Undercover

„Dafür, dass sie in Frankreich so gutes Essen haben", kommentierte Tachanka: „verköstigen sie ihre Soldaten wirklich abscheulich."
Fuze, der sich gerade sein Frühstück auf ein Tablett lud, antwortet in gemurmeltem Russisch: „Du weißt doch: Je schlechter das Essen, umso besser die Armee."
„Ich wusste immer schon, dass wir die beste Armee haben", lachte Tachanka: „Aber die Franzosen scheinen auch nicht schlecht zu sein."
„Nicht so gut wie die Engländer", kommentiere Fuze und nahm anschließend sein Tablett auf. Tachanka nickte und sagte dann nachdenklich: „Wir sind weit herumgekommen, wir zwei."
„Seitdem wir in Team Rainbow sind", bestätigte Fuze und trat den Weg in den Speisesaal an: „Aber ich kann mich nicht beklagen. Schließlich bin ich früher nur in irgendwelchen Kasernen in Sibirien herumgesessen. Jetzt geht's für uns alle paar Monate auf einen anderen Stützpunkt."
„Ich glaube, dieses Mal werden wir etwas länger hierbleiben", schmunzelte Tachanka: „Diese Basis liegt im Zentrum Westeuropas, wir können überall sofort eingreifen. Außerdem ist sie ideal für Übungsszenarios. Nicht wahr?"
„Hör mir bloß mit der Übung auf.", fluchte Fuze murrend und der alte Spetsnaz lachte laut auf. Gleich darauf betraten die beiden den Speisesaal der Basis, die in Friedenszeiten weit unter Kapazität arbeitete. Der Raum war gerade Mal zu einem Viertel gefüllt. Etwa zwanzig französische Soldaten saßen über den gesamten Saal verstreut an verschiedenen Tischen. Dazu gesellten sich einige Rainbow Operatoren, unter anderem Caveira, die vollkommen allein in einer Ecke saß und den Blick auf ihr Frühstuck gerichtet hielt. Die Brasilianerin war eine Einzelgängerin, eine hervorragende Soldatin und ein verschlossener Mensch.
Schräg auf der anderen Seite erblickte Fuze Dokkaebi und Siu „Ying" Mei Lin, eine Kämpferin aus Hong Kong. Ying und Fuze hatten vor einiger Zeit eine heftigere Auseinandersetzung gehabt, die nur durch das Einschreiten von Eliza „Ash" Cohen gelöst werden konnte. Thema des Streits war Fuzes angebliche Missachtung von zivilen Verlusten gewesen und Six hatte seither stets darauf geachtet, die beiden Operatoren in verschiedenen Teams unterzubringen.
Fuze sah sich selbst als ehrenhaften Mann, mit strengen moralischen Überzeugungen zu denen unter anderem auch gehörte, dass er alles tun würde, um sein Land, seine Kameraden und seine Mitbürger zu verteidigen. Selbst wenn dies zivile Opfer forderte. Ying war offensichtlich etwas anderer Meinung gewesen und seitdem hatte Fuze kaum ein Wort mit ihr gewechselt.
Gerade als sich der Spetsnaz nach links wandte und auf einen freien Tisch zusteuerte, wurde ihm von Tachanka der Weg abgeschnitten. Mit einem leichten Kopfnicken signalisierte der alte Russe, der schon in der Roten Armee ein Veteran gewesen war, an welchen Tisch die beiden sich setzen würden und seufzend drehte sich Fuze wieder um.
Tachanka hatte ja recht. Team Rainbow basierte auf dem Zusammenhalt seiner Operatoren. Ohne Kameradschaft konnte es keinen Sieg geben. Etwas widerwillig ließ sich Fuze auf die Bank gegenüber von Dokkaebi fallen, während sich Tachanka weit fröhlicher vor Ying platzierte.
„Guten Morgen, die Damen", grüßte der alte Soldat und die beiden Asiatinnen sahen überrascht auf. Sie hatten wohl nicht erwartet, dass sich die Russen zu ihnen setzen würden. Ying nickte gastfreundlich und antwortete: „Auch dir einen guten Morgen, Alexandr."
Sie schaute hinüber zu Fuze.
„Shuhrat"
Fuze nickte ihr zu, sagte jedoch kein Wort. Dokkaebi hatte den Blick derweil auf ihr Essen gesenkt, während sich Ying wieder an Tachanka wandte: „Ich habe gerade gehört, dass du gestern bei der Übung ordentlich ausgeteilt hast. Cowden hat dir das Kommando übertragen?"
„Richtig", lachte Tachanka und warf einen kurzen Blick auf Dokkaebi: „Und wie ich sehe hast du die Informationen aus erster Hand. Aber es war eine knappe Angelegenheit und wir hatten Glück bei der Verteidigung."
„Ich hab´s gehört", antwortete Ying: „War es wirklich so ein Desaster wie Grace behauptet?"
„Ach was", winkte Tachanka ab: „Sie und Shuhrat wurden von Taina überrumpelt. Man hätte es besser machen können, aber darin liegt noch lange keine Schande. Taina ist schließlich die Beste der Welt in dem was sie tut."
Ying schaute über Tachankas Schulter hinüber zu der brasilianischen Operatorin, die sich nichts anderem als ihrem Frühstück widmete und ihrer Umgebung offenbar keine Aufmerksamkeit schenkte. Ying wusste, dass dem nicht so war. Caveira war als Straßenkind in den Slums von Rio de Janeiro aufgewachsen und vor allem für junge Mädchen waren die Armenviertel der Stadt mehr als nur ein raues Pflaster. Entweder wurde man verschlungen oder man entwickelte ein paranoides Misstrauen gegenüber allem und jedem. Bei Caveira war letzteres der Fall gewesen.
„Du hast recht", antwortete Ying und richtete ihren Blick wieder auf Dokkaebi: „Mach dir nichts draus, wenn du dir bei Team Rainbow eine blutige Nase holst. Wir sind die Besten der Besten und du bist hier, weil du auch dazugehörst."
Fuze zog die Augenbrauen nach oben, sagte jedoch nichts. Den Blick hielt er weiterhin auf sein Frühstück gesenkt, während Ying weitersprach: „Wie sich herausstellt, kann Caveira selbst erfahrenere Operatoren austricksen."
Bevor die offensichtlich auf Fuze abzielende Bemerkung einen Streit entfachen konnte, sprang Tachanka schnell dazwischen und wechselte das Thema: „Übrigens: Wie war Hong Kong, Siu? Nach all der Zeit im aktiven Dienst wieder in die Heimat zu dürfen muss herrlich gewesen sein."
„Ehrlich gesagt", schüttelte Ying den Kopf: „Es war… grauenhaft. Nein war es nicht, aber… Nicht, dass mich meine Familie nicht herzlichst empfangen hätte. Aber sie waren stets so besorgt, vor allem meine Mutter. Und irgendwie zog es mich die ganze Zeit zurück ins Feld. Ich weiß auch nicht… Der Gedanke daran, dass etwas passieren könnte, während ich im Urlaub bin, ließ mir keine Ruhe."
„Besorgt, dass wir ohne dich nicht auf die Welt aufpassen könnten?", lachte Tachanka: „Aber ich weiß, was du meinst. Dieser Job frisst einen voll und ganz auf und wenn man Nachhause geht, sei es auch nur für ein paar Tage, dann kommt es einem so vor, als würde man sein Team im Stich lassen."
Ying nickte.
„Ich gebe dir den gleichen Rat wie Monika letzte Woche", fuhr Tachanka fort: „Erinnere dich daran, wer du bist. Du bist mehr als eine Soldatin, ein Werkzeug des Krieges. Natürlich hast du Pflichten uns gegenüber und ich bin froh, dass du diese so ernst nimmst. Aber dennoch darfst du dich selbst nicht vernachlässigen. Auch wenn wir unser ganzes Leben in Uniform verbringen, sind wir am Ende immer noch Menschen."
„Weise Worte", fügte Fuze hinzu, doch Dokkaebi erwiderte: „In Korea haben sie uns immer eingeschärft, dass wir uns ganz und gar auf unser Leben als Soldaten konzentrieren müssen. Alles andere kommt an zweiter Stelle."
„Und wer hat dir das gesagt?", fragte Tachanka herausfordern: „Die Verteidigungsminister und Generäle, die niemals selbst in den Kampf gezogen sind? Die sehen dich als Werkzeug, nicht als Mensch, Grace. Wir machen diesen Job aus Überzeugung, nicht weil wir irgendwelchen Amtsinhabern dienen wollen. Zumindest ist es bei mir so. Du bist bereit dein Leben für andere zu geben, Grace, also genieße deine Zeit, bevor du das vielleicht irgendwann tun musst."
„Das hört sich ja schon richtig nach Anstiftung zur Befehlsverweigerung an", kommentierte Ying einigermaßen belustigt, doch Tachanka schüttelte den Kopf: „Ich gebe nur die Erfahrungen eines alten Soldaten an seine zukünftige Nachfolgerin weiter."
Fuze wollte bereits etwas hinzufügen, als die Tür zum Speisesaal aufgestoßen wurde und Thatcher einmarschierte. Er war in volle Kampfausrüstung gekleidet und nachdem er sich kurz umgesehen hatte, marschierte er auf Caveira zu. „Taina! In fünfzehn Minuten brauch ich dich einsatzbereit am Helipad!"
Die Brasilianerin stand sofort auf und verließ eilig den Speisesaal, ihr halb gegessenes Frühstück auf dem Tisch zurücklassen.
„Was ist passiert?", rief Tachanka und war bereits im Aufstehen begriffen, doch Thatcher winkte in wieder nach unten.
„Kein Anschlag. Capitao hat aus Brasilien Bescheid gegeben. Offenbar hat BOPE eine Basis der White Masks aufgespürt. Six hat ein Team zusammengestellt, das sich die Situation anschauen soll."
Sofort erhoben sich alle vier Operatoren am Tisch, doch Thatcher schüttelte den Kopf: „Ihr bleibt hier in Bereitschaft. Ich weiß noch nichts Genaues, aber ich glaube unsere Ruhepause ist vorbei. Irgendetwas scheint sich zusammenzubrauen. Alle inaktiven Operatoren wurden alarmiert und in den aktiven Dienst zurückgerufen."
Mit diesen Worten drehte sich der Brite um und folgte Caveira aus dem Speisesaal. Fuze, Tachanka und Dokkaebi setzten sich wieder hin, während Ying noch einen Augenblick stehen blieb. Dann drehte sie ihren Kopf zu der jungen Koreanerin und sagte: „Wie es scheint, bin ich gerade im rechten Moment aus dem Urlaub zurückgekommen."

„Endlich wieder festen Boden unter den Füßen", keuchte Chloe, als sie die steile Metalltreppe nach unten stieg und auf den harten Asphalt am Charles de Gaulle Flughafen in Paris sprang. Max folgte ihr weitaus entspannter und antwortete: „Vergiss nicht, du musst auch wieder zurück."
„Ich weiß", entgegnete Chloe: „Fuck!"
„Du bist ein Angsthase", stichelte Max und folgte einem Touristenpaar, das bereits den Weg zu den Terminals eingeschlagen hatte. Chloe warf einen letzten Blick zurück auf das Flugzeug, bevor sie zu Max aufschloss und sagte: „Wenn ich gewusst hätte, wie sich das anfühlt, wäre ich niemals geflogen."
„Das ist nicht wahr", entgegnete Max und schaute Chloe argwöhnisch an.
„Stimmt, aber ich hätte es mir vermutlich länger überlegt", murmelte das blauhaarige Mädchen: „Ich verstehe nicht, wie du so ruhig bleiben kannst."
„Glaub mir, ich habe das erste Mal auch ein bisschen Flugangst gehabt", sagte Max: „Aber beim zweiten Mal geht's schon viel leichter. Und wenn nicht, dann musst du dir halt jemand anderen suchen, dem du beim Start die Hand zu Matsch drücken kannst."
„Sehr witzig", rief Chloe beleidigt: „Also, irgendeine Idee wo wir hinmüssen?"
„Zur Passportkontrolle", antwortete Max: „Und dann unsere Koffer abholen."
„Verdammt, echt? Ich glaube, ich habe meinen Ausweis jetzt im Koffer gelassen."
„Aber nicht wirklich…", murmelte Max mit hochgezogenen Augenbrauen, während Chloe ihre Jacken- und Hosentaschen abtastete: „fuck… warte… Ah, nein, hier ist er."
Grinsend zog sie das Dokument hervor, auf dem sie noch mit braunen Haaren abgebildet war. „Ich hoffe, die erkennen mich überhaupt."
„Schönheit lässt sich auch mit blauen Haaren nicht verstecken."
„Danke", antwortete Chloe, runzelte dann jedoch die Stirn: „Warte, war das jetzt ein Kompliment?"
„Das musst du entscheiden", erwiderte Max schelmisch und zog die Tür zum riesigen Hauptgebäude des Flughafens auf. Zu ihrer Rechten konnte sie bereits ein mit Koffern beladenes Fahrzeug vorbeifahren sehen. Hoffentlich würden sie nicht lange auf ihr eigenes Gepäck warten müssen, dachte sie und betrat den zentralen Gebäudekomplex.
„Max!", rief Chloe und die Gerufene drehte sich alarmiert um. Ihre Freundin stand immer noch auf dem Rollfeld vor der Tür und starrte entgeistert auf die Türschwelle.
„Was ist los?", fragte Max. Chloe schaute sie kurz an und antwortete euphorisch: „Wir sind in Paris!"
„Ich weiß", sagte Max, doch Chloe schien sich erst in diesem Moment darüber klar geworden zu sein, an welchem Punkt auf der Erdoberfläche sie sich gerade befand. Das breiteste Grinsen, das Max je gesehen hatte, legte sich über das Gesicht des blauhaarigen Mädchens und Max konnte sich ihrerseits eines Lächelns nicht erwehren. Chloes Freude war einfach zu ansteckend.
„Das ist so sick", rief sie und sprang über die Türschwelle: „Dass wir jetzt wirklich hier sind. Weißt du noch, das Glas in unserer Küche? Das mit dem Geld?"
„Wie könnte ich das vergessen?"
„Ich wünschte, wir hätten Mom mitnehmen können."
„Dafür hättet ihr wohl noch ein weiteres Jahrzehnt sparen müssen", lachte Max: „Auch mit David als Mitverdiener. Hättest du ihn eigentlich auf dieser Reise geduldet?"
„Vielleicht" überlegte Chloe und winkte ab: „Aber nur weil er Mom glücklich gemacht hätte."
„Es freut mich, dass ihr in letzter Zeit immer besser miteinander auskommt", bemerkte Max, was ihr einen überraschten Blick einbrachte. „Wir kommen besser miteinander aus?"
„Du hast ihn schon seit zwei Monaten nicht mehr Stiefführer genannt", erklärte Max.
„Stimmt", gab Chloe zu: „Ich schätze, all das, was du mir über ihn erzählt hast, wie er dich gerettet hat und so… kann sein, dass das mein Bild von ihm ein wenig verändert hat." Sie ging nun gemächlich, fast nachdenklich neben Max her. „Außerdem glaube ich, dass ich früher immer die Konfrontation gesucht habe, weil ich… du weißt schon… alleine war."
„Wir sind keine zehn Minuten in Paris und du wirst schon sentimental", lachte Max, wurde dann aber wieder ernst: „Ich verstehe dich, mehr als du glaubst. Im ersten Jahr in Seattle, nachdem ich von dir weggezogen bin, habe ich auch mehr rebelliert als sonst. Aber das habe ich dir ja schon erzählt."
„Als ob du jemals rebelliert hättest."
„Zu deiner Meisterschaft hab ich´s natürlich nie gebracht."
Die beiden erreichten nun die Grenzkontrolle und würden in kurze offiziell französischen Boden betreten. Eilig zückten sie ihre Ausweise und stellten sich in die schnell voranschreitenden Reihen, die auf zwei kleine Wachhäuschen inmitten eines langen Korridors zuführten. Als Max sich dem Kontrollposten näherte, erblickte sie mehrere grimmig dreinblickende Polizisten in voller Kampfmontur, die Körper von kugelsicheren Westen geschützt und die Gesichter hinter schwarzen Sturmhauben verborgen. Auf den Uniformen stand in weißen Lettern GIGN, es handelte sich also um Angehörige der französischen Antiterroreinheit.
„Die scheinen ja richtig Angst zu haben", kommentierte Chloe unverschämt, als ihr Blick auf die Beamten fiel: „Ist etwas passiert?"
„Keine Ahnung", antwortete Max: „Hoffentlich nicht."
Einer der Polizisten bedachte sie mit einem strengen Blick, als sie sich an ihm vorbei an den Schalter bewegte. Die Franzosen hielten allesamt schwarze Maschinenpistolen in den Händen, die sie wohl innerhalb von Sekundbruchteilen auf jedes Ziel anlegen konnten.
„Ausweis", forderte der Grenzbeamte gelangweilt und in starkem französischem Akzent. Max reichte ihm das Dokument, woraufhin er es kurz überflog, anschließend einen Stempel hineindrückte und es ihr anschließend wieder zurückgab. Chloe erging es nicht anders und beiden war unter den strengen Blicken der Polizisten reichlich unwohl zumute. Doch nun hatten sie es geschafft, sie waren in Paris. Fehlten nur noch ihre Koffer.
„Sieh mal", rief Chloe, als sich Max nach der Gepäckausgabe umsah. Eilig wandte sie den Kopf und folgte dem Blick ihrer Freundin aus einem großen Fenster hinaus auf die Hauptstadt Frankreichs. Dort in der Ferne konnte sie die Spitze einer großen Metallkonstruktion erkennen, die sich scharf gegen die aufgehende Sonne abhob.
„Der Eiffelturm", rief Chloe entzückt: „Max, da drüben ist der Eiffelturm."
„Ich seh´s", antwortete Max und freute sich, ihre beste Freundin so glücklich zu sehen. Chloe hatte in ihrem Leben bereits einiges mitgemacht, der Tod ihres Vaters, der Umzug von Max, der Rauswurf aus Blackwell und die Entführung und Ermordung von Rachel hatten ihr einen schweren Schlag nach dem anderen versetzt. Hoffentlich waren diese Zeiten nun endgültig vorbei. Beinahe wünschte sich Max, dass Joyce hier wäre. Es hätte ihr so gutgetan, ihre Tochter in diesem Zustand zu sehen.
Aber das konnte sie ja!
Eilig kramte Max in ihrer Tasche, die sie als Handgepäck im Flieger dabeigehabt hatte und fand nach einem Moment den gesuchten Gegenstand. Mit einer flinken Handbewegung zog sie ihre gute alte Polaroidkamera hervor, zielte mit der gewohnten Präzision und drückte wenig später auf den Auslöser. Als Chloe den Blitz bemerkte, drehte sie sich überrascht um, doch das Foto war bereits geschossen. Max zog das Bild aus der Kamera und wedelte es ein paar Mal durch die Luft, bevor sie einen Blick darauf warf.
Chloe stand rechts im Bild, die Hände begeistert gegen die Scheibe gelegt und den Blick über die Stadt auf die Spitze des Eiffelturms gerichtet. Die aufgehende Sonne warf orange Strahlen durch den leicht nebelverhangenen Morgen über der französischen Hauptstadt, was dem Foto einen Hauch an Mystik verlieh.
„Hast du mich gut erwischt?", fragte Chloe und kam geschwind zu Max herüber. Als sie sich das Foto anschaute, stieß sie eine Hand in die Luft und sagte: „Maxter top am Start, wie immer. Im Verlauf der Woche wirst du noch einige Fotos zu schießen haben, das sage ich dir."
Ohne zu fragen riss sie Max die Kamera aus der Hand.
„Aber glaub ja nicht, dass du dich aus der Schusslinie halten kannst."
Lachend hob Chloe das Gerät in die Höhe und richtete die Linse auf sich selbst und Max, die nur betreten in die Kamera grinsen konnte. Ein Blitz blendete die beiden Mädchen für einen Moment, bevor sie ein mittelmäßiges Selfie in den Händen hielten.
„Wunderbar", staunte Chloe.
„Durchschnittlich", erwiderte Max und schaute sich anschließend wieder nach der Gepäckausgabe um. Chloe war dabei keine große Hilfe. Ihre Aufmerksamkeit galt Paris, der Stadt ihrer Träume. Endlich gelang es Max dann trotzdem ihren und Chloes Koffer zu finden und gemeinsam machten sich die beiden auf den Weg nach draußen.
Bevor sie sich allerdings in Paris bewegen konnten, brauchten sie Geld, denn mit ihren amerikanischen Banknoten würden sie in der Eurozone nicht weit kommen. An einem der vielen Geldwechselstände tauschte Max mehrere grüne Dollar gegen bunte Euroscheine ein, die von Chloe sofort als Spielgeld bezeichnet wurden.
„Schau dir doch mal die Teile an", lachte sie begeistert: „Sind die in einem Kindergarten gemalt worden, oder was? Gib mal her."
„Ich finde sie schön", entgegnete Max und reichte ihr einen orangen Fünfziger: „Architektur gefällt mir irgendwie besser als die Hakennase von Washington."
„Wie viel ist so einer wert?"
„Etwa sechzig Dollar"
„Die sind mehr wert als unser Geld?", fragte Chloe entgeistert: „Ich dachte Europa wäre in so was wie ner Wirtschaftskrise."
„Ist schon ein paar Jährchen her", erklärte Max: „Außerdem haben sich die USA in letzter Zeit ein paar wirtschaftliche Schnitzer geleistet. Darüber hinaus ist die EU immer noch der größte Wirtschaftsraum der Welt."
„Pfff. Wie auch immer", entgegnete Chloe und gab Max den Fünfziger zurück, die ihn in ihrer Brieftasche verschwinden ließ. Anschließend setzten die beiden ihren Weg fort und verließen wenig später das Flughafengelände. Die Straße vor dem gigantischen Komplex wimmelte nur so von Bussen, Autos und glücklicherweise auch einer ganzen Menge an Taxis, die nur auf Passagiere warteten.
„Wo wollen wir als erstes hin?", fragte Chloe übermutig und Max antwortete beschwichtigend, während sie auf eines der Fahrzeuge zuging: „Als erstes fahren wir in meine WG und laden unser Gepäck ab. Bist du nicht müde von der Reise?"
„Saumüde", entgegnete Chloe: „Aber wir sind in Paris, Baby. Da habe ich keine Zeit, müde zu sein."
„Deine Energie möchte ich haben", murmelte Max und zog die Tür zu einem der Taxis auf. Der Fahrer drehte sich etwas überrascht um, schien sich jedoch über die Kundschaft zu freuen. Mit breitem Grinsen bat der Schwarzafrikaner seine Passagiere herein und stellte eine schnelle Frage auf Französisch.
„Tut mir leid, ich spreche nur Englisch", antwortete Max unsicher, woraufhin der Fahrer die Frage wiederholte.
„Guten Tag. Wo soll´s hingehen?", wollte er mit starkem Akzent wissen. Max gab ihm die Adresse der WG, die sie sich für dieses Semester mit einem anderen Studenten teilen würde und setzte sich auf die Rückbank. Chloe folgte ihr und richtete sich beim Einsteigen an den dunkelhäutigen Fahrer: „Hey, was geht ab?"
Der Franzose schaute kurz in den Rückspiegel und setzte ein belustigtes Grinsen auf.
Ihr seid Amerikaner, oder?", wollte er wissen, während er den Motor anließ und in den Verkehr einscherte. Chloe gab ihm über den Rückspiegel einen Daumen nach oben und rief: „Bingo"
„Ist das so offensichtlich?", fragte Max und der Fahrer antwortete: „Ja. Aber als Taxifahrer erkennt man bald jede Nationalität innerhalb von Sekunden."
„Hey, sind wir Amerikaner wirklich so schlimm wie alle sagen?", fragte Chloe und klammerte sich mit den Händen an den Vordersitz.
„Oh non, Mademoiselle"; antwortete der Franzose: „Die schlimmsten sind die Italiener. Die sind immer so laut und bedanken sich niemals. Ihr Amerikaner seid schon in Ordnung."
„Wirklich?", fragte Chloe und klang beinahe enttäuscht darüber, dass die Touristen der Vereinigten Staaten ihrem Ruf offenbar nicht gerecht wurden.
„Oui", lachte der Fahrer, während Max ob Chloes unverschämter Frage die Augen verdrehte: „Wie lange werdet ihr in Paris bleiben?"
„Eine Woche", antwortete Chloe: „Ich zumindest. Sie wird noch den Rest des Jahres hier bei euch zubringen."
„Ich mache ein Auslandssemester", erklärte Max dem Fahrer, der anerkennend nickte und sagte: „Keine Touristen also. Ihr seid zum Studieren hier, das finde ich sehr gut. Es freut mich immer, wenn sich junge Menschen bilden und gleichzeitig die Welt kennen lernen. Das hilft dem Frieden, wenn ihr mich fragt."
„Dem Frieden? Wie denn das?", wunderte sich Choe.
„Ganz einfach", lachte der Fahrer: „Wie kann man eine Abneigung gegenüber Menschen haben, unter denen man ein halbes Jahr lang gelebt hat? Glauben sie mir, wenn jeder Mensch für ein Jahr völlig allein in einem anderen Land leben müsste, würde es weit weniger Rassismus und Hass auf der Welt geben."
„So einfach ist das nicht", antwortete Max, während Chloe interessiert die Augenbrauen nach oben zog: „Aber ich verstehe ihre Gedankengänge."
„Was studieren sie denn?", wollte der Taxifahrer als nächstes wissen und Max entgegnete: „Fotographie"
„Eine Künstlerin", sagte der Franzose: „Dann sind sie genau in die richtige Stadt gekommen."
Das Gespräch zog sich noch eine Weile hin, während das Taxi immer tiefer ins Zentrum von Paris vordrang. Die morgendliche Rushhour war noch nicht ganz abgeflaut und so kam es immer wieder zu kleineren Verzögerungen. Chloe unterhielt sich angeregt mit dem Mann und fragte ihn aus über all die Sehenswürdigkeiten, aber auch die Lokale und Clubs, die Paris so zu bieten hatte. Der Mann war erfreut all ihre Fragen zu beantworten, bis er sie schließlich am Ziel absetzte. Max drückte ihm ein paar Euroscheine in die Hand, sagte ihm er solle den Rest behalten und drehte sich dann zu Chloe um, die bereits das große Haus betrachtete, das Max für das nächste Semester als Zuhause dienen würde.
„Du hast dir ja eine richtige Luxusbude ausgesucht", spöttelte Chloe. Das Gebäude, von dem sie sprach, gehörte wohl zu den heruntergekommensten Bruchbuden in ganz Paris. Die schmutzigen Wände zeigten kaum noch die Farbe, in der sie einst angestrichen worden waren und die metallene Regenrinne am Hauseck schien jeden Moment aus ihren Halterungen zu brechen. Die Eingangstür machte zwar einen alten, dennoch soliden Eindruck.
Max ging hinüber, zog die Tür auf und marschierte geradewegs auf die Rezeption des baufälligen Studentenwohnheims zu. Begrüßt wurde sie von einer alten Französin mit schneeweisen Haaren, die kaum ein Wort Englisch verstand. Mit Händen und Füßen gab Max zu verstehen, wer sie war und was sie wollte, woraufhin ihr die Frau einen Schlüssel aushändigte und auf ein halb verschimmeltes Treppenhaus zeigte.
„Zweiter Stock, WG Nummer dreiundzwanzig", krächzte das alte Weib. Max bedankte sich und folgte Chloe, die sich bereits auf den Weg in den ersten Stock befand. Aufzug gab es keinen, sie musste ihren Koffer als selbst nach oben schleppen. Erst auf halb Weg kam Cloe ihr zu Hilfe und nahm ihr einen Teil ihrer Last ab.
„Hör zu", sagte Max: „Ich glaube, die Dame unten hat mir gesagt, dass mein Mitbewohner schon da ist. Wir müssen ihn höflich fragen, ob es für ihn in Ordnung geht, dass du für die Woche bei mir im Zimmer schläfst. Wenn nicht, dann musst du dir ein Hotel suchen. Mach bitte kein Theater."
„Mach ich doch nie", beschwerte sich Chloe und hievte den schweren Koffer eigenhändig in den zweiten Stock hinauf. Oben angekommen wandte sie sich zuerst nach links, während Max nach rechts schaute und ihre Zimmertür am Ende des Ganges entdeckte.
„Dort", sagte sie und Chloe drehte sich um. Gemeinsam schritten sie zur Tür, Max zog den Schlüssel hervor und steckte ihn mit einiger Mühe ins Schloss, wo er sich kaum drehen ließ. Einen Augenblick später gelang es ihr trotzdem und mit einem unerträglichen Quietschen schwang die Tür nach innen auf.
Max trat neugierig ein und erkannt mit Freuden, dass die Wohnung selbst nicht unbedingt das Äußere des Hauses widerspiegelte. Zwar handelte es sich noch lange nicht um eine fünf Sterne Suite, aber es war sauber, aufgeräumt und ordentlich. Die Wände waren relativ frisch gestrichen, die Möbel nicht zu alt und der Fußboden frei von Staub und sonstigem Unrat. In der Mitte des Raumes, der offenbar gleichzeitig als Wohnzimmer und Küche diente, befand sich ein runder Tisch und auf einem von vier Stühlen saß eine junge Frau mit dunkler Haut und schwarzen Dreadlocks. Als Max und Chloe eintraten, sah sie überrascht auf und legte ihr Telefon zur Seite.
„Hallo", grüßte Max: „Ich bin deine Mitbewohnerin für dieses Semester. Mein Name ist Max. Das ist Chloe." Chloe hob lässig die Hand und das dunkelhäutige Mädchen stand schüchtern auf.
„Hi", sagte sie: „Ich bin Claudette"

„Capitao"
„Thatcher"
Die beiden Operatoren schüttelten sich die Hände, während der Rest des Teams hinter dem Briten aus dem Transportflugzeug stieg. Der Mann, den Thatcher soeben Capitao genannt hatte, war Vicente Souza, ein hochrangiges Mitglied der brasilianischen Antiterroreinheit BOPE und seit einiger Zeit auch Team Rainbows. Er war ein zuverlässiger und aufrichtiger Mann, ein harter Kämpfer und intelligenter Stratege. Im Gegensatz zur heißblütigen Caveira war Capitao weitaus bedachter, erfahrener und umsichtiger, was allerdings nicht bedeuten sollte, dass es ihm an Initiative fehlte.
„Ihr habt ein Nest der White Masks entdeckt?", fragte Thatcher und kam damit gleich zur Sache. Eine Vorgehensweise, die sowohl er als auch Capitao bevorzugten.
„Genau", bestätigte der Brasilianer: „BOPE hat in letzter Zeit wieder vermehrt auf Undercoveragenten in den Favelas gesetzt und ist dabei auf ein Rekrutierungsprogramm aufmerksam geworden."
„Ein Rekrutierungsprogramm?"
„Die lokalen Kartelle vermitteln offenbar Leute an eine paramilitärische Organisation, die sie Mascara Branca nennt."
„Weiße Maske"
„Exakt. Sie werben damit, dass sie die ungerechte Weltordnung in einem großen Krieg umwerfen und ein neues System aufbauen wollen. In den Favelas finden sie mit so einer Agenda natürlich haufenweise Anhänger. Außerdem verfügen sie über schwere Waffen. Ich spreche von Panzern."
„Panzer?", fragte Thatcher überrascht: „Woher wisst ihr das?"
„Es sind die Posten, für die sie Leute suchen. Panzerfahrer, Scharfschützen, Sturmtruppen… Die brauchen alles Mögliche. Und ich glaube nicht, dass sie nach solchen Leuten suchen würden, wenn sie nicht auch das entsprechende Equipment parat hätten."
„Unwahrscheinlich", bestätigte Thatcher: „Mascara Branca deutet natürlich auf die White Masks hin, aber vergiss nicht, es ist ein Name, den sie von der Presse erhalten haben. Wir wissen nicht, wie sie sich selbst nennen."
„Es ist der Name, unter dem potentielle Rekruten sie kennen", erwiderte Capitao: „Selbst wenn es sich nur um eine Partisanengruppe handeln sollte, die einen Putsch in Bolivien oder sonst einem Staat plant, ist das immer noch ein triftiger Grund für Team Rainbow auszurücken. BOPE kann unsere Unterstützung gut gebrauchen."
„Du hast recht", erwiderte Thatcher: „Ich habe Caveira mitgebracht. Ihre Erfahrung in den Favelas könnte sich als nützlich erweisen."
„Natürlich"
„Außerdem habe ich Blitz, Glaz, Buck und Ela."
„Eine schlagkräftige Truppe", nickte Capitao: „Die White Masks wissen nicht, dass wir kommen. Ich hoffe auf eine schnelle und saubere Operation."
„Diese Sachen sind vielleicht schnell", erwiderte Thatcher: „Aber niemals sauber."
Die beiden verließen das Flugfeld und befanden sich wenig später in einem nur unzureichend klimatisierten Besprechungsraum im Zentrum Rio de Janeiros. Der GSG9 Operator Elias „Blitz" Kötz lehnte an der Wand, direkt neben Ela, die gemütlich, jedoch aufmerksam auf einem Kaugummi herumkaute. In der Mitte des Raumes befand sich ein Tisch, auf den sich Buck abgestützt hatte. Neben ihm stand mit verschränkten Armen Timur „Glaz" Glazkov, der beste Scharfschütze der Spetsnaz, Team Rainbows und wahrscheinlich der ganzen Welt. Beide hatten den Blick auf die Tischplatte gesenkt, wo sich eine Fülle an Gebäudeplänen und Luftbildern befand, allesamt von einem bestimmten Bereich in den Favelas.
„Das ist zweifellos das Hauptquartier", erklärte Capitao und zeigte auf einen großen Komplex: „Von hier aus agieren sie, hier bringen sie ihre Rekruten hin. Das ist unser Ziel."
„Was ist der Plan?", wollte Glaz wissen und schaute zwischen den Bildern und Capitao hin und her. Der alte Brasilianer kratzte sich am Bart und antwortete: „BOPE will heute Nacht die Vordertür eintreten und alles kurz und klein schlagen."
Caveira, die scheinbar teilnahmslos auf einem Sessel in einer Ecke hockte, lacht leise in sich hinein, während Thatcher die Stirn runzelte und sagte: „Hab schon bessere Pläne gehört. Irgendwelche Alternativen?"
„Ich konnte sie davon überzeugen, bis zu eurem Eintreffen nichts zu unternehmen. Sie erwarten von uns, dass wir einen besseren Plan zusammenstellen. Tun wir´s nicht, wird's die übliche Prozedur."
Thatcher schüttelte den Kopf und Glaz murmelte etwas Unverständliches auf Russisch. Ihnen allen war klar, dass dieser Einsatz eine Gelegenheit darstellte. Vielleicht konnten Dokumente, Namen oder Personen sichergestellt werden, die in weiterer Folge Team Rainbow dabei helfen würden, das gesamte Netzwerk der White Masks auszuheben. Unbedachtes Vorgehen gefährdete diese Ziele, konnte wichtigen Personen die Flucht oder den Selbstmord erlauben, ganz zu schweigen von dem Risiko geradewegs in einen Hinterhalt zu laufen.
„Diese Dächer sind zu verwinkelt", murmelte Glaz: „Es wird schwierig werden auf hohe Distanz eine klare Schusslinie zu bekommen. Ich muss nahe ran."
„Die meisten Wände in den Favelas sind dünn und brüchig", bemerkte Buck: „Das könnten wir zu unserem Vorteil nutzen."
„Mir gefällt die BOPE-Idee gar nicht schlecht", meine Ela: „Wenn wir vorher gut aufklären, könnten wir damit einen schnellen Erfolg erzielen."
„Aufklärung kann man hier vergessen", warf Blitz ein: „Die halbe Bevölkerung steckt mit denen unter einer Decke. Es gibt keine fixen Grundrisse, die Gebäude sehen jedes Jahr anders aus."
„Wenn wir nur jemanden im Inneren hätten…", überlegte Thatcher und beinahe gleichzeitig drehten sich alle Köpfe in Richtung Caveira.

„Dieser Jetlag ist brutal", beschwerte sich Chloe und lehnte sich gähnend nach hinten. Sie saß auf einem klapprigen Stuhl vor einem Pariser Café, gegenüber von Max und links von Claudette, die sich für ein Semester die Wohnung mit Chloes bester Freundin teilen würde.
Die Kanadierin war ein stilles Persönchen, sagte nicht viel, hörte jedoch aufmerksam zu. Chloe mochte sie und nicht nur, weil sie heute früh nichts dagegen gehabt hatte, sie für eine Woche in der Wohnung zu akzeptieren. Nachdem sie am Vormittag in der WG angekommen waren, hatte Chloe natürlich darauf gebrannt, zusammen mit Max die Stadt zu besichtigen. Claudette, die ebenfalls erst vor kurzem nach Paris gekommen war, hatte von der Stadt auch noch nichts gesehen, hatte jedoch auch darauf beharrt, dass sie Max und Chloe nicht stören wolle. Erst nach einigem guten Zureden hatten die beiden Claudette überreden können, sie zu belgeiten. Und sie hatte sich als eine unfassbar liebenswürdige Zeitgenossin herausgestellt.
„Du hättest im Flieger schlafen sollen", antwortete Max schulterzuckend und nippte an ihrem Kakao: „Wow, die schmecken in Europa wirklich besser."
„Echt? Gib mal her."
Chloe nahm Max das Getränk aus der Hand und nahm einen Schluck, bevor sie kurz überlegte und dann sagte: „Ein wenig vielleicht."
Sie richtete den Blick auf den Eiffelturm, der wenige hundert Meter entfernt aus dem Boden ragte und den sie gerade erst erklommen hatten. Zum Glück hatte es einen Aufzug gegeben, dachte sie, doch selbst wenn nicht, dann wäre die Aussicht einen Aufstieg zu Fuß allemal wert gewesen.
„Jetzt, wo wir den gesehen haben", fragte Chloe: „Was schauen wir uns als nächstes an?"
„Gott, du bist ja gar nicht zu bremsen", entgegnete Max: „Ich dachte, du wärst müde."
„Ja und? Ich habe nur eine Woche. Die Stadt ist groß." Chloe klopfte mir ihren Händen ein paar Mal auf den Tisch und wandte sich dann Claudette zu: „Was sagst du?"
„Ich?"
„Ja"
„Ich richte mich ganz nach euch", entgegnete die Kanadierin schüchtern
„Glaubst du ein Besuch im Louvre geht sich noch aus?", fragte Chloe und schaute über die Schulter, als würde sie bereits Ausschau nach der hohen Glaspyramide halten. Claudette warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und murmelte: „Vielleicht. Ich kenn die Öffnungszeiten nicht auswendig."
„Den Louvre können wir uns auch für morgen aufheben", sagte Max und stellte ihre nunmehr geleerte Tasse auf den runden Tisch. Die untergehende Sonne schien ihr direkt ins Gesicht.
„Ah, ich verstehe", antwortete Chloe verstohlen: „Genug Kultur für heute. Party ist angesagt."
„Party?", fragte Max mit hochgezogenen Augenbrauen, doch Chloe war schon wieder voll in Fahrt: „Nightlife, baby. Girlsnight. Heute Abend machen wir drei die Clubs der Stadt unsicher. Alles was wir dafür brauchen ist eine Menge Alkohol und…"
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich mein Auslandssemester mit einem Absturz einleiten will", fuhr ihr Max ins Wort.
„Warum nicht?", entgegnete Chloe: „Dann zumindest eine Bar. Nur ein paar kleine Drinks. Vielleicht auch einen scharfen Franzosen. Stimmt´s Claudette?"
„Sorry", murmelte die Kanadierin betreten schmunzelnd: „Ich habe da schon jemanden Zuhause"
„Oho", machte Chloe und stütze sich mit den Ellbogen am Tisch ab: „Du Glückliche. Aber begleiten wirst du uns schon, oder?"
Claudette schaute verunsichert zu Max, die ihren Blick sofort deutete und sich wiederum an Chloe wandte: „Ich glaube, wir beide würden den Tag lieber etwas ruhiger ausklingen lassen."
Chloe schaute einen Moment von Max zu Claudette und wieder zurück, bevor sie sich endlich geschlagen gab und die Hände in die Luft warf. „Na gut. Dann überlasse ich euch das Ruder."
„Warum machen wir´s uns nicht in der Wohnung gemütlich", schlug Max vor: „Kaufen vorher etwas ein und bereiten uns ein schönes Abendessen zu?"
„Das finde ich eine großartige Idee", sagte Claudette: „Aber ich warne euch. Meine Kochkünste sind… überschaubar."
„Keine Sorge", lachte Chloe und warf Max einen vielsagenden Blick zu: „Ich kenne ein paar gute Rezepte von meiner Mutter."

Wachsam bewegte sich Caveira durch die verschnörkelten Gassen der Favelas, schlängelte sich zwischen provisorischen Behausungen hindurch und stieg über unsauber zusammengezimmerte Treppen. Die Sonne senkte sich bereits gegen den Horizont und tauchte die Metropole in ein oranges Licht. Selbst hier konnte man noch den Lärm der reichen Elite hören, die mit ihren noblen Sportwägen durch die Stadt raste oder sich an der Copacabana von einem anstrengenden Tag im Büro erholte.
Die Favelas waren kaum in der Lage die Geräusche der Stadt zu übertönen, verhielten sich allerdings alles andere als still. Das Kreischen weinender Kinder tönte aus den dunklen Hütten, irgendwo fand ein Fußballspiel statt und auf einem baufälligen Balkon stand ein billiges Radio, das durch einen Schleier statischen Rauschens hindurch eine träge Melodie spielte
Caveira war vertraut mit dieser Umgebung, schließlich war sie genau hier aufgewachsen. Sie hatte ihre Kindheit in diesen Dreckslöchern verbracht, hatte jeden Tag darum gekämpft wenigstens eine Mahlzeit in ihren Bauch zu bekommen und hatte gleichzeitig versucht den Kriminellen und Verbrechern nicht in die Quere zu kommen.
Die unbestrittenen Herrscher der Favelas waren die Kartelle, die mit dem Handel von Drogen und Waffen Millionen verdienten. Man möchte doch meinen, dass sie zumindest einen kleinen Teil des Geldes in die Entwicklung jener Stadtviertel steckten, denen sie ihren Reichtum und Einfluss zu verdanken hatte. Aber nichts da. Die Kartelle waren genau so gnadenlos, korrupt, undankbar und gleichgültig wie die westliche Konsumgesellschaft.
Caveira schaute eine schmale Gasse entlang und entdeckte zwei Kinder, die zusammen einen schweren Wassereimer trugen. Das eine war gerade mal fünf Jahre alt.
Kopfschüttelnd ging die Rainbow Operatorin weiter. In schmutzigen Klamotten, ohne die BOPE Abzeichen und ihre Kriegsbemalung unterschied sie sich kaum von den wahren Bewohnern der Favelas.
Caveiras Ziel war jener unübersichtliche Gebäudekomplex, der von BOPE als Hauptquartier der Mascara Branca identifiziert worden war. Sie sollte sich einschleichen, unter falschem Namen als Rekrutin anheuern, Informationen sammeln und bei Gelegenheit wichtige Dokumente sichern. In einigen Tagen würde sie dann ihren Kameraden berichten wie und wo sie am besten zuschlagen sollten, doch für den Moment befand sich Team Rainbow auf Stand-by.
Mit betonter Nervosität erreichte Caveira eine dicke Metalltür, die in ihrer Stärke und Undurchdringlichkeit kaum zu den restlichen Strukturen der Favelas passte. Zweimal hämmerte sie gegen die Tür und wartete dann mit in die Hüfte gestemmten Armen auf eine Antwort. Sie war bereits in die Rolle geschlüpft, die sie wie eine Schauspielerin für die Dauer der Mission annehmen würde. Es war die Rolle einer vierten Tochter, die mehrere Brüder und Schwestern an gewaltsame Übergriffe durch BOPE verloren hatte, deren Familie sie nicht mehr länger ernähren konnte und die nun ihr Schicksal in die Hände jener Männer legen wollte, die versprachen, etwas an der Situation zu ändern: Mascara Branca. Sie würde nicht die einzige sein, die den Anwerbern eine solche Geschichte auftischte. Daher würden sie keinen Verdacht schöpfen.
In der Tür wurde ein kleiner Sehschlitz aufgezogen, hinter dem ein Paar stechender Augen erschien. Kurz musterten sie die Frau, die sich fordernd auf der schmutzigen Straße aufgebaut hatte, bevor eine Stimme in schnellem Portugiesisch fragte: „Was willst du?"
„Rein", antwortete Caveira nervös. Sie hätte einen Haufen schlauere Antworten geben konnten, doch ihre Rolle war die einer jungen Frau, die in ihrem Leben noch keinen Klassenraum von innen gesehen hatte.
„Und wer glaubst du, dass du bist?", wollte die Stimme wissen.
„Raquel Alves", antwortete Taina Pereira: „Ich habe gehört ihr rüstet Kämpfer aus. Ich will kämpfen."
„Du willst kämpfen?", rief die Stimme ungläubig. Der Mann hinter der Tür brach kurz in Gelächter aus und entgegnete dann: „Verrückt bist du, sonst nichts. Geh nach Hause, Mädchen."
„Mauricio hat mich geschickt", erwiderte Caveira ohne sich von der Stelle zu bewegen. Es war der Name eines Kartellbosses, von dem sie wusste, dass er bis heute aktiv war. Allerdings wusste sie nicht, ob die Mascara Branca mit ihm kooperierte. Es war ein Risiko, seinen Namen zu nennen, doch Caveira schreckte nicht zurück.
„Er hat gesagt, ihr würdet Kämpfer suchen. Stimmt das?", fragte sie mit fordernder Stimme und ohne eine Antwort abzuwarten fuhr sie fort: „Ich will kämpfen. Er hat gesagt ich soll zu euch kommen. Lass mich rein."
Die Augen hinter dem Sehschlitz beobachteten sie für einen kurzen Moment. Caveira hielt ihren Blickkontakt aufrecht und setzte eine Miene gespielter Selbstsicherheit auf. Sie wollte den Eindruck erwecken, als wüsste sie nicht wirklich was sie tat, als würde sie in einer Kurzschlussreaktion handeln. Genau diese Menschen waren es, nach denen solche Organisationen fischten und Caveira würde ihnen geben, was sie suchten.
Einen Moment später wurde die Klappe des Sehschlitzes krachend zugeschlagen, doch es dauerte nicht lange, bis Caveira das metallene Klicken des Schlosses hörte. Ihre List hatte funktioniert und bevor sich die Tür öffnete, erlaubte sich die BOPE Agentin ein leichtes Lächeln. Mauricio war ein bekannter Name und niemand wollte ihm in die Quere kommen. Selbst nicht die White Masks, wenn es sich denn wirklich um die Terrororganisation handelte.
Ein dreckiger, nach Alkohol stinkender Mann von etwa vierzig Jahren machte ihr die Tür auf und trat anschließend zur Seite. Sein brennender Blick folgte ihr auf Schritt und Tritt, während sie das stickige Gebäude betrat. Es roch nach Zigaretten, nach Schweiß und nach Schießpulver, die maroden Wände waren aus brüchigen Ziegeln errichtet worden und die einzige Lichtquelle war eine flackernde Glühbirne an der Decke. Caveira befand sich an einem Ort der Gewalt, das wusste sie. Doch es war bei weitem nicht das erste Mal.
„Wer ist dein Boss?", fragte Caveira herausfordern. Der Mann, der ihr soeben die Tür aufgemacht hatte, antwortete nicht, sondern rief einen der Gänge entlang: „Pedro. Komm her."
Einen Moment später erschien ein Junge von etwa siebzehn Jahren mit schwarzen Haaren und der dunklen Haut eines Latinos. Auf dem Kopf trug er eine verdreckte Mütze, seine Füße steckten in löchrigen Schuhen und sein Körper war in eine lange Trainerhose und ein Trikot des FC Barcelona gekleidet. Caveira erkannte sofort, dass sie hier ein Opfer der Favelas vor sich hatte. Es war ein Junge, der keine Zukunft hatte, der auf der Straße aufgewachsen und sein Leben lang als Abschaum behandelt worden war.
„Wo ist deine Waffe?", bellte der Türsteher und fluchte in unverständlichem Portugiesisch: „Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst sie niemals allein lassen. Du bist zu nichts zu gebrauchen."
Der Junge machte ein erschrockenes Gesicht und eilte den Weg zurück, den er eben gekommen war. Wenig später tauchte er mit einer AK-47 in den Händen wieder auf.
„Gut so, du Missgeburt", knurrte der Mann: „Bring das Weib zu Jorge. Mauricio hat sie geschickt."
„Ja, Papa", murmelte der Junge, der wohl Pedro hieß und bedeutete Caveira ihm zu folgen. Als ehemaliges Straßenkind wusste sie natürlich um die Aussichtslosigkeit seiner Lage und Caveira erlebte einen der wenigen Moment ihn ihrem Leben, in dem sie aufrichtiges Mitgefühl verspürte.
Doch sie ließ es sich nicht ansehen. Kalt und abweisen folgte sie dem Jungen durch das labyrinthartige Gebäude, marschierte schmale Gänge entlang und ging an verrauchten Zimmern vorbei. In einem der Räume entdeckte sie einen grob gezimmerten, mit Fesseln versehenen Holzstuhl. Getrocknetes Blut zeugte von den Grausamkeiten, die in diesem Raum begangen worden waren.
„Hier" murmelte der Junge und zeigte auf eine hölzerne Tür. Offenbar wollte er sie nicht weiterführen, weshalb Caveira vermutete, dass Jorge ein unangenehmer Zeitgenosse war. Aber sie würde sich schon mit ihm arrangieren. Mit einem Zischen bedeutete sie dem Jungen, dass er nicht mehr benötigt wurde und pochte anschließend drei Mal gegen die Tür.
„Herein" ertönte eine dumpfe Stimme und sicheren Schrittes trat Caveira in den dahinterliegenden Raum. Es war noch stickiger als im Rest des Gebäudes, der Qualm von Zigarren hing in der Luft und hinter einem breiten Schreibtisch entdeckte Caveira einen dicken Mann. Er war in eine grüne Militärjacke gekleidet, trug einen grauen Schnurrbart und war gerade dabei, sich einige Dokumente durchzulesen, bevor er beiläufig aufblickte.
„Wen haben wir denn hier?", fragte er, als er Caveira in der Tür stehen sah. Ein Lächeln fuhr über seine wulstigen Lippen, während der Blick der Agentin zu den beiden muskelbepackten Bodyguards fuhr, die sich hinter ihm an der Wand aufgebaut hatten.
„Bist du Jorge?", fragte Caveira und der Mann entgegnete: „Für wen hältst du dich, hier so unverschämte Fragen zu stellen?"
„Mein Name ist Raquel Alves", log Caveira: „Ich suche die Mascara Branca."
„Die Mascara Branca", fragte der dicke Mann mit hochgezogenen Augenbrauen: „Warum?"
„Ich will kämpfen", sagte Caveira. Der Kerl, bei dem es sich offenbar tatsächlich um Jorge handelte, stand auf und umrundete seinen Schreibtisch.
„Du willst kämpfen?", wiederholte er langsam und schaute an ihr herab. Sein Blick suchte nach Anzeichen für ihre physische Verfassung und er versuchte offenbar bereits zu entscheiden, ob er sie aufnehmen sollte, oder nicht.
„Ja", antwortete Caveira: „Die Schweine von BOPE haben vor vier Tagen meine halbe Familie umgelegt. Mauricio hat mir gesagt, ihr könnt mir eine Waffe geben und mich gegen dein Feind richten. Könnt ihr das?"
„Das können wir", entgegnete Jorge: „Ein kräftiges Mädchen bist du ja."
Seine Hand landete patschend auf Caveiras Hinterteil, doch sie machte keine Anstalten, ihn davon abzuhalten. Stattdessen schoss sie ihm einen tödlichen Blick zu und zischte: „Finger weg"
Jorge brach in wildes Gelächter aus und strich sich die verschwitzen Haare zurück, während er rief: „Du gehörst mir, Mädchen, ich kann mit dir machen was ich will."
„Noch nicht"
„Oh, ich glaube doch", sagte der dicke Mann selbstsicher: „Schau her, im Moment, in dem du durch diese Tür gekommen bist, bist du zu meinem Eigentum geworden. Wenn ich will, kann ich dich eine Stunde lang durchnehmen, bevor ich dich meinen Männern hinwerfe. Ich glaube du hast dich etwas verschätzt, Namorada."
Caveira wusste genau, dass er versuchte, ihr Angst zu machen. Wenn es die Aufgabe des Mannes war, Rekruten anzuwerben, so wollte er natürlich sicher gehen, dass sie gewissen Standards entsprachen. Trotzdem hatte sie keine Lust auf das Theater und entgegnete unbeeindruckt: „Wenn du eine Hure brauchst, geh in die Favelas. Ich bin sicher, dort findest du genug Schlampen, die dir deinen mickrigen Schwanz lutschen."
Jorge schaute sie entgeistert an und Caveira erwiderte seinen Blick. Herausforderung spiegelte sich in ihren Augen wieder und es dauerte einen Moment, bevor der dicke Mann erneut in Gelächter ausbrach: „Verdammt, Mädchen, du gefällst mir. Hast mehr Eier in der Hose als die Hälfte aller Waschlappen, die sonst so hier auftauchen. Zu schade nur…"
Er lehnte sich an die Vorderseite seines Schreibtisches und langte in seine Jacke.
„Was ist zu schade?", wollte Caveira wissen und Jorge zog gelassen eine Pistole hervor: „Zu schade nur, dass wir keine BOPE Agenten aufnehmen."
Der Lauf der Waffe richtete sich direkt zwischen Caveiras Augen und bevor sie etwas unternehmen konnte, hatte bereits jemand einen dicken Stoffsack über ihren Kopf gestülpt.

Meg stand neben Sally auf der Terrasse vor der Coldwind Farm und schaute die Straße hinab. Die Sonne war bereits im Untergehen begriffen und warmes Licht bedeckte die Landschaft um das Anwesen. Die Kornpflanzen auf den Feldern wiegten sanft im warmen Wind und folgten gelegentlich einer Böe, während hin und wieder ein paar Vögel aus dem nahen Wald aufflogen.
Meg fragte sich, ob Anna die Tiere aufgescheucht hatte, doch sie bezweifelte es. Wahrscheinlich war es Max gewesen, der, tollpatschig wie er nun mal war, durchs Unterholz stolperte und seine Anwesenheit in einem Umkreis von hundert Metern verkündigte. Anna hingegen war eine Jägerin, sie ging leise vor und bewegte sich ungesehen, ungehört.
Sally hatte die beiden vor einer guten Stunde in den Wald geschickt, mit der Anweisung nicht vor Sonnenaufgang zurückzukehren. Sie hatte Max eingeschärft, dass er seine Kettensäge nicht benutzen durfte und Anna, dass sie aufmerksam auf ihn aufpassen sollte.
„Geht auf die Jagd", hatte Sally gesagt: „Zeig Max, wie man mit diesen Äxten umgeht."
Anna war natürlich Feuer und Flamme für die Idee gewesen, hatte sich den Hinterwäldler geschnappt und ihn hinaus in den Wald gezerrt. Sie hatte ihn schon immer mal auf einen ihrer Streifzüge mitnehmen wollen, doch ihre unterschiedlichen Tagesabläufe hatten das bisher verhindert. Max war ganz einfach kein nachtaktives Geschöpf. Heute musste er trotzdem raus.
„Ich hoffe, sie haben dich verstanden", murmelte Meg und hielt ihren Blick auf den Wald gerichtet. Die Schatten der Bäume waren bereits lang und krochen wie gierige Finger auf die Farm zu.
„Natürlich haben sie das", entgegnete Sally gelassen: „Wenn man Anna etwas aufträgt, dann tut sie das auch und zwar so gut sie kann. Oder etwa nicht?"
„Das tut sie", nickte Meg. Anna war wahrhaftig eine der zuverlässigsten Personen, die sie kannte: „Ich hoffe nur, dass alles gut geht und sie niemandem über den Weg laufen."
„Wem denn?"
„Partygästen zum Beispiel, die sich in den Wald verirren, um… du weißt schon."
Sally lachte auf. Die Sorge war vielleicht berechtigt, doch die befürchtete Situation auch sehr komisch.
„Immer mit der Ruhe", mahnte sie: „Es wird schon alles gut gehen. Konzentrier dich darauf, Spaß zu haben. Ich kümmere mich um den Rest."
„Du könntest auch auffliegen, weißt du", entgegnete Meg, doch Sally winkte ab: „Ich bin unentdeckt durch New York gekommen. Das hier ist nicht anders."
„In New York waren nur Menschen, mit denen du nicht gesprochen hast und die dich nie mehr sehen werden", erwiderte Meg: „Ich will nur vorsichtig sein."
„Du bist vorsichtig genug", sagte Sally: „Das wird schon funktionieren."
„Sally"
„Hm?"
„Danke"
Die Krankenschwester schaute zu Meg und ihre Blicke kreuzten sich. Sie nickte wohlwollend und im selben Moment tauchte ein brummender Truck zwischen den Bäumen auf. Ratternd rauschte er die Straße zur Farm herauf und zog dabei eine dichte Staubwolke hinter sich her.
„Da sind sie", murmelte Sally und schmunzelte Meg zu, die ein klein wenig Aufregung verspürte. Seitdem sie in den Nebel entführt worden war, war sie auf keiner Party mehr gewesen und hatte nie mehr sonderlich mit fremden Menschen zu tun gehabt. Ob sie wohl noch wusste, wie man sich richtig verhielt?
Kopfschüttelnd wischte Meg den absurden Gedanken beiseite, als das Fahrzeug direkt vor der Farm zum Stehen kam. Die Seitentür wurde schwungvoll aufgestoßen und hocherfreut sprang Ellie auf den trockenen Boden. Winkend lief sie zur Terrasse herauf.
„Schönen Abend", wünschte sie und ließ ihrer Freude in einem breiten Grinsen freien Lauf: „Danke nochmals, dass wir das hier machen dürfen. Ihr habt uns wirklich aus der Patsche geholfen."
„Gern geschehen", sagte Sally: „Meg wird euch alles zeigen. Fühlt euch ganz wie Zuhause, aber folgt ihren Anweisungen, in Ordnung?"
„Natürlich" antwortete Ellie und Sally nickte ihr zu: „Gut. Ich bin im Haus, falls ihr etwas braucht. Viel Spaß."
Damit drehte sie sich um und verschwand in der Farm, allerdings nicht ohne Meg vorher einen ermutigenden Blick zuzuwerfen.
„Hervorragend", sagte Ellie und klatschte unternehmungsfreudig in die Hände: „Wir haben alles im Wagen, Meg, Getränke, Soundanlage und ein Zelt. Sag uns einfach, was wir wo aufstellen sollen."
„Ähm… okay", stammelte Meg: „folgt mir."
Sie ging die Terrasse hinunter und zeigte zuerst auf den Stall im Süden der Farm. „Wir haben dort an paar Tiere drin, daher würde ich vorschlagen, dass wir die Aktivitäten auf der anderen Seite des Hauses konzentrieren."
„Macht Sinn", kommentierte Ellie und bedeutete ihrem Bruder, der nun ebenfalls ausgestiegen war, ihr zu folgen.
„Hi", grüßte er Meg lässig und die drei begaben sich auf die Nordseite des Hauses, wo sich eine große, freie Fläche befand. Das Gras war kurz und der Boden weder zu feucht noch zu trocken. Es war eine gute Stelle.
„Hier können wir uns austoben", erklärte Meg und zeigte auf den Platz: „Wir haben einen Generator auf der Rückseite der Farm, mit dem können wir die Soundanlage betreiben. Ich hoffe, ihr habt ein paar Kabel mitgebracht."
„Haben wir", sagte Ellie: „Dann stellen wir dort unser Zelt auf. Oder besser gesagt, Chris tut das."
„Wollen wir ihm nicht helfen?", fragte Meg, doch Ellie winkte ab: „Das macht er schon. Wir kümmern uns um die Getränke."
„Wie viel habt ihr denn mitgebracht?"
Die Latina zuckte nur mit den Schultern: „Keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Eric hat den Truck beladen. Aber ich bin sicher, er hat für alle genug eingerechnet."
„Wie viele kommen überhaupt?", wollte Meg wissen und Ellie antwortete: „Garantiert weiß ich es von zwanzig Leuten, aber dass wir hier eine Party veranstalten hat sich hoffentlich herumgesprochen. Es kommen sicher mehr."
Meg nickte anerkennend. Es war eine große, aber überschaubare Menge.
„Dann lasst mich euch ein paar Sachen erklären", sagte sie und schaute Ellie eingehend in die Augen: „Ich vertraue auf euch beide, dass ihr mir helft auf der Party nach dem Rechten zu sehen. Ich will keine Eskalation hier."
„Natürlich nicht", sagte Ellie.
„Das Grundstück sollte halbwegs sauber zurückgelassen werden", fuhr Meg fort: „Ich kann ein paar große Eimer bereitstellen, die wir als Abfallcontainer verwenden können, für Plastikbecher und Glasflaschen. Und sagt bitte allen, dass sie etwas auf ihr Verhalten achten sollen. Trinken ist schön und gut, gegen das Haus kotzen nicht."
„Selbstverständlich"
„Der Stall ist tabu"
„Auf jeden Fall"
„Toiletten sind im Haus. Ansonsten bitte ich alle, sich hier draußen aufzuhalten. Meine Mutter ist schwer krank, auch wenn sie es nicht gerne zugibt. Sie braucht ihre Ruhe, daher sollten wir sie im Haus nicht stören."
„Wow", sagte Ellie: „Sie ist wirklich eine großzügige Frau. Wir werden es natürlich allen einschärfen. Auf uns hören sie."
„Gut", nickte Meg: „Ansonsten können wir tun und lassen, was wir wollen."
„Großartig", rief Ellie: „Dürfen wir ein Lagerfeuer machen?"
„Ein Lagerfeuer?"
„Tim ist bei der Feuerwehr, der kennt sich aus mit solchen Dingen."
„Ähm… Na gut", erwiderte Meg: „Solange ihr nichts in Brand steckt. Am besten machen wir es weit weg vom Haus und den Feldern. Das Wetter war trocken in letzter Zeit, wir sollten vorsichtig sein."
„Das sollten wir. Hey, da kommt Simon", rief Ellie und schoss Meg ein scharfes Lächeln zu: „Unser DJ"
Tatsächlich fuhr soeben ein weiters Fahrzeug die Straße herauf und machte vor der Coldwind Farm halt. Im Gegensatz zu Ellies schwarzem, makellosem Truck, war dieses Auto bunt angemalt und mit zahllosen Stickern und Bannern übersäht. Im nächsten Augenblick öffnete bereits ein schräg aussehender Typ die Fahrertür und schüttelte Chris herzhaft die Hand. Er trug die typische Kombination aus Hoodie und Schildkappe, die unter DJs so verbreitet war und schien ein recht entspannter Kerl zu sein.
„Geile Location", sagte er und warf einen Blick auf das Haus: „Ich war noch nie hier draußen. Wusste gar nicht, dass es hier so schön ist."
„Da musst du Meg danken", sagte Ellie und zeigte auf ihre Gastgeberin. Meg hob grüßend die Hand und Simon zog kurz seine Kappe vom Kopf.
„Geile Aktion", sagte er: „dass du uns deine Hütte leihst. Wirklich korrekt von dir."
„Es gibt ein paar Regeln, die wir zu befolgen haben", warf Ellie sofort ein: „Chris erklärt sie dir. Ihr beide startet am besten gleich mit dem Zelt und baut anschließend die Anlage auf. Ich und Meg kümmern uns um die Getränke und die Bar. In Ordnung?"
„Geht klar", antwortete der DJ und machte sich mit Chris zusammen an die Arbeit. Das Zelt war mehr ein Unterstand, der aus einer von mehreren Metallstangen in die Höhe gehaltene Plane bestand. Meg schaute Chris einen Moment lang dabei zu, wie seine kräftigen Arme drei Streben gleichzeitig in die Höhe hoben, bevor sie sich losriss und Ellie zum Wagen folgte. Der Kofferraum des Trucks war bis obenhin mit Getränken gefüllt, verpackt in Paletten, Kisten oder einfach nur losen Flaschen. Des Weiteren befand sich ein langer Klapptisch in dem Fahrzeug.
„Denn stellen wir zuerst auf", sagte Ellie: „Das wird unsere Bar. Auf dem Tisch bauen wir ein Buffet auf und die Nachschubgetränke verstauen wir einfach darunter, sodass wir immer etwas griffbereit haben."
„Klingt gut", sagte Meg und Ellie packte an: „Hilf mir mal"
Gemeinsam zogen sie den Tisch aus dem Wagen und trugen ihn an die gewünschte Stelle, wo sie ihn geschwind aufbauen. Es war ein leichtes, doch robustes Teil. Chris hatte sich derweil schon dran gemacht, die Metallstangen in die weiche Erde zu rammen, um anschließend das Dach daran hochzuziehen. Simon hingegen lud eine Reihe an Lautsprechern und Kabeln aus dem Auto, die er anschließend gegenüber der provisorischen Bar zu einem Soundsystem aufbaute. Beim Anblick der Anlage fragte sich Meg, ob sich Sally mit ihrem geschärften Gehör nicht vielleicht doch zu viel zugemutet hatte.
Wenig später tauchte ein drittes Fahrzeug vor der Coldwind Farm auf. Im Inneren befanden sich Eric, zwei hübsche Mädchen, sowie weitere Getränke und einiges an Nahrungsmitteln. Der Sportverein hatte wirklich nicht gespart.
„Hi, Meg", grüßte Eric noch beim Aussteigen: „Hey Ellie, Tim hat gesagt, er würde einen Feuerlöscher mitbringen, für das Lagerfeuer. Nur für den Fall."
„Super", antwortete Ellie und deutete anschließend auf den Tisch: „Getränke und Snacks kommen hier hin."
„Selbstbedienungsbar?", fragte Eric.
„Jep"
„Genug für alle haben wir ja", murmelte Meg und nickte mit dem Kopf auf Erics Wagen. Der blonde Junge folgte ihrem Blick und lachte: „Hoffentlich"
Es dauerte nicht lange, bis weitere Partygäste auftauchten. In immer kürzeren Abständen trafen Fahrzeuge auf der Coldwind Farm ein, während die Sonne langsam hinter den Horizont sank. Tim der Feuerwehrmann war nun ebenfalls eingetroffen und machte sich sogleich daran, das Lagerfeuer in Gang zu bringen. Zusätzlich zu den Autoscheinwerfern würde es als Lichtquelle dienen und außerdem der ganzen Feier eine spannende Atmosphäre verleihen.
Simon hatte mittlerweile sein gesamtes Equipment aufgestellt und leitete den Abend mit mäßig lauter und entspannter Musik ein. Später, so versicherte er Ellie, würde er schon noch die Gangart wechseln. Einige der Gäste hatten ihrerseits Bierbänke, Tische und Stühle mitgebracht, sodass es genügend Sitzgelegenheiten gab und hier und da wurden auch Getränke und Nahrungsmittel beigesteuert. Langsam, aber sicher kam die Party ins Rollen.

Einige Stunden später lehnte Meg etwas abseits an einer der Metallstangen und verfolgte gelassen die fortschreitende Feier. Das Lagerfeuer war mittlerweile zu einer beachtlichen Größe angewachsen und vor dem DJ-Pult hatte sich von selbst eine kleine Tanzfläche gebildet. Wie erwartet waren etwa fünfzig Leute aufgetaucht, vielleicht ein paar mehr. Meg wusste es nicht genau zu sagen.
Zufrieden nippte sie an ihrem Getränk, einem kleinen, mit Bier gefüllten Plastikbecher. Die Party war nicht eskaliert, sie verlief in geregelten und ordentlichen Bahnen. Alle waren gut gelaunt, niemand war über den Maßen betrunken und die Getränke würden noch eine Weile reichen.
Sie drehte den Kopf nach links und beobachtete ein Paar, das sich kichernd und taumelnd ins Kornfeld davonstahl. Im Stillen wünschte sie den beiden viel Spaß. Dann schaute sie über die Schulter zurück zum Haus und dachte an Sally. Hoffentlich machte ihr der Lärm nicht zu viel aus. Andererseits war die ganze Party auf ihrem Mist gewachsen. Wenn, dann hatte sie sich selbst die Schuld zuzuschreiben.
Aber sie hatte auch recht gehabt. Meg hatte sich schon lange nach zwischenmenschlichem Kontakt gesehnt und ihre Befürchtungen, die sie so lange vom sozialen Leben auf dem Land abgehalten hatten, hatten sich als übertrieben und unnötig erwiesen. Alles war in Ordnung. Sally war im Haus und niemand schöpfte Verdacht. Max und Anna amüsierten sich im Wald und hatten wahrscheinlich einen ebenso großen Spaß miteinander wie die Feiernden auf der Farm. Und sie selbst war schon seit langem nicht mehr so glücklich gewesen.
Meg fühlte sich etwas beschwipst, aber auf eine gute Art und Weise. Sie hatte bereits einiges getrunken, es war jedoch bei weitem nicht der schlimmste Rausch ihres Lebens, sondern handelte sich vielmehr um jenen perfekten Pegel zwischen beeinträchtigender Besoffenheit und erheiterndem Schwindel.
Zuerst hatte sie noch auf Alkohol verzichtet und sich eher darauf konzentriert, auf der Party nach dem Rechten zu sehen. Irgendwann hatte sie dann gemerkt, dass dies nicht nötig war, und sich daher bald selbst unter die Menge der Feiernden gemischt. Einige verrückte Trinkspiele später und sie war für eine gute Stunde mit Ellie auf die Tanzfläche geraten, bevor sie sich erschöpft etwas zu essen besorgt hatte. Nun stand sie hier, mit vollem Magen und geröteten Wangen.
„Nette Party", sagte eine Stimme und als Meg den Kopf drehte, erblickte sie Chris, der gemütlich auf sie zu schlenderte. „Ein schöner Abend."
Meg nickte: „Es hätte kaum besser laufen können."
„Simon weiß eben, wie man die Menge unterhält."
„Das weiß er", bestätigte Meg: „Aber ich meine auch, dass niemand abgestürzt ist. Und dass das Haus noch steht."
„Der Abend ist noch nicht vorbei", bemerkte Chris trocken und nach einem kurzen Moment verfielen beide in verhaltenes Lachen. Die Getränke waren ihnen zu Kopfe gestiegen und selbst schwache Witze entfalteten erstaunliche Wirkung.
„Keine Sorge", beruhigte Chris mit gespieltem Ernst: „Ich und Ellie haben alles im Griff."
„Das sehe ich", erwiderte Meg und schaute hinüber zur Latina, die immer noch auf der Tanzfläche ihr Bestes gab. Schmunzelnd drehte sie sich wieder zu Chris.
„Im Ernst jetzt", sagte Meg: „Danke"
„Wofür?", fragte Chris: „Das ist deine Farm. Wenn, dann müssen wir dir danken."
„Ich meine, dafür dass ihr das alles veranstaltet habt", erklärte Meg: „Nicht nur die Party, auch den Marathon. Das war wirklich eine schöne Zeit."
„Haben wir gern getan. Freut mich, dass es dir gefallen hat"
„Ich bin schon lange nicht mehr unter Leuten gewesen, weißt du", fuhr Meg fort: „Ich schätze das hat mir mehr gefehlt als ich dachte."
Sie drehte sich kurz zu Chris, der sie nur anstarrte.
„Oh Gott, ich muss dir wie eine gestörte Einsiedlerin vorkommen", murmelte Meg beschämt.
„Nein, keineswegs", erwiderte der Sportler: „Ganz im Gegenteil, ich finde es beeindruckend, wie fürsorglich du dich um deine Mutter kümmerst. Sowas ist nicht selbstverständlich."
„Nun ja…"
„Das ist es nicht", beharrte Chris: „Wenn du mich fragst, dann würden die halben Töchter der Farmbesitzer in Weeks ihre Eltern eher verrecken lassen und das Erbe einstreichen."
„Du redest Unsinn, Chris."
„Vielleicht. Alles was ich sagen will, ist, dass deine Mutter stolz sein kann, eine Tochter wie dich zu haben."
Meg schaute in kurz an, bevor sie sich wieder dem Feuer zuwandte, das in einiger Entfernung munter vor sich hin knisterte. Irgendwie tat es ihr leid, dass seine ganze Anerkennung für sie auf einer Lüge basierte. Andererseits war sie ja wirklich diejenige, die Sally, Max und Anna ein ungestörtes Leben auf der Farm ermöglichte. Was für einen Unterschied machte es da schon, ob Sally nun wirklich ihre Mutter war oder nicht.
„Entschuldige", brummte Chris: „Wenn ich betrunken bin, werde ich immer ernst und ehrlich."
„Dann sind wir schon zu zweit."
Sie schauten sich kurz an.
„Ich habe Hunger" bemerkte Meg: „Gehen wir uns etwas zu essen holen."
„Dagegen habe ich nichts einzuwenden", sagte Chris und die beiden begaben sich hinüber zum Buffet. Ein Großteil der Teller war bereits leer, doch einer der Nachzügler hatte eine selbstgebackene Torte mitgebracht, die bisher kaum jemand angerührt hatte.
„Glaubst du, die ist gut?", fragte Meg und zeigte mit argwöhnischem Blick auf das gute Stück. Chris kratze sich kurz am Kinn und beugte sich dann inspizierend nach unten: „Hm, sieht doch nicht schlecht aus. Du bist doch nicht allergisch gegen Erdbeeren, oder?"
Meg schüttelte den Kopf.
„Dann würde ich sagen, wir kosten ein Stück."
„Nach dir", sagte Meg und reichte Chris einen Tortenheber. Der Athlet hatte sich unterdessen zwei Pappteller gegriffen und machte sich nun daran, sorgfältig zwei gleich große Stücke aus der Torte zu schneiden. Meg wusste gar nicht wie lange es her war, dass sie das letzte Mal etwas Derartiges gegessen hatte.
„Einmal für dich…", sagte Chris und reichte ihr einen Teller: „Und einmal für mich. Guten Appetit."
„Gleichfalls"
Meg warf Chris ein Lächeln zu, bevor sie ihre Aufmerksamkeit auf die Torte lenkte. Sie sah wirklich nicht schlecht aus. Nur die Tatsache, dass in all der Zeit niemand einen Bissen gekostet hatte, weckte Misstrauen in ihr. Zögernd schnappte sie sich eine Plastikgabel und trennte ein kleines, mundgerechtes Stück ab, bevor sie es sich vorsichtig zwischen die Zähne schob.
„Und?", fragte Chris, doch Meg war noch damit beschäftigt, den Geschmack der Torte zu erfassen. Es dauerte kaum eine Sekunde, bis sie sich entschieden hatte.
„Verdammt"
„So schlimm?"
„Nein", schüttelte Meg den Kopf: „Im Gegenteil. Wer auch immer diese Torte gebacken hat, ist ein Genie."
Chris, der ihre Aussage selbst auf die Probe stellen wollte, aß nun ebenfalls ein Stück und konnte ihre Feststellung wenig später bestätigen.
„Mann, die ist wirklich gut."
„Nicht wahr?"
„Absolut" Er nahm einen weiteren, großen Bissen und ließ den Blick über die Menge schweifen: „Ich frage mich nur, warum die noch niemand angerührt hat."
„Keine Ahnung" Meg zuckte mit den Schultern und sah ebenfalls den Gästen beim Feiern zu. Ellie amüsierte sich immer noch auf der Tanzfläche, Simon gab einen Hit nach dem anderen zum besten und Eric nahm gerade an einer Partie Bier Pong teil. Sein Gegenüber war eines der Mädchen, mit denen er auf der Farm angekommen war und ganz offensichtlich machte sie ihn gerade zur Schnecke. Gekonnt landete sie einen Schuss nach dem anderen, während Eric, der wohl schon etwas mehr als nur angetrunken war, Mühe hatte, überhaupt den Tisch zu treffen.
„Das Feuer ist schon ziemlich groß, oder?", murmelte Chris und lenkte Megs Aufmerksamkeit auf die Flammen, die mittlerweile wirklich weit in die Höhe züngelten. Sie schaute sich nach Tim um und entdeckte ihn einige Meter entfernt, amüsiert, jedoch voll und ganz Herr seiner Sinne. Verantwortungsbewusst hielt er seinen wachsamen Blick auf dem Lagerfeuer. Alles war unter Kontrolle.
„Das geht schon", sagte Meg: „Immerhin ist es eine große Feier. Da braucht es auch ein großes Feuer."
„Ich wette, das sieht man bis in die Stadt", kommentierte Chris und Meg überlegte kurz, bevor sie antwortete: „Das könnte sein. Ich hoffe, da ruft niemand die Feuerwehr."
„Tim hat seine Kollegen sicher informiert", beruhigte Chris: „Wenn jemand anruft, wissen sie schon bescheid, dass kein Notfall besteht."
„Und was, wenn es doch zu einem Notfall kommt?"
„Dann laufe ich ins Haus und rette deine Mutter, bevor die ganze Farm niederbrennt." Chris warf sich in die Brust, während Meg mit hochgezogenen Augenbrauen fragte: „Das würdest du tun?"
„Für so ein hübsches Mädchen wie dich allemal."
Der Athlet hatte seinen mittlerweile leeren Teller abgestellt und sich vor Meg, die sich gegen den Tisch gelehnt hatte, aufgebaut. Der Abstand zwischen den beiden war definitiv kleiner als es die guten Sitten verlangten. Belustigt legte Meg eine Hand gegen seine Brust und verhinderte ein weiteres Vordringen, allerdings ohne ihn wegzuschieben.
„Ellie hat mich gewarnt, weißt du."
„Gewarnt", fragte Chris mit gespielter Unschuld: „Wovor?"
„Vor dir" Meg stellte nun ebenfalls ihren Teller ab: „Sie hat gesagt, ich soll mich vor dir und deinem charmanten Lächeln in Acht nehmen."
„Mein charmantes Lächeln? Habe ich denn sowas?"
Meg schüttelte den Kopf und antwortete: „Ich bin mir noch nicht sicher. Aber sie hat auch gesagt, dass du es gern bei verwundbaren Zielen einsetzt."
„Bist du denn ein verwundbares Ziel?"
„Auf jeden Fall"
Meg musste mittlerweile den Kopf in den Nacken legen, um Chris, der sie um einiges überragte, weiterhin in die Augen schauen zu können. Sein Duft hatte bereits alle anderen Gerüche übertönt und Meg konnte seine tiefen Atemzüge hören, so nah war er ihr. Ein berauschendes Gefühl hatte sich eingestellt, zunehmender Kontrollverlust bemächtigte sich ihrer Glieder und eine seltsame Wärme breitete sich in ihrem Inneren aus, mit dem Herzen als Zentrum.
Meg hatte die längst ihre Hand von Chris Brust genommen, während sich die seinen bereits an ihrer Hüfte befanden und von dort in zunehmend gewagtere Regionen vordrangen. Sie konnte sich kaum des Kusses erwehren, während er vollends die Führung übernahm. Eigentlich war es ein Gefühl, das Meg zutiefst wiederstrebte, doch jetzt gefiel es ihr. Es gefiel ihr, erobert zu werden, ihm ausgeliefert zu sein und sich seinen zarten doch fordernden Berührungen auszusetzen. Es gefiel ihr, begehrt zu werden und sich dem Begehrenden hinzugeben.