Das Ablenkungsmanöver

„Wusstet ihr, dass es in Paris fünf Freiheitsstatuen gibt?"
„Freiheitsstatuen?", fragte Dwight: „Also… New York Freiheitsstatuen? Die mit der Fackel?"
„Ja", bestätigte Claudette: „Allerdings ist keine davon so riesig, wie die hier bei uns."
„Das glaube ich gern", murmelte Dwight und hob in Erinnerungen schwelgend den Kopf. In Gedanken beschwor er Bilder von ihrem Ausflug nach New York herauf und wie er zusammen mit Claudette den Sonnenuntergang hinter dem Wahrzeichen der Stadt genossen hatte.
„Die wurden ja während des Unabhängigkeitskrieges aufgestellt, oder nicht?", fragte Nea: „Da hat Frankreich auf Seiten der Staaten gekämpft."
Claudette nickte und Dwight murmelte: „Ihr beide kennt auch ja aus."
„Natürlich", entgegnete Claudette: „Wenn ich nach Paris fliege, muss ich auch über die Stadt und seine Geschichte Bescheid wissen, oder nicht?"
Nea verdrehte die Augen.
„Oh Gott, ich bin so aufgeregt.", rief Claudette: „Heute in einer Woche fliege ich schon über den Atlantik."
Dwight murrte etwas Unverständliches, während Nea sagte: „Ich würde so gerne mit dir mitkommen. Dann wäre ich endlich mal wieder unter normalen Leuten."
„Normale Leute?", fragte Dwight etwas aufgebracht: „Sind wir etwa keine normalen Leute?"
„In Europa ticken die Menschen einfach anders", antwortete Nea schulterzuckend und zeigte dann an Dwight vorbei: „Schaut, da drüben kommt sie."
Dwight und Claudette wandten sich um und erblickten eine kleine Asiatin, die mit mürrischem Gesichtsausdruck über die Straße gelaufen kam. Sichtlich schlecht gelaunt gesellte sich Feng zu ihren Freunden und knurrte: „Diese Scharade ist sogar einmal im Jahr schon zu viel."
„Sind sie wirklich so schlimm?", wollte Claudette mitfühlen wissen. Anstatt zu antworten, zog Feng eine hässliche Grimasse und fuhr sich mit dem Zeigefinger über die Kehle, bevor sie frustriert ausrief: „Sie können es einfach nicht akzeptieren, dass ich glücklich mit meinem Leben bin."
„Wir haben eine Menge Autos gesehen", sagte Dwight: „Gehören die alle zu deiner Familie?"
„Jep"
„Das müssen ja über fünfzig Leute sein", staunte Dwight und Nea fügte hinzu: „Chinesen gibt's halt viele."
Sie schenkte Feng ein Lächeln, das jedoch die gewünschte Wirkung verfehlte. Stattdessen schaltete sich Claudette ein: „Komm, gehen wir lieber, bevor noch jemand auf die Idee kommt, dich zurückzupfeifen."
„Liebend gern", sagte Feng und würdigte das Restaurant hinter ihr, das heute Abend von einer asiatischen Großfamilie komplett ausgebucht worden war, keines weiteren Blickes. Immer noch verärgert ließ sie es im Dunkel der Nacht zurück und begann über ihre Verwandten herzuziehen.
„Stellt euch vor, die haben schon wieder die Sache mit dem Cello ausgegraben", rief Feng und warf die Hände in die Luft: „Ich wollte niemals Cello spielen, ich konnte niemals Cello spielen und ich werde auch niemals Cello spielen. Niemals!"
„Wir glauben dir ja", versuchte Nea zu beschwichtigen.
„Ihr schon, aber nicht meine Eltern. Oh nein!", knurrte Feng: „Nein, die müssen ja vor der versammelten Tafel eine Rede halten und dabei ungefähr hundert Stunden lang in Selbstmitleid über ihre ach so missratene Tochter baden."
„Sie haben eine Rede über dich gehalten?", fragte Dwight.
„Nein, eigentlich nicht", antwortete Feng: „Eigentlich wollte sie ja Tante Lei zum Geburtstag gratulieren. Ihr wisst schon, der eigentliche Grund, warum alle da sind. Aber dann gings wieder los: Und sie hätten ja alles versucht, und ihre kleine Feng hat ja nie gehört, und dann hat sie mit diesen Computern angefangen, und dann wollte sie nicht einmal Cello lernen und jetzt arbeitet sie als Aufräumerin für den Amerikaner."
„Aufräumerin für den Amerikaner?", wunderte sich Claudette, doch Feng schüttelte den Kopf und antwortete: „In Mandarin klingts schlimmer."
„Aber du bist doch weit mehr als nur eine Aufräumerin", warf Dwight ein: „Ohne dich würde der ganze Laden nur halb so schnell laufen."
„Sag das meinen Eltern" murmelte Feng, freute sich jedoch über das Kompliment. Etwas aufgeheitert erzählte sie: „Wenigsten war Cousin Chao auch da."
„Chao?", fragte Claudette: „Von dem hast du uns ja noch nie erzählt."
„Ich habe ihn auch schon seit Jahren nicht mehr gesehen", antwortete Feng: „Er lebt drüben in China, in Shenzhen."
„Cousin Chao… klingt nach einem scharfen Typ", sagte Nea, aber Feng schüttelte lachend den Kopf: „Glaub mir, Chao ist das perfekte Gegenteil eines scharfen Typen. Er lebt in virtuellen Räumen, ist mehr breit als hoch und hat bei WoW eine Spielzeit, auf die man wirklich nicht mehr stolz sein kann. Wir beide teilen uns den Titel des schwarzen Schafs. Ich blamiere unsere Ahnen hier in den USA und er zerstört die Familienehre auf der anderen Seite des Pazifik. Natürlich haben sie uns bei der Platzzuweisung auf gegenüberliegende Seiten des Tisches verbannt. Aber genug von meiner Familie. Ihr sagtet, ihr hättet etwas vor?"
„Das haben wir", bestätigte Nea und zauberte vier kleine Kärtchen aus einer ihrer Hosentaschen. Feng zog die Augenbrauen nach oben und sagte: „Ähm… wow… Was sind das?"
„Das sind Kinokarten, Dummchen", erklärte Nea: „Habe ich heute Vormittag bei so einer Verlosung an der Theaterschule gewonnen."
„Du machst bei Verlosungen mit?"
„Es war für einen guten Zweck. Mit dem Geld wird so ein Projekt unterstützt, das Kindern im Kongo zu Musikunterricht verhelfen soll. Und irgendwie gings auch um Weltfrieden und so weiter."
„Du kennst dich ja hervorragend aus", meine Claudette, doch Nea winkte ab und entgegnete: „Ist doch egal. Ich habe vier Karten gewonnen."
„Und welchen Film schauen wir uns an?", wollte Feng wissen.
„Shape of Water", antwortete Dwight und Nea fügte hinzu: „Wäre ja nicht unbedingt meine Filmwahl gewesen, aber einem geschenkten Gaul…"
„Ich habe gehört, der soll gut sein", überlegte Feng: „Hat vier Oskars, oder? Und David hat sich nicht dafür interessiert?"
„Eigentlich schon", grinste Nea: „Leider findet in seiner Schule so ein Campingausflug statt und die Hälfte der Kinder wollte ihn als Betreuer dabeihaben. Da kann er halt schlecht nein sagen."
„Beliebtheit ist eben ein zweischneidiges Schwert", meinte Claudette, gerade als die Gruppe die letzte Ecke umrundete und am unteren Ende der Straße das Kino in Sicht kam.
„Hast du eigentlich wieder einmal mit Meg gesprochen?", wollte Feng wissen und die Kanadierin antwortete: „Ja, das habe ich und sie hat mir ein paar interessante Sachen erzählt. Offenbar hat Anna im Wald ein verirrtes Mädchen gefunden."
„Sie wurden entdeckt?", fragte Nea erschrocken, doch Claudette schüttelte den Kopf: „Nein, die Kleine hat dichtgehalten. Also bis jetzt. Und sonst hat niemand Anna gesehen. Übrigens nimmt sie demnächst an einem Marathon teil."
„Wird auch Zeit", murmelte Dwight: „Einer Sportskanone wie ihr tut das ganze Herumgesitze ja nicht gut. Wisst ihr noch wie niedergeschlagen sie war, als wir uns nach New York von ihr verabschiedet haben"
„Ja", antwortete Feng: „Sie hat wohl geglaubt, niemand würde es bemerken."
„Als ich zuletzt mit ihr gesprochen habe, war sie ganz gut drauf", warf Claudette ein: „Hoffentlich geht es ihr gut."

Mit quietschenden Reifen kam der Bus zum Stehen, zischend öffneten sich die Türen und Meg sprang hinaus auf den Gehsteig. Gemütlich rückte sie einen Riemen ihres Rucksacks zurecht und ließ den Blick die Straße hinabgleiten.
Burlington war größer als Weeks, das wusste Meg bereits, doch es besaß dieselbe verschlafene Atmosphäre wie seine Nachbarstadt. Die Leute schlenderten gelassen ihrer Wege, blieben immer wieder stehen, um Bekannte zu grüßen und kauften in Geschäften ein, deren Besitzer sie später am Stammtisch wieder treffen würden.
Auf der anderen Seite der Straße verließ gerade ein Polizist das örtliche Präsidium und ging auf seinen Streifenwagen zu. Er schien nicht in Eile zu sein, sodass Meg schnell hinüberrannte und rief: „Entschuldigung?"
Der Polizist hob den Kopf und schaute sich um. Als er Meg entdeckte nahm er die Sonnenbrille von der Nase und fragte: „Ja? Wie kann ich ihnen helfen?"
„Könnten sie mir den Weg zum Sportverein zeigen?"
„Aber natürlich", nickte der Polizist und hob weisend den Arm: „Gehen sie einfach die Straße nach unten, bis sie an die große Kreuzung gelangen. Dort wenden sie sich dann nach Rechts und gehen in das vierte Gebäude auf der linken Straßenseite."
„Dankeschön"
„Keine Ursache"
Meg wandte sich um und folgte den Richtungsanweisungen, sodass sie wenig später vor einer großen Glastür stand. Sie gehörte zu einem hohen Gebäude mit mehreren Stockwerken und verschiedene Plaketten zeigten an, dass mehrere Büros in dem Bauwerk untergebracht waren. Di gesuchte Institution hatte eine Niederlassung im zweiten Stock.
Meg drückte die Tür auf und trat in ein dunkles Treppenhaus, das sie geradewegs nach oben vor das Büro des Sportvereins brachte. Nach einem kurzen Anklopfen, gefolgt von der dumpfen Eintrittsaufforderung, betrat sie den Raum.
Es handelte sich um ein kleines Arbeitszimmer, möbliert mit zwei Schreibtischen und einem Schrank, sowie einer hohen, mit Pokalen und Medaillen gefüllten Vitrine. Eine der Wände war verziert mit einer Reihe an Wimpeln und Flaggen, während eine Glastür in einen zweiten Raum hinüberführte. Rechts von Meg öffnete sich ein Fenster hinaus auf die Straße.
„Guten Morgen, wie kann ich ihnen helfen?"
Megs Kopf schoss nach vorne und landete auf einem dunkelhaarigen, jungen Mann, der hinter einem Schreibtisch saß und sie angrinste.
„Hallo", sagte Meg und ordnete kurz ihre Gedanken: „Ich bin hier, um mich für den Marathon nächste Woche anzumelden. Habt ihr noch Startnummern?"
„Die haben wir noch", antwortete der junge Mann und legte die Hände auf die Tastatur seines Computers. Nachdem er schnell etwas eingetippt hatte, flog seine Rechte hinüber auf die Maus und führte drei schnelle Klicks aus, während er sagte: „Leider muss ich zugeben, dass wir noch mehr haben, als uns Lieb ist." Er schenkte Meg ein freundliches Lächeln. „Es ist das erste Mal, dass wir einen Marathon veranstalten und die lokale Bevölkerung hat sich als recht unmotiviert erwiesen. Daher danke ich ihnen, dass sie sich zum Mitmachen entschieden haben."
Meg nicke und trat etwas näher an den Schreibtisch. Ihr Blick glitt kurz hinüber zu den Pokalen und sie bemerkte, dass eine Menge davon aus Sportarten wie Sprint, Hürden- oder Staffellauf stammten. Disziplinen, mit denen sie selbst bereits einige Erfahrung gemacht hatte.
„So weit, so gut", sagte der junge Mann und betätigte entschlossen die Eingabetaste: „Dann brauche ich noch ihren Namen und die Anmeldegebühr."
„Meg Thomas", sagte Meg und legte einen grünen Schein auf den Tisch. Der junge Mann nickte, nahm sich das Geld und ließ es in einer Kasse verschwinden. Anschließend ging er hinüber zu dem großen Wandschrank, öffnete ihn und zog ein weißes Blatt hervor, das er Meg übergab, bevor er ihren Namen in den Computer eingab. Die Athletin warf einen Blick auf ihre Startnummer: 547.
„Der Marathon startet drüben vor dem alten Rathaus", erklärte der junge Mann und zeigte aus dem Fenster: „Einfach die Straße hinunter bis zum Hauptplatz. Um halb zehn geht's los."
Meg nickte: „Alles klar"
„Wissen sie, mir kommt es so vor, als hätte ich sie schon mal irgendwo gesehen", sagte der junge Mann und musterte Meg eindringlich. Dann schnippte er mit dem Finger und fragte: „Wurden sie nicht von meiner Schwester vor dem Supermarkt in Weeks angesprochen?"
„Ja, das war ich", antwortete Meg, erfreut, dass man sich an sie erinnerte.
„Ich weiß noch, wie Ellie mir gesagt hat, dass sie ein gutes Gefühl bei dir hat", erzählte der junge Mann: „Offensichtlich hat sie sich nicht getäuscht. Übrigens, mein Name ist Chris." Er streckt Meg die Hand hin.
„Freut mich"; antwortete Meg und schlug ein. Chris hatte einen kräftigen Händedruck, ganz so, wie man es sich von einem Sportler erwartete.
„Also dann…", sagte er: „Wir sehen uns an der Startlinie."
„Das werden wir", bestätigte Meg. Anschließend verabschiedete sie sich und saß wenig später bereits wieder im Bus zurück nach Weeks. In ihren Händen hielt sie immer noch die weiße Startnummer aus reißfesten Papier, während ihr Blick gedankenverloren auf der dahingleitenden Landschaft ruhte. Nächste Woche würde sie dieselbe Strecke zu Fuß zurücklegen, ausgestattet mit nichts weiter als der Kraft ihres eigenen Körpers. Was für ein Genuss!
Meg hatte sofort bemerkt, dass Chris gut durchtrainiert und auf der Höhe seiner physischen Kräfte war. Sie selbst hingegen war seit Jahren in keinem Wettrennen mehr dabei gewesen und würde wohl erst lange Zeit nach ihm und seinen Kollegen ins Ziel kommen. Natürlich nur im Falle, dass sie es überhaupt so weit schaffte.
Nach einiger Zeit machte der Bus in Weeks halt und entließ die Athletin auf den rauen Bordstein. Endlich steckte sie die Startnummer in ihren Rucksack und wollte bereits den Rückweg zur Coldwind Farm antreten, hielt jedoch inne, als jemand ihren Namen rief. Überrascht drehte sie sich um und erblickte Leonard, der über die Straße auf sie zu gelaufen kam.
„Meg", rief er und hob die Hand zum Gruß. Die Athletin reagierte indem sie stehen blieb und ebenfalls die Hand hob. Einen Moment später stand der Afroamerikaner auch schon direkt vor ihr.
„Hallo, Leonard", sagte Meg und schüttelte dem Mann die Hand: „Was kann ich für dich tun?"
„Weißt du, Meg", antwortete Leonard: „Ich habe mich nie richtig dafür bedankt, dass du mir Marie zurückgebracht hast."
„Ich bitte dich, das habe ich doch gern getan", entgegnete Meg. Sie erinnerte sich an das niedliche Mädchen und fragte sich, wo sich die Kleine gerade befand. Hoffentlich stromerte sie nicht schon wieder in der Nähe der Farm umher.
„Darf ich dich auf einen Kaffee einladen?", fragte Leonard und hob die Augenbrauen: „Es ist zwar nur eine kleine Geste, aber… Ich habe sonst nicht viel."
Meg überlegte kurz und ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass sie früh dran war. Die Athletin nickte Leonard zu, was diesem ein Lächeln aufs Gesicht zauberte.
„Großartig", rief er und wies die Straße nach unten: „Ich schlage vor wir gehen zu Kelly, sie macht den besten Kaffee in der ganzen Stadt. Schon mal bei ihr gewesen?"
Meg schüttelte den Kopf.
„Sie hat italienische Wurzeln", erzählte Leonard: „Und das schlägt sich in ihrem Kaffee nieder. Ihr Vater stammt aus der Toskana, soviel ich weiß."
„Was hat ihn denn nach Weeks verschlagen?", wollte Meg mit einem ungläubigen Grinsen wissen. Leonard zuckte nur mit den Schultern und sagte: „Keine Ahnung. Aber es waren entweder massive Schwierigkeiten oder eine wunderschöne Frau. Warum sonst sollte man eine Heimat wie die Toskana verlassen?"
Meg lachte kurz und erblickte im nächsten Augenblick das kleine Lokal, auf das Leonard sie zuführte. Sie hatte es bereits einige Male im Vorbeigehen bemerkt, sich aber nie sonderlich Gedanken dazu gemacht, geschweige denn einen Besuch in Erwägung gezogen. Vor der gläsernen Eingangstür standen drei runde Tische, ausgestattet mit Blumentöpfen und Stühlen. Darüber konnte man einen Schriftzug erkennen: „Kelly´s"
„Sie haben die Bar nach ihrer Tochter benannt?", fragte Meg und Leonard nickte. „Sie wurde im selben Jahr geboren, in dem sie die Bar gegründet haben. Das war vor gut dreißig Jahren und mittlerweile hat sie die Leitung übernommen."
„Woher weißt du das eigentlich alles?", wollte Meg wissen, als Leonard ihr die Tür aufhielt: „Du bist doch erst seit ein paar Monaten hier."
„Kelly ist eine gesprächige Frau", grinste der Afroamerikaner: „Und ich bin schnell Stammkunde bei ihr geworden."
Meg nickte und schaute sich um, nachdem sie die Bar betreten hatte. Ihr Blick viel auf einen hölzernen Tresen, ein paar niedrige Tische mit gemütlich gepolsterten Bänken und eine große Topfpflanze in einer der Ecken des Raums. Mehrere Köpfe drehten sich den Neuankömmlingen zu, doch Leonards Aufmerksamkeit galt nur der Person hinter der Bar. „Hey, Kelly."
„Leonard", rief eine kurvenreiche Blondine, die gerade zwei Tassen ausspülte: „Ich bin gleich bei dir. Setz dich schon mal hin, dein Stammplatz ist frei."
„Wunderbar", murmelte Leonard und zog Meg hinüber zu einem runden Tisch direkt neben einem Fenster, das eine gute Sicht hinaus auf die Straße gewährte. Die beiden ließen sich auf die Bank fallen und Meg sagte: „Sie hat dich ja sofort erkannt. Du scheinst wirklich oft hier zu sein."
„Oft", bestätigte Leonard: „Und meistens spät abends, wenn nicht mehr viele Leute unterwegs sind. Da kommt man gern ins Gespräch."
„Ich bin jetzt seit bald zwei Jahren in Weeks", bemerkte Meg: „Und ich habe diesen Ort noch nie von innen gesehen."
„Dann wurde es doch höchste Zeit", entgegnete Leonard und wollte nach einem kurzen Zögern wissen: „Du wohnst auf der Coldwind Farm, richtig?"
„Genau"
„Ich hoffe, ich bin jetzt nicht zu neugierig", sagte der Afroamerikaner: „Aber wie kommt jemand wie du an ein solches Anwesen?"
„Jemand wie ich?", fragte Meg und zog die Augenbrauen nach oben.
„Freundlich, hübsch, jung", antwortete Leonard: „Mit den Toren der Welt weit geöffnet. Warum Weeks?"
„Nun ja", murmelte Meg und rief sich die Geschichte in Erinnerung, die sie mit Sally vereinbart hatte, sollte sie jemals eine solche Frage beantworten müssen. „Meine Mutter leidet an einer schweren Krankheit und die Ruhe auf dem Land tut ihr gut. Daher bin ich mit ihr nach Weeks gezogen, um sie zu pflegen und ihr ein gutes Leben zu ermöglichen. Sie kann sehr empfindlich auf Unbekanntes oder Unerwartetes reagieren, weshalb es besser wäre, wenn uns niemand auf der Farm besuchen würde."
„Das tut mir leid", sagte Leonard und schlug beschämt die Augen nieder: „Ich wusste nicht…"
„Keine Sorge", antwortete Meg und freute sich innerlich, dass sie die Lüge perfekt über die Bühne gebracht hatte: „Wir führen ein schönes Leben. Mein Vater arbeitet in New York und schickt uns alles Geld, das wir benötigen. Es geht uns wirklich gut."
„Das freut mich", sagte Leonard und wandte sich dann Kelly zu, die eben an ihren Tisch gekommen war. Die beiden begrüßten sich herzhaft, Leonard machte einen schnellen Witz, den Kelly offenbar höchst amüsant fand und dessen genauere Bedeutung wohl nur den beiden bekannt war, bevor die Kellnerin ihren Blick auf Meg richtete.
„Dann schaust du endlich auch mal bei mir rein", rief sie und lächelte. Meg machte eine überraschte Miene und fragte: „Kennen wir uns?"
„Nein", Kelly schüttelte den Kopf: „Also nicht direkt. Aber ich weiß wer du bist. Du bist die, die vor einem Jahr die Coldwind Farm gekauft hat, oder wie lange ist es jetzt her?"
„Fast schon zwei Jahre", antwortete Meg und schüttelte der Kellnerin die Hand: „Meg Thomas"
„Kelly Marconi", stellte sich Kelly vor. Anschließend wandte sie sich wieder an Leonard und fragte: „Wie habt ihr zwei euch eigentlich kennen gelernt? Ich dachte du arbeitest für den alten Baxter."
„Tu ich auch", antwortete Leonard: „Ich kenne Meg auch nicht von der Arbeit her, sondern durch Marie."
„Marie? Deine Tochter?"
„Ja. Sie hat sich vor einer Woche im Wald verirrt. Meg hat sie gefunden und zu mir zurückgebracht."
„Im Wald verirrt?", lachte Kelly: „Na so was. Ist aber verständlich für ein Mädchen, das gerade erst hergezogen ist." Sie warf einen schnellen Blick über die Schulter und sagte dann: „Ich würde ja noch liebend gern mit euch beiden plaudern, aber da kommt schon neue Kundschaft rein. Also, was darf ich euch bringen?"
Meg und Leonard gaben ihre Bestellungen auf und sogleich wuselte Kelly davon. Ihre Kundschaft wollte bedient werden. Meg sah ihr kurz nach und wandte sich dann an Leonard: „Wo wir gerade von Marie sprechen, wie geht es ihr eigentlich? Ist sie wohlauf?"
„Es geht ihr gut", antwortete Leonard und winkte ab: „Der Umzug macht ihr ein wenig zu schaffen. Aber es ist ja nicht das erste Mal, dass wir unseren Wohnsitz ändern. Ich wünschte nur, die anderen Kinder würden sie etwas besser integrieren."
„Hat sie noch keine Freunde gefunden?"
Leonard schüttelte den Kopf: „Es gibt zwei oder drei mit denen sie sich ein wenig versteht, aber wirkliche Freunde… nein, leider nicht."
„Das verstehe ich nicht", erwiderte Meg: „Marie ist doch so ein nettes Mädchen."
„Wem sagst du das?", seufzte Leonard: „Aber du hast es ja selbst gehört. Sie hat sich nicht einfach so im Wald verirrt. Sie wurde dort zurückgelassen, als sie versucht hat, sich in einer Gruppe einzufinden."
„Ich weiß", nickte die Athletin: „Ich hoffe, du bist bei den Eltern der Kinder vorstellig geworden."
„Das bin ich", antwortete der Afroamerikaner: „Aber ich glaube nicht, dass die mir wirklich zugehört haben. Hier in den ländlichen USA sind die Leute etwas… anders. Nicht so tolerant."
„Da hast du leider recht", bestätigte Meg: „Einige schauen mir immer noch misstrauisch nach, sogar nach zwei Jahren."
„Ich wünschte mein Bruder wäre hier gewesen", antwortete Leonard: „Der hätte ihnen ganz anders die Meinung gesagt."
„Dein Bruder?"
„Arbeitet fürs FBI", erzählte Leonard: „Darf aber nichts darüber erzählen. Ist anscheinend streng geheim."
„Das FBI hat einen Hang zu Geheimnissen", nickte Meg.
„Hast du euch bekannt im Bureau?"
„Bekannte ist vielleicht der falsche Begriff", lachte Meg: „Ich war mal in einen Entführungsfall verwickelt. Ist aber schon lange her."
„Du meine Güte", staunte Leonard: „Das muss ja furchtbar aufregend gewesen sein."
In Megs Kopf tauchten Bilder auf, von der dunklen Leere des Nebels, den Tentakeln des Entitus und den Grimassen des Fallenstellers und des Doktors. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, doch sie schaffte es, ihr Unbehagen zu verbergen. „Es war aufregend, ja. Und nachher ein Haufen Papierkram."
Leonard lachte und sagte: „Das FBI ist eine staatliche Behörde. Ohne Papierkram geht da gar nichts. Du glaubst gar nicht, was meine Frau gerade für einen Aufwand betreibt, um ihren Eltern endlich die amerikanische Staatsbürgerschaft zu verschaffen."
„Ist sie aus dem Ausland?"
„Nein, sie wurde hier geboren. Aber ihre Eltern sind aus Ruanda geflüchtet. Vor einem Bürgerkrieg."
„Manchmal vergisst man wirklich, wie gut es einem eigentlich geht", murmelte Meg und Leonard nickte: „Leider kommen nicht alle Teile der Welt in den Genuss des Friedens."
Das Gespräch wurde kurz unterbrochen, als Kelly ihre Getränke vorbeibrachte. Anschließend wechselten sie noch ein paar Worte zu verschiedenen Themen, hauptsächliche belanglose Alltagsangelegenheiten. Leonard erzählt Meg ein wenig über die Arbeit, doch schon bald schaute die Athletin auf die Uhr und bemerkte, dass sie bereits von Sally erwartet wurde. Nachdem sie ihren Kaffee leergetrunken hatte, beendete sie daher das Gespräch, verabschiedete sich und machte sich auf den Rückweg zur Coldwind Farm.

Shuhrat Kessikbayev holte tief Luft, festigte den Griff um seine AK und beruhigte seinen Herzschlag. Er hatte bereits vor langer Zeit gelernt, dass die wichtigste Fähigkeit eines Operators weder im Bereich der Waffenhandhabung, noch der Ausdauer oder körperlichen Kraft lagen.
Natürlich waren exzellente Leistungen in diesen beiden Feldern essentiell, wenn man eine militärische Karriere einschlagen wollte, vor allem bei einer, die einen in die Ränge von Team Rainbow bringen sollte, dem internationalen, aus Operatoren von der ganzen Welt zusammengestellten Einsatzkommando. Nur die Besten der Besten wurden aufgenommen und alle Mitglieder waren hervorragende Schützen und ausgezeichnete Nahkämpfer. Doch die wichtigste Fähigkeit eines Operators war es, in Situationen, in denen das eigene Leben auf dem Spiel stand, einen kühlen Kopf zu bewahren.
„Also gut", sagte Thatcher, der sich direkt hinter ihm befand und der soeben auf seine Armbanduhr geblickt hatte. „Zeit loszuschlagen. Haltet euch einfach an den Plan."
Keiner der vier Operatoren gab eine Antwort, doch alle hatten den Befehl ihres Squadleaders verstanden. Mike „Thatcher" Baker war der älteste und erfahrenste Soldat innerhalb Team Rainbows, was sich in seinen Methoden wiederspiegelte. Anstatt auf hochmoderne Technologie zu setzen, war der S.A.S. Operator zu einem Experten darin geworden, diese auszuhebeln und zu entschärfen.
Vor ihm stand Gilles Touré, jener Mann, den alle unter dem Namen Montagne kannten; den Berg. Kennzeichen des hünenhaften GIGN Operators war der schwere Einsatzschild, den er in brenzligen Situationen ausklappen und in eine undurchdringliche Wand verwandeln konnte. Montagne war in Shuhrats Augen einer der wertvollsten Operatoren in Team Rainbow, seine stählernen Nerven und seine Erfahrung als aktiver Soldat machten ihn zu einem zuverlässigen Kameraden, dem Shurat mit seinem Leben vertraute.
Links von Montagne befand sich der Kanadier Sebastien „Buck" Coté. Seine Unterlaufschrotflinte war ein wahres Biest, wenn es darum ging, Verteidigungsanlagen, Fenster und sogar Wände zu durchbrechen. Er war ein unfassbar pragmatischer Mann, der niemals ein Wort zu viel verlor. Eine Qualität, die Shuhrat sehr schätzte.
Er selbst war ein Angehöriger der russischen Spetznaz und einer der ersten, die Team Rainbow beigetreten waren. Mit seinen selbstentwickelten Matryoshka-Ladungen war es ihm ein leichtes, Innenräume von Gegner zu räumen, ohne sich selbst dabei in Gefahr zu bringen. Die explosiven, kleinen Werkzeuge hatten ihm den Beinamen Fuze eingebracht.
Und dann war da noch Grace Nam, die hinter Fuze hockte und nervös auf den Beginn der Mission gewartet hatte. Ihr Spitzname war Dokkaebi, sie war eine junge Soldatin aus Südkorea und das neueste Mitglied von Team Rainbow. Fuze wusste nicht, wie sie es ins Team geschafft hatte, doch irgendwie war sie wohl durch all die Tests gekommen und von Six an die Front geschickt worden. Nun war es an der Zeit, dass sie ihre Fähigkeiten unter Beweis stellte.
„Montagne, Buck, ihr kommt mit mir", sagte Thatcher mit einem tiefen, britischen Akzent: „Fuze, Dokkaebi, ihr geht hinten rein." An die Südkoreanerin gewandt fügte er hinzu: „Augen auf, Rookie, jetzt wird's ernst."
Dokkaebi nickte, strich sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht und steckte sie zurück unter ihre schwarze Kappe. Thatcher, dessen Gesicht hinter einer Gasmaske verborgen war, gab ein schnelles Handzeichen und in der finsteren Nacht bewegte sich alle auf die ihnen zugewiesenen Positionen zu. Dokkaebi blieb Fuze dabei dich auf den Fersen, dessen Blick durch das Visier seiner AK hindurch und über die Straße auf die Fenster des großen Gebäudes geheftet war, das ihr Einsatzziel darstellte. Allesamt waren sie verbarrikadiert worden, die Verteidiger hatten sich vorbereitet.
Im Schutz der Dunkelheit stahlen sich Fuze und Dokkaebi an der Wand des klotzigen Plattenbaus entlang und erreichten schließlich eine ebenfalls verbarrikadierte Tür. Dokkaebi warf einen schnellen Blick über die Schulter, offenbar nach ihren Teamkollegen ausschauhalten, doch Thatcher, Montagne und Buck befanden sich längst auf der anderen Seite des Gebäudes.
„Konzentration", knurrte Fuze und die Südkoreanerin richtete ihren Blick sofort wieder nach vorne. Die beiden gingen in die Hocke und sicherten alle möglichen Angriffsrichtungen, während sie auf weitere Befehle warteten. Es dauerte nicht lange, und Thatchers Stimme meldete sich über ihre Headsets: „Wir machen jetzt auf unserer Seite ein bisschen Krach. Sobald ihr Schüsse hört, geht ihr rein."
„Verstanden", antwortete Fuze und warf einen Seitenblick auf Dokkaebi. Es war so still, dass er ihren Atem hören konnte und erleichtert stellte der Russe fest, dass seine Kameradin ebenfalls ihre Ruhe wahren konnte. Vielleicht war ja doch mehr an ihr dran, als zunächst angenommen. Die Südkoreaner hatten sie sicherlich nicht ohne Grund geschickt, doch es war eine Frage, die nur die Zukunft beantworten konnte.
Der Knall einer Explosion hallte durch die Nacht und ließ die Straßenlaternen erzittern. Kurz darauf waren knatternde Schüsse zu vernehmen, die hörbar gegen Montagnes schweren Schild krachten. Jemand schrie.
„Das ist unser Signal", flüsterte Dokkaebi, doch Fuze schenkte ihr keine Beachtung. Stattdessen rammte er den Schaft seiner Waffe gegen die Barrikade, die nach drei entschlossenen Hieben zusammenbrach. In der Hoffnung, dass der Lärm des laufenden Gefechts sein Eindringen übertönt hatte, machte Fuze einen Schritt in das dunkle Gebäude.
Im Inneren ließ der Spetsnaz seinen Blick an den Wänden entlang gleiten. Aufmerksam suchte er nach Fallen, Sprengladungen oder Stolperdrähten, während seine Waffe auf eine der beiden Türen zielte, die von dem kleinen Raum wegführten. Dokkaebi befand sich dicht hinter ihm und sicherte ihrerseits die andere Tür - eine Handlung, die bereits ganz automatisch ablief.
Nachdem er nichts entdeckt hatte, warf Fuze kurz einen Blick über die Schulter und nickte seiner Kameradin zu. Langsam drangen die beiden tiefer in das Gebäude ein, stets auf der Hut vor möglichen Hinterhalten oder Angreifern. Der Russe wusste, dass es sich bei ihren Feinden um erfahrene und exzellent ausgebildete Kämpfer handelte. Ein falscher Schritt würde hier unweigerlich das Aus bedeuten.
Während ein dumpfes Krachen, gefolgt vom Kreischen einer Maschinenpistole die Betonmauern erzittern ließ, folgte Fuze dem vereinbarten Plan und lenkte seine Schritte nach rechts. Er hatte die Baupläne des Gebäudes studiert und wusste, dass sie dort in ein Treppenhaus gelangen würden. Dieses würde ihn und Dokkaebi in das Obergeschoss bringen, von wo aus sie einen Überraschungsangriff auf die Verteidiger starten sollten, die sich mit einer Geisel im Erdgeschoss verbarrikadiert hatten. Hoffentlich hatte das Ablenkungsmanöver der anderen Operatoren die Aufmerksamkeit ihrer Gegner vom restlichen Komplex abgelenkt.
Vorsichtig lehnte sich Fuze um eine Ecke und schaute einen langen Gang hinab, sein Sturmgewehr im Anschlag. Hinter ihm trat Dokkaebi hinaus in den Korridor und drehte sich in die andere Richtung, wo sie wie erwartet eine Treppe entdeckte. Lautlos schlich sie auf die Stufen zu und hob ihre Waffe dabei immer weiter nach oben, um jedem Feind, den sie womöglich überraschen würde, sofort im Visier zu haben. Glücklicherweise war das Stiegenhaus wie der Rest des Gebäudes vollkommen verlassen.
Ohne den langen Gang aus den Augen zu lassen, folgte Fuze der jungen Koreanerin und bewegte sich hinter ihr die Treppe nach oben. Der erste Stock besaß dieselbe Gliederung wie das Erdgeschoss, entlang eines langen Korridors führten links und rechts Türen in verschiedene Räume. Einige verstaubte Möbel zeugten davon, dass es sich wohl um ein Wohnhaus gehandelt haben musste, bevor es zu einer Festung gemacht worden war.
„Die Geisel ist jetzt direkt unter uns", flüsterte Fuze und zeigte auf den Boden des Raumes in dem sich die beiden Operatoren befanden: „Ich bringe hier eine Sprengladung an und dort eine Matryoshka. Gib mir Rückendeckung."
„Warte kurz", antwortete Dokkaebi leise: „Ich bereite eine Logic Bomb vor"
„Dafür haben wir keine Zeit", erwiderte Fuze, als eine weitere Explosion das Haus erschütterte, doch die Koreanerin hatte bereits ihr experimentelles Tablet gezückt und bearbeitete mit ihren Fingern den Touchscreen. Fuze schaute ihr kurz zu, hin und her gerissen zwischen Einsatzprotokoll und dem Bedürfnis, so schnell wie möglich seinen Kameraden beizustehen.
Als ein dumpfer Schrei durch den Boden drang, entschied er sich für letzteres und nahm eilig eine der Sprengladungen von seinem Gürtel. Geschickt rollte er die Matte auf dem Boden aus und schlich dann hinüber in ein Nebenzimmer, wo er eine seiner Matryoshkas platzierte. Wie gewohnt saugte sich das Gerät am Untergrund fest und signalisierte einen Moment später mit einem blinkenden Lämpchen, dass es bereit war, seine Sprengladungen in den darunterliegenden Raum zu entlassen.
Fuze nickte zufrieden und wollte sich wieder zu Dokkaebi umdrehen, als ein lauter Knall in seine Ohren zischte. Ein heller Lichtblitz erleuchtete den Raum. Mit einem Schmerzensschrei ging die Koreanerin zu Boden und ließ ihre Waffe fallen, die mehrere Meter entfernt auf den Boden aufschlug.
Sofort legte Fuze seine AK an und suchte den Raum energisch nach dem Angreifer ab, doch er konnte in der Dunkelheit kaum etwas erkennen. Adrenalin strömte durch seine Adern und mit eiserner Willenskraft brachte er seinen Herzschlag wieder unter Kontrolle.
Dokkaebi stöhnte gequält auf und versuchte sich aufzurappeln, brach jedoch bald wieder zusammen. Dumpf schlug ihr Körper auf den Holzboden auf, während sie beide Arme krampfartig um den Oberkörper schlang.
Fluchend drehte sich Fuze hin und her und bewegte sich langsam auf seine Kameradin zu, mit der Waffe in alle Richtung zielend. Sein Atem hatte sich beschleunigt und seine Augen suchten panisch nach dem Feind, der die Kontaktgranate geworfen hatte. Fuze wusste, dass er die Situation nicht mehr unter Kontrolle hatte und das war ein Umstand, der ihn jeden Augenblick das Leben kosten konnte.
Plötzlich näherten sich polternde Schritte in seinem Rücken und der Spetsnaz fuhr blitzschnell herum, bereit, mit seiner AK vier Angreifer gleichzeitig niederzumähen. Doch er war zu langsam. Ein Fuß rauschte auf seinen Oberkörper zu und drückte sein Sturmgewehr zur Seite. Krachend lösten sich drei Schüsse, während der Russe kraftvoll nach hinten gestoßen wurde und auf den Rücken fiel.
Der Tritt hatte ihn seines Atems beraubt, doch noch bevor der Operator Luft holen konnte, wurde er bereits brutal gepackt und herumgedreht. Das Gewicht des Angreifers drückte ihn zu Boden, als dieser sich mit seinem Knie auf seinem Oberkörper postierte und den Russen damit vollkommen bewegungsunfähig machte. Im nächsten Moment konnte er bereits die Kälte einer stählernen Klinge an seinem Hals spüren, während eine Stimme in sein Ohr flüsterte: „Jetzt gehörst du mir."
Eine Sirene ertönte und im ganze Haus gingen die Lichter an. Augenblicklich verschwand das Gewicht von Fuzes Oberkörper und fluchend rappelte er sich auf. Sein Blick glitt kurz über Dokkaebi, die sich schwer atmend auf allen vieren befand und verzweifelt nach Luft schnappte, bevor er sich Caveira zuwandte. Die Brasilianerin, die wie immer ihre totenkopfartige Kriegsbemalung im Gesicht hatte, begrüßte ihn mit einem abschätzigen Grinsen, und ließ verspielt ihr Messer durch die Finger kreisen. Anschließend steckte sie es in die Halterung an ihrem Munitionsgürtel.
Taina Pereira war eine unberechenbare Kämpferin der brasilianischen Spezialeinheit BOPE und erst vor gut zwei Jahren als vollwertiges Mitglied in Team Rainbow aufgenommen worden. Es war nicht das erste Mal, dass sie Fuze in einem Übungsszenario überrumpelt und ihm ein Messer an die Kehle gehalten hatte und doch gelang es ihr immer wieder, ihn im richtigen Moment zu erwischen.
Mit einem gemurmelten russischen Fluch schüttelte er den Kopf und schleppte sich hinüber zu seiner Matryoshka, die er anschließend vom Boden löste und an seinem Gürtel befestigte. Caveira lachte derweil leise in sich hinein, warf ihren schwarzen Zopf zurück und verließ den Raum, während Dokkaebi zitternd auf die Beine kam. Unter Schmerzen verzog sie das Gesicht und griff nach der Sprengladung, die Fuze zuvor ausgelegt hatte. Anschließend folgte sie Caveira zum Treppenhaus, um sich mit den anderen Teilnehmern der Übung zu einer Nachbesprechung zu treffen.
Sowohl sie als auch Fuze wussten, dass die Angreifer hoffnungslos versagt hatten und der Russe hätte die junge Koreanerin am liebsten angehalten, um ihr seine Meinung zu sagen. Wenn sie die Umgebung gesichert hätte, so wie er sie angewiesen hatte, hätte sich Caveira niemals ungesehen heranschleichen können. Allerdings war das Belehren der Rekruten nicht seine Aufgabe.
Immer noch fluchend verließ er als letzter das Obergeschoss, stieg die Treppe nach unten und lief anschließend auf den Vordereingang des Gebäudes zu. Im Vorbeigehen warf er einen Blick in den Raum, in dem sich die Geisel befunden hatte. Die Rolle der hilflosen Zivilistin hatte eine Soldatin des französischen Militärs übernommen, die sich gerade auf demselben Stützpunkt befunden und deren langweiliger Dienst durch die Übung wohl erheblich an Spannung gewonnen hatte.
Nun klopfte sich die junge Dame gemütlich den Staub von ihrer Uniform und schenkte Fuze ein mitleidiges Lächeln. Natürlich wusste sie, dass die Angreifer ihre Mission vermasselt hatten, schließlich war niemand zu ihrer Rettung erschienen.
Verdrießlich knurrend trat Fuze aus dem Gebäude und gesellte sich zu seinen Kameraden, die sich bereits zusammen mit ihren Gegnern in einem Halbkreis vor Seamus „Sledge" Cowden aufgestellt hatten. Der hochgewachsene Schotte mit der kahlen Glatze war wie Fuze eines der ersten Mitglieder Team Rainbows gewesen und hatte die Aufsicht über diese Übung übernommen. Mittels Kameras, die sowohl im Haus als auch an den Operatoren angebracht worden waren, hatte er jede Bewegung, Taktik und Aktion mitverfolgen können. Nun folgte seine Auswertung.
Schweigend stellte sich Fuze neben Dokkaebi, die immer noch eine Hand auf die Stelle presste, an der sie Caveiras Übungsgranate getroffen hatte. Mit einem düsteren Blick gab er der Koreanerin zu verstehen, dass er ihr die Schuld für das Scheitern der Mission zuschrieb und sich in keiner Weise für sie einsetzen würde. Dann schaute er hinüber zu Caveira, die neben den anderen Verteidigern stand und immer noch selbstzufrieden grinste.
Neben ihr befanden sich der GSG9 Operator Dominik „Bandit" Brunsmeier, der FBI Spezialist Miles „Castle" Campbell, die polnische GROM Kämpferin Elzbieta „Ela" Bosak und Fuzes Landsmann Alexandr „Tachanka" Senaviev.
Letzterer hatte während der Übung das Kommando über die Verteidiger übernommen und wie so oft hatte sich seine langjährige Erfahrung bezahlt gemacht. Das Ablenkungsmanöver war nicht genug gewesen, um den alten Russen aus der Fassung zu bringen und so hatte er Caveira angewiesen, sich im verlassenen Teil des Gebäudes auf die Lauer zu legen. Eine Strategie, die sich ganz offensichtlich bewährt hatte.
Als Sledge erkannte, dass alle Übungsteilnehmer eingetroffen waren, schickte er sich mit in die Hüften gestemmten Armen dazu an, das Wort zu ergreifen und Fuze bereitete sich auf die bevorstehende Standpauke vor. Aber zuerst wandte sich der Schotte an den GSG9 Verteidiger.
„Dominik", sagte er mit hochgezogenen Augenbrauen: „Was war das für eine Aktion gegen Gilles? Dir ist hoffentlich klar, dass solche Unternehmungen in echten Kampfsituationen unüberschaubare Risiken mit sich bringen."
Bandit nickte, doch er schien die Kritik des Lehrers kaum wahrzunehmen. Was auch immer er getan hatte, es hatte wohl funktioniert. Fuze öffnete den Verschluss seines Helms, zog die schwere Panzerung von seinem Kopf und warf anschließend einen fragenden Blick zu Montagne.
„Er ist aus einem Fenster gesprungen, um mich zu flankieren", flüsterte der große Franzose und Fuze nickte. In einer echten Situation wäre so eine Vorgehensweise höchstwahrscheinlich unmöglich, da die Außenseite des Gebäudes von Scharfschützen gesichert worden wäre. Jeder Verteidiger, der auch nur einen beiläufigen Blick auf das Wetter werfen wollte, würde sofort seinen Kopf verlieren.
Als nächstes wandte sich Sledge an Thatcher, der gerade seine Gasmaske abnahm. Das Gesicht eines alten Mannes, der bereits im Falklandkonflikt ein erfahrener Soldat gewesen war, kam zum Vorschein und erwartete Seelenruhig Sledges Urteil.
„Interessante Vorgehensweise", sagte der Schotte und nickte anerkennend: „Aber etwas offensichtlich. Ein Angriff, bei dem sich nur drei der fünf bekannten Gegner zeigen lässt schnell auf ein Ablenkungsmanöver schließen. Außerdem haben du und Gilles den armen Sebastien ein paar Mal etwas zurückgelassen. Passt auf euren Kameraden auf, schließlich deckt er nicht nur seinen, sondern auch eure Ärsche."
Ein raunendes Lachen ging durch die Runde, dem allerdings weder Fuze noch Dokkaebi beitraten, denn nun waren sie an der Reihe. Mit vielsagendem Blick drehte Sledge seinen klobigen Kopf in ihre Richtung, legte eine kurze Pause ein und murmelte dann: „Aber der Grund, dass der Angriff heute gescheitert ist, liegt anderswo."
Dokkaebi schaute betreten zu Boden, während Fuze seinen Blick schweigend auf Sledge gerichtet hatte.
„Ihr beiden wart der verdeckte Teil der Operation", fuhr der Schotte fort: „Ihr seid zu zweit in ein Gebäude eingedrungen, von dem ihr wusstet, dass es unter feindlicher Kontrolle stand. Zugegeben, zu Beginn habt ihr euch ganz nach Lehrbuch fortbewegt und vorbildlich alle Richtung abgedeckt, seid vorsichtig vorgegangen und habt euch gegenseitig unterstützt. Später jedoch…
Die Mitglieder von Team Rainbow sind die Besten der Besten und zwar in allen Bereichen, Teamwork eingeschlossen. Die Stärke eines Soldaten kommt von seinen Kameraden und oft genug ist die Tatsache, dass man sich auf seine Teammitglieder verlassen kann, der entscheidende Unterschied zwischen Leben und Tod. Grace, ich weiß, dass dich dein selbstständiges und energisches Handeln im koreanischen Militär weit gebracht hat und ich schätze diese Qualitäten, aber in Team Rainbow spielst du ein Spiel, das du allein nicht gewinnen kannst. Shuhrat hat dich angewiesen, die Umgebung zu sichern, während er den Überraschungsangriff vorbereitet und ich schlage vor, dass du dich als das jüngste Mitglied an die Anweisungen der erfahreneren Operatoren hältst. Verstanden?"
Dokkaebi, die mittlerweile Haltung angenommen hatte, nickte militärisch und rief „Jawohl"
Sledge wandte sich nun an Fuze und sagte: „Du weißt selbst gut genug, was du falsch gemacht hast. Wenn es deine Teamkollegen nicht tun, musst du für Sicherheit sorgen."
Fuze nickte und als Sledge den Kopf zur Seite drehte, warf er Dokkaebi einen weiteren düsteren Blick zu.
„Alexandr, Taina, Elzbieta und Miles, gute Arbeit", sagte Sledge in der Zwischenzeit und schaute anschließend auf die Uhr: „Damit beenden wir das heutige Training. Es war eine lange und anstrengende Woche, ihr habt euch eine Auszeit verdient. Morgen habt ihr Freigang und wenn ihr euch antrinken wollt, bitte. Aber übermorgen geht's um sechs in der Früh wieder los. Behaltet das in eueren hässlichen Köpfen."
Ein weiteres Lachen ging durch die Runde und Fuze schaute hinüber zur der Spitze des Eiffelturms, die neben der untergehenden Sonne in die Höhe ragte. Er war bereits seit zwei Monaten auf dem Stützpunkt nahe der französischen Hauptstadt stationiert, doch er hatte noch nie einen Fuß in Paris gesetzt. Vielleicht war es morgen endlich an der Zeit mit Alexandr den Lokalen der Metropole einen Besuch abzustatten.
„Und ihr wisst", schloss Sledge, bevor er sie entließ: „Das Verliererteam kriegt die kalten Duschen."
Zum dritten Mal brachen die Verteidiger in Gelächter aus, während die erfolglosen Angreifer murrend davonschlurften. Sie alle waren Elitesoldaten und als solche natürlich weit schlimmere Qualen als kalte Duschen gewöhnt, allerdings gab es nach einem harten Trainingstag nichts Schöneres, als sich unter einen Strom lauwarmen Wassers zu stellen und einfach zu entspannen.
Im Duschraum, der ihnen vom französischen Militär zugeteilt und den sich die männlichen mit den weiblichen Operatoren teilten, gab es zwei gegenüberliegende Reihen an Duschen. Die linke Seite funktionierte einwandfrei, wohingegen die Rechte aufgrund beschädigter Rohre nur kaltes Wasser lieferte. Und kalt bedeutete in diesem Fall eiswürfelkalt. Selbst die von den Inuit abstammende Kanadierin Tina „Frost" Lin Tsang, die eigentlich jeder Temperatur unter dem Nullpunkt ins Gesicht lachte, war bei dem Gefühl des kühlen Wassers erschaudert.

„Guten Morgen", grüßte eine fröhlich Stimme und Meg drehte sich um. Sie war gerade dabei gewesen, sich die Startnummer an die Vorderseite ihres Shirts zu heften und noch während sie an den Stecknadeln herumfummelte, entdeckte sie bereits das Mädchen, das ihr damals in Weeks den Flyer in die Hand gedrückt hatte.
„Hey Ellie", grüßte Meg und senkte ihren Blick wieder nach unten zu ihrer Startnummer. Gerade als sie es geschafft hatte, die Nummer zu befestigten, kam die muntere Sportlerin neben ihr zum Stehen und sagte: „Chris hat mir erzählt, dass du mitmachst. Freut mich, dass ich dich motivieren konnte."
„Ich bin schon lange nicht mehr gelaufen", antwortete Meg: „Ich hoffe ich kann einigermaßen mithalten."
„Hast du dir keine Konkurrenz angesehen?", lachte Ellie: „Na gut, ich, Chris und unsere Kollegen sind einigermaßen durchtrainiert, aber der ganze Rest… Ich glaube nicht, dass du viel zu befürchten hast."
Meg ließ den Blick über die Menge der anderen Läufer schweifen, die sich gerade am Hauptplatz von Burlington versammelte und nickte. Ellie hatte recht, die Konkurrenz war wirklich nicht groß und nur bei den wenigsten schien es sich um wirkliche Sportler zu handeln.
„Du könntest vielleicht recht haben", lachte Meg und Ellie stimmte mit ein: „Sag ich doch. Jedenfalls geht´s gleich los. Wir sehen uns an der Ziellinie."
„Hoffentlich", murmelte Meg sarkastisch.
„Bestimmt", sagte Ellie aufmunternd und verschwand anschließend wieder zwischen all den Läufern. Meg schaute ihr einen Moment nach und wurde von ihrer fröhlichen und unbeirrbaren Art zu einem leichten Schmunzeln verleitet.
Es tat gut, wieder unter Leuten zu sein, die keine Geschichte des Mordens und Tötens hinter sich hatten und deren größte Sorgen Abschlussarbeiten oder Deadlines auf der Arbeit waren. Leute, die in ihren Träumen nicht von Albtraumkreaturen heimgesucht und tagsüber von Panikattacken geplagt wurden. Leute, die einfach fröhliche und liebenswürdige Menschen waren.
Ein Ansager setzte Megs Gedankengängen ein abruptes Ende und kündigte den baldigen Beginn des Marathons an, gefolgt von der Aufforderung an die Läufer, sich an den Start zu begeben. Irgendwo spielte eine Musikkapelle einen Marsch zur Feier des Tages und als sie den Kopf drehte, konnte Meg die Spitze eines Zeltes sehen, von dem sie wusste, dass sie zu einem Würstchenstand gehörte. Allerdings wusste sie auch, dass es keine gute Idee war, direkt vor einem Marathon eine größere Mahlzeit zu sich zu nehmen. Vor allem schwere Gerichte, wie eben fettige Würstchen, mussten unbedingt vermieden werden.
Kopfschüttelnd beobachtete Meg einen Mann, der auf die Ansage hin eilig einen Pappteller seiner Frau reichte und sich anschließend nach der Startlinie umsah. Dem Kerl würde mit Sicherheit lange vor der Ziellinie die Puste ausgehen, dachte Meg und wandte sich leise lachend ab. Gemütlich zog sie sich ihre alte Schildkappe, die sie bereits bei so vielen Läufen getragen hatte, in die Stirn, sodass ihre Augen vor der Sonne geschützt waren.
Dann schlängelte sie sich durch die Menge nach vorne und stellte sich direkt an die Startlinie. Sie wollte so lange wie möglich mit der Spitze mithalten, ihr persönlicher Stolz ließ gar nichts anderes zu. Als Meg den Kopf nach links drehte, entdeckte sie Chris, der ihr freundlich zulächelte. Schüchtern erwiderte sie das Lächeln und richtete dann den Blick auf einen älteren Herrn, der rechts neben der Linie stand und eine Pistole in der Hand hielt. Die Aufmerksamkeit des Mannes galt einem Kollegen, der etwas abseits auf einer erhöhten Position stand und einen guten Überblick über die Menge hatte. Wenig später nickte dieser und der ältere Herr hob die Pistole über den Kopf.
„Auf die Plätze!", erging das Kommando und urplötzlich kehrte eine Atmosphäre der gespannten Ruhe ein. Meg schloss die Augen und fühlte ihren Körper. Ihre Beine waren locker, entspannt und kraftvoll, bereit, lange Strapazen auf sich zu nehmen. Ihr Kopf war leer, ihre Aufmerksamkeit galt der Strecke.
„Fertig!"
Meg öffnete die Augen wieder und schaute die Straße entlang. Sie spürte den Atem in ihren Lungen und konzentrierte sich auf einen gleichmäßigen Rhythmus, während eine Gänsehaut ihre Arme entlangfuhr. Es war schon so lange her, dass sie an einem Sportereignis teilgenommen hatte und schon allein die Erfahrung, endlich wieder an einer Startlinie zu stehen, erfüllte sie mit plötzlicher Freude und Euphorie.
Krachend löste sich ein Schuss und tausende Füße trampelten über den Asphalt. Sofort wurde Meg von mehreren Läufern überholt, die in zügigem Tempo der Masse davonrannte. Doch die rothaarige Athletin machte sich keine Sorgen zurückzufallen, obwohl sie in gemäßigter Geschwindigkeit losgelaufen war.
Der Strecke war knapp über vierzig Kilometer lang. Jene, die jetzt glaubten davonziehen zu müssen, würden wenig später hinter allen zurückfallen. Geschwindigkeit war schön und gut, doch ein guter Läufer wusste seine Kraft gleichmäßig über die gesamte Distanz zu verteilen. Aus den Augenwinkeln erkannte Meg Chris und erfreut stellte sie fest, dass er exakt dasselbe Tempo wie sie gewählt hatte. Hochentschlossen richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf die Straße, kontrollierte ihren Atem und lief der aufgehenden Sonne entgegen.

Als das schrille Leuten der Glocke durch die Gänge der Backwell Academy hallte, war Maxine Caulfield die erste, die sich erhob, sich eilig von der Physikprofessorin Ms. Grant verabschiedete und hinaus auf den Korridor stürmte. Dort angekommen lief sie schnurstracks zu ihrem Spind, riss die Tür auf und verstaute ihre Bücher und Mappen, bevor sie sich den Rucksack, den sie bereits den gesamten Tag mitgeschleppt hatte, über die Schultern hängte und anschließend den Weg zum Vordereingang einschlug.
Wie immer um diese Zeit waren die Hallen Blackwells mit Schülern gefüllt, die sich vergnügt plaudernd in die Mittagspause begaben, um Kraft für den Nachmittagsunterricht zu sammeln. Normalerweise wäre Max eine von ihnen gewesen, hätte sich vielleicht mit Warren auf den Rasen vor dem Hauptgebäude gesetzt, wäre vielleicht mit Kate hinüber ins Two Whales geflitzt oder hätte einfach nur versucht, Victoria und ihrer Clique aus dem Weg zu gehen. Doch heute nicht. Heute war der Unterricht für sie beendet und um genau zu sein, würde sie für eine ganze Weile keinen Fuß mehr in die Academy setzen.
Beinahe wäre sie mit Direktor Wells zusammengestoßen, der gerade das Hauptgebäude seiner Schule betrat und ihr einen strengen Blick zuwarf. Im Vorbeigehen rief sie ihm eine halbherzige Entschuldigung zu und eilte hinaus auf den Campus. Ihr Weg führte sie an der großen Statue Jeremiah Blackwells vorbei, der seinerzeit die erste Bildungseinrichtung in Arcadia Bay gegründet hatte und dessen Abbild heute über eine der besten Hochschulen der Region wachte.
Beiläufig schaute sie an der verklemmt dreinblickenden Figur vorbei auf die Ruinen des Wohnheims, jenes Gebäude, in dem sie in ihrem ersten Semester geschlafen hatte. Der Sturm, der letztes Jahr Arcadia Bay getroffen und die halbe Stadt verwüstet hatte, hatte auch vor den Bildungseinrichtungen des Ortes keinen Halt gemacht. Das Hauptgebäude, das die Klassenräume und Labore beherbergte, hatte erhebliche Schäden an Dach und Westseite davongetragen, die allerdings dank fokussierter Reparaturarbeiten mittlerweile behoben worden waren. Die Schlafräume hingegen waren vollkommen dahin gewesen und man konnte weniger von einer Reparatur, als von einem kompletten Neubau sprechen.
Max hatte das große Glück gehabt, bei Chloes Familie ein temporäres Heim zu finden. Ihre beste Freundin und deren Mutter hatten sie mit offenen Armen aufgenommen, während David, Chloes Stiefvater, zu dem die blauhaarige Rebellin eine etwas zwiespältige Beziehung pflegte, immerhin nicht das Wort gegen sie erhoben hatte. Allerdings gab es noch einen anderen Grund für Chloes Bereitwilligkeit, Max in ihr Heim einzuladen.
Niemand außer sie beide wusste, dass der Sturm, der Arcadia Bay beinahe ausradiert hätte, kein zufälliges Naturereignis gewesen war, sondern ganz spezifisch mit Max´s Anstrengungen Chloe das Leben zu retten zusammenhing. Es war ihr erst ganz am Ende klar geworden, doch als sie endlich vor die Entscheidung gestellt worden war, Chloe oder die Stadt zu retten, hatte Max keine Sekunde gezögert. Und Chloe war ihr unendlich dankbar dafür gewesen.
Ihre Entscheidung hatte einige Todesopfer gefordert und der Schaden an der Stadt war in die Millionen gegangen. Aber Chloe hatte überlebt und Max hatte seitdem nie mehr zurückgeblickt. Sie verspürte Schuld, doch keine Reue.
Max wischte die Gedanken beiseite, als ihr Blick auf den verrosteten Truck fiel, den Chloe vor Jahren auf einem Schrottplatz gefunden und repariert hatte. Rachel hatte damals noch gelebt und Max wusste, dass viele Erinnerungen an dem Fahrzeug hingen. Andernfalls hätte sie Chloe längst geraten, sich von der Schrotkarre zu trennen und sich ein richtiges Auto zu besorgen.
Vor dem Vehikel stand mit dem gewohnt verschmitzten Grinsen die schlaksige Besitzerin. Die blauen Haare halb unter einer Kappe verborgen und wie üblich in schmuddelige Jeans und weißes Tanktop gekleidet, warf Chloe die Zigarette zu Boden, die sie beim Warten geraucht hatte und trat sie mit dem Fuß aus. Dann lief sie Max, die gerade die letzten Stufen vom Campus hinunter auf die Straße nahm, ein Stück entgegen und rief in frechem Tonfall: „Jetzt weiß ich wieder wie langsam die Zeit vergeht, wenn man auf die Schulglocke wartet."
„Werden da etwa Erinnerungen wach?", fragte Max kess zurück und Chloe tat so, als ob es sie frösteln würde: „Buahhh, und wie. Ich habe jede Stunde Kunstgeschichte damit verbracht, auf die Uhr zu starren und die Sekunden herunterzuzählen."
„Du meinst, wenn du ausnahmsweise mal da warst."
„Touché", sagte Chloe und öffnete die rechte Tür des rostigen Trucks: „Die Chauffeurin bittet einzusteigen."
„Da kommt ja bereits das Französische daher", lachte Max und leistete der Aufforderung folge.
„Natürlich", antwortete Chloe, schloss die Tür und ging lässig um die Motorhaube ihres Wagens herum. Auf der anderen Seite kletterte sie sich in den Fahrersitz und bemerkte: „Da wo wir hinfahren werden wir´s brauchen."
„Chloe, wir können beide kein einziges Wort Französisch", entgegnete Max: „Mit Englisch werden wir uns schon irgendwie durchschlagen. Und versuch ja nicht irgendwelche Wörter zu gebrauchen, von denen du nicht weißt, was sie bedeuten. Am Ende beleidigst du noch jemanden."
„Um Himmelswillen", rief Chloe und machte einen absichtlich erschrockenen Gesichtsausdruck. Max lacht kurz und sagte dann: „Ich meins ernst. Die Franzosen sind stolze Leute. Vor allem die Pariser. Andere Frage: Hast du die Tickets?"
„Oui", sagte Chloe und Max verdrehte die Augen, während ihre Freundin zwei Zettel hervorzog, die sie wie Heiligtümer in ihrer Jackentasche verwahrt hatte. „Flugtickets sind hier, Koffer sind hinten auf der Ladefläche. Wir sind so bereit wie wir nur sein können, Käpt´n Maximus."
„Und wir haben auch sicherlich nichts vergessen?"
„Nope, und die letzten zehn Mal, die du diese Frage gestellt, haben wir auch schon alles gehabt."
„Ich will nur sichergehen."
„Wenn du Tampons brauchst, kannst du meine haben."
Max boxte Chloe bei der letzten Bemerkung in empörter Belustigung auf den Arm, bevor sie rief: „Okay, wenn wir alles haben, sind wir bereit zum Losfahren. Setz Kurs auf den Flughafen, Steuerfrau Chloe."
„Aye-Aye Käpt´n", antwortete Chloe, salutierte und drehte den Zündschlüssel. Brummend erwachte der Truck zu schrottreifem Leben und knallte zweimal auf, bevor Chloe die Kupplung losließ, das Gaspedal nach unten trat und in die Straße einscherte. Natürlich ohne zu blinken.
„Eigentlich sollte ich zum alten Wells gehen und ihm danken", sagte die Fahrerin nach einer Weile und Max dreht sich überrascht zu ihr hin: „Warum denn das?"
„Immerhin war er es, der dein Auslandssemester bewilligt hat", erklärte Chloe: „Hätte er das nicht getan, würden wir nicht nach Paris fliegen. Andererseits… Vielleicht sollte ich ihm doch nicht danken. Ich muss ja nach einer Woche wieder zurück und dann sehe ich dich ein halbes Jahr lang nicht mehr."
„Vier Monate", korrigierte Max: „Und ich werde dir jeden Tag schreiben."
„So wie letztes Mal?", fragte Chloe und fügte schnell hinzu: „Ich mach nur Witze. Hast du dich eigentlich von Warren und Kate verabschiedet?"
„Für wen hältst du mich eigentlich?", antwortete Max schockiert: „Von Kate heute nach der vierten stunde und von Warren schon gestern."
„Wie geht's dem Tunichtgut eigentlich?", wollte Chloe unverschämt wissen: „Immer noch Blue Balls?"
„Er hat mittlerweile akzeptiert, dass er bei mir nicht ankommt", entgegnetet Max salopp: „Gegen dich hat er keine Chance. Aber ich glaube immer noch, dass er unheimlich gut mit Kate zusammenpassen würde."
„Das hatten wir doch schon", sagte Chloe entnervt: „Religion und Wissenschaft sind entgegengesetzte Kräfte. Das funktioniert nicht."
„Das muss nicht sein", antwortete Max: „Ich glaube, sie würden sich hervorragend ergänzen. Und Kate könnte wirklich einen Mann in ihrem Leben vertragen."
„Einen wahren Mann wie Warren", kommentierte Choe spöttisch und kassierte einen weiteren Boxer auf den Arm.

Keuchend lief Meg die Landstraße entlang, den Kopf gesenkt und ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihren Körper fokussiert. Es musste jetzt gute vier Stunden her sein, dass sie Burlington verlassen hatte und vor guten drei Stunden hatte sie zum letzten Mal Chris Rücken gesehen, bevor er endgültig davongezogen war.
Allerdings schlug sie sich besser als erwartet. Ellie lief immer noch in ihrer Nähe und zwei weitere Athleten rannten zwischen ihr und Chris, der die Spitze darstellte. Alle anderen waren weit zurückgefallen. Als Meg das letzte Mal über die Schulter geblickt hatte, hatte sie nur zwei andere Läufer gesehen, die beide mehrere hundert Meter entfernt gewesen waren.
Sie schlug sich wirklich gut, aber ihre Kraft näherte sich dem Ende. In Sachen Ausdauer war sie zwar immer gut, aber niemals exzellent gewesen. Megs Spezialgebiet war schon immer beim Sprint gelegen und nach vier Stunden durchgehendem Laufen hatte jede Faser in ihrem Körper schmerzhaft zu protestieren begonnen. Jeder Atemzug brachte einen qualvollen Stich mit sich und von der Lockerheit, die sie zu Beginn des Marathons verspürt hatte, fehlte nun jede Spur. Sie hoffte inständig, dass sie das Ziel bald erreichen würde.
Kurz hob die Athletin den Kopf und lugte unter ihrer Schildkappe hervor, auf der Suche nach Landschaftsmerkmalen, an denen sie sich orientieren konnte. Überrascht stellte sie fest, dass in der Ferne bereits die Dächer von Weeks aufgetaucht waren und die Entdeckung verlieh ihr neue Kraft. Es war nicht mehr weit. Zwar brannte die Sonne gnadenlos auf ihrer Haut und ihr gesamter Körper war von Schweiß bedeckt, doch in Kürze würde sie das Ziel erreicht haben. Sie würde es geschafft haben, ohne auch nur einmal das Tempo zu drosseln und was noch wichtiger war, sie würde den Lauf als eine der Ersten beendet haben.
Ellie war ihr mittlerweile etwas weiter voraus, knappe hundert Meter, doch dafür war ein anderer Läufer hinter sie zurückgefallen und lief nun Gefahr, auch von Meg überholt zu werden. Warum sollte sie es nicht versuchen, dachte Meg und pumpte den letzten Rest an Energie, den sie durch pure Willenskraft zusammenkratzen konnte, in ihre brennenden Oberschenkel. In regelmäßigen Intervallen spannten sich ihre Muskeln und abwechselnd trafen ihre Beine auf den staubigen Boden, mit jedem Schritt näher zu ihrem Vordermann aufschließend.
Es dauerte etwa fünf Minuten, dann hatte sie ihn eingeholt. Kopf an Kopf liefen sie nebeneinander her und Meg war sich sicher, dass er sie bemerkt hatte. Allerdings war es dem jungen Mann, der offenbar ebenfalls am Ende seiner Kräfte war, völlig egal. Schwer keuchend schleppte er sich vorwärts und bei einem schnellen Seitenblick bemerkte Meg, dass seine Gliedmaßen nicht mehr im optimalen Rhythmus zueinander schwangen.
Ihre Beine brannten wie die Hölle, doch Meg rannte weiter. Wenig später passierte sie bereits das erste Haus von Weeks und bog kurz darauf in eine der vier Hauptstraßen ein. Am unteren Ende der Geraden erkannte sie ein großes Banner, das quer über die Straße gespannt worden war und in großen Lettern das Wort „Ziel" verkündete.
Fast wäre sie vor Erleichterung in euphorisches Gelächter ausgebrochen, doch der Marathon war erst zu Ende, wenn sie die Ziellinie passiert hatte und bis es so weit war, konnte sie sich keine andere Aktivität erlauben, die sie vielleicht aus ihrem Laufrhythmus gerissen hätte. Sobald sie stehen blieb, würde sie nicht mehr weiterlaufen, sie würde ganz einfach den Willen nicht mehr aufbringen können. Die letzten Meter waren eine reine Kopfsache, das wusste Meg und sie wusste auch, dass ausnahmslose Konzentration die beste und einzige Methode war, die eigene Psyche zu besiegen.
Schwungvoll rannte sie über die Ziellinie und bremste langsam ab. Endlich erlaubte sie ihren Beinen, vor Erschöpfung nachzugeben, sodass sie kraftlos zu Boden fiel. Schwer keuchend blieb sie liegen, ihren schmerzenden Leib auf den Rücken gedreht und die Sonne mitten im Gesicht. Mit geschlossenen Augen stieß Meg eine Faust in die Luft.
„YES!"
„Gratuliere", keuchte jemand über ihr und als sie die Augen öffnete, erkannte Meg Ellie, der ein euphorisches Grinsen auf den Lippen lag. Ihr Gesicht war vor Anstrengung gerötet, ihr Hemd völlig durchnässt und sie keuchte immer noch in schweren Atemzügen. „Ich dachte schon, du holst mich noch ein."
„Ich dich… einholen… niemals", keuchte Meg und versuchte sich aufzurichten. Ellie streckte ihr hilfsbereit eine Hand entgegen, gerade als Chris neben ihr auftauchte. Zwar keuchte auch er und machte einen erschöpften Eindruck, allerdings war er längst nicht dermaßen ausgelaugt wie Meg und so beeilte sie sich auf die Beine zu kommen.
„Ich bin beeindruckt", sagte Chris: „Nur wenige können mit mir und meiner Schwester mithalten."
Meg hätte am liebsten etwas geantwortet, doch Puls und Seitenstechen erstickten all ihre Bemühungen im Keim. Als Chris erkannte, was los war, lachte er kurz auf und klopfte ihr auf die Schulter. Zum Glück war Meg bereits errötet vor Anstrengung.
„Hey, da drüben kommt Eric", bemerkte Ellie und schaute auf die Zielgerade, wo sich in einiger Entfernung bereits ein weiterer Sportler näherte. Keuchend rannte der blonde, junge Mann über die Ziellinie und ging anschließend erschöpft in die Knie. Chris lachte kurz und nahm einen Schluck Wasser aus einer Plastikflasche, bevor er Meg das Getränk anbot. Dankend nahm sie an und die kühle Flüssigkeit rann wohltuend ihren Hals nach unten.
„Eric", rief Ellie und winkte: „Hier drüben"
Der Junge sah auf und sobald er nach einem kurzen Moment seine Kollegen entdeckte hatte, erhob er sich und stolperte auf die kleine Gruppe zu. Ellie warf ihm eine Wasserflasche entgegen, die er dankend auffing. Anschließend schüttete er sich den halben Inhalt über den Rücken hinunter und stöhnte: „Diese… verdammte… Hitze…"
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche, während Ellie auf Meg wies und sagte: „Eric, darf ich vorstellen, das ist Meg."
Der Blick des blonden Athleten fiel auf die entkräftete Rothaarige, die müde die Hand hob und verlegen grinste.
„Sie war schneller als du", lachte Ellie und stieß Eric provokant in die Seite: „Und sie hat schon seit Jahren bei keinem Marathon mehr mitgemacht."
„Hi", stammelte Eric und schnappte keuchend nach Luft. Immer noch troff Schweiß von seinem Gesicht. Dann zog er die Augenbrauen nach oben und fragte: „Kenne ich… dich nicht… irgendwo her?"
„Sie wohnt hier in Weeks", kommentierte Ellie: „Genau wie du. Wahrscheinlich seid ihr euch schon mal über den Weg gelaufen."
Eric grübelte kurz, doch dann ging ihm scheinbar ein Licht auf und neugierig wollte er wissen: „Du bist doch die, die vor zwei Jahren die Coldwind Farm gekauft hat, oder nicht?"
Meg war etwas überrascht und nickte vorsichtig. Sie hatte gehofft unter all den Leuten nicht als die Verrückte von der Coldwind Farm bemerkt zu werden, doch glücklicherweise fielen die Reaktionen ganz anders aus, als erwartet.
„Dir gehört die Coldwind Farm?", fragte Ellie staunend und machte große Augen: „Wirklich?"
„Ich bin die eingetragene Besitzerin", antwortete Meg und die Latina lachte: „Wie abgefahren ist das denn bitte?"
„Ist auch einiges an Arbeit", murmelte Meg verlegen und war erleichtert, dass ihre Identität so positiv aufgenommen wurde. Wahrscheinlich waren die Jungen ganz einfach aufgeschlossener als die Alten. Eric trank einen weiteren Schluck aus seiner Flasche, bevor er kommentierte: „Da draußen habt ihr sicher eine Menge Platz. Hey, Ellie, wäre das nicht der ideale Ort um die Party zu schmeißen?"
„Welche Party?", wollte Meg wissen, wurde jedoch komplett überhört, als Ellie rief: „Die Party! Die habe ich ja ganz vergessen! Im Büro hatten wir ja nicht genug Platz für all die Zusagen." Sie wandte sich an Meg und setzte eine bettelnde Miene auf: „Meg, hör zu. Als gebührenden Abschluss für den Marathon wollten wir eine Feier organisieren, aber die Stadt hat uns keinen Raum geben können und in unserem Büro haben wir auch keinen Platz. Wir haben bei verschiedenen Farmen nachgefragt, aber niemand wollte uns auf sein Land lassen."
„Verklemmte Hinterwäldler allesamt", kommentierte Eric beiläufig und Chris lachte in sich hinein.
„Jedenfalls", setzte Ellie fort und belagerte die etwas überforderte Meg: „wussten wir damals noch nicht, dass du selbst eine ganze Menge Land besitzt. Für Getränke, Musik und so weiter können wir sorgen, kein Problem. Wir brauchen nur einen Ort and dem wir niemanden stören."
„Ich…", stammelte Meg: „Warte mal…"
„Das wäre so cool", sprach Ellie weiter: „Bitte, Meg, du bist unsere letzte Hoffnung."
Mit halb geöffnetem Mund suchte Meg nach Ausflüchten und wollte bereits etwas erwidern, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. Überrascht drehte sie sich um.
„Du bist wirklich toll gelaufen", sagte eine ältere Dame in weißem Kleid und mit schwarzen, zurückgebundenen Haar. Auf ihrer Nase trug sie eine schwarze Sonnenbrille, von der Meg wusste, dass sie ein orange leuchtendes Auge verbergen sollte.
„Sa…", setzte sie bereits ein, brach dann jedoch ab und erinnerte sich an die vereinbarte Geschichte: „Mutter? Was machst du denn hier? Du solltest doch im Haus bleiben." Dabei warf sie der Krankenschwester einen Blick zu, der in etwa bedeuten sollte: Spinnst du?
„Ich wollte dich laufen sehen", antwortete Sally und setzte ein unschuldiges Lächeln auf.
„Was, wenn der Doktor dich hier entdeckt?", fragte Meg und wies unmerklich auf die umstehenden Leute.
„Hör mir doch mit dem Doktor auf", entgegnete Sally: „Ein einziges Mal wir er mir schon verzeihen."
Dann wandte sie sich den anderen Athleten zu, die bisher etwas verlegen danebengestanden hatten. „Wie ich sehe hast du endlich Bekanntschaften gemacht. Ihr müsst wissen, sie kümmert sich so fürsorglich um mich, dass sie sich darüber selbst ganz vergisst."
Meg sah betreten zu Boden und hätte Sally am liebsten den Hals umgedreht, als sie das Theater hörte, das die Krankenschwester da aufführte.
„Aber ich wollte eure Unterhaltung nicht unterbrechen", sprach Sally weiter und Ellie setzte sofort nach: „Nein, das haben sie überhaupt nicht. Es ist eine Ehre, sie zu treffen, Frau Thomas. Mein Name ist Ellie, das sind Chris und Eric."
„Nennen sie mich Sally", sagte die Krankenschwester.
„Ich war gerade dabei ihre Tochter zu fragen, ob wir bei ihnen auf der Coldwind Farm eine Feier veranstalten dürften.", sagte Ellie: „Wir wollten dem Marathon einen angemessenen Ausklang anhängen, konnten allerdings für heute Abend keinen Standort organisieren."
„Ich wollte ihnen gerade sagen, dass…", setzte Meg an, doch Sally kam ihr zuvor: „Das klingt nach einer wunderbaren Idee. Wir haben genug Platz vor und im Haus."
„Wirklich?", freute sich Ellie: „Das ist ja großartig. Eric, sag Nina und Tobi Bescheid. Sie sollen alle wieder zusammentrommeln, wir haben eine Location. Vielen, vielen Dank, Frau Thomas, ehrlich."
„Bitte, nenn mich Sally."
Meg unterbrach das Gespräch mit einem entschiedenen Räuspern und sagte dann: „Mutter, könnte ich dich kurz sprechen?"
Die beiden gingen etwas zur Seite und als Meg sicher war, dass sie sich außer Hörweite befanden, fragte sie mit gedämpfter Stimme: „Sally, was zur Hölle?"
„Ich wollte dich laufen sehen."
„Nicht das", rief Meg energisch: „Du hast gerade einen ganzen Haufen Teenager auf die Farm eingeladen. Wir wollten den Leuten doch aus dem Weg gehen. Wir haben Max und Anna auf der Farm, verdammt noch mal."
„Meg, du bist jetzt bald seit zwei Jahren mit uns drei allein", antwortete Sally ruhig: „Ich weiß deine Fürsorge zu schätzen, aber ich glaube, dass es langsam an der Zeit ist, dass du dich wieder etwas unter die Leute begibst. Und mach dir keine Sorgen um Max oder Anna, ich sag ihnen sie sollen eine Nacht lang in den Wald gehen, oder so. Anna wollte Max schon immer mal mit auf die Jagd nehmen."
Meg war nicht überzeugt.
„Du wirst Spaß haben", fuhr Sally fort: „Das hast du dir verdient."
De Athletin drehte den Blick zur Seite, hinüber zu Chris, Eric und Ellie. Ersterer schaute beiläufig in ihre Richtung und eilig wandte Meg sich wieder ab. „Ich will nur nicht, dass wir auffliegen und alles den Bach runtergeht."
„Das wird es nicht", entgegnete die Krankenschwester bestimmt: „Überleg doch mal. Der Marathon war doch auch eine gute Idee, oder nicht? Man sieht dir doch an, dass es dir gefehlt hat."
Megs Miene hellte sich ein wenig auf und sie antwortete: „Da hast du recht."
Dann schüttelte sie den Kopf und rief: „Aber wir brauchen keine Party auf der Farm."
„Vertraust du mir?"
„Was?"
„Ob du mir vertraust?"
Meg suchte kurz nach Worten, bevor sie stammelte: „Ja, natürlich… ich… aber wir sollten…"
„Dann ist doch alles erledigt", sagte Sally und nickte: „Du wirst Spaß haben, du wirst schon sehen. Vertrau mir."
Meg seufzte, richtete ihren Blick kopfschüttelnd zu Boden und rückte anschließend ihre Schildkappe zurecht. Für einen kurzen Moment schwieg sie. Dann sah sie wieder auf und murmelte: „Na gut. Ich hoffe, du weißt, was du tust."
Sally erwiderte nichts, doch ein Lächeln stahl sich über ihre Lippen. Sie wandte sich bereits wieder den anderen zu, doch Meg wollte ihr noch etwas sagen.
„Sally?"
„Hm?"
„Ich bin froh, dass du gekommen bist."

„Hast du auch ja alle Sturmgewehre, Handgranaten und Messer aus deinem Koffer genommen?", fragte Nea und warf Claudette einen ernsten Blick zu: „Ich höre, die verstehen da gar keinen Spaß."
Die Kanadierin senkte verzweifelt seufzend den Blick, während sie auf die Sicherheitskontrolle am Flughafen zumarschierte und einen großen Rollkoffer hinter sich herzog. Neben ihr ging Dwight, der ihr Handgepäck, bei dem es sich um einen rosaroten Rucksack handelte, auf dem Rücken trug und seine linke Hand fest mit ihrer Rechten verschränkt hatte.
„Ach, komm schon, das war witzig", heulte Nea, woraufhin Dwight ihr einen abschätzigen Blick zuwarf. Die Schwedin zog die Augenbrauen nach oben und schaute fragend über die Schulter zu Philip, in der Hoffnung wenigstens von ihm einen Lacher zu erhalten.
„Ich bin hier", flüsterte eine Stimme zu ihrer Linken, was ihr einen kleinen Schrecken einjagte.
„Ich dachte, du wärst hinter uns", keuchte Nea und schaute sich um. Trotz all der Menschen, die sich am Flughafen zu einer zähen Masse vereinten, gelang es Philip ungesehen und ungehört durch die Menge zu schleichen. Seine Schritte waren aufgrund des Lärms nicht zu hören und der schwache Glimmer, der seine Silhouette umschloss, war kaum zu sehen.
„Da sind wir", stellte Claudette fest und blieb zögerlich stehen. Dwight machte ebenfalls halt und überreichte ihr den Rucksack, den er für sie ans Terminal getragen hatte. Claudette schaute die rosafarbene Tasche einen Moment lang an, stellte sie dann neben ihren Koffer und fiel Dwight anschließend um den Hals. Fast wäre er hintenüber gestolpert und hingefallen, doch zum Glück war die Kanadierin ein gutes Stück kleiner als er, sodass ihr Schwung ihn nur schwer aus dem Gleichgewicht zu bringen vermochte.
„Ich werde dich vermissen", flüsterte Claudette.
„Ich dich auch", kam die Antwort.
„Ich ruf dich an, sobald ich drüben bin."
„Ich werde warten."
Auf Zehenspitzen gestellt, versank Claudette in einem innigen Kuss und die beiden übermittelten all jene Dinge, die mit Worten nicht ausgedrückt werden konnten. Dann, nach einem viel zu kurzen Moment, lösten sie sich wieder voneinander und die Kanadierin ging hinüber zum Sicherheitscheck. Ihr Gepäck war von Nea bereits auf das Förderband des Röntgenapparats gehievt worden und im Vorbeigehen rief die Schwedin: „Grüß den Eiffelturm von mir."
„Auf jeden Fall", lachte Claudette und bewegte sich anschließend schüchtern durch den großen Metalldetektor, stets unter dem grimmigen Blick eines muskulösen Beamten, der beinahe aus seinem Hemd zu platzen schien. Mit einem gelangweilten Nicken winkte er sie durch und auf der anderen Seite nahm sie Koffer und Rucksack, bei denen offensichtlich alles in Ordnung war, wieder entgegen. Claudette schaute noch einmal über die Schulter, winkte Nea zu, blies Dwight einen Kuss entgegen und verschwand schlussendlich aus dessen Blickfeld. Seufzend schaute Dwight zu Boden und Nea versuchte umgehend, ihn aufzumuntern
„Jetzt komm, du siehst sie ja in ein paar Monaten wieder", sagte die Schwedin und stieß Dwight mit dem Ellbogen in die Seite: „Und Angst zu haben, dass sie sich einen scharfen Franzosen anlacht, brauchst du auch nicht zu haben. Claudette ist der ehrlichste Mensch, den ich kenne."
Dwight spürte Philips Hand auf seiner Schulter, was unendlich viel besser wirkte als Neas unbeholfene Aufmunterungsversuche.
„Irgendwie kommt es mir vor, als hätte ich sie gerade zum letzten Mal gesehen", seufzte Dwight: „In Europa hat es erst letzte Woche wieder einen Anschlag gegeben."
„Jetzt werde nicht gleich paranoid", entgegnete Nea: „Du hast doch sicherlich gehört, dass sie diese Spezialeinheit da gegründet haben. Wie hieß die noch gleich?"
„Team Rainbow"
„Genau. Und außerdem ist es ja nicht so, dass Europa zum rechtsfreien Raum geworden ist", Nea nickte leicht mit dem Kopf: „Mit unseren Waffengesetzen ist es drüben wahrscheinlich sicherer, als hier in den Staaten. Claudette ist ein schlaues Mädchen, der passiert schon nichts."
„Du hast wohl recht", sagte Dwight, als er spürte, wie sich Philips Griff auf seiner Schulter leicht verstärkte. Trotzdem konnte er sich seiner Sorgen nicht vollends entledigen.