Das Rätsel von Hogwarts
Kapitel 4 -OTHILIA-
.
Sobald Ginny in die wohlbekannte, dämmrige Atmosphäre des Zaubertrankraumes eintauchte, wandte sie sich automatisch nach rechts, um zu ihrem vertrauten Platz hinüberzugehen. Rabia jedoch zog sie am Ärmel.
"Hey, warte! Das ist die falsche Seite," warnte sie mit einem bedauernden kleinen Lächeln. "Wir sitzen hier drüben, komm."
"Was ist denn los?" fragte sie dann, sichtlich verwirrt, als Ginny nicht gleich reagierte sondern schlicht und ergreifend dastand und die beiden identisch aussehenden Jungen mit dem feuerroten Haar und einer gleichgroßen Menge an Sommersprossen mit offenem Mund anstarrte.
Der Anblick nahm Ginny dermaßen gefangen, dass sie gar nicht wegsehen konnte. Diese Zwillinge mussten einfach mit ihr verwandt sein! Und nicht nur das! Wenn sie sich nicht über alle Maßen täuschte, dann waren dies Großonkel Jonathans jüngere Brüder – die Zwillinge – was bedeutete, dass einer der beiden... Nun, dass –
Sie schluckte.
Es bedeutete, dass einer von ihnen ihr eigener Großvater war – Frederic – was für eine bizarre Vorstellung – und der andere, ihr Großonkel Gregory, welcher nie geheiratet hatte und dessen Traurigkeit ihn Zeit seines Lebens wie ein Schatten begleitet und gleichsam eingehüllt hatte.
Im Augenblick jedoch, erschien ihr keiner der beiden sonderlich bedrückt zu sein. Diese Zwillinge sahen allerdings nicht aus wie Fred und George. Stattdessen ähnelten sie Ron in erstaunlichem Maße.
"Das sind die Weasley Zwillinge", teilte ihr Rabia nur im Flüsterton mit und zog Ginny rasch auf die Seite der Slytherins. "Sie bedeuten jede Menge Ärger – glaub mir. Niemand ist sicher vor ihren Späßen – sind natürlich in Gryffindor – wie die ganze Bande. Zu schade!"
An dieser Stelle verfinsterte sich Ginnys Gesicht. Rabia mochte wirklich nett zu ihr sein und schien ihr auch sonst bisher ganz vernünftig, doch gab ihr das gewiss nicht das Recht Ginnys Familie zu beleidigen. Natürlich – so musste sie einräumen – konnte Rabia wohl kaum etwas über die tatsächliche Verwandtschaftsbeziehung wissen. Dennoch – die vertraute buchstäblich ‚an den feuerroten Haaren herbeigezogene' Stichelei – wie sie von Draco Malfoy und seiner Bande von Brüllaffen seit je her praktiziert wurde – griff auch jetzt und tat somit ihre Wirkung. Ginny fühlte sich persönlich beleidigt.
Doch während sie noch darüber nachdachte, wie sie damit umgehen sollte, fügte Rabia bereits hinzu: "Nicht, dass sie nicht irgendwie süß wären. Besonders Greg!" An dieser Stelle lachte sie und blinzelte Ginny verschwörerisch zu. "Aber du solltest dich unbedingt vorsehen, wenn sie in der Nähe sind. Glaub mir."
Dann jedoch war es an ihr, ihre neue Mitschülerin offen anzustarren und ihre vor Erstaunen geweiteten Augen zwischen den Weasley-Zwillingen und Ginny hin und herwandern zu lassen.
"Ach du meine Güte!", stammelte sie, "bist du sicher, dass ihr nicht verwandt seid? Irgendwie? Ich meine: Ihr könntet praktisch Cousins sein – nach eurem Aussehen zu urteilen – wenn nicht gar Geschwister! Das ist ja total verrückt!"
Nicht nur Rabia schien dies aufgefallen zu sein. Auch die Zwillinge starrten nun Ginny an und ein identischer Ausdruck der Überraschung und Verwirrung lag in ihren Augen.
Als Ginny schließlich in der Bankreihe hinter Rabia und Olive Platz nahm, drehte sich Letztere mit höhnisch, überheblichem Blick zu ihr herum.
"Wie gesagt, Rotschopf: Bist du ganz sicher, dass du nach Slytherin gehörst?" spottete sie mit einem bedeutungsvollen Blick in Richtung der Zwillinge.
In eben diesem Moment jedoch betrat Professor O'Malley das Klassenzimmer und ersparte es Ginny somit sich eine Antwort abringen zu müssen.
Er war ein sehr alter, freundlich aussehender Zauberer, mit einem riesigen weißen Schnauzbart, welcher – im Vergleich zu dem ansonsten kahlen Kopf – besonders ins Auge fiel und in seltsam wohlwollender Art und Weise an ein Walross erinnerte. Seine runzeligen Wangen waren leicht gerötet und freundliche braune Augen funkelten ihr durch die Gläser seiner Nickelbrille entgegen. Es hätte kaum einen größeren Kontrast zu dem Tränkemeister ihrer eigenen Zeit geben können. Er war ihr auf Anhieb sympathisch.
"Ah- was sehe ich denn da? Haben wir da etwa eine weitere Weasley in unserer Mitte?" fragte er und das Lächeln gefror auf ihren Lippen.
Olive quittierte diese Äußerung mit einem weiteren abfälligen Schnauben, das Ginny erneut die Zornesröte in die Wangen trieb. Verdammt! Warum nur hatte sie nicht früher daran gedacht!?
"Nein, Sir!", erklärte sie mit fester Stimme. "Ich bin Virginia Otis."
"Oh." Professor O'Malley räusperte sich geräuschvoll. Dann fiel sein Blick auf das Slytherin-Wappen an ihrer Schuluniform.
"Nun denn – wie dem auch sei… Herzlich willkommen in Hogwarts, Miss Otis! Welch glückliche Fügung. Nun sind wir tatsächlich eine gerade Anzahl. Sie tun sich am besten mit Miss McGonagall zusammen – der dunkelhaarigen jungen Dame dort drüben – sehen Sie?"
Bei dem kleinen Laut der Überraschung der sich von Ginnys Lippen löste glitt ein Schatten über sein Gesicht.
"Ja – sie ist eine Gryffindor Schülerin. Aber das sollte doch gewiss kein Problem darstellen, nicht wahr?"
Jedes Augenpaar im Raum war nun auf Ginny gerichtet. Sie spürte es förmlich. Die Slytherins beobachteten sie interessiert und nicht ohne eine gewisse Belustigung, während die Gryffindors sie nun – ob der vermeintlichen Unverschämtheit – mit offener Feindseligkeit anstarrten. Na toll!
Ginny wusste nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen sollte und röter konnte sie nun wahrlich auch nicht mehr werden.
"Aber nein! Natürlich nicht," beteuerte sie hastig und wechselte eilig und mit hochrotem Kopf in die angewiesen Sitzreihe hinüber.
Minerva McGonagall blickte ihr voller Ablehnung und Misstrauen entgegen. Wie alle anderen hatte auch sie Ginnys Reaktion als Ablehnung gedeutet, welche nur der uralten Feindschaft zwischen Slytherins und Gryffindors geschuldet sein konnte.
Doch keiner hier konnte schließlich ahnen, dass Ginny vielmehr von der Aussicht neben ihrer späteren Konrektorin und Hauslehrerin Gryffindors im Unterricht zu sitzen herrührte. Demzufolge fiel auch Minervas Begrüßung mehr als frostig aus.
Unwillig rutschte sie zur Seite, damit Ginny in der Bank neben ihr Platz nehmen konnte. Sogar im Alter von nur 14 Jahren vermochte sie ihr Gegenüber bereits mit einem Blick zu fixieren, der dazu angetan war, Zweifel und Unbehagen zu schüren und einen praktisch dazu brachte alles zu bereuen, was man – möglicherweise – jemals falsch gemacht haben mochte.
Entschlossen, sich davon nicht unterkriegen zu lassen, nahm Ginny all ihren Mut zusammen das andere Mädchen trotz ihrer unmissverständlichen Ablehnung anzusprechen.
"Ich bin Virginia Otis," begann sie, doch Minerva McGonagall blickte daraufhin nicht im mindesten freundlicher drein.
"Hast du schon gesagt – ja," bemerkte sie kühl und presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen.
"Ich bin Minerva McGonagall," erklärte sie dann brüsk und ein wenig schnippisch, "und ich habe mir diese Sitzordnung ganz sicher auch nicht ausgesucht. Ich bin bisher sehr gut alleine mit dem Brauen meiner Tränke zurechtgekommen und ich kann dir nur raten mich nicht dabei zu stören."
Damit wandte sie sich ab und richtete ihre Aufmerksamkeit demonstrativ und ausschließlich dem Lehrerpult zu, wo Professor O'Malley dazu über gegangen war die heutige Stunde vorzubereiten. Ginny schien förmlich Luft für sie zu sein.
Kein guter Start – ohne Frage. In Ginny jedoch begann es abermals zu brodeln. Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen als sie ihre neue Banknachbarin betrachtete.
'Zukünftiges Hausoberhaupt oder nicht – mal ganz ehrlich – hatte das Mädel einen Knall?!' Das durfte ja wohl nicht wahr sein! Wie konnte sie es wagen sie so von oben herab zu behandeln, ohne auch nur das Geringste über sie zu wissen?!
Wieder hatte Ginny damit zu tun, ein Aufwallen ihres hitzigen Temperaments niederzuringen, bevor es die Dinge weiter zu verkomplizieren drohte.
Doch es gab eine Menge von Dingen, die Ginny nur liebend gern dazu gesagt hätte – eine Reihe äußerst fragwürdiger Tiernamen, eingeschlossen.
"Eingebildete Zicke," murmelte sie schließlich verhalten, "kein Wunder, dass du eine Katze bist."
"Was?!" McGonagall's Kopf ruckte zu ihr herum. Die Augen vor Überraschung geweitet. Das hatte sie gehört – keine Frage. Und irgendwie – schien sie beunruhigt. Wie überaus interessant...
"Ach – nichts weiter," bemerkte Ginny beiläufig, bevor sie sich mit einem betont liebenswürdigen kleinen Lächeln abwandte um ihre Aufmerksamkeit nun voll und ganz auf den Unterricht zu richten. Minerva McGonagall schien das nur recht zu sein. Oder sie war ganz einfach zu verblüfft um eine schlagkräftige Antwort zu finden – für den Rest der Stunde sprachen sie jedenfalls kein Wort mehr miteinander.
Λ
X
Gedankenverloren spielte Tom Riddle mit der perlgrauen Schreibfeder auf der Tischplatte, fokussierte sie, bis er die weiche beinahe daunenzarte, samtige Beschaffenheit ihrer Oberfläche schon beinahe gegen die Wölbung seiner Handfläche zu spüren glaubte und seine Fingerspitzen den kontrastreichen Saum der schafkantigen Kontur ihrer Ränder entlangzufahren schienen.
Dann erst ließ er sie – einem Besen gleich – von dem Stoß Pergament seiner Hand entgegenschweben.
Nur einen Augenblick bevor sie ihn tatsächlich berührte, streckte er die Finger und ließ sie – noch immer schwebend – von der Wölbung seiner Handfläche zurückweichen.
Kurz bevor sie auf das Pergament hinabsank, beugte er die Finger jedoch wieder, so dass die kleine Feder nun – einem Jo-Jo gleich – unter dem Wirken seiner Magie zu tanzen begann.
Es beruhigte ihn – irgendwie. Schon immer. Es war eine Form der zauberstablosen Magie, die er seit seiner Kindheit praktiziert hatte und welche ihm nun bereits soweit in Fleisch und Blut übergegangen war, dass er dabei Professor Binns' endlosen, ermüdenden Ausführungen mit einem Minimum an Interesse zu folgen vermochte, auch wenn er sich dabei von der eintönig vorgetragenen Litanei an Fakten und Daten doch allenfalls berieseln lies.
Er seufzte. Es war grundsätzlich schwer, diesem Unterricht mit Interesse zu folgen… Heute allerdings –
Zum wiederholten Male glitten seine Gedanken zu dem rothaarigen Mädchen hinüber, das er eben in ihren Zauberkunstunterricht begeleitet hatte und welches, nun vermutlich gerade drei Stockwerke unter ihm irgend einen Zaubertrank zusammenbraute, sofern er sich ihren Stundenplan anhand des flüchtigen Blickes, den er darauf erhascht hatte richtig eingeprägt hatte….
Ginny… Schon der Name allein schien ein Lächeln zu beinhalten. Welch anziehenden, freundlichen Klang er hatte…
Ginny… so fesselnd und bezaubernd… ein so schöner Name für ein noch schöneres Mädchen…
Ginny… war... sie war...
Er schluckte, bei der Erkenntnis, welchen Zauber der bloße Gedanke an ihr flammend rotes Haar in ihm erweckte…
Es war… gänzlich unpassend und geradezu lächerlich und doch klopfte sein Herz in stiller Freude bei dem Gedanken daran, dass er sie schon an diesem Nachmittag wieder sehen würde, wenn er sie, wie er angeboten hatte, zu Professor Furthaks Büro begleiten würde. Er wusste selbst nicht sicher, warum er das überhaupt getan hatte.
Es war… eigenartig, befremdlich und in höchstem Maße untypisch für ihn, denn er hatte doch wohl wahrlich Wichtigeres zu tun, als sich über irgendein Mädchen – so hübsch sie auch sein mochte – den Kopf zu zerbrechen...
Dennoch, der Name Ginny hatte einen wirklich schönen Klang, wie er befand und formte ein Lächeln auf seinen Lippen, ob er es nun wollte, oder nicht … Und… sie gefiel ihm – daran bestand überhaupt kein Zweifel…
Er seufzte… und hätte sich im nächsten Augenblick dafür verfluchen können – Wie dämlich konnte man sein?!
Irritiert und mit sichtlichem Unwillen, bemerkte Tom, dass ihn Rosier, zu seiner Linken, ob seines seltsamen Verhaltens bereits verwundert musterte.
Und erst da wurde ihm klar, dass das seltsame und unverständliche Lächeln, tatsächlich und gänzlich real über sein Gesicht gehuscht sein musste und wohl noch immer darauf 'herumlag'.
Na großartig!
Verdammter Geschichtsunterricht! Dummer, vertrottelter alter Professor Binns! In einer anderen Stunde wäre ihm dergleichen wohl nicht passiert. Hier jedoch – viel zu sehr hatte er seinen Gedanken nachgehangen und dabei ganz vergessen, das er nicht allein war!
Dabei war es ihm ganz und gar nicht recht, dass etwas derartiges bei ihm beobachtet werden mochte, da es nur zu Gerüchten und Spekulationen Anlass geben und womöglich plumpe, gänzlich unangemessene Nachfragen mit sich bringen mochte… So etwas wollte er nicht und er würde es nicht zulassen – Niemals…
Er war ohnehin so viel lieber allein, war er doch einfach daran gewöhnt. Denn es war schon immer so gewesen, hatte Sicherheit bedeutet und immer schon mit sich gebracht – immer schon. Solange er denken konnte…
Die Kinder im Waisenhaus hatten ganz gewiss nicht seine Gesellschaft gesucht. Zu viele seltsame, unerklärliche Dinge waren ihm und anderen in seiner Nähe widerfahren, insbesondere, wenn ihn etwas aufgewühlt oder schlichtweg bekümmert hatte. Anfangs hatte ihm das eine Höllenangst bereitet und so war das nächste Unheil gradezu vorprogrammiert gewesen – eine neue Welle von Emotionen hatte einen weiteren Ausbruch unbewusster, unkontrollierter Magie zur Folge gehabt, welche in einer weiteren Kaskade unliebsamer, unbegreiflicher Ereignisse gegipfelt war, die zu erklären ihm schlicht und ergreifend nicht möglich gewesen war und die ihm – und allen augenscheinlich daran Beteiligten – Strafe, Arrest oder schlichtweg Schläge eingebracht hatte. Der erste hölzerne Stab mit dem seine Handflächen Bekanntschaft gemacht hatten war kein Zauberstab, sondern ein Rohrstock gewesen…
Doch es war wieder geschehen. Immer wieder. All diese beinahe greifbar empfundene Magie, die er noch nicht einmal zu fassen und als solche zu erkennen vermochte – diese Andersartigkeit – hatten ihn aufs Tiefste geängstigt und verstört. Immer wieder war ihm all dies mehr oder weniger buchstäblich zum Verhängnis geworden und so hatte er schon sehr früh und sehr gründlich gelernt, dass Emotionen bestenfalls Schwierigkeiten mit sich brachten und dass allein das Alleinsein und die damit verbundene Distanz eine gewisse Sicherheit bedeuteten.
Nur dies brachte eine gewisse Ruhe und Stabilität mit sich, doch gefürchtet hatte er sich noch immer – ganz besonders vor den Stimmen, die niemand sonst zu hören vermochte und ob derer er mehr als einmal verlacht oder getadelt worden war.
Und so hatte er die als Strafe gedachte Isolation eines eigenen Schlafraumes nicht als solche empfunden sondern vielmehr als Privileg.
Anderes geschah. Dinge, die er brauchte, oder ganz einfach begehrte, begannen auf unerklärliche Weise zwischen seinen Sachen aufzutauchen, was ihm wiederum Tadel und Strafe einbrachte, weitere Schläge und ausgesetzte Mahlzeiten, bis er lernte, diese Dinge besser zu verbergen, so sie denn auftauchten – und mehr noch. Er lernte sie bewusst herbei rufen – mit der bloßen Kraft seines Willens – in einem Moment, da er sicher sein konnte sie geschickt verbergen zu können, dort wo niemand sie suchen mochte. Und es gelang. Er wurde gut und immer besser darin.
Unter diesen Sachen war auch jenes Jo-Jo gewesen, mit dem er die besagte Bewegung viele Male geübt hatte, bis es ihm schließlich auch ohne den Faden gehorchte. Und mehr noch. Er stellte fest, dass das, was mit dem Jo-Jo gelungen war sich auch auf anderes übertragen lies und so konnte er bald auch andere Dinge bewegen ohne sie direkt zu berühren und damit die, die ihm wehgetan hatten oder es wollten, auf andere Weise treffen ohne damit in Verbindung gebracht zu werden.
Eine wirkliche Kontrolle über seine magischen Fähigkeiten hatte er jedoch erst viel später erlangt. Den Durchbruch hatte dabei vielleicht jener Tag gebracht an dem er, wie schon so oft zuvor, wieder jene seltsamen Stimmen aus dem Unkrautsaum am Flussufer gehört hatte, die von Bedrohung, Jagd, Tod und Beute flüsterten und ihn in den vergangenen Jahren mehr als alles andere geängstigt hatten. An jenem Tag jedoch – ohnehin verärgert und aufgewühlt von einer weiteren unliebsamen Konfrontation mit Miss Summerville, welche ihm die besagte Strafe des Unkrautjätens überhaupt erst eingebracht hatte – hatte er sich nicht furchtsam zusammengekauert, sondern war ihnen entgegen getreten als sie ihm von Tod und Verderben flüsterten.
"Wagt esss nicht mich zu beisssen!" hatte er übellaunig und gleichsam drohend gezischt und die kleine blanke Schlange war mit schreckgeweiteten Augen in ihrer Bewegung erstarrt. "Verzeihung…" hatte sie gelispelt und war dann ohne ein weiteres Wort in das dichte Gras des Ufersaums geglitten.
Er hatte nicht davon gesprochen. Zu niemandem. Doch von diesem Tag an hatte er keine Angst mehr vor den Stimmen gehabt – auch nicht wenn er sie in einer Sommernacht unter seinem gekippten Fenster flüstern und wispern hörte.
Dann, an seinem elften Geburtstag, als er – selbst in einer heileren Welt – schon zu alt gewesen wäre um an das Erscheinen eines verspäteten Weihnachtsmannes zu glauben, hatte Dumbledore ihn aufgesucht und ihm eine Erklärung für all das Seltsame und Unerklärliche geliefert, das ihm bisher wiederfahren war.
Er war also ein Zauberer.
So einfach war das!
Kein Wort über die Verzweiflung all jener trostloser Stunden seines Lebens die diese Tatsache bisher für ihn bedeutet haben mochte – kein Verständnis.
Beinahe hätte er gelacht. Doch in seiner ersten, bodenlosen Erleichterung, endlich einen Sinn in dem elenden Wirrwarr seines bisherigen Lebens zu finden, war Tom in uncharakteristischer Weise mit Informationen geradezu herausgesprudelt.
*'Ich kann Dinge bewegen, ohne sie zu berühren. Ich kann Tiere dazu bringen, zu tun, was ich will, ohne sie zu dressieren. Ich kann dafür sorgen, dass Leuten, die gemein zu mir sind schlimme Dinge geschehen. Ich kann ihnen Schmerz zufügen,'* 1) hatte er erklärt, doch Dumbledore hatte ihn keiner klaren Antwort gewürdigt.
Verzweifelt auch diesen einzigen Halt zu verlieren, hatte er auch seine letzte, seltsamste Gabe preisgegeben: *'Ich kann auch mit Schlangen reden. Sie finden mich. Flüstern mir zu. Ist das normal für jemanden wie mich?'* 2) hatte er noch hinzugefügt, doch Dumbledore hatte lediglich auf der Türschwelle innegehalten, war jedoch nicht darauf eingegangen und hatte alle Hoffnung und Zuversicht, die er in ihm geschürt hatte mit sich genommen.
Hogwarts also.
Da er im Dezember geboren war, hatte es noch beinahe ein ganzes Jahr gedauert, ehe Tom schließlich – endlich – hatte gehen dürfen.
Doch auch hier, in Hogwarts war es zunächst nicht viel besser geworden. Naiv genug zu glauben nun endlich dazuzugehören, war er abermals auf nichts als Widerstand und Ablehnung gestoßen.
Doch diesmal hatte er schneller und besser damit umgehen können. Wieder war er allein gewesen – obgleich er doch so verzweifelt darauf gehofft hatte endlich einer Gemeinschaft anzugehören, nun, da er nicht länger als seltsam gelten mochte. Doch wieder war er enttäuscht worden. Er war wohl tatsächlich seltsam.
Und er musste damit leben, wie es schien…
Die Mitglieder der anderen Häuser legten von vornherein die jedem Slytherin gegenüber übliche Distanz an den Tag, was ihn jedoch nicht sonderlich gestört hatte.
Anders die Sicht seiner eigenen Hausmitglieder. In den Augen der Slytherins war er abermals seltsam und unwillkommen gewesen. Einzig, da er keinen Namen besaß, auf den er hätte zurückblicken können. Keine Wurzeln, wie es schien. Das er bei den Muggeln gelebt hatte, war ihnen als geradezu skandalös erschienen. Dies hatte ihn getroffen. Nicht, dass er sich dies hätte anmerken lassen. Aber, dennoch…
Mochte er auch nach außen hin Gleichmut und Unbekümmertheit ob seiner Herkunft an den Tag gelegt haben, so hatte ihm die Ungewissheit darüber selbst keine Ruhe gelassen.
Einem Stachel gleich hatte sie ihn von Anfang an gequält, und gleichsam angetrieben, mehr über seine Familie in Erfahrung zu bringen. Und so hatte er bereits in seinem ersten Jahr hier angefangen, Informationen zusammenzutragen und nach ebenjenen Wurzeln zu suchen, die hier so überaus wertgeschätzt wurden, um ihnen allen und nicht zuletzt sich selbst zu beweisen, dass er durchaus ein ebenbürtiger Zauberer war und durchaus hierhergehörte. Denn – was auch immer geschah – wieder gehen zu müssen, war schlichtweg….unvorstellbar…
Bei dieser Suche jedoch, war Seltsames mit ihm geschehen. Hatte er zunächst noch angenommen, die Magie auf Seiten seines Vaters zu finden – denn wieso hätte seine Mutter einfach so sterben sollen, wenn sie über derartige Fähigkeiten verfügt hätte – so musste er bald feststellen, dass der Name 'Riddle' in der magischen Welt rein gar nichts galt.
Stunde um Stunde hatte er in der Bibliothek gesessen – hatte unzählige Bücher nach den so dringlich erhofften Vorfahren durchforstet. Nach irgendeinem Hinweis – einem winzigen Vermerk zumindest… Vergebens. Es gab keinen.
Nicht ein einziger Zauberer mit dem Namen Riddle hatte jemals diese Schule besucht! Auch keine Hexe – so seine Mutter denn unverheiratet hätte sein mögen. Auch das hatte er in Erwägung gezogen. Und auch dies wäre ihm beinahe schon egal gewesen, wenn es ihn nur auf die gewünschte Spur geführt hätte. Vergebens…
Dabei war ihm der Begriff 'Riddle' durchaus begegnet. Viele Male.
Über Jahre und Jahrhunderte hinweg tauchte er auf. Immer wieder. Und ein ums andere Mal hatte ein freudiger Schreck ihn durchrieselt – in der Erwartung nun doch endlich fündig zu werden. Und es war ihm bitter und fast wie Hohn erschienen, dass der einzige Zusammenhang, in dem 'Riddle' immer wieder auftauchte einzig in Bezug zu jenem verwünschten Rätsel über dem Kamin zu bestehen schien.
Wütend hatte er in die flackernden Flammen gestarrt bis er schon glaubte die dämlichen Bilder auch darin zu sehen. Einhörner und Phönixe, Ringe und… und Rosen! Also ehrlich…
Doch erst im Verlauf der vergangenen Sommerferien, die er nach wie vor in dem verhassten Waisenhaus zubringen musste, hatte er schließlich mehr über die Seite seiner Mutter in Erfahrung gebracht, indem er im Schutz der Nacht das Register der Geburtsurkunden im Büro der Heimleiterin Miss Summerville durchforstet hatte.
'Merope Riddle, geborene Gaunt,' hatte dort gestanden und er hatte die Worte angestarrt, bis die Buchstaben vor seinen Augen beinahe zu tanzen begannen, fassungslos.
Da – und wirklich erst da – war ihm klar geworden, dass tatsächlich sie die Hexe gewesen sein musste!
Gaunt. Ein alter Name in der Zaubererwelt, über den er bereits an vielen Stellen gelesen hatte. Einer der 'Unantastbaren 28' sogar – und nicht nur das – seine Wurzeln reichten weit zurück – bis hin zu den Gebrüdern Peverell – und Salazar Slytherin selbst!
Diese Erkenntnis hatte Tom begeistert und geradezu berauscht. Muggelvater hin oder her – da hatte er seine so dringlich begehrten Wurzeln – und was für welche! Darum also hatte der Sprechende Hut ihn so problemlos und ohne jegliches Zögern nach Slytherin geschickt! Er war nicht schlechter als sie alle – er war sogar… etwas Besonderes!
Und doch besaß der Name 'Gaunt' dieser Tage nicht mehr den Hauch seines einstigen Glanzes.
Verarmt sei die Familie und gewissermaßen dem Wahnsinn verfallen… so hieß es, wie er sich erinnerte.
Er hatte mehr darüber erfahren müssen...
Widerwillig glitten seine Gedanken also zu jener Nacht im vergangenen Sommer zurück, da er sich sein eigenes Urteil über die Familie Gaunt und die damit verbundenen Gerüchte zu bilden beschlossen hatte. Er hatte es mit eigenen Augen sehen müssen – und was er gefunden hatte…
Einen seltsam verschrobenen alten Kauz von einem Onkel, der nichts als Parsel gesprochen und Schlangen an die Tür der heruntergekommenen verwahrlosten Behausung genagelt hatte.
*„Zischle, zischle, kleine Schlange,
schlängle dich am Boden hier.
Bist du nicht gut zu deinem Morfin, nagelt er dich an die Tür."
(—Morfin Gaunt in Parsel –) * 3)
Eben war er im Begriff gewesen es wieder zu tun – und erst seine eigene ebenfalls gezischte Antwort hatte Tom begreifen lassen, dass er abermals, ohne es zu bemerken, Parsel gesprochen hatte. Diesmal einem Menschen gegenüber. Schlangensprache.
"La-sss da-sss! Accio, S-ss-chlange!" hatte er gezischt unddie kleine, sich windende Schlange, gefleckt und kaum größer als die Spanne seiner Hand, dem Griff seines Onkels und somit dem sicheren Tode entrissen.
Zwei andere waren weniger glücklich gewesen – ihre blutigen geschundenen Leiber gegen das splittrige, grünliche Holz genagelt und im Todeskampf erstarrt – die Augen blicklos und stumpf – hatten sie dagehangen und hätte er nicht interveniert und das kleine zitternde Wesen einem Impuls folgend kurzerhand in die Tasche gesteckt, so wäre sie wohl tatsächlich die Nächste gewesen.
Es war eine unerwartete und sicherlich unüberlegte Handlungsweise seinerseits gewesen, zugegeben. Untypisch, unüberlegt und impulsiv. Doch die Ereignisse und Entdeckungen jener Nacht hatten ihn aufgewühlt.
Angewidert hatte er die angetrunkene, verwahrloste Gestalt seines Onkels mit der Spitze seines Zauberstabes bis an die gegenüberliegende Hüttenwand zurückgedrängt.
Es schien ohnehin nichts bei diesem Besuch heraus zu kommen, denn – mehr als Hasstiraden gegen diesen ‚elenden Muggel', mit dem er Tom anfangs verwechselt hatte und Beleidigungen gegenüber Merope, hatte Morfin Gaunt ohnehin nicht von sich gegeben, kein Verlust also, ihn mit einem Vergessenszauber zu belegen.
Und er hatte wahrlich genug gehört – und weit mehr als genug gesehen. Rasch und lautlos wie die Schatten, aus denen er hervorgetreten war, war Tom somit wieder in dieser Nacht verschwunden. Die kleine Schlange jedoch hatte er mitgenommen.
Und nun – musste er Mäuse fangen um das schuppige kleine Ding zu füttern, das er da gerettet hatte. Das hatte er also davon! Auch dies, war ganz gewiss keine Information, die zu teilen er gedachte...
Keine Information um sich unter all den noblen, selbstbewussten Sprösslingen der Zaubererwelt ein Ansehen zu geben.
Er wusste den Kreis derer einzuschätzen, welche ihn umgaben, denn er hatte sie alle gelesen – die zahlreichen Beschreibungen der sogenannten 'Unantastbaren 28'. Reinblütige, uralte Zaubererfamilien waren sie allesamt. Wenngleich auch einige von ihnen weit weniger Wert darauf zu legen schienen oder weniger Einfluss und Vermögen besaßen als andere.
Unter ihnen hatte er sich seinen 'Studierkreis' aufgebaut, wohlweislich und gezielt darauf bedacht, welchen Vorteil ihm diese oder jene Bekanntschaft einzubringen vermochte und den er auch in diesem Schuljahr weiter auszubauen gedachte.
Und auch dazu hatte sich die von Dumbledore aufgenötigte Verhaltensweise durchaus mehr als ausgezahlt.
Hatten manche seiner Hausmitglieder anfangs noch versucht ihn seinen, für Slytherin-Verhältnisse, so eklatanten 'Mangel an Herkunft' fühlen oder gar büßen zu lassen – so hatte sich sein magisches Talent nun, da es angemessen angeleitet und gefördert wurde, in solchem Maße entwickelt, dass alle skeptischen und kritischen Stimmen rasch und nachhaltig verstummt waren.
Einzig Dumbledore hatte ihn von Anfang an belauert und tat es noch immer. Und immer wenn der Blick der durchdringend scharfen blauen Augen des Verwandlungslehrers auf ihm ruhte, verspürte Tom das gleiche Unbehagen, wie damals im Waisenhaus, als dieser direkt und unmissverständlich klar gemacht hatte, dass er Toms bisheriges Vorgehen in Hogwarts nicht dulden würde.
Wehren müssen, hatte sich Tom allerdings auch hier. Gerade in der Anfangszeit. Doch war es ihm gelungen dies auf deutlich subtilere und sehr viel geschicktere Weise als in früheren Jahren zu tun.
Rasch und gründlich hatte er sich dabei Respekt verschafft, wo es nötig war und doch stets darauf geachtet ein nach außen hin tadelloses Benehmen an den Tag zu legen. Einmal eingeschlagen, war dieser Pfad geradezu lächerlich einfach zu beschreiten gewesen! Und die von Dumbledore aufgenötigte korrekte Verhaltensweise hatte sich ausgezahlt, eröffnete ihm ganz neue, ungeahnte Möglichkeiten...
Nun, da er nicht mehr die im Waisenhaus praktizierte, beinahe feindselige Ablehnung und Verschlossenheit an den Tag legte, war es ihm ein Leichtes gewesen, die Sympathien seiner Lehrer und dabei insbesondere das Wohlwollen Professor Furthaks und Schulleiter Dippets, für sich zu gewinnen. Nicht ohne Grund hatte man ihn in diesem Jahr zum Vertrauensschüler ernannt und er gedachte auch diesen Umstand zu seinem Vorteil zu nutzen. Nun, da ihm auch der verbotene Teil der Bibliothek mit all seinen seltenen und außergewöhnlichen Büchern als Quelle unerschöpflichen Wissens offenstand.
Mit Beginn dieses Schuljahres hatte er seine Suche nun also ausgeweitet – und er gedachte seine neu erlangten Möglichkeiten einzusetzen, sie auszuspielen. Schon so manche Stunde hatte er seit Beginn des neuen Schuljahres dort verbracht und überaus Interessantes ans Tageslicht gebracht. Buchstäblich.
Viele Bücher über seinen berühmten Vorfahren gab es hier und er hatte die allermeisten von ihnen bereits gelesen oder zumindest eingesehen.
Dann, eines Nachmittags, als die Schließungszeit bereits mit der rasch voranschreitenden Abenddämmerung näher rückte, hatte er, zum wiederholten Male die uralte, handgeschriebene Biografie Salazar Slytherins zur Hand genommen, gleichsam abwägend, ob ein weiterer Blick hinein ihm diesmal vielleicht den erhofften Einblick zu gewähren vermochte. Und da hatte er auf einmal ein blasses, vergilbtes Blatt Pergament in den Händen gehalten, das aus dem ledernen Rücken des alten Buches hervor geglitten war und das zu berühren und zu entfalten er kaum den Mut aufgebracht hatte. Spröde und rau, wie greifbar gemachte Erinnerung hatte es in seinen Händen gelegen. Durchscheinend und brüchig geworden über die Jahrhunderte.
Er war überzeugt davon, dass allein ein das Altern blockierender Schutzzauber die Schriftrolle über einen Zeitraum von beinahe tausend Jahren in dieser Weise hatte bewahren können. Langsam und unendlich behutsam hatte er das Papier mit den Händen geglättet, doch was die kleine Schriftrolle enthüllt hatte, war gewissermaßen eine Enttäuschung gewesen – beinhaltete sie doch Zeile um Zeile einer seltsamen, unverständlichen Sprache deren Buchstaben die eigenartigste Anordnung zu haben schienen, die er je gesehen hatte.
Dennoch hatte er die kleine, zerbrechlich anmutende Schriftrolle behalten um mehr über ihren Ursprung herauszufinden. Ohne Erfolg.
Er hatte versucht, nur einzelnen, besonderen Buchstaben Beachtung zu schenken, sie gleichsam zusammenzuziehen zu einem Wort, das er kannte – zu irgendeinem verdammten Wort, das einen Sinn ergab. Irgendeinem. Nur die Anfangsbuchstaben, beispielsweise, oder nur jeden siebten Buchstaben; hatte die seltsamen Aneinanderreihungen von Buchstaben mit Niederschriften in Trollish, Mareish, Goblinish, Elfish und jeder nur denkbaren menschlichen Sprache verglichen in der er eines geschriebenen Textes habhaft zu werden vermochte – vergebens. Es gab keine Übereinstimmungen, keine einzige!
Vielleicht, so hoffte er, würde an diesem Nachmittag ein Gespräch mit Professor Futhark einen Anhaltspunkt bringen – wenn er Ginny– ein weiteres Lächeln huschte über seine Lippen, kurz und flüchtig, wie der Hauch eines Sonnenstrahls der die sturmgrauen Wolken seiner frustrierten Gedanken zu durchbrechen schien – zu dessen Büro begleiten würde…
Ob sie sich dort wohl unbehaglich fühlen mochte? Sie erschien ihm so scheu und verzagt – und der Professor war gewiss kein einfühlsamer Mann. Es war sicher gut, dass er sie begleitete… Ob er ihr wohl anbieten sollte, sie später noch im Schulgebäude herumzuführen? Oder würde sie das als allzu aufdringlich empfinden? Er war immerhin ein Vertrauensschüler – da könnte er doch gewiss…ganz unverbindlich…
"Riddle? He, Riddle, kommst du?" drang nun die fragende und sichtlich verwirrte Stimme Rosiers an sein Ohr. Abermals schreckte Tom aus seinen Gedanken auf. Und abermals starrte ihm Rosier offen und voller Verblüffung entgegen.
Langsam aber sicher wurde sich Tom seiner Umgebung bewusst. Es hatte bereits geläutet. Er hatte es überhaupt nicht bemerkt! Überall um ihn herum wurden Bänke zurückgeschoben und Taschen zusammengepackt. Ein Gewirr von Stimmen erfüllte den Raum. Einzig er saß noch immer auf seinem Platz. Verärgert runzelte er die Stirn. Ein dicker schwarzer Tintenklecks verunzierte das blassgelbe Pergament vor ihm.
Λ
X
Mit dem Ende der Zaubertrankstunde erhob sich Ginny geradezu erleichtert von ihrem Platz neben der schweigsamen Banknachbarin und gesellte sich stattdessen wieder zu Rabia und den anderen Mädchen ihres neuen Hauses. Cathrina und Olive waren ganz in ihr eigenes Gespräch miteinander vertieft und blickten nicht einmal auf, als nun eine Gruppe von Slytherinschülern an sie herantrat.
Dies also waren die Jungen ihres Jahrgangs.
Lilith Crabbe wurde auf einmal ganz zapplig und fing an verstohlene Seitenblicke in Richtung eines großen braunhaarigen Jungen zu werfen, der sie anlächelte, sobald sich Ihre Blicke trafen.
Es war ganz offensichtlich, das diese beiden eine Menge füreinander übrig hatten. Ginny allerdings blieb wenig Gelegenheit darüber nachzudenken, denn bereits im nächsten Augenblick trat der Junge mit dem snape-artigen Aussehen auf sie zu.
"Ich bin Samuel Snape," erklärte er ohne Umschweife und ohne auch nur den Hauch eines Lächelns. Mit einem kurzen Blick über die Schulter deutete er auf den am nächsten stehenden Jungen.
"Das ist Argus Filch."
Der Letztgenannte, ein blasser, unscheinbarer Junge mit schulterlangem, dunkelblondem Haar, lächelte schüchtern und blickte dann rasch zu Boden. Ginny musste auch diese Information erst einmal verdauen. Niemals würde sie den finsteren, übellaunigen Hausmeister ihrer eigenen Zeit in diesem unsicheren und beinahe scheuen Jungen erkannt haben.
"Also wirklich, Sam, du bist charmant wie ein Dementor," tadelte ein überaus gutaussehender blonder Junge mit schulterlangem, goldgelocktem Haar und warf dabei ein gewinnendes Lächeln in ihre Richtung. Seine eisblauen Augen blitzten dabei übermütig und Ginny fragte sich verwirrt, ob dies wohl einfach seine Art war sich in Szene zu setzen, oder ob er tatsächlich mit ihr flirtete.
"Mein Name ist Lestât Lestrange," erklärte er mit einer angedeuteten Verbeugung. "Ich bin entzückt dich kennen zu lernen, Virginia."
Überrumpelt von all diesen neuen Entdeckungen, ergriff Ginny die dargebotene Hand und lächelte den Dreien zu. "Ja, umm- die Freude ist ganz meinerseits," murmelte sie.
"Ja, alles sehr faszinierend, wirklich," warf ein braunhaariger Junge mit Nickelbrille an dieser Stelle mit sichtlicher Unruhe ein, "aber könnten wir uns jetzt mal ein bisschen beeilen? Ginge das? Seht – ich möchte unbedingt noch in der Bibliothek vorbeischauen, bevor wir zum Essen gehen."
Rabia kicherte nun ganz unverhohlen und versetzte dem braunhaarigen Jungen einen nicht eben sanften Rippenstoß.
"Oh Pat, glaubst du wirklich, dass dir jemand diesen schrecklichen alten Wälzer vor der Nase wegschnappt, den O'Malley da erwähnt hat, wenn du nicht auf der Stelle in die Bibliothek rennst?!"
"Sieh dich vor Aydin, sonst lass ich dich nie mehr meine Hausaufgaben abschreiben!" konterte dieser mit einem gutwilligen Grinsen auf dem rundlichen Gesicht.
Rabia grinste zurück und wandte sich daraufhin wieder Ginny zu.
"Das ist Patrick Parkinson, eigentlich ganz nett, wirklich," erklärte sie und rollte, gespielt theatralisch die Augen, "aber er spinnt leider ein bisschen!"
Ernsthafter fügte sie hinzu: "Du kannst dich immer auf ihn verlassen, wenn du Schwierigkeiten bei einer Hausarbeit hast, oder sonst wie Hilfe beim Lernen brauchst."
Ginny, die darauf nun wirklich nichts zu erwidern wusste, lächelte Patrick nun ebenfalls freundlich an.
Sein Mitschüler jedoch, ein großer, ebenfalls sehr attraktiver Junge mit langem, kastanienrotem Haar und blitzenden blauen Augen schüttelte an dieser Stelle unwillig den Kopf und warf einen sichtlich nervösen Blick auf seine Taschenuhr, ehe er erklärte: "Stimmt, der gute Pat ist ein Genie und er stellt sicher jedes Lexikon in den Schatten, aber er hat ebenso recht, was die Zeit betrifft. Also, ich möchte ja nicht unhöflich sein, aber ich für meinen Teil muss jetzt wirklich los… "
Irgendetwas an ihm kam Ginny in seltsamer Weise bekannt vor und dieser Eindruck verstärkte sich noch, als er sie nun direkt anblickte und ein übermütiges Zwinkern in seinen leuchtend-blauen Augen aufblitzte.
"Ich bin übrigens David Dumbledore und ich freue mich ebenfalls, dich kennen zu lernen, Virginia. Aber ich muss jetzt wirklich los," erklärte er hastig, wobei er auch schon seine Tasche unter den Arm klemmte und losrannte.
"Wir sehen uns später, am See, OK?" rief er an die Gruppe gewandt über die Schulter zurück. Ginny's Kopf ruckte herum als sie dem davoneilenden Jungen nachblickte. "Dumbledore?" fragte sie voller Verwirrung.
Rabia nickte nur. "Dumbledore, ganz genau. Wie der Verwandlungslehrer," bestätigte sie.
"Er ist im Quidditch Team," schaltete sich Sam Snape mit gewichtiger Stimme ein, doch die Mädchen ignorierten ihn geflissentlich.
"Ach so. Ist er sein Sohn, oder so?" fragte Ginny perplex, doch Rabia schüttelte den Kopf.
"Sein Neffe. Es war eine ganz schöne Überraschung, als ihn der Sprechende Hut nach Slytherin geschickt hat, sag ich dir."
"Professor Dumbledore ist der Hauslehrer Gryffindors," fügte sie erklärend hinzu.
An dieser Stelle mischte sich nun wieder Cathrina Malfoy, die indessen weiter mit Olive geplaudert hatte, in das Gespräch: "Wir gehen jetzt zum Essen. Kommt ihr?" rief sie mit ihrer melodischen Stimme.
"Ah, Ihre Majestät scharrt ihre Hofdamen um sich," murmelte Rabia belustigt. Laut rief sie: "Nein, nein! Geht nur schon mal vor!"
Lilith Crabbe, hingegen schien sich nur äußerst widerwillig von ihrem Gesprächspartner zu lösen.
"Bis später dann, Oliver," hörte Ginny sie murmeln, ehe sie sich anschickte, den anderen Mädchen zu folgen.
Rabia, die Ginnys Blick offenbar bemerkt hatte, nickte bestätigend. "Ja genau, dass hätte ich beinahe vergessen. Das ist Oliver Goyle, Lilith's Herzallerliebster."
Ginny machte daraufhin große Augen. 'Also deshalb…' dachte sie bei sich und fragte: "Sind die zusammen?"
"Beinahe," bestätigte Rabia amüsiert über Ginnys Erstaunen und Formulierung und fügte augenzwinkernd hinzu: "Na ja, noch nicht. Aber – es kann nicht mehr allzu lange dauern, wenn du mich fragst."
"Sollen wir nicht lieber draußen etwas essen? Ich habe Obst dabei." fragte sie dann. "Wie könnten uns unter einem Baum am See in den Schatten setzen und ein bisschen reden. Also mir ist jedenfalls zu warm für ein richtiges Mittagessen in der Großen Halle! Was meinst du?"
Obgleich Ginny an diesem Tag noch gar nicht gefrühstückt hatte, konnte sie dem nur zustimmen. Immerhin war sie an einem kalten, verregneten Februarmorgen aufgebrochen und die plötzliche Hitze des strahlenden Septembertages, sowie die gesamte Zeitreise an sich, setzten ihr zu.
Λ
X
So kam es also, dass sie beiden Mädchen nur wenig später im Schatten der großen Buche beim Seeufer saßen. Selbst in dieser Zeit war dieser Baum schon alt und beeindruckend und doch wusste Ginny nur zu gut um wie viel imposanter und eindrucksvoller er noch werden würde.
Ein vertrautes Gesicht in jüngerer Gestalt. Ganz wie einige der vorausgegangenen Begegnungen, mit den Menschen dieser Zeit – Dumbledore, Hagrid, McGonagall und nicht zuletzt der Anblick ihres eigenen momentan 14jährigen Großvaters es sie bereits gelehrt hatten. Doch im Gegensatz zu all diesen zugegebener Maßen seltsamen und zum Teil ein wenig verstörenden Begegnungen verlieh ihr der vertraute Platz unter dem Baum eine gewisse Stabilität. Ein Gefühl des nach Hause Kommens. Irgendwie.
Mit einem zufriedenen Seufzer lehnte sie sich also mit dem Rücken gegen den rauen Stamm des alten Baumes und streckte ihre Beine lang aus. Das trockene Sommergras kitzelte ihre Zehen, als sie die Schuhe vom Übermut der sommerlichen Stimmung beflügelt von den Füßen kickte.
Unzählige Strahlen goldenen Sonnenlichts durchdrangen das weit ausladende, dichte grüne Blätterdach über ihren Köpfen und zeichneten ein unregelmäßiges Muster von Licht und Schatten auf die Wiese. Es war wunderschön und friedlich hier, befand Ginny, während sie genüsslich in einen knackigen, giftgrünen Apfel biss.
Rabia hatte sich indessen im Schneidersitz in der Sonne niedergelassen und aß einen Pfirsich. Sie hatte die Ärmel ihrer Schuluniform bis zu den Ellbogen heraufgerollt und Ginny beneidete ihre neue Mitschülerin aufs Neue um deren herrliche, olivegolden schimmernde Haut. Rabia würde nicht so leicht unter der Sonne zu leiden haben, wie sie selbst mit ihrer blassen Weasley Haut, welche nun, nach den langen Monaten trüber Wintersonne ihrer eigenen Zeit, sogar noch um einiges empfindlicher war – ganz sicher! Es wäre vermutlich ratsam die pralle Sonne zumindest in den nächsten paar Tagen zu meiden.
Rabia, die ihren Pfirsich mittlerweile aufgegessen hatte, warf den Kern kurzerhand ins Gebüsch, wischte die klebrigen Finger am Saum ihrer Robe trocken und begann eifrig in ihrer großen, ledernen Umhängetasche zu kramen. Als sie gefunden hatte, wonach sie suchte, schob die kleine, mit Erdbeeren gefüllte Schachtel zu Ginny herüber.
"Die da hab ich auch noch – organisiert. Da, bitte, bedien dich doch!"
‚Organisiert' entstammte sicher nicht dem Wortschatz ihrer Tage – und mochte vielmehr ein Wort sein, wie ihre Großtante es vielleicht gebrauchen mochte, doch Ginny zögerte nicht, dieser Einladung nachzukommen und so genossen beide Mädchen ihre friedliche Mittagspause im goldenen Sonnenschein.
Beide hingen dabei größtenteils ihren eigenen Gedanken nach und beide fühlten sich sichtlich wohl dabei.
"Ich kann dich später im Schloß und auf den Ländereien herumführen, wenn du magst," bot Rabia dann plötzlich und unvermittelt an und ließ Ginny damit aus ihren Gedanken aufschrecken.
"Das – wäre sicher toll!" entgegnete Ginny ehrlich erfreut. "Aber ich muss mich später noch bei Professor Futhark vorstellen, weißt du?"
"Ach so, ja, natürlich! Daran hab ich gar nicht gedacht, " Rabia lächelte wieder. Sie lächelte überhaupt eine ganze Menge, wie Ginny aufgefallen war. Gar nicht wie sie sich eine Slytherin vorgestellt hatte.
Sie war ein verrücktes Huhn, ganz sicher und schien in ihrer fröhlichen, unbekümmerten Art so gar nicht zu den Konventionen der gegenwärtigen Zeit zu passen. Vielleicht, so mutmaßte Ginny, vielleicht kamen sie deshalb auf Anhieb so gut miteinander aus.
Wenn sie doch nur eine Mitschülerin wie Rabia gehabt hätte – in ihrer eigenen Zeit… Vielleicht hätte sie sich mitzuteilen gewagt, über das, was unter dem Einfluss Tom Riddels mit ihr geschehen war – damals, in ihrem ersten Jahr – und mehr noch, über all das Seltsame und Unbegreifliche das sie noch immer für ihn empfand… Die beinahe schmerzlich empfundene Sehnsucht, das verstörende Bedauern und all die Traurigkeit... Sie konnte sich vorstellen, dass Rabia sie verstanden hätte…
Natürlich, so schloss sie, natürlich kam das hier und jetzt nicht in Frage! Denn wer redete schon gern über einen 'Tom-Marvolo-ich-werde-aber-schon-bald-Lord-ich-vernichte–euch alle-Voldemort- sein-warts-nur-ab-heiße-ich-im-Moment-auch-noch-Riddle', wenn er wie jetzt im Jahrgang über ihnen war und die gleiche altehrwürdige Schule besuchte? Nein, Rabia kam als Gesprächspartnerin darüber leider auch nicht in Frage, so bedauerlich dies auch sein mochte.
Was wohl aus ihr geworden sein mochte, in Ginnys eigener Zeit? Das hätte sie wirklich gern gewusst und sie nahm sich vor, es herauszufinden, wenn sie erst wieder zu Hause wäre. Doch daran mochte sie im Moment noch gar nicht denken!
"Ich kann dich hinbringen, wenn du magst," riss Rabia sie nun abermals aus ihren Gedanken, und es dauerte einen Moment, ehe Ginny begriff, wovon sie sprach, " wir können später immer noch ein wenig herumgehen."
"Nein. Also. Ich meine natürlich, ja! Das ist schrecklich nett von dir, Rabia, wirklich, aber ich... Na ja, Tom hat schon angeboten mich hinzubringen, weist du?" stammelte Ginny nun sichtlich verlegen.
Ein Ausdruck echter, tiefempfundener Überraschung huschte bei diesen Worten über Rabias Gesicht und Ginny spürte wie ihr das Blut erneut in die Wangen schoss. Es ärgerte sie, geradezu unbeschreiblich, doch was konnte sie schon tun?
Gerade als sie glaubte, die Anspannung nicht länger ertragen zu können, lächelte Rabia erneut. Breit, offen und herzlich.
"Ach – tatsächlich?" neckte sie. "Tom Riddle, ja?! Na wenn das so ist – Mit einem derartigen Angebot kann ich sicher nicht konkurrieren!"
Λ
X
Um Punkt vier Uhr betrat Ginny den Gemeinschaftsraum, der zu dieser Stunde und an einem strahlend schönen Tag wie diesem beinahe gänzlich verlassen war.
Tom jedoch wartete bereits auf sie.
Wie am Morgen war er in ein Buch vertieft. Bei ihrem Eintreten blickte er auf. "Wollen wir?" fragte er.
Und wie am Morgen, wurde Ginny von einer Welle der Unsicherheit und Anspannung erfasst. Wie viel intensiver seine Gegenwart doch war – hier, in der realen Welt. Gar nicht zu vergleichen mit dem blassen Abbild seiner Erinnerung. Ihr Herz raste und ihre Handflächen wurden auf einmal – ganz heiß und schwitzig.
Sie nickte, ein wenig benommen. Schweigend verließen sie den Gemeinschaftsraum und schritten durch die langen, dunklen Gänge hinauf ans Tageslicht.
Als sie die Eingangshalle durchquerten und weiter über die breite Marmortreppe emporstiegen, fluteten Lachen und Sonnenlicht durch das Portal der weit geöffneten Flügeltür zu ihnen herein und Ginny bezweifelte nun ernsthaft, dass sich irgendjemand sonst an einem Tag wie diesem im Schloss aufhielt, sofern er es irgend vermeiden konnte.
Professor Futharks Büro lag im zweiten Stock, an der Rückseite des Gebäudes und so folgte Ginny Tom also noch einige weitere lange Flure entlang – und noch immer sprach keiner von ihnen ein Wort.
Staub tanzte in der Luft, reflektierte die Strahlen aus Sonnenlicht, die in breiter goldenen Bahn durch die hohen Bogenfenster hereinfluteten. Stille begleitete sie auf ihrem Weg, nur durchbrochen von den gedämpften Widerhall ihrer Schritte in den langen Fluren. Ginny fühlte sich angespannt, zerbrach sich den Klopf darüber, wie sie es anstellen sollte ein Gespräch zu beginnen, doch es gelang ihr nicht.
Verstohlen musterte sie er den schwarzlockigen Jungen, der, den Blick stur geradeaus gerichtet, neben ihr herschritt. Sein Gesichtsausdruck war ruhig, gelassen und gänzlich neutral. Nichts verriet seine Stimmung oder Gedanken und nichts schien von all dem Leid und der Finsternis zu künden, die er heraufbeschwören würde.
War er schon damit befasst, fragte sie sich voller Unbehagen. Hatte es schon begonnen? All das Unglückverheißende, Düstere, von dem sie wusste, dass es kommen würde? Ihr Kopf schmerzte von derartigen Überlegungen. Es war so schwer zu begreifen. Es fühlte sich so falsch – so sperrig an, dass sie es sich kaum vorzustellen vermochte…
Wie jung er aussah. Wie normal und harmlos. Wie – gut...
Vor einer schweren hölzernen Tür blieben sie schließlich stehen.
"Hier ist es," erklärte Tom schlicht und klopfte.
"Ja? Was gibt es?" schnarrte ein kühle, abweisende Stimme von drinnen. Eine Stimme, die Ginny unwillkürlich zurück zucken ließ. Am liebsten wäre sie umgekehrt.
Tom jedoch räusperte sich. "Es ist Riddle, Sir. Ich bringe die neue Schülerin," rief er dann halblaut.
"Kommen Sie herein." Bildete sie es sich nur ein, oder klang die Stimme hinter der Tür tatsächlich milder?
Mit einem Male war Ginny über die Maßen froh, dass Tom sie begleitete. Nicht, weil sie nun – schließlich seinetwegen hergekommen war, sondern einzig, weil er da war. Bei ihr. So bizarr diese Vorstellung auch sein mochte. Sie fühlte sich – weniger eingeschüchtert in seiner Gegenwart.
Professor Futhark saß – inmitten des spartanisch möblierten Raumes – an seinem Schreibtisch aus dunklem Eichenholz. Bei ihrem Eintreten, blickte er von den Aufsätzen auf die er offenbar bewertete und Ginny versteifte sich unwillkürlich als sie seinem Blick begegnete.
Das Oberhaupt Slytherins war ein schmaler, hochgewachsener Mann mit kinnlangem, buschigem silbrig weißen Haar, eingefallenen Wangen und einem Spitzbart. Und – er hatte die kältesten grauen Augen die sie je gesehen hatte.
Tom, der ihr Zögern offenbar bemerkt hatte, legte unwillkürlich eine Hand gegen ihr Schulterblatt. Die unerwartete Berührung elektrisierte sie. Ganz deutlich wurde sie sich des sanften Drucks seiner Handfläche und der Wärme, die sie verströmte bewusst und beinahe unmerklich lehnte sich Ginny der Berührung, diesem Versprechen von Nähe und Verständnis entgegen.
"Dies ist die neue Schülerin, Sir. Miss Virginia Otis," erklärte Tom und allein der Klang seiner Stimme ließ ihr einen wohligen Schauer über den Rücken laufen.
Der Druck gegen ihr Schulterblatt verstärkte sich – sanft, ruhig und bestätigend. Ihr Herz klopfte so heftig, dass sie es in der Kehle zu spüren glaubte.
Er drehte sich zu ihr herum und lächelte. "Ginny, darf ich dir Professor Futhark vorstellen? Er ist der Leiter unseres Hauses."
Was für ein engelsgleiches Lächeln er hatte. Welch betörende Anziehung in der bloßen Berührung seiner Hand zu liegen schien... Seiner Hand, welche noch immer auf ihrem Schulterblatt lag – er musste somit den Kopf ein wenig schräg legen, um sie anzusehen und Ginny wurde sich unvermittelt, der überraschenden Fürsorglichkeit und Nähe dieser Geste bewusst.
In eben diesem Moment jedoch, nahm Tom seine Hand indes auch schon wieder fort und Ginny wurde sich des Unterschiedes nur allzu deutlich bewusst.
"Danke, Mr. Riddle," nickte der Professor knapp und bedeutete ihnen auf den beiden Stühlen vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen.
Sie taten es und Ginny dankte Tom mit einem scheuen, kaum merklichen kleinen Lächeln, als er den Stuhl für sie zurechtrückte. Es war kaum mehr als das Zucken ihrer Mundwinkel und doch war sie sich sicher, dass er es bemerkte. Er lächelte nicht zurück, sondern nickte ihr lediglich kurz und bestätigend zu, ehe er seine Aufmerksamkeit dem Professor zuwandte.
Dieser bedachte nun wieder Ginny mit seinem Blick und weder Milde noch Freundlichkeit lagen darin.
"Willkommen in Slytherin, Miss Otis," erklärte er beinahe gleichgültig und bedachte sie mit einem unnahbaren, schmallippigen Lächeln, das nicht seine Augen erreichte.
"Ich hoffe, Sie werden Ihrem neuen Haus zur Ehre gereichen. Geben Sie Ihr Bestes für Slytherin und Slytherin wird sein Bestes für Sie tun," erklärte er dann erstaunlich leidenschaftslos.
"Ja Sir, ich – werde mich darum bemühen," murmelte Ginny voller Unbehagen.
Er bedachte sie aufs Neue mit einem beinahe unwilligen, schmallippigen Lächeln.
"Werden Sie? Nun – das ist – erfreulich, möchte man sagen. Schulleiter Dippet hat mich bereits über die näheren Umstände ihrer Reise und Ankunft hier bei uns in Kenntnis gesetzt. Ein Gedächtnisverlust also? Wie tragisch... Haben Sie momentan irgendwelche Fragen, Miss Otis?"
"N-nein, nicht im Moment, danke, Professor," stammelte Ginny. Je eher sie hier heraus käme, desto besser.
Sogar das Gesicht des Professors drückte eine gewisse Erleichterung aus bei dieser Antwort. Auch er schien nicht sonderlich erpicht darauf, das zugegebenermaßen angespannte Gespräch fortzusetzen.
"Das ist erfreulich. Nun, sofern sich dies ändern sollte, so kommen Sie in mein Büro. Oder," er deutete zu Tom hinüber, der reglos und augenscheinlich unbeteiligt auf dem Stuhl neben ihr saß, "wenden Sie sich an Mr. Riddle. Er ist Vertrauensschüler, sofern Ihnen das noch nicht bekannt sein sollte. Es gibt natürlich auch ein Schulsprecherpaar, doch, diese sind Ravenclaw und," an dieser Stelle trat ein ablehnender Ausdruck auf sein Gesicht, "Gryffindor. Und – es verlangt Sie gewiss nicht danach, mögliche Probleme mit den Mitgliedern eines der anderen Häuser zu besprechen, nicht wahr, Miss Otis?"
Sein durchdringender Blick und der gestrenge Klang seiner Stimme machten deutlich, dass dies keine Frage, sondern vielmehr eine Anweisung war.
"N-nein, Sir, ich denke nicht," stammelte sie daher erschreckt.
"Denken Sie nicht, nein?" bemerkte er nachdenklich, "Nun – dass ist ein Anfang, vermute ich. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden. Ich habe zu arbeiten."
Ginny sprang förmlich auf die Füße und wandte sich zum Gehen. Zu ihrer Überraschung jedoch erhob sich auch Tom von seinem Platz und eilte ihr voraus zur Tür hinüber. Sie hatte angenommen, dass er selbst noch etwas mit dem Professor zu besprechen hätte, aber vielleicht hatte sie da auch etwas missverstanden. Doch als sie nach der Klinke griff kam Tom ihrer Bewegung zuvor und lehnte sich vor um die Tür für sie zu öffnen.
"Warte doch bitte noch einen Moment auf mich, Ginny, ja?" bat er mit seltsamer Dringlichkeit.
Erstaunt hob Ginny den Kopf – und blickte genau in Toms schöne, dunkle Augen, die sie noch weit mehr als diese unerwartete Bitte verwirrten.
"Ich – muss noch etwas mit Professor Futhark besprechen – aber es, nun ja, es wird nicht allzu lange dauern, denke ich," erklärte er mit gedämpfter Stimme.
Ein Lächeln glitt über sein Gesicht, als er ihre Überraschung bemerkte glitt bis ganz hinauf zu seinen schönen, eindrucksvollen dunklen Augen und Ginny wurde mit einem Mal ganz heiß… Ihr Magen begann so heftig zu kribbeln, dass es sie vollkommen durcheinander brachte.
Tom, der ihre Verwirrung offenbar bemerkte, runzelte unmerklich die Stirn. Ein fragender Ausdruck trat in seine Augen. Ginny hingegen lächelte scheu. Blut schoss in ihre Wangen – und das Kribbeln in ihrem Magen verstärkte sich…
"Mr. Riddle?!" erklang Professor Furtharks ein wenig nörgelnde Stimme nun ungeduldig und sichtlich irritiert aus dem Raum hinter ihnen und ließ sie beide gleichermaßen aus dem seltsamen Moment der Versunkenheit aufschrecken.
Auch Tom verspannte sich, wie sie zu ihrer Überraschung bemerkte. Sie sah es an der Gesamtheit seiner Körperhaltung – seinem Blick.
"Wartest du?!" forschte er mit einem raschen Blick über die Schulter eindringlich und sie nickte.
"Ja,…" flüsterte Ginny zurück, ehe sie auch noch einen einzigen klaren Gedanken zu fassen vermochte.
Sein Lächeln vertiefte sich. "Oh – gut! Es…" raunte er mit gedämpfter Stimme, "…es ist sicher leichter für dich, wenn wir gemeinsam zurückgehen. Ich meine… Dieses Schloss und all die Leute darin, das Alles kann so überaus verwirrend sein – in der Anfangszeit… und ich…"
"Mr. Riddle, kommen Sie dann!?" erklang Futharks zweifellos ungehaltene Stimme nun wieder und Ginny sah eindeutig, wie Tom daraufhin die Augen verdrehte.
Sie kicherte.
Tom warf ihr daraufhin einen letzten, beinahe übermütigen Blick zu ehe er sich umwandte.
"Natürlich Sir. Entschuldigen Sie bitte," hörte sie ihn nun wieder in gänzlich sachlichem und nüchternem Tonfall sagen, dann schloss sich die Tür.
Ginny ließ sich indessen auf einen der Stühle vor dem Büro fallen. 'Was um alles in der Welt war denn das jetzt, bitte?' fragte sie sich und presste ihre plötzlich schweißnassen Handflächen, gegen die noch immer glühenden Wangen. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals…
Λ
X
Eine Viertelstunde später verließ Tom Riddle das Büro seines Runen-Professors, nicht schlauer als zuvor, doch um einiges desillusionierter.
Wie geplant hatte er seinen Mentor um Unterstützung beim Entziffern des seltsamen Schriftstücks gebeten, das ihn so eingehend beschäftigte. Dabei hatte er ihm selbstverständlich nicht den Originaltext vorgelegt, sondern lediglich eine, sehr sorfältig angefertigte Abschrift aber –
Ganz wie er es erwartet und irgendwie schon befürchtet hatte, war der Professor zwar durchaus interessiert, jedoch in keiner Weise hilfreich gewesen. Auch er hatte letztlich keinen Sinn in dem seltsamen Wirrwarr von Buchstaben gesehen und Tom lediglich den Rat gegeben sich nicht allzu sehr in irgendetwas zu verrennen, das seiner Ansicht nach wenig erfolgversprechend war.
Eigentlich hätte ihn das nun definitiv frustrieren müssen, doch zu seiner eigenen Überraschung musste Tom feststellen, das dem ganz und gar nicht so war. Und er konnte nur mutmaßen, woran dies liegen mochte...
Ginny war noch da.
Sie saß auf einem der Stühle neben der Tür und betrachtete die feinen Staubpartikel, beobachtete scheinbar fasziniert, wie sie in der schimmernden Bahn aus Sonnenlicht zu tanzen schienen, welche durch das hohe, schmale Bogenfenster hereinflutete. Der Anblick ihrer seltsamen Faszination – entrückt und versonnen, beinahe als stamme sie aus einer gänzlich anderen Welt – ließ ihn innehalten. Er glaubte nachfühlen zu können, wie sie sich fühlen mochte... konnte sich auf einmal so gut erinnern, was es hieß, fremd und unwillkommen zu sein, so sehr er sich auch bemüht hatte sich anzupassen…
Er würde nicht zulassen, dass man es ihr dermaßen schwer machte! Er würde sich dafür einsetzen, dass es für sie anders wäre... Er...
‚Warum war das so?` fragte er sich voller Verwunderung. ‚Warum um alles in der Welt sollte es ihn kümmern?'
Er verstand es nicht... Doch letztendlich war es ja auch irgendwie egal. Er war einfach froh, dass sie tatsächlich gewartet hatte!
"Da bin ich wieder," bemerkte er so behutsam, wie möglich um sie nicht zu erschrecken, "ich hoffe es war nicht allzu langweilig?"
Sie blickte auf – sammelte einen Moment, wie es schien ihre Gedanken, bevor sie antwortete: "Aber nein – wie kommst du denn darauf?! Ich hab einfach das hübsche Schachbrettmuster auf dem Boden hier gezählt, weist du?" erklärte sie dann betont gleichmütig und nicht ohne einen gewissen Sarkasmus.
"Ach! Tatsächlich, wie viele sind es denn?" konterte er belustigt.
"4293," antwortete sie, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne auch nur eine Mine zu verziehen.
Überrascht und momentan sprachlos, sah er sie an. Doch nur für einen Moment.
„Oh!" bemerkte er dann mit betont unbekümmerter Mine, „Da hast du dich aber verzählt! Es sind 4291 – allerhöchstens. Das sieht man doch!"
Sie lachte – offen, geradeheraus und so überraschend spontan und authentisch, dass es geradezu mitreißend war und ehe er sich versah, lachte auch er...
Und damit nicht genug...
"Es tut mit leid… es hat wohl länger gedauert, als ich erwartet hatte.. ich meine, ich wollte sagen, ich dachte –" stammelte er, überrascht, eine derartige Verwirrung im Klang seiner eigenen Stimme zu hören.
So also fühlte es sich an, wenn man einen kompletten Narren aus sich machte... Wie überaus befremdlich!
Wenn sie jetzt lachte – was er ihr in keiner Weise verübeln könnte – dann wäre er frustriert! Mehr als das… Er wäre – enttäuscht…irgendwie...
Zu seiner Erleichterung jedoch, tat sie nichts dergleichen, sondern schlug – für den Bruchteil einer Sekunde zumindest – die Augen nieder.
Eine Geste, so scheinbar weiblich anerzogen und verzagt – so vorhersehbar – und doch so offen und wahr auf ihrem Gesicht...
"Ach was! Das – ist doch nur Spaß," erklärte sie dann kopfschüttelnd und sprang auf die Füße. "Es ist sehr nett von dir, dass du dir überhaupt die Mühe gemacht hast!"
Jetzt also wieder so?! Er vermochte selbst nicht zu sagen, wieso, aber es verwirrte ihn. Das alles hier... Es verwirrte ihn sogar sehr! Doch – es war ihm wichtig, was sie von ihm dachte!
Er wollte nicht, dass sie sah, wie allein er war. Und doch wünschte er sich, dass sie mehr Zeit mit ihm verbrachte. Hoffte darauf sie kennen zu lernen…
Der Gedanke allein beunruhigte ihn bereits und ließ ihn in seinem Innersten aufbegehren – und doch wollte er, dass sie es sah – ihn sah – unbedingt! Und doch machte es die Sache auch irgendwie schwierig...
Auch sie sah nicht sonderlich glücklich aus, wie er bemerkte. Ihre gesamte Haltung war angespannt, beinahe so als fühle sie sich unbehaglich – genau wie eben in Professor Futharks Büro. Der Wunsch sie aufzumuntern und – in irgendeiner Weise zu bestärken – wurde immer dringlicher. Und kaum, da der Impuls seine Gedanken gekreuzt hatte kam er ihm auch schon nach.
"Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben," hörte er sich sagen, ehe er noch eine bewusste Entscheidung getroffen hatte. "Er – ist gar nicht so schlimm, wenn man ihn erst einmal kennt, weißt du?" murmelte er.
Sie bemühte sich um ein Lächeln, wirkte aber noch immer angespannt und nur zu gern hätte er, wie zuvor, die Hand ausgestreckt, sie zu berühren, wagte es jedoch nicht.
"Es war keine Frage, oder?" murmelte sie.
Fragend hob er die Brauen. "Was meinst du?"
"Nun, das, was er darüber gesagt hat, nicht mit den Mitgliedern anderer Häuser über irgendwelche Probleme zu sprechen."
Wieder schüttelte Tom den Kopf. "Nein," erklärte er dann mit fester Stimme und Überzeugung, "das war keine Frage, Ginny."
"Auch keine Bitte," setze er nach einem Moment des Abwägens hinzu, "Professor Futhark, er – Nun, er wünscht nicht, dass wir – sagen wir – interne Probleme Slytherins nach außen tragen. Verstehst du? Achte besser darauf, wenn du Schwierigkeiten vermeiden willst."
Angesichts ihres anhaltenden Stirnrunzelns fuhr er fort: "Er fürchtet, dass es dem Ansehen des Hauses abträglich sein könnte, nach außen hin eine Schwäche erkennen zu lassen, nehme ich an und er erwartet, dass wir unbeeindruckt und überlegen auftreten. Seiner Auffassung nach sollte das Haus Slytherin in der Lage sein, seine Probleme eigenständig und diskret zu lösen."
"Aha – " murmelte Ginny wenig begeistert. "Klingt ja großartig. Und was denkst du darüber?"
"I – ich weiß nicht. Es hängt wohl von dem jeweiligen Problem ab, würde ich sagen," murmelte er, sichtlich verwirrt durch ihre direkte Frage.
"Falls es ein Problem gibt, über das du mit – mir – nicht sprechen möchtest," begann er zögerlich, "nun, dann gibt es da ein Mädchen im siebten Jahr, Marion McNair. Sie ist Slytherins inoffizielle Schulsprecherin, oder wie immer du es nennen möchtest."
Sie betrachtete ihn mit einem Stirnrunzeln. "Gehe ich recht in der Annahme, dass es dir nicht recht ist, wenn ich dich anspreche?"
"Was?! Nein! Ich... Das habe ich nicht gemeint, Ginny! Wirklich nicht! Ich wollte – dir nur zu verstehen geben, dass in unserem Haus auch die Möglichkeit besteht, nun, sagen wir um – weiblichen Rat zu ersuchen."
"Ach so, ich… ich dachte – Danke." stammelte sie und wurde rot.
Hätte sie geahnt, in welche Verwirrung dieses Gespräch ihn selbst stürzte – so hätte sie gewiss gelacht. So aber senkte sie nur scheu den Blick und starrte auf ihre Schuhspitzen, während sie weiter gingen.
Und schon wieder verspürte er den Impuls sie zu bestärken – ihre Hand zu nehmen vielleicht – was er natürlich nicht tat! Selbstverständlich nicht!
Stattdessen lächelte er. "Ich würde dir sehr gern helfen, wann immer du ein Problem hast! Komm zu mir, wenn du Kummer hast, Ginny, ja? Bitte…"
Voller Überraschung blickte sie ihn an. "Bist du sicher?"
"Ja, es – Es ist ja schließlich meine Aufgabe, als Vertrauenschüler!" fügte er hastig und ein wenig zu beschwichtigend hinzu.
"Aber gewiss doch, natürlich," bestätigte sie.
Bildete er es sich nur ein, oder sah sie tatsächlich enttäuscht aus?
Warum nur war es so entsetzlich schwierig, mit ihr zu reden? So viel schwererer, als alles andere? Warum nur war es ihm so wichtig!?
Nun, da sie die Bibliothek erreicht hatten, blieben sie stehen. Stille breitete sich zwischen ihnen aus, aufs Neue – und wieder fühlte er sich unbehaglich…
So entsetzlich unentschlossen… und angespannt...
"Nun, das ist die Bibliothek," erklärte er ein wenig lahm. "Von hier aus findest du doch sicher den Weg zurück zum Gemeinschaftsraum, nicht wahr?
Sichtlich verwirrt und ein wenig enttäuscht blickte sie ihn an. "Ja. Ja, ich denke schon. Natürlich!" entgegnete sie dann.
"Du wirst sicher nach draußen gehen wollen…" forschte er, bestrebt, das Gespräch noch einen Moment andauern zu lassen – einen weiteren kurzen Moment, wenigstens, ehe er sie gehen lassen musste...
Doch musste er das überhaupt? Der Wunsch sie zu begleiten drängte sich in sein Bewusstsein. Ungebeten und überraschend, doch nicht minder stark.
Ginny jedoch zuckte nun immer noch ein wenig unentschlossen die Schultern. "Ach, ich weiß nicht… " erklärte sie dann sehr zu seiner Überraschung. Die Bibliothek klingt eigentlich ganz interessant, finde ich."
Sie lächelte.
Sie lächelte und sein Puls beschleunigte sich.
Sein dummes, seltsam unkooperatives Herz schlug ihm bis zum Hals.
"Das ist sie auch," bestätigte er, so gefasst, wie möglich, fügte dann jedoch mit einem Anflug ehrlichen Bedauerns hinzu: "Es – ist nur so, dass ich ein paar Dinge nachschlagen muss – und da hab ich – jetzt gerade – überhaupt keine Zeit, dir zu zeigen, wie die einzelnen Bücher zu finden sind… aber – ich..."
"Ach, ich denke, das schaff' ich ganz gut allein. Vielen Dank," bemerkte sie ein wenig steif. Alle Nähe schien verflogen und hilflos musste er mit ansehen, wie sie sich ihm verschloss.
"Aber ja doch! Natürlich," beeilte er sich zu versichern. "Ich meinte doch nur, dass ich dir schrecklich gern erklären würde, nach welchem System diese Bibliothek organisiert ist! Aber ich kann's dir jetzt nicht zeigen, weil ich unbedingt etwas nachschlagen muss… Morgen vielleicht? Was meinst du?" bat er und seine eigene Stimme klang seltsam dringlich, beinahe flehendlich, in seinen Ohren.
Ginny hingegen schien nichts von seiner Schwäche zu bemerke. Sie tat ihm schon beinahe selber ein bisschen leid. Wie sie so da stand – irgendwie verloren… und er hatte sie schließlich gebeten zu warten. Aber – er hatte doch nur vorgehabt, mit ihr gemeinsam zurückzugehen – hierher... Weiter hatte er überhaupt nicht gedacht! Doch – sie schien etwas anderes erwartet zu haben... Was er ihr genaugenommen auch gar nicht verdenken konnte...
Doch was konnte er schon tun? Gerade im Moment konnte er ihre Gesellschaft wirklich so gar nicht gebrauchen wo er doch mehr über den geheimnisvollen Abschnitt aus Slytherins Biografie herauszufinden gedachte.
Doch – machte es wirklich einen Unterschied, ob er dies jetzt oder später tat? Er könnte doch einfach am Abend wieder her kommen und sie jetzt tatsächlich ein wenig herum führen. Zuerst hier – aber auch draußen, auf den Ländereien. Unten beim See, wo das Sonnenlicht von der glitzernden Wasseroberfläche reflektiert wurde, musste es jetzt wirklich wunderbar sein und er würde schrecklich gern einmal sehen, ob ihr Haar im Sonnenlicht genauso schön funkelte, wie er es sich vorstellte...
Er könnte ihr den Weg zu den Gewächshäusern zeigen und später vielleicht auch noch die Wiesen unten am Seeufer auf denen die Flugstunden abgehalten wurden. Das war schließlich auch wichtig zu wissen und je eher sie sich zurechtfand, desto leichter würde es ihr fallen sich in den Schulalltag einzufinden.
Der alte, schon ein wenig baufällige Steg bei der großen Weide am Seeufer fiel ihm ein auf dem er manchmal saß und las. Ein wenig abseits des üblichen Trubels – selbst an einem Tag wie diesem würde es dort ruhig genug für ein Gespräch sein und bestimmt würde sie es dort mögen… Und – vielleicht, ja vielleicht könnte er dann herausfinden, warum sie so plötzlich und unerwartet an dieser Schule aufgetaucht war… Er war schon sehr neugierig, mehr darüber herauszufinden – über sie…
Je genauer er darüber nachdachte, desto besser gefiel ihm diese Vorstellung… immer mehr... und er war schon halb versucht diesem Wunsch tatsächlich nachzugeben, als sich ihre Schultern plötzlich strafften.
"Ach, bemüh dich nicht! Das ist vollkommen in Ordnung. Du hast schon recht, ich denke, ich werfe jetzt tatsächlich mal einen Blick auf die Ländereien – bei dem herrlichen Wetter…. Nochmals, vielen Dank für deine Hilfe, Tom," bemerkte sie brüsk und wandte sich ab. Dann, ohne ein weiteres Wort – ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen, war sie verschwunden.
Verwirrt und ein wenig hilflos blickte Tom ihr nach. Ein seltsames und ungewohntes Gefühl des Bedauerns erfüllte ihn mit bitterer Schärfe. Jetzt war sie böse auf ihn. Das hatte er doch überhaupt nicht gewollt.
Λ
X
Ginny Weasley bebte vor Zorn, als sie die breite Marmortreppe zur Eingangshalle hinunterstürmte. Wäre ihr Olive Hornby jetzt begegnet, so hätte sie ihr mit Freuden den Hals umgedreht.
Sie war wütend – entsetzlich wütend über die Art wie Tom sie abgewimmelt hatte, eben vor der Bibliothek. Wie konnte er es wagen?! Sie wie ein dummes kleines Mädchen zu behandeln…
Er hatte sich so anders verhalten, vorher. Und jetzt dies…
Sie war wirklich wütend, beschämt und auch irgendwie enttäuscht über sein Verhalten. Doch das würde sie ihn ganz gewiss nicht sehen lassen. Sie mochte ja seinetwegen hergekommen und all dies auf sich genommen haben, doch das hieß noch lange nicht, dass sie dumm genug war die gleichen Fehler zu begehen, wie sie es bei Harry getan hatte. Oh nein! Sie würde ihm bestimmt nicht nachlaufen und sehnsüchtig darauf hoffen, dass er sie bemerkte. Sie würde dafür sorgen dass er es tat!
Λ
X
"Mr. Weasley, nun beruhigen Sie sich doch mal. Ich bitte Sie! Ich versichere Ihnen, dass wir alles in unseren Kräften stehende tun werden, ihre Schwester zu finden," erkläre ein sichtlich irritierter Dumbledore dem rothaarigen jungen Zauberer, der wie ein gereizter Tiger in der Turmstunde umherlief.
"Miss Granger," wandte er sich dann an die blasse, besorgt dreinblickende Hexe, welches buchstäblich auf der Kante ihres Stuhls zu kauern schien. "Wenn Ihr Zeitumkehrer tatsächlich verschwunden ist, wie Sie sagen, so müssen wir selbstverständlich auch dies in Zusammenhang mit Miss Weasleys Verschwinden in Betracht ziehen – aber – sicher sein können wir uns dessen nicht. Möglicherweise ist sie jedoch auf ganz herkömmliche Art und Weise davongelaufen. Mit dem Besen oder… in Begleitung eines jungen Mannes – nicht, dass ich dergleichen ohne weiteres gut heißen würde, aber sie sagte in ihrem Brief doch nichts über eine geplante Zeitreise, nicht wahr?"
Ron schüttelte daraufhin unwillig und noch immer sichtlich aufgebracht den Kopf. "Nein," grollte er ,"aber, Sir – sie hat nicht mal einen eigenen Besen und auch keinen Freund, soweit ich weiß! Und außerdem…"
"Gibt es denn überhaupt nichts, was wir tun könnten?" warf nun Harry voller Ungeduld ein. "Es macht mich ganz verrückt nur hier herum zu sitzen und auf ihre Rückkehr zu warten!"
"Ich fürchte nicht," erklärte Dumbledore nun mit der ihm ureigensten Sanftheit und einem ebenso vertaut bedauernden Lächeln. "Vielleicht mag es Gutes und einige Klarheit bringen, die Dinge zunächst einmal zu – überschlafen."
Dem Ansturm des Protestes, der ihm daraufhin von den Dreien entgegenbrandete, hob er in defensiver Geste der Beschwichtigung die Handflächen entgegen.
"Unsere Träume können eine große Hilfe sein, Aspekte aus den tiefsten Tiefen unserer Selbst ans Tageslicht zu bringen. Unterschätzen Sie das bitte nicht. Keinerlei Fesseln oder Beschränkungen scheinen ihnen auferlegt. Weder gelten für sie die Grenzen unserer Vorstellung der Realität, noch unterliegen sie den Gesetzen des vermeidlichen Gefüges von Raum und Zeit… Ahhch die Träume..."
Λ
X
Mit einem abgrundtiefen Seufzer schloss Tom Riddle auch jenes Buch über 'Vergessene Sprachen der Magischen Welt', in dem er zuletzt gelesen hatte. So heftig, dass kleine Staubflocken in der Luft zu tanzen begannen und der Widerhall, den stillen, ehrwürdigen Raum erfüllte.
Auch dies hatte ihn nicht weiter gebracht. Stunden hatte er damit verbracht. Weitere unsinnige Bemühungen eine unlösbare Aufgabe zu bewältigen.
Er war ein Narr, wenn er immer noch glaubte es herausfinden zu können. Selbst Professor Futhark glaubte, dass es sich bei der Abschrift um einen sehr alten, doch nicht minder dummen magischen Ulk handeln musste…
Er hätte mit Ginny an den See hinunter gehen sollen, statt sich wie ein Idiot zu benehmen, als sie ihm in die Bibliothek hatte begleiten wollen. Sie hätten am Ufer entlang durch die Abenddämmerung schlendern und einander kennenlernen können...
Er seufze und rieb dann das Gesicht in den Händen. Diese Aufgabe, die er sich gesetzt hatte, welche ihm aufgebürdet worden war, war ermüdend, desillusionierend und schlicht und ergreifend – unlösbar. Niemals würde er ihren Sinn ergründen – nie!
Wer schon mochte irgendeinen Sinn in jenem unleserlichen, erbärmlichen Gekrakel zu erkennen?!
In dem frustrierten Versuch, sich selbst seine abgrundtiefe, vernichtende Niederlage einzugestehen und die bittere Wahrheit somit ein für alle mal anzuerkennen, begann er die seltsamen Worte mit den Lippen zu formen – kein Mensch, so glaubte er, konnte so etwas aussprechen – doch da auf einmal, ergab alles einen Sinn!
Weich und fließend fügten sich die Silben mit dem Klang seiner Stimme ineinander und ließen die Worte Salazar Slytherins in seinen eigenen Ohren erschallen:
So du diese Zeilen ließt, mein Nachkomme, der du mit der Schlangen Zunge zu sprechen vermagst, so werde ich längst vergangen sein. Höre nun mein Vermächtnis an dich:
Ich wünschte, ich könnte Besseres hinterlassen. Etwas, welches dem Zahn der Zeit mehr entgegenzusetzen vermöchte, doch es sind finstere Tage, bar so vieler Hoffnungen, nun, da meine Freunde sich von mir und meinen Überzeugungen abgekehrt und mich verstoßen, ja gleichsam geächtet haben.
Es bleibt nicht viel Zeit. Innerhalb weniger Stunden schon, werde ich dieses Schloss auf ewig verlassen müssen und dies scheint mir der einzige Weg mich dir mitzuteilen.
Nun, da ich nicht länger willkommen bin in jenen Hallen, die ich selbst vor nicht allzu langer Zeit zusammen mit meinem Cousin Goderic Gryffindor und den beiden wohl fähigsten Hexen unserer Tage errichtet habe – Helga Hufflepuff und Rowena Ravenclaw.
Meine Pläne sind gescheitert. Nichts mehr als Schall und Rauch möchte man sagen – und zu meinen Lebzeiten schier unmöglich in die Tat umzusetzen. Doch – glücklicherweise – habe ich dereinst eine Kammer angelegt, tief unter dem tiefsten der Kerker – noch unter dem See sogar, einzig um dort einen Vertrauten zu bergen, welcher dir – und nur dir – folgen wird um mein Werk zu vollenden.
All meine Hoffnungen und Erwartungen ruhen nun auf dir, mein Nachfahre – mein Erbe. Die Runen kündeten mir, das du fern meiner Tage in der Zukunft leben wirst. Ich vermag nicht zu sagen, wie viele Jahre, oder gar Jahrhunderte vergehen werden, ehe du dieses Pergament in deinen Händen halten wirst – doch du wirst kommen, soviel ist gewiss.
Man sagt, Parsel könne weder geschrieben, noch gelesen werden. Sieh – dies entstricht nur zum Teil der Wahrheit, denn Parsel ist in der Tat keine erlernte, sondern eine angeborene, eine vererbte Fähigkeit.
Versuche ich diese Zeilen zu lesen, ohne sie auszusprechen, so ist es mir ebenso unmöglich, wie jedem anderen. Erst das gesprochene Wort erweckt sie zum Leben, entfaltet ihren Klang und enthüllt somit die Wahrheit.
Eine verzauberte Feder halte ich in meiner Hand – angewiesen eben jene Worte niederzuschreiben, die mir eben gerade jetzt über die Lippen kommen. Siehe also, dass es somit durchaus möglich ist Parsel niederzuschreiben, sofern Verfasser und Leser jenen Worten den Klang und die Zuversicht ihrer Stimme verleihen!
Da du meinen Zeilen bis hierher gefolgt bist, so müssen sie dir ihren Sinn enthüllen, was beweist, dass du in der Tat ein Parselmund bist – wie ich es bin.
Dir also gelten meine Worte – mein Nachkomme – dir allein und nur dir…Meine Hoffnung, mein Erbe... So höre nun, lausche also dem Klang deiner eigenen Stimme, zu erfahren, was ich zu berichten vermag:
Wir schreiben das Jahr 1002. Mein Name ist Salazar Slytherin und ich bin ein Zauberer –
Ein lautes klatschendes Geräusch und ein Scheppern ließen Toms Aufmerksamkeit in die Gegenwart zurückkehren. Irgendein dummer Erstklässler hatte sein Tintenfass zu Boden gestoßen und nun ging ihm die wutentbrannte Bibliothekarin an die Gurgel. Gewissermaßen…
Nach einigem Gezeter und einer Reihe von Reinigungszaubern, scheuchte sie den unglücklich dreinblickenden Jungen und seine Freunde schließlich aus der Bibliothek. Mit einem Stirnrunzeln bemerkte Tom, dass der Nachmittag bereits vergangen war.
Warmes, goldenes Abendlicht flutete statt den Strahlen der Nachmittagssonne durch die hohen, spitzbogigen Fenster herein und nun, da sich der sonnige Tag seinem Ende neigte, strömten mehr und mehr seiner Mitschüler in die Bibliothek – offenbar entschlossen, nach den sonnigen Stunden süßen Nichtstuns nun doch noch einige Aufgaben erledigt zu bekommen.
Es kam somit ganz und gar nicht in Frage, den Text zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch einmal zu lesen. Nicht hier – nicht, wenn er, wie er nun wusste die Worte mit der Stimme formen musste um sie zu verstehen.
Wie gut, dass er wenigstens das herausgefunden hatte!
Mit einem durchaus zufriedenen Lächeln rollte er also das Pergament einstweilen zusammen und schickte sich an die Bibliothek zu verlassen. Salazar Slytherin hatte deutlich gemacht, dass es nur seinem waren Erben gelingen mochte, das Pergament zu lesen – und das konnte er! Was bedeutete, das diese Zeilen – diese Jahrhunderte alte Geheimnis – für ihn bestimmt war. Für ihn allein!
Doch wie sehr er auch darauf brannte zu erfahren, was sonst ihm Salazar Slytherin hatte mitteilen wollen – es musste sich in Geduld üben. Vielleicht würde sich später – in der stillen Stunden der Nacht – eine Möglichkeit dazu ergeben…
Λ
X
Ginny Weasley konnte nicht schlafen. Zu viel hatte sich an diesem Tag ereignet. Zu viele neue und viel zu viele altvertraute nun plötzlich so unermesslich 'junge' Gesichter waren ihr begegnet.
Von den unerwarteten sommerlichen Temperaturen ganz zu schweigen… Es war eine Nacht, in der sie sich zu Hause in ihrer eigenen Zeit ganz gewiss hinausgeschlichen hätte um auf einer der entlegenen Wiesen am Waldrand zu tanzen und heimlich in der Kühle des Sees zu schwimmen, bis all die Spannungen und Kümmernisse des Tages von ihr abfielen.
Hier jedoch – in dieser Zeit – wagte sie dergleichen nicht.
So warf sie sich also zum wiederholten Male voller Unruhe in dem noch so fremden Bett herum, versuchte eine Position zu finden, die sie zur Ruhe kommen und einschlafen ließ. Doch vergebens. Der Schlaf wollte sich einfach nicht einstellen. Seit Stunden, wie es schien, klangen ihr dabei die gleichförmigen, tiefen Atemzüge ihrer Mitschülerinnen in den Ohren, bis sie es schließlich – es musste bereits weit nach Mitternacht sein – nicht länger aushielt.
Trotz der quälenden Unruhe schlüpfte Ginny so nun also so vorsichtig, wie es nur irgend ging aus dem Bett. Leise wie ein Schatten, um nur ja keines der anderen Mädchen zu wecken, glitt sie zur nächstgelegenen Fensternische hinüber.
Mondlicht umfing sie, als sie zwischen den schweren, dunklen Samtvorhängen hindurch schlüpfte. Mondlicht in den grün und gelblichen Fensterscheiben gespiegelt, geheimnisvoll und unergründlich, flutete ihr entgegen.
Langsam und mit großer Behutsamkeit zog Ginny den schweren schmiede-eisernen Bolzen zurück und öffnete das Fenster.
Groß, schwer und geheimnisvoll stand der Mond über dem See. Zeitlos, unbeteiligt und wunderschön…
Der silberne Glanz seines Lichts tanzte und glitzerte auf den unzähligen Wellen zu denen der Nachtwind die weite Wasseroberfläche kräuselte.
Der betörende, weiche Duft des Sommers erfüllte die samtene Luft und der Gesang der Zikaden und Frösche erklang vielstimmig und beständig aus den dichten, hohen Gräsern des Ufersaumes.
Der Wunsch dort hinunter zu gehen und sich inmitten der hohen Gräser dort niederzulassen um die Schönheit der Nacht und des Mondlichts mit all seiner damit einhergehenden Verzauberung auf sich wirken zu lassen, wurde geradezu übermächtig.
Wäre sie doch nur in ihrer eigenen Zeit und mehr noch – ihrem eigenen Haus – gewesen, so hätte sie dies bestimmt getan, hätte ihr bodenlanges weißes Nachthemd abgestreift und dort, inmitten der geheimnisvoll flüsternden, gelblichen Gräser zurückgelassen um aus dem Schutz des raschelnden, gräsernen Ufersaumes heraus in das im Mondlicht glitzernde Wasser zu gleiten.
Wie – herrlich – das jetzt wäre... Doch hier? In dieser Zeit?! In einer Zeit, da die Konventionen so sehr viel strenger und kompromissloser ausgelegt zu sein schienen als ihrer Tage... Niemals – würde sie so etwas wagen!
Was, wenn sie dabei jemand entdeckte!?Unwillkürlich runzelte sie die etwa, oder dieser schreckliche Professor Futhark – oder – Tom?!
Sie würde – tot –umfallen, wenn sie ihm bei einer derartigen Exkursion über den Weg liefe!
Schon bei dem bloßen Gedanken daran wurde sie rot. Doch lächelte sie unwillkürlich, bei der Vorstellung, dass es ihm vermutlich nicht viel besser ginge.
Sie kicherte ein wenig hysterisch, sah sie doch die Schlagzeile im Tagespropheten praktisch vor sich: ‚Voldemort im Teenageralter vor Schreck tot umgefallen – Magische Welt gerettet!' Ginny Weasley leugnet Heldentat: ‚Ich wollte doch nur im Mondlicht schwimmen...'
Ein weiters, unterdrücktes Kichern löste sich aus ihrer Kehle, kam mehr wie ein Glucksen heraus und es schien mehr als offensichtlich, dass ihre angespannten und aufgekratzten Nerven im Begriff waren nun vollends über die Stränge zu schlagen.
‚Vielleicht,' so dachte sie, ‚machten Zeitreisen aber auch ganz einfach nur ein bisschen verrückt!'
Diesmal platzte sie fast vor Lachen und klappte im nächsten Moment erschrocken die Hand über die Lippen. Angespannt lauschte in die Dunkelheit ihres Schlafsaales – doch alles blieb still.
Ein hastig gemurmeltes ‚Muffliato' hätte sicher Abhilfe zu schaffen vermocht, wenn ihr Zauberstab nicht – dummerweise auf ihrem Nachttisch gelegen hätte – irgendwo dort, in der Dunkelheit des Schafsaales. Es war aber auch wirklich zu blöd!
Mit einem abgrundtiefen Seufzer lehnte Ginny die erhitzte Stirn gegen das kühle Glas des Fensters und schloss für einen Moment die Augen um ihre aufgewühlten Sinne zu beruhigen. Wie gern sie jetzt da draußen wäre, mit nichts als Wasser und Mondlicht um sich herum. Wie schön wäre es, in der Kühle des Sees zu schwimmen und dabei dem Plätschern und Glucksen der Wellen die sie umgaben zu lauschen, dem Flüstern und Säuseln des Windes, wie er durch die Wipfel des Verbotenen Waldes strich, dem Rascheln und Wispern des trockenen Sommergrases – all den verlockenden, geheimnisvollen Geräuschen der Nacht ringsumher... Das Herz klopfte ihr bis zum Hals.
Wie gern sie jetzt dort wäre! Und – dennoch, eine derartige Exkursion kam nun einmal definitiv nicht in Frage! Leider...
Es hatte allerdings auch überhaupt keinen Sinn in ihr Bett zurückzukehren, denn schlafen konnte sie nun ganz sicher nicht! Nun, da sie eine derartige Sehnsucht nach der Freiheit einer Sommernacht in sich verspürte schon gar nicht mehr!
‚Was sonst aber konnte sie tun? In Slytherin, mitten in der Nacht?'
Wieder unterdrückte sie ein Kichern – doch es gelang ihr nur äußerst mühsam und sehr unzureichend.
Auf jeden Fall musste sie ganz dringend hier raus! Sie würde sonst noch durchdrehen, vor Anspannung, soviel stand fest.
Sie beschloss daher, einfach hinunter in den Gemeinschaftsraum zu gehen um erst einmal zur Ruhe und mit all ihren Gedanken ins Reine zu kommen.
Allein der Gedanke an Licht und Bewegung ließ sie aufatmen und sorgte dafür, dass sie sich sogleich ein wenig besser fühlte. Und sie hatte Bücher dort unten gesehen, zu beiden Seiten des hohen, schmalen Kamins. Ganz gewiss würde sie dort irgendetwas Lesbares finden. Es würde sie beruhigen, ganz sicher!
So leise als nur irgend möglich schloss sie also den Fensterflügel und schlüpfte wieder durch die Lücke zwischen den Vorhängen hindurch.
Die samtene Schwärze des Raumes umfing sie. Nach der in Mondlicht getauchten Fensternische erschienen ihr die Schatten darin beinahe undurchdringlich und es brauchte einen Moment ehe sich ihre Augen an diese neuerliche Veränderung der Lichtverhältnisse gewöhnt hatten.
Erst als sich sicher sein konnte, nicht versehendlich über einen Koffer, ein Buch, oder irgendein herumliegendes Kleidungsstück zu stolpern, ging sie schließlich zur Tür hinüber und schlüpfte hinaus auf den Korridor.
Das sie hier nicht im Gryffindor Turm war, hätte nicht offensichtlicher sein können. Nur eine einzelne Fackel erhellte den Gang und minderte somit die Schatten, welche darin zu lauern schienen – hinter jedem Vorsprung und jeder Ecke und der zuckende, tänzelnde Feuerschein reichte dabei gerade aus, um die Stufen der Wendeltreppe zu beleuchten, die in den Gemeinschaftsraum hinabführte.
Ginny hatte den Fuß der Treppe noch nicht ganz erreicht, als sie das Geräusch zum ersten Mal hörte.
Es klang, auf geradezu seltsam, erschreckende Weise vertraut, obgleich sie nicht zu sagen vermochte, wieso. Es war… Das leise, zischende Geräusch – einer Schlange…
Da war ein Lichtschein unten im Gemeinschaftsraum und das Geräusch – was immer es war – kam definitiv von dort. Zögernd trat sie näher, in der Hoffnung herauszufinden, was da vor sich ging. Der Saum ihres langen weißen Nachthemds bauschte sich um ihre Knöchel als sie nun langsam und behutsam auch die letzten die Stufen gewendelten Treppe hinabstieg. Ihre nackten Füße verursachten kein Geräusch auf den ausgetretenen Steinstufen.
Schritt für Schritt wagte sie sich weiter vor, bis sie schließlich unter dem steinernen Torbogen stand, der in den Gemeinschaftsraum führte.
Das zischende Geräusch war jetzt lauter und sehr viel deutlicher zu hören und wenngleich Ginny auch noch immer nichts zu erkennen vermochte, der Klang dieses Zischens allein erschien ihr bedrohlich – beängstigend. Gänsehaut breitete sich auf ihren bloßen Unterarmen aus und das Nackenhaar sträubte sich ihr – buchstäblich!
Es wäre gewiss das Klügste – ja einzig Vernünftige – gewesen auf dem ‚Absatz' kehrt zu machen und auf direktem Wege zurück in ihr Bett zu schlüpfen, doch dazu war sie nicht hier.
Neugierde überwältigte sie und ließ sie sich – allen Widrigkeiten zum Trotz – weiter vorwagen. Immer mehr, bis sie schließlich aus dem schattenverhangenen Winkel bei der Eingangstür ins Licht trat. Doch erst in jenem Moment, da sie es sah, siegte die Erkenntnis über alle Neugier – und jähes Begreifen ließ das Blut in ihren Adern gefrieren.
AN: OTHILIA, nach der dieses Kapitel benannt ist, ist eine Rune, welche im engeren oder übertragenen Sinne Besitz oder materiellen Wohlstand bedeuten mag, welcher innerhalb einer Familie von Generation zu Generation weitervererbt wird.
Sie mag allerdings auch eine ererbte Fähigkeit oder Gabe bezeichnen und sich so auf – ebenso innerhalb einer Familie weitergegebene – Talente und Werte – sowie die spirituelle Macht der Vorfahren beziehen.
Othilia stellt das O im Runenalphabet dar und ist die vierundzwanzigste Rune des älteren Futhark.
Die Form der Rune ähnelt in etwa dem kleinen Zeichen zwischen den einzelnen Absätzen, jedoch ohne die Lücke zwischen Dach und X.
Ich hoffe, das Kapitel ist nicht allzu lang geworden – aber irgendwie gehörte es meiner Ansicht nach inhaltlich schlüssig zusammen.
Herzliche Grüße, Serpentina
PS.: Ich habe mir die Freiheit genommen die Übersetzung 'Vorlost' zu ignorieren und bin bewusst bei 'Marvolo' geblieben.
Quellennachweis:
Die mit *Ziffer)gekennzeichneten, kursiv gedruckten Abschnitte bezeichnen die entsprechenden Textstellen aus Harry Potter und der Halbblutprinz, wobei die beiden Ersten lediglich frei wiedergegeben wurden. *1), *2)
Einzig Morfin Gaunts Worte wurden wortgetreu übernommen. * 3)
Andere kursiv gedruckten Wörter oder Formulierungen sind keine Zitate, sondern dienen lediglich der Betonung oder Hervorhebung.
* 1) frei nach: Harry Potter und der Halbblutprinz, Kapitel 12, Seite 273
* 2) frei nach: Harry Potter und der Halbblutprinz, Kapitel 12, Seite 278
* 3) Harry Potter und der Halbblutprinz, Kapitel 10, Seite 207, (Zeilen 25-28.)
