Das Rätsel von Hogwarts
Kapitel 3 -ALGIZ-
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Als Tom Riddle den kreisrunden Raum betrat, fiel sein Blick sofort auf das flammendrote Haar eines Mädchens das dort, mit dem Rücken zu ihm, vor dem Schreibtisch des Schulleiters saß.
Neugierig einen Blick auf ihr Gesicht zu erhaschen, neigte er instinktiv den Kopf zur Seite. Alles was er jedoch zu erkennen vermochte, war glatte, sehr helle Haut, die von einer Vielzahl von Sommersprossen übersäht zu sein schien und ein hübsches Profil mit einer Stubsnase.
Klein schien sie zu sein und zierlich – beinahe zerbrechlich, wie er feststellte und ihre Körperhaltung war – angespannt. Auch schien sie buchstäblich auf dem Sprung zu sein, wie sie dort auf der äußersten Kante ihres Stuhls kauerte, alarmiert und jederzeit bereit den Raum fluchtartig zu verlassen.
Ihr Aufruhr schien beinahe greifbar.
Was nur mochte sie derart aufgebracht haben? Sicher nicht Professor Dippet, denn es gab wohl kaum jemand gutmütigeres und leichtgläubigeres als den alternden, stets ein wenig zerstreuten Schulleiter. Auch ihm war es geradezu lächerlich leicht gefallen seine Sympathie zu gewinnen.
Was also mochte die Quelle all dieser Furcht sein? Denn Furcht war es, was dieses Mädchen ausstrahlte. Ihre Hände nestelten fahrig und nervös am Stoff ihres Umhangs herum und der Pulsschlag an ihrem Hals, raste sichtbar und fliegend. Irgendetwas schien ihr eine geradezu riesenhafte Angst einzujagen.
Nun, all dies sollte ganz gewiss nicht seine Sorge sein. Alles was von ihm erwartet wurde, war ihr in seiner Funktion als Vertrauensschüler behilflich zu sein. Und genau das würde er auch tun – nicht mehr und nicht weniger. Er hatte wahrlich Wichtigeres zu tun als sich über irgendein Mädchen den Kopf zu zerbrechen.
Dennoch hatte sie etwas ganz und gar Sonderbares an sich das er nicht näher zu benennen vermochte.
Nicht einmal ihr Alter konnte er mit Sicherheit einzuschätzen, solange sie ihn nicht ansah. Warum nur, tat sie das eigentlich nicht…
Ψ
Ginnys Augen weiteten sich vor Überraschung, als Tom Riddle ins Zimmer trat. Rasch, beinahe übereilt, wandte sie den Blick ab und starrte stattdessen auf die polierte Ebenholzplatte des Schreibtisches direkt vor ihr.
Sie würde rot werden, das wusste sie einfach!
Schon jetzt fühlte sie das leicht panische, beklemmende Schwindelgefühl – fühlte die Hitze in ihren Wangen emporsteigen. Es war lästig – demütigend…
Verdammt!
Er war Vertrauensschüler! Natürlich… Wie nur hatte sie das vergessen können!? Sie hatte in dem alten Jahrbuch davon gelesen. Und doch hatte sie einfach nicht geschaltet, als Dippet Dumbledore aufgefordert hatte den Vertrauensschüler Slytherins heraufzuschicken.
Wie dumm von ihr! Wie unverzeihlich. Nun war sie völlig unvorbereitet und überrumpelt in eine Situation hineingestolpert, in der sie nur wieder einen Narren aus sich machen würde. Gewiss, sie hatte ihm begegnen wollen. Aber doch nicht so! So – hatte sie sich das Ganze nun bestimmt nicht vorgestellt… Sie…
„Ah, Riddle," begrüßte der Schulleiter ihn freundlich und unterbrach damit ihre wirren, sich überschlagenden Gedanken, „da sind Sie ja."
„Sie haben mich rufen lassen, Professor Dippet?"
Da war sie wieder, jene Stimme die Ginny so lange nicht gehört hatte. Doch diesmal hallte sie nicht fern und entrückt im endlosen Raum zwischen Traum und Erinnerung wieder, wie sie es von ihrem ersten Jahr her gewohnt war. Seine Erscheinung war nicht durchscheinend oder in sonst irgendeiner Weise vage. Noch immer war er sehr blass, doch schien er nun real und definitiv – lebendig.
„Ja, in der Tat, mein lieber Junge. In der Tat," erklärte Dippet freundlich und deutete auf den Stuhl neben ihrem. „Bitte, nehmen Sie doch Platz, Mr. Riddle. Nehmen Sie Platz."
Der Angesprochene durchquerte den Raum und trat nun direkt neben sie. Nun gab es kein Entrinnen mehr. Sie musste ihn ansehen.
„Dies ist Miss Otis, eine neue Schülerin," erklärte Dippet, „sie wird dem Haus von Slytherin im vierten Jahr beitreten und ich bitte Sie, in Ihrer Position als Vertrauensschüler, sie hinunter zu Ihrem Gemeinschaftsraum zu begleiten und dafür zu sorgen, dass sie den Weg in ihre erste Unterrichtsstunde findet, Mr. Riddle."
Zum ersten Mal, seit er das Zimmer betreten hatte, sah Ginny Tom direkt an – und der Unterschied, den dies machte, war frappierend.
Groß und schlank stand er da. Das tiefschwarze Haar gescheitelt fiel ihm lockig und doch ein wenig zu gezähmt für heutige Maßstäbe, in die Stirn.
Er sah beinahe genauso aus, wie in dem Jahrbuch – nur jünger – eben genauso, wie sie sich an ihn erinnerte.
Er war nicht 18 wie auf dem Abschlussfoto – sondern musste nun 16 sein, genau wie sie ihn kannte. Rasant, viel stärker als je zuvor schlug eine Welle der Anziehung über ihr zusammen.
In eben diesem Moment hoben sich seine Brauen vor Überraschung und ein leichtes, beinahe erleichtertes Lächeln umspielte seine Lippen.
„Ach, darum geht es."
Er streckte ihr die Hand entgegen und, aller Anspannung zum Trotz, ergriff sie diese.
„Miss Otis."
Seine Haut war warm und real – der einzige Halt in dieser weit entfernten, beängstigend fremden Zeit. Seine Finger schlossen sich fest und zuversichtsverheißend um ihre und hatten dennoch nichts von der befremdlich dominierenden Grobheit mancher Quidditch Spieler.
„H-hi," murmelte Ginny gepresst und spürte schon wieder jene verräterische Röte ihre Wangen hinauf kriechen.
„Ich bin Ginev-v-Virginia. Ginny, um genau zu sein..." stammelte sie und verwünschte die unselige, verhasste Schüchternheit die sie aufs Neue zu überwältigen drohte und es ihr schwer machte irgendeinen klaren Gedanken zu fassen, wie es schien – von einem sinnvollen Gespräch ganz zu schweigen.
All diesen Widrigkeiten zum Trotz sah Tom sie an, ruhig und unbeeindruckt. Er lächelte, und sah geradezu unfassbar und überwältigend gut aus, dabei.
„Ich freue mich dich kennen zu lernen - Ginny. Mein Name ist Tom. Tom Riddle."
„Ha-hallo Tom." Ein nervöses Flattern erfüllte ihren Magen, das ihr aus den Tagen ihrer Schwärmerei für Harry bestens vertraut war, doch gleichzeitig war da ein Gefühl der Warnung, der Alarmiertheit, dass sich ihr die Nackenhaare sträubten. Ein Schauder lief ihr über den Rücken und sie vermochte nicht einmal zu sagen, ob dieser von Aufregung oder Furcht herrührte. Empfand sie seine Berührung nun als beruhigend oder beängstigend? Sie wusste es nicht.
Doch erst als er schließlich sanft aber bestimmt ihre Hand aus seiner löste und neben ihr Platz nahm, wurde Ginny bewusst, dass sie seinen Griff noch immer festgehalten und ihn regelrecht angestarrt hatte.
‚Oh nein!'
Eine wilde, verzweifelte Röte überzog ihr Gesicht, als sie überstürzt und heftig die Hand zurückzog. Wütend und mit brennenden Wangen senkte sie den Blick und starrte stattdessen auf ihre Knie nieder.
„Na toll' tadelte sie sich in Gedanken, 'kann das überhaupt noch schlimmer werden!? Ich wette er hält mich für ein schüchternes, einfältiges kleines Mädchen – genau wie Harry und alle anderen…'
„Dies hier ist der Stundenplan für die Slytherin Schüler der vierten Jahrgangsstufe, Miss Otis," unterbrach Schulleiter Dippet, fröhlich und unbekümmert ihre unglücklichen Gedanken. „Mit Ausnahme ihrer Wahlfächer – natürlich… Was hatten sie denn an Ihrer alten Schule belegt?"
„Miss Otis.." forschte er, als sie nicht sofort regierte.
An dieser Stelle schreckte er Ginny schließlich vollends aus ihrer Verwirrung auf.
„Wie bitte - uh– oh… Wahrsagen und Pflege magischer Geschöpfe, Sir," stammelte sie, ohne nachzudenken.
Soviel zu ihrem vorgegebenen Erinnerungsverlust! Doch, wenn er dies befremdlich finden mochte, so erwähnte er es nicht.
„Nun, ich denke, es ist vermutlich das Beste, wenn Sie damit fortfahren, Miss Otis," erklärte er hingegen und sie nickte zustimmend.
„Sehr schön. Wenn es also keine weiteren Fragen gibt, so schlage ich vor Sie begleiten Miss Otis nun hinunter zu ihrem Gemeinschaftsraum, Mr. Riddle."
„Da fällt mir ein – Ist Professor Futhark zur Zeit in seinem Büro?"
Tom schüttelte den Kopf. „Nein, Sir, er unterrichtet gerade."
„Aber ja doch, natürlich! Die dritte Klasse! Das hätte ich beinahe vergessen…" bemerkte Dippet zerstreut.
„Nun. Sie werden sich also später bei ihm vorstellen müssen, Miss Otis. Am besten am Nachmittag, denke ich. Professor Futhark ist der Hauslehrer Slytherins, er unterrichtet Alte Runen," fügte er erklärend hinzu.
„Wie dem auch sei; sollte es sonst irgend ein Problem geben, scheuen Sie sich nur nicht mich anzusprechen, Miss Otis. Oder – bitten Sie schlicht und einfach Mr. Riddel um Unterstützung, ja? Ich schlage vor, Sie machen sich nun zügig auf den Weg zu Ihrem Gemeinschaftsraum. Sie versäumen sonst zu viel Unterricht – alle beide."
Ψ
Schweigend verließen sie das Büro und betraten die Wendeltreppe.
Ginny warf Tom dabei immer wieder verstohlene Seitenblicke zu. Er sah wirklich gut aus, sogar noch besser als auf dem Foto.
Wer hätte gedacht, dass Voldemort so anziehend gewesen war, als Teenager?!
Doch… Nein! Dies war nicht Voldemort – noch nicht – und er würde es auch niemals werden, wenn es nach ihr ginge…. Dies war Tom, der Junge aus ihrem, nun ja, seinem Tagebuch, dem sie einst all ihre Geheimnisse anvertraut hatte…nur, dass er das jetzt noch nicht wusste… irgendwie… Also...gewissermaßen. Es war kompliziert.
Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Wie verwirrend Zeitreisen doch sein konnten!
Genau in diesem Augenblick jedoch wandte Tom den Kopf zur Seite und ertappte sie dabei wie sie ihn nicht nur ansah, sondern dabei auch noch versonnen vor sich hinlächelte…
Sie hätte sich mit der flachen Hand vor die Stirn schlagen mögen, wenn es das Ganze nicht nur noch schlimmer gemacht hätte…
Es war zum verrückt werden! Überrumpelt und verzweifelt darum bemüht unbeteiligt und gelassen zu wirken stolperte Ginny über ihre eigenen Füße und wäre um ein Haar gefallen, wenn da nicht…
„Pass auf!" seine linke Hand schnellte vor und griff nach ihrem Arm so dass sie das Gleichgewicht wieder fand.
Einen Moment lang sahen sie einander einfach nur an. Toms Augen waren glänzend schwarz und unergründlich. Fesselnd...
Dann lächelte er und Ginny glaubte ihr Herz bis in die Kehle klopfen zu spüren.
„Mit den Treppen hier in Hogwarts musst du vorsichtig sein!" erklärte er sanft. „Die meisten von ihnen bewegen sich von Zeit zu Zeit und viele wechseln ganz plötzlich die Richtung."
Es war mehr als offensichtlich, dass sich die steinerne Wendeltreppe unter ihren Füßen von dem Moment an bewegt hatte, da sie betreten hatten – ruhig und gleichförmig. Von plötzlich oder gar Richtungswechsel konnte also keine Rede sein.
Offenbar versuchte er ihr die Beklemmung über ihre Unbeholfenheit zu nehmen und diese Erkenntnis erfüllte sie mit einen warmen Glücksgefühl, das sie von Kopf bis zu den Füßen durchrieselte. Er versuchte tatsächlich nett zu ihr zu sein! Vermutlich – und das war ein klein wenig ernüchternd – damit sie sich weniger wie eine Idiotin vorkam.
„Oh," war jedoch leider alles, was ihr in diesem Moment über die Lippen kam.
'Wow, originell, wirklich. Ich bin mir sicher er ist zutiefst beeindruckt!' nörgelte die kleine Stimme in ihrem Unterbewusstsein.
Es war aber auch wirklich traurig! Nicht einmal Harry gegenüber hatte sie sich je derart ungeschickt und verklemmt gezeigt und ausgerechnet hier, mit Tom – den sie doch so unbedingt beeindrucken wollte und um dessen Willen sie all dies überhaupt auf sich genommen hatte – machte sie eine komplette Närrin aus sich. Nun ja – dies mochte zum Teil daran liegen, dass sie sich ein wenig vor ihm fürchtete – immerhin hatte er versucht sie zu töten und sie abscheuliche Dinge tun lassen, an die sie lieber gar nicht denken mochte…
Wieder korrigierte sie ihre Gedanken. Sie musste unbedingt damit aufhören diese Erinnerungen als Vergangenheit anzusehen – denn sie waren jetzt die Zukunft, zumindest für den Moment. Oder – vielleicht nicht einmal das...
Als sie schließlich die Eingangshalle erreichten, welche nun, während der morgendlichen Unterrichtsstunden still und verlassen dalag, suchte Tom erneut ihren Blick.
„Kann ich dir mit deinem Gepäck behilflich sein, oder ist es schon direkt nach Slytherin hinuntergebracht worden?"
„Was?! Oh nein, das – ähh hab ich hier," stammelte sie nervös und nestelte an der Tasche ihres Umhangs herum.
Toms Augenbrauen hoben sich in stummer Frage.
„Tatsachlich?" bemerkte er dann – wenig überzeugt.
„Ja. Ich – ähh – ich hab meinen Koffer geschrumpft, damit er in die Tasche hier passt, siehst du? Hier." Damit zog sie ihren auf die Größe einer Streichholzschachtel geschrumpften Schrank-Koffer aus der Tasche und präsentierte ihn Tom, nicht ohne einen gewissen Stolz, auf der Handfläche.
An dieser Stelle trat ein Funkeln in seine dunklen Augen.
„Na so was – ein Taschen-Koffer! Wie praktisch," bemerkte er grinsend. „Darauf wär ich nie gekommen! Du bist gewiss recht gut mit Verwandlungen?"
Wieder wurde Ginny rot. Diesmal jedoch vor Freude. Ein kleiner Fortschritt, wie es schien, doch immerhin...
„Ja. Es ist mein Lieblingsfach," erwiderte sie schlicht aber bestimmt. Nahezu todesmutig, wie es ihr erschien, lächelte sie ihn an.
Das Funkeln in seinen Augen vertiefte sich als er zurücklächelte.
„Zweifellos."
Angesichts der Aufmerksamkeit die Tom ihr nun so unmittelbar und ungeteilt entgegenbrachte, verspürte Ginny erneut ein heftiges Kribbeln im Magen, doch nun, da sich ein tatsächliches Gespräch zwischen ihnen zu entwickeln schien, konnte sie besser damit umgehen.
„Meins ist Verteidigung gegen die Dunklen Künste," erklärte er dann auf einmal völlig ernsthaft und Ginny hätte angesichts dieser Ironie beinahe laut losgelacht. Gerade noch rechtzeitig verbiss sie sich eine derartig hysterische Reaktion, die zugegebenermaßen schwer zu erklären gewesen wäre.
„Tja – das ist auch ein wichtiges Fach," bemerkte sie, stattdessen vorsichtig.
Tom bedachte sie daraufhin mit einem langen, abschätzenden Blick.
„Ach, es mag von manchen ein wenig überbewertet werden, denke ich."
Ginny stockte der Atem. Sollte das etwa bedeuten, was sie vermutete? Ein neuerlicher Schauer lief ihr über den Rücken.
„Warum?" fragte sie vorsichtig.
Wieder suchten seine dunklen Augen ihren Blick.
„Wie meinst du das?" wiederholte sie. Sichtlich überrascht und durch ihre Frage verwirrt sah er sie an – und schließlich war er es, der den Blick abwandte.
„Oh, nur, dass es noch eine Menge anderer wichtiger Fächer gibt, wie Zauberkunst, Verwandlung oder Zaubertränke, erklärte er dann betont gleichmütig. „Nichts weiter."
Immer weiter stiegen sie die Treppen hinab und erreichten dabei schließlich auch jenen Teil der Kerker, in denen sich das Zaubertrank Klassenzimmer befand. Im Augenblick war die schwere hölzerne Tür geschlossen – vermutlich deshalb, weil gerade eine Unterrichtsstunde darin abgehalten wurde und Ginny wurde mit einem Mal bewusst, dass es nicht Professor Snape sein konnte, der dort unterrichtete. Das er – ihr schauderte – zum gegenwertigen Zeitpunkt noch nicht einmal geboren war. Auch ihre Eltern nicht! Und selbst ihre Großeltern waren wohl noch Teenager – irgendwo hier in Hogwarts –
Wieder wurde ihr in erschreckendem Maße bewusst, wie entsetzlich weit sie in die Vergangenheit gereist war.
Dunkle Schatten schienen in allen Ecken zu lauern und das Echo ihrer Schritte hallte in den verlassenen Gängen wider. Ihr schauderte und doch führte sie ihr Weg immer weiter hinab in die Dunkelheit.
Ψ
Tom, der ihr Unbehagen bemerkte, schenkte dem scheuen Rotschopf neben sich ein aufmunterndes Lächeln.
Aus irgend einem unerfindlichen Grund schien sie das jedoch nicht zu beruhigen. Ganz im Gegenteil! Bereits zuvor war ihm aufgefallen, dass sie jedes Mal, wenn sie seinem Blick begegnete oder er das Wort an sie gerichtet hatte nervös und beinahe panisch zusammengezuckt, ja seinem Blick sogar mehrmals ausgewichen war. Er wusste nicht wieso – doch sie schien noch immer entsetzlich nervös und verunsichert zu sein.
Der Gang machte an dieser Stelle eine Biegung und führte sie zu einer weiteren Treppenflucht, deren untere Stufen sich in den Schatten verloren.
Vorsichtig, um sie nur ja nicht wieder zu verschrecken, spähte Tom zu dem Mädchen – Ginny – hinüber.
Angespannt wirkte sie, wie sie da so langsam und zögerlich voranschritt, die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen. Und obwohl es ganz sicher nicht seine Sorge war, so tat sie ihm doch beinahe ein bisschen leid – irgendwie. Es mochte daran liegen, dass sie so zart und zerbrechlich wirkte, er war sich nicht sicher, doch sie strahlte auch darüber hinaus etwas so Anrührendes und Verlorenes aus, dass er einfach irgendetwas tun – musste.
„Keine Sorge," erklärte er daher so beruhigend, wie möglich. „Es ist nicht mehr weit. Wir sind schon beinahe dort."
Unsicher blickte sie zu ihm hinüber, doch der Hauch eines Lächelns glitt über ihre angespannten Züge.
„Oh gut," seufzte sie. „Sag mal: Ist es immer so dunkel hier unten?"
„Aber nein! Keine Angst," beeilte er sich zu versichern. „Das ist nur in diesem Teil der Kerker so. Dort, wo der Gemeinschaftsraum und unsere Schlafräume liegen gibt es Lichtschächte und sogar einige Fenster."
Überrascht blickte sie abermals zu ihm auf.
Ψ
Ginny mochte ihren Ohren nicht trauen. „Wow. Echt jetzt?" fragte sie verwirrt und er nickte wieder.
„Wie ist denn das möglich?" stieß sie hervor.
„Nun ja, sieh mal; Hogwarts wurde auf einem Felsen über dem See erbaut und seine Fundamente passen sich dessen Kontur natürlich an – Das bedeutet, dass es viele verschiedene Ebenen gibt, die zum Teil nicht einmal direkte Verbindung zueinander haben…" erklärte er bereitwillig und klang dabei auf einmal wie Hermione, die Geschichte Hogwarts verschluckt hatte und ihr extensives Wissen jederzeit wiederzukäuen bereit war.
„Die Allermeisten von ihnen reichen tief – manche sogar bis weit unter den Grund des Sees hinab – jedoch nicht alle… und..."
Wieder hatte Ginny das untrügliche Gefühl, dass er versuchte nett zu ihr zu sein und ihr einen Teil ihrer der Anspannung zu nehmen. Doch während sie noch darüber nachdachte, was dies bedeuten mochte und ob sein Plan wohl aufginge, blieb Tom ganz plötzlich stehen, so dass sie beinahe in ihn hineingelaufen wäre.
Er wandte den Kopf und deutete auf die kahle Felswand neben ihnen. Der Fackelschein tanzte dabei in einem bizarren Wechsel von Licht und Schatten über seine Züge und der Klang seiner Stimme, die von den felsigen Wänden widerhallte jagte ihr einen Schauder über den Rücken. Mit dem Widerhall des Echos klang sie nun beinahe wie früher – wie in ihrer Erinnerung… einer Erinnerung, die nicht nur Gutes mit sich brachte... und doch...
„Hier ist der Eingang zu unserem Gemeinschaftsraum," erklärte er dann, „das aktuelle Passwort lautet 'Algiz'.
Überrascht sah Ginny ihn an.
„Das ist eine Rune," fügte er erklärend hinzu, als sie nicht gleich reagierte.
„Ich weiß, dass das eine Rune ist," gab Ginny leicht irritiert zurück. „Ich habe Wahrsagen als Wahlfach – schon vergessen?"
„Oh ja, natürlich-" er schenkte ihr ein entschuldigendes Lächeln, „entschuldige bitte."
Dann jedoch runzelte er auf einmal die Stirn. „Behandelt ihr denn jetzt schon 'Alte Runen' in Wahrsagen?" fragte er sichtlich überrascht.
Ginny zögerte. Nervös knabberte sie an ihrer Unterlippe, ehe sie möglichst gleichmütig die Schultern zuckte. „Oh, bloß die Grundlagen, weißt du..."
Dies zumindest entsprach der Wahrheit. Sie hatten tatsächlich die Namen und Formen des Runenalphabetes gelernt, doch damit erschöpfte es sich auch schon und wer vermochte schon zu sagen, ob der Lehrplan heutiger Tage dies ebenso vorsah –
Der größte Teil ihres Wissens um Interpretation und Bedeutung der einzelnen Runen entstammte in Wahrheit der Abschluss Arbeit, die er selbst in etwas mehr als zwei Jahren verfassen würde. Ein bisschen schwer zu erklären – könnte man also sagen...
Algiz – eine Schutzrune, auch über sie hatte Ginny in Toms zukünftiger Arbeit gelesen – dazu verwendet eine Person oder einen Ort zu beschützen und daher sicher bestens geeignet um den Eingang zum Gemeinschaftsraum zu sichern. Wenn sie jedoch für die Vorhersage genutzt wurde, mochte diese Rune gleichsam einen ethischen Konflikt, neue Möglichkeiten und eine Herausforderung ankündigen. Alles in allem also recht passend für ihre gegenwärtige Situation.
Ein nervöses Kichern unterdrückend blickte sie auf – und bemerkte, dass Tom, sie die ganze Zeit über mit nachdenklich, unergründlichem Ausdruck betrachtet hatte.
Nun, da sie ihn ansah, lächelte er wieder.
„Ist ja fabelhaft," erklärte er leichthin. „Wenn du die Runen schon kennst, macht das die Sache natürlich viel einfacher! Wir mussten zusätzliche Schutzzauber über den Eingang verhängen, da es in der letzten Zeit häufiger vorgekommen ist, dass einige neugierige Gryffindors in den Kerkern herumgeschlichen sind. Du musst die Umrisse der Rune nachzeichnen, während du das Password aussprichst. Sieh mal, so –"
Damit ergriff er seinen Zauberstab und Ginnys Augen weiteten sich vor Entsetzen.
Dies war der Zauberstab, welcher so viel Leid und Tod über die Welt bringen – und Avada Kedavra gegen so viele Menschen richten würde – Harry und seine Eltern inbegriffen.
Ganz offensichtlich hatte Tom ihren inneren Aufruhr bemerkt, denn er lies den Zauberstab zunächst sinken und seine dunklen Augen suchten ihren Blick.
„Stimmt irgendwas nicht?" fragte er beinahe besorgt.
Ginny hätte sich ohrfeigen mögen, ob dieser Unvorsichtigkeit. „N-nein, nein," beteuerte sie hastig um Fassung bemüht, „alles in Ordnung!"
„Fein," erklärte er mit einem weiteren aufmunternden Lächeln und wandte seine Aufmerksamkeit dann wieder der Felswand zu. Mit großer Achtsamkeit ließ er die Spitze seines Zauberstabes über den rauen Stein wandern.
Die Rune ähnelte, wie Ginny sehr wohl wusste, dem Buchstaben Y, setzte sich jedoch im senkrechten Teil weiter nach oben fort.
Fasziniert beobachtete sie jede seiner Bewegungen.
„Algiz," raunte Tom halblaut und bescherte Ginny damit eine heftige Gänsehaut. Es war der erste Zauber, den sie ihn wirken sah – eine Schutzrune – wie eigenartig...
Ihre ohnehin angespannte Nerven allein vermochten in all dem einen Sinn zu sehen – und dennoch erschauderte Ginny beim Klang des halb geflüsterten Wortes.
Scheinbar aus dem Nichts erschien ein spitzbogiges Portal inmitten der eben noch kahlen Felswand und gab den Blick auf den dahinterliegenden Gemeinschaftsraum der Slytherins frei.
Erst nach einem Augenblick der Verwirrung bemerkte Ginny, dass Tom offenbar darauf wartete, dass sie zuerst eintrat. Mit solcher Höflichkeit hatte sie sicher nicht gerechnet. Harry hatte gewiss nie eine Tür für sie aufgehalten.
Langsam und ein wenig angespannt trat sie hindurch und Tom folgte ihr. Hinter ihnen verschloss sich der Bogen und verschmolz mit einem leisen, zischenden Geräusch wieder mit der rauen unebenen Felswand ringsumher.
Nervös blickte Ginny sich um und wurde sich darüber bewusst, dass alle anderen Schüler sich zu dieser Zeit im Unterricht befanden. Sie stand nun ganz allein mit Tom Riddle inmitten des Gemeinschaftsraumes von Slytherin.
Und dieser ähnelte in keiner Weise dem der Gryffindors, wie sie feststellte – war er doch viel größer und dunkler und nicht halb so gemütlich. Runde, aus grünlichem Glas gefertigte Lampen, die an einer Art Ketten von der niedrigen Decke herabhingen, spendeten ein gedämpftes und diffuses Licht
Die Wände ringsumher bestanden, wie die Eingangswand, aus rauem, unebenem Fels.
Wie Tom gesagt hatte, gab es einige Lichtschächte, die in die rückseitige Wand hineingestemmt waren, doch vermochten sie nur wenig zur Helligkeit des Raumes beizutragen. Ginny hätte sie vermutlich nicht einmal bemerkt, wenn sie nicht explizit darauf geachtet hätte.
„Was hast du denn jetzt?" fragte Tom hinter ihr und riss sie damit aus ihren Betrachtungen.
Im ersten Moment fuhr ihr erneut ein eisiger Schreck durch die Glieder.
„Was, wieso… ich hab doch gar nichts?" stammelte sie.
Dann aber begriff sie. „Ach so! Oh ähh, lass mal sehen…" erklärte sie hastig und zog ihren Stundenplan hervor. „Geschichte – mit Hufflepuff."
Tom verzog das Gesicht daraufhin zu einem mitfühlenden Lächeln. „Oh. Das ist ein mieser Start, fürchte ich. Der bloße Gedanke an Professor Binns' Unterricht lässt einem praktisch die Augen zufallen. Die halbe Schule ist überzeugt davon, dass er sich früher oder später selbst zu Tode langweilen wird."
Ginny fuhr vor Überraschung herum. „Ach – dann ist er also gar kein Geist?!"
Tom bedachte sie daraufhin wieder mit einem seiner merkwürdigen, eindringlichen Blicke. „N-ei-n," betonte er gedehnt. „Wie kommst du jetzt darauf?"
„Ach , ich dachte bloß… Nichts weiter!" erklärte Ginny rasch.
Tom zuckte daraufhin mehr oder weniger gleichmütig die Achseln. „Naja, ich nehme an, es würde nicht wirklich einen großen Unterschied machen. Aber es ist vermutlich Peeves, von dem du gehört hast. Er ist ein Poltergeist und er 'lebt' wohl nur um uns alle zur Verzweiflung zu bringen. Wie auch immer – du solltest dir den ersten Eindruck unserer schönen Schule nicht derart verleiden – Ich schlage vor, du beeilst dich nicht übermäßig und ersparst dir die 'Geschichte'. Ist eh schon halb gelaufen. Pack nur schon ein paar Sachen aus und richte dich etwas ein. Ich warte solange hier im Gemeinschaftsraum auf dich. Die Schlafräume der Mädchen liegen dort drüben."
Damit deutete er zu einer steinernen Wendeltreppe hinüber. Nun – zumindest das schien ein wenig vertraut.
Ginny zögerte. Der Vorschlag hatte gewiss etwas unbestreitbar Verlockendes.
„Aber – was ist mit deinem eigenen Unterricht, Tom?" fragte sie schließlich. „Kriegst du denn keinen Ärger, wenn du so lange wegbleibst?"
Ein Ausdruck echter, tiefempfundener Überraschung spiegelte sich auf seinem Gesicht und verlieh ihm dabei ein beinahe greifbares und entsetzlich anziehendes Ausmaß an Verletzlichkeit, dass Ginny mehr als alles andere verwirrte. Beinahe als könne er gar nicht glauben, dass jemand bereit sein mochte einen sich bietenden, auch noch so geringen, Vorteil auszuschlagen – allein um – seinetwillen…
Es stimmte Ginny beinahe ein wenig traurig, dass eine so simple und wie es ihr schien, natürliche Überlegung ihn in derartige Verwirrung zu stürzen vermochte.
Dann blinzelte er – so als wolle er den seltsamen, ein wenig sperrigen Gedankengang abschütteln und der eigenartige, beinahe greifbar empfundene Schmerz ging vorüber.
„Ach was, mach dir keine Gedanken," erklärte er dann betont gleichmütig. „Ich habe gerade Verwandlung und es macht mir nichts aus davon etwas zu verpassen. Dumbledore –" er zögerte, bevor er mit einer wie es ihr schien für ihn selbst unerwarteten Offenheit hinzufügte: „Nun-ja, man könnte sagen, er ist nicht unbedingt mein Lieblingslehrer."
„Ach –„ Ginny schenkte ihm daraufhin ein schiefes und durchaus ein wenig ratloses Lächeln. 'Na – das –ist wohl kaum eine Überraschung,' dachte sie.
Ψ
Am oberen Treppenabsatz angekommen, fand Ginny schnell den gesuchten Schlafraum.
So unwahrscheinlich es ihr zuvor auch erschienen sein mochte, Tom hatte mit seiner Aussage über die Fenster tatsächlich recht gehabt.
Direkt gegenüber der Tür reichten drei hohe schmale Nischen tief in die meterdicke Schlossmauer hinein, jede von ihnen groß genug für einen Menschen.
Schön geformte Bleiglasfenster aus smaragdgrünem und licht-gelbem Glas waren darin eingelassen, so dass das hereinflutende Sonnenlicht ein Mosaik aus grün und gelben Lichtflecken auf den cremefarbenen Sandstein von Wänden und Boden zauberte und dem Raum eine beinahe traumartige Atmosphäre und Schönheit verlieh.
Unwillkürlich trat Ginny in eine der Nischen hinein und öffnete das Fenster. Warmes, goldenes Sonnenlicht flutete herein. Ein leichter Wind zerzauste ihr Haar, als sie sich vorbeugte um einen Blick auf die unmittelbare Umgebung zu erhaschen. Dieser Teil des Schlosses war von Wasser umgeben. Schimmernd und glitzernd reflektierte es das Sonnenlicht, gut fünfzig Meter unter ihr.
Spiegelglatt und strahlend erstreckte sich der See zu ihren Füßen – verlor sich in der endlosen Weite der Wiesen, die bis zum Rand des Verbotenen Waldes heranreichten.
Ginny konnte den Wind in den dichten grünen Blättern flüstern hören und es war erst jetzt, da sie endlich begriff, dass es Sommer war.
Das also war ihr derart sonderbar erschienen, als sie eben vor Professor Dippets Büro aus dem Fenster gesehen hatte!
Nun, vielleicht war es tatsächlich ein wenig naiv von ihr gewesen zu glauben, dass sie an exakt dem gleichen Zeitpunkt im Verlauf eines Jahres herauskommen würde – bei einer derartigen Zeitspanne... Sie konnte ohnehin noch gar nicht recht begreifen, wie gut alles bisher tatsächlich geklappt hatte.
Die Reise selbst. Wie problemlos Professor Dippet ihr ihre haarsträubende Geschichte geglaubt hatte. Und Tom. Tom war einfach...
Lächelnd schloss sie die Augen, legte den Kopf weit zurück und hielt so ihr Gesicht der herrlichen Wärme der Sonne entgegen. Der Wind strich leicht wie eine Liebkosung über ihr Gesicht und trug den Geruch von Kräutern, Sonne und Erde heran – den lieblichen Duft des Sommers.
Nochmals sog Ginny tief – ganz tief – die Luft ein und genoss die friedliche Stille des Augenblicks.
Dann schloss sie das Fenster und wandte sich um.
Alles in Allem bot sich ihr ein mehr oder weniger vertrauter Anblick. Fünf große Himmelbetten standen in diesem Raum. Zwei zu ihrer Rechten und drei auf der linken Seite. Jedes von ihnen hatte eine Kommode aus dem gleichen dunklen Holz an der Seite. Allein die schweren Samtvorhang waren – anstelle des vertrauten Scharlachrot von tief smaragdgrüner Farbe. Die Vorhänge an den Fenster Nischen waren aus dem selben Material im Augenblick jedoch weit zu den Seiten gezogen.
Bei vier Betten standen schwere, truhenartige Koffer, ihrem eigenen ähnlich am Fußende. Nur das letze zur Linken, direkt neben ihr war unbenutzt. Hier also würde sie schlafen. Zufrieden endlich angekommen zu sein, schob Ginny ihre Hand tief in die Tasche ihres Umhangs um nach ihrem Gepäck zu suchen.
„Finite incentatem," rief sie beschwingt und mit einer kurzen Bewegung ihres Zauberstabes dehnte sich der große schwere Koffer zu seiner ursprünglichen Größe aus und rumpelte am Fußende ihres Bettes zu Boden.
Mit einem zufriedenen Aufseufzen ließ sich Ginny quer über das Bett zurücksinken. Auspacken würde sie später.
Ψ
Als sie einige Minuten später wieder in den Gemeinschaftsraum hinunter kam, fand sie Tom in einem Sessel beim Kamin in ein Buch vertieft.
Er hatte sie noch nicht bemerkt und für einen Augenblick stand Ginny einfach nur da um ihn anzusehen. Eine Haarsträhne fiel ihm in die Stirn und gedankenverloren schob er diese zurück, ehe er umblätterte. Dann, als habe er ihre Anwesenheit gespürt, blickte er auf.
Ein erfreuter Ausdruck trat in seine Augen. „Sollen wir dann?" fragte er und sie nickte zustimmend.
Sie durchquerten den Torbogen und begannen die unzähligen Treppen aus den Kerkern wieder hinaufzusteigen.
„Was hast du denn als nächstes?" erkundigte sich Tom als sie schließlich die lange Treppe zur Eingangshalle emporstiegen.
„Zauberkunst," erwiderte Ginny mit einem Lächeln. Sie fühlte sie sich noch immer nicht unbedingt entspannt in seiner Gegenwart – doch allmählich wurde es besser.
„Ah, viel besser! Flitwick ist prima," erklärte er.
Dann verlor sich das Gespräch wieder. Sie stiegen eine weitere Treppenflucht hinauf und das Schweigen zwischen ihnen breitete sich aus, wurde unangenehm und anstrengend.
Ginny bemühte sich Tom nicht merken zu lassen, dass sie die Richtung bereits kannte, doch in ihrer Nervosität war es schwierig nicht einfach voranzustürmen.
„Du musst dich später noch bei Professor Futhark vorstellen, vergiss das nicht," bemerkte er dann plötzlich und Ginny wäre vor Überraschung beinahe über die nächsten paar Stufen gestolpert, fing sich jedoch, gerade noch rechtzeitig...
Soviel also dazu, dass sie geglaubt hatte sich allmählich an seine Gegenwart zu gewöhnen...
„Ich sehe ihn so wie so heute Nachmittag, wegen einer Hausarbeit," fuhr Tom nun fort. „Wenn du willst kann ich dir dann den Weg zu seinem Büro zeigen und Euch miteinander bekannt machen."
Ginny blinzelte, denn das Angebot überraschte sie.
"Oh…ähh, ja. Ja! Ähh - ich meine; das wäre nett," stammelte sie sichtlich verwirrt.
„Fein. Dann treffen wir uns um vier. Im Gemeinschaftsraum," erklärte Tom knapp und ohne irgendein Zeichen einer Gefühlsregung. Doch Ginny entschied, dass es wohl ein gutes Zeichen sein musste.
Ψ
Die Tür des Klassenzimmers war schon geschlossen, als sie dort eintrafen und Tom klopfte zunächst dreimal gegen das dunkle Holz, ehe er eintrat.
Ein junges Mädchen mit hellbraunen Zöpfen, das Ginny in eigenartiger Weise bekannt vorkam schrieb gerade einige Anweisungen an die Tafel, blickte sich jedoch um, als sie ins Zimmer traten.
„Professor Flitwick?"
Der Angesprochene wandte ebenfalls den Kopf und hüpfte von seinem Bücherstapel herunter um sie zu begrüßen. Genau wie Dumbledore, sah auch er sehr viel jünger aus, als Ginny ihn in Erinnerung hatte. Sein Haar und Bart waren nicht weiß, sondern von dunkelgrauer Farbe. Er konnte kaum älter als achtzig sein.
„Ah, Mr. Riddle, kann ich etwas für Sie tun?"
Tom trat vor. „Ja, Sir. Ich möchte Ihnen eine neuer Schülerin, vorstellen. Miss Virginia Otis. Sie ist von heute an Mitglied des Hauses Slytherin."
„Viel Glück," raunte er ihr daraufhin halblaut zu und schob sie ins Zimmer.
„Danke," murmelte Ginny hastig, fügte dann jedoch hinzu: „Bis später!"
„Bis später, Ginny." Mit einem letzten, aufmunternden Lächeln schloss er die Tür.
Langsam drehte Ginny sich um, um ihren neuen Mitschülern entgegenzutreten. Alle Augenpaare im Raum waren auf sie gerichtet und sie spürte bereits, wie ihr die Röte langsam vom Hals aus in die Wangen hinaufzukriechen begann und sie war sich sicher, dass man dies auch noch von der letzten Bankreihe aus hervorragend sehen konnte. ‚Elende verräterisch blasse Weasley-Haut – '
Professor Flitwick lächelte freundlich. „Also dann, Miss Otis," forderte er sie auf. „Sie können den Platz neben Miss Mirth nehmen - dort drüben. Am Fenster, sehen Sie?"
Vereinzeltes Flüstern und Gemurmel erhoben sich, als sie das Klassenzimmer durchquerte und zu ihrem Patz hinüberging.
Es war der letzte freie Platz im Raum, neben einer schüchtern dreinblickenden Hufflepuff Schülerin mit glattem dunklem Haar, welches zu zwei lockeren Pferdeschwänzen gebunden war, die ihr nach vorn über die Schulten fielen. Ihr blasses ein wenig rundliches Gesicht wurde zum Teil durch den fransigen Pony verborgen, der bis zu den dicken, runden Brillengläsern heranreichte. Es schien beinahe als wolle sie sich verstecken. Ängstliche braune Augen blickten hinter dicken den Brillengläsern hervor.
Ginny lächelte ihr freundlich zu, doch das Mädchen rutschte nur weiter äußerst unbehaglich auf ihren Platz herum und Ginny fragte sich, was mit ihr los sein mochte. Sah sie denn etwa so furchterregend aus?
Denn aus irgendeinem Grund schien dieses Hufflepuff Mädchen nicht im Mindesten begeistert über ihre neue Banknachbarin zu sein.
'Na, gewöhn dich besser dran. Jetzt wo du in Slytherin bist,' mahnte die kleine Stimme in ihrem Hinterkopf. ‚Tja - das wird's wohl sein.'
Hatte dieses Haus denn niemals einen besseren Ruf gehabt?!
Vielleicht war es jedoch nicht wirklich ein Wunder. Es war sicher keine leichte Zeit. Auch in der Welt der Muggel hatte damals ein Krieg getobt, das hatte ihr Hermione einmal erzählt.
Und in der Zaubererwelt nun-ja... Der eine Schwarze Magier – Grindelwald – war noch nicht besiegt, da fing der nächste bereits an, am Stellenwert des Unterrichts zur Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu zweifeln. Tolle Zeit!
Nun, da durfte man gewiss schon mal ein bisschen vorsichtig sein... Ginny bemühte sich daher um ein aufmunterndes Lächeln.
„Hallo, Ich bin Ginny," erklärte sie freundlich und hielt dem anderen Mädchen die Hand entgegen. „Wie heißt denn du, wenn ich fragen darf?"
Das Mädchen machte den Eindruck als würde sie vor Überraschung gleich aus der Bank fallen. Misstrauisch beäugte sie die dargebotene Hand, ehe sie sich ein Herz fasste diese zu ergreifen.
Ihr Griff war schwach und flüchtig und sie zog die Hand zurück, kaum dass sie Ginny berührt hatte.
„M-myrte," flüsterte sie scheu. „Myrte Mirth."
Und plötzlich wusste Ginny mit wem sie es zu tun hatte! Sie hatte sie nur noch nie zuvor lebendig gesehen.
„Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich mich hierher setze, Myrte," entgegnete Ginny freundlich.
„Oh, nein" Myrte wurde rot und schüttelte beinahe panisch den Kopf. „Es ist nur…" sie zog die Unterlippe zwischen die Zähne und knabberte nervös daran herum. „Bist du wirklich in Slytherin?" platzte sie dann heraus und beäugte das silber grünliche Wappen an Ginnys Schuluniform mit deutlichem Mistrauen.
Ginny, die ihrem Blick gefolgt war, nickte zustimmend. „Tja – es sieht ganz so aus, nicht wahr?" lachte sie, fügte dann jedoch ernsthafter hinzu: „Ja, ich bin in Slytherin. Warum? Sollte ich das nicht sein?"
Myrte zögerte daraufhin, offenbar verlegen und kratzte sich an der Nase. „Na-ja, du – scheinst so nett zu sein... und ich dachte eigentlich..."
„Dass das nicht normal ist, für Slytherins, meinst du?" neckte Ginny ein wenig übermütig.
„I –ich weiß nicht," stammelte Myrte, peinlich berührt.
An dieser Stelle klatschte Professor Flitwick in die Hände. „Keine Zeit zum Plaudern, meine Damen, ich bedaure. Bitte schenken Sie nun wieder mir ihre Aufmerksamkeit!"
Er wandte sich an das Mädchen an der Tafel, das Ginny so bekannt vorkam: „Und Sie – fahren bitte mit ihrer Auflistung fort, Miss Sprout."
Ginny schnappte vor Überraschung nach Luft. Jetzt wurde ihr klar, warum ihr dieses Mädchen so bekannt vorgekommen war! Sie saß also mit Liana Sprout, der späteren Lehrerin für Kräuterkunde und Hauslehrerin Hufflepuffs in einer Klasse. Nun, wenn das nicht seltsam war, so wusste sie auch nicht weiter...
Vorsichtig spähte sie im Klassenzimmer umher, um sich für weitere Überraschungen zu wappnen.
Da waren ein blasses, silberblondes Mädchen, das sie stark an Draco Malfoy erinnerte und ein dunkelhaariger Junge, dessen große Ähnlichkeit mit Snape ihr sofort ins Auge fiel, doch abgesehen davon schien es keine Verbindungen zur Zukunft zu geben.
Ψ
Als die Stunde schließlich endete strömte die Klasse auf den Flur hinaus. Zwei Slytherin Mädchen lösten sich aus dem Gedränge und traten an Ginny heran.
Ein hochgewachsenes, schlankes Mädchen mit glattem, glänzendem Haar und grünen Augen reichte ihr die Hand.
„Olive Hornby –" erklärte sie ohne Umschweife und nickte dann in die Richtung ihrer einen guten Kopf kleineren Mitschülerin hinüber. Dieses Mädchen hatte einen gold-oliv schimmernden Teint, schwarze Augen und dichte, kinnlange, tiefschwarze Locken.
„- und das ist Rabia Aydin."
„Hallo," meldete sich Rabia nun ihrerseits zu Wort und streckte Ginny mit einem herzlichen Lächeln die Hand entgegen. „Virginia, richtig?"
Ginny nickte nur ein wenig verwirrt. Sie war sich so sicher gewesen, dass das malfoyartig aussehende Mädchen ebenfalls in Slytherin sein würde.
Olive, die ihrem Blick offenbar gefolgt war, nickte zustimmend. „Richtig, da sind noch Cathrina Malfoy and Lilith Crabbe, aber die schwelgen vermutlich noch in eingehenden Betrachtungen über Cathrinas Herzallerliebsten; Lucretius Malfoy. Er ist im siebten Jahr," setzte sie auf Ginnys verständnislosen Blick hinzu.
„Malfoy?" fragte Ginny nun sichtlich verwirrt. „Wie? Malfoy?"
„Na, sicher Malfoy. Er ist ihr Cousin. Ihre Väter sind Brüder, also sind sie Malfoys, alle beide. Aber dass sieht man ja auch!"
„Aha-„ bemerkte Ginny wenig geistreich, doch Olive achtete gar nicht auf sie und fuhr bereits fort: „Tja – ulkig nicht wahr? Ich meine, gut, sie wird ihn sowieso heiraten, nach der Schule, ist ja schon seit Ewigkeiten so festgelegt aber jetzt hat er sich mit ihr verabredet – für das nächste Hogsmeade Wochenende und jetzt ist alles aus! Nicht dass wir uns nicht schon vorher genug haben anhören müssen. Tzz, tzz..." an dieser Stelle musste sie Luft holen und verdrehte theatralisch die Augen.
Ginny konnte schon jetzt sagen, dass Olive ganz sicher nicht ihre Freundin werden würde. Zunächst einmal jedoch versuchte sie das eben Gehörte zu verdauen.
„Sie – heiratet also ihren Cousin?" wiederholte sie mit fragendem Unterton.
„Natürlich," bemerkte Olive mit einem gleichmütigen Schulterzucken, „machen die Malfoys doch immer! Wo lebst du denn eigentlich!? Hinter dem Mond?"
Ein blasiertes Schauben. „Ich meine ist ja wohl nichts so schrecklich Ungewöhnliches in den alten Zauberfamilien! Oder? Aber egal - Ich meine arrangierte Ehe schön und gut, aber dass sie einander dermaßen anschwirren ist schon drollig, oder?"
„Anschwirren?" echote Ginny leicht überfordert.
„Na - ‚einander schöne Augen machen'" bemerkte Olive nun offenbar gereizt von Ginnys Begriffsstutzigkeit.
„Hmm," machte Ginny nur und enthielt sich damit einer näheren Antwort.
Offenbar ein wenig enttäuscht über Ginnys mangelnden Enthusiasmus wechselte Olive kurzerhand das Thema.
„Wie ich sehe, hast du die Maulende Myrte ja schon kennen gelernt," höhnte sie und ihr Gesicht nahm dabei einen gemeinen Ausdruck an, der sie trotz ihrer zweifellosen Attraktivität äußerst unsympathisch machte. „Was hattest du denn zu reden, mit der?"
„Wir haben uns miteinander bekannt gemacht," erklärte Ginny schlicht. „Wieso?"
„Na, weil sie eine verklemmte, hässliche kleine Brillenschlange ist!"
„Psst, Olive," zischte Rabia warnend und mit sichtlichem Unbehagen, „sie hört dich doch!"
„Und wenn schon?" schnaubte Olive mit unverhohlener Arroganz, „Man wird ja wohl noch ein bischen Spaß haben dürfen..."
„Spaß kannst du haben, soviel du willst – aber nicht auf Kosten anderer! Das – finde ich nämlich überhaupt nicht lustig," bemerkte Ginny kühl.
Olive riss in gespieltem Erstaunen die Augen auf. „Was du nicht sagst!"
„Ich mag so etwas nicht," stellte Ginny mit Nachdruck fest. „Es ist kein Spaß, jemanden zu quälen, der sich nicht einmal traut sich zu wehren."
„Wenn sie sich nicht wehrt, hat sie auch nichts Besseres verdient," widersprach Olive gleichgültig.
„Ich glaube nicht, das mir deine Einstellung gefällt," bemerkte Ginny mit eisiger Verachtung. „Du solltest dich selbst mal reden hören..."
„Tu ich!" schnappte Olive zurück, „Ich bin ja nicht taub!"
Ginny blieb angesichts von soviel Unverschämtheit der Mund offen stehen.
„Erzähl mir bloß nicht, dass du langweilige, pummelige kleine Heulsusen magst? Willst die Welt retten, was?! Bist du sicher, dass du nicht eher ins Gute-gute-Gryffindor gehörst – mit so einer Einstellung!?" zischte Olive bissig.
„Ja. Ganz sicher," erklärte Ginny nun ihrerseits hitzig und tastete bereits nach ihrem Zauberstab. „Glaubst du's so, oder soll ich's dir beweisen!?"
„Aber, aber, Mädchen – so geht das doch nicht! Was für ein unwürdiger Auftritt!" mischte sich eine melodische Stimme in ihr Gespräch. Cathrina Malfoy hatte sich zu ihnen gesellt, ein blasses, mausgesichtiges Mädchen mit rötlich blondem Haar auf den Fersen.
„Rabia, lauf nur los um die Maulende Myrte zu trösten, wenn du dir solche Sorgen um sie machst."
Die Angesprochene grinste zwar ein wenig verlegen, doch Ginny bemerkte, dass sie dem traurig dahinschurfenden Hufflepuff Mädchen einen bedauernden Blick zuwarf, ehe diese aus ihrem Blickfeld verschwand.
Das Mädchen mit dem malfoyartigen Aussehen betrachtete Olive mit einem Ausdruck sichtlichen Missfallens.
„Und du, Olive Hornby, solltest vorsichtiger sein! Wenn du dich schon nicht darum scherst, was die Leute über dein persönliches Benehmen denken, so solltest du dir zumindest klar machen, welchen potenziellen Schaden du dem Hause Slytherin damit zufügst. Wir haben einen Ruf zu verlieren. Es ist wichtig dass wir uns auf unsere Tugenden besinnen – ganz besonders dieser Tage – und ein derart schlechtes Benehmen richtet weit größeren Schaden an als dir vielleicht bewusst sein mag."
„Warum sollte ich denn höflich zu einer blöden Kuh wie ihr sein? Nicht mal ihre eigenen Hausmitglieder mögen sie," schmollte Olive.
„Du brauchst sie nicht zu - mögen," belehrte Cathrina sie eisig, „darum geht es hier nicht!"
Rabia verdrehte in gespielter Verzweiflung die Augen in Ginnys Richtung. „Das ist Cathrina," flüsterte sie, „sie mag ein bisschen herrisch und überheblich rüberkommen, ist aber an und für sich ganz nett."
Sie grinste wieder. „Die andere ist Lilith Crabbe, ihr fortwährender Schatten. Sie sagt nicht viel und ich weiß noch immer nicht so recht, was ich von ihr halten soll."
In eben diesem Moment wandte ihnen Cathrina ihre Aufmerksamkeit zu. Sie Lächelte anmutig und entblößte dabei eine Reihe perfekt geformter, perlweißer Zähne.
„Du bist also neu in Hogwarts?"
„Ähh ja. Ich bin Ginny W-eww- Otis," stammelte sie. Wenn sie sich nicht über alle Maßen irrte, dann war das hier Dracos Oma.
„Willkommen in Slytherin, Ginny."
Ginny ergriff die dargebotene Hand der bleichen Schönheit. „Ich danke dir, Cathrina."
„Erfreut dich kennenzulernen, Ginny." Cathrina nickte ihr aufmunternd zu.
„Doch nun meine Lieben sollten wir uns sputen." Ohne eine Antwort abzuwarten machte sie auf dem Absatz kehrt und schritt davon. Lilith und Olive folgten ihr, kommentarlos.
Rabia grinste und zwinkerte Ginny zu. „Verstehst du jetzt, was ich meine? Sie ist so – die ganze Zeit… Aber man gewöhnt sich dran und sie kann auch ganz nett sein – irgendwie."
Ginny war der Ansicht, dass sie sich überaus glücklich schätzen konnte, Rabia in ihrem Haus zu wissen. Sie erschien ihr wirklich nett zu sein. Die anderen Mädchen waren doch recht arrogant und – nun-ja – bestenfalls ein wenig schrullig.
„Jetzt aber los!" drängte Rabia nun. „Ich zeig dir eine Abkürzung zum Zaubertrank Klassenraum, komm! Er liegt in der Nähe des Eingangs zu unserem Gemeinschaftsraum. Da fällt mir ein – kennst du eigentlich schon das Passwort?"
„Ja sicher," gab Ginny zur Antwort, „Tom hat es mir gesagt."
Rabia machte daraufhin große Augen. „Tom Riddle?" fragte sie.
„Ja, genau." Ginny nickte zustimmend. „Er hat mich im Büro des Schulleiters abgeholt und mir den Weg zum Gemeinschaftsraum gezeigt, so dass ich mein Gepäck herunterbringen konnte. Erst danach sind wir hergekommen."
„Na das lass mal besser nicht Olive hören," kicherte Rabia.
„Wieso das jetzt?" fragte Ginny ein wenig beunruhigt. „Geht sie etwa mit ihm, oder so was?"
„Gehen?" wiederholte Rabia sichtlich verwirrt. Für einen Augenblick sah sie Ginny fragend an, dann aber erhellten sich ihre Gesichtszüge. „Ach, du meinst Ausgehen?!"
Ginny konnte nur nicken. 'Na das wäre großartig,' dachte sie mit wachsender Frustration. ‚Was für eine Freude – all die Jahre durch die Zeit gereist zu sein – nur um herauszufinden, dass er eine Freundin hatte...'
Rabias nächste Worte jedoch zerstreuten ihre Beunruhigung. „Ach was! Nein, aber…" sie grinste, „Aber sie wäre sicher nicht abgeneigt, wenn du mich fragst."
„Ohh-" Ginny seufzte erleichtert.
Rabia jedenfalls schien das nicht zu entgehen. „Er ist ganz schön süß, was?" neckte sie mit einem spitzbübischen Zwinkern.
„Süß?" wiederholte Ginny mit nachdenklichem Unterton, denn das war nun nicht gerade der erste Begriff der ihr zur Beschreibung Tom Riddels in den Sinn gekommen wäre.
Rabia, die ihr Zögern offenbar für ein weiteres Verständigungsproblem hielt, bemühte sich um eine bessere Umschreibung.
„Ich meine; du findest ihn irgendwie – nett – stimmt's?"
„Ja," bestätigte Ginny noch immer sehr nachdenklich, „ja, er ist nett."
Rabia kicherte wieder, sagte aber zunächst nichts weiter dazu und Ginny hoffte sich nicht allzu sehr in die Nesseln geritten zu haben.
Sie bogen um eine Ecke, schlüpften in einen Geheimgang, von dem Ginny angenommen hatte, das Fred und George ihn überhaupt erst entdeckt hatten und erreichten auf diese Weise den Zaubertrank Klassenraum sogar noch vor den anderen Mädchen.
„Du, Ginny," begann Rabia und Ginny beeilte sich ihrerseits eine Frage zu stellen um einer möglichen Fortführung der zuvor geführten Diskussion zu entkommen und weiteren Peinlichkeiten vorzubeugen. „Wer unterrichtet denn eigentlich Zaubertränke?"
„Professor O'Malley," gab Rabia bereitwillig Auskunft.
„Und ist er – äh, ist er – streng?" forschte Ginny, die an den Zaubertranklehrer ihrer eigenen Zeit dachte, vorsichtig weiter.
„Ach was -" lachte das andere Mädchen nun ganz offen. „Der doch nicht! Das ist ein ganz Lieber! Wirklich, überhaupt kein Problem, wirst du schon sehen. Er ist außerdem der Hauslehrer von Ravenclaw. Aber da er schon so alt ist, erzählt man sich, er werde am Ende des Schuljahres in den Ruhestand gehen. Flitwick soll angeblich sein Nachfolger werden. Als Oberhaupt von Ravenclaw meine ich," fügte sich kichernd hinzu, „nicht als Tränkemeister."
„Ach wirklich?" bemerkte Ginny im Plauderton, „wie interessant."
„Wo wir gerade von Zaubertränken reden," begann Rabia ein wenig zögerlich. „Wir arbeiten meistens zu zweit. Die Jungs hast du noch nicht getroffen, oder?"
Ginny schüttelte den Kopf. „Nein, hab ich nicht. Was ist denn mit denen?"
„Ach, die sind alle ganz nett, ehrlich – aber, naja es sind sechs von ihnen, daher arbeiten sie alle miteinander. Und Cathrina steckt natürlich wie immer mit Lilith zusammen, was bedeutet... das ich für gewöhnlich die liebe Olive am Hals habe..."
An dieser Stelle machte sie eine theatralische Pause, bevor sie fortfuhr: „Ja ich weiß. Aber ich trag's mit Fassung."
Ernsthafter fügte sie hinzu: „Aber ich fürchte, du wirst dich mit einem der Gryffindors zusammentun müssen."
„Nun – das sollte doch eigentlich kein Problem sein, oder?" bemerkte Ginny mit einem Schulterzucken.
Doch Rabia schüttelte nur den Kopf. „Naja – du kennst eben die Gryffindors noch nicht," erklärte sie mitfühlend.
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A/N: Ich hoffe, es hat euch gefallen.
ALGIZ ist die fünfzehnte Rune des alten Futhark, mit dem Lautwert z, eine Schutzrune, wie zuvor in der Geschichte beschrieben. Zur Unterteilung der Absätze habe ich auch diesmal wieder ein Zeichen ausgewählt, welches ihrer tatsächlichen Erscheinungsform möglichst nahe kommt.
Zwei Dinge liegen mir am Herzen!
Erstens: Mir ist bewusst, dass manche Runen in der Zeit des Nationalsozialismus stark verfremdet und zu Propagandazwecken missbraucht wurden und von daher bis heute einen fragwürdigen und negativen Beigeschmack haben.
Von einer derartigen Deutung möchte ich mich an dieser Stelle jedoch ausdrücklich und mit Nachdruck distanzieren. Ich beabsichtige alle Runen ausschließlich im Kontext ihrer ursprünglichen Bedeutung zu verwenden und möchte sie im diesem Sinne interpretiert zu wissen. Nichts sonst.
Dies von vornherein klarzustellen war mir wichtig.
Und Zweitens: Da ich diese Geschichte zu einem Zeitpunkt begonnen habe, als Band Fünf noch nicht erschienen war, müssen einige Dinge im Nachhinein ganz klar als AU bezeichnet werden. Es ist aber einfach so, dass sich manche von ihnen so fest in meiner Vorstellung verankert haben, dass ich sie gern beibehalten möchte.
So bleibt also mein: Abraxis ein Lucretius, Slughorn ein O'Malley, Myrte in Hufflepuff, Professor Sprouts Vorname Liana, Mrs. Cole eine Miss Summerville, Nagini kein Maledictus, Dumbledore am Leben und Snape kein Halbblutprinz.
Ich hoffe, Ihr verzeiht mir das. Ich hab mich so daran gewöhnt – ich kann einfach nicht anders. ;)
Vereinzelt, wenn es der Grundidee meiner Geschichte nicht hinderlich ist und sich für mich nicht zu sperrig anfühlt oder die Geschichte sogar bereichert, werde ich die Geschehnisse ein wenig adaptieren und der tatsächlichen Entwicklung anpassen.
Dabei hätten mir auch Slughorn und sein illustres Klübchen gar nicht mal so schlecht in den Kram gepasst. Doch ich habe mich entschieden – Professor Futhark zu behalten. : )
Serpentina
