Kapitel 7: In dem Geheimnisse enthüllt und Entscheidungen getroffen werden
In dem Draco die Anweisungen seines Vaters ausführt, Hermione um Hilfe fragt, und Snape seine Prioritäten überdenkt.
Die Weihnachtsferien waren schnell vorbei, und sie waren zurück in Hogwarts. Wieder eine Doppelstunde Zaubertränke, und wieder sollte sie mit Draco Malfoy zusammenarbeiten. Er sah sie dauernd an, als sei sie ein Rätsel, das gelöst werden musste.
„Was ist los?" fragte sie.
„Du wirst es nie schaffen, weißt du", sagte er.
„Was schaffen?"
„Die Wette gewinnen", sagte Malfoy.
„Welche Wette?" fragte Hermione. „Hat jemand auf unsere NEWTs-Ergebnisse gewettet?"
Malfoy warf einen Blick auf Professor Snape, um sicherzugehen, dass er nicht zu ihnen schaute. „Du meinst, er hat es dir nicht gesagt?"
„Wer hat mir was nicht gesagt?" fragte Hermione.
„Nicht hier", sagte Draco und sah wieder zu Snape. „Später."
„Malfoy", sagte Hermione.
Professor Snape tauchte hinter ihnen auf. „Die Libellenflügel müssen fein gerieben, nicht grob gemahlen werden", sagte er zu Malfoy.
Für den Rest der Stunde sprachen die beiden nur über den Zaubertrank, aber Hermione beschloss, was immer es war, aus Malfoy herauszubekommen, ehe der Tag herum war.
Sehr lange brauchte sie nicht zu warten; als sie das Mittagessen beendeten, warf ihr Malfoy mit einem Grinsen ein zerknittertes Stück Pergament an den Kopf. Statt es wegzuwerfen, legte sie es sich auf den Schoß und strich es glatt. Wie sie erwartet hatte, trug es Dracos gestochene Handschrift.
Badezimmer der Maulenden Myrte in zehn Minuten. Bring Potter und Weasley mit, wenn du willst, mir ist es egal.
„Was ist das?" fragte Harry.
Hermione erklärte es. Ron bot freiwillig an, mit ihr zu gehen, während Harry zurückblieb, nur für den Fall, dass sie Rettung brauchten. Hermione verdrehte die Augen, stimmte aber zu.
„Jungs!" Die Maulende Myrte schrie auf und tauchte in ihre Toilette.
Draco nickte ihnen beiden zu. „Granger. Weasley."
„Was für eine Wette ist das also?"
„Professor Snape hat mit meinem Vater gewettet, er könne dich Reinblütermanieren genügend gut lehren, dass du den Anforderungen beim Ministeriumsball genügst. Wenn er verliert, muss er Schulleiter werden."
„Wenn er verliert, wird dein Vater Schulleiter?" sagte Ron. „Das kann er nicht machen!"
„Nein, du Hohlkopf, wenn Professor Snape verliert, muss er Schulleiter werden", sagte Draco.
„Und wenn er gewinnt?" fragte Hermione.
„Dann überzeugt mein Vater den Schulrat, Professor Snape die Stelle nicht länger anzubieten", sagte Draco.
„Snape will nicht Schulleiter werden?" sagte Ron. „Das kannst du anderswem erzählen, Malfoy, das stimmt im Leben nicht."
„Nein, das ergibt Sinn", sagte Hermione, während sie an ihre Interaktionen mit Snape zurückdachte. „Wenn er Schulleiter wäre, könnte er nicht mehr unterrichten."
„Snape hasst es zu unterrichten", protestierte Ron.
Hermione schüttelte den Kopf. Wäre sie nicht in ihrem See so verankert gewesen, hätte sie vielleicht ein Lächeln unterdrückt. „Nein, Ron, Professor Snape hasst es, Dummköpfe zu unterrichten." Sie neigte ihren Kopf zu Draco. „Danke, Master Draco, für diese Information. Sie war höchst aufschlussreich."
Lieber Vater,
es hat nicht funktioniert. Statt ärgerlich zu werden, hat sie mir für die Information gedankt.
Dein Sohn
Draco
In dieser Nacht überarbeitete Hermione ihre Arithmantikgleichungen fieberhaft mit den neuen Daten. Als sie das Ergebnis sah, nickte sie, aber sie fühlte nichts.
Severus Snape hatte die erste Woche des Schuljahrs damit verbracht, Hermione Granger sorgfältig zu beobachten, und was er sah, bescherte ihm Anlass zur Sorge. Sie war ruhig, zu ruhig. Sie lächelte nicht, noch runzelte sie die Stirn. Natürlich litt ihre Arbeit nicht, daher schenkte keiner der anderen Lehrer ihrer unnatürlichen Ruhe Beachtung. Aber sie hatten keinen Grund zu vermuten, dass diese Ruhe unnatürlich war.
Sobald sie am Freitagabend sein Büro betrat, schloss er die Tür und sperrte sie ab und warf einen Privatsphärezauber.
„Wie lange okkludieren Sie schon?" fragte er.
„Ich okkludiere nicht."
„Sie okkludieren." Seine erhobene Augenbraue forderte sie heraus, seine Expertise in Frage zu stellen.
„Sollten Sie darüber nicht erfreut sein?" sagte sie.
„Dummes Kind", sagte er. „Es ist unklug, konstant zu okkludieren. Sie verbergen all ihre Gefühle, nicht nur einfach die negativen. Wie lange schon?"
„Seit Weihnachten", gab sie zu.
Er blinzelte. „Sie haben konstant für mehr als zwei Wochen okkludiert?"
„Harry sollte …"
„Mister Potter hatte eine direkte Verbindung mit dem Dunklen Lord. Er sollte einen externen Einfluss aus seinem Kopf heraushalten. Sie anderseits haben sich selbst aus ihrem Kopf gehalten. Haben Sie keine Vorstellung von den – Nein, die haben sie natürlich nicht, es gibt in der Bibliothek keine Bücher über Okklumentik." Er stand hoch aufgerichtet vor ihr. „Hören Sie auf zu okkludieren. Jetzt."
Ihr Gesicht wurde ausdruckslos, als sie die Landschaft in ihrem Inneren abrief. Dann wurden ihre Augen wieder präsent, und sie sagte mit völlig ausdrucksloser Stimme, „Ich kann nicht."
Er wusste, wäre sie völlig bei sich gewesen, wäre sie in Panik ausgebrochen. Er hielt seine Stimme ruhig. „Wenn Sie mir erlauben wollten, Ihnen zu helfen?"
„Wie?" fragte sie.
„Ich müsste in Ihren Geist –"
„Nein!"
„Ich bin willens, einen Zauberereid zu schwören, dass ich alles, was ich sehe, für mich behalte", sagte er. „Glauben Sie mir, ich bin mir dessen bewusst, was die meisten Schüler von mir denken." Er hob eine Augenbraue. „Oder ist ein wenig Verlegenheit wichtiger als Ihre geistige Gesundheit?"
Ihre Augen weiteten sich. Sie schüttelte den Kopf.
„Sie lehnen ab?"
„Nein! Ich meine, ich lehne nicht ab."
Snape hob seinen Zauberstab. „Ich, Severus Snape –"
Sie drückte seinen Arm hinunter. „Das ist nicht notwendig. Ich vertraue Ihnen."
„Das sollten Sie nicht", sagte er.
„Ich weiß."
Er holte tief Luft, um sich zu konzentrieren, hob seinen Zauberstab und blickte in ihre zimtbraunen Augen. „Legilimens!"
Wie er erwartet hatte, gab es einen See. Er tauchte hinein. Der Vorteil davon, dass er die Bildlichkeit, die sie gebraucht hatte, vorgeschlagen hatte, war, dass er genau wusste, wonach er suchen musste. Hinab bewegte er sich, dorthin, wo der See am tiefsten und dunkelsten war. Hinab, hinab, hinab, hinab auf den Grund, in das Herz des Sees. Da, ein Flimmern; er hatte es gefunden. Er schwamm zu dem Schimmer. Es war eine Truhe, richtig, aber statt in Ketten eingeschlossen zu sein, war sie von geisterhaft blassen Tentakeln umgeben. Nein. Es waren Wurzeln. Manche der Fasern wuchsen in die Truhe, reichten in die Fugen und verschlossen sie dicht. Ah. Das war es also, wie sie ihre Emotionen hineinleitete. Er wagte nicht, die Wurzeln zu beschädigen; er würde es nicht riskieren, ihr Schaden zuzufügen.
Er strich mit einer Hand an den Wurzelfasern an einer Kante entlang. Lassen Sie los, Miss Granger... Hermione. Dies war nicht der richtige Zeitpunkt für Formalitäten. Es ist in Ordnung. Lassen Sie los. Die Wurzeln begannen, sich zu bewegen. So ist es richtig, weiter. Langsam zogen die Wurzeln sich zurück. Gerade, als sie sich fast alle von der Truhe gelöst hatten, wandten sie sich um und wanden sich stattdessen um ihn. Panik überkam ihn in Wellen und überwältigte ihn momentan. Hermione, nicht!
Ich kann nicht – ich brauche – Ihre Stimme umrundete ihn.
Du brauchst sie nicht. Er projezierte Ruhe, Stille. Die Panik wich. Du brauchst diese Krücke nicht; du bist ohne sie stark genug.
Scham. Selbstzweifel. Nein, das bin ich nicht.
Ja, das bist du.
Nein, bin ich nicht.
Wollen wir das ja-nein-Spiel spielen wie Kinder? fragte er.
Ein Hauch von Amüsement und die Wurzeln zogen sich zurück. Er trat zu der Truhe.
Nein!
Ja, diese auch, insistierte er. Du musst die Truhe aufschliessen. Er legte eine Hand auf den Verschluss. Es ist sicher. Es ist sicher, Hermione.
Bitte hasse mich nicht.
Ich verspreche, ich werde dich nicht hassen.
Die Truhe öffnete sich. Er wurde von Erinnerungen, Gefühlen und Bildern umtost. Draco Malfoy, ihre Eltern, Lucius und Narcissa, die Weasleys, er selbst. Wie immer bei der Legilimentik war genau dasjenige, was die Person am meisten zu verbergen suchte, am deutlichsten erkennbar. Seine Stimme, die ihr Schauer den Rücken hinunterjagte, seine Lippen, die ihre Fingerknöchel liebkosten, eine Arithmantikgleichung voller unbekannter Variablen.
Einen Moment später war er in seinem eigenen Geist zurück und blickte ihr in die Augen. Hermione errötete bis zu den Haarwurzeln und starrte auf den Boden.
„Ich verstehe", sagte er ruhig. „Vielleicht wäre es am besten, wenn wir diese Lektionen nicht fortsetzen."
Dann sah sie zu ihm auf. „Nein!" sagte sie. „Ich will nicht, dass Sie die Wette verlieren."
Er hob eine Augenbraue. „Wette?"
„Draco hat es mir erzählt."
„Ah, damit hätte ich rechnen sollen." Er betrachtete ihr offenes Gesicht. „Warum hassen Sie mich nicht dafür?"
Sie schenkte ihm ein schiefes Lächeln, das Lächeln, das er vermisst hatte. „Warum sollte ich das Oberhaupt von Slytherin dafür hassen, das er ein Slytherin ist? Das wäre ziemlich albern."
„Das hat weder Ihre Vorgesetzten noch Ihre Kollegen davon abgehalten", sagte er.
„Umso alberner von ihnen", sagte sie.
„In der Tat", sagte er. Er sah sie schweigend an. Weder zappelte sie, noch errötete sie. Gut. Sich mochte für ihn schwärmen, aber er glaubte nicht, dass dies sie in ihrem Lernen beeinflussen würde. Sie war kein Dummkopf. „In Ordnung", sagte er, „wir werden den Unterricht fortsetzen."
Sie strahlte ihn an.
„Ich glaube jedoch, als Nächstes sollte ich Sie Okklumentik lehren. Korrekte Okklumentik."
Sobald Hermione genügend Okklumentik gelernt hatte, um nicht eine Gefahr für sich selbst darzustellen, drehte sich der Unterricht wieder um Reinblütermanieren, aber dieses Mal in beider Wissen um die Wette, und Hermione fühlte sich nicht länger unter dem Druck zu versuchen, Rons Freundin zu sein. Sie konzentrierten sich darauf, was für den Ministeriumsball erforderlich sein würde. Snape fragte sie unerbittlich über Familienstammbäume ab, und Hermione suchte häufig die Geschichtsabteilung der Bibliothek auf in dem Bemühen, die Verbindungen von Zaubererfamilien und der Menschen, die ihnen angehörten, zu begreifen. Es fiel ihr leicher, sich an sie zu erinnern, wenn sie ihre Vorgeschichte kannte, nicht nur ihre Namen.
Weder Snape noch Hermione erwähnten, was Snape an jenem Abend entdeckt hatte. Wenn sie es ignorierten, mussten sie sich nicht damit auseinandersetzen. Nicht, dass es wirklich etwas gab, um sich damit auseinanderzusetzen. Hermione redete sich weiter ein, dass es eine Schwärmerei war, und dass sie verfliegen würde, sobald sie Hogwarts verließ. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Was Snape betraf, hatte es ihn zunächst verblüfft, wie ihn jemand attraktiv finden konnte. Er war hässlich; er hatte einen fiesen Charakter und eine bösartige Zunge. Ja, er wusste, dass seine Stimme seine beste Eigenschaft war, aber sie würde niemals genügen. Das Mädchen täuschte sich. Es war nur eine Schulmädchenschwärmerei. Sie würde ihn vergessen, sobald sie in die weite Welt jenseits von Hogwarts hinausging. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Wenn er sich selbst dabei ertappte, ihr Gesicht zu betrachten, während sie in der Großen Halle aß, sagte er sich, dass er dies nur tat, weil er sichergehen wollte, dass sie keinen Rückfall hatte und wieder in dieselbe Okklumentikfalle stürzte wie zuvor. Es war nicht, weil er ihren Gesichtsausdruck in seinen Erinnerungen ablegen wollte, das Einzige, was er von ihr haben würde, nachdem sie weg war.
„Da ist etwas, das mich wegen der Familiengeschichte der Lestranges verwirrt", sagte Hermione und strich das Pergament glatt, auf dem sie den fraglichen Familienstammbaum aufgezeichnet hatte.
„Tatsächlich? Was ist es?" sagte Snape.
„Ich verstehe nicht, warum die Duchess Marguerite nicht einfach zuließ, dass das Smaragdcollier an ihre verhasste neue Schwiegertochter weitergegeben wurde", sagte Hermione. „Lady Electra hätte es sicher nicht auf höfliche Art ablehnen können, und niemand hätte die Duchess bezichtigen können, von dem Fluch gewusst zu haben."
Snape erstarrte. Was? „Sie sind verwirrt, weil Duchess Marguerite Lestrange keinen Mord gegangen hat", sagte er tonlos.
„Es wäre die logische Handlungsweise gewesen", sagte Hermione. „Für eine Slytherin, meine ich."
„Da die Duchess Hogwarts nicht besucht hat, wissen wir nicht, in welchem Haus sie gewesen wäre", sagte Snape, äußerlich ruhig. Ist es das, was ich ihr beigebracht habe? Wie die übelsten Reinblüter zu denken, dass sie kaltblütigen Mord für logisch hält?
„Ah, da erklärt es wahrscheinlich", sagte Hermione.
„Tut es das?" sagte er. „Habe ich Ihnen denn nichts darüber beigebracht, ihre eigenen Mutmaßungen in Frage zu stellen?"
Nachdem sie gegangen war, saß Snape in seinem dunklen Büro, den Kopf in den Händen. Fein, er hatte sie gelehrt, wie eine Slytherin zu denken, jedes gehörte und gesprochene Wort abzuwägen, Motiv und Intention zu überdenken, egal wie unangenehm. Hatte er nicht ihre Naivität zerstören, ihre Illusionen zerplatzen lassen wollen? Also war er erfolgreich gewesen. Warum war er so entsetzt?
In diesem Moment realisierte Snape, dass er sie nicht zu dem Ball gehen lassen wollte, dass er sie nicht in seine Angelegenheiten verwickeln wollte. Es war doch egal, ob er diese blöde Wette verlor? Bis jetzt hatte sie mit den Reinblütermanieren gespielt; wenn sie zum Ball ging, würde sie in die echte Realität geraten, die für Reinblüter wie die Malfoys genauso nahe an der Politik wie an den Manieren war. Für jeden Weasley oder Longbottom der Welt würde es immer einen Malfoy oder einen Lestrange geben. Die Messer wären gewetzt, und sie würde zurückstechen müssen. Es wäre zu spät, sich zurückzuziehen, zur ur-Gryffindor'schen Offenheit zurückzukehren, die eines der Dinge war, die für Hermione charakterisch waren. Sobald sie das Spiel begann, würde sie es nicht mehr verlassen können. Es würde sie zerstören.
Was war dabei, wenn er gezwungen wurde, Schulleiter zu werden. Welche Rolle spielte es verglichen damit, sie zu retten? Nicht seinetwegen, nein; sie würde es ihm wahrscheinlich nie verzeihen, wenn er ihre Chancen auf dem Ball sabotierte. Das war genauso unwichtig. Nur Hermione war wichtig. Nur Hermione.
