„Wissen Sie eigentlich, wann er das letzte Mal von sich aus Urlaub beantragt hat?", fragte Minerva McGonnagal den Schulleiter.
Sie saß ihm gegenüber an seinem Schreibtisch. Sie diskutierten gerade als eine Eule hereinflog und etwas ablieferte, dass Severus Snape schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gemacht hatte.
„Das muss schon einige Jahre her sein.", antwortete Albus als er den Antrag in Augenschein nahm. „Es scheint ihm wirklich schlecht zu gehen."
„Natürlich geht es ihm schlecht.", giftete Minerva ungewollt. „Die Demonetoren setzten ihn noch mehr zu als Remus."
„Nicht so angriffslustig, Minerva.", tadelte Albus sie.
„Glauben Sie manchmal nicht, dass Sie ihm zu viel abverlangen?", sagte Minerva und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Das sind ja ganz neue Töne von Ihnen." Albus zog die Augenbrauen überrascht nach oben. „Normalerweise höre ich dieses Lied immer nur von Severus."
„Ihnen hat er ja auch nicht von seinen Geistern erzählt." Minerva atmete tief. „Ich glaube , es ist ernst. Er ist seit Tagen neben sich. Selbst den Schülern ist es bereits aufgefallen."
„Ein seltsamer Severus Snape? Ich dachte man sei hier schon allerhand gewohnt?", sagte Albus trocken.
„Wenn Sie ihn nicht nach Hause schicken, dann tu ich es!", sagte Minerva und es war ihr völliger ernst. Severus Zustand war labil. Labiler als sonst. Und sie fürchtete um ihn.
„Meine Güte, dieses Feuer kenne ich ja gar nicht von Ihnen.", sagte Albus immer noch völlig emotionslos.
„Wenn Sie schon nicht sehen wie schlecht sein Zustand ist, dann denken Sie wenigstens daran wie wenig er uns nützt, wenn er in seinen Depressionen versinkt."
„Sagen Sie, Minerva, warum setzen Sie sich so für ihn ein. Sie können ihn die meiste Zeit nicht ausstehen.", fragte Albus und sah sie über seine Halbmondglaser an.
„Oh ja, die meiste Zeit könnte ich ihn nur ohrfeigen!", gab Minerva zu.
„Warum tun Sie es nicht?"
„Weil das ja ohnehin nichts nützen würde.", sagte Minerva.
Albus reichte ihr den Antrag.
„Füllen Sie ihn aus. Ich bin offenbar nicht kompetent."
„Albus Sie wissen genau wie ich das gemeint habe! Sie können Severus nicht immer nur benutzen und sich dann beschweren, wenn er zusammenbricht.", sagte Minerva streng und schnappte dem Direktor Severus' Urlaubsantrag aus der Hand. „Und Sie wissen genau warum es ihm so schlecht geht! Diese ganze Angelegenheit muss für ihn wie eine Reise in die Vergangenheit sein. Wie ein schlechter Traum oder so."
„War's das?", fragte Albus.
„Oh ja.", sagte Minerva wütend, schnappte sich Albus Feder und unterschrieb den Antrag gar nicht mit ihrer gewohnten Schönschrift.
Sie kehrte dem Direktor den Rücken und stampfte aufgebracht aus dem Büro. Es brauchte schon einiges damit sie sich mit Albus stritt. Die meiste Zeit war sie eher wütend auf Severus, einfach weil er sie ständig provozierte. Allerdings würde sie nicht zulassen, dass er derart litt. Manchmal fehlte Albus gerade in Bezug auf Severus jede mitfühlende Menschlichkeit. Als sei er mit sich selbst nicht schon gestraft genug.
Minerva ging hinunter in die Kerker. Sie klopfte an der Bürotür des Tränkemeisters, erhielt jedoch keine schroffe Aufforderung. Stattdessen öffnete Severus persönlich. Er hatte tiefe Augenringe und wirkte noch fertiger als sonst. Dazu hatte er noch eine Zigarette im Mund.
„Wollten Sie nicht aufhören?", fragte Minerva.
Severus sagte nichts. Er sah sie nur mit seinen müden Augen an und winkte sie herein. Minerva wusste, wenn er so drauf war konnte das nichts Gutes heißen. Kein bissiger Spruch, kein sarkastischer oder vor Zynismus triefender Einwurf? Es ging ihm wirklich nicht gut.
Severus ließ sich hinter seinem Schreibtisch nieder, der für seine Verhältnisse unglaublich unordentlich war.
„Ich möchte Ihnen etwas geben.", sagte Minerva und reichte ihn den Antrag.
Severus sah darauf und zog die Augenbrauen hoch.
„Sie haben unterschrieben?", fragte er.
„Ich weiß eben, was gut für Sie ist.", antwortete Minerva.
„So?", fragte er.
„Severus, Sie wissen was Albus davon hält?"
„Vermutlich wurden meine zahlreichen Vergehen aufgezählt?", mutmaßte Severus.
„Soweit habe ich es nicht kommen lassen.", beteuerte Minerva.
Severus lehnte sich zurück und rieb sich nervös die Nasenwurzel.
„Darf ich Sie etwas fragen?", sagte er ruhig.
„Ja?"
„Wenn ein Sterbender zu Ihnen käme und Sie auffordern würde ihn zu töten. Würden Sie es tun?", fragte Severus.
„Was ist denn das für eine Frage!" Minerva entglitten ihre Gesichtszüge.
Severus antwortete nicht, sondern schüttelte nur Gedankenverloren den Kopf.
Minerva setzte sich auf den gefürchteten Hocker vor seinem Schreibtisch auf dem schon einige Generationen von Schülern zittern mussten.
„Was haben Sie getan?", fragte Minerva ernsthaft.
„Sie wollten doch wissen, was meine Geister so machen.", sagte Severus leise. „Ich habe etwas getan für das ich mich schäme und das mir so viele Schmerzen bereitet, dass ich nicht weiß wie ich je damit weiterleben soll."
Minerva versuchte sich ihre Anspannung nicht anmerken zu lassen. Severus erzählte so gut wie nie, was ihn bewegte. Er behielt alles für sich und sprach sich nie aus. Das er jetzt so plötzlich anfing zu reden machte ihr Sorgen. Severus war niemand, der seine Gefühle teilte, schon gar nicht mit ihr.
„Ich habe es Ihnen nie gesagt, aber Sie sind die einzige Person hier, der ich je etwas anvertrauen würde.", sagte Severus.
Minerva wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Es war ein enormer Vertrauensbeweis, dass er überhaupt etwas in diese Richtung sagte. Severus verblüffte sie. Nach all den Jahren, die sie gestritten und sich gezofft hatten.
„Ist das eine Art Beichte?", fragte Minerva.
„Ich konnte mit diesem imaginären, bärtigen Typen nie was anfangen, aber wenn sie es unbedingt so nennen wollen.", antwortete Severus. Er holte tief Luft und sah auf seine Hände.
„Ich habe meinen Vater getötet", sagte er schließlich. „Nicht so wie Sie vielleicht denken. Er war schwer krank und wollte, dass ich ihn töte damit er nicht alleine in seiner Wohnung sterben muss."
„Haben Sie es getan?", wollte Minerva wissen.
„Ich wollte, dass er in ein Krankenhaus geht, dass er nochmal darüber nachdenkt, aber er wollte nicht. Er wollte sterben und hat dafür den einzigen gerufen den er das zutraute."
„Warum erzählen Sie ausgerechnet mir das?", fragte Minerva.
„Weil ich wahnsinnig werde, wenn ich es niemanden sagen kann.", antwortete Severus. „Was sagt das über mich, wenn mein eigener Vater mich nur holt, weil er sterben will? Wir haben uns seit 10 Jahren nicht gesehen. Warum kann ich das so gut? Warum ich? Immer und immer wieder? Steckt in mir denn nichts anderes als ein Mörder?"
Minerva rutschte wortwörtlich das Herz in die Robentasche. Gott, auf so etwas war sie nicht im geringsten vorbereitet. Und sie wusste, dass er sich die Schuld gab. Wer täte das nicht? In all der Zeit im Phönixorden und die Jahre in der Schule ... Er hatte sich wirklich gut versteckt hinter seiner harten Schale. Sie derartig aufbrechen zu sehen machte Minerva Angst.
„Ihr Vater hat Sie vor eine harte Wahl gestellt.", begann sie vorsichtig.
„Er war völlig allein und konnte kaum gehen und keinen hat es gekümmert!"
„Außer Ihnen.", sagte Minerva.
„Ich habe vor 10 Jahren den Kontakt zu ihm abgebrochen.", erwiderte Severus.
„Wie hätten Sie da wissen sollen wie es ihm geht?", fragte Minerva. „Manchmal ist es so, Severus. Manchmal müssen wir gehen lassen."
„Ich hätte ihn retten können. Vielleicht, wenn er es zugelassen hätte."
„Wir können nicht alle retten.", sagte sie.
„Wen habe ich schon gerettet?", fragte Severus bitter.
„Viel mehr als Sie glauben.", antwortete Minerva. „Wissen Sie noch, da gab es mal einen jungen Mann, der seiner Angst und Aussichtslosigkeit zum Trotz den richtigen Weg gewählt hat. Nur wegen ihm ist der Dunkle Lord überhaupt gefallen."
„Harry Potter hat ihn getötet, nicht ich.", sagte Severus und schüttelte den Kopf.
„Aber ohne Sie wäre das nicht möglich gewesen."
„Und trotzdem, die Potters sind tot und zahllose andere. Ich habe viel Blut an meinen Händen und es wird einfach nicht weniger. Egal was ich tue, es läuft immer darauf hinaus, dass jemand stirbt!"
Minerva ahnte, was in Severus' Kopf vorging. Er sah zurück und sah nur den dunklen Schatten, den er warf.
„Wie ich schon sagte, Sie sind ein guter Mensch, wenn Sie es zulassen. Glauben Sie nicht ich hätte den Krieg unbeschadet überstanden. Wir haben alle Dinge getan, die wir heute lieber vergessen würden.", sagte Minerva. Sie deutete auf den Antrag auf Severus' Schreibtisch. „Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen, um wieder auf die Beine zu kommen. Ich stelle Sie sogar vom Unterricht frei, wenn Sie das möchten. Wir sind alle Menschen und selbst ein grantiger Tränkemeister kann sich mal eine Schwäche eingestehen."
Minerva erhob sich und wandte sich um. Sie wollte gerade gehen als sich Severus nochmal an sie wandte.
„Minerva, ich danke Ihnen.", sagte er.
Sie nickte ihm zu und ging aus dem Büro.
Minerva McGonnagal lag in dieser Nacht noch lange wach. Das Severus sie so ins Vertrauen genommen hatte jagte ihr Angst ein, machte sie aber auch ein wenig stolz. Immerhin zeigte das wie sehr er sie wertschätzte, egal wie oft sie sich manchmal in den Haaren lagen. Würde er sich öfter menschlich geben hätte er vermutlich auch nur halb so viele Probleme. Sie wusste warum er so war wie er war. Seine Agententätigkeit zwang ihn nach außen hin zu einer Emotionslosigkeit, die ihm als Mensch einfach nicht gut tat. Albus' Schindereien machten es oft nur schlimmer.
Sie wusste, dass sie niemanden von diesem Gespräch erzählen konnte. Es war Severus' größter Vertrauensbeweis, den sie je von ihm bekommen würde. Minerva wusste das zu schätzen, auch wenn sie manchmal wirklich gern mehr gewusst hätte, was in seinem Kopf vorging. Sie kannte ihn seit er selbst Schüler in Hogwarts war und wusste doch so erstaunlich wenig über ihn. So wie überhaupt alle wenig über ihn wussten. Selbst Albus kannte nur das, was er von sich aus erzählte. Severus hatte ein außert effektives System, um sich Leute vom Hals zu halten. Es hieß unnahbare, schlechte Laune gepaart mit der furchtsamen Ahnung, dass er ein finsteres Ekel war - und das war er wirklich oft genug.
Wie oft hatte Severus' Art sie schon rasend gemacht? Und es stimmte, was sie in Albus' Büro gesagt hatte, manchmal wollte sie ihn einfach pausenlos ohrfeigen. Das lag auch an seiner frustrierenden Ehrlichkeit. Solange er niemanden dadurch gefährdete blieb er immer bei der bitten Wahrheit. Er hatte aber eine unglaublich provozierende Art sie kund zu tun. Taktgefühl war wirklich das Letzte woran er Gedanken verschwendete. Minerva hatte es schon früher Sorgen bereitet, dass ein derart intelligenter, versierter Mann so wenig mit seinen Mitmenschen anfangen konnte. Bei seiner Vergangenheit musste das aber wohl so sein.
Minerva drehte sich auf die Seite in der Hoffnung endlich einschlafen zu können, doch Severus ließ ihr einfach keine Ruhe. Dieser Mann brachte sie nicht nur um ihre Nerven, sondern jetzt auch noch um ihren Schlaf. Sie würde es ihm dieses eine Mal wohl nachsehen.
