dunklere Zeiten erinnert, so wie mich auch, aber ich habe damit abgeschlossen.", sagte Lupin eindringlich.

„Na schön, Herr Psychologe, tun Sie sich keinen Zwang an!", sagte Severus ausgesprochen laut. „Ich kann mich nämlich noch an Zeiten erinnern, da war da ein Werwolf, der es mit mindestens vier Mann in der Überzahl lustig fand auf einen einzuprügeln. Ist schon toll, wenn man alles dafür tut damit man nicht selbst der Außenseiter sein muss. Welche Art Freunde hat man denn als Werwolf?"

„Einige sehr gute.", entgegnete Lupin.

„Oh ja, das konnte ich sieben Jahre lang erleben wie gut sie waren. Sparen Sie sich Ihre Scheinheiligekeit, Lupin! Glauben Sie bloß nicht Sie würden mich kennen und das alles mit ein paar Worten erledigt wäre. Sieben lange, verfluchte Jahre war mein Leben die Hölle!"

„Danach wurde es wohl kaum besser.", sagte Lupin, was er besser nicht getan hätte.

Ohne Vorwarnung schoss Severus' Faust auf Lupins linkes Auge zu. Es knackte unschön und Lupin krachte von der Wucht des Schlags von seinem Stuhl. Severus stand auf.

Lupin stöhnte vor Schmerz und rappelte sich langsam auf.

„Na schön, wenn du das unbedingt willst!"

Lupins Faust krachte in Severus' Gesicht. Er schlug ihm auf das gegenüberliegende Auge und nun warf es Severus zu Boden. Aberforth eilte herbei und trennte die beiden.

„Immer schön ruhig, Jungs.", rief er. „Kein Grund durchzudrehen."

Severus rappelte sich auf und blickte Lupin voller Verachtung an. Wortlos verließ er die Kneipe.

„Nichts hat sich geändert, oder?", fragte Lupin.

„Nein.", antwortete Aberforth. „Fast nichts. Eis?"

„Aber bitte Schoko."

Als Minerva McGonagall am Morgen das Lehrerzimmer betrat traf sie fast der Schlag. Remus und Severus saßen da, beide mit einem gigantischen Veilchen unter dem jeweils gegenüberliegenden Auge. Beide sahen sie sich mit größter Verachtung an.

„Guten Morgen, die Herren. Darf ich fragen, was in Dreiteufelsnamen vorgefallen ist?"

„Nichts.", sagte Severus. „Unglücklich in der Dusche ausgerutscht."

„Ach was? Gemeinsam oder was?"

„Sie glauben gar nicht wie gefährlich nasse Fliesen sind.", entgegenete Remus.

Minerva stemmte die Arme in die Seiten.

„Haben Sie sich abgesprochen?", fragte sie.

„Nein.", antworteten Severus und Remus synchron.

Minerva schüttelte nur den Kopf. Sie fasste es einfach nicht, dass die beiden sich geprügelt hatten.

„Ich wusste ja, dass ich Vizedirektorin einer Schule bin, aber ich wusste nicht, dass ich auch noch einen Kindergarten beherberge!"

Severus und Remus blickten sie an. Beide machten ein Gesicht wie zwei Jungen, die gerade bei einem Streich ertappt wurden. Wenn Minerva eines konnte, dann war es das erwachsene Männer sich fühlten als wären sie wieder zehn.

„Worum ging es da? Halt, warten Sie, ich will es gar nicht wissen!", sagte Minerva erzürnt. „Wir haben eine wichtige Aufgabe vor uns und Sie beide benehmen sich wie Zwölfjährige."

„Wenn ich etwas anmerken darf ..."

„Nein, dürfen Sie nicht, Severus!", entgegnete Minerva streng. „Und jetzt verschwinden Sie! Ich will Sie gar nicht mehr sehen!"

Folgsam erhoben sich Severus und Remus und trabten aus dem Lehrerzimmer.

Männer!, dachte Minerva noch als sie allein zurück blieb.