Severus Snape saß an diesem Abend in seinem Büro über einen Haufen Schreibkram. Der Papierhaufen vor ihm wurde nur sehr langsam kleiner, da seine Gedanken immer wieder zu Johns Verhandlung abschwiffen. Severus hatte nicht gelogen, nur die Wahrheit etwas gedehnt. Und das die Behörden das Messer nicht fanden war nicht seine Schuld, wenn sie nicht richtig suchten.
Als er so im Gedanken war klopfte eine Eule gegen das kleine Kellerfenster seines Büros. Severus sah verwirrt auf. Die Eule gehörte zu jemanden, den er seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte. Zögernd erhob sich Severus, ging zu dem Fenster und öffnete es. Er nahm dem Vogel den Brief aus dem Schnabel und dieser flog unverzüglich wieder davon.
Er stand da und überlegte, ob er den Brief wirklich öffnen sollte. Er hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner Familie gehabt. Dass er ausgerechnet jetzt einen Brief bekam ließ ihn in dunkle Vorahnungen gleiten.
Schließlich überwand Severus sich und öffnete den Umschlag. Darin war ein handgeschriebener Brief auf liniertem Papier in einer extrem zittrigen und verissenen Handschrift. Es war die Schrift seines Vaters. Allerdings in einer wesentlich unleserlicheren Variante als er sie in Erinnerung hatte.
Lieber Severus,
ich weiß, dass dieser Brief für dich überraschend kommt, aber ich bitte dich mir einen letzten Gefallen zu erfüllen. Ich werde sterben. Die Ärzte ließen daran keinen Zweifel. Ich weiß wir hatten unsere Differenzen, aber ich will dich nur noch ein letztes Mal sehen, bevor ich aus der Welt scheide.
In Liebe,
Tobias
Severus starrte den Zettel an. Die Worte kamen nur sehr langsam in seinem Kopf an. Er wusste nicht, was er fühlen oder denken sollte. Die Beziehung zu seiner Familie, erst recht zu seinem Vater, war stets kompliziert gewesen. Severus hatte ihnen einst den Rücken gekehrt, weil er glaubte, er könne so all die lästigen Geister loswerden. Das Problem mit Gespenstern war, dass sie hin und wieder zurück kamen. So wie Lupin und Black als Teil seiner Vergangenheit in die Gegenwart drängten so war es auch mit seiner Verwandtschaft. Nie hätte er sich träumen lassen, dass ihn dieser Teil der Geschichte erneut heimsuchen würde.
Nach dem Tod seiner Mutter hatte er sich von ihm entfremdet und eine Richtung eingeschlagen, die ihn ins Verderben stürzte. Es war fast so als würden die Dementoren jedes Stück seines Lebens aus seinem Bewusstsein fischen, die ihn am schmerzlichsten trafen - nur das kein Dementor zugegen war.
Severus legte den Brief auf den Tisch und ließ sich in seinen Stuhl fallen. Er starrte ins Leere vor sich. Er konnte nicht sagen, ob er Trauer oder Erleichterung empfand. Alles war so verwirrend.
Severus dachte in den nächsten Tagen viel über den Brief seines Vaters nach. Er wusste es würde schwer werden, wenn er in das Haus seiner Kindheit zurückkehrte. Es gab so viele Erinnerungen, die daran hingen. Gute wie Schlechte.
Davon abgesehen würde es Dumbledore auffallen, wenn er einfach so verschwand. Er würde den alten Magier aber ganz bestimmt nicht um Erlaubnis fragen. Seine Familie ging ihn nichts an. Weder John noch das vertrackte Verhältnis zu seinem Vater.
An einem kalten Morgen, der schon die ersten Schneeflocken mit sich brachte, entschied sich Severus einfach zu gehen. Er hatte heute eh keinen Unterricht. Severus zog sich den dicken Wintermantel über sein Jackett und schlang sich seinen schwarzen Schal um den Hals als er hinaus aufs Gelände ging. Er lief bis zum Rand des Waldes und verschwand mit einem pflop. Er apparierte in der Mitte einer kleinen, südenglischen Stadt in der es nach wie vor nach Fisch und Industrieabfällen roch. Bristol.
Der Geruch seiner Kindheit kroch ihn in die Nase. Severus musste mit seinen Erinnerungen kämpfen, die dieser Duft mit sich brachte. Schon in seiner Jugend war Bristol ein beschaulicher Fischerhafen gewesen. Kleine Booten lagen noch immer am Hafen vor Anker, doch es gab außer Touristen schon längst keinen Grund mehr aufs Meer zu fahren. Die großen Fischereiunternehmen hatten die kleinen Fischer längst abgehängt. Der Anschein trog, denn die Stadt war heute genauso elend wie früher. Einzig den Touristen spielte man noch etwas vor.
Severus machte sich auf den Weg zum Haus seines Vaters. Es war ein vierstöckiges Mehrfamilienhaus mit einem kleinen Vorgarten. Der Zaun war schon lange nicht mehr repariert worden. Überall klafften Löcher und Unkraut wucherte dort wo einst das Beet war. Die Haustür, von der die Farbe abblätterte, stand offen. Severus ging ohne zu klingeln oder anzuklopfen hinein. Drinnen sah es noch weniger gepflegter aus als draußen. Hier war schon seit einer Ewigkeit nichts mehr gemacht worden. Alle Wohnungen bis auf die Oberste standen leer. Überall lag Staub und Dreck. Es machte den Eindruck als wäre hier schon lange niemand mehr, der sich um alles kümmerte.
Severus ging hinauf. Das Klingelschild an der Wohnung im obersten Stock war schon lange vergilbt und niemand hatte sich die Mühe gemacht es auszutauschen. Er drückte auf die Klingel. Nichts tat sich. Severus betätigte sie noch einmal. Nichts.
Severus drückte die Türklinke. Die Tür war offen. In der Wohnung, die er vor vielen, vielen Jahren sein Zuhause nannte, herrschte das pure Chaos. Hier war es genauso verwaist wie im Flur und im Garten. Überall lagen Sachen herum als hätte man sie an Ort und Stelle fallen lassen und wäre nicht mehr in der Lage gewesen sie fortzuräumen.
Aus dem ehemaligen Wohnzimmer hörte ein ein lautes Husten und Keuchen. Severus öffnete vorsichtig die Tür und erblickte einen auf dem Sofa liegenden Mann. Auf dem Couchtisch lagen unmengen an Medikamentenpackungen. Der Mann war einst ein größer, stämmiger Mensch gewesen, der jetzt nur noch ein Schatten seiner selbst war. Er war dürr und ausgemerkelt. Sein einst so dichtes, schwarzes Haar war grau und fahl. Sein Gesicht gezeichnet von dem schlechten Lebensstil, der überwiegend aus Alkohol und Tabak bestand.
„Hallo Dad.", sagte Severus. Er blieb an der Tür stehen. Bereit zur Flucht.
„Severus.", keuchte Tobias Snape.
„Bist du hier allein?", wollte Severus wissen.
Tobias setzte sich mühevoll auf und zog die Wolldecke dichter an sich heran, woraufhin er einen erneuten Hustenanfall bekam. Severus nährte sich seinem kranken Vater.
„Fort.", antwortete Tobias. „Ich bin allein."
Severus erinnerte sich an seine Stiefmutter. Eine Susan, wenn er sich noch richtig erinnerte.
„Wo ist deine Frau?"
„Schon lange weg.", antwortete Tobias wehmütig.
Was war bloß passiert?
„Ich habe deine Eule erhalten.", sagte Severus.
„Das war nicht meine, sondern die von Tante Josephine. Du kennst sie doch sicher noch. Sie kommt ab und zu vorbei und sieht nach mir."
Ja, seine verrückte Tante Josephine. Eine gute Hexen, aber völlig durchgeknallt. Sie verzauberte Türklinkten so, dass sie zubissen und hielt sich Alligatoren in der Badewanne. Das ausgerechnet sie sich um seinen Vater kümmerte, noch dazu um einen Muggel, wunderte ihn wenig. Sie hatte sich mit Tobias immer gut verstanden.
„Du stirbst?", sagte Severus.
„Besteht daran bei meinem Zustand ein Zweifel?", sagte Tobias und bekam wieder einen Hustenanfall. „Lungenkrebs. Ich vermute das könnt nicht mal ihr Magier heilen."
Nein, das konnten sie nicht. Andererseits spielte es für sie auch kaum eine Rolle. Es gab Tränke und Zauber die Knochen und ganze Organe neu wachsen ließen und das Leben eines Menschen erheblich verlängern konnten. Dumbledore war das lebende Beispiel dafür.
Severus holte sich einen Stuhl vom Tisch heran und setzte sich seinem Vater gegenüber.
„Du wolltest mich sehen? Hier bin ich.", sagte er.
„Es fällt mir nicht leicht dich das zu fragen, aber ich will so nicht sterben.", sagte Tobias.
„Wie bitte?", fragte Severus irritiert.
„Ich möchte sterben, aber nicht so. Nicht allein in dieser gottverdammten Wohnung, wo es keiner mitbekommen würde."
Severus blieb erstaunlich ruhig. Er wusste was sein Vater von ihm wollte, doch Severus konnte nicht sagen, ob er bereit war seinem Vater mit dem er so viel gestritten hatte, mit dem so viel ungesagt blieb, ob er bereit war ihn sein Leiden zu ersparen und ihn zu töten.
„Warum fragst du nicht jemand anderen?", wollte Severus wissen.
„Ich bin nicht mehr der der ich war und diese Familie auch nicht. Jeder geht seines Weges und kümmert sich nicht um den anderen. Josophine ist gütig, aber ich könnte sie nie um so etwas bitten, du hingegen Severus ..."
„Ich bin wohl der Typ für so etwas?", sagte Severus leise.
„Ja.", antwortete Tobias gerade heraus. „Du warst immer der Zähste von uns. Hast Dinge erlebt und überlebt, die jeden anderen umgebracht hätten."
„Ich nehme an, das ist ein Kompliment.", schnaufte Severus.
„Wir waren selten einer Meinung, Severus, aber ich habe dich immer geliebt.", sagte Tobias. Es fiel ihm sichtlich schwer.
„Ich kann dich nicht einfach umbringen.", sagte Severus. „Das geht nicht. Ich bring dich ins Krankenhaus. Wohin immer du willst, aber das nicht. Zwing mich nicht zu so etwas."
Er sah wie Tobias' Augen glänzten. Er hatte seinen Vater noch nie den Tränen nahe erlebt.
„Ich will nicht mehr leben, verstehst du? Ich will wieder bei deiner Mutter sein."
Severus stand auf und lief im Raum auf und ab und versuchte sich nicht anmerklen zu lassen wie ihn das mitnahm. In seinem Kopf ging alles durcheinander. Er sah wieder seine Kindheit vor sich. Wie glücklich sie waren als Eileen noch lebte und wie alles den Bach runter ging nach ihrem Tod. Seine Mutter war ihr Anker gewesen. Sowohl der von Tobias wie auch der von Severus. Das war alles schon so lange her, doch Severus versetzte es einen Schlag als sei es heute geschehen. Er hatte das alles so lange verdrängt. Den Schmerz begraben den er mit seiner Familie verband. Tobias hatte versucht ein guter Vater zu sein, doch er hatte es in seiner jugendlichen Wut nie zu würdigen gewusst.
„Severus?", fragte sein Vater schließlich.
„Es gab so viel unausgesprochenes zwischen uns, so viel Zorn.", antwortete Severus mehr sich selbst als Tobias.
„Ich habe dir schon vor langer Zeit verziehen, Severus. Du musst loslassen und dir selbst vergeben, mein Junge.", antwortete sein Vater.
„Wie könnte ich das je?", fragte Severus.
„Tu mir diesen einen Gefallen und du hast diese Vergebung.", sagte Tobias.
„Ich kann dich nicht davon abbringen?" Severus wandte sich seinem Vater wieder zu.
„Es ist der letzte Wunsch eines Sterbenden. Ich bin sowieso schon tot. Ich will nur in Würde sterben."
Severus steckte die Hände in die Manteltaschen und sah zu Boden. Er würde das bereuen, da war er sich sicher.
„Okay.", sagte er schließlich.
Severus sah sich die Medikamente auf dem Tisch an und schnappte sich die Packungen verschiedener Schmerzmittel.
„Ich bin gleich zurück.", sagte er und ging in die Küche, die genauso verwahrlost war wie der Rest des Hauses. Er nahm ein sauberes Glas aus dem Schrank und füllte es mit Wasser. Anschließend zerkleinerte er die Tabletten und verrührte das Pulver mit dem Wasser. Wenn er richtig lag würde die Mischung und die Überdosis ihn langsam töten. Er würde einschlafen und nichts mitbekommen.
Severus kam zurück und gab seinem Vater das Glas mit dem Medikamentencocktail.
„Wird es lange dauern?", wollte Tobias wissen.
„Nicht sehr lang.", antwortete Severus.
„Ich hoffe, das wird nicht schmerzhaft."
„Wird es nicht.", beteuerte Severus. „Du musst das nicht tun, wenn du nicht willst."
„Scheißegal.", sagte Tobias und leerte das Glas mit einem Schluck.
„Kannst du stehen?", fragte Severus unvermittelt.
„Nicht gut, warum?"
Severus zog seinen Mantel aus und legte ihn seinem Vater um. Er zog ihn auf die Beine und disapperierte mit ihm. Sie tauchten in einem Park wieder auf. Tobias klammerte sich an seinem Sohn fest.
„Dass euch Magier nie schlecht wird, wenn ihr euch so bewegt?", sagte Tobias und rutschte auf die Knie. Severus half ihm auf und ging mit ihm zu einer Parktbank. Er bugsierte erst seinen Vater und setzt sich dann selbst.
„Weißt du, wo wir sind?", fragte Severus.
„Natürlich, das ist St. Marys. Hier habe ich deine Mutter kennen gelernt."
„Ja, du hast mir die die Geschichte oft erzählt.", sagte Severus. „Ich dachte, hier zu sterben wäre schön."
„Ja.", sagte Tobias und lehnte sich erschöpft an die Schulter seines Sohnes. „Sie war wunderschön, deine Mutter. Erinnerst du dich, Severus? Sie hatte Blumen in ihrem schwarzen Haar und geriet dann an einen Rüpel wie mich."
„Ihr habt euch geliebt.", sagte Severus.
„Ja, ich bin mit ihr immer hierher gekommen. Sie machte keinen Hehl aus dem, was sie war. Sie war so wunderschön und glücklich. Sie hat mich akzeptiert. Mir nie Vorwürfe gemacht, dass ich sie nie hätte erreichen können. Und sie hat mich geheiratet, obwohl ihre ganze Verwandtschaft dagegen war."
„Ja.", sagte Severus mit belegter Stimme. Der Krieg hatte ihre Familie zerstört. Eileen war nur sein erstes Opfer gewesen.
„Ich danke dir.", sagte Tobias und nahm die Hand seines Sohnes. Er schloss die Augen und Severus spürte wie der Körper seines Vaters nach und nach erschlaffte. Er fühlte mit der Hand nach dem Puls. Tobias glitt hinüber in die Welt wo er seine Frau endlich wiedersehen würde.
Severus umklammerte Tobias. In seinen Augen spiegelten sich stille Tränen. Er wusste nicht, was er fühlen sollte. In seinem Kopf war er wieder vierzehn und hatte gerade seine Mutter verloren. Severus fühlte sich genauso wie damals. Verloren und mitgerissen von den Ereignissen. Er hatte schon viele Menschen sterben sehen, zu viele, aber kein Tod schmerzte ihn noch immer so sehr wie der von Eileen Snape. Vielleicht hatte er ja irgendeinen, komischen Komplex, aber seine Mutter war das, was der mythologischen Gestalt eines Engels noch am nächsten kam. Eine gütige Frau mit Blumen in ihrem rabenschwarzen Haar, die ihn schon früh unterwies in der Magie und ihrem Steckenpferd, der Alchemie. Damals war er mit all dem Zorn und der Trauer allein gewesen - zumindest dachte er das.
Severus wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, zog Tobias auf die Beine und disapperierte. Mit dem üblichen pflop tauchte er vor einer alten, etwas heruntergekommenen Jugendstilvilla auf. Er trug seinen Vater zur Tür und öffnete diese mit einem Wink seines Zauberstabs. Mit Josephines beissenden Türklinken wollte er jetzt nichts zutun haben.
Er betrat den großen Vorsaal mit den schwungvoll nach oben führenden Treppen. Aus der Dunkelheit kam ein alter Hauself angetrabt.
„Hol Tante Josephine. Sofort.", sagte Severus zu dem Elf.
Ohne ein Wort zu erwidern verschwand der Hauself. Severus ging in den großen Saal nebenan. Dort befand sich ein Kamin und davor eine Couch. Er legte Tobias ab. Richtete ihn, legte seine Arme auf den Bauch und faltete seine Hände. So wirkte es wenigstens als würde er einfach nur schlafen.
Severus stand da und wieder rannen ihm stille Tränen die Wangen hinab. Immer war er dem Tod näher gewesen als dem Leben. Sein Vater wusste das. Deshalb fragte er auch ihn, ob er ihm beim Sterben helfen würde.
Die Tür zum Saal öffnete sich und Tante Josephine kam zusammen mit dem Hauselfen hineingetrabt. Sie trug ein langes, schwarzes Kleid und hatte ihr schwarzes Haar zu einem wirren Knoten zusammengebunden. Sie war älter und etwas fülliger geworden.
„Du meine Güte, Severus ...", sagte sie ehrlich überrascht.
Sie kam auf ihn zu und sah auf das Sofa. Erschrocken schlug sie die Hände vor den Mund.
„Was ist geschehen?", fragte sie.
„Der Tod ist geschehen.", sagte Severus bitter.
Tante Josephine - obwohl sie einen Kopf kleiner war als er - umarmte ihn mütterlich. In Severus löste das einen alten Schmerz aus. Er umarmte seine Tante und fing an zu weinen wie ein kleines Kind. Manchmal brauchte es einfach nur jemanden, der ihn festhielt und ihm so diese Last von den Schultern nahm.
„Es ist alles gut, mein Junge.", sagte Josephine. „Er ist jetzt an einem besseren Ort."
Severus riss sich von ihr los und trocknete seine Tränen mit dem Ärmel seiner Jacke. Es überraschte ihn selbst wie sehr ihn das alles mitnahm. Er hatte sich seit Jahren nichts mehr mit Tobias zu sagen gehabt und jetzt war es als hätte er eine wichtige Chance verpasst. Severus wusste, dass er es bereuen würde, wenn er einem sterbenden Mann seinen letzten Wunsch erfüllte.
„Tobias war ein starker Mann, aber sein Leiden war stärker.", sagte Josephine.
„Ich habe ihn getötet.", sagte Severus mit zitternder Stimme.
Josephine sah ihn mit großen, ungläubigen Augen an.
„Es war sein letzter Wunsch. Er hatte keine Schmerzen. Er ist eingeschlafen. Ich bin mit ihm noch mal in den Park St. Marys, damit er was Schönes sieht ...", brabbelte Severus darauf los.
„Komm, mein Junge, setz dich.", sagte Josephine. Sie nahm seine Hand und führte ihn zu den Stühlen und Tischen im Salon. Sie bugsierte ihn und holte eine große Flasche Gin aus der Minibar in Form eines altmodischen Globus. Sie stellte ihm ein Glas hin und schenkte ihm ein.
„Du hast das Richtige getan.", sagte Josephine.
„Warum fühle ich mich dann nicht so?", fragte Severus und trank das Glas Gin mit einem Zug aus.
Seine Tante nahm seine Hand in die ihre.
„Dein Vater war schon lange krank. Er hätte nur noch Wochen gehabt."
„Ja, und er wusste an wen er sich wenden muss, wer immer seiner Aufgabe nachkommt, egal wie unangenehm sie ist.", schloss Severus. „Das ist auch scheinbar das Einzige, was ich kann."
Severus erhob sich.
„Severus", sagte Josephine eindringlich „du darfst dir nicht die Schuld geben."
Severus schwieg für einen Augenblick.
„Wir sind alle schuldig.", sagte er schließlich. „Jeder auf die eine oder andere Art."
Severus wandte sich von seiner Tante ab und ging hinaus. Draußen disapperierte er.
Spinners End war das Haus in dem er seine frühe Kindheit verbracht hatte. Severus hatte es vor vielen Jahren erworben als passenden Unterschlupf für seine Agententätigkeit. Davon abgesehen war sein richtiges Haus vor zwei Jahren von einer schlecht gelaunten Horde Vampire in eine rauchende Ruine verwandelt worden. Er stritt sich noch heute mit der Versicherung wer denn für all die Einschusslöcher und Explosionen verantwortlich war.
Spinners End lag am Rand von Bristol. Es war etwas ländlicher als das Haus seines Vaters in der Stadt. Es war seine offizielle Adresse für jeden, der etwas von ihm wollte. Drinnen war es rustikal eingerichtet. Es bestand im Grunde nur aus dem Erdgeschoss und einem staubigen Dachboden. Unten gab es im wesentlichen nur die Küche, Bad, Schlafzimmer und ein geräumiges Wohnzimmer. Vollgestopft mit Regalen voller alter Folianten und alten Möbeln. Das Haus gehörte zu den wenigen guten Erinnerungen, die er hatte und nach dem Krieg wollte es der vorherige Grundbesitzer unbedingt loswerden.
Drinnen zog er seinen Mantel und Jackett aus und nahm sich aus dem Kühlschrank in der Küche eine halbvolle Flasche Whisky. Mit dieser legte er sich auf die durchgelegene Couch. Er hatte für heute wirklich genug. Severus wollte nur noch vergessen, was heute geschehen war. Er zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Die schlechten Angewohnheiten musste er von seinem Vater haben.
Er rauchte und trank, wie immer wenn es ihm beschissen ging. Diese Art der Problembewältigung hatte er sich als Teenager angewöhnt. Als seine Mutter noch lebte hatte er das nicht gebraucht und in der Zeit in der Armee und später bei den Todessern war es für ihn endgültig zur Normalität geworden.
Severus hörte wie jemand die Haustür aufschloss. Es gab nur zwei Menschen, die einen Schlüssel dafür hatten. Er selbst und Jennifer. Schritte nährten sich und Severus setzte sich auf. Er sah zur Tür. Jennifer kam herein und blieb in der Tür stehen. Leger gekleidet in Jeans und eine dicke Harringtonjacke.
„Woher wusstest du, dass ich hier bin?", fragte Severus.
„Sagen wir einfach eine Eule hat es mir zugezwitschert.", antwortete Jennifer und kam herein. „Du darfst das wirklich nicht tun."
„Was?"
„Das.", sagte Jennifer und deudete auf die geleerte Whiskyflasche. Sie setzte sich neben ihn auf die Couch. „Ich dachte du hättest das überwunden."
„Dann bin ich eben rückfällig.", antwortete Severus und stützte seinen Kopf auf die Hände.
Jennifer nahm ihn in den Arm. Sie sagte nichts. Schwieg sich über das aus, was ihr im Kopf herumspukte. Severus' Kopf lehnte an ihrer Brust. Er wollte nur festgehalten werden. Mehr brauchte er gar nicht. Einfach nur jemanden, der ihn hielt. Das war alles.
Severus bemerkte gar nicht wie er einschlief.
