Severus Snape schlug die Augen auf und ihn blendete das gleißend helle Licht der Sonne. Unter Schmerzen rappelte er sich auf und fand sich in einem fensterlosen, steinernen Raum wieder, der aus irgendeinem Grund so hell wirkte, dass es ihm in den Augen blendete als würde er direkt ins Sonnenlicht sehen. Vor ihm war eine rostige Tür. Severus stürzte darauf zu und öffnete sie. Er fiel direkt ins Nichts und schlug anschließend auf dem harten Betonboden auf.
Er verstand nicht wo er war. Alles schien so verzerrt und unwirklich. Nur langsam erinnerte er sich wie er im Verbotenen Wald gewesen war. Und überall diese Dementoren. Severus rieb sich die Schlefe. Er verstand nicht was passiert war.
Der Gang vor ihm war aus glanzlosen Beton und nur eine eine Reihe von grellen Neonlampen an der Decke erhellte.
Was war das? War er tot? War das der Himmel oder die Hölle?
Am Ende des Ganges erwartete ihn erneut eine Tür. Dieses Mal war sie aus massiven Stahl. Er betätigte die Klinke und die Tür öffnete sich selbstständig. Quietschend offenbarte sie den Raum dahinter. Einen steinernen Saal an dessen Wänden hingen Potraits. Bei näheren Hinsehen waren es Menschen, die Severus umgebracht hatte, im Krieg und in der Zeit danach. Am Kopf des Saals gab es einen reichlich mit Rosen geschmückten Altar auf dem ein Bild eines ganz besonderen Menschen stand: Lily Evans.
„Nein!", sagte Severus schmerzerfüllt. „Nicht Sie!"
„Severus.", sagte eine zarte, weibliche Stimme hinter ihm. Er wusste wem sie gehörte.
Severus kniff die Augen zu.
„Nein, du bist nicht hier!"
„Severus, Schatz?"
Er hielt sich die Ohren zu. Das war alles nicht echt. Es konnte nicht echt sein! Die Dementoren hatten irgendetwas mit ihm gemacht. Das hier war nicht die Hölle und auch nicht der Himmel. Es war ein Gefängnis. Ein Gefängnis in dem man die Insassen quälte indem man sie immer und immer wieder ihre schlimmsten Augenblicke erleben ließ.
Lily Evans war tot. Genau wie all die anderen.
Langsam, Stück für Stück, wandte er sich um und zwang sich hinzusehen. Hinter sich erblickte er eine Kapuzengestalt.
„Ihr! Ihr seid das Böse!", sagte er voller Zorn zu dem Dementor. „Ihr, die ihr quält und foltert und euch von dem einzigen ernährt, was einen Menschen am Leben erhält – der Hoffnung!"
Severus erhob sich mit zittrigen Beinen.
„Was immer ihr mit mir vorhabt, das könnt ihr vergessen!"
Er stürmte zur nächsten Tür und fiel kopfüber in eine unendliche Tiefe. In der Dunkelheit klatschte er auf das Wasser. In den dunklen Gewässer trieben zahlreiche Schädel und andere Skelettteile. Severus rang nach Luft, wischte die Körperteile beiseite und schwamm auf den hellen Punkt am Ende des Horizonts zu. Es war eine einsame Tür, ohne Wand und Angeln. Sie stand einfach da, auf einer winzigen Insel aus Knochen und Gebein. Severus kletterte aus dem Wasser.
„Wenn ihr glaubt, ich habe Angst vor ein paar Knochen, dann habt ihr euch aber geschnitten!", sagte Severus trotzig.
Die Dementoren loteten seine Ängste aus. Mit Lily hatten sie ihn schon öfter gequält. Jedes Mal, wenn er ihnen über den Weg gelaufen war. Seine Schuldgefühle ihr gegenüber waren nach all der Zeit immer noch stark, doch er würde sich damit nicht noch einmal aufs Glatteis führen lassen.
Severus öffnete die nächste Tür und fand sich plötzlich auf einem Vorplatz wieder, der verdächtig nach londoner Vorstadt aussah. Kinder spielten auf den Wegen und malten mit Kreide Bilder auf die Straße. Eine Frau, die ein Kind an der Hand führte ging an ihm vorbei. Es war Jennifer mit John als Kind.
„Pass gut auf in der Schule. Wir sehen uns später."
Sie umarmte ihren Sohn und wank ihm zu.
Severus drehte sich um und erblickte wieder den Dementor. Er schüttelte angewidert den Kopf.
„Ich bin ein schlechter Vater, nicht wahr?"
Severus wusste worauf das hinauslaufen würde. Die Dementoren würden sich jede seiner Ängste nacheinander vornehmen bis nichts mehr von ihm übrig war. Er musste hier weg. Irgendwie einen Weg zurück finden. Falls er immer noch im Wald lag, dann würde er sterben, wenn er keinen Weg zurück in seinen Körper fand. Das hier war nichts als Illussion, die ihm vorgespielt wurde, um ihn zu brechen und genüsslich zu verzehren.
Wieder erschien eine Tür aus dem Nichts. Severus öffnete sie und landete auf einem nebelverhangenen Friedhof. Vor ihm stand ein Grabstein mit seinem Namen darauf. Daneben steckte ein Spaten im Boden.
Sehr witzig, dachte Severus. Die ultimative Demütigung. Er sollte sein eigenes Grab ausheben.
Der Dementor erschien vor ihm und deutete mit seiner Knochenhand auf den Spaten. Severus zog ihn aus dem Boden und hielt ihn wie eine Waffe in den Händen.
„Nein, es ist genug! Ich werde hier nicht sterben! Nicht hier und nicht heute! Meine Seele gehört mir. Verdaut euch doch selbst, wenn ihr so hungrig seid!"
Severus holte mit dem Spaten aus und schlug ihm dem Dementor gegen den Kopf. Er rannte los, spurtete über den Friedhof zu einer weiteren Tür. Er riss sie auf und erblickte eine Treppe nach oben.
Na, immerhin!
Er rannte sie hoch und auf der Hälfte kippte sie und er fiel nach vorn erneut hinunter in die Tiefen. Severus überschlug sich mehrmals. Unten angekommen hustete er schmerzerfüllt und rappelte sich Mühe wieder auf. Vor ihm stand Lily, James, Sirius, Lupin, Dumbledore und alle die er kannte oder je gekannt hatte.
„Verräter!", sagten sie. „Du hast uns im Stich gelassen. Verräter! Warum hast du uns getötet?"
„Es reicht!", rief Severus. Erstaunlicher Weise hielten die Duplikate ihre Klappe. Er sah über seine Schulter zurück. Die Treppe nach oben existierte noch.
Severus startete einen erneuten Anflug und rannte die Treppe nach oben. Als der Punkt kam an dem sie zu kippen drohte sprang er beherzt ab. Er flog durch die Luft und klammerte sich am schwebenden Türrahmen fest. Mühsam zog er sich nach oben. Das grelle Licht aus der Tür blendete ihn. Er schritt hindurch.
Nach Luft ringend erwachte Severus in der echten Welt in seinem echten Körper. Der Morgen graute bereits. Voller Mühe schleppte er sich durch den Wald und hoch zum Schloss. Seine körperlichen Kräfte waren von den Dementoren, die ihn in seinen eigenen Geist gefangen hielten, erheblich geschwächt worden. Auf der Treppe zum Eichenportal brach er zusammen. Er schloss die Augen und atmete angestrengt. Ihm war schlecht und er fühlte sich völlig entkräftet. Unmöglich konnte er aufstehen. So lag er eine ganze Weile da bis ihn einige Schüler auf dem Weg zum Frühstück fanden. Sie alarmierten sofort die anderen Lehrer und er wurde in den Krankenflügel gebracht.
Severus schlief die nächsten Tage fast komplett durch bis er endlich wieder ansprechbar war. Als er mit gehörigen Kopfschmerzen endlich wieder die Augen öffnete fühlte er sich als sei er komplett durch die Mangel gedreht worden.
Wenig später betrat Dumbledore mit Minerva im Schlepptau den Krankenflügel.
„Wie geht es Ihnen?", fragte der Schulleiter.
„Beschissen.", sagte Severus ehrlicher Weise.
„Was haben Sie sich nur dabei gedacht?", platzte es plötzlich aus Minerva heraus.
„Ähm, also ich ..."
Sie schlug Severus wütend auf den Arm.
„Aua!", rief er überrascht.
„Machen Sie das nie, nie, nie wieder! Verstanden!?"
Minerva umarmte ihn in einem seltsamen, emotionalen Anfall. Severus saß völlig verdattert in seinem Krankenbett.
„Minerva.", sagte Dumbledore, um sie zur Ordnung zu rufen.
„Ich dachte Sie wären tot!", sagte Minerva mit Tränen in den Augen.
Severus war bisher nicht klar gewesen, dass sie tatsächlich an ihm hing. So als Freund und Kollege.
„Sie wissen es nicht, oder?", fragte Dumbledore.
„Was weiß ich nicht?", fragte Severus zurück. Seine Verwirrung stieg von Minute zu Minute.
„Sie sind wahrscheinlich der einzige Mensch, der je den Kuss eines Dementor überlebt hat."
So war das also. Diese seltsame Sache, die er im Wald erlebt hatte. Der Kuss dauerte von Innen viel länger als es den Anschein hatte. Seine Seele hatte er zurück und bekommen war sie den Aasfressern nicht.
„Was ist mit Black und Lupin?", fragte Severus. Es stand außer Frage, dass Dumbledore es wusste.
„Wie es der Zufall so will waren Mr Potter, Mr Weasley und Ms Granger, sowie Professor Lupin und Gerüchten zufolge ein gewisser Sirius Black alle zur selben Zeit im Wald unterwegs wie Sie."
„Nein?", tat Severus empört.
„Ich weiß, was letzte Nacht vorgefallen ist, Severus. Ich habe die Aussagen aller Beteiligten."
„Was ist mit Black?", wollte Severus erneut wissen.
„Aufgrund außerordentlicher Umstände ist er wohl entkommen.", sagte Dumbledore.
„Außerordentliche Umstände. So so.", brummte Severus.
„Der Minister hat aufgrund der Vorkommnisse angeordnet die Dementoren zurück nach Askaban zu beordern.", fuhr Dumbledore fort.
Severus wusste, dass das alles keine Zufälle waren. Das roch doch verdächtig nach Dumbledore. Er würde schon noch rauskriegen wie er das angestellt hatte.
„Und wo ist unser Werwolf?", fragte Severus. „Sie können ihn unmöglich an der Schule behalten!"
„Es waren ...", begann Dumbledore, doch Severus beendete den Satz.
„Außerordentliche Umstände?"
„Professor Lupin hat von sich aus gekündigt.", erwiderte Dumbledore. „Er sagte er wolle keine weitere Vorfälle wie letzte Nacht. Hatte wohl vergessen seinen Trank zu nehmen."
„Und das war's jetzt?", fragte Severus mehr sich selbst.
„Inwiefern?", wollte Dumbledore wissen.
„Black ist weg. Lupin auch. Die Dementoren bleiben hoffentlich wo der Pfeffer wächst. Was genau ist eigentlich passiert?"
Dumbledore lächelte ihn nur an.
„Ich krieg das schon noch raus.", sagte Severus.
„Kommen Sie, Minerva, ich glaube unser Tränkemeister hat genug für heute."
„Äh .. pfff …", machte Severus ungläubig als die beiden einfach weggingen.
