Kapitel 2: In dem Lucius und Severus eine Wette abschließen

Am Freitagabend war Severus Snape in Malfoy Manor und trank seinen exzellenten Portwein. Lucius war es mit aalglatter Leichtigkeit wieder gelungen, Azkaban zu entgehen, was zum Teil Narcissas Verhalten während der Schlacht von Hogwarts, wie man sie jetzt nannte, geschuldet war. Wohlüberlegter Einsatz von Bestechung, Schmeichelei, Katzbuckelei und Erpressung hatten den Rest geregelt.

„Ich kann nicht glauben, dass du den Posten als Schulleiter abgelehnt hast", sagte Lucius. „Wegen schwacher Gesundheit? Du hast nie besser ausgesehen."

„Ich war krank; ich bin beinahe gestorben", betonte Snape. „Es war eine eher politische Ablehnung, statt ihnen zu sagen, ich würde lieber Thestralmist schaufeln als wieder Schulleiter zu sein; ich wollte schließlich vermeiden, gekündigt zu werden."

„Dich den Launen eines Verrückten zu beugen, kannst du kaum mit dem vergleichen, was du jetzt hättest, wenn du annähmst", sagte Lucius. „Das Ministerium nennt dich einen Kriegshelden; sie würden dir aus der Hand fressen."

„Wie unhygienisch." Es war nicht überraschend, dass Lucius nicht verstehen konnte, weshalb er den Job nicht haben wollte; Lucius lebte und atmete Politik. Snape hielt Politiker für eine weitere Brut von Dummköpfen, eine, denen er kein Nachsitzen aufbrummen konnte.

„Aber das Maß an Einfluss, das du als Schulleiter hättest, Einfluss auf die nächste Generation ..." sagte Lucius.

„Ich ziehe es vor, meinen Einfluss direkt auszuüben", erwiderte Snape.

„Erzähl mir nicht, dass du tatsächlich gern unterrichtest."

Natürlich werde ich dir das nicht erzählen, Lucius. Ich kann es selbst kaum glauben. Zu Anfang seiner Lehrtätigkeit war diese eine Notwendigkeit gewesen. Über die Jahre, als Diener zweier Herren mit so vielen zusätzlichen Aufgaben und Geheimnissen, war es schwer genug gewesen, die Dummköpfe daran zu hindern, sich selbst umzubringen. Aber jetzt, da seine beiden Herren nicht mehr lebten, waren explodierende Kessel viel weniger stressig, weil er sich um nichts anderes sorgen musste. Keine irrsinnigen Psychopathen, die bereit waren, ihn aus einer Laune heraus zu töten, keine Notwendigkeit, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, keine undankbaren Helden, die unterrichtet werden mussten. Das hinderte die meisten seiner Schüler nicht daran, Trottel zu sein, aber zumindest in den höheren Jahrgängen hatte er sich nicht mehr mit Dummköpfen herumzuärgern.

„Die Ausnahmeschüler machen es fast den Aufwand wert", sagte Snape. Zuzusehen, wie die intelligentesten Feuer fingen, dazu kamen, seine Leidenschaft für Zaubertränke zu verstehen ...; Lucius hatte keine Ahnung, wie es war, und er würde es nie verstehen. „Und wenn alles schiefgeht, gibt es genügend Torheit unter diesen hormongesteuerten Idioten, um mich ein Leben lang zu amüsieren."

Lucius lächelte. „Welche Art hormongesteuerter Torheit hat dich in letzter Zeit amüsiert?"

Snapes Lippen zuckten. „Würdest du es glauben, dass das Goldene Trio, die Helden der Zaubererwelt, eines Haarzaubers wegen Krach hatten?" Snape beschrieb den Vorfall. „Das Amüsanteste war, dass weder Miss Granger noch Potter irgendeine Vorstellung hatten, was sie angestellt hatte."

Lucius lachte. „Sie hat vor aller Welt erklärt, dass Potter ihr Liebhaber ist, und sie wusste es nicht?"

Snape grinste. „Was es noch pikanter macht, ist, dass ich mir sicher bin, dass Potter nicht ihr Liebhaber ist. Diese Ehre gehört zweifellos der Weasley-Göre."

Lucius hob die Augenbrauen. „Wie konnte sie – ah. Schla…muggelgeboren."

Snape war sicher, dass Lucius dabei gewesen war, „Schlammblut" zu sagen. Es war nicht unbedingt ein Zeichen, dass Lucius seine Einstellung gegenüber der Reinblütigkeit geändert hatte; viel wahrscheinlicher war es, dass er versuchte, seine Gewohnheit zu ändern, da es unklug war, dieses Wort im gegenwärtigen politischen Klima zu verwenden. Snape nickte. „In der Tat. Sie mag intelligent sein, aber sie ist unwissend."

Ein Glänzen erschien in Lucius' Augen, und ein listiges Lächeln zierte seine Lippen. „Wenn du das Unterrichten so magst, beweise es: lehre sie Reinblütermanieren. Ich wette, du kannst es nicht."

„Das Kind lernt für ihre NEWTs", sagte Snape. „Sie wird kaum ihre kostbare Zeit damit verbringen wollen, Manieren zu lernen"

„Ich könnte dafür sorgen, dass es sich für dich lohnt", sagte Lucius.

„Ich will dein Geld nicht, Lucius", sagte Snape voller Widerwillen.

„Ich dachte an etwas weniger … Materielles", erwiderte Lucius.

Snape hob eine Augenbraue.

„Eine Wette, wie gesagt", sagte Lucius. „Wenn du gewinnst, überzeuge ich den Schulrat, dir die Schulleitung nicht mehr anzutragen. Wenn ich gewinne … musst du den Job übernehmen."

„Warum solltest du wollen, dass ich – ah, du hast sie darauf gebracht, nicht wahr?" sagte Snape.

„Leider nein", sagte Lucius. „Es waren Brewster und Greengrass. Aber wie könnte ein Slytherin nein zu einem Slytherin-Schulleiter sagen?"

„Und wenn du dann zufällig ein Freund des Schulleiters bist ..."

„Oh, der Gedanke war mir noch gar nicht gekommen", sagte Lucius mit einem Grinsen.

Snape legte die Fingerspitzen vor seinem Gesicht aneinander. Diese Herausforderung könnte es tatsächlich wert sein. Von Lucius hatte Snape alles, was er wusste, über Reinblütermanieren gelernt; Snape hatte sicher das Wissen, das erforderlich wäre. Nicht nur das, sondern als Halbblut wusste er, wo jemand Muggelgeborenes Wissenslücken haben würde. Miss Granger war intelligent genug, es zu lernen, wenn sie nur die Motivation hatte mitzuarbeiten. Aber dies konnte ein großes „wenn" sein. Was er zuvor über die NEWTs gesagt hatte, war vollständig wahr.

„Es wäre eine sinnlose Wette, falls Miss Granger nicht zustimmt, gelehrt zu werden."

„Das erhöht sicher den Reiz der Herausforderung?" sagte Lucius.

Stimmt, er hatte eine Menge Übung darin, aufsässige Schüler zu überzeugen. Nicht umsonst war er Hauslehrer von Slytherin. Aber dennoch ... „Die Herausforderung zu erweitern würde erfordern, den Einsatz zu erhöhen", sagte Snape. „Unterstützung bei der Ablehnung der Schulleitung und ein zukünftiger Gefallen."

„Ah, Severus, ich biete keine Carte blanche an, nicht einmal dir."

„Ein zukünftiger Gefallen betreffend den Schulrat", sagte Snape. „Ist das für dich genügend eingeschränkt?"

Lucius neigte seinen Kopf. „Sehr gut. Also nimmst du die Wette an?"

„Vielleicht. Es hängt von den Bedingungen ab. Was würde ausreichen, um meinen Erfolg oder mein Versagen zu demonstrieren?"

„Der Ministeriumsball", sagte Lucius. „Der, den sie im Mai geben, um den Jahrestag des Sieges über den Dunklen Lord zu feiern. Ich bin sicher, als Kriegshelden werdet ihr beide eingeladen. Wenn sie alle korrekten Umgangsformen fehlerfrei in der Öffentlichkeit zeigt, dann wirst du als Sieger erachtet. Wenn sie einen Fehler macht, hast du verloren."

„Aber wer wäre dabei Schiedsrichter?"

„Narcissa", schlug Lucius vor.

„Interessenskonflikt", stellte Snape klar.

„Und Augusta Longbottom", fügte Lucius hinzu.

„Interessante Wahl", sagte Snape. Er bezweifelte, dass Augusta Longbottom ihn jemals wieder als Schulleiter haben wollte, nicht nach dem, was ihrem Enkelsohn widerfahren war. „Einverstanden."

Sie schüttelten sich die Hände und ein Prickeln von Magie machte ihre Übereinkunft bindend.


Es war beinahe Mitternacht, als Snape nach Hogwarts zurückkehrte. Statt direkt zu Bett zu gehen, entschloss er sich, einen schnellen Kontrollgang zu machen für den Fall, dass irgendwelche hormongesteuerten Idioten die Unverfrorenheit besaßen, sich zu benehmen, als gäbe es freitagnachts keine Sperrstunde. Als er an der Bibliothek vorbeiging, dachte er, ein Geräusch zu hören. Er schlüpfte leise die Türen hinein und begann, nach der Ursache zu suchen. Während er wie ein Schatten durch die Reihen schlich, sah er sich um und lauschte, kaum dass er atmete. Da. Ein flackernder Lichtschein.

In einer abgeschiedenen Ecke war eine langhaarige Gestalt auf einen Schreibtisch gesunken; eine Kerze flackerte neben ihrer Hand. Er glitt zu dem Übeltäter hinüber und grinste in Erwartung der Angst, die er ihr einjagen würde, wer immer sie war. Warum jedoch sollte eine Schülerin in der Bibliothek eingeschlafen sein? Sicher hätte Madame Pince sie vor der Sperrstunde alle hinausgeworfen? Er stand plötzlich still, als er das Gesicht der Schülerin sah. Die Gryffindor Know-it-all höchstselbst. Das erklärte es; Madame Pince neigte dazu, das Mädchen, das Bücher mit fast genauso viel Ehrfucht behandelte, wie sie es selbst tat, zu bevorzugen.

Er betrachtete das schlafende Mädchen. Das Haar lose um ihr Gesicht, ruhte eine Wange auf einem offenen Buch. In dem Jahr, in dem sie fort war, hatte sie sich verändert; die Strapazen hatten den Babyspeck von ihrer Figur verschwinden lassen, die kindliche Flachheit wurde von fraulichen Kurven abgelöst. Aber seiner Erfahrung nach machten Kurven die Mädchen lediglich doppelt so albern.

Snape schaute auf die Büchertitel, die auf dem Schreibtisch verteilt lagen. Die Regeln der Etikette von A. Gentleman; Gesellschaftsleben oder Die Manieren und Sitten Guter Gesellschaft von Magda Courtly; Der vollständige Zauberer von Walter Germaine und andere Bücher ähnlicher Art. Aha. Es schien, als hätte ihr der Vorfall ihre Unwissenheit klargemacht. Wie günstig für ihn, und wie sehr typisch für das Mädchen, dass sie, statt tatsächlich irgendjemanden zu fragen, die Antwort in Büchern suchte. Wusste sie immer noch nicht, dass Bücher nicht alle Antworten enthielten, dass sie nur so vertrauenswürdig waren wie die Leute, die sie schrieben? Offensichtlich nicht. Nach sieben Jahren des Nachplapperns von Lehrbüchern, trotz all seiner Beleidigungen und Punkteabzüge, hatte er es noch immer nicht geschaft, sie zu denken zu lehren. Er bezweifelte, ob sonst jemand aus dem Kollegium es auch nur versucht hatte. Sie waren zu verliebt in ihre Fähigkeit, ein wandelndes Lehrbuch zu sein. Vielleicht reichte dies für andere Disziplinen, aber beim Brauen von fortgeschrittenen Zaubertränken war es der zuverlässige Weg, sich umzubringen.

Er trat neben sie und schnurrte in ihr Ohr, „Miss Granger." Sie wachte auf. Er legte eine Hand auf ihr Handgelenk, ehe sie nach ihrem Zauberstab greifen konnte. Der Krieg hatte ihre Reflexe vervollkommnet, aber er war immer noch im Vorteil. „Was tun Sie draußen nach der Sperrstunde?"

„I-Ich habe gelernt, Sir", sagte Miss Granger. „Ich muss eingeschlafen sein."

Er hob eine Augenbraue. „Ich war mir dessen nicht bewusst, dass Etikette auf dem Lehrplan für die NEWTs steht."

Sie errötete und öffnete ihren Mund, aber er sprach, ehe sie antworten konnte.

„Zehn Punkte von Gryffindor und Nachsitzen. Samstagabend, acht Uhr, mein Büro. Was genau genommen heute ist, denn es ist nach Mitternacht."

„Aber –"

„Würden Sie zwanzig Punkte vorziehen?" unterbrach er.

Sie holte tief Luft, dann biss sie sich auf die Lippen, als ob sie versuchte, einen Ausbruch zu zügeln. Ihr Gesicht wurde langsam ausdruckslos, aber in ihren Augen funkelte eine Emotion, die er nicht zu identifizieren vermochte. Es war keine Angst und auch kein Ärger. Sie atmete tief ein. „Ich bin sicher, Sie werden genau das machen, was Sie möchten, Sir", sagte sie. „Es ist nicht wirklich wichtig."

„Erzählen Sie mir nicht, dass es Ihnen egal ist, ob Gryffindor den Hauspokal gewinnt oder nicht?"

Sie zuckte mit den Schultern. „Nach allem mit Voldemort scheint mir das zu unwichtig, um mir darüber Sorgen zu machen", sagte sie.

Vielleicht war das junge Ding am Ende doch erwachsen geworden.

„Gehen Sie zurück in Ihren Turm", sagte er und ging in einem Wirbel schwarzer Roben davon.


Hermione lächelte während des Frühstücks in sich hinein. Sie hatte Nachsitzen bei Professor Snape, und es war ihr egal. Weil sie sich von ihm nicht mehr einschüchtern ließ. Als er am vorherigen Abend gedroht hatte, Extrapunkte abzuziehen, war ihr das so albern vorgekommen, dass sie all ihre Selbstbeherrschung gebraucht hatte, um nicht laut loszulachen. Hier war jemand, der zwanzig Jahre lang gegen Voldemort spioniert hatte, der beinahe gestorben war, um Voldemorts Niederlage sicherzustellen, und er höhnte und zog Hauspunkte ab, als sei nichts passiert, als ob Hauspunkte gegen Blut und Tod und Angst und Schmerz ins Gewicht fielen und tatsächlich irgendeine Bedeutung hätten. Sie hatte über ihn nicht so sehr gelacht wie über sich selbst, weil sie so leicht in die alten Gewohnheiten zurückgefallen war. Er verdiente aus so vielen Gründen Respekt, einschließlich wegen seiner Autorität gegenüber ihr als Schülerin, aber sie realisierte, dass sie durch ihre Rückkehr nach Hogwarts es gewählt hatte, sich unter seine Autorität zu stellen. Es war kein Naturgesetz, sondern eine Fiktion, in die sie sich willentlich, zum Wohle ihrer NEWTs begeben hatte. Außerhalb dieser Mauern waren sie beide jedoch Erwachsene, beide gleichgestellt, beide Helden auf ihre eigene Art und Weise. Und sie hatte keine Angst mehr vor ihm.