Als Severus nach Hogwarts zurückkehrte kam es ihm seltsam leer vor. Besonders drastisch spürte er diesen Umstand, wen er alleine auf seinem Sofa saß und vor dem Kamin kein treuer Hundeblick auf ihn wartete. Leia fehlte ihm. Es war für jemanden in seiner Stellung vermutlich albern, um einen Hund zu trauern, aber er hatte viel mit ihr durchgemacht in den letzten 10 Jahren. Sicher, sie war in Hundejahren schon steinalt, aber das machte es nicht besser. Sie half ihm immer beim Verdrängen. Jetzt war sie nicht mehr da, um ihn zu trösten.

Die Tage kamen Severus seltsam gedehnt vor und der Unterricht zog sich schleppend dahin. Vielleicht war das der Grund warum er mürrischer denn je war. Die grell, glitzernde Weihnachtsdekoration, die Hogwarts um diese Zeit schmückte war so ziemlich das Gegenteil von seiner Laune.

Besonders schlimm wurde es über die Feiertage selbst. Um der viel zu fröhlichen Weihnachtsstimmung zu entkommen verbrachte er seine Tage im Eberkopf. Er saß an einem der Tische und trank zur Abwechslung einmal keinen Alkohol, sondern einen harmlosen Tee. Severus lenkte sich mit etwas Unterrichtsrecherche ab und blätterte in einem Sachbuch auf der Suche nach einem Thema für die Prüfungsvorbereitung der Siebentklässler.

Er wurde jäh unterbrochen als ein sichtlich aufgebrachter Draco Malfoy zur Tür hereingestürmt kam.

„Sev … ähm, Professor!", sagte er und kam auf ihn zu.

Woher wusste er, dass Severus hier war? Er hatte sich extra in die Kneipe gesetzt damit ihn niemand belästigte.

„Was tust du hier?", fragte Severus ungehalten. „Einlass erst ab 18!"

Draco verdrehte die Augen und klopfte seinen schwarzen Wintermantel ab. Das Schneegestöber draußen schien ihm erst jetzt aufgefallen zu sein.

„Potter ist hier!"

„Unsinn. Der darf doch gar nicht ..." Severus unterbrach sich selbst. Er wusste wie lächerlich das klang. Zumal der Junge sich aus Regeln oder Verboten ja ohnehin nie etwas machte.

„Und das wirklich seltsame ist ...", fuhr Draco fort. „... es war nur sein Kopf anwesend."

Das hingegen ließ Severus aufhorchen. Er mochte es nicht, wenn sein Patensohn Leute verpetzte. Bei Potter machte er jedoch eine Ausnahme. Der Junge hatte keine Berechtigung für Hogsmead und schon gar nicht sein Kopf.

„Na schön, geh schon mal los. Ich überlege mir etwas.", sagte Severus und schlug sein Buch zu.

„Wie? Das ist alles?", fragte Draco ungehalten. Er hatte offenbar auf mehr gehofft.

„Ja, das ist es. Ich weiß nicht, was das hier werden soll, Draco."

Severus erhob sich und ging auf seinen Patensohn zu.

„Was?", fragte Draco unsicher.

„Du musst nicht immer beweisen, was für ein böser Junge du bist.", sagte Severus.

„Aber ich habe doch gar nichts ..."

„Nein? Wenn nicht dann solltest du vielleicht Schauspieler werden. Ist nämlich immer wieder ganz großes Kino."

Draco brummte etwas in sich hinein, machte auf dem Absatz kehrt und marschierte aus dem Eberkopf.

Severus konnte diese Petzerei nicht leiden. Und Draco wusste das. Als Lehrer musste er jedoch leider allen Hinwiesen nachgehen. Potters Kopf in Hogsmead. Okay, entweder jemand erlaubte sich einen schlechten Scherz oder Potter verfügte plötzlich über Fähigkeiten, die er ihm niemals zugetraut hätte.

„Aberforth, schreib mich auf. Ich muss nochmal los.", sagte Severus und ging aus der Kneipe.

Er ging hinauf zum Schloss und schlug schließlich den Weg zum Büro ein. In einer der zahlreichen dunklen Ecken stieß er beinahe mit jemanden zusammen, den er hier unten nicht erwartet hätte: Harry Potter.

„Potter.", sagte Severus eher zu sich selbst als zu ihm.

Der Junge erschrak und blieb wie angewurzelt stehen.

„Was tun Sie hier?", fragte Severus.

„Ich laufe nur so herum."

„Ach, tatsächlich?", sagte Severus. Er sah wie Harry die Finger um den Gurt seiner Schultasche verkrampfte.

„Ich habe nichts unrechtes getan!", rief Potter ihm entgegen. Die Angst war ihm ins Gesicht geschrieben.

Was hast du ausgefressen?, dachte Severus noch und sah den Schlamm an den Schuhen des Jungen.

„In mein Büro.", forderte Severus ihn auf. „Sofort!"

„Nein.", sagte Potter trotzig.

„Wie bitte?"

„Nein, ich habe überhaupt nichts ..."

Severus würde sich nicht mit ihm streiten. Er packte den Jungen am Kragen und schleifte ihn den Flur entlang in sein Büro.

„Lassen Sie mich los!", rief Potter wütend.

Severus bugsierte ihn auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch.

„Tasche ausleeren.", sagte Severus.

„Was? Nein! Vergessen Sie's!"

Die Jungs in diesem Alter waren unglaublich. Allem mussten sie widersprechen. Dann also auf die harte Tour.

Severus riss Potter seine Tasche von der Schulter.

„He!", rief dieser laut.

Severus entleerte die Tasche kopfüber auf seinem Schreibtisch. Es kamen allerhand Süßigkeiten und ein Stück Pergament aus der Tasche gepurzelt.

„Erklären Sie das.", forderte Severus ihn auf.

„Was soll ich erklären?", sagte Potter stur.

„Man sagte mir, Sie, Potter, seien in Hogmead gesichtet worden. Noch besser, angeblich war es sogar nur ihr Kopf, völlig einsam ohne Körper. Mir ist zwar bewusst, dass Sie sich gerne völlig kopflos in Dinge stürzen, aber so ist das wohl wörtlich zu nehmen."

Potters Kopf wurde mit einem mal rot vor Wut.

„Was ist das?", fragte Severus und zog das Stück Pergament aus dem Süßigkeitenhaufen. Es war leer.

Er tippte es mit seinem Zauberstab an und es erschien folgender Schriftzug:

Die Hochwohlgeborenen Herren Moony, Tatze, Wurmschwanz und Krone empfehlen dem schniefigen Professor seinen riesigen Zinken nicht überall hinein zu stecken.

Severus blieb wie erstarrt. Das war unmöglich. Noch bevor er darüber nachdenken konnte öffnete sich die Tür zu seinem Büro und Lupin trat ein.

„Können Sie nicht anklopfen!", giftete Severus dem Werwolf entgegen.

„Ich hörte, Sie könnten Hilfe gebrauchen.", sagte Lupin.

„Wobei? Ich habe diesen Schüler nur auf frischer Tat ertappt. Ist es nicht so, Potter?"

Harry öffnete den Mund schloss ihn jedoch gleich wieder als er Lupins warnenden Blick sah.

„Ich bin mir sicher, wir können dieses Missverständnis klären.", sagte Lupin.

Missverständnis? Welches Missverständnis?

Severus blickte erneut auf das Pergament. Moony, Tatze, Wurmschwanz und Krone. Er wusste genau wem dieser Fetzen gehört hatte.

„Darf ich es mal sehen?", fragte Lupin.

Severus drehte das Stück Pergament um und zeigte es Lupin, ohne es jedoch aus der Hand zu geben.

„Nach all der Zeit ...", sagte Lupin leise.

„Ich wette Potter ist nicht ganz zufällig daran gelangt, habe ich recht?"

„Sie wissen doch gar nicht, was das ist.", sagte Lupin.

„Nein? Vielleicht.", entgegnete Severus. In ihm kochte etwas hoch. Die alten Geschichten.

Severus und Lupin taxierten sich.

„Geben Sie es mir?", fragte Lupin. „Falls es gefährlich ist sollte es dann nicht verwahrt werden?"

„Sie?", fragte Severus finster.

„Als Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste obliegt es mir sich solcher Dinge anzunehmen, meinen Sie nicht?"

Severus hielt ihm das Pergament hin. Als Lupin es griff packte er seinen Arm und flüsterte, so dass Potter es nicht hören konnte:

„Ich weiß nicht, was Sie für ein Spiel spielen, Lupin, aber ich sorge dafür, dass Sie es bereuen."

Er ließ ihn los. Lupin nahm das Pergament an sich und sah Severus mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck an.

„Harry, komm mit. Wir sind hier fertig.", sagte er und Potter verschwand ganz ohne seine Tasche aus dem Büro.

Severus blieb zurück und fegte mit einem wütenden Schlag die Sachen von seinem Schreibtisch.

Na warte!, dachte Severus wütend. Lupin würde schon noch sehen, was er davon hatte.

Remus Lupin stand in seinem Büro und musterte das Stück Pergament, dass er Harry abgenommen hatte. Es war unglaublich, dass es noch existierte. Auch wenn er keine Ahnung hatte wie der Junge da ran gelangt war. Er hatte ihm eine Standpauke gehalten, dass seine Eltern sich schämen würden, wenn sie wüssten wie er sein Leben aufs Spiel setzte, wenn doch ein gefährlicher Mörder unterwegs war. Das war gelogen. James hätte sicher gewollt, dass Harry die Karte erhielt. Die Karte des Rumtreibers. Ein magisches Pergament, dass alle Orte in Hogwarts zeigte und die Personen darin. Sie hatten sich mit der Karte oft durchs Schloss geschlichen und gekonnt alle Lehrer umgangen. Wahrscheinlich die beste Erfindung, die sie als Drittklässler jemals gemacht hatten.

Severus würde sicherlich ihn verdächtigen und im Grunde hatte er damit nicht einmal unrecht. Ausnahmsweise.

Remus faltete die Karte zusammen und steckte sie in die Innentasche seines Jacketts. Es war besser, wenn er sie verwahrte. Am Ende geriet sie noch in falsche Hände.

Es klopfte an der Tür.

„Herein.", sagte Remus.

Minerva McGonnagall trat ein. Sie trug ihren dicken Wintermantel. Auf ihren Schultern lag noch Schnee.

„Nachrichten verbreiten sich hier immer noch schnell.", sagte Remus, ohne auf Minervas Frage zu warten.

„Ja, ich hörte von der Sache mit Potter.", antwortete sie.

„Ich habe seine Ausflüge für's erste unterbunden.", sagte Remus. „Ich hoffe, er lernt etwas daraus."

„Ich hätte ahnen müssen, dass er irgendwann eine Dummheit begeht.", sagte Minerva.

„In seinem Alter hätten wir das alle getan.", antwortete Remus.

„Sie und James auf jeden Fall.", sagte sie.

Remus steckte die Hände in die Hosentaschen. Ja, er und James. Dass sie Sirius und Peter aus der Gleichung nahm machte ihn traurig. Aber vielleicht war es besser so. Über die Toten nur Gutes, oder wie man sagte.

„Es ist nichts passiert. Noch nicht.", antwortete Remus.

Minerva setzte sich auf den Stuhl vor Remus' Schreibtisch. Sie überschlug die Beine und faltete die Hände im Schoß. Ein tiefes Atmen folgte, dass ihm zu verstehen gab, dass es sie anstrengte. All das.

Remus lehnte sich an seinen Schreibtisch und verschränkte die Arme.

„Potter hat mich schon vor Wochen darum gebeten ihm den Patronus beizubringen. Ich konnte mich bisher nicht dazu durchringen.", sagte er ganz offen, ohne jedoch seine Kollegin direkt anzusehen.

„Tun Sie es.", antwortete Minerva erschöpft. „Besser das als wenn er diesen Kreaturen ausgeliefert ist."

„Hmm.", machte Remus und strich sich über sein Kinn. „Was gedenken Sie wegen Severus zu unternehmen?"

„Severus?", fragte Minerva verwirrt.

„Nun, er denkt immer noch, dass ich irgendwas mit Black zutun habe und dass ich Harry irgendwie geholfen hätte nach Hogsmead zu gelangen."

„Das sieht ihm ähnlich.", antwortete Minerva. „Hier ist einer sturer als der andere."

Remus hob die Augenbrauen. Das Letzte hatte sie offenbar laut gesagt ohne es zu merken.

„Sie machen gute Arbeit, Remus. Severus ist eben Severus und das werden weder Sie noch Ich jemals ändern können."

„Ich fürchte nur, dass Harry nicht der einzige ist, der dabei ist Unsinn anzustellen.", sagte Remus.

Minerva nickte ihm zu und erhob sich. Sie ging zur Tür und wandte sich auf dem Absatz noch einmal zu ihm um.

„Diese Sache ist für uns alle nicht einfach, Remus."

Sie ging nun endgültig und hinterließ einen nur allzu nachdenklichen Remus Lupin.