„…und ich mag meinen Daumen, ich brauch meinen Daumen! Ich häng sehr an meinem Daumen…", philosophierte der Doctor belustigt, als er mit Rose und Cat aus der Tardis trat.

Sie standen auf einem weiten Feld. Der Wind wehte ihnen sanft um die Haare und Cats Lächeln, das sich bei der amüsierten Unterhaltung zuvor eingefunden hatte, fror ein, als sie das Klicken des Ladens von den Gewehren vernahm, die auf sie gehalten wurden. Ein Dutzend britischer Soldaten stand in ihren roten Uniformen vor ihnen und zielte mit ihren Gewehren auf sie. Sie eskortierten offenbar eine schwarze Kutsche. Cat vermutete, dass es eine wichtige Person sein musste, als sie zeitgleich mit dem Doctor und Rose ergebend die Hände in die Luft hielt.

„1879. Ich hab mich vertan.", murmelte der Doctor.

„Erklärt Eure Anwesenheit und die Nacktheit dieses Mädchens.", befahl der Soldat, der auf dem Pferd saß und die Truppe anführte.

Der Soldat gestikulierte mit seiner Waffe kurz auf Rose, die in einem kurzen T-Shirt und kurzem Latzkleid gekleidet war. Cat hingegen hatte es heute zu einem knielangen, dunkelroten Kleid mit Bubikragen verschlagen. Es war langärmlig und an ihren Beinen trug sie, genau wie Rose, eine Strumpfhose. Offenbar war sie nicht so nackt wie Rose in den Augen des Soldaten.

„Sind wir in Schottland?", fragte derweil der Doctor amüsiert.

„Warum ist Euch das nicht bekannt?", erkundigte sich der Soldat argwöhnisch.

„Ich bin…hm…, durcheinander und verwirrt. Meine Heilerin und ich verfolgen seit Tagen dieses winzige, nackte Kind über Berge und durch Täler.", erwiderte der Doctor im schottischen Akzent und blickte zu Rose und Cat. „Ist es nicht so, du scheue Bestie?"

„Heilerin?", wiederholte Cat amüsiert, verkniff sich aber ihr schiefes Grinsen.

„Ja klar…, ich bin wie ne Rakete abgezischt!", fügte Rose hinzu.

„Sei lieber ruhig.", murmelte der Doctor warnend.

„Oh? Zu modern?", hinterfragte Rose verwirrt.

„Sei ruhig…, bitte.", sprach der Doctor ernst.

„Würdet Ihr Euch ausweisen, Sir?", forderte der Soldat.

„Ich bin Dr. James McCrimmon und komme…, ähm…, aus der Grafschaft Balamory.", erklärte der Doctor lächelnd und deutete auf die Innentasche seines Anzuges. „Ich habe Referenzen…, darf ich?"

Der Soldat auf dem Pferd schenkte ihm ein knappes Nicken und der Doctor beförderte sein Gedankenmanipulierendes Papier ans Tageslicht. Rose und Cat senkten ihre Hände ebenfalls und gespannt betrachtete sie, wie der Doctor dem Soldaten das Papier vorhielt.

„Sehen Sie? Ein Doktortitel von der Universität Edinburghs.", erzählte der Doctor. „Ich habe sogar bei Dr. Bell studiert."

„Sie sollen nähertreten.", befahl plötzlich eine weibliche Stimme, die aus der Kutsche stammte.

Neugierig hob Cat ihre Augenbrauen und blickte zur schwarzen Kutsche hinüber.

„Ich halte das nicht für weise, Ma'am.", entgegnete der Soldat.

„Sie sollen nähertreten.", verlangte die Frau wieder und Cat runzelte die Stirn.

Der Doctor blickte den Soldaten erwartungsvoll an und deutete mit einer Hand auf die Kutsche. Der Soldat seufzte ergeben. „Es wird gewünscht, dass Ihr Euch nähert. Mit der entsprechenden Ehrerbietung."

Der Doctor salutierte in einer lockeren Handgeste vor dem Soldaten und führte Rose und Cat voran zu der schwarzen Kutsche. Die Soldaten senkten ihre Waffen ein wenig und erleichtert begann Cat wieder zu lächeln, als ein, in schwarzem Frack gekleideter Bedienstete ihnen die Kutschentür öffnete. Sie näherten sich mit gespannten Gesichtern und erblickten eine ältere Dame in schwarzer Witwentracht und weißer Haube auf dem bereits ergrautem Haar. Ihre hellen, blauen Augen musterten die Zeitreisenden und Cats Herz machte einen aufgeregten Hüpfer. Sie kannte dieses Gesicht. Vor ihnen, in der Kutsche saß…

„Cat, Rose, darf ich vorstellen: Ihre Majestät Queen Victoria.", begann der Doctor mit bewundernder Stimme und die Königin reckte ihr Kinn leicht in die Höhe. „Kaiserin von Indien, Verteidigerin des Glaubens."

„Cat Evans, Ma'am.", stellte sich die braunhaarige Frau vor und knickste ungelenk.

„Rose Tyler, Ma'am.", sagte Rose ehrfürchtig. „Ich bitte um Entschuldigung, dass ich so nackt vor Ihnen stehe."

„Ich habe fünf Töchter. Das befremdet mich nicht.", entgegnete die Königin an Rose gerichtet und blickte zum Doctor. „Und nun zu Euch. Zeigt mir diese Referenzen, Doctor."

Der Doctor überreichte ihr sein Gedankenmanipulierendes Papier und Cat fiel gegenwärtig wieder ein, dass sie auf diesem Papier gar nichts sehen konnte. Sie biss sich auf ihre Unterlippe und ihre Augen huschten zum Doctor, der ihren Blick auffing, als hätte er im gleichen Moment daran gedacht. Schnell sah Cat wieder weg und schallte sich innerlich für diese schüchterne Art. Die Queen währenddessen musterte die Referenzen des Doctors und lächelte schmal.

„Warum habt Ihr das nicht gleich gesagt?", erkundigte sich die Königin verwirrt. „Daraus geht eindeutig hervor, dass Ihr von Lord Provost zu meinem Beschützer berufen wurdet."

„Ach ja?", hakte der Doctor nach. „Das steht da? Gut! Gut!", er nickte verstehend. „Dann lasst mich wissen, wieso Ihre Majestät in der Kutsche unterwegs ist. Es geht doch ein Zug nach Aberdeen."

„Ein Baum liegt auf den Gleisen.", erzählte Victoria ernst.

„Ein Zufall?", hinterfragte der Doctor, doch Cat wusste, dass es eine rein rhetorische Frage sein musste.

„Ich stehe dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Irland vor. In meiner Umgebung sind Zufälle eher unwahrscheinlich.", erklärte sich die Königin und Cat verzog den Mund.

„Ein missglücktes Attentat?", fragte Cat aus neuem Mut geboren und Rose starrte skeptisch zur Königin.

„Mal ganz ehrlich. Gibt's Leute, die Sie töten wollen?", wollte Rose argwöhnisch wissen und Cat seufzte.

„Ich bin es gewohnt, in den Lauf einer Pistole zu starren.", erzählte die Queen.

„Zu Sir Robert MacLeishs Anwesen sind es noch zehn Meilen.", mischte sich der Soldat auf dem Pferd ein und die Zeitreisenden drehten sich zu ihm um. „Er wird uns Unterkunft gewähren. Ich habe ihm einen Boten geschickt. Morgen reisen wir weiter."

„Der Doctor, seine Heilerin und die scheue Bestie begleiten uns, Captain Reynolds.", beschloss die Königin und der Doctor begann zu lächeln.

„Ja, Ma'am. Wir sollten uns auf den Weg machen. Es ist fast Abend.", meinte der Captain.

„Ja. In dieser Gegend soll es Wölfe geben.", sagte die Queen belustigt. „Geschichten! Dazu geeignet Kinder zu erschrecken. Aber gut für das Blut, denk ich. Abfahren!"

Der Bedienstete verschloss die Kutschentür wieder und der Doctor, Rose und Cat folgten der königlichen Eskorte zu Fuß.

„Ist es komisch. Als du Attentat gesagt hast, da musste ich an Kennedy denken und nicht an sie!", sprach Rose aus und Cat grinste schief.

„Cat ist schon auf der richtigen Spur.", sagte der Doctor anerkennend und Cat errötete leicht. „1879 überlebte sie…, hm…, sechs Attentatsversuche. Ich verrat euch noch was: Wir kennen jetzt Queen Victoria!"

Amüsiert lachten die drei Zeitreisenden. „Ich weiß!", meinte Rose. „Megastark!"

„Gigantisch!", stimmte der Doctor zu.

„Sitzt einfach da.", murmelte Cat.

„Wie ein Ölgemälde!", fügte der Time Lord hinzu.

„Vielleicht sagt sie sogar mal: Wir sind nicht erfreut.", hoffte die Blondine. „Wetten wir um nen Fünfer, dass ich sie dazu bringe?"

„Nein, ich wette nicht. Sonst wäre ich ein Zeitreisender, der seine Privilegien missbraucht."

Belustigt hob Cat eine Augenbraue. „Und wenn wir auf einen Zehner erhöhen?"

„Gebongt.", sagte der Doctor und Cat lachte herzhaft.

~.~

Als die Sonne unterging, erreichten sie das Anwesen von Robert MacLeish. Es war ein altes, aber imposantes, großes Gebäude, in dessen Innenhof sie nun standen. Ein junger Mann schritt aus dem Haus heraus, ihm folgten ein paar kahlköpfige Bedienstete. Cat glaubte, es handelte sich um Sir Robert. Der Bedienstete der Königin half ihr aus der schwarzen Kutsche heraus und Sir Robert trat auf Queen Victoria zu, ehe er sich höflich vor seiner Majestät verbeugte.

„Eure Majestät.", sagte er.

„Sir Robert.", erwiderte sie begrüßend. „Bitte seht uns diesen Überfall nach. Und, wie geht es Lady Isobel?"

„Sie ist…", er zögerte kurz und Cat zog ihre Augenbrauen kritisch zusammen. „nicht anwesend. Es tut mir leid. Sie ist nach Edinburgh gereist. Und sie hat auch unseren Koch bei sich. Alle Speisekammern sind leer. Ich verdenke es Ihrer Majestät nicht, wenn sie weiterfährt."

In Cats Ohren hörte es sich ganz so an, als wollte er vermeiden, dass die Königin bei ihm nächtigte. Sah es der Adel nicht als ungehörige Ehre an, dass die Königin bei ihm übernachtete? Warum also wollte er sie wieder fortschicken? Cat suchte den Blick des Doctors, der aber die Situation mit nachdenklichem Gesicht analysierte und die brünette Frau wusste, sie war nicht die einzige, die diesen Braten gerochen hatte.

„Wir bleiben hier.", beschloss die Königin eisern. „Ich wurde genug in der Kutsche durchgerüttelt.", ihre Augen musterten das Anwesen der MacLeishs. „Euer Haus ist bezaubernd.", sagte sie und sah Sir Robert wieder an. „Wenn auch rustikal. Es ist mein erster Besuch in Euren Gemäuern. Mein verstorbener Gatte sprach oft von dem Torchwood Anwesen.", sie zuckte mit den Schultern und lächelte erfreut. „Nun, lasst uns hineingehen. Und bitte entschuldigt das nackte Mädchen."

Sir Robert und Queen Victoria blickten zu Rose hinüber.

„Entschuldigung.", hauchte Rose überfordert.

„Sie ist ein verwildertes Kind. Ich hab sie für Sixpence in London gekauft. Ich hatte die Wahl: der Elefantenmensch oder sie.", erklärte der Doctor amüsiert.

„Er hält das für witzig, aber ich bin nicht so erfreut.", meinte Rose. „Was denken Sie, Ma'am?"

„Das spielt wohl keine Rolle.", entgegnete Queen Victoria und wandte sich Sir Robert wieder zu. „Jetzt gewährt uns Einlass."

Sir Robert seufzte und die Königin lief mit ihrem Gefolge in das Anwesen.

„Ich hätt's fast geschafft.", murmelte Rose währenddessen an Cat und den Doctor gewandt.

„Hätte auch nicht auffälliger sein können.", kommentierte Cat feixend.

„Mackeson und Ramsay! Ihr beide tragt das Gepäck.", befahl Captain Reynolds und die Soldaten sagten beide: „Ja, Sir!"

Neugierig sah Cat zu, wie die Soldaten das Gepäck in das Anwesen trugen und sie stutzte, als ein Soldat eine hölzerne Schatulle aus der Kutsche beförderte.

„Was ist denn in der Schatulle?", erkundigte sich der Doctor.

„Eigentum der Krone.", erwiderte Captain Reynolds. „Damit verbietet sich jede weitere Frage. Sichert die Rückseite des Gebäudes!" Der Doctor zog ein Gesicht und Cat grinste noch breiter. „Jeder bezieht die zugewiesene Position."

„Ihr habt den Befehl gehört: Abmarsch.", wies ein anderer Soldat an und der Doctor führte sie mit einem leisen „Kommt.", in das Anwesen.

~.~

Sir Robert führte die Königin, einige Bedienstete MacLeishs, den Doctor, Rose und Cat in einen großen Raum im obersten Stockwerk des Gebäudes. Cat staunte nicht schlecht, als sie ein riesiges Teleskop in der Mitte des Raumes erblickte. Es wirkte für seine Zeit sehr fortschrittlich und reich an allerlei Funktionen. Die Decke des Raumes war eine gläserne, von metallenen Pfosten gerahmte Kuppel, die den blauen, dämmernden Himmel offenbarte.

„Hier, nehme ich an, fanden die berühmten Experimente statt.", kommentierte die Königin interessiert.

„Gerätschaften meines Vaters. Eigenhändig gebaut, in seinen letzten Jahren.", erklärte Sir Robert. „Er war im Alter geradezu besessen davon und gab all sein Geld dafür aus, statt für das Haus oder sich selbst."

Auf des Doctors Gesicht breitete sich ein faszinierendes Schmunzeln aus. „Diesen Mann hätte ich wirklich gern getroffen.", gestand der Time Lord und Cat stimmte ihm in ihren Gedanken zu.

Wer solche Erfindungen bereits im starren, neunzehnten Jahrhundert fertigstellte, war gewiss ein interessanter Mensch und Cat wäre sehr begeistert gewesen.

„Ein schönes Instrument.", sagte der Doctor grinsend und deutete mit der ausgestreckten Hand auf das Teleskop. „Darf ich?"

„Wenn Ihr wollt.", sagte Sir Robert und der Doctor trat mit Cat und Rose begeistert an das Instrument heran.

„Was hat er als Vorlage benutzt?", erkundigte sich der Doctor neugierig.

„Das ist mir nicht bekannt." meinte Sir Robert ehrlich, während der Doctor das Teleskop untersuchte. „Um ehrlich zu sein, die meisten von uns hielten ihn für ein wenig exzentrisch.", fügte der Mann hinzu und der Doctor lachte leicht, derweil Cat mit funkelnden Augen mit einer Hand über das Teleskop strich und der Doctor sich vor das Objektiv stellte. „Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit mit ihm verbracht und seinen Geschichten zugehört."

Der Doctor beugte sich hinunter und schaute in das Teleskop. Sein Gesicht verzog er zu einer skeptischen Grimasse und Cat hob verwirrt ihre Augenbrauen.

„Das ist Bockmist!", rief er plötzlich aus und Cat blinzelte. „Das hat ja viel zu viele Prismen!" Rose drehte sich zu ihm herum und ging auf ihn zu. „Die Vergrößerung ist überzogen. Das ist ein dummes Spielzeug!"

„Doctor!", zischte Cat warnend und er stoppte in seiner Ausführung, die brünette Frau ansehend.

„Bin ich wieder unhöflich?", hakte der Doctor nach und richtete sich auf.

„Ja.", antworteten Cat und Rose gleichzeitig und der Doctor drehte sich hastig zu den anderen, anwesenden Personen im Raum um.

„Aber es ist wunderschön.", sagte er schnell und Rose tätschelte grinsend seinen Oberarm, während Cat ebenfalls einen Blick in das Teleskop warf. „Wirklich, ähm…, wunderschön!"

Obwohl er unhöflich war, hatte der Doctor recht. Cat blinzelte, die vielen Prismen störten sie beim Schauen durch das Teleskop und sie wandte sich wieder ab.

„Und seinem Einfallsreichtum sollte man Beifall zollen.", mischte sich die Königin anerkennend ein und trat einige Schritte hervor.

„Mhm, ich dachte, Sie würden es missbilligen, Majestät. Die Sterne anglotzen.", meinte Rose plötzlich. „Tun das nicht verschrobene Typen? Könnte es sein, dass Sie deshalb nicht erfreut sind, oder so was? Nein?"

Cat verkniff sich, sich ihre flache Hand auf die Stirn zu schlagen. Sie biss sich auf ihre Unterlippe und blickte Rose an. Der Doctor derweil rieb sich seinen Haarschopf und schaute zur Seite, doch als Cat kurz zu ihm sah, bemerkte sie, wie er sich ein Grinsen verkniff. Die Königin wiederum, und Cats Augen hefteten sich wieder auf die betagte Frau, blieb unbeeindruckt.

„Das Instrument zeigt uns die unendliche Schaffenskraft Gottes. Das ist was Schönes.", erklärte die Queen schmal lächelnd und drehte sich zu Sir Robert um. „Sir Roberts Vater war uns allen ein Vorbild.", sie wandte sich wieder Rose zu. „Ein Universalgenie, durchdrungen von der Astronomie und den Wissenschaften. Aber ebenso versiert in Folklore und Märchen."

„Sterne und Magie.", sagte der Doctor schmunzelnd. „Ich find ihn immer besser."

Er wanderte im Raum umher, während die Queen weitersprach: „Oh, mein verstorbener Mann genoss seine Gesellschaft.", erzählte Victoria, ein trauriges und zugleich schwärmendes Funkeln erreichte ihre hellen, blauen Augen, und sie näherte sich Rose. „Prinz Albert stand ebenfalls mit dem ländlichen Aberglaube auf vertrautem Fuße. Er stammte aus dem Hause Sachsen-Coburg."

„Er kam aus Bayern.", erklärte der Doctor.

„Ah ja.", erwiderte Rose.

Die Königin widmete sich wieder Sir Robert. „Als Albert von Eurem hiesigen Wolf erfuhr, da war er entzückt und fasziniert."

„Ist der Wolf was Besonderes?", erkundigte sich der Doctor interessiert.

„Nur eine Geschichte.", meinte Sir Robert amüsiert und gleichzeitig angespannt.

„Lasst sie hören!", forderte der Doctor gespannt.

Sir Robert zögerte und für den Bruchteil einer Sekunde suchte er den Blick von seinen männlichen, glatzköpfigen Bediensteten. Verwirrt zog Cat ihre dunklen Augenbrauen zusammen und stutzte.

„Es heißt, dass…", fing Sir Robert schließlich an, doch wurde rasch von dem Ältesten seiner Diener unterbrochen.

„Entschuldigt bitte, Sir.", mischte sich dieser ein. „Die königliche Gesellschaft will sicher auf ihre Zimmer. Es ist fast dunkel."
Sir Robert entglitten die Gesichtszüge und er schaute noch einmal hinüber zu seinen Dienern, bevor er eine Fassade des Lächelns aufsetzte. Cat blickte zwischen beiden Parteien kurz hin und her und sie wusste, dass etwas nicht stimmte.

„Natürlich. Ja, natürlich.", sagte Sir Robert verstehend und gestikulierte mit seinen Händen leicht. Er schien die Gesellschaft aus dem Raum hinausführen zu wollen, als die Königin unterbrach.

„Bis zum Abendessen.", orderte sie und sah Rose an. „Und könnte man etwas Kleidung für Miss Tyler finden? Ich bin ihrer Nacktheit überdrüssig."

„Sie sind nicht erfreut, richtig?", erkundigte sich die Blondine feixend und Cat schnaubte leise.

So würde sie die Königin niemals dazubekommen, ‚Wir sind nicht erfreut' zu sagen.

„Sir Robert, Eure Frau hat bestimmt Kleidungsstücke dagelassen. Wir speisen um sieben Uhr. Dann will ich mehr über diesen Wolf hören. Schließlich ist heute eine Vollmondnacht.", beschloss die Königin vergnügt.

„In der Tat, Ma'am.", entgegnete Sir Robert und verbeugte sich vor der Königin.

Sie verließ den Raum und Rose, Cat und der Doctor folgten ihr.

~.~

„Eure Begleiterin bittet um Entschuldigung. Das Umziehen erfordert mehr Zeit.", erklärte der älteste Butler, als er in das Speisezimmer zurückkehrte und Cat hob ihre Augenbrauen.

Sie saß neben dem Doctor mit der Königin, Sir Robert und Captain Reynolds am Esstisch. Mittlerweile war es dunkel draußen gewesen und da Cat in den Augen der Königin nicht nackt war, hatte sie sich die gesamte Zeit an den Doctor gehalten, der die Diener Sir Roberts mit neugierigen Augen überprüft hatte. Sie wusste zwar nicht, was der Doctor über diese Diener dachte, aber, dass sie ihm nicht koscher waren, war offensichtlich. Und das beruhigte Cat in ihrer Vermutung, dass etwas nicht stimmen konnte.

„Ist in Ordnung. Wir heben ihr den Schinken auf.", meinte der Doctor heiter.

„Das verwilderte Kind verschlingt ihn vermutlich roh.", kommentierte Königin Victoria und Cat hätte gegrinst, wäre ihr die allgemeine Situation nicht so unheimlich unangenehm. Captain Reynolds lachte laut auf.

„Wie witzig, Ma'am. Ihr habt Humor.", lobte der Captain.

„Ich kenne witzigere Bemerkungen.", sagte die Königin mit scharfer Stimme. „Ich weiß, Ihr sitzt nur selten an königlichen Tafeln, aber bitte werdet nicht zu euphorisch. Ich sollte mit meinem Witz zurückhaltender sein, sonst tragt Ihr noch Verletzungen davon."

„Ja, Ma'am. Verzeihung, Ma'am.", erwiderte Captain Reynolds und obwohl er seine Beschämung zu vertuschen versuchte, durchblickte Cat seine Fassade und die Tonart.

„Ich bin der Meinung, jetzt ist Sir Robert dran! Es wird Zeit für Eure Gruselgeschichte.", bemerkte der Doctor und Cat horchte auf.

„So ist es.", stimmte Victoria zu. „Seit dem Tod meines Mannes finde ich zunehmend Gefallen an übernatürlichen Geschichten."

„Ihr vermisst ihn wohl?", hakte der Doctor nach und Cat hätte sich gefragt, warum dem Doctor das nicht an ihrer Witwentracht aufgefallen war, wäre die Art und Weise, wie er es fragte, keine Feststellung gewesen.

„Immer mehr.", gab die ältere Dame zu und Cat blickte sie traurig an. „Er war mein Leben.", Victorias Augen glänzten leicht, doch wie es sich für eine britische Dame geziemte, setzte sie wieder ein Lächeln auf und fuhr fort: „Wir sind alle sehr empfänglich für Geistergeschichten. Nicht der Schauder lockt uns, das ist was für Kinder, aber die Hoffnung mit dem Jenseits in Kontakt zu kommen. Wir alle wünschen uns irgendeine Nachricht von diesem Ort. Es ist Gottes größtes Mysterium, dass wir keinen solchen Trost erfahren dürfen.", sie blinzelte kurz und senkte ihren Blick. „Die Toten verharren in Stille…, und wir müssen warten.", schloss sie und besann sich schließlich wieder mit frohen Worten: „Fangt an! Weiht uns endlich ein, Sir Robert. In der Luft liegt ein kalter Hauch, der Wind heult ums Haus, erzählt von uns Monstern!"

Cat schloss für einen kurzen Moment ihre Augen und schüttelte vergeblich die Trauer und das Mitleid ab, das sie in diesem Moment für die Königin empfand. Aus ihrem Gedächtnis heraus wusste die junge Frau, dass schon etliche Jahre seit Prinz Alberts Tod vergangen waren, aber die Königin diesen nie wirklich überstanden hatte. Doch der Erzählung der britischen Monarchin aus erster Hand zu lauschen, übermannte Cat. Es musste schrecklich sein, seinen Seelenverwandten zu verlieren. Cat konnte es sich nicht einmal im Ansatz vorstellen, wie sehr die Königin leiden und wie sehr sie ihre Gefühle zurückstecken musste.

„Die Geschichte ist bereits dreihundert Jahre alt.", begann Sir Robert angespannt. „Immer bei Vollmond hallt das Heulen durch unser Tal und am Morgen findet man dann Vieh mit offenen Leibern, zerfleischt."

Captain Reynolds schnaubte unbeeindruckt und stützte seine Ellbogen auf dem Tisch ab. „Geschichten wie diese verschleiern doch nur die Taten von irgendwelchen Dieben.", er faltete seine Hände ineinander. „Stiehl ein Schaf und beschuldige den Wolf, ganz einfach!"

„Aber manchmal wird ein Kind vermisst.", warf Sir Robert dunkel ein. „Einmal in jeder Generation verschwindet ein Junge aus seiner Heimstätte.", er blickte zu Cat und dem Doctor.

„Könnt Ihr uns sagen, wie er aussieht?", erkundigte sich der Doctor.

„Oh, ja, Doctor. Dank Zeichnungen und Holzschnitzereien.", erklärte MacLeish. „Er ist nicht einfach nur ein Wolf. Er ist mehr als das. Er ist…", der Doctor und Cat schauten Sir Robert erwartungsvoll an. „ein Mann, der sich bei Vollmond in ein Tier verwandelt."

Interessiert lehnten sich der Doctor und Cat gleichzeitig in ihren Stühlen hervor und stützten ihre Arme auf der Tischplatte ab. Cat errötete leicht, als sie bemerkte, wie synchron ihre Bewegungen waren und sie konnte sich ihre neugierige Feststellung nicht verkneifen: „Ein Werwolf? Verzeiht, aber das hört sich nicht so an, als wäre es in Euren Augen nur eine Geschichte."

Der Doctor guckte Cat kurz an und er hob in einer beeindruckenden Geste seine Augenbrauen, bevor er wieder zu Sir Robert schaute.

„Mein Vater hielt es nicht für einen Aberglauben. Für ihn war es eine Tatsache.", erzählte Sir Robert, blinzelte kurz nervös zu seinem Oberdiener und fuhr fort: „Er behauptete, mit dem Untier Zwiegespräche über seine Bestimmung geführt zu haben.", er schnaubte leise und kurz. „Hätte ich nur zugehört."

Cat hörte den Scham aus seiner Stimme heraus. Sie fragte sich, ob es Scham, ob der Zeit, die Sir Robert nicht mehr mit seinem Vater verbringen konnte oder, ob es etwas anderes war, wofür er sich schämte. Sein Blick verrutschte wieder zu dem Oberdiener, der derweil zum Fenster hinüberging und hinaussah.

„Er wurde von vielen Seiten angefeindet.", führte Sir Robert MacLeish weiter aus und er wurde immer nervöser. „Vor allem von einem Kloster im Tal von St. Catherine.", der Diener begann leise zu flüstern und Cat brauchte ein paar Sekunden, um es zu bemerken. „Die Bruderschaft behinderte seine Nachforschungen, wo sie nur konnte."

„Vielleicht betrachteten sie sie als gottlos.", fügte Königin Victoria ein.

„Das habe ich auch gedacht, aber inzwischen frage ich mich, ob sie nicht einen anderen Grund hatten, das Geheimnis zu wahren.", meinte Sir Robert verschwörerisch und bedeutete dem Doctor seinen Blick zu dem Diener am Fenster zu folgen.

Cat erstarrte, als sie dessen Worte nun deutlich hören konnte. „Lupus deus est."

Angst durchflutete den Körper der jungen Frau, als sie die Puzzleteile in ihrem Kopf zusammensetzte. Sir Roberts Verhalten war schon von Anfang an sehr merkwürdig gewesen. Er wollte die Queen nicht bei sich nächtigen lassen. Die seltsamen, glatzköpfigen Diener und die Abwesenheit sämtlicher anderer Beteiligten des Anwesens. Cat spürte ihr Herz kräftig gegen ihre Brust schlagen und wie selbstverständlich suchte ihre schmale Hand die des Doctors, der neben ihr saß.

„Was, wenn sie sich von Gott abgewandt hatten, um den Wolf anzubeten?", schloss Sir Robert und der Doctor drückte Cats Hand.

Er versteht es, huschte es ihr durch den Kopf und sie atmete zitternd. „Und was ist, wenn einer der Bruderschaft unter uns ist?"