Es war Ende November und der eisige Starkregen der letzten Wochen wandelte sich langsam in Schnee. John Franco saß mit seinen Kumpels aus Ravenclaw in den Drei Besen. Sie blödelten herum und tranken Butterbier.

Die Ausflüge nach Hogsmead sorgten für die dringend gebrauchte Aufheiterung. Nach dem Vorfall mit Potter beim Quidditschspiel waren sie noch eindringlicher vor den Dementoren gewarnt worden. Als ob das was helfen würde. Diese Wesen kreuzen ja überall auf. Sofern man sich also nicht selbst Hausarrest auferlegte war es nahezu unmöglich nicht über kurz oder lang einem Dementor zu begegnen.

Johns erste Begegnung mit einem war vor Wochen. Er war mit Mary unterwegs. Ihr hatte es wesentlich mehr zugesetzt als ihm. Seitdem trafen sie sich immer weniger. John fragte sich, was sie wohl gespürt und gesehen hatte, doch sie wollte nicht darüber reden. Er wusste, dass etwas nicht stimmte, wollte sie aber nicht weiter bedrängen.

Gegen Abend verließen sie die Kneipe und gingen den Pfad zum Schloss hoch als sich fünf Siebentklässler vor ihnen aufbauten. Zwei Gryffindors, ein Slytherin und zwei Hufflepuff.

„Oh nein, nicht schon wieder.", stöhnte John. „Könnt ihr nicht mal jemand anderen abziehen?"

„Aber bei dir geht das so leicht, Franco.", antwortete der Slytherin vergnügt.

„Na los, Taschen leer machen!", grunze einer der Gryffindor-Gorillas.

„Ganz bestimmt nicht.", sagte John und zückte seinen Zauberstab. Seine Freunde hielten sich im Hintergrund. Das durfte doch nicht wahr sein! Wie viele Jahre kannten sie sich jetzt?

„Oh, willst du es auf die harte Tour?", sagte einer der Hufflepuff und ließ die Fäuste knacken.

„Stupor!", rief John und schoss dem großen Gryffindor vor sich direkt in die Brust. Er flog in einem Salto nach hinten.

Jetzt zogen auch seine Freunde George und Ben ihre Zauberstäbe und schossen auf die Gruppe. Der Slytherin wisch den Geschossen aus und rannte davon. Ben knockte einen der Hufflepuffs mit einem Schockzauber aus. Den anderen übernahm George. So blieb nur noch der zweite Menschenaffe aus dem Hause Gryffindor. Der versetzte John einen mächtigen Hieb ins Gesicht. Ein widerliches Knacken war zu hören und er spuckte Blut.

John fiel um und rollte einige mal rückwärts den Hang hinunter. Währendessen ließ er seinen Zauberstab fallen. George und Ben sprangen auf ihren Widersacher und versuchten ihn zu Boden zu ringen. Vergeblich. Der Hühne schüttelte sie einfach ab.

John setzte sich auf und suchte im Schneematsch nach seinem Zauberstab, fand ihn jedoch nicht. Der große Gryffindor stürzte sich auf ihn, nahm ihn in den Schwitzkasten. John bekam keine Luft mehr. In diesem Augenblick überwog nicht sein Verstand, sondern sein Überlebenstrieb. Er griff in seine Hosentasche und zog ein Klappmesser, welches er ohne nachzudenken seinem Gegner in den Oberschenkel rammte. Der Hühne schrie auf, ließ ihn los und taumelte zurück. John zog sein Messer aus dem Bein des Gryffindors. Als er aufsah wurde ihm nur langsam bewusst wie das aussah und was er da gerade getan hatte.

Der Slytherin kam mit einem Lehrer in Begleitung zurück durch den Schlamm gestampft. Es war Professor McGonnagal. Diese wusste im ersten Augenblick nicht, was sie zu dieser Rauferei sagen sollte.

„Unglaublich!", hörte er sie schließlich sagen.

John versuchte das blutige Messer verschwinden zu lassen, doch es war bereits zu spät.

„Sie, das ist einfach nicht zu glauben! Was war hier los?", fragte sie außer sich.

John antwortete nicht, sondern ließ das Messer einfach in den Matsch fallen und ging wortlos an ihr vorbei. Er musste nicht erst ihr wütendes Gezeter hören, um zu wissen, dass er viel zu weit gegangen war. Flüche waren eine Sache, aber ein Messer ...

„Sie, Mr Franco, bleiben Sie sofort stehen! Stehen bleiben habe ich gesagt!"

John reagierte nicht. Lief an seinen im Schlamm liegenden, fassungslosen Freunden und den bewusstlosen Schlägern vorbei. Es gab dazu nichts zu erörtern.

Oben im Schloss angekommen ging John in Richtung Gemeinschaftsraum. Auf dem Weg nach oben wurde er plötzlich von jemanden gepackt und in einen Seitengang gezogen. Es war Severus. Er sah ihn mit ernster Mieme an. Ohne ein Wort packte er ihn am Kragen und brachte ihn über Schleichwege hinunter in seinen Privatraum. Dort bugsierte er ihn auf dem Sofa. Leia lag vor dem Kamin, sah auf und legte den Kopf schief.

John saß ohne jede Regung da. Voller Schlamm und Blut und brachte keinen Ton heraus. Er wartete auf eine Standpauke, doch die kam nicht. Severus zog seine Robe aus, hängte sie über den Stuhl und setzte sich ihm gegenüber. Er stemmte die Arme auf die Knie und sah ihn an.

„Was ist passiert?", sagte Severus erstaunlich ruhig.

„Du weißt es doch schon.", antwortete John.

„Ich will es aber von dir hören."

„Was soll ich denn sagen?" John wusste nicht, was er antworten sollte in diesem ihm bevorstehenden Verhör.

„Warum hast du ein Messer?", fragte Severus schließlich.

„Das geht dich nichts an."

„Das geht mich sehr wohl etwas an!", donnerte Severus. John zuckte zusammen. „Du weißt, dass du aus dieser Nummer nicht mehr raus kommst, oder?"

John besah seine Finger und versuchte seinen Vater nicht anzusehen.

„Du weißt doch selbst wie die Hirachie hier funktioniert. Die Älteren ziehen die Jüngeren ab und solange nichts passiert sieht keiner hin."

Severus atmete tief und kratzte sich an der Stirn.

„Der Typ war so ein Gorilla, ich dachte der will mich erledigen.", fügte John hinzu.

„Das ist aber keine Antwort auf meine Frage.", sagte Severus.

„Du solltest doch selbst wissen wie das ist, wenn man sich ohne Waffe nicht mehr auf den Schulhof traut. Und ein Messer wirkt selbst bei Magiern als ordentliche Drohung.", sagte John.

Severus lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

„Du weißt, was jetzt kommt, oder?", fragte sein Vater müde.

„Anhörung. Schulverweis. Mit viel Pech ein Verfahren vor Gericht.", spulte John herunter.

„Warum hast du nie etwas gesagt?", wollte Severus wissen.

„Was hätte das denn gebracht?", sagte John. „Vielleicht ist es besser so. Die Schule ist ohnehin wie Knast."

Severus erhob sich und ging schweigend im Raum auf und ab. Das tat er immer, wenn er nachdachte.

„Ich muss dich trotzdem zum Schulleiter bringen.", sagte Severus.

John nickte. Ihm war klar, dass er seiner Pflicht nachgehen musste. Vielleicht war es wirklich besser so. In den letzten Jahren wurde es für John immer schwieriger in Hogwarts, trotz seiner Beziehung zu Mary. Sie gab ihm halt. Es ging ihm schlecht seitdem sie sich immer weniger sahen. Dann kam eines zum anderen. Noch dazu weil er niemanden in Hogwarts hatte mit dem er aufrichtig reden konnte. Niemand wusste, dass Severus sein Vater war und wie zergliedert das Leben seiner Familie war. Es lief so viel nebenher, so viel gleichzeitig. Manchmal fragte er sich wie sein Vater das über all die Jahre ausgehalten hatte immer mehrere Leben zu führen. Für ihn war es schon schwierig mit niemanden aufrichtig über seine Eltern reden zu können - und Severus war einfach kein guter Gesprächspartner. Weder als Lehrer noch als Elternteil.

John erhob sich und folgte Severus ins Büro von Dumbledore. Dort waren bereits alle Hauslehrer versammelt. Offenbar herrschte bereits einhellige Meinung darüber was jetzt geschehen würde.

„John Franco.", sagte Dumbledore ernst. „Sie wissen warum Sie hier sind?"

„Ja, Sir.", antwortete John.

„Nehmen Sie zu den Vorwürfen Stellung?", fragte Dumbledore streng nach Protokoll.

„Ja. Ich bestreite allerdings nichts. Ja, ich habe den Jungen verletzt und bin mir über die Konsequenzen klar, die mein Verhalten nach sich zieht. Eines möchte ich jedoch gerne hinzufügen: Warum tut die Lehrerschaft eigentlich nichts gegen diejenigen, die wirklich die Schuld tragen? Ich weiß, wir sind Briten und lieben uralte, verknöcherte Traditionen, aber dieses Schulsystem ist doch ein einziges Gefängnis in dem man sich gegenseitig wegbeißt."

Er hörte wie Severus sich lautstark räusperte. Ja, ja, den Bogen nicht überspannen und so, aber jetzt wo er einmal von der Schule flog konnte er auch gleich alles loswerden, was er schon immer mal sagen wollte.

„Es wird zugesehen, aber nie was unternommen. Und sagen Sie nicht Sie würden es nicht bemerken, wenn sich Schüler gegenseitig fertig machen. Ich habe vielleicht einen Fehler gemacht, aber wer von Ihnen lässt es eigentlich zu, dass die Älteren die Jüngeren tyrannisieren und die Leute aufgrund dieses idiotischen Häuserwettstreites sich jedes Mal aufs Neue gegenseitig die Schädel einschlagen? Wessen großartige Idee war das denn?"

John wurde immer lauter und war kurz davor seine Lehrer und den Schulleiter anzuschreien. Severus legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Mr Franco, ich glaube das reicht.", sagte Severus bestimmt.

Flitwick, Sprout und McGonnagal starrten ihn hingegen an. Dumbledore saß hinter seinem Schreibtisch und sah ihn über seine Brillengläser abwartend an.

„Ich geh in den Gemeinschaftsraum zurück. Hier bin ich fertig.", sagte John und stampfte aus dem Raum.

Severus hatte in den 13 Jahren, die er in Hogwarts unterrichtete schon einige socher Anhörungen miterlebt, aber noch nie eine, die so schnell und erschütternd vorbei ging.

„In all den Jahrzehnten, die ich hier gelehrt habe ist mir soetwas noch nicht untergekommen.", sagte Minerva.

„Der Junge war immer wieder mal aufällig, aber das ist selbst für mich überraschend.", sagte Flitwick. „Ich hätte ihn nie so eingeschätzt."

Professor Sprout schüttelte nur entgeistert den Kopf und Severus hielt sich höflich zurück.

„Es ist immer wieder traurig, wenn ein Schüler uns auf diese Weise verlässt. Filius, sorgen Sie dafür, dass alles nötige veranlasst wird.", sagte Dumbledore.

„Natürlich.", antwortete Flitwick und ging zusammen mit den anderen Lehrern aus dem Zimmer.

„Severus, einen Moment noch!", fügte Dumbledore noch schnell hinzu.

Severus blieb stehen und schloss die Tür wieder. Er wandte sich zu Dumbledore um, der sich gerade hinter seinem Schreibtisch erhob.

„Eine Frage hätte ich. Welche Beziehung haben Sie zu John Franco?"

„Ich weiß nicht, was Sie meinen.", sagte er ungerührt.

„Verkaufen Sie mich nicht für dumm. Man muss schon blind sein, um die Ähnlichkeit zu übersehen."

Severus versuchte seine Panik zu verbergen. Irgendwann musste es ja jemanden auffallen. Das es aber ausgerechnet Dumbledore war verkomplizierte alles unnötig.

„Welche Ähnlichkeit?", sagte er spöttisch.

„Nun, ich habe es bis jetzt auch nicht bemerkt, aber wenn Sie so nebeneinander stehen könnte man fast meinen er wäre ihr Kind."

Severus prustete los.

„Albus, Sie machen sich lächerlich!"

„Sie wären sicherlich nicht der erste, dem das passiert."

„Treiben Sie es nicht zu weit.", sagte Severus. „Ich muss Minerva sagen, dass Sie den Wallnusslikör besser verstecken soll."

„Vielleicht irre ich mich auch.", sagte Albus.

„Höchstwahrscheinlich. Davon abgesehen, selbst wenn, ginge Sie das nichts an.", sagte Severus scharf.

„Entschuldigen Sie, es war nicht meine Absicht indiskret zu sein."

„Dafür stellen Sie aber ganz schön indiskrete Fragen.", antwortete Severus.

„Nach all den Jahren hätte ich nur nicht gedacht, dass Sie immer noch allein sind."

Severus blickte Dumbledore zweifelnd an. War das echt oder gespielt? Diese Besorgnis?

„Ihr Interesse an meinem Liebesleben ist ja wirklich reizend, Albus, aber nein, ich bin nicht interessiert.", sagte Severus und ging ohne ein weiteres Wort.

Severus Snape saß auf der Couch in seinen Privatraum bei einer Flasche Whisky. Die Ereignisse dieses Abends brachten ihn dazu nach langer Zeit wieder seinem Laster - dem übermäßigen Konsum von Alkohol und Tabak - nachzugehen.

Er konnte nicht so recht fassen, was geschehen war noch weniger jedoch, dass er von alldem im Grunde nichts mitbekommen hatte. Was war er nur für ein miserabler Vater? Und ein mindestens genauso miserabler Lehrer.

Die ganze Sorge um Potter und Black hatten ihn alles andere völlig vergessen lassen. Er war so mit Arbeit überflutet, dass er das offensichtliche nicht mehr wahrnahm. Er bemerkte nicht mehr wie schlecht es John ging, dass er zu so einer Überreaktion getrieben wurde.

Es klopfte an der Tür.

„Herein.", sagte Severus müde.

Ausgerechnet John kam herein. Er wirkte zerknautscht, hatte gerötete Augen und wirkte ebenso müde wie Severus selbst.

Ohne ein Wort setzte er sich neben seinen Vater. Leia erhob sich von ihrem angestammten Platz vor dem Kamin und legte John den Kopf auf den Oberschenkel. Er kraulete sie hinten den Ohren. Hunde wussten immer, wann sie gebraucht wurden.

„Willst du reden?", fragte Severus.

„Ich kann mir selbst nicht erklären wie es so weit kommen konnte.", sagte John frei heraus. „Weißt du, die Dementoren haben mir ziemlich zu schaffen gemacht in den letzten Monaten."

Severus wusste, was er meinte. Es reichte ihre bloße Anwesendheit. Man musste ihnen noch nicht einmal direkt begegnen, um den Zweifel und die Angst, die sie säten, in sich aufzunehmen. Menschen, die ohnehin schon so ihre Probleme mit dem Leben hatten, trieben sie so vollends in den Wahnsinn.

„Was ist mit deiner Freundin?"

„Wir reden kaum. Ihr geht's noch schlechter als mir.", sagte John.

„Was du in Dumbledores Büro gesagt hast ..."

„Ist nicht so wichtig.", unterbrach ihn John.

„Doch ist es.", konterte Severus. „Du hast recht. Zu meiner Zeit war es genauso. Und niemanden interessiert es, solange die Leute sich nur psychisch fertig machen. Mich hat das eine völlig falsche Richtung einschlagen lassen. Ich möchte nicht, dass du eines Tages den gleichen Fehler begehst wie ich."

John schwieg. Sah ihn jedoch nicht an, sondern streichelte Gedankenverloren über Leias Kopf.

„Ich bin dir nicht böse, falls du das denkst.", fuhr Severus fort. „Fahr zu deiner Mutter und denk in Ruhe über alles nach."

„Da ist noch was, um das ich dich bitten möchte.", sagte John und holte einen Brief aus seiner Brusttasche heraus. „Kannst du den Mary geben?"

„Ich bin aber nicht Professor McGonagall.", fügte Severus hinzu.

„Ich will ihn nicht der alten Hexe geben. Die ließt ihn am Ende noch.", sagte John.

Der leise Hauch eines Lächelns breitete sich über Severus' Gesicht aus. Das er das jemals von einem Schüler hören würde hätte er nicht gedacht.

„Ich geb' ihn ihr.", sagte Severus und nahm den Brief an sich. „Liebeskorrespondenz?"

John bekam unvermittelt rote Ohren, sagte aber nichts.

„Keine Sorge, bei mir ist er gut aufgehoben."

„Okay.", schloss John und erhob sich. Er verabschiedete sich und ging.

Severus blieb alleine zurück. In Gedanken bei seinem Sohn und dem Weg den er hoffentlich nicht wählen würde.