Das Rätsel von Hogwarts
Kapitel 2 -RAIDO-
Mit neugestärkter Entschlusskraft erhob sich Ginny von ihrem Platz und steuerte zielstrebig auf den weiter im Hintergrund gelegenen Bereich der Bibliothek zu, in dem sich die Jahrbücher befanden.
Es war ganz still in diesem abgelegenen Teil des weiten Raumes. Die alten Bücher hier wurden nur äußerst selten überhaupt konsultiert und wenn, dann ganz gewiss nicht an einem Hogsmeade Wochenende.
Fröstelnd zog Ginny den wollenen Umhang fester um ihre Schultern. Sie brachte ihn immer mit, wenn sie in die Bibliothek ging, denn es war beinahe immer unangenehm kalt darin. Das Dumme an dem wunderschönen Kamin war, dass es nicht möglich war ein Feuer – sei es magisch oder nicht – darin zu entzünden.
Jede Flamme würde schlichtweg zu flackern beginnen und verlöschen, sobald sie mit dem alten Stein in Berührung kam.
Es hieß, dass eines Tages – mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor – das fröhlich prasselnde Feuer zu flackern begonnen habe und unaufhaltsam verloschen sei. Niemand vermochte es sich erklären, es sei denn etwas daran zu ändern.
Allein besondere Zauber erhielten den Raum trocken und bewahrten somit all die wertvollen alten Bücher und Manuskripte vor dem Verfall.
Langsam schritt Ginny die langen Reihen deckenhoher Bücherregale entlang.
Es gab hier so unendlich viele Aufzeichnungen vergangener Jahrgänge - und sie wusste nicht einmal genau, in welchem Jahr sie mit ihrer Suche beginnen sollte...
Sie musste methodisch vorgehen.
„Tom Riddle," murmelte sie daher halblaut und richtete die Spitze ihres Zauberstabes auf die brüchigen Rücken der in Leder gebundenen alten Jahrbücher, "finde ihn …"
Aufmerksam hielt sie den Blick auf ihren Zauberstab gerichtet, während sie ihn sorgfältig über Reihe um Reihe der alten Bücher wandern lies.
Der dicke Teppich dämpfte ihre Schritte und so war der noch immer heftig herniederprasselnde Regen das einzige Geräusch weit und breit.
Ihr Herz begann vor Aufregung schneller zu klopfen, als die Spitze ihres Zauberstabes schließlich zu leuchten begann. Der sanfte, orangefarbene Schein fiel auf das Buch des Abschlussjahrgangs 1945.
Sie blieb stehen, atmete langsam aus und sammelte noch einmal all ihren Mut zusammen – dann, nach einem letzten, vorsichtigen Blick über die Schulter, zog sie das Buch aus dem Regal.
Es war, wie viele andere hier, in scharlachrot und braunes Leder gebunden, das mit den Jahrzehnten verblasst war. Feine Linien und Risse verliefen über Einband und Rücken – wie Falten auf einem Gesicht.
Ein letztes Mal zögerte Ginny noch. Nochmals blickte sie sich um – dann schob sie energisch jeden Zweifel beiseite und öffnete das Buch.
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Das Erste was sie sah, war das freundliche Lächeln eines Mädchens mit rosigem Gesicht und langen, honigblonden Zöpfen.
Abbott, Henriette – Hufflepuff, lautete die Bildunterschrift. Ganz offensichtlich eine Verwandte von Hannah.
Ginny blätterte einige Seiten weiter, bis ihr Blick wieder an einem vertrauten Namen hängen blieb.
Longbottom, Richard – Ravenclaw. Nun, das war gewissermaßen eine Überraschung. Damit hätte sie nun nicht unmittelbar gerechnet.
Sie blätterte also weiter.
Ein blasses, wunderschönes Mädchen mit langem, seidigem, silberblondem Haar blickte ihr von der nächsten Seite entgegen. Nicht unbedingt hochmütig, doch ihrer selbst sehr bewusst. Sie sah ihr direkt in die Augen, ganz so als wolle sie keinem der Betrachter raten sie nicht zu bemerken.
Malfoy, Meredith – Slytherin.
Noch immer zu weit vorn.
Diesmal ergriff Ginny einen ganzen Stoß von Seiten auf einmal und blickte als nächstes - in das breit grinsende, sommersprossige Gesicht von: Ron!
Aber nein – das war nicht Ron. Natürlich nicht.
Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung, als sie den tatsächlichen Namen las.
Weasley - daran bestand wohl kein Zweifel - doch Weasley, Jonathan – Gryffindor.
Das also war ihr uralter, zerbrechlich wirkender Großonkel Jonathan? Dieser lebensfrohe junge Mann mit dem unverwechselbaren flammend roten Haar und den vor Übermut blitzenden Augen?
Scharf sog Ginny die Luft ein, denn zum ersten Mal wurde ihr vollends bewusst, wie viele Jahre dies alles her war und wie weit sie in der Zeit zurück würde reisen müssen, wenn sie ihren Plan tatsächlich in die Tat umsetzen wollte.
Langsam und nachdenklich blätterte sie einige Seiten zurück und da war er.
Ein blasser, sehr hübscher Junge um die 18 mit hohen, scharfkantigen Wangenknochen, pechschwarzem lockigem Haar und dunklen, fesselnden Augen.
Tom Riddle.
Er sah geradezu entsetzlich gut aus.
Als sich ihre Blicke begegneten verspürte Ginny ein nervöses Ziehen im Magen. In einer hastigen Bewegung klappte sie daher die Hand über das Bild und begann zu lesen:
Riddle, Tom Marvolo - Slytherin.
Und weiter: Sohn von Merope Riddle geborene *Gaunt and Tom Riddle. Geboren am 31 Dezember 1926 in Little Hangleton. Vertrauensschüler– Schulsprecher – Ausgezeichnet mit 'Besonderen Verdiensten um das Wohl der Schule' im Jahr 1943 und einer 'Medaille Magischer Möglichkeiten' im Jahr 1944. Abschlussarbeit: 'Alte Runensätze und Vorhersagen'.
Ginny durchforstete die Taschen ihres Umhangs nach Feder und Pergament und begann fahrig darauf herumzukritzeln.
Als sie die Hand schließlich fortnahm und das Bild somit wieder freigab, blickte ihr Riddle finster und voller Mistrauen entgegen, so dass sie das Buch hastig und ein wenig übereilt zuschlug.
Staub wirbelte auf und kitzelte ihre Nase. Das Echo ihres Niesens durchschnitt die Stille des dämmrigen Raumes.
Hastig schob Ginny das Buch zurück an seinen Platz. Vorsichtig blickte sie sich um.
Es war Niemand da.
Der Regen schlug jetzt härter gegen die Fensterscheiben und der Wind hatte an Stärke nur noch zugenommen und heulte und tobte nun beinahe bedrohlich um die alten Mauern. Er rüttelte an den Fensterläden und lies das Glas in den hohen schlanken Fenstern der Bibliothek erzittern. Genau in jenem Augenblick, da Ginny zum Fenster hinüber sah, durchzuckte ein erster Blitz den schiefergrauen Winterhimmel.
Sie fuhr vor Überraschung zurück, fasste sich jedoch rasch und eilte dann weiter, dorthin, wo die Abschlussarbeiten aufbewahrt wurden.
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Nur wenig später hatte Ginny gefunden wonach sie suchte und setzte sich an Ort und Stelle zu Boden um sich unverzüglich in ihre Lektüre zu vertiefen.
Den Rücken gegen eines der Regale gelehnt öffnete sie das schwere Buch in ihrem Schoß.
Ausnahmslos alle Arbeiten hierin behandelten Runen und ihre Deutung. Riddle's Beitrag war die Interpretation eines komplexen Runensatzes.
Ginny sog vor Überraschung scharf die Luft ein, als ihr Blick so plötzlich auf die gleichmäßige, gestochen scharfe Handschrift fiel, die ihr von den Tagebucheinträgen her auf eine geradezu erschreckende Weise vertraut war.
Schön geformte, leicht nach rechts gelehnten Buchstaben bedeckte das alte, vergilbende Pergament vor ihr. Klare, elegante Schwünge, sorgsam und gleichförmig in schwarzer Tinte geschrieben. Genauso hatte Tom in ihr Tagebuch geschrieben.
Tränen schossen ihr in die Augen. Sie hatte bisher nicht einmal ansatzweise begriffen, wie sehr er ihr gefehlt hatte. Doch jetzt, beim Anblick der so vertrauten Handschrift, traf sie die Erkenntnis mit voller Wucht.
Die Worte verschwammen vor ihren Augen. Eine einzelne Träne fiel auf den Text herab und hinterließ einen dunklen Fleck, wo sie die Tinte auf dem Pergament verwischte. Hastig richtete Ginny einen Reinigungszauber auf die Seite, um den Schaden so gering wie möglich zu halten. Sie blinzelte und wischte sich energisch mit dem Ärmel über die Augen, fest entschlossen sich auf nichts als ihre Aufgabe zu konzentrieren.
In seiner Abschlussarbeit hatte Tom vorhergesagt, ein dunkelhaariger Junge werde den Untergang des finstersten dunklen Magiers ihres Jahrhunderts bedeuten.
Er werde für den Rest seines Lebens eine blitzförmige Narbe auf der Stirn tragen, hieß es da weiter.
Voller Aufregung verschlang Ginny jedes seiner Worte.
Als sie den Text jedoch gerademal zur Hälfte gelesen hatte, hatte sich der Himmel draußen soweit verdunkelt, dass sie die Worte kaum noch entziffern konnte.
Ein weiterer Blitz zuckte über den Himmel und tauchte die Seiten für einige Sekunden in ein gleißendes bläulich-weißes Licht, welches durch den hohen Grünanteil des Buntglasfensters einen geradezu beklemmenden Grünton annahm und sie mit tiefem Unbehagen erfüllte. Nur einen Herzschlag später, so schien es, krachte der erste Donner mit geradezu ohrenbetäubender Wucht.
Alarmiert zuckte Ginny abermals zusammen. Das Gewitter schien jetzt genau über dem Schloss zu stehen. Wenn dies in irgendeiner Weise ein Omen sein sollte, dann empfand sie es nicht gerade als ermutigend. Tom Riddle erschien ihr jedenfalls auch keine leichte Wahl zu sein.
"Lumos," murmelte Ginny und die Spitze ihres Zauberstabes begann in einem milden, orangeroten Licht zu glühen, das es ihr ermöglichte die restlichen Seiten zu verschlingen.
Als sie zu Ende gelesen hatte, war es bereits beinahe vollständig dunkel. Langsam aufflammende Lichtpunkte zwischen den Regalreihen, kündeten davon, dass Madam Pince bei ihrem Rundgang damit begonnen hatte die Laternen nun auch hier, in diesem entlegenen Teil der Bibliothek, zu entzünden.
Sie wäre gewiss überrascht einen Besucher vorzufinden. Ginny jedoch, war ganz und gar nicht nach einem Gespräch zumute. Daher beeilte sie sich das schwere alte Buch an seinen Platz zurück zu schieben.
Und bevor der Schein von Madam Pinces Laterne die Stelle beleuchtete, an der Ginny eben noch gesessen hatte, war diese schon lautlos wie ein Schatten hinter der nächsten Regalreihe verschwunden.
Mit einem Buch über fortgeschrittene Verwandlungszauber unter dem Arm und dem festen Entschluss darin eine Lösung zu finden schlüpfte Ginny schließlich aus der Bibliothek.
Sie hatte beschlossen, dass sie irgendwie in den Besitz von Hermiones Zeitumkehrer gelangen musste. Es hatte jedoch keinen Sinn ihn jetzt gleich zu holen, bevor sie noch einen Weg ersonnen hatte ihn zu verzaubern. Ein Zeitumkehrer war nicht dazu gedacht über eine so weite Distanz von Jahren hinweg zu reisen. Sie war sich nicht einmal sicher, ob es überhaupt möglich war.
Doch ihr Entschluss stand so felsenfest, dass es einfach gelingen musste. Ganz gleich, wie aussichtslos es schien - sie würde es versuchen. Zunächst jedoch gab es einiges vorzubereiten.
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Zurück in ihrem Schlafsaal warf Ginny all ihre Roben, Umhänge und Schuluniformen auf ihr Bett und begann systematisch ihren Namen und alle Symbole Gryffindors von ihnen zu entfernen. Genauso verfuhr sie mit all ihren Büchern.
Jedes einzelne Kleidungsstück, das in irgendeiner Weise Verzierungen von Scharlachrot und Gold aufwies - Krawatten, Schals und entsprechend gesäumte Pollunder stopfte sie, zu einem Knäul verdreht, unter das Bett und packte all ihre übrigen Sachen in den großen rostroten Schrankkoffer am Fuß ihres Bettes.
Als all dies erledigt war, war es bereits an der Zeit zum Abendessen in die Große Halle hinunter zu gehen. Ganz bestimmt würden auch ihre Freunde inzwischen zurück sein.
Sie hatte sich nicht geirrt.
Das aufgeregte, fröhliche Stimmengewirr schlug ihr entgegen, lange bevor sie die Eingangshalle erreichte. In einem nicht enden wollenden Strom der Euphorie fluteten nasse, vom Wind zerzauste aber glückliche Hexen und Zauberer durch das schwere, doppelflüglige Eichenportal herein. Sie brachten die Aufregung eines schönen, allein der Zerstreuung geschuldeten Tages mit sich. Den ‚Hogsmeade-Hype'.
Und so erntete Ginny mehr als einen mitleidigen oder gar besorgten Blick ihrer Freunde, die bei ihrem Anblick pflichtschuldig und ein wenig unbehaglich nachforschten, wie denn sie den Tag verbracht habe.
Ron und Hermione wechselten dabei einen Blick, der zu sagen schien: 'Arme kleine Ginny – wie müssen ihr helfen, sich endlich zu entfalten.'
Als sie schließlich – zum ersten Mal an diesem Abend - zu Harry hinüberblickte, bemerkte sie, dass er und Cho eine Art ‚Grinse-Contest' auszutragen schienen. Dieser Fisch - so schien es ihr - war jedenfalls geputzt.
Ron und Hermione warfen sich daraufhin einen weiteren besorgten und – wie sie vermutlich glaubten – unauffälligen Blick zu.
Ginny jedoch maß all dem - wie sie zu ihrer eigenen Verwunderung feststellte – außerordentlich wenig Bedeutung zu. Sie, so erinnerte sie sich, hatte ihren eigenen Plan für den Abend. Wieder stand ihr das Bild des hübschen, schwarzgelockten Zauberers aus dem alten Jahrbuch vor Augen. Wieder spürte sie die Aufregung und Verwirrung, in die sie sein Blick gestürzt hatte.
Sie lächelte.
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Den ganzen Abend über, brütete Ginny weiter über ihrem Plan.
Sie and Hermione hatten sich in eine ruhigere Ecke des vom aufgeregten Stimmengewirr ihrer Hogsmeade-begeisterten Hauskameraden erfüllten Gemeinschaftsraumes zurückgezogen um zu arbeiten.
Hermione war in irgend ein Buch über Arithmetik vertieft. Ginny gab vor, an einer Hausarbeit für Verwandlung zu arbeiten, während sie in Wirklichkeit einen Brief an Ron verfasste.
Danach recherchierte sie über die theoretischen Möglichkeiten einen Zeitumkehrer zu stellen.
Wenn sie einem Tom Riddle begegnen wollte, der sich noch nicht restlos im giftigen Netz Dunkler Künste und ihrer Verlockungen versponnen hatte und dessen Seele noch nicht gänzlich von der Düsternis ihrer Schatten verschluckt worden war - so musste sie einen Zeitpunkt wählen, an dem er die Kammer des Schreckens noch nicht geöffnet hatte.
1992, in ihrem ersten Hogwartsjahr, war es genau 50 Jahre her gewesen.
Jetzt war sie drei Jahre älter und in ihrem vierten Jahr.
Es war Februar des Jahres 1996, was bedeutete, dass sie 53 Jahre in der Zeit zurückreisen musste, um im Februar des Jahres 1943 herauszukommen. Es bestand die Möglichkeit, dass sich Tom bereits der Dunklen Seite zugewandt haben mochte, wenn sie ihn in der Mitte seine fünften Jahres antraf. Viel früher jedoch durfte sie auch nicht auftauchen, denn zu jung sollte er schließlich auch nicht sein.
Sie grinste. Sie war schließlich kaum daran interessiert ihn in seinem ersten Jahr hier anzutreffen!
Auch wenn die Vorstellung eines so jungen, mit der magischen Welt gänzlich unvertrauten und daher zweifellos verunsicherten Tom Riddel etwas seltsam Anrührendes an sich hatte.
Würde er ihr folgen? Sich von ihr – der so viel älteren, magisch erzogenen Hexe - leiten und anleiten lassen einen anderen Weg zu beschreiten? Es schien überaus wahrscheinlich, dass er in ihr einen Halt suchen würde, sofern sie ihm die Bereitschaft dazu signalisierte... Ihre Ideale und Moralvorstellungen überdenken würde...
Doch das, so bemerkte sie mit messerscharfer Gewissheit, war es nicht, was sie suchte! Noch waren es Genugtuung oder gar Rache, wonach sie trachtete. Sie wollte keine Machtposition über ihn, keine Umkehr der Kräfte, oder etwas ähnliches. Sie wollte einzig - ihn.
‚Ihren' Tom. Genauso, wie sie ihn aus dem Tagebuch in Erinnerung hatte – und der war 16 gewesen, in seinem fünften Jahr.
Nun – soweit die Theorie...
Doch... wie um alles in der Welt sollte sie das anstellen!? Eine solche Präzision. Bei einer derartigen Zeitspanne?
Zwar gab es durchaus Mittel und Wege, einen Zeitumkehrer dahingehend zu beeinflussen, dass er den Reisenden mit jeder Umdrehung ein Jahr in der Zeit vor oder zurückversetzte, je nachdem ob man ihn mit dem, oder gegen den Uhrzeigersinn drehte - in einem Fall war eine erfolgreiche Reise über, man sage und staune, zwei Jahrzehnte hinwegtransportiert hatte – doch es schien eine absolute Ausnahme darzustellen und sich mehr oder weniger unbeabsichtigt ereignet zu haben. Vor der Nachahmung wurde ausdrücklich gewarnt.
Wie auch immer - eines stand jedenfalls fest: Es würde nicht ungefährlich werden!
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Im Verlauf dieser Nacht wälzte sich Ginny unzählige Male voller Unruhe in ihrem Bett herum – suchte sie doch fieberhaft nach einer Lösung.
Der Sturm, der nach wie vor um das Schloss tobte, tat sein Übriges sie keinen Schlaf finden zu lassen.
Dann jedoch, gegen vier Uhr am Morgen, als der Mond schließlich aus einer dicken grauen Wolkendecke hervorbrach und ein Band schimmernden Silbers auf ihr Laken zauberte – wusste sie es plötzlich.
Es war nichts anderes als mit dem Zug zu reisen! Wenn es keine direkte Verbindung gab, dann musste sie eben zwischendurch umsteigen!
Mit dem freudigen Schreck plötzlicher Klarheit setze Ginny sich auf. Ja, dass war die Lösung! Sie würde einfach in mehreren einzelnen Abschnitten reisen.
Am liebsten wäre sie auf der Stelle aufgesprungen um ihren Plan zu verwirklichen, doch jetzt, mitten in der Nacht konnte sie nichts Sinnvolles tun. So zwang sie sich also liegen zu bleiben. Innerlich jedoch zitterte sie vor Anspannung. Aufgeregt plante sie minutiös jeden ihrer weiteren Schritte – einfach alles, was es am Morgen zu tun gab.
Als der Morgen dann endlich grau und nebelverhangen heraufdämmerte glitt Ginny leise aus dem Bett. Auf Zehenspitzen schlich sie sich in Hermiones Schlafsaal hinüber. Es würde schon klappen. Das musste es einfach!
Das blasse Morgenlicht reichte dabei gerade aus, sie ihre Umgebung als dunkle, formlose Schemen erkennen zu lassen. Ohne selbst Licht zu entzünden, konnte sie nur so sicher sein, nicht versehendlich in ein Hindernis hineinzustolpern.
Sie konnte die Umrisse ihrer schlafenden Freundin auf dem Bett erkennen.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes lag Hermiones geöffnete Tasche auf einem Stuhl. Direkt daneben türmte sich ein hoher Bücherstapel. Vorsichtig, um ihn nur ja nicht umzustoßen, manövrierte sich Ginny um diesen herum. Langsam - ganz langsam - zog sie den Zeitumkehrer aus der Tasche hervor.
Sie konnte nur hoffen, dass Hermione sein Verschwinden nicht vor der ersten Unterrichtsstunde am Morgen vermissen würde – und bis dahin hoffte sie längst fort zu sein.
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Zurück in ihrem eigenen Schlafsaal, schlüpfte Ginny in ihre Kleider so leise es ihr nur möglich war. Dann richtete sie ihren Zauberstab auf ihren vollständig gepackten Koffer.
"Reductio," murmelte sie mit gedämpfter Stimme und der große schwere Schrankkoffer schrumpfte auf die Größe einer Streichholzschachtel zusammen.
Kurzerhand steckte ihn Ginny in die Tasche ihres Umhangs. Sie war bereit.
Zuletzt legte sie nur noch den kleinen gelblichen Umschlag, mit dem Namen ihres Bruders darauf, auf ihr Kopfkissen und atmete nochmals ganz tief und langsam ein und aus um ihrer Aufregung Herr zu werden.
Dann wandte sie sich zur Tür und verließ den Schlafsaal ohne sich auch nur noch einmal umzublicken.
Unten im Gemeinschaftsraum, der zu dieser frühen Stunde noch gänzlich still und verlassen da lag, holte sie den Zeitumkehrer hervor und richtete ihren Zauberstab darauf.
"Decem ani," flüsterte sie. Der Zauber würde es ihr erlauben, ein Jahrzehnt mit jeder Drehung des Zeitumkehrers zu reisen.
Das kleine Stundenglas begann in einem blass-bläulichen Licht zu schimmern und ein feines Klingeln erfüllte die Luft.
Entschlossen warf sich Ginny die feine goldene Kette um den Hals und drehte das kleine Stundenglas zwei mal gegen den Uhrzeigersinn.
Die ersten paar Sekunden geschah überhaupt nichts und sie war schon im Begriff die Kette wieder abzulegen, enttäuscht über den vermeintlichen Misserfolg, als sie ganz plötzlich zurückgerissen wurde. Fast glaubte sie entdeckt worden zu sein – doch da war niemand.
In einem raschen endlosen Wirbel begann Ginny sich um sich selbst zu drehen und die Welt ringsumher verschwamm.
In einem Strom von Licht und Farben rauschte sie durch die Zeit. Rückwärts.
Alles war zu einem Schweif vager, verschwommener Schemen verzerrt. Licht wechselte sich mit Dunkelheit ab und Wärme wurde zu Kälte – dann wieder zu Wärme. Dies musste der Wechsel der Jahreszeiten sein und der stetige Wandel von Tag und Nacht.
Es war beängstigend.
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Dann, urplötzlich endete der Wirbel. Überrascht wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren, stolperte Ginny und schlug hart auf dem Boden auf.
Schwindelig und ziemlich verwirrt sah sie sich um. Sie befand sich noch immer im Gemeinschaftsraum, doch das Licht hatte sich verändert.
Aus dem Sessel beim Kamin vernahm sie ein Geräusch. Ein dunkelhaariger Junge starrte sie entgeistert an. 'Quidditch im Wandel der Zeiten' polterte zu Boden als er aufsprang.
"Wa- Lily? Wer bist denn du?!" rief er erstaunt.
Ginny schwirrte der Kopf vor Verwirrung. Sie befand sich jetzt im Jahr 1976 und dies – musste Harrys Vater sein. James Potter.
"Es – tut mir leid," stammelte sie und hantierte dabei hektisch mit dem Zeitumkehrer, "Ich wollte nicht – es tut mir leid…"
Dann war sie auch schon wieder fort – wirbelte weiter durch die Zeit.
Dieses Mal war es sogar noch schlimmer.
Sie hatte sich noch nicht gänzlich von ihrem ersten Reiseabschnitt erholt und als sie diesmal wieder festen Boden unter den Füßen verspürte, strauchelte sie erneut. Wieder stürzte sie.
Nach Atem ringend lag Ginny auf den Knien. Ihre Hände stützen sich gegen die kalten Steinplatten eines langen, dämmrigen Ganges dessen rohe, grob behauene Steinwände nur hier und da von vereinzelten Fackeln erhellt wurden. Ihr spärlicher Lichtschein zuckte und flackerte über die felsigen Wände und verlor sich dann in den Schatten ringsumher. Finsternis schien an jeder Biegung und Abzweigung zu lauern. Die schweren, im Verlauf der Jahrhunderte von den Füßen unzähliger Schüler polierten Steinplatten, unterlagen einem ständigen Wechsel von Licht und Dunkelheit.
Es war niemand hier.
Und – wann auch immer – hier – nun sein mochte, Ginny legte keinen besonderen Wert darauf irgendjemandem zu begegnen.
Dies musste ein Gang innerhalb der Kerker sein. Doch wann mochte sie sich nur befinden? Sie hatte das Stundenglas in großer Eile gedreht um James Potters Fragen zu entkommen.
Waren es nun zwei oder gar drei Jahrzehnte gewesen, die sie diesmal gereist war? Zwei vermutlich, entschied sie, schaudernd. Was bedeutete, dass sie sich im Jahr 1956 befinden musste, einer Zeit zu der sich der Dunkle Lord auf dem Höhepunkt seiner Macht befunden hatte.
Tom.
Er war jetzt 29. Und die Kerker beherbergten dieser Tage vermutlich eine Vielzahl seiner Anhänger und Sympathiesanten. Ihr schauderte. Ganz gleich wie erschöpft sie auch war – hier – konnte nicht bleiben.
Vorsichtiger diesmal und mit sehr viel mehr Bedacht als zuvor drehte sie die Sanduhr ein weiteres Mal entgegen dem Uhrzeigersinn.
Sie mochte geglaubt haben es werde diesmal einfacher sein – nun, da sie nur ein Jahrzehnt in der Zeit zu reisen hatte, doch das war es nicht.
Als der entsetzliche Wirbel von Licht und Farben diesmal verebbte, lag sie - wie könnte es anders sein – wieder auf den Knien. Doch diesmal war sie einfach zu schwach und zittrig auf die Füße zu kommen.
Tränen verschleierten ihre Sicht und sie zitterte und bebte am ganzen Körper. Kaum bei Bewusstsein kroch sie zu einem nahegelegenen Abstellraum herüber und kauerte sich dort zwischen Kisten, Eimern und Besen zusammen. Restlos erschöpft legte sie die Wange auf den kühlen Steinboden und schloss die Augen. Es war schrecklich. Sie hätte nicht erwartet, dass es dermaßen schwer sein würde durch die Zeit zu reisen.
Es musste das Jahr 1946 sein. Ein Jahr nachdem Dumbledore den Dunklen Magier Grindelwald besiegt hatte.
Tom musste dann jetzt etwa 19 sein.
Es war das Jahr, nachdem er Hogwarts verlassen hatte. Gewiss war es - nun - sicher genug einige Minuten auszuruhen...
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In ihrem Schlafsaal im Turm von Gryffindor durchwühlte Hermione verzweifelt ihre Tasche auf der Suche nach ihrem Zeitumkehrer. Sie war sich absolut sicher ihn am Vorabend ordnungsgemäß darin verstaut zu haben.
Sie war auch in diesem Punkt sehr gewissenhaft und achtete stets darauf ihn - niemals – irgendwo herumliegen zu lassen... Jemand musste ihn bewusst fortgenommen haben. Aus ihrer Tasche. In der Nacht... Doch wer würde... Der Gedanke hatte etwas Beängstigendes an sich.
Ein erstickter Schrei aus dem angrenzenden Schlafsaal ließ sie zusammenfahren. Die Bücher, welche sie gerade in den Händen gehalten hatte polterten lautstark zu Boden und ließen Lavender und Pavati aus dem Schlaf fahren.
Das war Rons Stimme gewesen, sie war ganz sicher und ohne sich auch nur zu entschuldigen stürmte sie los.
„Hermione!" rief Ron jetzt wieder. Seine Stimme klang verzweifelt. „Hermione, Harry! Kommt hierher, schnell!"
Im Nebenzimmer saß Ron, bleich wie ein Gespenst, auf Ginnys Bettkante. Ein geöffneter Umschlag lag auf dem Bett. Den Brief selbst hielt er mit einer Faust umklammert. Schock und Verwirrung waren ihm deutlich anzumerken.
"Ginny," stammelte er nur und blickte dann zu ihnen auf. Sie ist – weg..."
"Was?! Weg?! Wie, weg?!" keuchten sie beide, nun gleichsam entsetzt wie verwirrt. Wortlos und ein wenig zittrig hielt Ron ihnen die Hand mit dem Brief entgegen.
Da stand:
Lieber Ron,
es gibt da etwas das ich erledigen muss. Etwas Wichtiges. Ich werde wohl einige Tage fort sein. Vielleicht auch länger. Sag bitte Mum, Dad, unseren Brüdern, Harry und Hermione, dass sie sich keine Sorgen um mich machen sollen.Es geht mir gut. Wirklich. Die ganze Zeit über habe ich etwas vermisst, ohne zu wissen, was es ist. Jetzt aber weiß ich es. Endlich!
Alles Liebe, Ginny
Hermione's Augen weiteten sich in jähem Begreifen. "Oh nein, Ginny, was hast du getan?!" stöhnte sie.
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Ginny erwachte beim Klang von Schritten vor der Tür ihres Verstecks und einen panischen Moment lang glaubte sie, man werde sie entdecken. Dann jedoch begriff sie, dass es nur die Schritte der Schüler waren, die auf dem Flur dort draußen vorbeigingen. Einen Augenblick lang war es still, dann drangen erneut Schritte und Gesprächsfetzen an ihr Ohr.
"Was ziehst du denn zum Abschlussball an, Minerva?" fragte eine seltsam vertraute Mädchenstimme gerade.
"Oh," gab eine weitere vertraute, doch ebenfalls sehr jugendliche Stimme zur Antwort, "ich hab keinen blassen Schimmer, Liana! Hast du denn schon etwas?"
"Ach was," antwortete diese, "vielleicht können wie uns ja am nächsten Hogsmeade Wochenende was hübsches aussuchen. Was meinst du?"
"Tut mir leid, Liana," wandte ihre Freundin ein. "Ich glaube nicht, dass ich das nächste Mal mit nach Hogsmeade komme. Ich hab noch so viel zu tun - mit der Literaturrecherche für meine Abschlussarbeit über Animagi - weißt du?"
"Ahh," unterbrach die unverkennbare Stimme Professor Flitwicks ihr Gespräch, „es sind die Misses McGonagall und Sprout. Welch glückliche Fügung."
Alle drei blieben stehen.
„Professor Dumbledore möchte mit Ihnen über Ihre Abschlussarbeit sprechen, Miss McGonagall, erklärte Professor Flitwick dann. „Er ist noch im Verwandlungs-Klassenzimmer. Wenn Sie sich beeilen, erwischen Sie ihn vielleicht noch dort. Spätestens aber auf dem Weg ins Lehrerzimmer."
"Oh, Vielen Dank, Professor Flitwick," strahlte die junge McGonagall erfreut.
"Bis später, Liana," rief sie dann ihrer Freundin zu und rannte los.
Voller Verwirrung schüttelte Ginny den Kopf. Sie war offenbar in dem Jahr gelandet, in dem Professor Sprout und Professor McGonagall ihren Abschluss gemacht hatten.
Was für eine seltsame Vorstellung -
"Singulis anis," murmelte sie dann, so leise, dass sie es beinahe selber nicht zu hören vermocht hätte. Das kleine Stundenglas begann erneut zu glühen. Dies Mal in einem sanften, grünlichen Licht. Es blieben nicht mehr als drei Jahre zu überwinden. Gewiss würde ihr auch dies noch gelingen...
Und so drehte sie das kleine Stundenglas drei mal gegen den Uhrzeigersinn.
Als sich ihr Blick diesmal wieder klärte, lag sie inmitten der Eingangshalle. Ein übergroßer, ungelenker Junge beugte sich zu ihr herab. Eine Flut wilder schwarzer Locken umrahmte sein erstaunlich vertrautes Gesicht.
"Sind se' in Ordnung, Miss?" fragte er besorgt.
Ginnys Augen weiteten sich vor Überraschung. Dies war Hagrid! Ein ganzes Stück kleiner, dünner und jünger – aber ganz eindeutig und unverwechselbar Hagrid. Er konnte nicht älter als 12 oder 13 sein.
Sie war im Jahr 1943 – endlich!
"Miss?" forschte Hagrid mit sichtlichem Unbehagen und offenkundiger Besorgnis, so dass sie ihm beruhigend zulächelte.
"Oh ja! Ja - mach dir keine Gedanken, es geht mir gut. Ich muss wohl über meine eigenen Füße gestolpert sein."
Ein breites, jungenhaftes Grinsen glitt über sein Gesicht. "Ah - dass kenn' ich." Er streckte ihr eine riesige Hand entgegen und der Schwung, mit dem er versuchte ihr auf die Füße zu helfen hätte sie um ein Haar sofort wieder vornüber taumeln lassen. "Ich bin Rubeus Hagrid."
"Oh hi," stammelte Ginny noch immer leicht konfus. "Ich bin Ginny. Danke Rubeus."
"Sie hab' ich abba noch nich' hier gesehn'" bemerkte er mit sichtlicher Neugier.
"Oh nein. Nein, dass kannst du auch nicht. Ich bin neu hier," erklärte sie hastig. "Kannst du mir vielleicht den Weg zum Büro des Schulleiters zeigen?"
Sein Gesicht verdüsterte sich bei diesen Worten. "Yep, allerdings!" seufzte er beinahe theatralisch, "Weist'te, ich bin praktisch ständig da, könnte man sagen. Komm immer in irgendwelche Schwierigkeiten irgendwie..." Er zuckte ungelenk und ein wenig unbehaglich mit den Schultern - dann grinste er auch schon wieder.
"Oh," bemerkte Ginny mit einen mitfühlenden Lachen, „das tut mir leid."
„Ja," bemerkte Hagrid mit neuerlich verdüstertem Gesichtsausdruck, „mir auch."
Da Hagrid das Passwort bereits kannte, erreichten sie nur wenig später das Büro des Schulleiters.
Hagrid, der erwartet wurde, trat zuerst ein. Und so wartete Ginny zunächst vor der schweren, dunklen hölzernen Tür.
Um sich die Zeit zu vertreiben trat sie ans Fenster und ließ ihren Blick über die weiten Ländereien von Hogwarts schweifen. Über den See, dessen Oberfläche im Sonnenlicht glitzerte und funkelte und weiter über die grünen Wipfel des Verbotenen Waldes, deren Blätter sich leicht im Wind bewegten. Alles sah so vertraut aus – und dennoch irgendwie seltsam.
Je länger sie wartete, desto nervöser wurde sie.
Mit dem Rausch des Adrenalins war ihr die Reise zuvor beinahe selbstverständlich erschienen. Jetzt hingegen, da sie darüber nachdachte, schauderte ihr. Auf was hatte sie sich da nur eingelassen? Sie musste verrückt geworden sein. Und viel wichtiger noch – würde ihr der Schulleiter die verrückte Geschichte glauben, die sie ihm aufzutischen gedachte?
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Als Ginny schließlich das Büro des Schulleiters betrat, waren ihre Handflächen ganz schwitzig vor Aufregung.
Neugierig sah sie sich um. Zwar war sie schon zuvor in dem kreisrunden Raum gewesen, in ihrer eigenen Zeit, damals, in jener Nacht, da Harry sie aus der Kammer des Schreckens gerettet hatte. Doch da hatte sie ihrer Umgebung keine Beachtung geschenkt -restlos verstört und halb blind von Tränen, wie sie gewesen war.
Der Schulleiter war ein freundlicher, Zauberer, mit dünnem weißem Haar. Er führte sie hinüber zu seinem Schreibtisch und bat sie auf einem der beiden Stühle davor platz zu nehmen.
"Verzeihen Sie, Miss," fragte er ein wenig irritiert, "kenne ich Sie?"
"Emm, nein, bedaure, Sir, Ich denke nicht," gab Ginny nervös zu Antwort.
Die Brauen des alten Mannes hoben sich vor Erstaunen. "Nun, würden Sie mir dann freundlicherweise verraten, wer Sie sind?"
„Ich bin – „ begann Ginny automatisch, unterbrach sich dann aber und schloss: „ich weiß es nicht, Sir."
Sie schluckte, hob den Blick zu seinen forschenden wässrig blauen Augen empor und begann zu lügen, wie gedruckt... Sie erzählte sie ihm eine mitleiderregende Geschichte über eine verlorene Erinnerung, die sie sich zurechtgelegt hatte - doch, angesichts der wachsenden Besorgnis des alten Mannes, fiel ihr dies bei weitem nicht so leicht, wie sie es sich vorgestellt hatte.
Doch was konnte sie schon tun? Er würde ihr niemals erlauben zu bleiben, wenn sie ihm die Wahrheit erzählte.
So erzählte sie ihm also eine Geschichte darüber, dass ihre Eltern sie auf ein Internat hatten schicken wollen, dessen Name ihr entfallen war. Alles woran sie sich erinnerte, waren ihr Vorname, ‚Ginny' und ihr Alter – und natürlich ihre Magie...
"Was für eine traurige Geschichte, Miss Ginny," erklärte der alte Mann voller Mitgefühl als sie geendet hatte.
"Vielleicht sollten Sie zunächst Miss Morphine aufsuchen bevor wir über weitere Schritte entscheiden. Sie betreut unseren Krankenflügel."
"Oh nein, Sir," beeilte sich Ginny zu versichern, "das wird nicht nötig sein! Es geht mir gut. Wirklich."
"Nun, wenn Sie es so wünschen, Miss. Doch Sie müssen vorsichtig sein. Was auch immer Ihren Gedächtnisverlust ausgelöst haben mag - es könnte ein traumatisches Erlebnis, oder gar Unfall gewesen sein, verstehen Sie?"
Ginny nickte nur und so fuhr er schließlich fort: "Nun, wie dem auch sei; es wird vermutlich das beste sein, wenn Sie so rasch wie möglich wieder zu einer Art Alltag zurückfinden. Ich halte es nicht für ratsam, die verlorenen Erinnerungen ‚hervor zaubern zu wollen'. Sie werden sich von selbst einstellen - zu gegebener Zeit – vermute ich. Ja."
Er lächelte wieder. "Sie sind also eine Hexe?"
Ginny nickte, erneut.
„Und Sie sind 14, sagen Sie?"
"Ja, Sir."
"Nun, dann sollten Sie am besten am Unterricht des vierten Jahrgangs teilnehmen, würde ich sagen. Erlauben Sie, dass ich mir einen kurzen Eindruck ihres magischen Ausbildungsstandes verschaffe?"
Sie nickte nervös. "Natürlich, Sir."
"Ich werde das Zaubereiministerium über Ihren Aufenthalt an unserer Schule in Kenntnis setzen, für den Fall, dass ihre Eltern Sie dort als vermisst gemeldet haben oder es noch tun werden, in den nächsten Tagen. Ich rate Ihnen jedoch davon ab, den anderen Schülern von ihrem Erinnerungsverlust zu erzählen. Es würde womöglich zu Unbehagen oder gar Mistrauen führen, dieser Tage. Wir wollen Ihren Start hier so leicht als irgend möglich machen, nicht wahr?"
Freundlich lächelte er sie an und Ginny lächelte zurück, dankbar und erleichtert, wenn auch nicht ganz ohne Schuldgefühle.
„Natürlich," so fuhr er fort, „natürlich benötigen Sie auch noch einen Nachnamen. Sie können sich einen ausdenken, da Sie ihren tatsächlichen Namen ja nicht wissen."
Ginny nickte wieder und das nagende Gefühl eines schlechten Gewissens nahm ihr fast alle Freude über das bisher so glückliche Gelingen ihres Plans. Dann jedoch erinnerte sie sich selbst daran wozu sie dies alles auf sich nahm und ein nervöses Kribbeln erfüllte sie.
Tom. Sie würde ihn wiedersehen. Den wirklichen Tom – nicht bloß eine verzauberte Erinnerung aus einem staubigen alten Buch...
Ihr Herz begann zu hüpfen.
Und urplötzlich wusste sie den perfekten Namen.
Sie hatte ihn gemocht, seit ihr Hermione das Buch jenes Muggle Autors zum Geburtstag geschenkt hatte. Es war die Geschichte eines jungen Mädchens, das von Amerika nach England kam, um in Canterville Hall zu leben, wo sie sich mit dem ruhelosen, unglücklichen Geist anfreundete, der dort umging und das Schloss für nahezu jedermann unbewohnbar machte. Die Geschichte hieß: ‚Das Gespenst von Canterville' und eine alte Prophezeiung über dem Kamin musste von eben diesem Mädchen erfüllt werden, deren Name – Virginia Otis war.
"Ich denke, ich würde mich dann gern als ‚Virginia Otis' vorstellen, Sir," erklärte sie ein wenig atemlos.
Ginny hätte nicht zu sagen vermocht, was sie erwartet hatte.
Misstrauen oder gar Irritation vielleicht, doch ohne auch nur mit der Wimper zu zucken nahm Professor Dippet dies hin. "Also gut, Miss Otis," erklärte er mit einem gänzlich unbedarften Lächeln. „wenn Sie dann bitte die Güte haben würden die Feder dort auf dem Tisch zum Schweben zu bringen?"
Ginny lächelte. Dies war eine Aufgabe, die ihr leicht fallen sollte. Achtsam und konzentriert richtete sie ihren Zauberstab auf das geforderte Objekt auf dem Tisch.
"Wingardium Levi-o-sa."
Sanft und gleichförmig schwebte die zarte, bauschige Feder empor.
Professor Dippet schien zufrieden. "Gut gemacht, Miss Otis. Und nun verwandeln Sie doch bitte einmal dieses kleine Tintenfass hier - in ein Tier."
Sie tat es und im nächsten Augenblick zappelte ein leuchtend orangefarbener Tintenfisch auf dem Schreibtisch zwischen ihnen. Seine langen, sich windenden, wild umhertastenden Tentakel tasteten fahrig und unkoordiniert über die Tischoberfläche hinweg und brachten dabei Schriftrollen und Federn in heillose Unordnung. Eine von ihnen wischte dabei sogar die Brille des Schulleiters von dessen Nase.
Kurzentschlossen hob Ginny ihren Zauberstab und verwandelte den Tintenfisch in seine ursprüngliche Form zurück, bevor er noch größeren Schaden anrichten konnte, oder aber das Wasser zu sehr vermissen mochte.
Im Anschluss daran hob sie die zerbrochene Brille vom Boden auf.
"Reparo," murmelte sie und gab dann die neuerlich unversehrte Brille ihrem Besitzer zurück.
"Verzeihung, Sir," erklärte sie, entschuldigend.
Direktor Dippet betrachtete sie mit sichtlichem Wohlgefallen.
"Das war hervorragend, Miss Otis," erklärte er anerkennend. "Sehr gut, in der Tat. Ich denke, wir können Sie als mehr als gut ausgebildet erachten. Bleibt also letztlich nur noch die Frage, welchem Haus Sie sich anschließen sollten. Glücklicherweise jedoch haben wir sozusagen einen Experten auf diesem Gebiet zur Hand, könnte man sagen- Ja..."
Damit erhob er sich von seinem Platz, ging zu einem der hohen, schmalen Regale hinüber und zog einen Hut hervor, dessen Anblick Ginny durchaus vertraut war.
„Hier haben wir denjenigen, der uns diese Frage am Besten beantworten kann," erklärte Professor Dippet mit sichtlicher Zuversicht. "Und nun, Miss Otis – wenn Sie bitte auf dem Hocker dort drüben Platz nehmen und diesen Hut hier aufsetzen würden..."
Mit zittrigen Knien, erhob sich Ginny von ihrem Platz um der Anweisung nachzukommen.
Als sie den Hut diesmal aufsetzte, glitt er nicht, wie zuvor über ihre Augen hinab, sondern verweilte auf ihrem Scheitel.
Nervös und voller Anspannung schloss Ginny die Augen - und wartete.
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"Hmm," erklang die kleine, feine Stimme in ihrem Kopf, an die sie sich von ihrem tatsächlichen Sorting her in Erinnerung hatte.
"Oh! Eine weitere Weasley – wie nett! Und doch - ein wenig alt um einem der Häuser zugteilt zu werden, nicht wahr, Missy? Nun denn – keine Frage - Gryffindor wird die beste Wahl für dich sein, daran besteht wohl kein Zweifel."
"Ach nein! Bitte," dachte Ginny mit wachsender Verzweiflung, "nicht Gryffindor, ich bitte dich! Ich darf einfach nicht dorthin!"
"Nicht?! Gryffindor!?" die Stimme des alten Hutes klang nun restlos erstaunt – entsetzt beinahe...
"Aber warum denn nicht, meine Liebe?! Es wäre ganz gewiss die beste Wahl für dich – ganz ohne jeden Zweifel. Soviel Feuer und Courage... du meine Güte! Doch wenn du dir absolut sicher bist – nun; so denke ich eher nicht Hufflepuff – bei diesem Temperament! Oh nein. Eine waschechte Weasley, ganz sicher. Mmm, also dann; Ravenclaw vielleicht – klug genug bist du ganz sicher...allerdings..."
In Ginnys Kopf überschlugen sich die Gedanken. "Schick mich nach Slytherin," bat sie eindringlich, beinahe flehendlich.
"Slytherin?!" Der alte Hut klang nun meh als überrascht, gleichsam schockiert.
"Ja, bitte!" dachte Ginny dagegen.
"Ich – denke eigentlich nicht, dass das die rechte Wahl für dich ist, meine Liebe," entgegnete der Hut zögerlich.
„Aber ich muss nach Slytherin! Ich muss einfach" dachte Ginny verzweifelt. "Ich will dorthin, oh – bitte!"
"Nun, beruhig dich mal, Mädchen," konterte der Hut mit einem unterdrückten Glucksen in der Stimme."Nun, wenn du darauf bestehst...Und ja - da liegt ganz gewiss eine Menge Kalkül und Berechnung in deinem Auftreten. Die Geschichte, die du dem Schulleiter aufgetischt hast war tatsächlich einer Slytherin würdig. Wir wissen wohl beide, dass nicht viel Wahres darin liegt... Also gut – sei's dumm - du hast es so gewollt:"
"SLYTHERIN!" verkündete er dann mit kräftiger Stimme.
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Voller Erleichterung öffnete Ginny die Augen.
Schulleiter Dippet hingegen betrachtete sie, wie sie bemerkte, mit sichtlichem Erstaunen. Ganz offensichtlich hatte er etwas anderes erwartet.
"Also dann, Miss Otis," erklärte er mit einem Lächeln, "nachdem diese Frage nun also geklärt wäre, vermute ich es ist an der Zeit Sie zu Ihrem neuen Gemeinschaftsraum hinunterzuschicken, damit Sie sich einrichten können."
Damit wandte er sich dem Kamin zu um eine Priese eines blassrosa Puders in die Flammen zu werfen.
"Albus," rief er und Ginny fuhr vor Überraschung zusammen, als der Kopf eines sehr viel jüngeren Professor Dumbledores in den Flammen erschien. Sein Haar und Bart waren von einem leuchtenden Kastanienrot anstelle des vertrauten, würdevollen silbrigen Weiß.
"Ah," Dippet lächelte erfreut, "Albus, da bist du ja! Würdest du bitte den Vertrauensschüler Slytherins aus deinem Unterricht zu mir heraufschicken? Er soll hier herauf kommen. In Mein Büro. Ja. Wir haben hier eine neue Schülerin, die er bitte zu ihrem Gemeinschaftsraum begleiten soll, Miss Virginia Otis."
"Natürlich, Armando," erwiderte Dumbledore und Ginny bemerkte das vertraute Aufblitzen seiner Augen, als er lächelte.
„Willkommen in Hogwarts, Miss Otis," begrüßte er sie dann freundlich.
"D-Danke, Professor Dumbledore," stammelte sie noch immer verwirrt, verfluchte sich jedoch bereits im nächsten Augenblick ob dieser Unachtsamkeit. Sie sollte seinen Nachnamen doch überhaupt nicht kennen! Wie nur sollte sie ihr Wissen erklären?
Beide Männer schienen zwar überrascht, ließen die Angelegenheit jedoch zu ihrer grenzenlosen Erleichterung auf sich beruhen.
Dumbledore's Kopf verschwand wieder in den Flammen, mit dem Versprechen den gewünschten Vertrauensschüler heraufzuschicken.
Erleichtert auch diese Klippe mehr oder minder glücklich umschifft zu haben lehnte sich Ginny also in ihren Stuhl zurück, während sie warteten. Endlich - so schien es ihr - vermochte sie aufzuatmen.
Nur wenige Minuten später jedoch, lies sie ein Klopfen an der Tür erneut aus ihrem zerbrechlichen Gefühl der Entspannung aufschrecken.
„Kommen Sie herein," rief Dippet freundlich.
Nervös und angespannt wandte Ginny den Kopf. Die schwere hölzerne Tür in ihrem Rücken öffnete sich mit einem Knarren und Tom Riddle trat ins Zimmer.
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A/N: Ich freue mich so sehr, dass Ihr diese Geschichte lest!
Hoffentlich hat Euch auch das neue Kapitel gefallen... Sein Name bezieht sich auf RAIDO, die Rune der Reise; spirituell, wie physisch.
RAIDO ist die fünfte Rune des älteren Futhark mit dem Lautwert ‚r' und wird der ersten Gruppe – dem Freyrs Aett – zugeordnet.
Sie steht für Versöhnung und den richtigen Weg; markiert einen neuen Lebensweg und neue Perspektiven. RAIDO ähnelt dem kleinen Symbol R, das ich zur Unterteilung der Textpassagen verwendet habe. Die Rune selbst ist allerdings – wie viele andere auch – schafkantiger geformt.
:) Serpentina
