Willkommen zur Fortsetzung zu Aurora. Viel Spaß beim Lesen und vergesst nicht, mir eine Review da zu lassen. Jede Meinung ist mir wichtig!
Vielen Dank an Adina Barth für das Cover!
Der Waldgeist
„Was für eine Show", rief Feng begeistert und drehte sich zu Sally: „Wie hat´s dir gefallen?"
„Es war verdammt, verdammt laut", antwortete die Krankenschwester und rieb sich die Ohren: „Aber ich habe selten einen solchen Spaß gehabt. Wirklich… beeindruckend."
„Habt ihr das Drumsolo gesehen?", wollte Meg aufgeregt wissen: „Habt ihr gesehen wie schnell der war?"
„Wir waren dabei", antwortete Nea und lachte: „Eure Gesichter waren Gold wert, als sie den ersten Song rausgehämmert haben. Ihr seid wirklich noch nie auf so einem Konzert gewesen."
„Ich dachte immer, das würde halt so ähnlich klingen wie auf den CDs", sagte Meg: „Aber die Show, die die da abziehen... die hat mich wirklich umgehauen."
Nea nickte und wechselte einen Blick mit David, der zustimmend brummte. Dann schaute sie sich nach Claudette und Dwight um. Die beiden waren etwas zurückgeblieben und befanden sich noch am Ausgang, eingeklemmt zwischen einer Traube lachender Fans und zwei Sicherheitsbeamten.
„He, ihr beiden Turteltäubchen, beeilt euch mal ein wenig", rief die Schwedin und wandte sich dann wieder an ihre Gruppe: „So, ich bin sicher nicht die Einzige hier, mit einem Mordshunger, oder? Wer kommt mit etwas zu essen suchen?"
Alle außer Sally nickten hungrig und machten sich sogleich auf den Weg in Richtung einer nahegelegenen Würstchenbude. Die Krankenschwester blieb zurück und wartete auf Dwight und Claudette, die sich allerdings trotz Neas Aufforderung nicht wirklich beeilten. Die beiden hatten die Show auf ihre eigene Art und Weiße genossen und der Anblick, den das Pärchen bot, zauberte Sally ein Lächeln auf die Lippen.
Sie hob den Kopf zu den Sternen, schloss die Augen und ging in Gedanken das eben gesehen Konzert durch. Zuerst das Intro, ein Feuerwerk an Spezialeffekten, Nebel und Lichtern. Dann das erste Lied. Kraftvoll und laut hatte es Sally von Anfang an mitgerissen und die jubelnde Menge um sie herum hatte sie mit einer Euphorie aufgeladen, die selbst jetzt noch ihre Glieder zittern ließ.
Der Sänger hatte zwischen jedem Song ein paar Worte gesagt, einen herrlich vulgären Witz gemacht oder einfach die Stimmung etwas aufgeheizt. Er war dabei mit einer Lässigkeit vorgegangen, die nur langjährige Erfahrung und Professionalität mit sich brachten. Die Gitarristen hatten natürlich auch ihren Teil zur Darbietung beigetragen und waren auf der Bühne hin und her gestürmt, doch am meisten war Sally vom Drummer fasziniert gewesen.
Wie ein König hatte er hinter seinen Trommeln und Becken gethront, platziert auf einem hohen Podest. Er war mit einer Kraft und Geschwindigkeit ans Werk gegangen, die sich Sally kaum erklären konnte und jeder Schlag hatte perfekt gesessen.
Damals im Nebel hatte sie nicht daran geglaubt, jemals wieder in die echte Welt zurück zu gelangen. Als das geschehen war, hatte sie nicht daran geglaubt sich jemals wieder normal unter Menschen aufhalten zu können. Doch die Überlebenden hatten sie aufgenommen, wie eine der ihren. Trotz der bitteren Vergangenheit, die sie verband.
Irgendwo brachen einige Fans in hemmungslosen Jubel aus und Sally öffnete die Augen wieder. Neugierig schaute sie sich um. Dwight und Claudette waren kurz davor, sich aus dem Eingangsbereich freizukämpfen, während sich etwas abseits eine kleine Menschenmenge gebildet hatte. Offenbar war irgendetwas aufregendes passiert, doch Sally hielt lieber etwas Abstand. So aufregend und spannend es auch war, so verunsichernd und einschüchternd waren doch die Bräuche und Gepflogenheiten eines anderen Jahrhunderts und einer Gesellschaft, die sie kaum kannte. Aufmerksam verfolgte sie die Ereignisse und erblickte einen Moment später die auffallende Frisur des Sängers, der sich gerade eben noch von der Bühne verabschiedet hatte. Offenbar fand dort drüben ein überraschendes Treffen zwischen Fans und Band statt.
Sally schaute sich kurz um und sah in die Richtung, in die Nea und die anderen verschwunden waren. Sollte sie der Schwedin Bescheid sagen? Nea war ja eine glühende Verehrerin der Gruppe und hatte schon auf einigen Konzerten versucht, an ein Autogramm zu kommen, allerdings war es ihr bisher noch nie gelungen. Nun bot sich eine weitere Gelegenheit, doch Sally konnte ihre Freundin nirgendwo entdecken. Unsicher, ob sie sich auf die Suche begeben sollte, machte sie einen Schritt nach hinten und stieß im nächsten Moment unsanft mit jemandem zusammen. Sie wurde nach vorne gestoßen und wäre wohl zu Boden gefallen, hätte sie nicht jemand an der Taille festgehalten.
Erschrocken befreite sich Sally aus dem Griff. Ihr Körper war eiskalt und gerade mal halb so schwer wie der einer normalen Frau. Niemand durfte sie entdecken. Hastig fuhr sie herum und suchte nach der Person, die sie angerempelt hatte, bereits halb bereit, sich zu verteidigen.
„Oh, Entschuldigung, tut mir furchtbar leid", sagte ein hochgewachsener, junger Mann in schwarzem Tanktop und mit verschwitzten Haaren. Mit einem starken skandinavischen Akzent fuhr er fort: „Ich habe Sie gar nicht gesehen. Geht es Ihnen gut?"
„Ja, ja… nichts passiert", murmelte Sally und schaute sich kurz nach Dwight und Claudette um. Seltsamerweise fühlte sie sich unwohl dabei, ganz allein mit einem fremden Menschen konfrontiert zu werden. Dann richtete sie wieder den Blick auf den jungen Mann und plötzlich fiel ihr etwas auf. „Hey, warst du nicht gerade auf der Bühne?"
„Jep, hinter den Drums", entgegnete der Schlagzeuger: „Ich hatte ehrlich gesagt gehofft, mich heute an den Fans vorbeischleichen zu können. Das Autogrammeschreiben überlasse ich lieber Joakim." Sally antwortete nichts und der Musiker erläuterte: „Unserem Sänger."
„Ach so", nickte Sally: „Ich muss zugeben, ich sehe euch heute zum ersten Mal."
„Daran ist nichts auszusetzen", erwiderte der Mann fröhlich und Sally fügte schüchtern hinzu: „Das war heute sogar das erste Rockkonzert meines Lebens."
„Oh, dann hatten wir ja eine besondere Ehre", rief der Musiker: „Ich hoffe, wir haben dir eine würdige Initiation verpasst. Hat es dir gefallen?"
Sally nickte: „Ihr habt wirklich wundervoll gespielt. Ehrlich, ich habe noch nie so viel Energie in einem Musikstück erlebt."
„Eine interessante Ausdrucksweise", lachte der Schlagzeuger, bevor er zwei Stöcke aus seiner hinteren Hosentasche hervorzog und mit einem schwarzen Stift schwungvoll signierte. Dann drückte er sie Sally in die Hand und sagte: „Hier. Ein Willkommensgeschenk für unseren neuesten Fan."
„Danke", murmelte die Krankenschwester und der Musiker schüttelte ihr die Hand: „Gern geschehen. Jetzt muss ich aber los, sonst fliege ich noch auf. Bis zum nächsten Mal."
Mit diesen Worten drehte er sich um und verschwand eilig in der Menge, während Sally etwas verdutzt zurückblieb. Sie fühlte das Gewicht der Stöcke in ihren Händen, gerade als Claudette an ihrer Seite auftauchte und stöhnte: „So, jetzt sind wir da. Wir hatten da hinten einen kleinen Stau."
„Hm… Was?"
„Ich sagte, wir hatten einen kleinen Stau", wiederholte Claudette: „Wo sind denn die anderen hin?"
„Die sind sich etwas zu essen holen gegangen", antwortete Sally: „Aber sie müssten jeden Moment zurückkommen."
„Verdammt, ich könnte auch etwas vertragen", murmelte Dwight: „Bringen sie mir etwas mit?"
„Ich glaube nicht", sagte Sally und Dwight knurrte etwas Unverständliches.
„Was ist denn da drüben los?", wollte Claudette wissen und zeigte auf die Menschenansammlung. Sally folgte ihrem Blick und antwortete: „Ich glaube ein paar der Musiker schreiben Autogramme."
„Wirklich? Da fehlt aber einer, oder habe ich den nur übersehen?"
„Der Drummer", murmelte Sally, während David zur Gruppe stieß, die Arme vollbepackt mit Fastfoodtüten und Getränkedosen.
„Du willst das doch nicht etwa alles alleine essen?", fragte Dwight entgeistert, angesichts der schieren Menge, die David dahergebracht hatte: „Das sind ja vier Portionen."
„Die Mädels haben die Band entdeckt", brummte David: „Essen war dann zweitrangig. Shit, könnt ihr mir ein paar dieser Tüten abnehmen?"
Claudette und Dwight eilten sofort herbei und befreiten David von einem Teil seiner Last. Dwight schaute kurz über die Schulter und sagte dann: „Wenn ich das schon tragen muss, kostets auch was."
Salopp griff er in eine der Tüten, zog ein Pommes hervor und steckte es sich genüsslich in den Mund. Claudette beobachtete ihn grinsend und folgte anschließend seinem Beispiel. Die Speisen waren ohnehin so üppig, dass Feng oder Meg wohl kaum eine ganze Tüte allein verschlingen würden.
David öffnete unterdessen eine Dose und trank einen großen Schluck Bier. Sally hatte bereits festgestellt, dass das alkoholische Getränk auf solchen Veranstaltungen wohl so fix dazugehörte wie die Band selbst. Der Geruch war allgegenwärtig.
„Wie findest du eigentlich New York, Sally?", wollte Claudette nach einem Moment wissen und die Krankenschwester schrak aus ihren Gedanken: „New York? Ähm… groß?"
„Das ist richtig", lachte Claudette: „Ist ja auch eine der größten Städte der Welt."
Sally nickte und schaute hinüber zu einer Gruppe von Wolkenkratzern.
„Zu meiner Zeit habe ich Bilder von der Stadt gesehen, aber damals waren die Gebäude viel kleiner. Und es ist natürlich etwas anderes selbst hier zu ein. Und all die Autos. Wirklich beeindruckend."
„Bei euch gab es ja fast keine Autos, oder?", fragte Dwight mit vollem Mund. Sally schüttelte den Kopf: „Doch, das schon. Aber sie waren lauter, langsamer und haben gestunken. Heute ist alles so… perfekt."
„Perfekt ist vielleicht etwas viel gesagt", lachte Claudette: „Aber in den letzten Jahrzehnten hat die Menschheit wahnsinnig viel erreicht, das ist wahr."
Dwight stimmte ihr zu und die vier unterhielten sich noch ein Weilchen, bevor Meg, Feng und Nea wieder zur Gruppe dazukamen. Die Schwedin hatte sich ein T-Shirt der Band ergattert und das goldene Logo prange direkt auf ihrer Brust.
„Erfolgreich?", fragte Claudette, doch Nea schüttelte nur den Kopf: „Nope, zu viele Leute. Da kommen wir in einer Stunde nicht durch und so lange haben wir nicht Zeit."
„Wenigstens konntest du dir ein T-Shirt besorgen", meinte Dwight und die Miene der Schwedin hellte sich etwas auf: „Immerhin ein Andenken. Und das Logo sieht wahnsinnig geil aus, oder?"
„Das tut es", bestätigte Claudette und wandte sich dann an Meg: „Habt ihr auch etwas?"
Die Athletin hob den Arm und zeigte ein schwarzes, mit dem Bandlogo verziertes Schweißband, das sie sich ums Handgelenkt geschlungen hatte. Feng hingegen knurrte verärgert und rief: „Ich hasse es so klein zu ein. Zuerst kann ich die Band kaum sehen und jetzt sind schon alle T-Shirts in meiner Größe weg."
Doch im nächsten Moment fuhr ihr bereits ein Lächeln über die Lippen.
„Uns beiden bleibt nur unsere Erinnerung als Andenken", sagte Claudette tröstend: „Aber vielleicht ist das letztendlich das schönste Andenken, das es gibt."
„Wie poetisch", kommentierte Nea und sagte: „Ein Autogramm wäre schon was gewesen, aber macht nichts. Was hast du da eigentlich in der Hand, Sally?"
Die Krankenschwester hob die beiden Schlagzeugstöcke nach vorne und alle schauten neugierig auf die länglichen Objekte, bevor Dwight fragte: „Warte… Ist das eine Signatur?"
„Der Schlagzeuger ist vorhin hier vorbeigekommen, gleich nachdem ihr gegangen seid", sagte Sally: „Er hat mich ausversehen angerempelt und dann haben wir kurz gesprochen, bevor er mir die hier gegeben hat."
„Du hast signierte Drumsticks von Hannes van Dahl?", fragte Nea mit vor Überraschung weit aufgerissenen Augen und schnappte sich einen der Stöcke, als Sally sie ihr hinhielt. Neugierig besah sie sich die Unterschrift und fuhr dann mit dem Finger am Schaft entlang.
„Fuck, wie lange ist er schon weg?", wollte die Schwedin wissen und schaute suchend über Schulter.
„Schon eine Weile", antwortete Sally: „Wir haben nur kurz miteinander gesprochen."
„Was hat er dir gesagt?", fragte Meg begeistert und Sally entgegnete: „Nicht viel. Er hat sich nur entschuldigt und gefragt, wie mir die Show gefallen hat."
„Wie war er so?", hakte Feng nach.
„Ich weiß nicht… freundlich?"
„Wie kann man nur so ein Glück haben", murmelte Nea und gab Sally den Stock zurück: „Erstes Konzert und gleich ein Date mit dem Drummer."
„Du kannst ihn behalten", sagte Sally, aber die Schwedin schüttelte den Kopf: „Nein. Er hat sie dir gegeben und ich habe schon ein Souvenir."
„Und was mach ich jetzt damit?", fragte die Krankenschwester nach kurzem Überlegen und Nea lachte: „Einrahmen und übers Bett hängen. Wie ein Poster, nur cooler."
„Oder du könntest dir ein Schlagzeug dazukaufen", fügte Claudette schmunzelnd hinzu.
Meg schlug panisch die Augen auf und schreckte hoch. Schwer atmend schaute sie sich um, bevor sie in der Dunkelheit die Konturen ihres Zimmers erkannte. Sie war zuhause auf der Coldwind Farm.
Müde ließ sich die Athletin zurück ins schweißgebadete Bett fallen und versuchte die Augen zu schließen. Sie hatte wohl einen Alptraum gehabt, was nun schon seit über zwei Jahren leider keine Seltenheit mehr darstellte. Die Zeit ihrer ruhigen Nächte war lange vorbei und würde es wohl für immer sein, doch es gab Aussicht auf Besserung.
War sie früher noch regelmäßig schreiend und um sich schlagend aus dem Schlaf gerissen worden, so war es mittlerweile selten mehr als ein leichtes Aufschrecken. Meg wusste, dass sie nicht im Schlaf geschrien oder sonstigen Lärm verursacht hatte, da in diesem Fall Sally bereits in ihrem Zimmer stehen würde. Die Krankenschwester kümmerte sich wie eine Mutter um sie, wofür Meg dankbar war. Auch wenn sie es nicht gerne zugab, so verlieh ihr Sally doch Halt. Sie war jemand, an den Meg sich wenden und mit der sie sprechen konnte. Und sie hatte einen unsagbar leichten Schlaf, der in der Regel nicht länger als zwei Stunden pro Nacht dauerte.
Meg musste schmunzeln als ihre Gedanken zu den Schlafgewohnheiten der ehemaligen Killer wanderten. Während Sally mit unmenschlich wenig Erholung auskam, schienen Max und Anna keineswegs durch den Entitus von ihren humanen Bedürfnissen befreit worden zu sein. Anna war zwar sehr nachtaktiv und trieb sich oft noch Stunden nach Mitternacht in den Wäldern herum, allerdings holte sie all den Schlaf am folgenden Vormittag nach. Ihr Zimmer glich einer Raubtierhöhle und war ausgeschmückt mit einer Reihe an Dingen, die die Jägerin von ihren Streifzügen mitgebracht hatte. Eine bunte Feder, eine seltsam geformte Wurzel oder ein glitzernder Stein, alles Schöne oder Wundersame erhielt einen Platz in ihrer Sammlung. Ihre Ruhestätte war ein Haufen aus Kissen und Federbetten, in die sie sich des Nachts hineinkuschelte.
Max hingegen war ein Frühaufsteher, der allerdings auch zeitig zu Bett ging. Sobald die Sonne unterging suchte er sich etwas zu essen und verschwand anschließend in seinem Zimmer, nur um mit den ersten Sonnenstrahlen wieder zu erscheinen. Am Anfang war er noch um fünf Uhr in der Früh mit seiner Kettensäge durch die Felder gesprintet, doch glücklicherweise hatten Sally und Meg ihm das schnell abgewöhnt.
Sein Zimmer folgte ähnlich wie Annas auch einem ganz eigenen Stil und erinnerte an eine Werkstatt, allerdings an eine sehr unordentliche. Der Boden war mit Schrauben und Metallteilen übersäht, auf zwei Werkbänken lagen haufenweise Materialien und die Wände waren übersäht mit Nägeln, an denen die verschiedensten Werkzeuge hingegen.
Sally hatte erfolglos versucht ihn zum Aufräumen zu bewegen, doch es hatte nichts genützt. Am Ende hatte die Krankenschwester aufgegeben mit der Aussage, dass es doch ohnehin keinen Unterschied mache, solange er sich wohlfühle. Sein Bett glich im Gegensatz zu Annas eher dem menschlichen Standard, allerdings handelte es sich nur um eine simple Matratze, ohne Kissen oder Decken. Max warf sich einfach auf die weiche Oberfläche und fiel umgehend in einen tiefen Schlaf, wobei er stets laut schnarchte.
Meg lehnte sich zur Seite und legte ein Ohr an die Wand. Leise konnte sie das regemäßige Sägen vernehmen, obwohl Annas Zimmer zwischen dem des Hinterwäldlers und ihrem eigenen befand. Glücklicherweise schien es der Jägerin nichts auszumachen.
Gähnend legte sich Meg wieder zurück und versuchte erneut zurück in den Schlaf zu finden. Sie hatte ihr einziges Fenster, das nach Osten ausgerichtet über die Felder blickte, weit geöffnet und leise drang das nächtliche Zirpen von Grillen herein. Gedankenverloren erinnerte sich die Athletin in der Schule gelernt zu haben, dass es sich bei den Geräuschen um Signale der Paarungsbereitschaft handelte und bei der Anzahl an Signalen, die dort draußen fabriziert wurden, musste es sich wohl um eine regelrecht Orgie handeln.
Ein leichtes Lächeln fuhr über ihre Lippen und ihre Gedanken wanderten zu Dwight und Claudette, die letzte Woche in New York so glücklich ausgesehen hatten. Es war nicht so, dass Sally, Anna oder Max unangenehme Zeitgenossen waren - ganz im Gegenteil - aber seit beinahe einem Jahr lebte Meg nun schon als einziger echter Mensch auf der Coldwind Farm. Einmal in der Woche ging sie in die nahegelegene Stadt, doch die Einwohner begegneten ihr mit Reservation. Sie misstrauten der Farm und all ihren Bewohnern.
Als Meg sich bereiterklärt hatte, mit den seltsamen Wesen, die Sally, Max und Anna nun mal waren, auf die Farm zu ziehen, war sie sich bewusst gewesen, dass es eine einsame Angelegenheit werden würde. Sie hatte gehofft, dass das zurückgezogenen Leben ihre Panikattacken etwas besänftigen und die ständige Gegenwart der Monster ihre Ängste und Traumata therapieren würde. Sie hatte recht gehabt. Es hatte so gut funktioniert, dass ihre Erinnerungen an den Nebel zu lauernden Schatten verkümmert waren, die hin und wieder nach ihren Gedanken griffen, sie jedoch nie mehr wirklich zu fassen bekamen.
Das Leben auf der Farm war wirklich schön. Es war angenehm ruhig und seltsamerweise fühlte Meg eine tiefe Zufriedenheit, wenn sie an das Haus und die Felder dachte, die nun ihr gehörten. Trotzdem sehnte sie sich nach anderer Gesellschaft. Nach jemandem, der nicht irgendwann in der Vergangenheit versucht hatte, sie umzubringen.
Der Trip nach New York hatte ihr Riesenspaß gemacht. Es war ein solcher Genuss gewesen, sich in eine Menge zu mischen, in der man vollkommen anonym und unauffällig war, in der man nicht misstrauisch angeschaut wurde und in der niemand wusste, wer man war oder wo man wohnte. Das Land hatte seine Vorteile, die Stadt hatte andere und Meg liebte die Fülle an Menschen und Gesichtern, die letztere bot.
Ihre Finger bewegte sich langsam, beinahe unwillkürlich unter die Bettdecke und in ihre Pyjamahose. Es dauerte eine Weile, bevor sich ihr Körper kurz anspannte und sie anschließend ihre Hand mit einem Seufzen wieder hervorzog. Feucht glitzerten die Finger im Mondlicht und Meg stellte fest, dass sie wirklich verdammt einsam war.
Für einen Moment fragte sie sich, ob sie sich nach einem Partner sehnte, doch dann tat sie den Gedanken mit einem innerlichen Kopfschütteln ab. Leicht beschämt erinnerte sie sich zurück an die beiden Idioten, mit denen sie damals auf der Hochschule etwas gehabt hatte.
Dem einen hatte sie ihre Jungfräulichkeit geopfert, nachdem sie sich auf einer Sportlerfete zu sehr angetrunken hatte. Es war innerhalb einer halben Minute auf einer schmutzigen Klokabine geschehen und noch Wochen später wäre sie beim Gedanken daran am liebsten im Erdboden versunken.
Aus diesem Grund hatte sie sich beim Zweiten dazu entschlossen, nichts zu überstürzen und dabei wohl dermaßen übertrieben, dass der Kerl sich irgendwann eine Nebengespielin zugelegt hatte. Ab diesem Zeitpunkt war für Meg das Thema beendet gewesen und erst der scheinbar überglückliche Anblick, den Claudette und Dwight boten, ließ kleine Risse in ihrer Entschlossenheit entstehen.
Mach die Augen zu, Meg und schlaf endlich, ermahnte sie sich. Vergiss diese Hirngespinste, morgen sieht alles anders aus.
Sie waren blitzeblank, weiß und makellos, genauso wie Dwight es mochte. Zufrieden schloss er den Mund und legte die Zahnseide zur Seite. Er hatte soeben eine viertel Stunde damit zu gebracht auch noch den letzten Essensrest zwischen seinen Zähnen herauszufischen und der Spinat, den Claudette ihm heute vorgesetzt hatte, war ein harter Gegner gewesen. Doch am Ende war Dwight siegreich aus dem Kampf hervorgegangen. Außerdem war die Mahlzeit köstlich gewesen, eine Eigenschaft, die man bei weitem nicht jedem Gericht der Kanadierin zuschreiben konnte.
Dwight nickte voller Genugtuung seinem Spiegelbild zu, drehte sich um und verließ das kleine Badezimmer. Eigentlich wohnte er immer noch bei seinen Eltern, doch mittlerweile verbracht er über die Hälfte aller Nächte in Claudettes winzigem Apartment im Stadtinneren, sodass er sich nicht mehr ganz sicher war, welcher Ort sein wahres Zuhause darstellte. Natürlich wollte er die Kanadierin nicht ausnutzen und so manch ein Mädchen hätte ihm wohl gesagt, er solle sich eine eigene Wohnung suchen. Aber nicht Claudette.
Genau wie Dwight gehörte sie zum Typ Mensch, der sich an seinen Partner klammerte wie ein Äffchen an seinen Ast und sie hatten bereits von mehreren Seiten gehört, dass eine Beziehung dadurch schnell in die Brüche gehen konnte. Allerdings hatten die beiden bisher noch nichts davon gemerkt. Dwight klammerte sich gern an Claudette und Claudette klammerte sich gern an Dwight. Sie waren glücklich damit.
Er ließ sich auf das schmale Bett fallen, das sie miteinander teilten und drehte den Kopf hinüber zu seiner Freundin. Sie war in einen Bademantel gekleidet und die nassen Haare fielen ihr in einem dunklen Zopf den Rücken hinunter. Nachdem sie aus der Dusche gekommen war, hatte sie sich sofort an ihren Computer gesetzt und mehrere Webseiten aufgerufen, allesamt mit Bezug zur Universität. Der Grund: ab heute konnte man mit einer Nachricht rechnen, ob man zu einem Auslandssemester zugelassen worden war oder nicht.
Dwight hatte ihr wiederholt erklärt, dass es auch gut möglich war erst in einer Woche eine Benachrichtigung zu erhalten und dass es kaum Sinn machte, sich die nächsten Tage vor den Bildschirm zu fesseln. Sie würde es schon noch erfahren. Claudette wusste das natürlich so gut wie er selbst und trotzdem ließ sie sich nicht beirren.
Aufgeregt öffnete die Kanadierin ein Chatfenster und tippte eine schnelle Nachricht ein. Es handelte sich um ein Forum all jener, die um ein Auslandssemester angesucht und den Test absolviert hatten. Ging es vor einem Monat noch um Lerntipps oder Studiengruppen, so galt die Aufmerksamkeit heute nur einer einzigen Frage: Hat schon jemand ein Ergebnis erhalten?
„Gibt's was Neues?", fragte Dwight bemüht beiläufig und schnappte sich eines der Bücher, die auf der linken Seite des Bettes lagen.
„Nein", murmelte Claudette ohne den Kopf zu drehen. Dwight schlug derweil eine beliebige Seite auf und überflog einen zufälligen Absatz. Es ging um einen… Pilz? Oder so etwas in der Art. Er verstand gerade mal die Hälfte aller Wörter und schmunzelnd legte er die Lektüre zur Seite. Es war ihm bis heute ein Rätsel, wie Claudette es schaffte, innerhalb einer Woche drei dieser Schwarten durchzulesen und nicht nur zu verstehen, sondern sich auch noch den Inhalt zu merken. Mit hochgezogenen Auenbrauen schaute er zu ihr hinüber.
„Hat schon jemand was gehört?"
„Nein"
„Sag ich doch", murmelte Dwight: „Ab heute heißt wahrscheinlich in drei Tagen. Das sind Akademiker, die lassen sich gern Zeit."
„Hey!"
„Stimmt doch, oder? Als ich das eine Mal mit dir in eine Vorlesung gegangen bin, ist der Professor eine halbe Stunde zu spät gekommen."
„Ja, aber… na gut, da ist was dran."
„Wenn ich eine halbe Stunde zu spät kommen würde mit der Begründung, dass mir mein Kaffee zu heiß war und ich ihn erst später trinken konnte, würde mich mein Boss in hohem Bogen rauswerfen und meinen Dad gleich dazu."
„Dein Boss ist auch ein Arschloch."
„Aber er versteht was von Pünktlichkeit."
„Lieber einen netten Kerl fünf Minuten zu spät als einen Idioten genau pünktlich."
Dwight schmunzelte und Claudette warf ebenfalls belustigt einen kurzen Blick über die Schulter. Dann schaute sie wieder nach vorne auf den Bildschirm und wechselte zu Gmail. Ein leises Klicken verriet Dwight, dass sie F5 gedrückt hatte. Offenbar gab es keine neuen Mails, denn sie wechselte sofort wieder hinüber ins Forum, wo sie schnell nach unten scrollte und die letzten Nachrichten durchlas.
„Mitchell hat´s nicht geschafft", murmelte sie: „Der Arme."
„Er hat sein Ergebnis bereits erhalten?", fragte Dwight und ließ sich wieder aufs Bett fallen.
„Anscheinend", antwortete Claudette: „Ja, da ist ein Screenshot. Verdammt, er hat´s auch wirklich vermasselt. Zehn Punkte von vierzig."
„Wahrscheinlich verschicken sie zuerst die Mails an die Leute, die knallhart durchgerasselt sind", bemerkte Dwight: „Da müssen sie nicht viel korrigieren."
„Du hast wohl recht", murmelte die Kanadierin: „Sarah ist auch raus. Dreizehn von Vierzig."
„Jetzt mal im Ernst, lernt ihr überhaupt auf eure Tests?"
„Die sind schwierig… Fuck."
„Was ist los?", fragte Dwight und sah besorgt auf. Claudette antwortete nicht. Wortlos starrte sie auf ihren Bildschirm. Mit gerunzelter Stirn schwang Dwight die Beine vom Bett, stand auf und ging zu ihr hinüber.
Bei seiner Freundin angekommen bückte er sich nach unten, um besser auf den Bildschirm sehen zu können, der Claudettes Postfach zeigte. Ganz oben befand sich eine neue Nachricht, fett markiert und ungelesen. Absender war das „Naturwissenschaftliche Institut der Universität Waltonfield", als Betreff war einfach „Auslandssemester Prüfungsergebnisse", angegeben worden.
„Worauf wartest du? Mach auf", sagte Dwight und versetzte Claudette einen freundlichen Stoß. Ihre Hand lag auf der Maus, doch sie rührte sich nicht und einen Moment später antwortete sie: „Nein, ich kann nicht. Mach du."
„Warum?"
„Ich bin zu aufgeregt", murmelte Claudette hysterisch und stand von ihrem Stuhl auf. Sie dreht sich um und vergrub das Gesicht in den Händen, während sich Dwight vor den Bildschirm setzte. Schmunzelnd langte er nach der Maus und klickte anschließend auf die Mail, während Claudette zitternd hinter ihm stand. Sie wagte es nicht einen Blick auf den Bildschirm zu werfen und fragte flüsternd: „Ich bin durchgefallen oder?"
„So weit bin ich noch nicht", antwortete Dwight extra beiläufig und heizte damit ihre Nervosität nur noch an.
„Oh mein Gott, ich bin so sicher durchgefallen", murmelte Claudette derweil: „Sonst hätte ich noch keine Mail bekommen. Warum habe ich nicht mehr gelernt?"
„Sieh´s mal so, wenn du durchgefallen bist, kannst du hier bei mir bleiben."
„Was ist jetzt?"
„Warte… Ah, hier stets. Jep, durchgerasselt. Fünf von Vierzig Punkten. Gratuliere."
„Was?", rief Claudette und fuhr mit fliegendem Bademantel herum. Eilig übersprang sie die Einleitung und suchte nach dem Prüfungsergebnis, das ganz am Ende der Mail stand. Ihre Augen wanderten langsam von links nach rechts, als sie schweigend die Zeilen überflog.
„Ich hasse dich", schrie Claudette hysterisch und boxte Dwight, der sich lachend verteidigte, mehrmals auf den Arm. Dann umarmte sie ihn, drückte ihm einen schnellen Kuss auf und sprang anschließend vor Freude in die Luft.
„Ich fliege nach Paris!"
„Und du dachtest, du wärst durchgefallen", kommentierte Dwight kopfschüttelnd: „Achtunddreißig von Vierzig Punkten. Streberin."
„Jawoll!", rief Claudette: „Jawoll, Jawoll, Jawoll!"
„Ich werde dich vermissen", murmelte Dwight im selben Moment, in dem einer der Nachbarn an die Wand klopfe und eine dumpfe Stimme ertönte: „Habt ihr eine Ahnung wie spät es ist? Ruhe jetzt!"
Claudette schenkte dem Kerl keine Beachtung und setzte sich stattdessen auf Dwights Knie, der einen gekünstelten Schmollmund zog.
„Nicht traurig sein", tröstete sie und legte ihm eine Hand auf die Schulter, während sie mit der anderen versuchte, seine Mundwinkel nach oben zu ziehen.
„Ich will aber traurig sein", antwortete Dwight bemüht kindisch: „In zwei Monaten fliegst du nach Europa und dann bin ich ein halbes Jahr lang von dir getrennt."
„Ich weiß", flüsterte Claudette und gab ihm einen langen Kuss: „Ich werde dich auch vermissen. Hier…"
Sie küsste ihn erneut.
„Und hier"
Sie griff nach seiner Hand, führte sie unter ihren Bademantel und legte sie direkt and die Stelle über ihrem Herzen. Dann küsste sie ihn zum dritten Mal, dieses Mal am längsten. Dwight fühlte einen immer schneller schlagenden Puls unter seiner Handfläche und als sie sich wieder voneinander lösten, schoss ein messerscharfes Lächeln über Claudettes Lippen.
„Zwei Monate sind eine lange Zeit", sagte sie hinterlistig und erhob sich, Dwight an der Hand mit sich ziehend: „Aber ich werde sie brauchen."
„Zum Lernen?", fragte er sarkastisch, doch sie schüttelte verstohlen den Kopf. Dann schubste sie ihn kraftvoll von sich weg, sodass er mit dem Rücken nach hinten fiel und auf einer weichen Matratze landete.
Bevor er sich orientieren konnte, hatte sich bereits ein feuchter Bademantel über seine Augen gelegt und verdeckte ihm die Sicht. Schemenhaft konnte Dwight Claudettes Schatten erkennen, während sich seine Nase mit ihrem einzigartigen Duft füllte und sein Körper von ihrem Gewicht ins Bett gedrückt wurde.
„Zum Liebe tanken", flüsterte ihm eine Stimme ins Ohr, während sich behutsame Finger an seinem Hemd zu schaffen machten.
Sally warf einen Blick zur Seite und spitzte die Ohren. Sie hatte Schritte im Obergeschoss gehört, die zu leicht gewesen waren, um zu Max zu gehören. Außerdem war der Bursche schon vor einer halben Stunde an ihr vorbei hinaus auf die Felder gestürmt.
Es musste sich wohl um Meg handeln, die heute ungewohnt früh aufgestanden zu sein schien. Normalerweise schlief die Athletin bis ungefähr halb neun. Sally schaue auf die Uhr an der Wand. Es war gerade mal kurz vor sieben.
Mit einem Schulterzucken wandte sie sich wieder der Zeitschrift in ihrer rechten Hand zu, während ihre Linke nach dem Henkel einer dampfenden Teetasse griff. Aufmerksam las sie die Zeilen, die ein ihrer Meinung nach außerordentlich begabter Journalist über die erste Mondlandung geschrieben hatte. Sally schaute sich die Bilder der drei Astronauten an und las die Namen der Männer, die als erste einen Fuß auf den Mond gesetzt hatten. Es war höchstinteressant.
Im Regal hinter ihr befand sich eine ganze Reihe an Zeitschriften zu verschiedenen Bereichen, die sie von ihrem Ausflug nach New York mitgebracht hatte. Manche behandelten naturwissenschaftliche Themen, andere berichteten über Kunst, Technik oder Politik. Oder eben Geschichte, wie die, die sie gerade in den Händen hielt.
Jemand polterte die Treppe herunter und Sally wusste, dass es sich nicht um Anna handeln konnte, da die Jägerin zum einen weitaus stampfendere Schritte machte und zum anderen mit Sicherheit noch in den Federn lag.
„Guten Morgen, Meg", grüßte Sally, als der Rotschopf verschlafen ins Zimmer kam und sich an den Tisch setzte.
„Morgn", murmelte Meg müde
„Gut geschlafen?"
„Nein"
Sally sah von ihrer Zeitschrift auf.
„Alptraum?
Die Athletin nickte und antwortete: „Aber kein schlimmer. Ich kann mich nicht mal an etwas erinnern, bin nur aufgewacht und konnte dann nicht mehr einschlafen."
„Bis jetzt?"
„Jep"
„Willst du dich nicht noch etwas hinlegen? Du siehst müde aus."
„Kann sowieso nicht schlafen", nuschelte Meg und fragte dann: „Hast du noch etwas von dem Tee übrig?"
Sally zeigte auf eine rostrote Teekanne, die in der Küche stand, woraufhin sich die Athletin erhob, eine Tasse aus einer Schublade zog und sie anschließend mit dem Getränk auffüllte. Dann griff sie nach einem Stück Brot, holte sich ein Glas Marmelade aus einem Schrank und kehrte zu Sally zurück. Gähnend ließ sie sich auf ihren Stuhl fallen. Orange Sonnenstrahlen brachen durch das Fenster herein und verleiteten Megs zerzauste Haare zu einem roten Leuchten.
„Was liest du da?", wollte die Athletin wissen, während sie das Marmeladenglas öffnete und Sally antwortete: „Einen Bericht über die erste Mondlandung."
„Apollo 11?"
„Genau"
„Wir hatten damals in der Schule eine Lehrerin, die war ganz besessen von dem Thema", murmelte Meg und strich sich gemütlich eine dicke Schicht Marmelade auf ihr Brot: „Zum Glück hat sie jedes Jahr dieselben Fragen gestellt, wir mussten also kaum was lernen."
„Schade", antwortete Sally und schaute Meg kurz beim Essen zu, bevor sie sich wieder dem Artikel zuwandte. Die beiden saßen sich stumm gegenüber, doch die Stille war keineswegs unfreundlich oder bedrückend. Es handelte sich ganz einfach um einen angenehmen Samstagmorgen, zu dem nichts weiter gesagt werden musste.
„Ich glaube, ich gehe nachher in die Stadt", bemerkte Meg, nachdem sie fertig gefrühstückt hatte. Ein Blick in den Kühlschrank verriet ihr, dass sie ihre Lebensmittel beinahe aufgebraucht hatten.
„Vergiss nicht diese Fleischwurst, die Anna so gerne isst", erinnerte Sally ohne von ihrer Lektüre aufzusehen. Dann fügte sie mehr an sich selbst gerichtet hinzu: „Verdammt, sind die Buchstaben klein."
„Brauchst du eine Brille?", wollte Meg wissen, aber die Krankenschwester schüttelte den Kopf: „Nein, nein, das geht schon."
„Wie du meinst." Die Athletin zuckte mit den Schultern: „Ich breche am besten gleich auf. Dann bin ich zum Mittagessen hoffentlich wieder hier."
„Bis später"
Meg rannte nach oben in ihre Zimmer, schnappte sich ihren Rucksack und kam dann wieder nach unten in den Wohnbereich. Von dort lief sie schnurstracks hinaus auf die Frontterrasse, setzte sich auf den Boden und legte ihre Joggingschuhe an. Kurz verharrte Meg in der sitzenden Position und ließ den Blick über die Felder gleiten, die sich abgesehen von der Waldgrenze im Süden, scheinbar bis ins unendliche erstreckten. Warme Sonnenstrahlen fielen schräg durch das Gewirr an Pflanzen und eine Fülle an Insekten summte geschäftig durch das hohe Gras. Die Natur war bereits erwacht, genau wie Max, der irgendwo seine Kettensäge anwarf und durch die Felder sprintete. Der Ton jagte Meg von Zeit zu Zeit einen Schauer über den Rücken, eine kleine Angststörung, die sie wohl niemals wieder loswerden würde. Aber es beeinträchtigte sie kaum in ihrem Alltag und so zuckte sie mit den Schultern, stand auf, rückte sich ihre Schildkappe zurecht und joggte schlussendlich gemütlich den Weg hinab.
Weeks war ein kleines Städtchen, ganz so wie man es sich von den ländlichen USA erwartete. Es gab vier breite Hauptstraßen, die im rechten Winkel zueinanderstanden und ein nahezu perfektes Quadrat bildeten. Rundherum drängte sich eine Mischung aus traditionellen Häuschen, wahrscheinlich noch aus Bürgerkriegszeiten, und modernen Betonbauten, die die Gemeinde während des letzten wirtschaftlichen Aufschwungs errichtet hatte.
In der gesamten Stadt gab es nur einen einzigen Supermarkt, der den Bedarf der Bewohner kaum abzudecken vermochte. Allerdings war dies ein Glück für all die Ladenbesitzer, die sich in ihren kleinen Boutiquen auf gewisse Waren spezialisiert hatten. Es gab einen Metzger, einen Bäcker, einen Schneider und so weiter.
Meg verlangsamte ihren Schritt, als sie von einer kleinen Nebengasse auf eine der Hauptstraßen einbog. Der Lauf hatte sie etwas schwitzen lassen, doch es war ein gutes Training, um in Form zu bleiben. Überdies bescherte es Meg eine beinahe therapeutische Wirkung, wenn sie sich einfach nur aufs Laufen konzentrieren und somit alle anderen Gedanken aus ihrem Kopf verbannen konnte. Keuchend versuchte sie ihren Atem unter Kontrolle zu bringen.
Der Tag war bereits fortgeschritten und viele der Bewohner von Weeks waren bereits auf den Beinen, auch wenn es sich um einen Samstag handelte. In dem kleinen Städtchen kannte wahrhaft jeder jeden, sodass es sofort auffiel, wenn jemand Unbekanntes durch die Straßen lief. Es war nicht so, dass die Bewohner des Städtchens Meg noch nie gesehen hatte, aber die meisten hatte noch kein Wort mit ihr gewechselt und warfen ihr daher jedes Mal misstrauische Blicke zu, wenn sie sich blicken ließ.
Glücklicherweise hatte sich die Athletin mittlerweile daran gewöhnt und spazierte nun gemütlich die Straße entlang. Ihr Ziel war der Supermarkt an der südlichen Ecke, der ihr alles bieten würde, was sie brauchte. Im Vorbeigehen warf sie einen Blick auf das Internetcafé auf der anderen Straßenseite und überlegte kurz, ob sie mit irgendjemandem Kontakt aufnehmen oder irgendetwas nachschauen wollte.
Der Betreiber des kleinen, heruntergekommenen Lokals war einer der wenigen Leute hier, die Meg mit ehrlicher Freundlichkeit begegneten, was wahrscheinlich auch an der Tatsache lag, dass er selbst nicht gerade zu den beliebtesten Mitbürgern zählte. Er war ein hochgewachsener, dünner Mann mittleren Alters, kleidete sich stets in schmuddelige T-Shirts und hatte eine amüsante Lockenfrisur. Eine Brille mit dicken Bügeln perfektionierte das Bild des klassischen Nerds. Er hieß Adam und hatte Meg einmal erzählt, dass er längst von hier verschwunden wäre, müsste er sich nicht um seine kranken Eltern kümmern.
Die Athletin zuckte mit den Schultern, als sie zum Schluss kam, dass sie heute auf einen Besuch verzichten würde. Sie hatte Claudette und die anderen vor gerade einmal einer Woche das letzte Mal gesehen, da würde es wohl noch nichts Neues zu berichten geben. Mit federnden Schritten ging sie weiter und verschwand im nächsten Moment im Supermarkt.
Gemütlich schlenderte sie durch die Regale und klaubte Ware um Ware in einen Plastikkorb, stets unter misstrauischer Beobachtung der rundlichen Kassiererin. Wahrscheinlich wollte sie sichergehen, dass Meg nichts mitgehen ließ.
Sobald sie alles hatte, was sie wollte, ging sie hinüber zu der dicklichen Dame, die die Waren einscannte, schnell etwas in die Kasse tippte und ihr anschließend die Rechnung reichte. Meg gab ihr ein paar grüne Scheine, nahm das Wechselgeld entgegen und packte alles in ihren Rucksack, bevor sie den Laden verließ. Wieder einmal hatte sie kein einziges Wort mit der Frau gewechselt und gedankenverloren trat sie hinaus auf die Straße.
Zurück im Freien wandte sie sich nach rechts, bremste jedoch gleich darauf wieder ab und lief nach links in Richtung Metzgerei. Sie durfte Annas Fleischwurst nicht vergessen.
Während sie so dahinschlenderte, warf sie einen kurzen Blick nach oben und bemerkte, dass die Sonne bereits hoch am Himmel stand. Sie sollte sich wohl am besten beeilen. Ohne Anstrengung beschleunigte Meg ihren Schritt und bog in eine Gasse ein, von der sie mittlerweile wusste, dass sie eine Abkürzung bot. Aus einem Hinterhof heraus bellte ein Hund nach ihr. Sie schenkte dem Köter keine Beachtung. Meg hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass Stille weitaus gefährlicher war als Lärm.
Im nächsten Moment erreichte sie auch schon wieder eine der Hauptstraßen und lenkte ihre Schritte erneut nach links. Aber wenige Meter weiter blieb sie auch schon wieder stehen, als ihr Blick von einem grellen Plakat angezogen wurde, das an einer kahlen Ziegelmauer befestigt worden war. Mit neugierigem Blick ging Meg auf das blaue Poster zu und versuchte die hellgelbe Schrift zu entziffern, während sie im Stillen den Designer für seine Farbwahl verfluchte.
„Großer Marathon", erkannte die Athletin nach einem Moment und zog interessiert die Augenbrauen nach oben. Darunter war das typische Sportstrichmännchen in einer laufenden Haltung abgebildet, ein Symbol, das Meg bereits unzählige Male gesehen hatte. Am unteren Ende des Plakates standen der Veranstalter, bei dem es sich um den Sportverein von Burlington handelte, sowie der Start, die Stadt Burlington und das Ziel, die Stadt Weeks.
„Sportlerin?", fragte eine Stimme und Meg drehte sich etwas erschrocken herum. Ihr Blick fiel auf eine junge Frau, etwa im selben Alter, mit schwarzen Haaren und einem freundlichen Lächeln. Sie schaute Meg kurz an, bevor sie erneut mit einem leichten spanischen Akzent fragte: „Und? Machst du mit?
Die Latina deutete auf das Plakat und Meg bemerkte, dass sie einen ganzen Vorrat an Flyern unter ihrem linken Arm trug.
„Ich, ähm…", stammelte Meg: „Ich weiß nicht… Ich glaube nicht."
„Schade", antwortete das schwarzhaarige Mädchen: „Die Statur einer Sportlerin hättest du ja, wenn ich das so unverschämt sagen darf." Sie lächelte erneut und streckte Meg dann ihre freie Hand hin: „Hi. Ich bin Eleonora."
„Meg"
„Freut mich", sagte das Mädchen und drückte ihr einen der Flyer in die Hände: „Da du ja noch unentschlossen zu sein scheinst, hier, nimm einen von denen."
Meg nahm den Zettel entgegen, während am unteren Straßenende ein Junge auftauchte, ebenfalls einen Stapel an Plakaten unter dem Arm tragend und rief: „Hey, Ellie, wo bleibst du denn?"
„Ich komme", antwortete die Gerufene und flüsterte dann mit einem fröhlichen Kichern: „Mein Bruder ist wohl etwas ungeduldig. War schön, dich kennengelernt zu haben, Meg. Bye."
Mit diesen Worten drehte sie sich um und lief die Straße nach unten. Meg schaute ihr kurz nach, bevor sie ihren Blick auf den Flyer senkte, der immer noch in ihrer Hand ruhte. Kurz überlegte sich die ehemalige Athletin, ob sie nicht an der Veranstaltung teilnehmen wollte, doch dann schüttelte sie den Kopf und knüllte das Flugblatt zu einem Klumpen zusammen. Es war besser, wenn niemand auf die Einsiedlerin der Coldwind Farm aufmerksam wurde. Eilig setzte sie ihren Weg fort und steuerte auf die Metzgerei am Ende der Straße zu.
Der Wald war ihr Freund. Er sprach zu ihr, er flüsterte ihr Geheimisse ins Ohr und er machte ihr Geschenke. Der Wald ernährte sie und er bot ihr Schutz. Der Wald gehörte so fest zu ihr, wie die Tiere und Pflanzen zu ihm und wie alles im Wald, hatte auch sie ihren fixen Platz. Sie hatte eine Aufgabe, eine Rolle, die sie zu erfüllen hatte und ohne die das gesamte System, die gesamte Ordnung gestört werden würde: sie war die Jägerin.
Anna duckte sich unter einem Ast hindurch und setzte behutsam einen Fuß vor den anderen. Kleine Zweige und Blätter vereinten sich auf dem Boden zu einem Minenfeld der Geräusche, das alle ihre Anstrengungen mit einem einzigen Fehltritt zunichtemachen konnte. Doch Anna hatte bereits genug Erfahrung gesammelt, um sich sicher zu sein, dass ihr ein solcher Fehltritt nicht unterlaufen würde. Sie wusste, wohin sie ihre Füße setzen durfte und sie wusste es, weil der Wald es ihr sagte. Annas nackte Fußsohlen analysierten den Untergrund mit jedem Schritt und ihre Augen hielten zu jeder Zeit wachsam Ausschau nach Fallen und Geräuschquellen.
Gleichzeitig beobachtete sie die Kaninchenfamilie, die dort auf der Lichtung zwischen den Büschen saß und sich die saftige Wiese schmecken ließ. Aufmerksam drehten sie ihre langen Ohren in alle Richtungen und schnupperten nach möglichen Angreifern. Ihre Augen deckten ein breites Feld ab und trotzdem waren sie völlig blind gegenüber der unmittelbaren Bedrohung, die sich an sie heranpirschte. Im Halbdunkel verborgen fuhr ein Lächeln über Annas Lippen und lautlos löste sie eine der Wurfäxte von ihrem Gürtel.
Im selben Moment krachte das Geräusch eines brechenden Astes durch den Wald und die Kaninchen hoben alle gleichzeitig den Kopf. Annas Lächeln gefror und kurz verharrten Beute und Räuber in ihren jeweiligen Haltungen, bevor sich die Kaninchenfamilie blitzschnell in ihren Bau zurückzog.
Enttäuscht legte de Jägerin den Kopf schief, stand auf und hängte die Axt zurück an ihren Gürtel. Für heute würde sie wohl leer ausgehen, aber das war nicht so schlimm. Die Kaninchen würden ihr morgen wieder entkommen müssen.
Anna drehte den Kopf und schaute in die Richtung, aus der das störende Geräusch gekommen war. Es gab nur eine Art an Lebewesen, die so rücksichtslos und blindlinks durch den Wald stolperte: Menschen. Wahrscheinlich handelte es sich wieder um die Kinder, die sie bereits so oft die Wälder durchstreifen gesehen hatte.
Gemächlich schaute Anna noch einmal über die Schulter und prägte sich die Stelle ein, an der sich der Kaninchenbau befand, bevor sie, ohne einen Ton zu verursachen, davonschlich. Neugierig wie sie nun mal war, wollte sie einen Blick auf die Eindringlinge werfen und eilig bewegte sie sich an einem kleinen Bach entlang, erklomm eine Hügelkuppe und ging zwischen den Ästen eines kleinen Bäumchens in die Hocke.
Ihr Blick wanderte von links nach rechts und blieb an einer Bewegung hängen, weit in der Ferne zwischen zwei Baumstämmen. Aufmerksam spähte Anna in die Richtung und erkannte eine Gruppe von Kindern, die gerade eines nach dem anderen über eine entwurzelte Kiefer sprangen. Wieder stahl sich ein Grinsen auf ihre Lippen. Dann bewegte sich die Jägerin rückwärts den Hügel nach unten und schlich in einem weiten Bogen nach rechts, stets nach den verräterischen Geräuschen und Stimmen der Kinder lauschend.
„Wenn wir sie finden, berührst du sie als erste", befahl eines der Kinder und ein anderes fragte ängstlich: „Warum ich?"
Bei beiden schien es sich um Mädchen zu handeln.
„Weil du heute das erste Mal dabei bist", meldete sich ein Junge und das erste Mädchen fügte hinzu: „Du musst dich erst beweisen."
„Sonst kannst du gleich wieder nach Hause gehen", sagte ein Vierter und ein Fünfter wollte wissen: „Hast du etwa Angst?"
„Ich… Nein!", verteidigte sich das zweite Mädchen kleinlaut und mit vor Angst zitternder Stimme.
„Na also", meinte das andere, während Anna hinter einem Busch vorbeischlich und einen kurzen Blick auf die Gruppe erhaschte: „Dann gibt's ja kein Problem."
„Aber erst mal müssen wir sie finden", sagte einer der Jungen und das ängstliche Mädchen fragte: „Habt ihr sie schon mal gefunden?"
„Schon viele Male", antwortete das erste Mädchen.
„Berührt auch?"
„Nein, sie ist uns immer entwischt."
Anna legte den Kopf etwas schief, während sie dem Gespräch lauschte und versuche sich zu erinnern, bei welcher Gelegenheit sie vor den Kindern geflohen war und nicht umgekehrt. Sie kam zu dem Schluss, dass das vorlaute Mädchen wohl eine Lügnerin war. Anna mochte keine Lügnerinnen.
„Aber wenn ihr sie noch nie berührt habt", fragte das ängstliche Mädchen weiter: „Warum muss ich dann die erste sein?"
Anna sah, wie das andere Mädchen, bei der es sich offenbar um die Anführerin handelte, stehenblieb und sich umdrehte. „Was ist jetzt? Machst du mit oder nicht?"
„Ja schon… Aber warum muss ich…"
„Weil du die Neue bist", rief die Anführerin hysterisch: „Mein Dad hat gleich gesagt, dass man euch Niggern nicht trauen kann, als ihr letzten Monat in die Stadt gezogen seid. Du musst uns das Gegenteil beweisen."
„Wir sollen dieses Wort nicht sagen", bemerkte einer der Jungen, doch die Anführerin ließ sich nicht beirren und entgegnete: „Mein Dad sagt, wir leben in einem freien Land und dürfen sagen was wir wollen."
Anna hatte mittlerweile entschieden, dass sie die Anführerin ganz und gar nicht leiden konnte. Hinter einem Felsen verborgen überlegte sie, was nun zu tun war. Einerseits hatten Sally und Meg ihr eingeschärft, dass es wichtig war im Verborgenen zu bleiben, doch andererseits war sie auch neugierig darauf, wie die Kinder reagieren würden, wenn sie sich zeigte.
Nein, das durfte sie nicht. Sie hatte es Sally und Meg versprochen und Versprechen musste man halten.
„Ich glaube, ich will das nicht tun", sagte nun das ängstliche Mädchen, woraufhin sie die Anführerin für einen kurzen Moment anschaute und anschließend sagte: „Dann kannst du nicht bei uns mitmachen. Hau ab."
„Aber ich…"
„Hau ab!", rief die vorlaute Anführerin und schubste das ängstliche Mädchen grob nach hinten. Mit einem piepsigen Schrei stolperte sie über einen Stein und fiel rückwärts zu Boden.
„Gehen wir", sagte die Anführerin gebieterisch und zog von dannen, während ihr die anderen Jungen zögerlich folgten. Offenbar schienen sie mit ihrer Aktion nicht ganz einverstanden zu sein, aber keiner wagte es zu widersprechen. Das dunkelhäutige Mädchen blieb derweil liegen und sah der Gruppe erschrocken nach. Anna, die die ganze Szene von ihrem Versteck aus beobachtet hatte, knurrte leise und wünschte sich, sie könnte Personen wie diese Anführerin aus ihrem Wald entfernen.
Aber sie hatte Meg versprochen, keinem der Kinder etwas anzutun. Und Versprechen musste man halten.
Das zurückgelassene Mädchen rappelte sich derweil auf und versuchte den Schmutz von ihren Kleidern zu klopfen. Anschließen schniefte sie und hob die Hand, um eine Träne wegzuwischen, während sie sich ganz offensichtlich verzweifelt umschaute. Anna beobachtete die Kleine und fragte sich, ob sie Hilfe brauchte. Aber was konnte sie tun? Sie durfte sich ja nicht zeigen.
Das Mädchen schaute ihrer alten Gruppe nach, aus der sie nun wohl ausgestoßen war und schickte sich bereits an ihnen zu folgen. Dann überlegte sie es sich jedoch anders und wanderte in die entgegengesetzte Richtung davon.
Irgendwo brach ein kleines Tier durchs Unterholz, von dem Anna wusste, dass es keine Gefahr darstellte. Trotzdem fuhr das kleine Mädchen ängstlich herum und schaute in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Anna schüttelte den Kopf und beschloss dem armen Ding zu folgen, bis sie sich sicher war, dass es den Heimweg finden würde.
Lautlos schlich sie ihr hinterher und vermied sorgfältig jeden Kontakt. Das Mädchen sollte nicht wissen, dass sie verfolgt wurde, Anna hatte es versprochen. Unsicher beschrieb die Kleine einen weiten Bogen, als sie sich zögerlich durch den Wald bewegte und immer wieder ängstliche Blicke in alle Richtungen warf. Es war klar zu erkennen, dass sie kaum wusste, in welche Richtung sie gehen musste.
Ihre scharfen Ohren verrieten Anna, dass das Mädchen immer schneller atmete. Ein klares Zeichen für wachsende Panik. Wenig später beschleunigte sie ihre Schritte und nun vernahm die Jägerin auch den ein oder anderen Schluchzer. Das Mädchen stand offenbar kurz vor der absoluten Verzweiflung, weinend rannte es durch den Wald und suchte panisch nach einem Rückweg, während sich ihre dunklen Zöpfe in den Büschen verfingen. Mehrere Male stolperte sie, bis sie sich schlussendlich das Hemd an einem Ast aufriss und erschrocken stehenblieb.
„Hilfe!", rief sie in den Wald hinein.
Nur das Echo antwortete.
„Hilfe!", schrie sie erneut: „Bitte!"
Aufgeschreckt durch die Hilferufe flog ein mittelgroßer Vogel völlig harmlos, jedoch mit lautem Flügelschlagen aus einem nahen Gebüsch davon und jagte dem Mädchen einen solchen Schrecken ein, dass es laut schreiend nach zusammenzuckte. Ängstlich wich sie zurück und stolperte erneut, dieses Mal über eine Wurzel.
Wieder lag sie der Länge nach auf dem Boden, während Anna einen Entschluss fasste. Bewusst unachtsam trat sie aus ihrem Versteck hervor und blieb mehrere Meter entfern stehen. Trotzdem dauerte es einen Moment, bis das Mädchen sie entdeckte.
Zitternd hielt die Kleine inne in ihrem Versuch aufzustehen und starrte Anna wortlos an. Die Jägerin hatte sich dazu entschieden, nicht sofort zu ihr hinzugehen, um ihr nicht noch mehr Angst einzujagen. Sie musste vorsichtig sein, das Mädchen sollte nicht versuchen vor ihr davonzulaufen. Also stand sie nur da, mit schief gelegtem Kopf und ließ ein Lächeln über ihre Lippen gleiten, während das dunkelhäutige Mädchen wie zu Eis erstarrt dastand.
Nach einem Moment ging Anna in die Hocke und verringerte auf diese Weise ihre Höhe, von der sie wusste, dass sie bedrohlich wirken konnte. Die ganze Zeit über versuchte die Jägerin ein vertrauenerweckendes Lächeln zu zeigen und langsam legte sie ihre Axt auf den Boden. Dann kam ihr eine Idee. Behutsam hob sie die rechte Hand und begann freundlich zu winken. Das schien dem Mädchen etwas Sicherheit zu geben, denn sie löste sich aus ihrer Schockstarre und stand nun vollends auf, die verweinten Augen nach wie vor auf die Jägerin geheftet.
„Willst… Willst du mir wehtun?"
Anna schüttelte heftig den Kopf. Das wollte sie ganz und gar nicht.
„Kannst du… du mir helfen?", fragte das Mädchen und schniefte heftig.
Anna nickte. Die Miene der Kleinen hellte sich sofort auf und zeigte ein hoffnungsvolles Lächeln. Erleichtert streckte Anna die Hand aus und hielt sie dem Mädchen entgegen, das nun zögerlich auf sie zuging. Nach einem Moment berührten die sanften Finger des Mädchens die raue Pranke der Jägerin und sie machte große Augen.
„Whoa, du bist ja gar nicht aus Luft."
Anna schüttelte den Kopf und fragte dann: „Wie heißen du?"
Offenbar überrascht, dass sie sprechen konnte, wich das Mädchen wieder einen Schritt zurück und stammelte anschließend: „Ma… Marie"
„Ich Anna", antwortete die Jägerin und stand anschließend auf, was der Kleinen wohl wieder etwas Angst einjagte, denn sie machte einen weiteren Schritt zurück. Freundlich lächelnd schaute Anna zu ihr hinunter und fragte: „Du dich verirrt?"
Das Mädchen nickte ängstlich.
„Komm, ich bringe raus", sagte Anna, ging hinüber und hob das Mädchen in den Arm. Anschließend nahm sie mit der anderen Hand ihre Axt vom Boden auf, bevor sie sich zielstrebig auf den Rückweg machte. Sie wusste, dass sie nicht in die Stadt gehen durfte, deshalb würde sie das Mädchen einfach zu Sally bringen. Sally würde wissen, was zu tun war. Sie wusste schließlich immer, was zu tun war.
Etwas außer Atem joggte Meg die letzten Meter zur Coldwind Farm und lief dann mit federnden Schritten die drei Stufen nach oben zur Eingangstür, wo sie keuchend stehenblieb. Sie holte zwei Mal tief Luft und beruhigte ihren Kreislauf, bevor sie rufend das Haus betrat.
„Hallo, ich bin wieder da."
„Hervorragend", kam es aus der Küche zurück: „Bring mir die Sachen herein, dann gibt's gleich Mittagessen."
Meg lief hinüber in die Küche und reichte Sally ihren Rucksack. Die Krankenschwester verfrachtete ihn sofort auf die Arbeitsfläche neben dem Kühlschrank und begann die Lebensmittel in die verschiedenen Regale zu räumen. Dann griff sie nach einem metallenen Topf und stellte ihn auf den Herd. Meg setzte sich unterdessen zu Max an den Tisch, der gerade dabei war die Wörter und Sätze in Claudettes Dinosaurierbuch zu entziffern.
„Hi, Max", grüßte sie und warf einen Blick in die Seiten, wo sie die Abbildung eines Tyrannosaurus Rex erkannte.
„Meg hallo", murmelte Max, konzentrierte sich jedoch weiterhin auf den Text im Buch. Die Athletin überflog schnell die Informationen in einem der Textkästchen, bevor sie fragte: „Wie kommst du voran?"
„Schwierig", stammelte Max: „Viele Wörter, lange Wörter"
„Tyrannosaurus", murmelte Meg und nickte: „Die haben alle so lange Namen, ist aber eine gute Übung für dich und Anna."
Max nickt vergnügt und gluckste leise, während Sally neugierig etwas aus Megs Rucksack fischte. Eilig entfaltete sie das zusammengeknüllte Papier und überflog schnell die Zeilen auf dem offenbar für einen Marathon werbenden Flyer.
„Hey, Meg", fragte sie über die Schulter: „Machst du da mit?"
Meg schaute überrascht zu ihr hinüber und Sally hielt erklärend das Flugblatt in die Luft.
„Nein", antwortete die Athletin: „Den hat mir so eine Sportlerin in die Hand gedrückt, bevor ich etwas sagen konnte. Aber ich sollte keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen, sonst lauft ihr noch Gefahr entdeckt zu werden."
Die Krankenschwester schaute kurz zu Meg, auf den Flyer und dann wieder zu Meg, bevor sie schnell den Topf kontrollierte und sich anschließend zu der Athletin an den Tisch setzte.
„Würdest du gerne mitmachen?"
Meg sah auf und schaute kurz auf den Zettel in Sallys Hand, bevor sie antwortete: „Ich weiß nicht. Ich bin schon lange nicht mehr bei so einer Veranstaltung dabei gewesen."
„Ich sehe doch, dass es dich reizt."
Meg zuckte mit den Schultern: „Ein wenig. Aber ich glaube nicht, dass…"
„Dann lauf doch mit", fuhr ihr Sally dazwischen: „Im Ernst, wir drei sind die letzten, um die du dich Sorgen machen musst."
„Was, wenn ich jemanden kennenlerne und der dann irgendwann hier aufkreuzt?", fragte Meg unsicher: „Wenn die in der Stadt von euch erfahren, kommen die hier raus und lynchen euch, da bin ich mir sicher."
„Erstens", Sally hob einen Finger: „Sobald die aus der Stadt Max sehen, hauen sie ab. Zweitens", sie hob den nächsten Finger: „Wird das nicht passieren, nur weil du bei einem Marathon mitläufst."
„Ich dachte, es wäre besser kein Risiko einzugehen."
„Das ist doch kein Risiko", erwiderte Sally: „Bitte, Meg, ich sehe doch, dass es dich nach Gesellschaft sehnt, seit wir wieder aus New York zurück sind."
„Ich…"
„Das ist auch ganz normal. Wenn du noch länger hier mit uns herumsitzt, verpasst du noch dein halbes Leben. Bitte, versprich mir, dass du da mitmachst."
Sally hielt ihr den Flyer entgegen. Meg schaute sie kurz an, nickte dann und nahm den Zettel in die Hand. Im selben Moment öffnete sich die Eingangstür und Anna kam mit stampfenden Schritten hereingepoltert, offenbar etwas auf dem Arm tragend.
„Hallo Anna, hast du uns wieder etwas mitge…", sagte Sally, brach jedoch mitten im Satz ab, als die Jägerin ein kleines Mädchen auf den Boden setzte, das sich sofort ängstlich hinter ihr versteckte. Anna schaute der Kleinen kurz nach, bevor sie sich Sally zuwandte.
„Oh mein Gott, Anna, darüber haben wir doch gesprochen", rief Sally und stand auf: „Du solltest die Kinder doch in Ruhe lassen. Bitte sag mir, dass du keinem etwas getan hast."
„Ich nichts gemacht habe", antwortete die Jägerin: „Andere Kinder mich nicht gesehen"
„Warum hast du sie den mitgenommen?"
„Sie sich in Wald verirrt", erklärte die Jägerin: „Ich sie rausgeholt"
„Du hast dich im Wald verirrt?", fragte Sally, dieses Mal an das kleine Mädchen gerichtet. Die Kleine nickte hinter Annas Knie hervor und Sally ging in die Hocke. Die Jägerin fragte derweil: „Ich falsch gemacht?"
„Nein", rief Meg vom Tisch herüber und kratzte sich nachdenklich am Kopf: „Aber ich glaube, jetzt haben wir ein Problem.
Sally hatte unterdessen eine Hand nach dem Kind ausgestreckt und fragte freundlich: „Wie heißt du denn, meine Liebe?"
„Marie"
„Marie", nickte die Krankenschwester: „Ich hoffe, Anna hat dich nicht zu sehr erschreckt."
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
„Komm, du brauchts keine Angst vor uns zu haben", sagte Sally behutsam und die Kleine kam langsam hinter Anna hervor. Ihren Blick hatte sie stets auf Sallys oranges Auge gerichtet, bis sie Max am Tisch sitzen sah. Ängstlich blieb sie wieder stehen.
„Du brauchst keine Angst zu haben", wiederholte Sally und stand auf: „Mein Name ist Sally, das ist Max. Er schaut vielleicht böse aus, aber er ist ganz lieb. Wirklich."
Max versuchte sich an einem Lächeln, scheiterte jedoch kläglich.
„Und das ist Meg", fuhr Sally fort, woraufhin die Athletin grüßend die Hand hob. Anschließend wollte die Krankenschwester wissen: „Du kommst aus Weeks, oder?"
Da Mädchen nickte.
„Gut, Meg kann dich dorthin zurückbringen", sagte Sally: „Aber vorher gibt's Mittagessen. Hast du Hunger?"
Das Mädchen zögerte kurz, bevor sie erneut nickte.
„Dann komm und setz dich zu uns", lud Sally sie ein, während Anna an ihr vorbeiging, die Axt an die Wand lehnte und sich anschließend an den Tisch setzte. Das Mädchen folgte ihr zögerlich und wurde plötzlich von der Jägerin in ihren Schoß gehoben. Dort saß sie nun und starrte einen Moment lang erschrocken zu Max, bevor sie von Meg angesprochen wurde.
„Wie alt bist du?"
„A… acht"
„Dann kannst du sicher schon ganz toll lesen, oder?"
Marie nickte und Meg sagte: „Anna und Max sind gerade beim Üben. Sie können´s auch schon richtig gut, aber sicher nicht so gut wie du."
Das Mädchen schien verunsichert und Meg schob ihr das Dinosaurierbuch hinüber: „Hier, hilf Max doch mal mit diesen Sätzen."
Sally hatte sich derweil wieder an den Herd gestellt und schätzte nun die Menge Reis ab, die sie für vier Personen brauchen würde. Sie selbst würde nichts essen, da sie wie beim Schlaf, mit nur sehr wenig auskam. Für Meg würde sie etwas Gemüse hinzugeben, Anna hingegen brauchte Fleisch. Max war ein wahrerer Allesfresser und würde von allem ein Bisschen erhalten. Ein Bisschen bedeutete in seinem Fall eine ganze Menge, der Hinterwäldler aß nämlich für drei Männer. Hoffentlich würde er etwas für Marie übriglassen.
Geschickt band sich Sally eine Kochschürze um die Taille und begann anschließend damit, Schnitzel in einer Pfanne anzubraten. Nicht zu viel, Anna mochte ihr Fleisch möglichst roh und blutig. Aber heute war Marie dabei, da sollte man sich vielleicht etwas mehr an die Norm halten, dachte die Krankenschwester und schaute über die Schulter.
Marie und Meg waren gerade dabei zusammen mit Max einen Satz durchzugehen und erfreut bemerket Sally, dass das Mädchen schon beinahe alle Scheu verloren hatte. Belustigt brach sie zusammen mit Max in Gelächter aus, als er wiederholt ein Wort falsch ausgesprochen hatte.
Wenig später servierte Sally bereits das Essen, wobei Meg ihr beim Decken half und anschließend das Dinosaurierbuch auf einen nahen Schrank legte. Da alle einen Heißhunger hatten, erstarb das Gespräch für eine Weile, bis sie ihre Teller leergeputzt hatten. Danach ging es weiter mit dem Lesen, bevor Sally auf die Uhr schaute und sagte: „Was sagst du, Marie, soll Meg dich langsam nach Hause bringen? Wir wollen doch nicht, dass sich deine Eltern Sorgen um dich machen."
Das kleine Mädchen nickte, woraufhin die Athletin aufstand und sich die Schuhe anzog. Marie verabschiedete sich derweil von Max und Anna, sprang dann von ihrem Stuhl und lief ebenfalls zur Tür. Die Jägerin winkte ihr noch lächelnd hinterher, als sie gefolgt von Meg das Haus verließ.
„Dann bringen wir dich mal nach Hause", sagte die Athletin und gemeinsam traten die beiden den Weg in die Stadt an.
Der Tag näherte sich bereits seinem Ende und die Sonne würde bald den Horizont berühren, als Meg und Marie endlich Weeks erreichten. Fröhlich plaudernd liefen sie durch die Gassen. Die Kleine war gar nicht zu bremsen.
„Du bist also neu hier?", fragte Meg und Marie nickte. „Mhm, wir sind vor einem Monat hierhergezogen. Ich und meine Familie."
„Hast du Geschwister?"
„Ich habe einen Bruder", antwortete Marie: „Aber der ist schon viel älter als ich und wohnt in einer großen Stadt weit weg. Meine Mutter und er verstehen sich nicht so gut."
„Warum denn das?"
„Mein Dad hat gesagt, das würde er mir später mal erklären", sagte Marie und balancierte auf der Bordsteinkante: „Er hat auch gesagt, er sei nicht mein echter Bruder. Nur halb oder so."
„Ich verstehe", murmelte Meg.
„Oh, kannst du es mir erklären? Ich hab´s nämlich nicht ganz verstanden."
„Ich glaube, das sollte lieber dein Vater tun", antwortete Meg und wechselte dann das Thema: „Wusstest du, dass ich auch erst vor kurzem nach Weeks gezogen bin?"
„Wirklich?"
„Ja, vor einem guten Jahr erst."
„Das ist aber schon lange", meinte Marie lachend, woraufhin Meg entgegnete: „Für dich vielleicht schon. Warte nur, bis du so alt bist wie ich, dann wirst du schon sehen wie schnell die Zeit vergehen kann."
„Wie alt bist du eigentlich?", fragte Marie und zog Meg an der Hand nach rechts.
„In ein paar Wochen zweiundzwanzig", antwortete die Athletin und die Kleine schlug aufgeregt die Hände vor den Mund: „Das ist ja nicht mehr lange! Darf ich zu deiner Geburtstagsfeier kommen?"
„Meiner Geburtstagsfeier?", fragte Meg schmunzelnd: „Ich glaube nicht, dass ich eine machen werde."
„Warum nicht?", wollte Marie wissen, doch Meg zuckte nur mit den Schultern: „Keine Ahnung. Weißt du was, wenn ich eine mache, dann schick ich dir eine Einladung. In Ordnung?"
„In Ordnung", nickte Marie.
„Ist es noch weit?", fragte die Athletin und die Kleine schüttelte den Kopf: „Nein, gleich hier um die Ecke. Wir haben kein großes Haus, eigentlich nur eine Wohnung. Mein Dad sagt, das ist alles, was er sich leisten kann. Er verdient nicht viel Geld, glaube ich. Nicht so wie du."
„Wie kommst du darauf, dass ich viel Geld verdiene?"
„Weil du so ein großes Haus hast!"
„Das gehört aber eigentlich gar nicht mir", antwortete Meg: „Das gehört Max. Er hat es von seiner Familie bekommen und er lässt uns darin wohnen."
„Dann verdient Max also viel Geld?"
„Nein", sagte Meg lachend: „Seine Familie hat vielleicht einmal viel Geld verdient und das Haus ist alles, was übriggeblieben ist."
„Das ist aber schade", antwortete Marie und zeigte dann auf einen heruntergekommenen Plattenbau: „Wir sind da."
Meg brauchte nur einen schnellen Blick, um zu erkennen, dass Maries Vater wahrhaftig nicht viel Geld verdienen musste. Soweit sie wusste, diente das Gebäude als Unterkunft für die Gelegenheitsarbeiter, die von den reichen Landbesitzern von Weeks auf den Feldern beschäftigt wurden. Die Mieten waren wahrscheinlich nicht allzu hoch, doch bei dem Zustand des Gebäudes konnte man wohl jede Summe als Wucherpreis bezeichnen. In Meg keimte Mitleid auf, für Marie, die ihre Kindheit in einer so trostlosen Umgebung verbringen musste. Sie drehte sich zu der Kleinen um und ging in die Hocke.
„Okay, Marie, bevor wir dich deinen Eltern zurückbringen, muss ich dich um etwas bitten."
Das Mädchen schaute Meg fragend an.
„Es geht um Max, Anna und Sally", erklärte Meg: „Wie du gesehen hast, sind sie wirklich nette Leute. Genau wie du und ich wollen sie nur ein ungestörtes und friedliches Leben führen. Aber sie haben ein Problem. Du hast es selbst gesehen, sie sind nicht wie alle anderen und auch wenn sie eigentlich unfassbar liebe Personen sind, könnten die Menschen trotzdem Angst vor ihnen haben. Verstehst du mich?"
Marie nickte.
„Und wenn die Menschen Angst haben, dann können sie schlimme Dinge tun. Furchtbare Dinge. Deshalb musst du mir versprechen, dass du niemandem erzählst, dass es sie gibt, okay? Das ist sehr wichtig."
Marie nickte erneut und fragte dann: „Auch nicht meinen Eltern?"
„Auch nicht deinen Eltern", bestätigte Meg: „Nicht ihnen, nicht deinen Freunden, niemandem."
„Ich habe gar keine Freunde", sagte das Mädchen und schaute traurig zu Boden. Meg zog kurz die Augenbrauen nach oben, bevor sie antwortete: „Ich bin sicher, dass du unter den Dorfkindern bald Freunde finden wirst."
„Die mögen mich nicht", murmelte Marie und sah auf: „Darf ich euch manchmal besuchen kommen?"
„Marie, ich… Ich glaube nicht, dass das so gut wäre."
Enttäuscht sah sie wieder zu Boden.
„Na gut"
Meg hielt kurz inne und versuchte den Schmerz zu ignorieren, der ihr Herz befiel, als sie der Kleinen eine Absage erteilen musste. Aber es war besser so. Entschlossen stand sie wieder auf und öffnete die Eingangstür. Zuerst ließ Meg Marie hindurch, bevor sie selbst eintrat und der Kleinen anschließend die Treppen nach oben folgte.
Im zweiten Stock blieb sie vor einer Tür stehen und Meg klopfte zweimal kräftig dagegen. Als sie Schritte im Inneren der Wohnung hörte, schaute sie hinunter zu Marie und schenkte ihr ein Lächeln, das die Kleine jedoch nicht erwiderte. Dann öffnete sich die Wohnungstür und Meg fand sich einem besorgt aussehendem Afroamerikaner gegenüber.
„Ja, wie kann ich Ihnen… Marie!"
Der Mann kniete sich sofort nach unten und zog seine Tochter zu sich hin.
„Wo bist du denn gewesen? Wir waren drauf und dran, dich suchen zu gehen."
„Sie hat sich im Wald verirrt", erklärte Meg und der Mann schaute zu ihr auf. „Sie war ganz aufgelöst. Ich habe ihr etwas zu essen geben und sie dann zurückgebracht."
Fragend wandte sich der Arbeiter seiner Tochter zu: „Warst du nicht mit den anderen Kindern unterwegs? Ich dachte, die kennen sich aus."
„Ja, aber die mögen mich nicht", murmelte die Kleine: „Sie haben gesagt, ich soll abhauen."
Meg schüttelte den Kopf, während der Vater seiner Tochter tröstend in den Arm nahm. Dann wandte er sich der Athletin zu und sagte: „Ich danke Ihnen."
„Keine Ursache"
„Ich würde Ihnen ja gern etwas geben, aber ich habe leider selbst nicht viel."
„Das ist auch nicht nötig", antwortete Meg: „Sie haben eine wundervolle Tochter."
„Ich weiß", antwortete der Mann: „Nochmals vielen Dank. Ich könnte mir nichts Schlimmeres vorstellen, als wenn ihr etwas zustoßen würde. Übrigens, mein Name ist Leonard."
„Meg", antwortete die Athletin und die beiden schüttelten sich die Hände, bevor Meg sich verabschiedete und der Mann seine Tochter in die Wohnung bugsierte. Über die Schulter tauschten Marie und Meg einen letzten Blick aus, bevor die Tür quietschend ins Schloss fiel. Mit dumpfer Wut im Magen wandte sich die Athletin zum Gehen.
„Wie sieht´s aus?", wollte Sally wissen: „Sind wir aufgeflogen?"
Meg zog sich zuerst die Schuhe aus und setzte sich an den Tisch, bevor sie antwortete: „Ich glaube nicht. Marie hat mir versprochen, niemandem etwas zu sagen. Außerdem ist ihre Familie nicht gerade beliebt in Weeks."
„Woher weißt du das?"
„Naja, ihr Vater ist einer der farbigen Feldarbeiter", seufzte Meg und rieb sich müde die Augen: „Und Marie hat sich offenbar nicht im Wald verirrt, sie wurde von den anderen Kindern da zurückgelassen."
„Wirklich?", fragte Sally entgeistert: „Das ist ja furchtbar. Anna hat mir vorhin so etwas Ähnliches erzählt, ich hab´s ihr aber nicht wirklich geglaubt. Die Arme."
„Jedenfalls wird sie niemandem etwas sagen wollen und wenn, dann wird man ihr nur schwer glauben", schloss Meg, woraufhin Sally entgegnete: „Vergiss nicht, du bist auch nicht gerade gern gesehen unter den Landleuten."
Die Athletin schaute verdrießlich in ihre Hände, bevor sie antwortete: „Im Moment können wir ohnehin nichts anderes tun, als abzuwarten."
