Nach seiner Auseinandersetzung mit Lupin blieb Severus auf Distanz. Er tauschte mit dem Werwolf Blicke der gegenseitigen Verachtung, wann immer sie sich begegneten, doch zu mehr kam es nicht - vorerst.
Am Morgen saß Severus am Lehrertisch und wollte gerade in Ruhe sein Rührei mit Schinken essen als ihm jemand eine Ausgabe des Tagespropheten auf den Teller klatschte.
Auf der Titelseite pragte ein magisch verzaubertes Sträflingsfoto von Sirius Black. Er war in Askaban stark gealtert und hatte graue Strähnen in den verfilzten Haaren, die in sein zerfurchtes Gesicht hingen, welches immer noch den Hauch von Eleganz versprühte, dass er einmal besessen hatte. Darüber pragte die Schlagzeile:
„Sirius Black: Bestätigte Sichtung in Dafttown!"
Dafttown, das war keine 20 Kilometer entfernt. Severus nahm die Zeitung aus seinem Essen und warf sie vom Tisch. Seine Kollegen schauten ihn irritiert an. Severus ignorierte sie und aß sein Frühstück.
Eine Sichtung? Das hieß gar nichts. Bei der Hysterie, die gerade herrschte, hatte es sich jemand vielleicht nur eingebildet oder erfunden. Seit Wochen häuften sich Sichtungen und Falschmeldungen, die der Tagesprophet der Auflage wegen natürlich gern weiterverbreitete. Alle waren nervös und fürchteten Black könne wie ein böses Gespenst jeden Moment vor ihrer Tür auftauchen. Nonsens. Totaler Nonsens. Er konnte ihn zwar nicht leiden, aber Severus wusste, dass er nicht dumm war, ein egozentrisches Arschloch vielleicht, aber nicht komplett bescheuert. Auch wenn Askaban ihm zugesetzt hatte war er keiner von denen, die sabbernd in einer Ecke ihrer Zelle endeten. Er hatte noch genug Verstand um aus Askaban zu fliehen und dann noch den langen Weg bis hierher zurückzulegen. Kein stammelnder Irrer wie Askaban sie normaler Weise produzierte.
Nachdem er seinen Teller geleert hatte erhob er sich und machte sich auf den Weg in die Kerker. Unten angekommen ging er ins Labor. Er hatte eine Menge zutun, auch wenn Severus nicht unterrichtete. Dumbledore hatte ihn beauftragt für Lupin den Wolfsbanntrank zu brauen. Ein Medikament, dass den Wahnsinn und die Transformation von Werwölfen linderte. Sicher fragten sich einige im Kollegium, ob er denn der richtige dafür war, wenn Severus und Lupin sich so erbittert gegenüber standen. Hätte Dumbledore ihm misstraut, dann hätte er den Trank genauso gut selbst brauen können - und dank moderner, alchemischer Verfahren war die Massenherstellung kein Problem.
Severus wusste genau warum er das tun sollte. Es war die Absicherung für Dumbledore, dass er nichts unüberlegtes tat. Hätte er sich geweigert oder den Trank mit Absicht gepanscht, dann hatte Albus immer noch etwas in der Rückhand. Ein altes Versprechen, dass dafür sorgte, dass Severus still hielt. Ein Wort hätte genügt und Severus hätte Askaban wieder von innen gesehen. Also tat er, was ihm befohlen wurde, egal wie sehr es ihn gegen den Strich ging. Der einzige Trost war, dass er in den Arbeitsstunden im Labor wenigstens keine Schüler ertragen musste.
Außerhalb der Unterrichtszeiten war er damit beschäftigt alle wichtigen Tränke wie Skelewachs, Heiltränke - ja, die schnöden roten - oder Veritaserum aufzufüllen. Wofür man in Hogwarts einen stetigen Vorrat an Wahrheitsserum brauchte? Nun, das war ein Berufsgeheimnis und würde je jemand danach fragen müsste er ihn vermutlich töten.
Der Wolfsbanntrank war nicht sonderlich kompliziert, sondern einfach nur aufwändig. Es dauerte schlicht ewig ihn zu destellieren. Wenn Severus also nicht unterrichtete oder Dumbledore als Agent zu Diensten war, dann arbeitete er im Labor. Letzteres war ihm mittlerweile am Liebsten. Hier hatte er seine Ruhe. Keine Schüler, kein Dumbledore, kein Lupin, nur das leise blubbern der Kessel und Reagenzgläser.
Diese Ruhe wurde jäh unterbrochen als es an der Tür klopfte.
„Herein.", sagte Severus und es trat jemand ein, den er so schnell eigentlich nicht erwartet hätte: John.
„Hast du einen Augenblick?", fragte John.
„Was ist los?"
„Ich wollte mich entschuldigen wegen neulich.", sagte John.
Severus hob erstaunt die Augenbrauen. Das hätte er nicht erwartet. John war noch sturer als er, wenn es ums einsehen von Fehlern ging und das wollte schon etwas heißen. Ihre Beziehung war noch nie einfach gewesen. Severus konnte Johns Wut auf ihn nachvollziehen. Als er in dem Alter war hatte er seinen eigenen Vater ebenso behandelt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Als Teenager war er so voller Zorn gewesen, ohne genau zu wissen warum, aber an irgendjemanden musste er es ja ablassen.
„Angenommen.", sagte Severus ohne von seiner Arbeit aufzublicken.
„Wegen Mom ..."
„Du hast recht.", schnitt Severus seinem Sohn das Wort ab. „Wir hätten nicht streiten dürfen. Nicht so. Ich bin zur Zeit etwas neben mir."
„Nur zur Zeit?", stichelte John.
„Du kannst dir nicht vorstellen, was hier gerade los ist. Ich muss hier den Babysitter für alles und jeden spielen."
„Sag, als du in Askaban warst, was haben da die Dementoren dir gezeigt?", fragte John unvermittelt.
Severus sah auf. John sah ihn sehr ernst an. Er hatte nie über das gesprochen, was er im Gefängnis erlebt hatte.
„Bist du einen von ihnen begegnet?", entgegnete Severus.
John schwieg.
„Lass dir eines gesagt sein, das was ein Dementor dich zu sehen zwingt ist nicht echt. Es sind deine größten Ängste, deine schmerzhaftesten Verluste, die er dir aufzwingt. Sie foltern, ohne Spuren zu hinterlassen. Es sind widerwärtige Kreaturen, John. Sie hätten nie hierher kommen dürfen."
„Wird das Black aufhalten?", fragte John.
„Askaban ist voll von diesen Monstern und er ist entkommen. Glaube kaum, dass es ihn behindern würde, falls er wirklich nach Hogwarts will."
„Habt ihr deshalb gestritten?"
Severus hielt mit seiner Arbeit inne und blickte seinen Sohn durchdringend an. Er wusste nicht welchen Zweck diese Fragerei verfolgte. Was war geschehen? Etwas musste passiert sein, sonst wäre er nicht hier.
„Deine Mutter ist genau so stur wie ich oder du. Und die Zeiten sind verwirrend."
„Das ist keine Antwort auf meine Frage.", entgegnete John.
„Eine ehrliche Antwort?", fragte Severus. John nickte. „Sie machte sich Sorgen und ich hab nicht zugehört. Wie so oft. Es war nicht richtig. Aber ich kann nichts ändern von meiner Position aus. Weder dass die Dementoren hier sind noch dass ein Sträfling die Gegend unsicher macht."
„Sie wollte nicht, dass ich zurück komme, oder?"
„Nein, sie wollte, dass ich gehe.", antwortete Severus erstaunlich gefasst.
„Was?", sagte John erstaunt.
„Es war nicht das erste Mal, aber dieses Mal, nun ja, du weißt ja wie sie ist, wenn sie sich etwas vorgenommen hat.", antwortete Severus. „Du weißt wie kompliziert das ist."
„Ich weiß gar nichts." John atmete tief. „Ich denke, Mom fragt sich manchmal einfach wer du bist."
„Sie weiß wer ich bin.", entgegnete Severus.
„Und weißt du das auch?"
Severus verschränkte die Arme vor der Brust. John und Jennifer waren seine bessere Hälfte. An anderen Tagen hätte er die Fragerei seines Sohnes abgeschmettert. Es lag nicht allein an seiner Tätigkeit für Dumbledore und den vielen Erpressungen und Flüchen, die sie sich gegenseitig an den Kopf warfen. Es war dieses ganze verfluchte Leben, was er führte. Nie richtig im hier und jetzt, immer zurück versetzt in eine Vergangenheit mit der er am liebsten nichts mehr zutun gehabt hätte. Er hasste das. Er hasste es mehr als alles andere.
„Dein Unterricht fängt gleich an.", sagte Severus.
„Jetzt lenk nicht ab."
„Nein, ehrlich, schau auf die Uhr."
John sah auf seine Armbanduhr.
„Oh, Mist!", fluchte er. Ohne ein weiteres Wort verschwand er aus dem Labor und eilte die Kerkerstufen nach oben.
Die Wochen vergingen. Der Sommer wandte sich dem Herbst zu und das Halloweenfest rückte näher. Wenn Severus' an die vergangenen Jahre zurückdachte, dann graute es ihm davor. Seit Potter an dieser Schule war passierte immer irgendetwas. Vorletztes Jahr wurde ein Troll befreit und ein dreiköpfiger Hund hatte versucht Severus zu fressen. Und Letztes Jahr begann der ganze Ärger mit der Kammer des Schreckens mit einer versteinerten Katze im Flur zu Halloween. Dieses Fest zog Ärger an. Fast wie Weihnachten bei der Verwandtschaft in Bristol, nur schlimmer.
Severus stand im Flur der Großen Halle. Aufsichtsdienst. Schüler maßregeln. Punkte abziehen. Vor allem Punkte abziehen.
Die Schüler kamen gerade von ihrem traditionellen Ausflug nach Hogmead zurück und schwazten wild durcheinander. Einige besonders euphorische Kinder rempelten Severus an. Als sie seinen ungehaltenen Blick bemerkten machten sie sich schnell aus dem Staub. Das Durcheinander aus Kinderstimmen wurde jäh von einem quieckenden Schrei des Poltergeistes Peeves unterbrochen. Er wirbelte durch den Raum und schrie wie am Spieß: „ANSCHLAG! ANSCHLAG! ANSCHLAG!"
„PEEVES!", rief Severus. „Was soll der Unsinn?"
„Anschlag!", gackerte Peeves. „Die armen Gryffindors kommen nicht durch ihr Portrait. Die arme Dame ist weg. Schämt sich. Wurde ja auch ganz schön zugerichtet. Gigigigigigil-gnarararararar!"
Die Menge strob auseinander als Dumbledore auf der anderen Seite der Halle erschien.
„Peeves!", sagte Albus scharf.
Der Poltergeist verbeugte sich tief und sarkastisch grinsend.
„Was geht hier vor sich?", fragte Albus ernst.
„Oho!", machte Peeves und tat so als habe er sich vor den funkelnden Augen des Direktors erschreckt. „Werter Herr Schulleiter, das Gemälde der Fetten Dame wurde zerstört. Sie rennt jetzt voller Schmach durchs Schloss. Gnihihihi."
Severus tauschte einen Blick mit Dumbledore. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen von Peeves albernen Scherzen handelte, schwand von Minute zu Minute.
„Er hat eben ein ganz übles Temperament.", sagte Peeves geheimnisvoll. „Dieser Sirius Black."
Durch die Schülermassen ging ein aufgeregtes Raunen und Peeves flog gackernd und quieckend durch die nächste Wand.
Albus eilte in Richtung Gryffindorturm davon. Severus folgte ihm. Oben angekommen bahnten sie sich einen Weg durch die Schülertraube vor dem Gemälde zum Gryffindorturm.
Ein wütendes Messer hatte offenbar den Leinen des Gemäldes traktiert. Es hingen Fetzen herunter. Während sie das leere Gemälde begutachteten stießen Minerva McGonnagall und Argus Filch zu ihnen.
„Grundgütiger!", entfuhr es Minerva als sie sah, was vom Potrait übrig war.
„Da hatte jemand einen kleinen Ausbruch von Jähzorn, was?", stichelte Severus unmerklich. Es passte durchaus zu dem Sirius Black, den er noch aus der Schule kannte. Zornig, wenn er nicht bekam, was er wollte. Hinterhältig, anderen gegenüber. Charmant, wenn es gerade nützlich war. Zumindest waren das die Wesenzüge, die Severus tagtäglich zu sehen bekam.
„Mr Filch, suchen Sie das Schloss nach der Fetten Dame ab. Trommeln Sie die anderen Lehrer zusammen. Sie sollen das Schloss absuchen. Alle anderen kommen mit mir in die Große Halle!", sagte Dumbledore und drängte sich durch die Schüler zurück.
Severus und Minerva riefen über einen Patronus die anderen Lehrer zusammen. Sie trafen sich vor dem Lehrerzimmer.
„Die Hauslehrer durchsuchen jeweils die Nord-Süd-Ost- und Westflügel des Schlosses. Die anderen gehen an den Außentoren in Stellung. Niemand geht allein. Gehen Sie mindestens Paarweise.", wies Minerva sie als stellvertretende Direktorin an. „Flickwick-Hagrid. Sprout-Binns. Ich gehe mit Sybill. Severus, Sie gehen mit Professor Lupin."
Severus entglitten die Gesichtszüge. Er wollte protestieren, doch Minerva brachte ihn mit einer strikten Handbewegung zum Schweigen. Severus' und Lupins Blicke trafen sich. Er voller Abscheu und der Werwolf höflich distanziert wie immer.
Die Hauslehrer übernahmen die Teile des Schlosses, die in der Nähe ihrer Häuser waren. Für Severus hieß das Kerker und östlicher Teil des Schlosses. Auf dem Weg dorthin schwieg er sich mit Lupin an. Minerva hatte sicher ihre Hintergedanken sie ausgerechnet so einzuteilen. Sie hatten beide Black gekannt. Er als Feind, Lupin als Freund. Sollten sie auf Black stoßen wären da zwei bekannte Gesichter. Das eine hasste ihn und das andere war einst sein bester Freund. Na das konnte ja heiter werden.
Sie durchsuchten systematisch einen Raum nach dem anderen. Auch wenn Severus eine Durchsuchung der Kerker für absolut überflüssig hielt. Sirius Black würde sich ganz bestimmt nicht hier aufhalten. Das war pure Zeitverschwendung, aber es beruhigte natürlich die aufgeregten Gemüter, wenn man Sicherheitsmaßnahmen vortäuschte.
Jäh lenkte das charakterische Plong! eines herunterfallenden Kessels die Aufmerksamkeit von Severus und Lupin auf eine alte, lediglich als Lager benutzt Kammer. Sie zogen ihre Zauberstäbe.
„Bereit, Professor?", fragte Lupin.
Severus schnaufte nur und öffnete die Tür zum Abstellraum mit einem Wink seines Zauberstabs. Aus der Finsternis des Raumes sprang ihn etwas an. Im ersten Moment nahm er es gar nicht wahr. Severus fiel rücklings auf den Boden und bemerkte erst jetzt die Kälte, die ihm durch all seine Glieder drang. Das von einer Kapuzenrobe verhüllte Wesen hatte sich auf ihn gestürzt, seine von Verfall gezeichneten, langen, dürren Finger legten sich um seinen Hals. Severus spührte wie der Dementor in seinen Geist eindrang. Unweit von ihm lag sein Zauberstab. Er versuchte ihn zu fassen, doch berührte ihn nur mit den Fingerspitzen. Mit der anderen Hand versuchte Severus den Griff der knöchernen Hände zu lösen. Vergeblich.
In seinem Kopf sah er die Bilder, die er nicht sehen wollte. Severus war wieder fünfzehn. Ein in sich gekehrter Slytherin, der seinen Büchern nachhing und neben einem rothaarigen Mädchen aus Gryffindor stand.
Oh nein, das tust du nicht!, dachte Severus angestrengt.
Die Bilder in seinem Kopf wirbelten. Er war allein und sah das rothaarige Mädchen mit einem schlanken, groß gewachsenen Teenager Hand in Hand. James Potter. Sie küssten sich.
Raus aus meinem Kopf!, schrie Severus den Dementor im Gedanken an. Als ob das bei dieser Art Kreatur je was genützt hätte.
Er sah sich und das rothaarige Mädchen, Lily Evans, und sie stritten. Sie verpasste ihm eine Ohrfeige.
Die Erinnerungen an diese Zeit, an dieses Mädchen, waren nach all den Jahren immer noch so schmerzhaft. Severus konnte nicht mehr standhalten. Er ergab sich dem Schmerz und wurde ohnmächtig.
Als Severus Snape die Augen wieder öffnete war ihm speiübel. Er fühlte sich schwach und zittrig. Der Angriff war heftiger als gedacht. Severus war einem Dementor das letzte Mal im Gefängnis begegnet. Aus gutem Grund hatte er bis jetzt einen großen Bogen um diese Wesen gemacht, die nichts anderes taten als mit Erinnerungen zu foltern. Und in seinem Fall waren sie auf eine Goldgrube gestoßen.
Severus griff sich an den Kopf und setzte sich auf. Erst jetzt bemerkte er, dass er nicht im Krankenflügel war, sondern auf einer Couch in einem der Privatgemächer lag. Genauer gesagt Lupins Couch.
„Wie ich sehe geht es Ihnen besser.", sagte der Werwolf und kam zu ihm herüber.
„Eine ganze Meute Dementoren hatte es sich dort unten gemütlich gemacht. Vermutlich hat Blacks Auftauchen sie angelockt.", sagte Lupin. „Schokolade?"
Er hielt Severus eine Tafel Schokolade hin. Severus wagte es nicht sie anzunehmen.
„Na kommen Sie, nach einem Dementorenangriff muss man die Endorphinausschüttung wieder ankurbeln."
Zögernd nahm Severus die Schokolade, aß sie jedoch nicht.
„Danke Remus, bitte Severus. Wäre nicht nötig gewesen.", anwortete Lupin in einem fiktiven Dialog mit ihm.
Severus war komplett verunsichert. Es war hochpeinlich für ihn. Von Lupin gerettet, von einem Dementor aus der Bahn geworfen. Er, der Dumbledore seit Jahren nervte ihn wenigstens eine Vertretungsstunde Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterrichten zu lassen.
„Und Sie haben keinen Kratzer.", sagte Severus mehr zu sich selbst als zu Lupin.
„Nun, es waren fünf gegen einen, wenn ich das zu Protokoll geben darf. Aber mir ist auch kein Dementor direkt ins Gesicht gesprungen."
Severus schnaufte und verzog das Gesicht.
„Wollen Sie damit nicht endlich aufhören?", fragte Lupin.
„Womit?", antwortete Severus.
„Damit. Wir sind keine Schüler mehr."
„Ja, sicher, aber eine Frage stellt sich dennoch, nicht wahr, Professor?", sagte Severus und erhob sich. „Wie konnte Black eigentlich ins Schloss gelangen?"
„Was wollen Sie andeuten?", fragte Lupin.
„Ich deute gar nichts an.", entgegnete Severus. „Ich denke nur laut. Es stellt sich eben nur die Frage wer ein Interesse daran hätte Black hierher zu führen."
„Idiot!", entfuhr es Lupin laut. „Vollidiot!"
„Na, das passt aber gar nicht zu dem gesetzten Werwolf.", bemerkte Severus.
„Das nächste Mal zieh ich Ihren Arsch nicht aus der Misere."
„Oh gut.", sagte Severus.
„Sehr gut.", entgegnete Lupin wütend.
„Dann war's das?"
„Ja.", grollte Lupin.
„Na fein.", machte Severus und verließ den Raum.
Remus Lupin saß in seinen Gemächern und bereitete sich vor. Er sah auf seine Armbanduhr. Sie zeigte zehn Minuten vor Mitternacht an. Er zog sich aus und trank die Philiole aus, die auf seinem Schreibtisch stand. Nackt setzte er sich im Schneidersitz vor dem Kamin und wartete. Er lauschte den Klängen Ludwig Van Beethovens, die aus dem Plattenspieler drangen. Die Monscheinsonate.
Ein allmonatliches Ritual. Nach über 20 Jahren war er daran gewöhnt. Entgegen aller Geschichten, die man über Werwölfe hörte, war ihre Transformation nicht abhängig vom Monlicht, sondern dem Mondzyklus selbst. Daher war es auch egal, ob das Mondlicht ihn traf oder nicht. Es war nicht so wie im Film wo eine am Himmel vorbeiziehende Wolke den Ausschlag gab. Es war eher wie Ebbe und Flut, sie kamen und gingen unabhängig von der Sichtbarkeit des Erdtrabanten.
Der Wolfsbanntrank verhinderte die Transformation nicht, sondern unterband lediglich den Wahnsinn währendessen. Früher als es das Medikament noch nicht gab war es wesentlich schwieriger gewesen. Während seiner Schulzeit musste er nachts immer aus dem Schloss gebracht werden damit er niemanden verletzte. Heute konnte er sich hier verwandeln. Dumbledore hatte die Türen und das Schloss auf Remus' Wunsch verstärken lassen. Er schloss sich hier ein und wartete bis die Nacht vorrüber ging.
Remus saß da und spürte wie sich die Haare in seinem Nacken aufstellten. Der Hauch des Wolfes in ihm kam näher. Er spührte wie sein Genick knackte und riss den Kopf zur Seite, während sich seine Knochen veränderten. Seine Hände verkrampften sich auf dem nackten Stein. Remus stöhnte vor Schmerz, schrie aber nicht. Er stemmte sich nach vorn auf seine Arme auf während sein Körper sich Knochen für Knochen und Faser für Faser veränderte. Er wuchs in die Höhe und sah auf seine Finger, die sich lange, dürre Krallen verwandelten. Arme und Beine wurden ungleich länger und seine Füße wuchsen zu Pranken heran. Anders als in den Horrorfilmen wuchs ihm kein Pelz. Er blieb nackt und unförmig. Selbst sein Kopf aus dem lange Reiszähne wuchsen und der sich länglich veränderte bis er die Form eines Raubtieres hatte.
Das war Graybacks Geschenk an ihn. Eine monströse, unförmige Gestalt, mit den Narben unzähliger Verwandlungen am ganzen Körper übersät und nicht fähig Wahn von Realität zu unterscheiden.
Remus nahm seine Umgebung durch die geschärften Sinne des Werwolfes wahr. Er hörte Armeisen krabbeln und sah Objekte so klein wie Staubpartikel. Er blinzelte mit den gelben Augen des Tiers, legte sich vor den Kamin und wartete das die Nacht verging. Ohne den Wahnsinn war er zwar immer noch nicht er selbst, konnte aber dennoch viel klarer denken als mit. Er konnte Freunde unterscheiden und ruhig atmen, musste nicht tobsüchtig sein wie ein tollwütiger Hund. Der Mensch in ihm war immer noch verborgen, aber er beherrschte den Werwolf und nicht der Werwolf ihn. Das war ein bedeutender Unterschied.
Die Nacht verging und in den frühen Morgenstunde schrumpfte die Bestie wieder zu seiner menschlichen Größe zusammen. Remus lag nackt und schwer atmend auf dem Boden. Die Rückverwandlung war oft der schlimmste Teil. Oft lag er danach tagelang im Bett. Der Werwolf war eine Krankheit, die seinen Körper auslaugte, daher war die Lebenserwartung vieler Werwölfe nicht besonders hoch. Die Transformation beanspruchte zu viel Kraft. Es war ein langsamer, grauenvoller Tod, angelegt über Jahrzehnte hinweg. Früher oder später würde er daran sterben. Die Medikamente machten es nur erträglicher.
Remus rappelte sich auf und legte sich auf die Couch. Er deckte sich mit der dicken Wolldecke darauf zu. Er zitterte als habe er Schüttelfrost, gleichzeitig Schweißausbrüche und Schmerzen in den Gliedern. Es klang nach einem Grippeanfall war aber in Wirklichkeit sein Körper, der nach der Verwandlung noch immer an einem Schock litt.
Remus kannte all diese Zustände und wusste, dass er nichts dagegen tun konnte solange nichtzufällig noch jemand ein Gegenmittel zu seinen Lebzeiten erfand. Die Chancen darauf waren jedoch sehr gering. Als Werwolf war er ein Ausgestoßener. Die meisten Magier interessierte es nicht, ob jemand wie er lebte oder starb. Deshalb gab es so viele blutrünstige Leute unter den seinen. Es war ihre Rache für die gesellshaftliche Verachtung. Remus hingegen hatte sich dieser Vergeltungssucht nie hingegeben. Andere, wie Fenrir Grayback, schlugen Kapital aus ihrem Fluch, bildeten Verbrecherbanden und terrorisierten ihre Umwelt mit dem Ziel so viel Schaden wie möglich anzurichten. Es war ihre Verachtung allem gegenüber, was an ihnen noch menschlich war. Als würde es etwas ändern, wenn sie das Monster ungehemmt auslebten. Sie alle würden daran sterben - ohne Ausnahme. Die einen leise, die anderen laut.
Remus schloss die Augen und schlief ein.
