Die sommerlichen Tage bis zu den Prüfungen vergingen wie im Fluge. Severus steckte bis zum Hals in Arbeit für die Prüfungsjahrgänge und verschwendete lange keinen Gedanken an Hagrid, Lupin oder Black. Auch wenn er den Werwolf nach wie vor genau im Auge behielt.
Er sammelte gerade die Aufgabenblätter der Zauberttrankprüfungen ein. Die meisten würden gerade so durchkommen. Als die Schüler den Prüfungsraum verließen sah er durch die offene Pforte zwei Männer, die er hier nicht erwartet hätte. Cornelius Fudge und Walden Mcnair. Mcnair kannte er noch aus seiner Zeit bei den Todessern. Nie ein hohes Tier, verstand sich aber auf „Befragungen" mit äußerst blutigen Ausgang. Er trug ein großes Beil bei sich. Vom Folterknecht zum Henker – ob man das eine Beförderung nennen konnte?
Dass man für die Hinrichtung von Seidenschnabel aber extra den Zaubereiminister herbemühte machte es nicht besser. Lucius hatte wohl mal wieder alle Register gezogen.
Severus ärgerte es ungemein, dass Dumbledore das einfach so geschehen ließ. Aber Hagrid war eben ein Halbmensch. Mit ihm konnte man es ja machen.
Er klemmte die Prüfungen unter den Arm und ging aus dem Zimmer. Wortlos taxierte Severus sich mit Mcnair. Der stand breitbeinig da und hielt seine Axt in den Händen als sei er bereit loszustürmen und gleich hier jemanden zu enthaupten.
Severus brachte die Prüfungen in sein Büro und legte sie zu den anderen Stapeln von Prüfungen, die er dieser Tage abnehmen musste. Er steckte die Hände in die Hosentaschen und ging auf und ab. Es wurmte ihn, was da gleich passieren würde.
„Ach, scheißegal!", sagte er leise zu sich selbst und verließ das Büro. Er lief die Treppen hoch und sah noch wie das Exekusionskommando mit Dumbledore im Schlepptau das Schloss verließ. Severus stand in mitten des Schülergetümmels der großen Vorhalle und überlegte noch, ob er ihnen folgen sollte als plötzlich Lupin am oberen Ende der Treppe auftauchte. Er steckte gerade etwas in die Innentasche seines Jacketts und lief zielstrebig nach draußen. Severus zögerte kurz und folgte ihm dann doch. Mit einigem Abstand sah er wie Lupin Hagrids Hütte links liegen ließ und auf die Peitschende Weide zu marschierte.
Das Krachen der Axt schreckte die Krähen auf und Lupin sah sich um. Severus schaffte es gerade noch sich hinter einem Baum zu verstecken, um nicht gesehen zu werden.
„Na, wo bleibst du?", hörte er Lupin sagen, der sich am Waldrand aufhielt.
Es dauerte einige Minuten, dann kam ein großer, schwarzer Hund aus dem Gebüsch gesprungen.
„Alles nach Plan?", fragte Lupin.
Der Hund bellte schwanzwedelnd.
„Ich hoffe, da hast du recht.", sagte Lupin zu dem Hund wie zu einem Menschen.
Sie warteten und warteten. Severus hatte nicht die geringste Ahnung worauf sie warteten bis plötzlich eine Gruppe von Schülern angerannt kam. Es waren Potter, Weasley und Granger. Der Rotschopf stürzte sich auf etwas.
„Krätze! Das du mir das nicht noch einmal machst!", sagte Weasley sichtlich erleichtert.
Der Hund begann zu knurren, sprang aus dem Gebüsch und rannte auf Weasley zu. Er biss ihn ins Bein und schleifte ihn wie seine Beute in ein Erdloch im Wurzelwerk der Peitschenden Weide.
„Ron! Nein! Ron!", riefen Potter und das Mädchen.
„Das er es immer übertreiben muss.", resümierte Lupin, der sich auch weiterhin am Waldrand verborgen hielt.
Was zum Teufel geschah hier gerade? Severus war verwirrt.
Potter und Granger rannten auf die Peitschende Weide zu, wischen den sie erschlagen wollenden Ästen aus und rutschten ebenfalls in das Erdloch hinein.
Mit einem Zauber wäre das deutlich einfacher gewesen, dachte Severus gerade noch als Lupin seinen Zauberstab zog.
„Imobilus!", rief er und die Äste der Peitschenden Weide hielten inne. Raschen Schrittes verschwand auch er in dem Erdloch.
Severus stand da und zögerte. In seinem Kopf kamen Erinnerungen hoch an jene Nacht in seinem dritten Schuljahr als Sirius Black ihn in genau jenes Erdloch lockte hinter dem ein verwandelter Werwolf auf einen Snack wartete. Severus kniff die Augen zusammen und brachte all seinen Mut auf. Er rannte auf das Erdloch zu. Sicher würde er das bereuen.
Er rutschte in das Loch hinab. Es war stockdunkel. Severus tastete nach dem Zauberstab in seiner Tasche und zog ihn heraus.
„Lumos!", flüsterte er. Ein kleine Kugel aus gleißenden, weißen Licht erschien.
Severus befand ich in jenem erdenen, von Wurzelwerk durchsetzten Gang den er schon einmal als Teenager durchquert hatte. Er stand da und kämpfte mit seinen Erinnerungen. Die alte Angst und die Wut kamen wieder in ihm hoch. Er begann zu schwitzen.
Es ist alles in Ordnung, sagte er sich. Das beruhigte ihn jedoch keineswegs. Das Adrenalin stieg in ihm auf wie damals in jener Nacht.
Severus zwang sich einen Schritt nach dem anderen zu machen. Er folgte dem schmalen Gang bis zu einer Leiter. Diese führte in den Keller der alten, verrammelten Jugendstilvilla, die hier nur unter dem Namen „Die Heulende Hütte" bekannt war. Ein Versteck für einen Schüler, der sich einmal im Monat in einen Werwolf verwandelte und dessen entsetzliche Schreie dem Ort zu seinem Namen verhalfen.
Severus folgte den Fuß- und Schleifspuren in der dicken Staubschicht am Boden. Sie führte über eine geschwungene Treppe nach oben. Hier und da gab es Bluttropfen. Je näher er kam desto lauter wurden die erbost diskutierenden Stimmen. Severus erkannte die Stimmen von Lupin, Granger, Weasley und Potter, doch dann hörte er eine Stimme von der er dachte dass es völlig unmöglich sei: Sirius Black. Kratziger als er sie in Erinnerung hatte, aber auf jeden Fall ganz klar die von Black.
„Sie sind ein Werwolf, deshalb konnten Sie nicht unterrichten.", hörte er Granger mal wieder sehr besserwisserisch sagen.
„Woher weißt du das?", fragte Lupin.
„Wir mussten einen Aufsatz für Snape zu Werwölfen schreiben.", antwortete diese.
Hmm, wenigstens eine, die es gemerkt hat, dachte sich Severus noch ganz stolz.
„Wen interessiert das?", hörte er Sirius geifern. „Lass ihn uns endlich töten!"
Severus löschte seinen Lumoszauber und spurtete mit erhobenen Zauberstab in den Raum. Erschrocken blickten ihn die zugegenen Personen an. Keiner hatte offenbar mit ihm gerechnet. Na endlich war der Überraschungsmoment mal auf seiner Seite.
„Expelliarmus!", rief er und entwaffnete Lupin, der seinen Zauberstab nicht mal im Ansatz gehoben hatte.
„Oh, sieh mal an, unser Schniefellus, ist auch noch hier. Das wird ja langsam zu seiner richtigen Wiedersehensparty!", sagte Black erregt.
„Wag es ja nicht!", rief Severus erbost. „Und keiner rührt sich, kapiert!"
„Severus, ich ...", begann Lupin, doch Severus schnitt ihm das Wort ab.
„Ich habe es gewusst. Du und dieser Sträfling macht gemeinsame Sache."
„Es ist nicht das wonach es aussieht!", entgegnete Lupin.
„Das kannst du ja gerne den Dementoren erklären.", antwortete Severus. „Dieses Mal kommt ihr nicht so einfach davon!"
„Severus, du weißt ja gar nicht, was du da tust!", rief Lupin.
„Ach nein? Wie wäre es damit; ich habe einen gefährlichen Flüchtling und seinen Komplizen dabei ertappt wie sie gerade einen weiteren Mord begehen wollten?"
„Hervorragend, Snape, du hast wie immer deinen messerscharfen Verstand benutzt und bist wie üblich zum falschen Schluss gekommen.", warf Black ihm entgegen.
Wütend hielt Severus ihm den Zauberstab an die Kehle.
„Gib mir einen Grund, Black! Nur einen! Ich brenne förmlich darauf!"
Severus war so auf Sirius Black fixiert, mit all seiner alten Wut im Bauch, dass er nicht bemerkte wie Potter seinen Zauberstab zog und auf ihn zielte.
„Stupor!", rief der Junge.
Überrascht von der Attacke schleuderte es Severus quer durch den Raum auf ein altes, mottenzerfressenes Bett, wo er bewusstlos liegen blieb.
Es war bereits Nacht als Severus mit höllischen Kopfschmerzen und einer leicht blutenden Platzwunde an der Stirn wieder erwachte. Er rappelte sich auf und sah, dass das Trio samt Lupin und Black verschwunden waren. Severus hätte sich selbst ohrfeigen können. Statt mit kühlem Kopf waren mit ihm wieder alle Pferde durchgegangen als er die Gruppe stellte.
Er sammelte den Zauberstab vom Boden auf und begab sich wieder zum Ausgang. Als er bei dem Durchgang zur Peitschenden Weide angekommen war hörte er von draußen Geschrei und ein fürchterliches Heulen.
Das konnte doch alles nicht wahr sein!
Severus rannte nach oben. Das Trio stand vor dem Erdloch und starrte auf die Szenarie vor sich. Sirius Black, der mit, dem sich verwandelnden, Remus Lupin rang. Die Fetzen seiner Kleindung flogen zu Boden und ein gigantischer, schwarzer Wolf wuchs weit über seiner menschlichen Maßstäbe hinweg aus ihm hervor.
Severus stand da wie erstarrt. Er hatte das schon einmal miterlebt. Damals in jener Nacht als er in der Heulenden Hütte dem Werwolf Lupin in die Arme gelaufen war. Es war ausgerechnet James Potter gewesen, der ihn vor den Klauen seines wahnsinnigen Freundes rettete. Und auch jetzt war er unfähig. Severus stand einfach nur da und starrte den Werwolf an.
„Lauft!", rief Black und verwandelte sich in einen streunenden Köter.
Black ein Animagus? Auch das musste Severus erstmal verdauen.
Es war Harry Potter, der Severus an seiner Robe packte und fort stieß als der Werwolf mit seiner Pranke ausholte und genau dort ein Loch in das Holz schlug, wo er gerade noch gestanden hatte.
Der Sturz sorgte dafür, dass Severus aus seiner Trance erwachte. Er rannte in den Wald, in der Hoffnung Lupin abhängen zu können. In der Ferne hörte er das Gauksen von Black und die Schreie des Trios.
Severus sank schwer atmend an einem Baum herab. Er begriff nicht, was hier geschah. Sich die Haare raufend stand er auf, unfähig sich zu entscheiden, ob er ihnen helfen oder weglaufen sollte. Wütend schrie er und trat gegen einen Baum. Just in diesem Augenblick spürte er wie eine ihn völlig durchdringende Kälte aufzog.
Nein, nicht jetzt! Severus rannte los, doch nach wenigen Metern schnitten ihm die ersten Kapuzengestalten den Weg ab. Er zog seinen Zauberstab.
„Was wollt ihr von mir? Euer Knastflüchtling ist da oben!", rief Severus und deutete in die Richtung aus der immer noch der Lärm des Kampfes zwischen Werwolf und Hund kam.
Das furchtbare Rasseln der Dementoren erfüllte die Luft. Severus sank auf die Knie, gelähmt von der Kälte. Er spürte wie die modrigen, knöchernen Hände sich um seinen Hals legten. Es war unmöglich sich dagegen zu wehren. Egal wie sehr er es wollte. Severus verdrehte die Augen und knallte mit dem Kopf auf den feuchten Waldboden.
