Kapitel 5: In dem Hermione weiter aufgeklärt wird

Snape betrachtete den leicht fehlerhaften Zaubertrank ärgerlich. Hatte das Kind denn überhaupt keine Phantasie? „Fünf Punkte von Gryffindor, Miss Granger, für sklavenartiges Festhalten am Lehrbuch."

Die Augen des Mädchens weiteten sich, und sie öffnete den Mund, um zu protestieren.

„Schweigen Sie!" Seine Augen wurden schmal. „Stellen Sie wieder Mutmaßungen an, Miss Granger?"

Ihr Mund schloss sich ruckartig, und sie runzelte gedankenvoll die Stirn. Fast konnte man die Rädchen in ihrem Kopf sich drehen sehen. „Anscheinend, Sir."

„Zwei Fuß, Miss Granger, diesen Freitag, darüber, welche Mutmaßungen es sind, und die Gründe, warum sie falsch sind. Falls Sie feststellen, dass die Bibliothek nicht weiterhilft, schlage ich vor, sie fragen Ihre Mitschüler, was jeder über Zaubertränke weiß."

Miss Granger nickte. Botschaft erhalten und verstanden.


Am Freitagabend kam Miss Granger an und reichte ihm eine Pergamentrolle. Snape legte sie beiseite, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen. „Ich werde Ihnen sagen, was Sie geschrieben haben, Miss Granger", sagte Snape. „Sie hatten angenommen, dass das Zaubertränkelehrbuch für Fortgeschrittene in jeder Hinsicht korrekt ist wie die anderen Lehrbücher, die Sie so akkurat nachplappern. Das Zaubertränkelehrbuch enthält jedoch absichtliche, aber relativ harmlose Fehler. Der Sinn ist, fortgeschrittene Zaubertrankschüler auf echte Grimoires vorzubereiten, die absichtliche und gefährliche Fehler enthalten, um ihren Inhalt vor Unwissenden zu schützen." Seine Lippen kräuselten sich. „Nicht nur das, sondern Sie haben zweifellos eine ausgiebige Liste von Referenzen bereitgestellt. Ein Punkt für Gryffindor." Er schwenkte seinen Zauberstab und ließ die Tinte auf der Rolle verschwinden.

„Warum geben Sie mir einen Aufsatz auf, wenn Sie ihn nicht einmal ansehen wollten?"

Snape grinste. „Sagen Sie es mir."

Das Mädchen starrte auf die leere Rolle, aber er konnte sehen, dass sie sie nicht wirklich anschaute. Nach ein paar Minuten sprach sie. „Erstens als eine Denkübung; es ist nicht wichtig, ob Sie es lesen, weil der Sinn war, dass ich die Übung machen sollte. Und die Übung sollte mich daran erinnern, mich vor Mutmaßungen im Allgemeinen zu hüten, nicht nur bei Zaubertränken."

Snape nickte. „Mutmaßungen können Sie töten. Stellen Sie alles in Frage. Hinterfragen Sie insbesondere die Motivation von Menschen."

„Sogar Ihre, Sir?" In ihren Augen lag Herausforderung.

Er begegnete ihr mit seiner eigenen Herausforderung. „Besonders meine."

„Was ist also Ihr zusätzliches Motiv, mich zu unterrichten?"

„Ich sehe, im selben Moment, in dem Sie etwas Slytherin-Bewusstsein an den Tag legen, ruinieren Sie es mit Gryffindor-Stümperei."

Sie zuckte die Schultern. „Es kann nicht schaden zu fragen."

„Ah, aber das kann es", sagte Snape. „Ihre Fragen sagen Ihren Feinden nicht nur, was Sie wissen wollen, sondern auch, was Sie schon wissen."

„Sie sind nicht mein Feind, Sir", sagte sie ruhig.

Würdest du dasselbe denken, wenn du die Wahrheit wüsstest, Mädchen? „Die Reinblüter, mit denen Sie zu tun haben werden, verstehen sich als Ihre Feinde. Glauben Sie, sie werden ehrlich spielen? Glauben Sie, bei der Etikette geht es um Fair Play? Hauselfen sind leicht zufriedenzustellen; sie haben einfache Ziele. Lassen Sie mich Ihnen versichern, die Reinblüter werden nicht ehrlich spielen." Er starrte auf sie hinab. „Nun sagen Sie mir, was Ihre Frage über Sie verraten hat."

„Dass ich schon wusste, dass Sie ein zusätzliches Motiv haben, mich zu unterrichten, das Sie mir nicht mitgeteilt haben."

„Und war brachte sie darauf zu glauben, wenn ich solch ein Motiv hätte, dass ich es Ihnen mitteilen würde, nur weil Sie gefragt haben, wenn ich mir schon solche Mühe gegeben hatte, es zu verheimlichen?"

„Jetzt weiß ich, dass Sie sich Mühe gegeben haben, es zu verheimlichen", sagte sie. „Sir."

„Sie wissen es nicht, Sie argwöhnen lediglich", sagte er. „Bücher und Fakten werden Ihnen hier nicht helfen; Sie müssen mit Mutmaßungen und Spekulation auskommen, mit der Unsicherheit leben."

„Ich habe den Verdacht, dass Ihre Mutmaßungen genauer sind als die Fakten der meisten Leute", sagte sie. „Aber ich glaube nicht, dass ich selbst einen sehr guten Spion abgeben würde."

„Schon solch eine Pessimistin?" schnurrte er. „Wir haben kaum begonnen." Er schritt um sie herum. „Ihr Gesicht, Miss Granger, ist ein offenes Buch. Ich gestehe Ihnen zu, dass Sie sich an alles erinnern, was ich Sie bislang gelehrt habe, aber alle Formen und Details werden Ihnen nichts nützen, wenn Sie Ihre Gefühle nicht erfolgreich verbergen können." Er blieb vor ihr stehen und lehnte sich gegen seinen Schreibtisch zurück. „Leeren Sie Ihren Geist."

Ihre Augen wurden schmal. „Erwarten Sie einen Legilimentiker auf dem Ball, Sir?"

Er stellte nicht infrage, warum dieser Beweis ihres schnellen Denkens sein Herz erwärmte. „Nein, Miss Granger. Aber Selbstbeherrschung und Klarheit im Denken sind die Basis sowohl für Okklumentik als auch für das Verbergen der eigenen Emotionen. Leeren Sie Ihren Geist."

„Wie, Sir? Ich kann nicht einfach aufhören zu denken."

Seine Lippen zuckten. „In der Tat, ich glaube, Sie sind grundsätzlich unfähig, nicht zu denken."

Sie bedeckte ihren Mund mit der Hand, aber ihre Augen sprühten. Lächelte sie tatsächlich? Etwas in seinem Herzen erhellte sich. Beinahe lächelte er zurück, ehe er sich bremste. Sie ist eine Schülerin, nichts weiter. Er erhob sich. „Schließen Sie Ihre Augen."

Sie schloss sie.

Er trat zur Rücklehne ihres Stuhls und sagte ihr leise ins Ohr, „Atmen Sie."

Sie zitterte. Wenn sie sich in den Kerkern aufhielt, sollte sie wärmere Kleidung tragen.

„Langsam", sagte er, „einatmen. Warten. Ausatmen. Denken Sie an nichts als daran, wie die Luft sich anfühlt, während sie Sie durchströmt. Einatmen. Warten. Ausatmen. Da ist nichts als Luft." Sie war entspannt, während sie atmete, wie er ihr sagte. Jetzt zum nächsten Schritt. „Stellen Sie sich", sagte er, „einen See vor. Einen tiefen, tiefen See. Die Oberfläche ist ruhig, friedlich. Unter dem tiefen, tiefen See, auf dem Grund, wo niemand sie finden kann, steht eine Truhe. In der Truhe sind alle Dinge, die Sie verbergen möchten. Niemand außer Ihnen kann die Truhe öffnen. Verstecken Sie Ihre Schätze in der Truhe. Verbergen Sie Ihre Geheimnisse in der Truhe. Verstecken Sie Ihre Gefühle in der Truhe. Haben Sie sie versteckt?"

„Ja", flüsterte sie.

„Haben Sie die Truhe verschlossen?"

„Ja."

Er trat herum zur Vorderseite des Stuhles und betrachtete sie. Entspannt, nahezu knochenlos. Aber das war der einfache Teil. „Öffnen Sie Ihre Augen", blaffte er.

Sie erschrak und fiel fast vom Stuhl.

„Das ist es," sagte er, „wie Sie Ihren Geist leeren." Er grinste. „Der Trick ist natürlich, dies zu tun, ohne dabei einzuschlafen, ohne Ihre Augen zu schließen, und das schnell. Dafür werden Sie üben müssen."


In dieser Nacht fand Hermione es schwierig einzuschlafen. Sie lag da, starrte den Himmel ihres Himmelbetts an und dachte dabei über Severus Snape nach.

Es ist nur eine Schwärmerei. Nur eine dumme Schulmädchenschwärmerei, wie du sie im zweiten Schuljahr für Lockhart hattest. Aber oh Gott, seine Stimme. Sie bringt mich zum Schmelzen. Wie kann ich ihm am Montag im Zaubertränkeunterricht ins Gesicht sehen? Sie seufzte. Sei nicht dumm; er hat dir genau gezeigt, wie. Leere deinen Geist. Verbirg deine Gefühle. Du hast ein ganzes Wochenende zum Üben. Also übe.

Sie schloss ihre Augen und versuchte dabei, sich einen See vorzustellen. Aber sie konnte seine Stimme nicht aus dem Kopf bekommen. Atme. Sie holte flatternd Luft. Atme. Seine Stimme war wie dunkle, schwarze Melasse. Das funktioniert nicht. Denke an etwas. Sie nahm einen Atemzug, aber seine Stimme flüsterte immer noch in ihrem Kopf. Fein. Wenn du nicht dagegen arbeiten kannst, arbeite damit. Sie stellte sich die dunkle, schwarze Melasse vor, wie sie in den tiefen, tiefen See fiel. Atme. Ihre Atmung wurde gleichmäßiger, und sie begann, sich zu entspannen. Es ist nur eine Stimme. Sie kann dir nichts tun. Sie kann dich nicht beunruhigen. Verbirg deine Gefühle in der Truhe. Lass los. Atme. Ihre Atmung wurde tiefer. Du wirst nicht zittern. Du wirst nicht erröten. Er wird es nicht sehen. Atme. Die Oberfläche des Sees war still und ruhig. Er wird es nicht sehen. Die dunkle, schwarze Melasse war sicher in der Truhe verborgen. Es gab nicht außer Luft und Stille.

Hermione schlief.


Über das Wochenende übte sie. Am Samstagmorgen stellte sie sich den See vor, während sie so tat, als ob sie las. Am Samstagnachmittag testete sie sich selbst, indem sie während des Quidditchspiels (Ravenclaw gegen Slytherin) in der Nähe der Slytherins saß. Natürlich beleidigten sie sie und ihre Freunde. Aber sie blieb gelassen. Sie war sich jedoch nicht sicher, ob es ein echter Test war, weil es ihr egal war, was sie dachten. Es würde schwieriger zu bewerkstelligen sein, wenn sie sich auf zwei Dinge auf einmal konzentrieren musste. Dennoch übte sie, wiederholte die Übung, als ob sie eine schwierige Verwandlung wäre, die sie beherrschen musste. Und auf gewisse Art war sie das; eine Verwandlung des Geistes.


Der Montagmorgen kam und mit ihm die Doppelstunde Zaubertränke. Die NEWTs-Klasse war klein genug, dass alle Häuser in einer Klasse zusammen waren. Hermione saß wie üblich neben Harry.

Professor Snape kam mit wehenden, schwarzen Roben herein.

„Da uns die Weihnachtszeit bevorsteht, und die Hallen von Hogwarts unzweifelhaft von Weihnachtsfreude erfüllt sein werden …" Er grinste höhnisch. „Habe ich beschlossen, Ihnen einen Zaubertrank zu versuchen zu erlauben, den manche von Ihnen … nützlich finden werden." Er deutete mit seinem Zauberstab auf die Tafel, und die Worte „Ausnüchterungstrank" erschienen, gefolgt von einer Zutatenliste und Anweisungen. Er wandte sich wieder der Klasse zu. „Halt!" sagte er. „Heute werden Sie nicht mit Ihren üblichen Partnern arbeiten, sondern mit Partnern, die ich Ihnen zuteile. Sie gelten als fortgeschrittene Studenten. Sie sollten in der Lage sein, ohne die vertraute Unterstützung zu brauen." Er sah auf Harry und Hermione. Hermione mied seinen Blick.

See. See. Stille. Sie schaffte es, nicht zu erröten. Dieses Mal.

Professor Snape zeigte auf sie. „Miss Granger, Sie werden mit Mister Malfoy arbeiten."

Hermione sammelte ihre Sachen ein und ging zu Dracos Schreibtisch, während Professor Snape weitere Anweisungen gab.

„Nun, zumindest hat er mir niemand komplett Inkompetenten auf's Auge gedrückt", sagte Draco.

Hermione kämpfte, um ihre Irritation unter Kontrolle zu halten. Ruhe, Ruhe. „Witzig, das ist genau das, was ich gedacht habe", sagte Hermione tonlos.

„Ich hole die Zutaten", sagte Draco und schaffte es, allein mit seinem Ton anzudeuten, dass er ihr bei solch einer simplen Aufgabe nicht vertraute.

Und ich dachte, mit Professor Snape umzugehen, sei der schwierigste Teil dieser Lektion, dachte Hermione. Zumindest bekomme ich dabei eine wirkliche, praktische Übung. Ich frage mich, ob Professor Snape das absichtlich gemacht hat. Ha. Natürlich hat er das.

Draco kam zurück und legte die Zutaten in der Reihenfolge, wie sie zugefügt werden mussten, bereit.

„Ich bereite den Lavendel vor", sagte Hermione, nahm die Blütenköpfe in die Hand und legte sie auf ihr Schneidbrett. „Schließlich wollen wir nicht die Virilität des Malfoy heres ex asse riskieren."

„Ich habe nicht vor, in Lavendelöl zu baden, Granger", sagte Draco. „Das Rezept verlangt einen Aufguss von zehn Samenkörnchen, nicht hundert, oder hast du die Anweisungen so weit nicht gelesen?"

Hermione ließ die Beleidigung von sich abgleiten wie eine Brise durch die Zweige einer Weide; einer Weide, deren Wurzeln aus einem tiefen, tiefen See tranken. Vielleicht ist dies letzten Endes gar nicht so schwierig.


Wieder Freitag, der letzte vor den Weihnachtsferien.

„Wenn Sie eine jüngere Schwester hätten, Miss Granger, wie würde sie formal angesprochen?" fragte Snape, während er in seinem Büro auf und ab ging.

„Das würde davon abhängen, wie ihr Vorname wäre, und ob sie eine Hexe wäre oder nicht", antwortete sie.

Snape grinste sie gewollt höhnisch an. „Wollen Sie wie ein Dummkopf zaudern, oder wollen Sie die Frage beantworten?" Er erwartete, dass sie errötete, entweder vor Ärger oder vor Verlegenheit, aber ihr Gesicht und ihre Augen blieben ruhig, als sie antwortete.

„Wenn meine hypothetische jüngere Schwester mit Vornamen Miranda hieße, würde sie als Miss Miranda Granger angesprochen, wenn sie eine Hexe wäre, und als Miranda, wenn sie keine Hexe wäre", gab sie zurück.

„Wenn Sie Draco Malfoy formell vorgestellt würden, was würden Sie tun?" sagte Snape. Er warf eine weitere Spitze ein. „Und ‚gucken wie ein überraschter Fisch' ist nicht die korrekte Antwort."

Wieder war Miss Grangers Antwort uncharakteristisch ruhig. Sie kann es nicht schon beherrschen, dachte Snape. Und dennoch, auch wenn er sie die ganze Unterrichtsstunde lang seine scharfe Zunge spüren ließ, konnte er sie nicht dazu bringen zu reagieren.

„Habe ich den Test bestanden, Sir?" fragte sie.

Sie hatte gewusst, was er tat. „Ich bin nicht derjenige, den Sie beeindrucken müssen", knurrte er.

Erst, nachdem sie gegangen war, realisierte er das andere, das ihn beunruhigt hatte. Sie hatte nicht gelächelt. Kein einziges Mal.


„Hey, Hermione, was ist los?" fragte Ron, als der Hogwarts Express Richtung London tuckerte. „Freust du dich nicht auf Weihnachten? Ich bin so froh, dass du in den Fuchsbau kommen kannst."

„Natürlich ist nichts los", sagte Hermione ruhig.

„Du lächelst nicht", sagte Ron.

„Warum sollte sie lächeln, wenn ihre Eltern immer noch verschwunden sind?" betonte Harry.

„Sie sind nicht verschwunden, sie sind nur ohne Nachsendeadresse verzogen", sagte Hermione. Sie wusste, sie sollte sich Sorgen machen, aber es war so viel friedlicher, wenn sie ihre Sorgen im See verbarg. „Ich bin sicher, es geht ihnen gut."

„Natürlich geht es ihnen gut", sagte Ron bekräftigend. „Hier, nimm einen Schokofrosch."