Kapitel 6: In dem jeder auf seine unterschiedliche Art Weihnachten feiert

Weihnachten im Fuchsbau, Malfoy Manor und Hogwarts. Aber hauptsächlich im Fuchsbau.


Der Fuchsbau war laut und warm und gemütlich, erfüllt von verlockenden, sowohl herzhaften wie auch süßen Düften, was erstaunlich war, wenn man in Betracht zog, dass Molly wahrscheinlich erst wenige Stunden zuvor zuhause angekommen war. Im Gegensatz zu den Schülern musste das Hogwartskollegium nicht den Hogwarts Express benutzen; sie war wahrscheinlich via Flohnetzwerk gereist.

Molly zog sie beiseite, während Ginny Hermiones Sachen hinauf in ihr Zimmer brachte. „Danke, dass du mir Lolly ausgeliehen hast, sie war eine große Hilfe."

Hermiones Augen weiteten sich. „Ich habe nicht …", sie brach ab. „Lässt du mich bitte kurz mit ihr reden?"

Molly deutete Richtung Küche.

Hermione trat ein und zischte, „Lolly."

Die Hauselfe kam mit hängenden Ohren aus der Speisekammer. „Miss ist nicht zufrieden?"

„Ich dachte, du solltest Hogwarts nicht verlassen."

„Professor Weasley ist eine Hogwarts-Professorin", sagte Lolly. „Also arbeitet Lolly immer noch für Hogwarts."

Hermione biss sich auf die Lippe, unsicher, ob sie lächeln oder die Stirn runzeln sollte. „Ich hatte nicht erwartet, dass du mir folgst. Ich war überrascht. Und auch wenn ich es zu schätzen weiß, habe ich dich nicht gebeten, Professor Weasley zu helfen."

Lollys Ohren hingen noch weiter hinunter. „Lolly wird ihre Ohren bügeln."

„Nein", unterbrach Hermione. „Lolly wird kalt duschen."

Lolly nickte energisch. „Lolly wird mit eiskaltem Wasser, das aus Schnee gemacht ist, duschen!"

„Aber mach dich nicht selbst krank."

Lolly schüttelte genauso energisch ihren Kopf. „Nein, Miss Hermione."

„Hilf Professor Weasley weiter, aber erledige nicht alles Kochen. Sie kocht gerne."

„Ja, Miss Hermione."


An diesem Abend war die Stimmung beim Abendessen ausgelassen und von Lachen erfüllt, als sich die Weasleys, Hermione und Harry um den Tisch drängten. Bill und Fleur waren direkt vor dem Essen angekommen, und Charlie schneite nach dem ersten Gang herein; er roch nach wilder, kalter Luft und Drachenrauch.

Hermione begann, sich zu entspannen. An diesem Abend leerte sie ihren Geist nicht, ehe sie schlief.


Der Esstisch ist voll von Menschen; Freunde, Feinde, Fremde. Molly Weasley sitzt an einem Ende, Albus Dumbledore am anderen. Lucius und Narcissa Malfoy sitzen ihr entspannt gegenüber, in prächtigen Roben aus bestickter Seide, während neben ihnen ein Paar in Muggel- Geschäftskleidung sitzt. Molly Weasley lehnt sich über den Tisch zu ihnen.

„Wendel, Monica, ich möchte euch Hermione vorstellen."

Ihre Eltern schauen direkt durch sie durch.

„Wer?"

Sie ist unsichtbar für sie.

Lucius Malfoy grinst sie höhnisch an. „Tu n'as pas de place ici, et n'en auras jamais."*

Sein Französisch ist perfekt. Ihres ist es nicht; sie kann nur jedes dritte Wort verstehen.

„Pardon?"

Pauvre fille, comment oses-tu pretendre atteindre notre niveau?" sagt Lucius.**

Narcissa zuckt eine elegante Schulter.

Eine Stimme schnurrt in ihr Ohr. „Ich bin nicht derjenige, den Sie beeindrucken müssen." Es ist Severus Snape, der neben ihr sitzt. Seine schwarze Festrobe ist in einem so dunklen Grün bestickt, dass es fast schwarz aussieht, und sein Haar ist mit einem passenden grünen Band zurückgebunden. Sein Gesicht ist nicht weniger harsch, aber für sie ist es schön, nicht zuletzt deshalb, weil sein vertrautes Gesicht ihr Trost für ihre Angst gibt.

Seine Hände fühlen sich warm auf ihren an. Er zieht ihre Hand an seine Lippen und küsst ihre Fingerknöchel. Sie zittert, aber nicht der Kälte wegen.

Seine untergründlich schwarzen Augen bohren sich in ihre. „Vertrauen Sie niemandem", flüstert er. „Besonders nicht mir."

„Warum nicht?" flüstert sie zurück.

Er küsst jeden Finger ihrer Hand. „Deshalb."

„Natürlich kannst du ihm nicht trauen", sagt Ron von ihrer anderen Seite. „Er ist Snape."

Ihre Schultern werden von hinten ergriffen, und sie wird vom Tisch weggezogen. Es ist Lucius Malfoy. „Tu n'es même pas digne de lécher la boue des semelles de mes chaussures", zischt er angewidert.***

Es gibt einen hellen Blitz, als der Geist von Colin Creavey ein Foto macht.

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Anmerkung der Übersetzerin: Leider ist mein Französisch nicht gut genug, um die sprachliche Korrektheit der französischen Zitate zu beurteilen. Die Übersetzungen lauten:

* „Du hast hier keinen Platz und wirst niemals einen haben."

** „Armes Mädchen, wie kannst du vorzugeben wagen, unser Niveau zu erreichen?"

*** „Du bist nicht einmal würdig, den Schlamm von meinen Schuhsohlen zu lecken."


Hermione stöhnte, als das Sonnenlicht in ihre Augen stach, dann zitterte sie, als sie sich an ihren Traum erinnerte. Ihr Verstand wusste, dass es ein Traum war, aber ihre Gefühle wussten es nicht. Die Gleichgültigkeit ihrer Eltern, die Feindseligkeit von Lucius Malfoy, das Gefühl von Snapes Lippen auf ihrer Hand; das alles ließ Tränen in ihren Augen aufsteigen, brachte ihr Herz dazu, vor Angst und etwas anderem, das keine Angst war, zu hämmern. „Nur ein Traum, es war nur ein Traum", flüsterte sie vor sich hin.

Sie suchte Trost in ihrem See und begrub ihre Ängste und Unsicherheiten tief darin. Als sie sich besser fühlte, beschloss sie, ihre mentalen Schutzwälle nicht mehr herunterzulassen. Es gab nichts, was sie wegen ihrer Eltern oder wegen Snape tun konnte, aber es gab zumindest eines, das sie wegen Lucius Malfoy tun konnte. Sie war nicht überrascht, dass er in dem Traum Französisch gesprochen hatte; die Malfoys besaßen zumindest ein Anwesen in Frankreich. Hermiones Eltern hatten sie als Kind zu allen möglichen zusätzlichen Kursen geschickt, inklusive Sprachkursen. Aber Hermione hatte ihr Französisch in den letzten sieben Jahren kaum angewendet.

Nach dem Frühstück sprach Hermione Fleur an und bat sie um ihre Hilfe. Wie konnte man besser seine sprachlichen Fähigkeiten auffrischen als mit einem Muttersprachler?


Narcissa Malfoy küsste Draco auf die Wange. „Willkommen daheim, Lieber."

„Danke, Mutter", sagte Draco. Er reichte einem wartenden Hauselfen seinen Umhang.

„Dein Vater ist im Arbeitszimmer", sagte Narcissa. Natürlich würde seine Mutter nicht damit herausplatzen, dass sein Vater ihn sprechen wollte; das wäre bei weitem zu linkisch und grob.

Draco war Slytherin genug, um die Mitteilung zu verstehen. „Ja, Mutter."

Als Draco das Arbeitszimmer betrat, bot Lucius ihm einen Platz an und stellte ihm die üblichen Fragen über die Schule – ein Ritual, das Draco für selbstverständlich gehalten hatte bis zum letzten Jahr, als der Dunkle Lord seinen dunklen Schatten auf seine Familie geworfen hatte. Er schwor, solche Dinge nie wieder für selbstverständlich zu halten. Sein Vater war am Leben, seine Mutter war am Leben, sie hatten immer noch das Manor, und wenn auch ihr Vermögen kleiner als früher war ... Nun, war Geld so wichtig, außer als eine Art, Punkte zu machen? Natürlich war Status wichtig, aber wenn es niemanden gab, der einen anlächelte und sagte, „Gut gemacht", wo war dann der Sinn?

„Ich habe Granger in diesem Schuljahr in Zaubertränke geschlagen", sagte Draco.

„Aber in sonst nichts, garantiert", sagte Lucius.

Draco zuckte die Achseln. „Professor Snape ist der einzige Lehrer, der nicht denkt, die Sonne scheint aus ihrem –"

„Ausdrucksweise", tadelte Lucius milde. „Hast du in letzter Zeit etwas ... Ungewöhnliches in ihrem Verhalten bemerkt?"

Draco zuckte die Achseln. „Ich habe gehört, dass Professor Snape sie Erstklässler-Zaubertränkeaufsätze korrigieren lässt."

Lucius hob eine Augenbraue. „Ich dachte, er würde sie nicht bevorzugen?"

„Du glaubst, Aufsätze zu korrigieren, ist eine Art Belohnung?" fragte Draco ungläubig.

„Nein, ich glaube, es ist eine Art von Bezahlung", sagte Lucius. „Für Unterricht in Manieren."

Draco blinzelte. „Ah, das erklärt es."

„Hmmm?"

„In unserer letzten Zaubertränkestunde arbeitete sie mit mir als Partner, und sie verwendete den korrekten Terminus für ‚einziger Erbe'."

Lucius runzelte die Stirn. „Tatsächlich?" Er rieb mit einem Finger an seinen Lippen. „Das wird keineswegs reichen." Er lehnte sich mit einem leichten Lächeln auf seinem Gesicht vor. „Wenn du zurück nach Hogwarts kommst, musst du Folgendes tun ..."


Severus Snape verbrachte die Weihnachtsferien in Hogwarts. Es war seltsam, durch die beinahe leeren Hallen zu wandern und zu denken, dass diese Mauern und Fundamente noch immer dasein würden, wenn er tot war, und dass sie sich nicht ändern würden, egal, ob man sich seiner liebevoll oder mit Hass erinnern würde. Er fragte sich, ob Miss Granger sich mit Zuneigung an ihn erinnern würde. Wahrscheinlich nicht. Nicht, wenn sie sein falsches Spiel entdeckte, seine dumme Wette. Er fühlte ein Stechen in seiner Brust. Nein. Es war keinerlei Gefühl für sie, natürlich nicht. Es war nur eine Magenverstimmung.


„Hermione, hast du bei Luna Unterricht genommen?" fragte Ginny, als sie in nach-dem-Weihnachtsessen-Benommenheit faul herumhingen.

„Unterricht worin?" fragte Hermione.

„Unterricht in Entrücktheit", sagte Ginny.

„Oder vielleicht ist sie gar nicht wirklich Hermione", sagte Harry grinsend, während er Hermione in den Arm knuffte. „Ginny, bist du sicher, dass sie keinen Vielsafttrank geschluckt hat?"

„Nein, wenn sie Luna wäre, wären wir schon über die Gewohnheiten des Schwach gefleckten Snargel aufgeklärt worden", sagte Ron.

„Es gibt keinen Schwach gefleckten Snargel", sagte Hermione.

„Genau!" grinste Ron.

Später saßen die vier gegen die Kälte einmummelt auf der Veranda und beobachteten den Sonnenuntergang. Ron legte seinen Arm um ihre Schulter. Hermione kuschelte sich an ihn.

„Hermione, ich liebe dich", sagte er und küsste sie. Dies war kein Kuss inmitten einer Schlacht, angetrieben von Adrenalin und Freude; er war sanft und zärtlich mit einem Hauch Besitzergreifen.

Und Hermione fühlte gar nichts.


In dieser Nacht konnte Hermione dies nicht aus dem Kopf bekommen. Ron hatte sie geküsst, und sie hatte rein gar nichts gespürt. Snape hatte ihr nur ins Ohr geflüstert, und sie hatte ... Nun, sie hatte mehr als nichts gefühlt. Es war nicht so, dass sie Ron nicht liebte. Natürlich liebte sie ihn. Aber vielleicht liebte sie ihn nicht auf diese Weise. Nicht, dass sie Snape auf diese Weise liebte, natürlich nicht. Es war unbegreiflich.

Aber was konnte sie tun, wenn sie nicht wusste, was sie fühlte? Sie konnte doch keinen Knopf drücken und eine Antwort bekommen. Oder konnte sie das?

Sie warf einen schwachen Lumos und nahm ihr Notizbuch und den getreuen Kugelschreiber heraus, während sie sich leise bewegte, um Ginny nicht zu wecken. Bald füllten Arithmantikgleichungen die Seite und die nächste Seite, die nächste Seite und die nächste. Hermione verlor jegliches Zeitgefühl, während sie ihr Problem berechnete und wieder nachberechnete. Stunden später rieb sie sich die brennenden Augen und lehnte sich mit einem Seufzen zurück. Die Antwort war da: sie und Ron waren einfach nicht kompatibel. Oh, als Freunde waren sie prima, aber als Paar würden sie niemals harmonieren.

Was ist mir dir und Snape? wisperte ihr Verstand. Nein. Nicht diese Richtung. Nicht einmal in die Nähe davon. Auf keinen Fall. Aber es könnte nicht schaden, ihn auszuschließen, oder?

Als sie realisierte, dass sie keinen Schlaf bekommen würde, wenn sie diese Frage nicht löste, ging sie daran, eine zweite Reihe von Gleichungen aufzustellen. Dieses Mal ging es schneller aufgrund der Ähnlichkeit zu den Gleichungen, die Ron betrafen. Das Ergebnis entsprach nicht so recht ihren Erwartungen. Natürlich ergab es nicht, dass sie mit Snape kompatibel war, aber es sagte auch nicht, dass sie inkompatibel mit ihm war. Es gab einfach zu viele unbekannte Variablen, um die Frage zu lösen, und die keineswegs geringste davon war, was schon eine Weile an ihr nagte: was war sein echtes Motiv, sie Reinblütermanieren zu lehren? Er würde es ihr kaum erzählen.

Mit einem Seufzer ließ sie sich wieder zurück auf ihr Bett fallen. Genug. Zeit zu schlafen und diese Sorgen aus dem Kopf zu verbannen.


Es war schwierig, Ron alleine für ein vertrauliches Gespräch zu erwischen, weil Französischübungen mit Fleur, spontane Quidditchspiele, Schneeballschlachten und andere Familienaktivitäten alle ihre Zeit zu brauchen schienen. Wenn Hermione es sich jedoch selbst eingestand, bemühte sie sich nicht besonders darum. Es kam ihr nicht in den Sinn, dass Ron vielleicht ebenfalls versuchte, sie zu meiden. Erst am Nachmittag des Neujahrstages schaffte sie es, den jüngsten Weasleymann beiseite zu ziehen.

„Ron, wir müssen reden."

Ron seufzte. „Ich weiß."

Hermione runzelte die Stirn. „Du weißt? Was ist es, wovon du denkst, dass du es weißt?"

Er deutete auf sie beide. „Du brauchst mich nicht sanft abzuservieren, ich weiß, dass es mit uns nicht funktionieren wird. Ich wusste es seit Weihnachten. Ich wollte es nur nicht eingestehen."

„Oh, Ron, es tut mir leid", sagte Hermione.

„Es ist ein anderer Kerl, oder?"

Hermione schüttelte ihren Kopf. „Da ist kein anderer Mann. Wir passen einfach nicht zueinander. Ich habe die arithmantischen Berechnungen –"

Ron stieß ein bellendes Lachen aus, auch wenn seine Augen traurig waren. „Nur du, Hermione, würdest dich von einem Kerl trennen, weil deine Arithmantikgleichungen dir das sagen."

„Du nimmst es mir nicht übel?" fragte Hermione.

Ron zuckte die Schultern. „Nein."

Sie umarmte ihn. „Du weißt, dass ich dich liebe, nicht wahr? Nur einfach nicht auf diese Art."

„Ich auch", sagte Ron. „Ich auch." Und wenn er sich selbst belog, erwähnte es niemand von ihnen.