Nach seiner Konfrontation mit Lupin geschah lange Zeit erst einmal nichts. Die Weihnachtsfeiertage vergingen überraschend ereignislos und Severus verbrachte den Tag mürrisch in sich hinein grummelnd. Es beschäftigte ihn nach wie vor, was Lupin wohl ausheckte. Der Werwolf war in irgendetwas verstrickt. Und sei es nur, dass er Potter auf dumme Ideen brachte.

Bis ins neue Jahr hinein war es aber vor allem gähnende Langeweile, die Severus plagte. Er fand nicht einmal einen Grund sich zu streiten, da Lupin ihm aus dem Weg ging. Das endete jäh an einem trüben Januarabend als Dumbledore zu später Stunde noch eine Lehrerkonferenz einberief. Das war gleichbedeutend mit Katastrophenalarm.

Müde und eigentlich gedanklich noch im Bett saßen sie da, während Minerva aufgeregt von den Vorfällen erzählte.

„Wir haben einen Eindringling im Schloss: Sirius Black!"

Es brauchte nur diese Worte, um sie alle urplötzlich wach werden zu lassen. Jetzt hatte sie auch Severus' vollste Aufmerksamkeit.

„Er ist in den Jungenschlafsaal in den Gryffindorturm eingedrungen. Bewaffnet."

„Ich habe das Schloss bereits abriegeln lassen.", bestätigte Albus in viel ruhigeren Ton als seine Stellvertreterin. „Die Schüler werden bereits von den Vertrauenschülern in die Große Halle geleitet."

Severus sah sich um. Wo war eigentlich Lupin? Eines musste man ihm lassen; verdächtig machen konnte er sich gut.

Albus verteilte den anderen Lehrern Patroullienrouten. Er wartete bis sie losgingen, um sich schließlich an Severus und Minerva zu wenden.

„Was denken Sie?", wollte Albus wissen.

Severus stutzte. Keine Befehle? Kein hektisches herumgerenne?

„Wo ist Lupin?", fragte Severus.

Minerva stöhnte genervt.

„Das wissen Sie doch!", schnitt sie ihm das Wort ab, ehe er oder Albus etwas entgegnen konnte.

„Vollmond.", schloss Albus.

Severus schüttelte den Kopf.

„Ist es nicht seltsam, dass sein alter Freund hier auftaucht und ausgerechnet unser geschätzter Kollege nicht zugegen ist?"

„Verschonen Sie uns mit Ihrer Paranoia!", giftete Minerva. „Sie liegen uns seit Wochen, ach was, Monaten, damit auf den Ohren."

„Und seit Monaten sind wir keinen Schritt weiter gekommen. Wir wissen weder wo Black ist noch wie er schon einmal ins Schloss gelangen konnte. Ich sage nur, was keiner von Ihnen hören will."

„Minerva will es nicht hören.", sagte Albus, woraufhin sie ihm einen bösen Blick zuwarf.

„Ich bin mir über die Gefahr bewusst, deshalb habe ich sie ja beide hier."

Severus zog die Augenbrauen hoch. Ach so war das.

„Sie gingen also davon aus, dass einer von uns ihn hier her führt?", sagte Severus.

„Sie, weil sie einen Groll hegen oder Remus, weil er Schuldgefühle hat. Im Zweifelsfall würde er es aber auch aus eigener Kraft schaffen. Ich brauchte ein paar Rückversicherungen in dem Fall."

„Tja, das war dann wohl nichts. Mein Groll braucht noch etwas Ansporn.", entgegnete Severus.

„Das ganze wäre natürlich einfacher, wenn wir wüssten worauf er es abgesehen hat. Ich teile die Ansicht des Ministers, dass er Potter töten möchte nicht, wie Sie wissen."

„Ach, deshalb die tausend Dementoren. Ich dachte schon es läuft ein Mörder frei herum.", entgegnete Severus.

„Könnte man mit Sarkasmus Energie gewinnen, wären Sie sicherlich die unerschöpflichste Quelle.", sagte Albus und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Im ernst, was tun wir hier?", sagte Severus frei heraus.

Plötzlich herrschte eine unangenehme Stille im Raum.

„Da hab ich wohl einen wunden Punkt getroffen.", entgegnete Severus und erhob sich. „Wenn wir also nur so tun als ob, dann kann ich auch wieder ins Bett gehen."

„Halt!", sagte Minerva.

Severus steckte die Hände in die Taschen seines Morgenmantels und blickte die beiden abwechselnd an.

„Gute Nacht.", war alles, was Severus sagte, bevor er aus dem Raum ging.

Auf dem Weg in die Kerker sah er in der Großen Halle vorbei, wo alle Schüler in Schlafsäcken auf dem Boden lagen. Er ging an den Slytherins vorbei und erkundigte sich bei den Vertrauensschülern über die Lage. Alle vollzählig.

Danke, Sirius Black. Für noch eine Nacht, die er sich um die Ohren schlagen durfte.

Severus ging in Richtung des Kabinetts für Verteidigung für Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Vollmond oder nicht, er brauchte Gewissheit, dass Lupin sich tatsächlich gerade als Wolf auf dem Boden zusammenrollte.

Er ging zu der Tür unweit des Unterrichtszimmers, die zu Lupins Privaträumen führte. Severus betätigte die Klinke. Die Tür war unverschlossen. Vorsichtig öffnete er und sah auf gar nichts. Lupin war nicht hier. Allerdings stand eine leere Phiole Wolfsbanntrank auf dem Tisch. Immerhin war er nicht so dumm, sich nicht selbst abzusichern.

Severus schloss die Tür und ging in das Büro des Werwolfs. Ebenfalls Fehlanzeige. Einem alten Instinkt folgend ging er zum Schreibtisch und durchsuchte die Akten. Das meiste waren unkorrigierte Arbeiten und Anträge für Materialanforderungen. Bürokratisch plagte sie alle das gleiche Elend.

Er wusste nicht wonach er genau suchte. Nach einem Hinweis vielleicht. Schließlich fand er mehr als das. Eine Reihe von Briefen, die er hier in einer Schublade tief verkramt hatte. Sie waren adressiert an „Tatze" und „Moony". Severus wusste genau wer sich hinter den Spitznamen verbarg. Tatze war Sirius Black und die Rückantworten kamen von Moony aka Remus Lupin.

„Erwischt!", sagte Severus leise. „Von wegen Paranoia!"

Er hatte ein Gespür für sowas. Da konnte Minerva auf und nieder hüpfen.

Severus überflog die Briefe. Interessanter Weise forderte Remus seinen alten Freund wiederholt auf sich zu stellen oder einen großen Bogen um Hogwarts zu machen, wenn ihn nicht die Höchststrafe ereilen sollte. Gut, er hatte ihn gewarnt und Black hatte wie so oft nicht gehört. Trotzdem hatte Lupin Kontakt zu ihm. Das allein reichte schon.

Severus legte die Briefe zurück und verschwand aus dem Büro. Er würde es vorerst für sich behalten.

Trotz Vollmondes machte sich Remus Lupin auf den Weg einen alten Freund vor einer unendlichen Dummheit zu bewahren.

Er hatte gelogen – jedes, einzelne mal, wenn man ihn fragte, ob er wisse, wo Sirius war. Seit jener Herbstnacht in der er schon einmal ins Schloss vorgedrungen war. Remus spielte auf Zeit. Für sich und für Sirius. Irgendwann würde es sicherlich jemanden auffallen.

Eigentlich war es eine Laune gewesen. Er schrieb einen Brief an Tatze in der Hoffnung, die Eule würde seinen Freund finden bevor es die Dementoren taten. Und tatsächlich, nach Wochen erhielt er eine Antwort. Seitdem hatte er viele Warnungen an ihn ausgesprochen Hogwarts zu meiden. Er wollte, dass er floh. So weit weg wie es nur ging.

Sirius war jedoch schon immer ein Dickschädel gewesen. In seinen Briefen machte er nur vage Andeutungen und meinte er müsse nach Hogwarts.

Remus kämpfte sich durch das dichte Schneegestöber zu einer Höhle oberhalb von Hogsmead. Sie hatten sich schon einmal hier getroffen. Sirius hielt es für sicher. Er war da ganz anderer Meinung. Sollten sie entdeckt werden war das nicht nur Sirius' Ende, sondern auch seines. Als Mitwisser würde ihn eine ähnliche Strafe erwarten wie seinen Freund.

Remus betrat die Höhle auf dem Hügel über dem Dorf. Es war stockdunkel. Remus zog den Zauberstab aus seiner Jackettasche.

„Lumos", sagte er leise und eine kleine Kugel aus weißem Licht erfüllte die Höhle.

Auf dem Boden lag ein großer, schwarzer Hund und kaute an einem abgewetzten Knochen herum.

„Du solltest nicht hier sein.", sagte Remus bestimmt.

Der Hund ließ von seinem Knochen ab und erhob sich. Er wuchs weit über seine Grenzen hinaus, hoch bis er die Form eines Mannes annahm. Er sah zerschunden aus. Tiefe Augenringe gruben sich in sein Gesicht, dass diverse Kratzer und Dreck an sich trug. Seine Haare waren fettig und dreckig. Seine Klamotten waren abgewetzt und teilweise zerrissen. Es war ein blauer Overall mit dem Symbol des Gefängnisses von Askaban auf dem Rücken und einer Nummer auf seiner Brust. An den Stiefeln konnte man noch die Überreste der Ketten sehen, die ihn mal gefesselt hatten. Seine Flucht war lang und entbehrungsreich gewesen. Trotz seiner Tarnung als Streuner.

„Was hast du dir dabei gedacht?", giftete Remus ihn an sobald er sich zurückverwandelt hatte.

„Ich musste ihn sehen.", sagte Sirius.

„Wen?", fragte Remus.

„Harry."

„Idiot!", giftete Remus erneut. „Ich kann es nicht fassen, dass Du so etwas dummes getan hast!"

„Ich wollte ihn nur einmal sehen."

Remus stemmte sich die Arme in die Seiten und sah Sirius an als habe er einen seiner Schüler bei etwas erwischt.

„Ich kann dir nicht helfen, wenn du solchen Mist baust!", sagte Remus.

„Du weißt nicht, was dreizehn Jahre Knast aus einem machen."

Remus schnaufte laut und ging auf seinen alten Freund zu.

„Wir leben alle in unserem Gefängnis, Sirius. Das eine ist sichtbar und hat Dementoren als Folterknechte und das andere ist unsichtbar. Erzähl du mir nichts von Gefängnissen!"

Sirius begann zu grinsen und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Einen alten Nerv getroffen, was?"

„Warum bist du hier?", fragte Remus. „Nicht wegen Harry. Die Geschichte kannst du jemanden auftischen, der dümmer ist als ich."

Sirius griff in die Innentasche seines Overalls und holte einen alten, zerknietschten Zeitungsartikel des Tagespropheten heraus. Er reichte ihn Remus.

„Was?", fragte er.

„Sieh genauer hin.", sagte Sirius und zeigte mit dem Finger auf das Bild eines Artikel auf dem eine Familie beim Urlaub in Ägypten zu sehen war.

Remus sah genauer hin. Er erkannte die Familie. Es waren die Weasleys. Auf der Schulter von Ron, dem Zweitjüngsten, saß eine Ratte. Remus sah vom Artikel zu Sirius und wieder zurück.

„Die Ratte?", fragte er verdutzt.

„Peter Pettigrew.", sagte Sirius bedeutungsvoll.

„Quatsch.", machte Remus.

„Sieh genau hin! Ihr fehlt eine Kralle!", sagte Sirius euphorisch.

„Die Leute haben recht. Askaban hat dir den Kopf in Mus verwandelt!", sagte Remus.

„Er ist es. Ich erkenne Peter, wenn ich ihn sehe! Das kleine Wiesel lebt noch und ich bin unschuldig! So wie ich es schon immer gesagt habe!"

Remus verschränkte die Arme vor der Brust.

„Mann, hör dir doch mal selber zu!", erwiderte Remus erbost. „Weißt du wie du dich anhörst!?"

„Warum glaubst du mir nicht?", fragte Sirius.

„Weil er es nicht sein kann!"

„Und wenn doch, Remus? Und wenn doch?! Wenn entgegen aller Wahrscheinlichkeit ich nicht verrückt bin?"

Remus raufte sich das Haar und trat von einem Fuß auf den anderen. Er wusste, dass das nicht gut enden konnte, doch Sirius war immer noch sein Freund. Einer der wenigen, die er hatte und die den Krieg überlebten.

„Na gut, wenn es unbedingt sein muss. Ich werde nach der Ratte suchen und Du bleibst hier, verstanden?!", maßregelte er seinen alten Freund. „Wenn du unbedingt einen Beweis willst beschaffe ich ihn dir, aber hör auf dich blicken zu lassen! Damit hilfst du niemanden!"

„Ich bin ein ganz lieber Hund. Ich mach Sitz, esse mein Fresserli."

„Und bade nicht in jeder Schlammpfütze.", fügte Remus hinzu.

„Aber Hunde machen das doch so.", entgegnete Sirius mit einem Lächeln.

Remus brummte ungehalten in sich hinein.

„Ist dir nicht kalt?", fragte Remus, um das Thema zu wechseln.

„Tatze hat ein wunderbares Fell, wenn du das meinst.", gab Sirius zurück.

Remus schüttelte den Kopf und seinen mit Flicken besetzten Mantel aus und gab ihn Sirius.

„Das kannst du nicht machen.", sagte Sirius.

„Ich besorge mir irgendwie einen Neuen.", entgegnete Remus und drückte ihm seinen Mantel in die Hand. „Lass es mich nicht bereuen."

Es war wirklich verdammt kalt. Er zog sich den Kragen seines Jacketts näher heran.

„Remus, du bist der beste ..."

„Sag nichts.", unterbrach Remus ihn.

Er nickte Sirius zu und verschwand aus der Höhle und ging wieder hoch ins Schloss. Es gab eine einfache Methode um Sirius' Behauptung Pettigrew würde noch leben zu überprüfen. Sie war ihm quasi mit Harrys Dummheit und Severus' Übereifer in die Hände gelangt: Die Karte des Rumtreibers.

Als Remus wieder in seinem Büro war holte er die Karte aus einem abgeschlossenen Kasten seines Schranks und breitete sie auf dem Tisch aus. Die Karte zeigte Hogwarts so wie eh und je mit all den herumwuselnden Namen darauf. Dank der Uhrzeit befanden sich die meisten Schüler im Bett. Das machte die Suche etwas einfacher.

Im Schlafsaal der Gryffindors war niemand mit dem Namen Pettigrew. Wie er vermutet hatte. Sirius war schon immer jemand gewesen, der erst handelte und dann dachte. Diese ganze Geschichte warum er den weiten und gefährlichen Weg bis nach Hogwarts auf sich nahm; wegen eines Hirngespinstes. Vielleicht hatte er in den Jahren in Askaban auch einfach nur so lange gelitten, dass er sich diesen Traum ausgedacht hatte. Er, Sirius Black, würde sich an Peter rächen, ihn stellen und wäre rehabilitiert. Alles würde gut werden.

Nur so war das echte Leben nicht. Es war finster und unfair und Gerechtigkeit widerfuhr nur wenigen.

Remus faltete die Karte zusammen und steckte sie in die Innentasche seines Jacketts. Er sah auf die Uhr. Es war schon spät und glich einem Wunder, dass er keinen Anfall erlegen war, während er draußen war. Es war dumm von ihm. Ebenso dumm wie es von Sirius war sich in der Schule blicken zu lassen. Da hatten sie wohl noch immer einiges gemeinsam.