Die Wochen vergingen und Sirius Black ließ sich trotz aller Befürchtungen nicht noch einmal im Schloss blicken. Der Schnee taute und der Frühling tauchte Hogwarts in ein sanftes Grün. Severus hatte die verganenen Wochen ein noch schärferes Auge auf Lupin geworfen als ohnehin schon. Dumbledore verheimlichte er, was er in Lupins Büro gefunden hatte. Auch weil er sonst hätte zugeben müssen, dass er dort herumgeschnüffelt hatte.
Severus lief seine Runde über das Gelände. Ohne Leia war das wesentlich trostloser. Als er an Hagrids Hütte vorbei kam sah er wie der Halbriese heulte wie ein Baby. Severus hielt inne. Es war ungewöhnlich das Hagrid in der Öffentlichkeit weinte, noch dazu wenn er der Arbeit nachging. Etwas war vorgefallen.
Sein Mitleid versetzte ihn einen tiefen Stich und er nährte sich ihm vorsichtig.
„Ähm … alles in Ordnung?", fragte er.
Hagrid schrak hoch, schnäuzte in ein gepunktetes Taschentuch und wischte sich mit dem Ärmel seiner Wildhüterjacke über das Gesicht.
„Seh ich so aus?", entgegnete der Halbriese.
Severus schwieg. Er wusste das es idiotisch war jemanden, der sich die Seele aus dem Leib heulte, zu fragen ob alles in Ordnung war. Er war in sowas überhaupt nicht gut. Einfach so tun als habe er es nicht bemerkt wollte er jedoch auch nicht. Soviel Anstand und Menschlichkeit hatte er nun doch noch.
„Erinnerst du dich an die Sache mit Malfoy?", fragte Hagrid.
„Hmm-hmm.", machte Severus.
Das Theater, das Draco deswegen vollführte war gigantisch. Kaum zu übersehen.
„Ich wurde vor den Ausschuss geladen und die haben Seidenschnabel zum Tode verurteilt!"
Wieder begann Hagrid zu heulen und zu schnäuzen. Severus würde sich Draco mal gehörig zur Brust nehmen müssen. Und Lucius gleich mit. Es war schon ein Ding wegen sowas den Ausschuss für Tierwesenangelegenheiten anzuhauen und ein Todesurteil herauszuschlagen. Das erinnerte ihn an letztes Jahr als Lucius versucht hatte Hagrid die Kammer des Schreckens in die Schuhe zu schieben. Nur gab es dieses Mal keine mysteriösen Bücher, die man hätte finden müssen. Geschweige denn Riesenschlangen und verschlagene Schwarzmagier auf der Suche nach dem Erbe Slytherins.
„Das tut mir leid für dich.", sagte Severus.
Hagrids Liebe zu großen, gefährlichen Tieren wurde ihm ja nicht zum ersten Mal zum Verhängnis.
„Nein, es ist meine Schuld. Ich bin ein miserabler Lehrer."
„Tja, da redest du ja gerade mit dem Richtigen.", entgegnete Severus. „Als ich angefangen habe hatte ich nur solche Probleme."
„Ach ja?", fragte Hagrid trübsinnig.
„Ich konnte schon vor dreizehn Jahren keine Kinder unterrichten und ich bin darin keinesfalls besser geworden. Man muss sich an solchen Frust wohl gewöhnen, wenn man für Dumbledore arbeitet."
„Aber du wurdest nie verurteilt."
„Vielleicht nicht öffentlich, aber ich war der Scheißkerl, der den Eltern von Kindern erklären sollte warum er so miesen Unterricht machte. Ich habe es gehasst. An manchen Tagen hätte ich mich am liebsten von der nächsten Zinne gestürzt. Dumbledore hat jede Menge von dem Zeug abgefangen. Hat dem wütenden Mob von Erziehungsberechtigen ellenlange Erklärungen geschickt warum ich jetzt plötzlich der Hauslehrer ihrer Kinder bin."
„Ich dachte ich mach den Kindern eine Freude.", sagte Hagrid unvermittelt.
„Kinder sind nicht das Problem, es sind immer die Eltern. Glaub mir, ich weiß wovon ich rede.", sagte Severus. „Rubeus, einfach aufrichten und weitermachen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht."
Er klopfte dem Halbriesen auf den Arm. Die Schulter war ihm eines ganzes Stück zu hoch.
„Ja, du hast recht."
Severus nickte ihm verstehend zu und ging weiter. Er erinnerte sich noch gut an seine ersten Jahre als Lehrer. Es war vernichtend gewesen. Einmal hätte sogar der Schulbeirat fast über seinen Ausschluss entschieden, weil er einer Reihe von Schülern jede Menge Probleme gemacht hatte. Das war kurz nach dem Krieg gewesen und es hatte lange gedauert bis er sich wieder an das zivile Leben gewöhnt hatte. Sein Umgangston war damals wesentlich rauer gewesen als heute. Sein heutiger Unterrichtsstil war regelrecht sanft gegen den von vor dreizehn Jahren. Dumbledore hatte ihm eine Standpauke gehalten Hogwarts sei keine Kaserne. Dabei hatte es sich für Severus in seiner Jugend immer so angefühlt.
Er kürzte seinen Rundgang ab und ging durch das Hintertor zurück ins Schloss. Auf dem Weg begegnete er Draco, der in der Vorhalle auf den Stufen saß und mit seinen Kumpels herumflaxte.
„Mr Malfoy, mitkommen.", sagte Severus laut.
Dracos Gesichtszüge erstarben jäh und er stand auf und kam auf Severus zu.
„Was hab ich angestellt?", fragte Draco ganz unbekümmert.
„Das wirst du gleich herausfinden.", entgegnete Severus und führte ihn in sein Büro.
„So, jetzt erkläre mir doch mal, warum ich unseren Wildhüter ganz aufgelöst vorfinde?"
„Was?", fragte Draco.
„Tu nicht so, ich weiß es."
„Ich kann doch nichts dafür wenn sein Mistvieh …"
Severus schlug ihm leicht auf den Hinterkopf. Draco zuckte zusammen.
„Was ist dein Problem?", wollte Severus wissen. „Was soll diese Farce?"
„Argh, dieser Fettsack nervt! Ein Halbriese als Lehrer, ich bitte dich!"
Wieder schlug Severus ihm auf den Hinterkopf.
„Verdammt, Sev, was soll das?", fragte Draco ungehalten.
„Ich bin stinksauer. Das ist los! Wer hier wen unterrichtet ist nicht deine Entscheidung und auch nicht die von deinem Vater, kapiert?"
„Seit wann hast du was für Halbmenschenbrut übrig?", fragte Draco.
Severus stieß ihn gegen die Wand und baute sich gefährlich vor seinem Patensohn auf.
„Wir waren immer gut zueinander, aber irgendwann ist auch meine Geduld erschöpft! Und ich bin schon zu lange dabei als dass ich Angst vor dem Ruf irgendeines Malfoys hätte."
„Du musst dich echt mal hören.", unterbrach ihn Draco.
„Nein, du hörst mir zu! Ich weiß nicht woher du deine Ideen hast, aber solange ich hier bin wird hier niemand wegen seiner Herkunft runter gemacht geschweige denn versucht ihn in irgendeiner Form aus dem Verkehr zu ziehen. Das darfst du auch gerne deinem Vater ausrichten. Und jetzt raus!"
Draco ließ sich das nicht zweimal sagen. Er lief zur Tür und rannte die Kerkertreppen hoch.
Severus war ehrlich sauer. Er mochte ein ewiger Miesepeter sein, der seine Schüler manchmal grundlos anging, aber er war kein Rassist. Man konnte ihm vieles vorwerfen, aber das nicht. Eher würde die Hölle gefrieren als das er zuließ, dass soetwas unter seiner Aufsicht passierte.
Er hatte immer ein gutes Verhältnis zu Hagrid gehabt. Der Wildhüter mochte in manchen Dingen etwas verschroben sein, doch das hätte man ihm genauso vorwerfen können. Es machte ihn wütend zu sehen wie Draco diesen ganzen Reinblutschwachsinn in sich aufnahm. Aber Lucius war schon immer ein Mantel-in-den-Wind-Hänger gewesen. Wenn es die Situation erforderte war er halt Rassist oder was auch immer gerade nützlich schien. Das war nach dem Krieg auch der Punkt gewesen an dem ihre Freundschaft zu einem wesentlich distanzierteren Verhältnis wurde. Anders als Lucius hatte Severus diese ständige Lügerei nicht mehr ertragen. Deshalb war er auch zu Dumbledore gegangen. Ab einem bestimmten Punkt musste jeder von ihnen entscheiden welchen Weg man ging. Er hatte seinen gewählt und Lucius den seinen. Das er Dracos Pate war tat nichts zur Sache, auch wenn sein Patensohn wohl nach drei Jahren immer noch nicht gelernt hatte, dass es bei ihm anders lief. Dieses ganze Theater war einfach lächerlich. Draco war ein guter Junge, wenn er nicht gerade versuchte jedem zu beweisen was für ein harter Kerl er war. Pupertät war etwas schreckliches.
Wie erwartet bekam Severus einige Tage nachdem er Draco die Leviten gelesen hatte einen Brief von Lucius in dem er sich darüber aufregte wie Severus so mit dem armen Jungen umspringen konnte.
Diese Art Brief kannte er schon. Es war halt seine Art der Ehre seinen Sohn zu verteidigen, egal wie viel Mist er baute. Severus nahm den Brief und warf ihn ohne Rückantwort einfach in den Kamin.
Soltte er Lucius doch mit Schweigen strafen.
Abgesehen von der Geschichte mit Draco vergingen die Frühlingstage erstaunlich ereignislos. Auch wenn sein Patensohn ihm nun bewusst aus dem Weg ging und im Unterricht nur noch sehr kleinlaut daher kam. Seinetwegen sollte er mal gründlich über sein Verhalten nachdenken.
