Das Rätsel von Hogwarts
Kapitel 6 -ANSUZ-
Es war das Tagebuch.
Einen Herzschlag lang zögerte Ginny. Sorgsam und genau spähte sie in beide Richtungen, doch es war niemand zu sehen. Ein feiner Schleier von Staub schwebte beinahe unbeweglich in den breiten Bahnen aus Sonnenlicht, welche durch die weit geöffneten Fenster an der Westseite des Schlosses hereinfluteten.
Das einzige Geräusch weit und breit, war das vereinzelt aufbrandende Lachen ihrer Mitschüler dort draußen auf der sonnendurchfluteten Wiese am See. Sie schien ganz allein in dem großen weiten Raum zu sein. Selbst die Bibliothekarin war damit beschäftigt einige Bücher in einem anderen Teil der Bibliothek einzusortieren und daher nicht zugegen, um sie zu beaufsichtigen.
Und Tom – ganz offensichtlich war er zwar durchaus irgendwo hier, in der Bibliothek, doch nicht in der Nähe, wie es schien – und wenn sie sich beeilte, vielleicht könnte sie dann...das kleine schwarze Buch... einfach… an sich bringen…
Das Tagebuch.
Nie hätte sie erwartet es jemals wiederzusehen. Natürlich jedoch existierte es in dieser Zeit. Ganz frisch und neu war es – jetzt. Sie fragte sich, ob es überhaupt schon verzaubert worden war, Toms Erinnerungen in seinem Inneren zu bergen, doch, wenn sie es sich recht überlegte, so war das kaum möglich. Die Kammer des Schreckens war noch nicht geöffnet worden und Tom würde ein wichtiges, magisches Artefakt auch niemals in derartiger Weise herumliegen lassen.
Langsam und zögerlich trat sie näher, wagte sich Schritt für Schritt weiter an das kleine Objekt heran und blickte dabei mehr als einmal nervös über die Schulter zurück. Noch immer war niemand zu sehen. Es schien die perfekte Gelegenheit, das kleine Buch in die Hände zu bekommen, wäre da nicht jene kleine, nörgelnde Simme in ihrem Unterbewusstsein gewesen, die ihr ungebeten und überaus hartnäckig zuraunte, dass es einfach nur – falsch – war, in das Tagebuch eines anderen zu sehen, selbst wenn es einem Jungen gehörte, der einmal der finsterste, böseste Zauberer sein würde, den die Welt je gekannt haben mochte.
Doch dann war es schließlich einst – oder würde einmal ihr Tagebuch sein – dereinst in der Zukunft. Oder etwa nicht?
Während sie also nun noch immer inmitten der Bibliothek stand, mit sich ringend, ob sie diese sich so unerwartet bietende Gelegenheit nun ergreifen sollte, oder nicht – ließ sie das plötzliche Herannahen von Schritten auf den alten hölzernen Dielen jäh begreifen, dass sich jemand aus der Richtung der Verbotenen Abteilung näherte. Und – es bestand wohl kein Zweifel, um wen es sich dabei handelte.
Gequält von Gewissensbissen und einem Herzen voller Furcht huschte Ginny in den Schutz der ersten Reihe hohen Bücherregale hinüber. Sorgsam darauf bedacht jedes Geräusch zu vermeiden, zog sie eines der Bücher heraus, um durch den entstandenen Spalt zu spähen.
Sie hatte recht gehabt.
Es war Tom.
Er trug einige staubbedeckte, sehr alt anmutende Bücher, die er offenbar gerade aus der Verbotenen Abteilung 'entfernt' hatte.
Wieder spürte Ginny wie sich ihr das Nackenhaar sträubte, sie wagte kaum zu atmen. Es war unübersehbar, dass hier gerade etwas Verbotenes und Geheimnisvolles vor sich ging und – sie glaubte zu wissen, um was es sich dabei handelte…
Er suchte nach dem Eingang zur Kammer des Schreckens. Nun – dachte sie mit einem Anflug heftiger Bitterkeit – sie hätte ihm allzuleicht den Weg dorthin zeigen können. Vielleicht, so schoss es ihr durch den Sinn – wenn sie nun den Eingang zur Kammer zerstörte – vielleicht konnte sie dann verhindern, dass er …. Aber nein. Nein, das wäre nicht genug um einen Dunklen Magier daran zu hindern, sich zu erheben… Dazu musste sie mehr aufbieten und weit tiefer ansetzen – sie müsste ihn dazu bringen, seine Einstellung Muggelgeborenen und Muggeln gegenüber zu überdenken und das Bild zu wandeln, welches er von ihnen zu haben schien, wenn sie ihn von seinen Plänen abbringen wollte.
Diese Aufgabe würde allerdings alles andere als leicht werden, da sie selbst als in eine durch und durch magische Familie hineingeborene und gänzlich mit der Welt der Magie verbundene Hexe, ihm wohl kaum irgendetwas Neues über die Muggelwelt erzählen konnte – trotz ihrer Bekanntschaft mit Hermione und trotz ihres eigenen, ach so muggelbegeisterten Vaters – und Tom, nachdem er die ersten elf Jahre seines Lebens in einem Waisenhaus in der Muggelwelt zugebracht hatte, wohl weit mehr darüber wusste, als Ginny je ergründen mochte.
Wenn sie nur wüsste, was sie tun sollte... Denn irgendetwas musste sie tun – soviel stand fest. Vielleicht – ja, vielleicht war es das Beste, ihn zunächst zu beobachten. Ihm zu folgen – lautlos, wie ein Schatten – während er sich darauf vorbereitete, seinen Plan in die Tat umzusetzen...
Ganz plötzlich verlor eines der Bücher in der Lücke durch die sie spähte seinen sicheren Stand. Mit einem leisen Rumpeln fiel es zur Seite, gegen das nächste – welches allerdings – zu Ginnys grenzenloser Erleichterung – Stand hielt. Dennoch biss sie sich voller Nervosität auf die Lippen. Was wenn er dies gehört hatte?!
Im nächsten Moment jedoch, schien diese Frage beantwortet.
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Mit einem unwilligen Stirnrunzeln unterbrach Tom seine Lektüre und blickte von dem kleinen staubigen Büchlein auf, in das er sich gerade zu vertiefen begonnen hatte. Er hatte ganz eindeutig etwas gehört. Voller Misstrauen blickte er sich um. Seine Augen wanderten suchend in dem weiten Raum umher, glitten über Regale und Tische hinweg, bis sie sich auf einmal vor Überraschung weiteten. Dort drüben, ein paar Tische entfernt, lag eine einzelne Tasche, die eben noch nicht da gewesen war!
Er war also nicht länger allein hier drinnen. Irgendjemand musste in die Bibliothek gekommen sein, während er in der Verbotenen Abteilung gewesen war und suchte nun vermutlich selbst nach irgendeinem Buch – dort drüben, von wo er das Geräusch vernommen hatte. Eine einfache Erklärung, doch keine sonderlich erfreuliche Erkenntnis.
Er hatte keine Ahnung, um wen es sich handelte, doch es störte ihn. Es störte ihn sogar sehr! Er war so sicher gewesen, das er die Bibliothek an einem strahlenden Sommernachmittag wie diesem verlassen vorfinden würde. Ganz offenbar hatte er sich da allerdings geirrt – und er schätzte diese unerwartete Gesellschaft überhaupt nicht. Er wollte seine Ruhe, wollte – allein sein – unbedingt!
Leise vor sich hin fluchend, raffte er daher seine Schulbücher und Schreibmaterialien zusammen und schob sie alle ein wenig fahrig zurück in seine Schultasche. Dann presste er, nach einem verstohlenen Blick über die Schulter, die Bücher aus der Verbotenen Abteilung kurzerhand gegen die Brust und schlug seinen Umhang darüber, ehe er aus der Bibliothek stürmte, um einen besseren – ungestörten Leseplatz zu suchen.
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Erst als die schwere hölzerne Tür hinter ihm ins Schloss fiel, wagte es Ginny aufzuatmen. Er hatte sie nicht entdeckt. Zunächst verspürte sie nichts als Erleichterung, dann jedoch fiel ihr Blick auf ein kleines schwarzes Objekt, das Tom bei seinem überstürzten Aufbruch übersehen haben musste.
Vergessen unter dem Tisch lag – das Tagebuch.
Es musste zu Boden gefallen sein, als er seine Sachen so eilig zurück in die Tasche gepackt hatte.
Nun – alle Zweifel und Gewissensbisse in Ehren – da drüben unter dem Tisch lag das kleine schwarze Buch mit dem all dies begonnen hatte und welches ihr so viele Tränen, Furcht und dunkle Träume beschert hatte. Jenes Tagebuch, in das sie ihr unschuldiges Herz ausgeschüttet hatte und aus dessen Seiten ihr mehr Verständnis und Anerkennung entgegengeschlagen waren, als sie sie in der realen Welt je erfahren hatte… Tom Riddels Tagebuch – das sie, so irrational dies auch sei, so schmerzlich vermisst hatte und dessen Zerstörung sich als körperlich, realempfundener Schmerz – tief und dauerhaft in ihre Seele gegraben hatte…
Es lag einfach dort – zum Greifen nahe und eine solche Gelegenheit konnte sie sich einfach nicht entgehen lassen!
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Unten im Gemeinschaftsraum der Slytherins fluchte Tom abermals verhalten vor sich hin. Er konnte sein Tagebuch nicht finden! Er wusste nicht einmal, warum der das verflixte Ding überhaupt hierher nach Hogwarts mit genommen hatte. Doch er war sicher, es an diesem Nachmittag noch zwischen seinen Büchern gesehen zu haben – nun jedoch mochte er seine Tasche durchwühlen so viel er wollte, es blieb verschwunden…
"Was machst du?" fragte eine weibliche Stimme hinter ihm und ließ ihn vor Überraschung wie elektrisiert herumfahren.
Sie war es! Ginny…
Zu seiner übergroßen Verärgerung, bemerkte er, wie sein Herz vor Schreck und Überraschung einen Sprung tat und er spürte überdeutlich, wie ihm die Röte langsam aber stetig vom Hals an bis in die Wangen hinaufkroch. Von allen Augenblicken des Tages – musste sie ihn da ausgerechnet dabei überraschen, wie er – wie ein Idiot – in seiner Tasche herumwühlte?! Er fühlte sich auf einmal entsetzlich ungeschickt und geradezu idiotisch als er jetzt begann seine Sachen erneut so rasch wie möglich zurück in seine Tasch zu packen, dismal noch eiliger und unkoordinierter, als zuvor, jetzt, wo sie da stand und zusah. Trotzdem war er einfach nur unglaublich froh, dass sie da war und sogar wieder mit ihm sprach. Immerhin war sie ziemlich verärgert gewesen, als er sie am Tag zuvor beim Betreten der Bibliothek hatte hinauskomplementieren müssen um ungestört mit seiner Recherche fortfahren zu können, das hatte er deutlich gemerkt. Er hatte sogar schon in Erwägung gezogen sie von sich aus darauf anzusprechen… Jetzt jedoch verwarf er den Gedanken. Besser nicht daran zu rühren, bevor es sich um Kopf und Kragen reden und die Dinge wohl möglich noch schlimmer machen mochte. Entschuldigungen lagen ihm einfach nicht. Er wäre ohnehin nicht gut darin, dessen war er ganz sicher. Und doch ärgerte es ihn, dass sie denken mochte, er habe sie einfach nur loswerden wollen. Warum zur Hölle, war das alles bloß so kompliziert?! Das war ja nicht auszuhalten! Ach – wenn er doch nur die Möglichkeit gehabt hätte, mehr Zeit mit ihr zu verbringen…
Doch er war nun einmal fest entschlossen, mehr über seinen Vorfahren und dessen Vermächtnis zu erfahren – und da konnte er sich einfach nicht die Zeit nehmen, irgendeinem Mädchen nachzulaufen – so sehr er das auch bedauern mochte…
Trotzdem war er außerordentlich aufgewühlt, nun, da sie so plötzlich und unerwartet neben ihm stand und ihn anlächelte. Erfreut, irgendwie, doch auch sehr verwirrt… Ein wenig irritiert kratzte er sich am Ohr.
"Du – hast nicht zufällig ein kleines schwarzes Buch irgendwo herumliegen sehen, oder?" fragte er in dem raschen Versuch seine Verwirrung zu überspielen.
Ein wenig überrumpelt starrte sie ihn an, ehe der Hauch eines weiteren unergründlichen Lächelns über ihr Gesicht huschte. 'Sie hält mich jetzt sicher für einen kompletten Idioten,' schoss es ihm durch den Kopf. Verärgert runzelte er die Stirn.
"Wieso?" fragte sie dann auf einmal und deutete mit einem Nicken zu seiner überaus unordentlich zusammengepackten Tasche hinüber, "ist es das, was du suchst?"
Er nickte und fühlte sich schon wieder, ziemlich unwohl bei der ganzen Sache. "Ja," erklärte er so leichthin, wie nur eben möglich und hob gespielt gleichmütig die Achseln, "aber es ist jetzt auch nicht – so – wichtig. Nein, eigentlich gar nicht! Es sollte schon längst Zeit für das Abendessen sein, oder? Na komm, lass uns in die Große Halle hinaufgehen."
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Nachdenklich entlies Albus Dumbledore seinen zahmen Phönix zurück auf seine Sitzstange, ehe er das Klopfen an der Tür beantwortete.
"Ah, Minerva," bemerkte er mit einem Lächeln, "du bist es. Wie nett. Komm doch bitte herein. Magst du vielleicht eine Tasse Tee mit mir trinken?"
Als er ihre Anspannung bemerkte, wandelte sich sein Lächeln zu Besorgnis. "Ist – irgendetwas nicht in Ordnung, meine Liebe?"
Professor McGonagall holte tief Atem, ehe sie zu einer Antwort ansetzte. "Nun, um es genau zu sagen… ich weiß es nicht, Albus," erklärte sie, die schmalen Lippen zu einem Strich gepresst. "Aber du hast sicher recht, eine Tasse Tee scheint mir eine überaus gute Idee zu sein."
"Nun denn," versicherte er begütigend und führte sie mit einem aufmunternden kleinen Lächeln in das angrenzende Wohnzimmer hinüber, wo er ein zerbrechliches, orientalisch anmutendes Teeservice aus der Luft griff. Dann ergriff er eines der scharlachrot und golden verzierten Gläser, lies einen Zweig frischer Minze hineinfallen ehe er das Wasser aufgoss. Beinahe augenblicklich verbreitete sich ein aromatischer Duft.
"Was ist denn nur geschehen, liebe Freundin?" fragte er sanft, als er ihr nun eines der beiden Gläser reichte.
Professor McGonagalls Lippen waren erneut zu einem schmalen Strich zusammengepresst, wie immer, wenn sie nervös und angespannt oder schlicht und ergreifend verärgert war.
"Ich danke dir," murmelte sie noch immer sichtlich angespannt und rutschte voller Unruhe auf dem angebotenen Platz hin und her. "Ich weiß nicht, Albus," begann sie dann schließlich erneut, wenngleich sehr zögerlich, "Nun, ich mag mich irren, aber – sieh al, da sind all diese überaus verwirrenden Träume… und ich… ich weiß nicht…"
"Träume?" fragte Dumbledore nun sichtlich überrascht. "Ich dachte immer, du gäbest nichts auf Dinge wie Vorhersagen und Träume, Minerva?"
"Da hast du schon ganz recht," versicherte sie nun mit deutlich gefassterer Stimme. "So dachte ich zumindest. Doch nun – nun ja… Diese Träume, sie betreffen Miss Weasley, Albus. Ich… ich bin mir ziemlich sicher, dass sie – hier – ist. Hier in Hogwarts. Damals. In der Vergangenheit! Ich bin ihr begegnet dort – in… in meinem vierten Jahr. Doch – sie ist keine Gryffindor Schülerin. Sie ist in Slytherin, Albus! Kannst du dir all das erklären?"
Sie setzte ihr Teeglas mit einem Klappern auf dem Tablett ab und warf dem älteren Zauberer dabei einen beunruhigten und beinahe flehendlichen Blick zu.
Dumbledore ließ den Blick seine blauen Augen für einige Zeit nachdenklich auf ihr ruhen, ganz als müsse er zunächst verarbeiten, was sie ihm da erzählt hatte, ehe er zu nicken begann. "Ja," bestätigte er schließlich mit größter Bedachtsamkeit, "ja, Fawkes sprach bereits davon."
Professor McGonagalls Augenbrauen hoben sich voller Erstaunen. "Fawkes, Albus?" fragte sie sichtlich überrascht.
"Ja, Fawkes, meine liebe Minerva," erklärte Dumbledore mit einem gütigen, beinahe schon zärtlich anmutenden kleinen Lächeln. "Wir führen des Öfteren unsere kleinen telepathischen Gespräche, wusstest du das etwa nicht?"
"Oh, emm, in der Tat?" fragte sie, eifrig darum bemüht sich ihre Verwirrung nicht anmerken zu lassen und begann weiteren Zucker in ihren Tee zu häufen. "Tut er das, ja? Und – was," sie räusperte sich, "was sagt er denn sonst noch?"
"Oh, dies und das," bemerkte Dumbledore betont gleichmütig, doch mit dem Hauch eines Zwinkerns in den blauen Augen. "Doch auch er hat Miss Weasley erwähnt, in den vergangenen Tagen und – Ich bin mir ziemlich sicher, dass deine 'Träume' auf realen Erinnerungen basieren, Minerva. 'Neuen' Erinnerungen, könnte man sagen, verstehst du?"
Professor McGonagall blickte mit einem für ihr Alter ungewohnten Scheu und Verwirrung zu dem weiß-haarigen Zauberer auf. Doch dann, waren 67 Jahre natürlich nicht – so – sonderlich alt für eine Hexe.
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Ein leichter Windhauch strich durch die langen, gelblichen Halme des Sommergrases. Der trockene Schilf raschelte im Nachtwind und dessen Klang mischte sich mit dem stetigen, gleichförmigen Geräusch der Zikaden und Frösche, welche ihr Nachtlied sangen. Der Mond war noch nicht aufgegangen, doch der sich nun rasch verdunkelnde sanftblaue Abendhimmel, welcher sich über dem alten Schloss und seinen Ländereien wölbte, wurde bereits von den ersten Sternen gesprenkelt.
Nach der Hitze des Tages war es erfrischend, einfach nur hier am Ufer des stillen Sees zu sitzen und dem Lauf der unzähligen kleinen Wellen mit den Augen zu folgen, bis sie gegen das Ufer wippten oder sich an den schmalen sandigen Stellen im Nichts verliefen. Es war die perfekte Atmosphäre, nach den aufwühlende Ereignissen eines anstrengenden Tages zur Ruhe zu kommen. Und er kam oft aus genau diesem Grund hierher. Heute jedoch, nahm sich der schwarz-haarige Junge, der dort verborgen inmitten der sanft raschelnden Halme saß, keine Zeit für derartige Betrachtungen.
Tom Riddle war festentschlossen nun endlich jenes mysteriöse Pergament mit dem Vermächtnis seines Vorfahren zu ende zu lesen. Hier draußen, wo er allein war. Wo ihn niemand stören würde…
Zuversichtlich richtete er also den Lichtschein seines Zauberstabes auf den Text und begann den seltsamen Silben durch den Klang seiner eigenen Stimme Bedeutung zu verleihen.
So du diese Zeilen ließt, mein Nachkomme, der du mit der Schlangen Zunge zu sprechen vermagst...
Nein. Das hatte er bereits zwei mal gelesen – kein Grund also, diesen Teil zu wiederholen. Großzügig übersprang er einige Zeilen, ehe er es erneut versuchte – … also gelten meine Worte – mein Nachkomme – dir allein und nur dir…Meine Hoffnung, mein Erbe... So höre nun, lausche also dem Klang deiner eigenen Stimme, zu erfahren, was ich zu berichten vermag:
Wir schreiben das Jahr 1002. Mein Name ist Salazar Slytherin und ich bin ein Zauberer –
Ja, das war die richtige Stelle! An welcher er – bereits zwei mal – unterbrochen worden war. Mit fiebriger Anspannung lehnte er sich vor, um fortzufahren – Alswir dereinst diese Schule gründeten, so hießen wir sie alle willkommen. All jene Maiden und Junker welche magisches Talent erkennen ließen – auch jene, welche nichtmagischen Familien entstammten. Meine Freunde bestanden darauf. Ich hingegen sehe die Sprösslinge, nichtmagischer Abstammung gar nicht gern an diesem Ort. Sollen sie bleiben wohin sie gehören. Bei Ihresgleichen – den Muggeln.
Sie können nicht ermessen, was es bedeutet ein Zauberer zu sein, begreifen nicht wie wir denken, 'sehen' und handeln. Unfähig sich in unsere Welt einzufühlen, werden diese Schüler und ihre Familien dennoch ihren nichtmagischen Angehörigen über uns berichten und dabei die Dinge auf das unsäglichste fehlinterpretieren und verzerren… Misstrauen und Furcht werden wachsen und auflodern und werden uns schon bald, wild und unkontrolliert – einer Flamme gleich – als blanker Hass entgegenschlagen. Ich sage: Je weniger die Muggel über uns wissen – desto besser.
Nicht nur sind sie weit davon entfernt uns ebenbürtig zu sein – sie sind sogar – eine Gefahr. Wir müssen vor ihnen auf der Hut sein. Keiner der anderen Gründer schenkt meinen Warnungen Gehör, wenn ich sie zu überzeugen suche – doch ich habe weit in die Zukunft geblickt und Schrecken gesehen, welche über uns alle hereinbrechen und die Magische Welt bis in ihre Grundfesten erschüttern werden.
Noch achten uns jene Muggel, welche von unseren Fähigkeiten Kenntnis haben –verehren uns sogar und ersuchen uns um Rat – bald jedoch, schon sehr bald, werden sie anfangen uns zu misstrauen und damit anfangen Jagd auf uns zu machen. In gut 500 Jahresläufen jedoch, wird das Land von Schrecken jenseits unserer Vorstellungskraft erfasst werden, überzogen von Brand und Tod. Und nicht nur dieses. Nicht einmal die Muggel selbst werden vor jenen Schrecken, welche sie entfesseln gefeit sein. Und viele werden ihnen zum Opfer fallen. Nicht wenige von uns Hexen und Zauberern hingegen, werden in der Lage sein sich mit Hilfe ihrer –Magie zu retten und all dem zu entkommen – jedoch nicht alle… denn so ihm der Zauberstab genommen wird, so ist ein Zauberer gemeinhin tatsächlich beinahe ebenso hilflos wie ein Muggel…
Wir müssen daher dazu übergehen uns in jenen Künsten zu üben, welche gemeinhin als 'Schwarze Magie' bezeichnet werden, von jenen, welche nicht zu begreifen vermögen. Ein jener 'Dunklen Künste' kundiger Zauberer, benötigt keinen Zauberstab um sich zu verteidigen. Er mag ihm weiterhin dienlich sein, den Zauber deutlich zu fokussieren, doch er wird ihn nicht zwingend brauchen. Die ‚Dunkle Magie' ist die weit aus Stärkere. Daran besteht überhaupt kein Zweifel. Ich habe sie studiert und praktiziert und ich bin bereit. Ich vermag nicht zu sagen, in welche Zeit du hineingeboren werden wirst; ob du jenen Schrecken begegnen wirst, welche ich vorhergesehen habe, oder ob du noch weiter – viel weiter, in ferner Zukunft leben wirst; doch ich weiß, dass du kommen wirst.
So habe ich also einen Vertrauten hinterlassen, tief unter dem Grund dieser Hallen und Flure, welcher deinen Worten folgen wird und dir zu helfen vermag, dies Schloss von all jenen zu befreien, welche nicht würdig sind Magie zu studieren.
Mein Erbe; so einfach es klingen mag, diese Geheimnisse zu lüften und mein schlummerndes Vermächtnis zu wecken, so musst du dabei doch wachsam und mit großer Bedachtsamkeit vorgehen, denn wisse; als ich einst diesen Weg zu beschreiten begann, da erkämpfte ich ihn mir – mühsam und unter großen Opfern, doch mit fester Überzeugung. Welche nun letztlich zu meiner Verbannung führt.
Es ist nicht an mir, dich in alle dies Geheimnis betreffenden Aspekte einzuweihen, noch dir Instruktionen zu geben oder dich gar anzuleiten. Du wirst dich deiner ererbten Fähigkeiten besinnen müssen und Scharfsinn, List und Schläue benötigen, um auf deinem Weg voranzukommen. Erweise dich als würdig.
Dies Schloss 'lebt und atmet', wie es scheint mit dem Wesen und nach dem Willen der Vier Gründer und nichts geschieht zufällig darin. Selbst die Treppen bewegen sich nicht ohne Grund. Wenn du nun also im rechten Moment auf die richtige von ihnen trittst – und die richtigen Worte zu sprechen vermagst – so wird sie dich an jenen Ort führen, den ich für dich bereitet habe…
Und diese Worte zu finden, mein werter Erbe, scheint nun wahrlich keine Schwierigkeit zu bergen für einen Zauberer meines Geblüts… So gesehen, erscheint es doch geradezu banal, in der Tat…
Betrachte die Fenster – doch blicke nicht hinaus.
Die unermüdlichen Anstrengungen der Gründer, haben Hogwarts zum Herzen der Magischen Welt dieses Landes werden lassen. Und genau wie ein solches aus vier Räumen besteht, so beherbergt auch dies Schloss vier Häuser, welche im Gleichklang mit einander zum Wohle des Ganzen agieren müssen. Am heutigen Tage nun, wird dieser Gleichklang von Kräften und Intentionen von den anderen Gründern durchbrochen und aus dem Gleigewicht gebracht, nun, da sie mich verbannen und meinen Anteil daran verleugnen – doch wissen sie nicht, was tief unter diesem Schloss – tief in seiner Seele möchte man sagen – verborgen liegt und nur darauf wartet freigesetzt zu werden. Und zu diesem geheimen Raum in meinem Herzen, ist es allein 'Helga', welche den Schlüssel besitzt.
Salazar Slyth-
Ein plötzliches Geräusch zu seiner Linken ließ ihn aufblicken. Irgendetwas raschelte dort drüben im hohen Gras – im Gestrüpp aus Brennnesseln und Brombeererranken. Doch – es klang nicht wie Schritte. Die Augen zu schmalen Schlitzen verengt starrte Tom zu der Stelle hinüber, von welcher das Geräusch gekommen war. Doch da war nichts – überhaupt nichts, wie es schien…
Er war schon im Begriff seine Aufmerksamkeit wieder dem Schriftstück zuzuwenden, als er plötzlich eine feine Stimme inmitten der Unkräuter wispern hörte. "S-s-ieh—sst dus-s-s? Es-ss iss-s kein Glühwürmchen! Ich hab's-s dir gess-sagt es-s isss eines-s von denen. Hab ichs-s-s nicht ge-sss-sagst?!"
Und eine weitere, ebenfalls wispernde Stimme antwortete: "Rede doch nicht s-solchen Uns-sinn… Als-s wenn es-s eines-s von denen s-sein könnte, wo doch jeder wei-sss, dass-s-sie nicht s-sprechen können! Alles-s- was-s s-sie zu-s-tande bringen, sind s-seltsame unvers-ständliche Laute, die man nicht vers-steht."
"Aber das-s da is-st doch ein Mensch. Ein Männchen, ein junges-s noch, stimmts-s?" fragte die erste Stimme nun verwirrt.
"Ja, Ja, das-stimmt s-schon," räumte die andere Stimme nun ein, "aber du muss-st doch zugeben, das-s er-s nicht gewes-sen s-ein kann, der da ges-sprochen hat. Da muss-s noch jemand anderes-s s-ein. Komm, las-s uns-s nach s-sehn."
Der schmale braune Kopf einer Schlange erhob sich aus dem Gestrüpp von Brennnesseln, schwankte dabei langsam hin und her, als sie sich nun in alle Richtungen umblickte.
Mit einem Satz sprang Tom auf die Füße. "Was-s fällt euch ein!?" zischte er, zutiefst erbost über die neuerliche Unterbrechung. Er merkte nicht einmal, dass er noch immer Parsel sprach.
Die Schlange hingegen schon und ihre gespaltene Zunge flatterte voller Aufregung, bei ihren nächsten Worten: "Ha-" keuchte sie entsetzt und sprang mit einem Satz zurück in die Brennnesseln. "Esss ssspricht!"
"Komm weg hier," raunte die andere Schlange nun ebenfalls beunruhigt, "lass-suns-s bloss-s-s-chnell vers-schwinden. Das-s is-s ja grus-selig." Damit glitten die beiden Schlangen rasch und lautlos in den Schutz der Dunkelheit.
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Bereits am darauffolgenden Nachmittag saß Ginny wieder in der Bibliothek. Sie durchforstete gerade eine Reihe Bücher über fortgeschrittene Verwandlungszauber, als plötzlich ein Schatten über die Seiten fiel.
"Wäre es in Ordnung, wenn ich auch mal ganz kurz in dieses Buch schaue?" fragte eine vertraute Stimme hinter ihr.
Als Ginny den Kopf wandte, sah sie sich mit einer angespannte, sichtlich nervösen Minerva McGonagall konfrontiert. Das schwarz-haarige Mädchen schien schwer mit sich gerungen zu haben, ehe sie sich überwunden hatte sie anzusprechen und wirkte auch jetzt, mehr als angespannt. Nach einem Augenblick der Überraschung lächelte Ginny ihrem späteren Hausoberhaupt entgegen.
"Oh, umm – hallo," murmelte sie, nun selbst ein wenig unsicher. "Sicher kannst du was nachschlagen!" Sie deutete zu dem Stuhl neben ihrem hinüber. "Setz dich doch."
Minervas Augen weiteten sich vor Überraschung angesichts solch unerwarteter Freundlichkeit. Zögernd nahm sie auf dem dargebotenen Stuhl platz und zog das große, schwere Buch zu sich herüber. Als ihre Augen erfassten, womit sich Ginny da gerade beschäftigte, glitt ein klarer Ausdruck von Erstaunen und Neugierde über ihr Gesicht.
"Wieso beschäftigst du dich denn mit derart fortgeschrittenen Verwandlungszaubern?!" platzte sie heraus, biss sich jedoch bereits im nächsten Augenblick auf die Lippen. "Entschuldige bitte. Das geht mich natürlich überhaupt nichts an," murmelte sie kleinlaut.
Ginny zögerte. Obgleich Minerva sie für eine Slytherin Schülerin hielt und sie als solche nicht sonderlich zu mögen schien, so wusste Ginny doch, dass das andere Mädchen vertrauenswürdig war. Sie würde einst Dumbledores rechte Hand sein und Oberhaupt Gryffindors in Ginnys eigener Zeit und außerdem – die Verwandlungslehrerin. Vielleicht könnte ihr dieser Umstand von Nutzen sein!? Sie durfte ihr ganz einfach nur nicht die ganze Geschichte erzählen. Und es war ganz sicher einen Versuch wert.
Mit einiger Belustigung stellte Ginny fest, dass sie tatsächlich begonnen hatte, wie eine Slytherin zu denken…
"Oh, das macht doch nichts," erklärte sie mit einem unbekümmerten Lachen. "Ich – arbeite da an einem… Nun ja – einem Projekt, möchte man sagen," fügte sie mit einem abschätzenden Blick auf Minervas Reaktion hinzu. "Du – bist ziemlich gut in Verwandlungen, stimmt's?"
Und Minerva reagierte tatsächlich ganz genau so, wie Ginny es erwartet hatte. "Es ist mein Lieblingsfach," erklärte sie prompt und nicht ohne einen gewissen Stolz.
"Oh, meins auch!" platzte Ginny vollkommen ernsthaft heraus, errötete doch im nächsten Moment bis an die Haarwurzeln. Selbst wenn Minerva augenblicklich in ihrem Alter war, so fühlte sich Ginny doch unbehaglich bei dem Gedanken daran, ihrer späteren Lehrerin gegenüber zu erklären, das ihr Unterrichtsfach ihr das Liebste war. Vielleicht sollte sie einfach damit aufhören, die spätere Lehrerin in ihr zu sehen. Dies mochte sicherlich helfen. Im Moment jedenfalls knabberte das dunkelhaarige Mädchen nervös an ihrer Unterlippe herum und machte dabei gar nicht den überlegenen Eindruck späterer Tage.
"Es tut mir leid," platzte sie dann so plötzlich heraus, so dass Ginny vor Überraschung zusammenzuckte. "Wegen dem, was ich da in der Zaubertranstunde gesagt habe ich – " fuhr Minerva nun fort, "Nun-ja, ich denke, ich habe da wohl ziemlich überreagiert und vorschnell geurteilt. Ich …um … möchte mich bei dir entschuldigen"
Dies Mal fiel es Ginny überhaupt nicht schwer, sie anzulächeln. "Das ist schon in Ordnung. Ich glaube wir hatten einfach einen schlechten Start. Ich hätte auch freundlicher sein können… Lass uns einfach nochmal von vorn beginnen, OK?" bemerkte Ginny herzlich.
Minervas Gesicht hellte sich auf. "Oh, um, ja. Gut!"
"Also, Minerva," begann Ginny nun, jedes ihrer Worte sorgsam abwägend. "Wenn du so gut bist mit Verwandlungen, nun – vielleicht könntest du mir dann einen Rat geben… Für mein Projekt, weißt du?"
"Ja, sicher, das will ich gern versuchen!" versicherte das andere Mädchen nun eifrig.
Ginny lächelte wieder. "Was würdest du tun, um ein Objekt dahingehend zu verzaubern, dass es dich benachrichtigt, oder merken lässt, wann immer ein anderer es benutzt?"
"Mhm, was denn für ein Objekt?" fragte Minerva mit nachdenklichem Stirnrunzeln.
Nachdenklich blickte Ginny sie an und legte dabei den Kopf ein wenig schräg. "Nun – sagen wir – ein Tagebuch – zum Beispiel," erklärte sie dann, betont beiläufig.
A/N: ANSUZ die Rune dieses Kapitels, ist die vierte Rune des älteren Futhark mit dem Lautwert A.
Sie bezeichnet die Eröffnung neuer Möglichkeiten insgesamt und mag dabei von der Eröffnung einer direkten Komunikation oder von der Eröffnung und Entwicklung von Beziehungen untereinander künden.
ANSUZ steht für auch für Visionen, Weisheit und Inspiration. Eine weitere Bedeutung ist die Sprache. Sie verkörpert zudem die magische Macht der Vorfahren. Ein guter Rat einer weiseren Person kann angenommen werden – insbesondere bevor ein wichtiger Schritt getan wird. Auch kann sie dazu aufrufen, die Tiefen und Wirrungen des eigenen Selbst zu ergründen.
Im negativen Sinne mag sie von Missverständnissen, Täuschung und Eitelkeit künden.
Ihre Form ähnelt dem kleinen Symbol, welches die einzelnen Abschnitte gliedert, nur dass seine horizontalen Linien leicht nach unten weisen.
Mir macht das alles solchen Spaß – ich hoffe auch Ihr habt Freude an der Geschichte. ;)
Serpentina
