Das Rätsel von Hogwarts

Kapitel 7 -URUZ-

An diesem Abend arbeiteten Ginny und Rabia an ihren Astronomie-Karten und ihre neue Freundin erläuterte ihr währenddessen bereitwillig all jene Vorzüge, welche fliegende Teppiche im Vergleich zu Besen besaßen.

"Du solltest mal die Teppiche meines Onkels sehen, Ginny. Er hat eine Weberei. Eine, in welcher die Teppiche noch immer von Hand geknüpft werden und mit jedem Faden ein weiterer Zauber hinzugefügt wird. Es ist ein uraltes Familienunternehmen – etwa so wie Olivander mit seinen Zauberstäben – und es ist einfach nur wunderschön zuzusehen, wie solch ein Teppich wächst und eine ganz eigene Persönlichkeit und ein Eigenleben entwickelt. Weißt du, diese Teppiche sind irgendwie, einem Pferd gar nicht so unähnlich und... Ach, ich freue mich schon so auf unseren nächsten Besuch dort! Vater sagt, wir werden vermutlich schon in den Winterferien hin fahren, um seine Familie zu besuchen und ich kann's gar nicht erwarten wieder mit meiner ‚Kahira' auszureiten. Sie ist eine ‚Arabische Silber-Spindel-16' und ich sag dir, die hat vielleicht ein Temperament! Sie ist einfach wunderschön und ganz weich und seidig – und sie schwebt nur so dahin. Dabei ist sie – sehr – schnell! Nicht einmal das ‚Renn-Webschiffchen Nr. 4' meines Cousins kann es mit ihr aufnehmen – und dass will schon etwas heißen! Ich wünschte wirklich, ich könnte 'Kahira' – das ist ihr Name – herholen! Dann würd ich all den 'Besen-Besessenen' hier in Hogwarts mal zeigen, was es heißt – wirklich – zu fliegen! Es ist so furchtbar schade, dass ich sie nicht hier haben kann! Ich würde diesen unausstehlichen Weasley- Zwillingen so gern einmal zeigen, wie schnell ein orientalischer Teppich sein kann! Vor allem Greg! Ständig zieht er mich auf! Kannst du dir das vorstellen!? Nicht einen Klatscher würden die mehr vor ihre Schläger kriegen – und wir hätten Gryffindor im Nu vom Platz gefegt. Ha!" Sie seufzte verträumt.

"Doch diese dämliche Handelsbeschränkung macht es unmöglich, verflixt noch mal! Es tut mir so leid, dass ‚Kahira' das ganze Jahr über zusammengerollt auf dem Regal herumliegen muss. Aber mein Cousin Orkun hat mir fest versprochen, dass er sie an einem magischen Lasso mit raus nimmt, wenn er mit seinen Teppich, ‚Firat' ausreitet. ‚Kahira' ist so wild, dass sie auf dem Regal herum rollt und die anderen Teppiche sogar herunter wirft, wenn sie nicht die Gelegenheit bekommt ihre Fransen zu strecken. Und Onkel Ahmet hat gesagt, wenn sie's nicht lässt, dann kommt sie in den Keller."

"O-oh-weh," lachte Ginny, "die Ärmste! Nett von deinem Cousin, sie mit raus zunehmen. Aber was meinst du damit, dass – die Weasley-Zwillinge keinen Klatscher mehr halten würden, wenn du ‚Kahira' hier hättest?"

Ein verschwörerisches Lächeln legte sich auf Rabias Lippen, und sie mochte sich anstrengen so viel sie wollte, es gelang ihr einfach nicht, zu verhindern dass sich diese Lächeln zu einem handfesten Grinsen ausweitete.

"Du darfst es keinem erzählen, Ginny, ja? Wir wollen, dass es eine Überraschung wird – aber stell dir bloß vor: Ich bin im Quidditch Team! David hat's mir heute Nachmittag erst gesagt, dass mein Gesuch endlich angenommen wurde! Ich freu mich ja so! Ich wollte in die Hausmannschaft, seit ich das erste Spiel gesehen habe! Und jetzt – endlich – wurde ich aufgestellt. Von Oktober an bin ich einer von Slytherins Treibern! Ich bin ja so, so – aufgeregt!"

"Tatsächlich!?" fragte Ginny überrascht. „Mensch, Rabia, dass ist ja toll! Wer ist den noch in der Mannschaft?"

Rabia begann daraufhin sie mit Begeisterung über die Mannschaftsaufstellung in Kenntnis zu setzen und so erfuhr Ginny, dass Cathrinas geliebter Cousin, Lucretius Malfoy Slytherins Hüter und Mannschaftskapitän war, während David Dumbledore die Position des Suchers innehatte. Rabia und ein Fünftklässler waren die Treiber, ebenso, wie die Weasley-Zwillinge – Rabias Lieblingsthema, mit Ausnahme des Fliegens – Gryffindors Treiber waren.

In mitten dieser Unterhaltung bemerkte Ginny, dass Tom den Torbogen heraufbeschwor und den Gemeinschaftsraum verlies.

Sie fragte sich, was er wohl vorhaben mochte, denn es war bereits nach der abendlichen Ausgehzeit, nahm dann aber an, dass er als Vertrauensschüler vermutlich gewisse Pflichten innehatte, wie etwa einen abendlichen Rundgang durch einen bestimmten Teil der Schule zu unternehmen, oder der Gleichen. Sie erinnerte sich, dass Percy ihnen etwas in der Art erzählt hatte. Hätte sie ihm doch nur besser zugehört...

Ginny war so sehr in ihren eigenen Gedanken gefangen, dass sie Rabias Ausführungen nicht soweit zu folgen vermochte, um sagen zu können, wer die Jäger waren, doch – dies war ein Verlust, den sie leicht verschmerzen konnte.

In ihrem Stuhl zurückgelehnt beobachtete Ginny Rabia dabei, wie sie nun auch noch anfing all die geforderten Entfernungen, magisch bedeutsamer Orte zum Mond in ihre Karte einzutragen. Eine Aufgabe, zu der sich Ginny zum gegenwärtigen Zeitpunkt beim besten Willen nicht mehr aufraffen konnte. Sie selbst fühlte sich mittlerweile viel zu träge für derartige Anstrengungen. Die Karte musste nicht vor Übermorgen fertig sein und sie konnte sich einfach nicht dazu überwinden jetzt noch weiterzumachen. Insgeheim bewunderte sie Rabias Durchhaltevermögen, aber vermutlich wollte diese einfach möglichst schnell mit ihren Aufgaben fertig werden um den folgenden Abend frei für das Training zu haben.

Wieder ließ sie ihre Gedanken abschweifen – und wieder wanderten diese Tom Riddle hinterher auf den Gang hinaus. Noch immer war er nicht zurück. Wo blieb er nur so lange?

Ein listiges kleines Lächeln trat auf ihre Lippen. Wenn alles sich entwickelte, wie geplant, so würde sie schon sehr bald mehr über seine Gedanken und Geheimnisse erfahren. Noch immer lächelnd rief sich Ginny das Gespräch mit Minerva in Erinnerung.

"Ein Tagebuch?" hatte sie mit einem Hauch von Zweifel in der Stimme gefragt.

"Nun ja, so was in der Art eben," hatte Ginny mit einem gleichmütigen Schulzerzucken zur Antwort gegeben. "Ich bin doch auch in Amerika auf ein Zauberer-Internat gegangen, zusammen mit meinem um – Cousin und ich würde wirklich sehr gern mit ihm in Verbindung bleiben und die Eulen – brauchen immer so entsetzlich lange… "

Minerva hatte daraufhin nur eine rabenschwarze Augenbraue gehoben. "Dein Cousin, ja? Na klar! Wenn du's sagst…" hatte sie lediglich geschnaubt, die Sache aber auf sich beruhen lassen.

"Aber weißt du was? Wir könnten doch mal Professor Dumbledore um Rat fragen, was meinst du?!" hatte sie dann unvermittelt und mit unverkennbarer Begeisterung vorgeschlagen, gerade, als Ginny im Begriff gewesen war sich zu entspannen. Ginny, die das für keine bahnbrechend gute Idee gehalten hatte, jedoch verhindern wollte, dass das andere Mädchen gleich wieder misstrauisch wurde, hatte daraufhin an deren Ehrgeiz appelliert.

„Mmm, ja, da hast du recht," hatte sie entgegnet, jedoch rasch hinzugefügt: „aber – meinst du nicht, dass wir das auch selbst rauskriegen könnten?"

Und ihr Plan war aufgegangen, denn ein verschwörerisches Blitzen war daraufhin in Minervas grüne Augen getreten. „Bist ganz schön ehrgeizig, was?" hatte sie gemurmelt. „Ich auch!"

Ginny war jedenfalls überaus zufrieden, wie sich die Dinge entwickelten. Auch wenn ihr Minerva vielleicht nicht die ganze Geschichte abgekauft haben sollte – solange sie ihr dabei half das Tagebuch zu verzaubern und nicht zu viele unangenehme Fragen stellte, mochte sie glauben, was ihr beliebte.

ח

Eine gute Stunde später, als Rabia und die meisten anderen Schüler bereits schlafen gegangen waren, saß Ginny noch immer im Gemeinschaftsraum, die 'Geschichte Hogwarts' auf den Knien.

Mit Ausnahme einiger Siebtklässler, die drüben bei Feuer in ihr eigenes Gespräch vertieft waren, war der Gemeinschaftsraum nun gänzlich verlassen.

Und auch Ginny war bereits ziemlich müde. Tom war jedoch noch immer nicht zurückgekehrt. Sie war sich beinahe sicher, dass – was immer er dort draußen tat – nichts mit seiner Rolle als Vertauensschüler zu tun hatte und sie war viel zu neugierig, um ins Bett zu gehen.

Schließlich war sie nicht hier, um sich auszuschlafen! Es war eine günstige Gelegenheit, mehr über seine Pläne herauszufinden.

Langsam, um keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, erhob sich Ginny also von ihrem Platz und ging zur Eingangswand hinüber. In einem unbeobachteten Moment beschwor sie den Torbogen herauf – wie Tom es ihr gezeigt hatte – und schlüpfte dann rasch und ungesehen aus dem Gemeinschaftsraum.

Es war dunkel auf dem Gang. Nur ein geringe Anzahl von Fackeln erhellte zu dieser späten Sunde die Schatten mit ihrem zitternden, zuckenden Schein.

Nervös und ein wenig furchtsam zog Ginny ihren Umhang fester um die Schultern, als sie nun in Richtung der Treppen bewegte, welche aus den Kerkern hinaus führten. Ihre Schritte hallten unheimlich in dem langen verlassenen Gang wieder.

Sie hoffte wirklich sehr, dass Tom irgendwo weiter dort oben herumschlich, denn sie glaubte kaum, dass sie den Mut aufbringen würde jetzt, bei Nacht, noch weiter in die Kerker hinabzusteigen.

Wenn sie richtig vermutete, dann war Tom wohl gerade damit beschäftigt, nach dem Eingang zur Kammer des Schreckens zu suchen – und es wäre ihr weitaus lieber, wenn er nicht herausfände, dass sie ihm dabei hinterherschlich. Und es mochte deutlich einfacher sein, eine Ausrede zu finden, wenn sie einander zumindest nicht in den Tiefen der Kerker über den Weg liefen...

Ihr eigener Schatten ängstigte sie, wie er vom Lichtschein der vom unsteten, zuckenden Schein der rußenden Fackeln grotesk verzerrt und verlängert über die felsigen Wände huschte. Dieser Ort behagte ihr ganz und gar nicht – je eher sie hier herauskäme, desto besser.

Doch kaum hatte sie die nächste Gabelung erreicht, als sie die unsanfte Kollision mit einer hochgewachsenen, schwarzhaarigen Gestalt beinahe von den Füßen riss.

Zunächst glaubte sie, es sei Tom, in den sie da hineingelaufen war, und dieser Gedanke gefiel ihr ganz und gar nicht. Dann jedoch erkannte sie das Wappen Gryffindors auf dem Umhang. Darüber hinaus hätte sie – diesen – Akzent, wohl unter Hundert erkannt!

"Oops – hap' dich gar nich' geseh'n! Tschuldige! Is' alles in Ordnung?"

Froh darüber, dass sie nun doch nicht versehendlich Voldemort – oder vielmehr Tom – über den Haufen gerannt hatte, blickte Ginny zu dem großen, dunkelhaarigen Jungen empor.

"Hagrid!" rief sie überrascht. "Um – ja, mir tut's auch leid! Ich habe dich auch nicht gesehen!"

Ein breites Grinsen glitt über Hagrids glattes, jungenhaftes Gesicht. „Ach – du bist's Ginny," rief er und ein unverkennbarer Klang der Erleichterung schwang in seiner Stimme mit.

"Aber es ist Rubeus," setzte er hinzu, "Hagrid is' bloß mein Nachname."

"A-aber ja doch, natürlich, Rubeus." Ginny lächelte. "Was zum Teufel machst du denn hier unten?!" setzte sie dann mit einem Stirnrunzeln hinzu.

Ein besorgter Ausdruck trat daraufhin auf Hagrids Gesicht. "Ach ich – hab bloß – wen getroffn'" murmelte er dann ausweichend und warf einen weiteren nervösen Blick über die Schulter.

"Wen denn?" fragte Ginny verwirrt, doch Hagrid zuckte lediglich ausweichend mit den Schultern.

"Kann ich nich' sagen."

Bevor sie noch die Gelegenheit hatte, weiter nachzuforschen, warf er ihr einen amüsierten Blick zu und zwinkerte. "Und du?! Schleichst dich raus auf'n Date, was? Jemand den ich kenn'?"

Augenblicklich sah Ginny das Bild eines geheimen Rendezvous mit Tom Riddle vor Augen und zu ihrem übergroßen Ärger, errötete sie bis an die Haarwurzeln.

Ein wissender Ausdruck trat in Hagrids schwarze Augen. „Aha."

„Gar nichts ‚aha'!" erklärte Ginny vehement. Sie kicherte und Hagrids Grinsen wurde daraufhin noch ein wenig breiter.

„Vielleicht aber auch doch!" bemerkte er schelmisch und Ginnys Röte vertiefte sich. "Für jemanden, der sich grade geweigert hat mir eine Antwort zu geben, bist du ganz schön neugierig," neckte sie dann, um von ihrer eigenen Verlegenheit abzulenken.

"Hab ich doch," beschwerte sich Hagrid noch immer grinsend. "Ich hab dir gesacht, dass ich's dir nich' sagen kann. Das is' doch ne' Antwort, oder etwa nich'?"

"Äußerst präzise," schnaubte Ginny ein wenig zu laut und augenblicklich wurde Hagrid wieder nervös. "Psstt –" zischte er erschreckt. "Ich dürfte gar nicht hier unten sein –"

"Ganz genau," konnte Ginny sich nicht verkneifen, ihn mit einem spöttischen Bick zu belehren. Hagrid jedoch grinste nur.

"Jaaa – und du au' nich'! Auch wenn de' älter bis' als ich!" gab er ebenso selbstgefällig zurück und der Ausdruck von Überlegenheit auf Ginnys Gesicht verschwand.

"Hey," beschwerte sie sich, "wir sind hier in den Kerkern – und es ist mein Gemeinschaftsraum der hier unten liegt, nicht deiner."

"Yeah, abba für dich is' die Ausgangszeit genauso vorbei – ," konterte er mit einem weiteren Blick über die Schulter. "Abba – ich glaub wir sollten jetzt ma' beide besser gehn'..."

Damit wandten sich beide in Richtung der Treppen, doch Ginny konnte nicht umhin, zumindest noch ein wenig weiter zu sticheln. "Hast's wohl eilig, was? So große Angst erwischt zu werden?" neckte sie, „am Ende bist es doch du, der hier von einer Verabredung kommt, hm?"

Hagrids Wangen färbten sich rot.

"Nee – " widersprach er verlegen, "war ich nich', ich hab bloß – " er zögerte und warf einen weiteren, nervösen Blick über die Schulter, bevor er in einer schlaksigen, ungelenken Bewegung die Achseln zuckte und seinen Weg fortsetzte. „Na ja, irgendwie schon', vielleicht," murmelte er dann. "Aber nich', wie de' jetzt vielleicht denks'..."

Auf dem gesamten Weg die Treppen hinauf setzen sie ihr übermütiges Geplänkel fort, jedoch nicht, ohne ihre Stimmen dabei so gedämpft wie möglich zu halten. Dann am Kopf der Treppe, ergriff Hagrid urplötzlich Ginnys Arm um sie zurückzuhalten.

"Wart' mal! Da redet doch jemand!" murmelte er mit einem alarmiertem Unterton in der Stimme.

Und dann hörte sie es auch.

Jemand flüsterte in der Eingangshalle.

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Er war allein in der Eingangshalle, wie Tom mit einem raschen Blick über die Schulter feststellte. Langsam und mit Bedacht setzte er einen Fuß auf die unterste Stufe der breiten Marmortreppe.

"Zeig mir den Weg," wisperte er verhalten, so dass das Echo nur gedämpft in dem weiten leeren Raum widerhallte. Nichts geschah. Überhaupt nichts. Zögerlich setzte er einen zweiten Fuß auf die unterste Treppenstufe.

"Zeig mir den Weg – bitte –" flüsterte er widerwillig, indem er das 'magische' Wort hinzusetzte. Wider geschah – nichts. Die breite Treppe verharrte bewegungslos an ihrem Platz.

Es war zermürbend. Seit weit mehr als einer Stunde schlich er nun schon im Schloss herum und suchte nach der richtigen Treppe, doch bisher war er dabei so rein gar nicht weitergekommen.

Plötzlich war da ein Geräusch bei den Treppen welche zu den Kerkern hinabführten. Hinter ihm!

Alarmiert fuhr er herum – in der Hoffnung, dass ihn niemand dabei beobachtet haben mochte, wie er mit einer Treppe sprach, welche – so beschämend dies das ganze auch machte – nicht mal antwortete oder in irgendeiner Weise sonst reagierte. Zu seiner Bestürzung jedoch, bewahrheitete sich seine Befürchtung.

Rubeus Hagrid, jener Drittklässler aus Gryffindor, welcher so oft Mrs. Norris half, schlurfte nun aus den Schatten bei den Treppen hervor, ein breites Grinsen auf dem Gesicht.

"Ach – du biss'es' bloß," seufzte er offenbar erleichtert, "ich dacht' schon's wär' eina' von den Lehrern..."

Und – als wäre all dies noch nicht genug – war auch noch sie bei ihm. Röte schoss ihm in die Wangen und er vermochte nicht einmal zu sagen, ob sie denn von Verärgerung oder Verlegenheit herrührte.

Wie unendlich blöd von ihm, sich dabei erwischen zu lassen, wie er mit einer Treppe redete. So ein Mist aber auch!

Gestern erst hatte er sich lächerlich gemacht, weil er wie ein Depp in seinen Sachen herumwühlte und jetzt das –

Neugierig trat der Gryffindor näher. "Was mach'st'n du hier?!"

Mit einem unbekümmerten Grinsen fügte er hinzu: "Hey, mach dir nix draus', ich red' auch ständich' mit mir selbs'!"

Wie um alles nur noch schlimmer zu machen, konnte Tom nun genau hören, wie Ginny ein Kichern zu unterdrücken versuchte. Im Bestreben seiner Verwirrung und Verlegenheit Herr zu werden, richtete sich sein Ärger gegen Hagrid.

"Was machst du überhaupt hier?!" blaffte er. "Es ist weit nach der Ausgangszeit und du solltest längst oben in deinem Gemeinschaftsraum sein!"

"Du bis' ja selbs' nich' in deinem," gab der Jüngere mit beeindruckender Sturheit zurück, doch Tom schüttelte lediglich unwillig den Kopf.

„Das ist ein Unterschied," erklärte er streng. "Ich – bin ein Vertrauensschüler. Und du solltest jetzt wirklich zu Bett gehen, Hagrid. Worauf wartest du denn noch? Na los! Beeil dich mal ein bisschen!"

"Yeah, schon gut," seufze Hagrid resigniert und machte sich daran die Stufen emporzusteigen. Nach wenigen Schritten jedoch drehte er den Kopf. "Wir sehen uns, Ginny," rief er halblaut über die Schulter zurück und diese winkte ihm fröhlich zu, ehe er am oberen Treppenabsatz verschwand.

Langsam und ein wenig unsicher drehte sich Tom zu ihr herum. "Du darfst den Gemeinschaftsraum nach Ende der Ausgangszeit nicht verlassen," erklärte er dann. "Aber das wusstest du sicher nicht, weil du neu bist, nicht wahr? Nicht, dass ich es irgendjemandem verraten würde, aber du solltest jetzt wirklich besser in die Slytherin Räumlichkeiten zurückkehren, bevor dich noch einer der Lehrer um diese Zeit hier draußen antrifft."

Als sie nicht gleich reagierte, räusperte er sich ein wenig unbehaglich.

"Natürlich – wenn du auf dem Weg bist, jemanden zu treffen…Ich meine – ich will... dir jetzt keine Verabredung verderben – oder so, ich dachte ja bloß…"

Das strahlende Lächeln, das sie ihm daraufhin zuwarf trug in keiner Weise dazu bei, dass er sich besser fühlte. 'Depp, Depp, Depp … Ohhh verdammt – du bist – so – ein Idiot…' schrien seine Gedanken ihn an.

"Ich – wollte eigentlich nach draußen gehen," erklärte sie dann plötzlich, "aber... wenn du meinst, ich sollte nicht – " sie zögerte und sah nun auch nicht weniger angespannt aus, als er sich fühlte.

Überrascht und momentan nicht gänzlich sicher, ob sie dies nun ernst meinte oder ihn einfach nur necken wollte, starrte er sie an. Ihm fiel absolut gar nichts ein, was er darauf hätte entgegnen können. Nichts – Schlagfertiges… und ... die Sekunden verstrichen...

"Na ja, ich glaub ich geh dann mal lieber zurück…" schloss sie dann mit einem Hauch von Bedauern in der Stimme.

Dies endlich ließ ihn sich aus seiner Starre lösen.

"Nein, nicht! Ginny! Warte..." rief er – verhalten – doch mit einem unüberhörbaren dringlichen Unterton. Langsam drehte sie sich um.

"Ja?"

Er lächelte sie an – froh über die plötzliche Eingebung. "Es – ist vermutlich keine besonders gute Idee sich jetzt nach draußen zu schleichen, aber … ich… nun, ich kann dir einen anderen Platz zeigen… Wenn du willst."

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Ginny konnte es einfach nicht glauben, dass sie Tom Riddle – schon wieder – durch irgendwelche dunklen, unbekannten Gänge folgte.

Die Situation lockte einige weitere, sehr unerfreuliche Erinnerungsblitze hervor, doch wenigstens gingen sie diesmal – zur Abwechslung einmal – weiter nach oben.

Ihrer Anspannung zum Trotz entlockte die unbestreitbare Komik der Situation Ginny ein Lächeln. Hatte sie sich etwa nicht mehr Spannung und Abenteuer in ihrem Leben gewünscht? Nun, es sah ganz so aus als wolle sich dieser Wunsch bewahrheiten.

Noch wenige Minuten zuvor hatte sie sich bei der Vorstellung Tom könne sie entdecken geängstigt – und nun folgte sie ihm – schon wieder – zu irgendeinem geheimen Ort, von dem sie nicht die leiseste Ahnung hatte, was er mit sich brachte. Irgendwie schien sie da ein ziemlich hoffnungsloser Fall zu sein...

Als sich ihre Schritte mitten auf einer langen Treppe ganz plötzlich verlangsamten, wandte Tom den Kopf.

"Kommst du?" fragte er und Ginny schreckte aus ihren Gedanken auf.

"Ja, ja, sicher," erklärte sie rasch und machte einige weitere halbherzige, zögerliche Schritte in seine Richtung. Sie mochte es bereuen. Vielleicht sollte sie doch lieber nicht... Doch es würde eigenartig aussehen, wenn sie jetzt plötzlich ihre Meinung änderte. Und – auch wenn sie sichtlich nervös war, hatte sie doch keine Angst. Nicht wirklich. Eigenartig, sehr, sehr eigenartig.

„Wohin bringst du mich?" fragte sie und ärgerte sich selbst über das leichte Zittern in ihrer Stimme.

Tom lächelte geheimnisvoll.

"Das – ist eine Überraschung," erklärte er. Bei ihrem wenig begeisterten Gesichtsausdruck weitete sich das Lächeln auf seinem Gesicht aus. "Es ist entsetzlich hoch oben, ich weiß, aber – es lohnt sich all diese Treppen hochzuklettern. Du wirst schon sehen."

Entschlossen sich nicht weiter von ihren düsteren Erinnerungen einer noch fernen Zukunft einschüchtern zu lassen schüttelte Ginny ihre Bedenken ab. Ohne ihm zu erklären, das es weniger die Treppen waren, die sie beunruhigten, folgte sie Tom weiter nach oben. Längst schon hatten sie die Flure mit den letzten Klassenzimmern hinter sich gelassen. Sie befanden sich nun in einem Teil des Schlosses, welcher schon seit Jahren verlassen zu sein schien. Die Treppen waren hier viel schmaler und schraubten sich in steilen, schier endlosen Windungen immer weiter nach oben. Es war ein Teil des Schlosses, in welchem Ginny nie zuvor gewesen war. Alles hier war fremd. Geheimnisvoll. Und düster.

Die Luft hier oben schien leicht abgestanden und von dem Geruch nach Staub und der jahrelangen Abwesenheit von Sonnenlicht erfüllt zu sein. Die Fensterläden waren geschlossen und eine dicke Staubschicht bedeckte den Boden und dämpfte das Geräusch ihrer Schritte. Es gab keine Kerzen oder Fackeln hier oben – lediglich Spinnweben, die in den leeren eisernen Wandhalterungen hingen und träge zu flattern begannen, als sie daran vorbeigingen.

Allein das blasse Mondlicht, welches durch die Lamellen der Fensterläden hereinfiel durchschnitt die Dunkelheit ringsumher und zeichnete so ein eigenartig, geriffeltes Muster aus Licht und Schatten auf dem staubigen Holzboden.

Neben ihr ergriff nun Tom seinen Zauberstab.

"Lumos," murmelte er und richtete den Lichtschein auf den Boden vor ihr. "Gib acht, dass du nicht stolperst, es könnten einige lose Dielen dabei sein," warnte er.

Überrascht blickte Ginny auf, doch Toms Gesichtsausdruck blieb neutral und unergründlich. Vorsichtig wollte sie weiter gehen, doch da griff Tom urplötzlich nach ihrer Hand, um sie zurückzuhalten.

"Nein, warte!"

Aus großen, mit dem Schreck der Überraschung geweiteten Augen sah Ginny ihn an und der Griff seiner Finger um ihre verstärkte sich daraufhin, sanft und ganz so, als wolle er sie seiner Anwesenheit und Unterstützung versichern. Einen ganzen langen Moment lang standen sie einfach nur so da und sahen einander an. Ginny hätte nicht wegsehen können – noch wollte sie es. Sie wollte... Sie wusste eigentlich gar nicht, was sie denn überhaupt wollte... Sie... war so... verwirrt, und sie...

Sie war überrascht, wie deutlich und real sich Toms Hand in ihrer anfühlte – kein bloßer Hauch einer schemenhaften Erinnerung – sondern lebendig, echt und wirklich. Seine Haut war warm und die Art und Weise wie seine Fingerspitzen sanft und beinahe federzart ihren Handrücken umschlossen, hatte eine überraschend beruhigende, doch gleichsam überaus verwirrende Wirkung auf sie. Das nervöse Kribbeln in ihrem Magen verstärkte sich noch, als er sie nun – plötzlich und unvermittelt – anlächelte.

"Hast du deinen Zauberstab dabei?" fragte er leise und sie nickte.

Als er ihre Hand dann wieder los ließ, verspürte Ginny ein seltsames, heftiges Gefühl des Bedauerns. Nervös und mit vor Aufregung unsicheren Fingern, begann sie in der Tasche ihres Umhangs herumzukramen. Einen bizarren Moment lang glaubte sie ihn vergessen zu haben – ihren Zauberstab – und geriet dabei beinahe in Panik. Tom, der ihre Bestürzung bemerkt zu haben schien, trat augenblicklich näher an sie heran. Sein Arm streifte dabei den ihren.

"Stimmt etwas nicht?" fragte er behutsam.

"Mein Zauberstab," stotterte Ginny und fing nun wieder an, die Tasche ihres Umhangs zu durchsuchen. "Ich hab meinen Zauberstab gar nicht! Ich...glaub ich hab ihn verg…Ach nein, da ist er ja!,"

Sie mochte sich irren, doch einen Moment lang hatte es beinahe den Anschein, als sei Tom – enttäuscht. Dann war der Augenblick vorüber.

"Oh gut, du wirst ihn brauchen. Es ist ziemlich dunkel da oben," erklärte er und wandte sich nun wieder dem dunklen Gang zu, den sie zu durchqueren hatten. "Komm, wir sind fast da."

Ginny schluckte schwer. Gern hätte sie wieder seine Hand ergriffen, wagte es jedoch nicht.

"Lumos," murmelte sie stattdessen und das milchig weiße Licht ihres Zauberstabes erhellte die Dunkelheit vor ihr. Nochmals holte sie tief Luft – dann folgte sie ihm.

Seltsam verlängert tanzten ihrer beider Schatten im miteinander verbundenen Licht ihrer Zauberstäbe über die glatten Sandsteinwände als sie nun um eine Weitere Ecke bogen und schließlich am Fuß einer sehr schmalen, hölzernen Stiege zum Stillstand kamen, deren oberes Ende sich irgendwo in der Dunkelheit verlor.

"Wa- was ist dort oben?" krächzte Ginny nun heiser und das verängstigte, eingeschüchterte Zittern ihrer eigenen Stimme klang seltsam fremd in ihren Ohren.

"Der Dachboden," entgegnete Tom nun leise.

Wieder musste sie schlucken.

"Der Dachboden?" wiederholte sie tonlos und er nickte.

"Ja. Halte dich gut am Geländer fest, die Stufen sind hier furchtbar steil."

Als habe er ihre unausgesprochene Frage gespürt, fuhr Tom nun fort: "Wir müssen den Dachboden durchqueren um auf das Dach zu gelangen."

"Und was," sie schluckte wieder, fest entschlossen ihrer Stimme einen festeren Klang zu geben, als sie nu den Fuß auf die unterste Stufe setzte, "mögen wir auf dem Dach wollen?"

Dies Mal erhielt sie keine Antwort.

Sobald sie durch die alte karrende Tür am oberen Ende der Treppe geschlüpft waren, empfing sie weiches, silbriges Licht. Mondlicht. Es flutete ihnen in sanft schimmernder Bahn auf den staubigen Dielen entgegen.

Verwirrt blickte Ginny sich um, bis sie bemerkte, dass das Mondlicht durch ein Giebelfenster zu ihrer Rechten hereinflutete. Als sie sich weiter umsah, erkannte sie die schattenhaften Konturen verschiedener Gegenstände, die hoch aufgetürmt und gegen die schrägen Wände gerückt worden waren. Uralte Möbel, wie es schien – Tische und Bänke, sowie Koffer und Truhen einer anderen, längst vergangenen Zeit – und eine Reihe anderer Dinge von denen sie bloße Schemen im Zwielicht zu erahnen vermochte.

Behutsam zog Tom die Tür hinter ihnen ins Schloss.

"Shht – sei ganz leise, wir wollen sie nicht erschrecken."

"Sie?"

"Ja. Schade, dass es schon so spät ist. Ich komme sonst immer bei Sonnenuntergang her. Das ist die beste Zeit."

"Wozu?" brachte Ginny mit einem heiseren Krächzen hervor. "Wer ist hier oben, Tom?"

Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass sie nun doch nach seiner Hand gegriffen hatte und dabei sogar ganz nahe an ihn herangetreten war. Erst als sich seine Finger sanft um ihre schlossen, wurde Ginny klar, was sie da getan hatte...

Beschämt wollte sie die Hand zurückziehen, doch Tom schloss seinen Griff nur wieder sanft darum und führte sie in die Richtung des mondlichtdurchfluteten Giebelfensters hinüber.

"Es ist gut," raunte er, "du brauchst keine Angst zu haben. Komm."

Ganz plötzlich war da ein Geräusch, im Gebälk über ihnen. Das schnelle Flattern kleiner Flügel und gleich darauf – jagte ein formloser schwarzer Schatten über ihre Köpfen hinweg, bevor er – sich windend und zappelnd – durch ein Loch im Dach nach draußen schlüpfte.

Mit einem Aufschrei des Entsetzens sprang Ginny auf Tom zu, welcher daraufhin – spontan und impulsiv – beide Arme um sie schlang.

"Hey, keine Angst," lachte er dann, während er sie auf Armeslänge zurückschob, um sie ansehen zu können. "Es ist nur eine Fledermaus!"

Ginnys Herz spielte bei dieser Mischung plötzlich anflutenden Adrenalins und unerwarteter Nähe schier verrückt. Der Impuls gleichsam die Arme um ihn zu schlingen, sich ihm entgegenzulehnen wurde immer stärker. Es hätte nicht viel gefehlt und sie hätte es getan – hätte sich an ihn geschmiegt... Sie blinzelte.

"Eine Fledermaus?" wiederholte sie dann, wie betäubt. Sie kam sich mit einem Mal entsetzlich dumm – ja geradezu erbärmlich vor und sie konnte nur hoffen, dass das sanfte Mondlicht freundlich genug sein mochte, ihre brandroten Wangen zu verbergen.

Sofern Tom ihren inneren Aufruhr bemerkte, so zeigte er es nicht. Einen weiten, wunderbaren Moment lang sah er sie einfach nur an, während er sie noch immer fest in seinen Armen hielt – und seine Stimme war sanft und voller Zuneigung, als er schließlich sprach: "Hast – du Angst vor Fledermäusen?"

Es brauchte einen Moment ehe sie begriff, was er gefragt hatte, doch als ihr klar wurde, dass sie sich noch immer in seinen Armen befand, versteifte sie sich augenblicklich und versuchte sich freizumachen.

"Oh nein. Ich em. Nein, nein – das hab ich nicht, nein," stotterte sie.

Sobald er ihr unvermitteltes Widerstreben bemerkte, ließ Tom sie los und trat nun seinerseits einen Schritt zurück – offenbar verunsichert. " Es...Es tut mir leid," stammelte er, „ich – wollte dir keine Angst machen." Es wurde dabei nicht unbedingt klar, was er eigentlich meinte: die Fledermäuse, oder den langanhaltenden Griff um ihre Schultern und Ginny fragte auch nicht nach.

"Nein, es ist schon gut," beschwichtigte sie nun rasch – selbst nicht gänzlich sicher, was sie eigentlich meinte. "Ich bin bloß so erschrocken, weißt du?"

"Oh, ich verstehe. Ich hätte dich vorwarnen sollen. Entschuldige bitte." Er verstummte und plötzlich war da eine angespannte Stille zwischen ihnen.

"Möchtest du trotzdem weiter gehen? Auf das Dach hinauf, meine ich?" fragte Tom dann zögerlich und Ginny antwortete beinahe hastig: "Ja! Oh ja, ich will! Ich meine – Lass uns weitergehen."

So setzten sie ihren Weg also fort, durchquerten den dämmrigen, schattenverhangenen Dachboden und schritten auf das von Mondlicht durchflutete Giebelfenster zu.

Ein einzelner – ziemlich wackliger – Stuhl stand unter dem Fenster, und Tom, welcher bereits hinausgeklettert war hielt ihr nun in auffordernder Geste die Hand entgegen.

"Hier, nimm meine Hand," riet er und sie tat es.

Sie traten auf ein Flachdach. Hinter ihnen ragte die Giebelwand empor während sich links von ihnen ein steil ansteigendes hellgraues Schieferdach befand. Vor ihnen und zur Rechten war nur der Nachthimmel. Neugierig wagte sich Ginny einige Schritte vor, um in die Tiefe zu spähen doch Tom hielt sie beinahe entsetzt zurück.

"Bleib stehen! Ginny!" warnte er eindringlich. "Geh nicht so dicht an den Rand – Bitte!"

„Wir sind schrecklich hoch, hier oben!" erklärte er dann.

Nervös und ein wenig angespannt setzte sich Ginny auf die niedrige Mauerbrüstung durch welche das steile Schieferdach zu ihrer Linken begrenzt wurde. Tom stand stattdessen mit ineinander verschränkten Armen gegen die Giebelwand gelehnt. Für den Moment sprach keiner von ihnen ein Wort.

Ginny lies ihren Blick über den weiten, samtschwarzen Nachthimmel wandern. Tief unter ihnen konnte sie den See erkennen, dessen dunkele Oberfläche das glitzende Sternenlicht reflektierte und noch weiter dahinter, die nachtschwarzen Wipfel des Verbotenen Waldes, welcher die Hügel am jenseitigen Ufer bedeckte.

Es war ein solch ungewöhnlicher Ort für ein 'erstes Date', wenn man es denn überhaupt als solches betrachten konnte und doch – gefiel ihr einfach alles daran – und sie hätte nichts davon missen mögen – nicht einen Augenblick... Sie waren offenbar restlos verrückt – alle beide! Nun so gesehen passten sie ja schon mal prima zusammen...

Die offensichtliche Komik der Situation lies sie auflachen.

Augenblicklich fuhr Toms Kopf zu ihr herum.

"Worüber lachst du?!" fragte er mit unverkennbarer Schärfe. "Du hältst mich für blöd, stimmt's?!" Der Schmerz und die Bitterkeit in seiner Stimme waren unüberhörbar.

"Nein," widersprach Ginny sofort, doch Tom runzelte lediglich die Stirn.

"Wir gehen wohl besser wieder nach unten, wenn's dir hier nicht gefällt!"

"Aber – es gefällt mir doch, Tom! Es gefällt mir sogar sehr! Es ist... ganz wunderschön hier," erklärte Ginny eindringlich. "Ganz ehrlich. Es ist nur so –" sie stockte und hob in hilfloser, nach Worten ringender Verzweiflung die Schultern, "so – entsetzlich unwirklich – das alles hier."

„Verstehst du?" schloss sie dann. Suchend blickte sie sich um. „So," bemerkte sie lächelnd, „wo sind denn nun deine Fledermäuse, hm?"

Erst jetzt, da er merkte, dass sie nicht über ihn gelacht hatte, entspannte er sich.

"Nun, es ist, wie ich gesagt habe; am Besten ist es bei Sonnenuntergang herzukommen. Wir sind ein bisschen zu spät um die Fledermäuse in die Nacht hinausflattern zu sehen. Aber wenn wir Glück haben – Es gibt immer die ein oder andere Schlafmütze, wie diejenige, die dich erschreckt hat," erklärte er dann.

"Ahhh-" murmelte Ginny. Sie vermochte nichts weiter zu sagen und so verfielen sie beide wieder in Schweigen, welches zunächst zwar angespannt, jedoch nicht weiter unangenehm war. Nach ein paar Minuten allerdings begann sich dies zu verändern. Zudem begann Ginny in der kühlen Nachtluft allmählich zu frösteln. So heiß und sommerlich die Tage noch immer sein mochten, die Nächte brachten bereits eine gewisse Kühle mit sich; klarer Vorbote des herannahenden Herbstes – ohnezweifel.

Sie wagte jedoch nicht dies Tom gegenüber zu erwähnen, damit er es nicht wieder falsch verstehen und denken mochte, dass sie nur nach einer höflichen Ausrede suchte aufzubrechen.

Er blickte nicht in ihre Richtung sondern betrachtete die Ländereien unter ihnen, wie sie bemerkte und gab Ginny somit die Gelegenheit sein Gesicht eingehend und ohne Scheu zu betrachten.

"Ich komme manchmal hier herauf um nachzudenken," erklärte er leise und der schmerzliche Druck in ihrem Herzen vertiefte sich.

Gerade jetzt und hier, im sanften, silbrig glänzenden Schein des Mondes war es so schwer vorstellbar, dass dieser hübsche, ein wenig melancholische Junge – der den ganzen weiten Weg hier herauf auf das Dach von Hogwarts stieg, nur um ein paar Fledermäuse bei ihrem Flug in die Nacht hinaus zu beobachten – einst der schrecklichste, meist gefürchtetste Finstere Zauberer ihrer Zeit werden würde... Sie – wollte – sich dergleichen gar nicht vorstellen.

Doch – wie immer, wenn sie sich seine finster Zukunft ins Gedächtnis rief, verspürte Ginny einen Hauch von Furcht in ihrem Herzen. Einem Herzen, welches eben noch in einem Ansturm wilder, unergründlicher Zärtlichkeit für ihn gepocht hatte. Und der Schauder, der ihr bei diesem Gedanken über den Rücken lief, hatte nichts mit der Kühle der Nacht zu tun.

Tom, der ihr das Gesicht erneut zugewandt hatte, bemerkte ihr Schaudern und er verließ augenblicklich seinen Platz an der Giebelwand um neben ihr auf der Mauer platz zu nehmen.

"Du frierst ja," bemerkte er sanft und zog seinen Umhang aus.

Zu überrascht für irgendeine andere Reaktion sah Ginny ihn einfach nur an, als sie fühlte, wie sich der warme Stoff seines Umhangs im nächsten Moment um ihre Schultern legte.

Nie zuvor hatte sie ihn ohne einen Mantel oder Umhang gesehen. In den hellgrauen Hosen und dem ebenso grauen Wollpullunder seiner Schuluniform sah Tom um so eigenartiger aus. Entsetzlich gut – aber so ganz und gar nicht, wie ein böser Zauberer.

Sie bemerkte, dass sie Ärmel seines Hemdes ein wenig zu kurz waren und begriff, dass er herausgewachsen sein musste. Offenbar, so schloss sie, konnte auch er sich nicht in jedem Jahr eine neue Ausstattung leisten, selbst wenn es sich dabei um gebrauchte Kleidung handelte.

"Ja aber – brauchst du deinen Umhang denn nicht selbst?" krächzte sie ein wenig heiser und fühlte sich auf einmal ganz eigenartig, als nun Toms schöne, schwarze Augen so plötzlich und unvermittelt direkt in ihre blickten. Ein warmer, sanfter Ausdruck lag darin, wie sie ihn noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte.

"Nein," murmelte er leise, "Nein, ich – Mir ist nicht kalt, Ginny."

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A/N: Ich hoffe ihr habt Spaß an dem neuen Kapitel. Das nächste wird wieder ‚schrecklich' lang und dauert daher noch ein Weilchen. Ich stecke gerade mittendrin...

URUZ, ist die zweite Rune des älteren Futhark mit dem Lautwert U. Die generelle Bedeutung dieser Rune ist ‚Stärke', oder ‚Kraft'. Sie mag von Mut und Hartnäckigkeit, Tatkraft und Selbstbestimmung sowie Weisheit und Verständnis künden und hilfreich sein eine Balance zwischen Extremen zu finden, sowie Schwächen und Selbstzweifel zu überwinden. Auch Instinkt und Irrationalität gehen mit ihr einher. Darüber hinaus kennzeichnet sie den Wandel von Beendigung und Neubeginn.

Die Form der Rune ähnelt dem kleinen Zeichen, welches die Absätze gliedert. Ein wenig wie ein n, das an der rechten Seite absinkt. ח

Herzlichen Dank, für Feedback und Ermutigung in Form von Reviews, Follows oder Favoriteneinträgen, ich habe mich sehr darüber gefreut!

Liebe Grüße, Serpentina