Der letzte Anruf

Monika Weiß saß zuhause in Leipzig am Tisch ihrer Eltern und machte sich hungrig über eine Portion dampfender Nudel her. Tomatensoße und Mozzarella, so mochte sie es am liebsten und ihre Mutter hatte alles darangesetzt, sie während ihres kurzen Besuchs nach allen Regeln der Kunst zu verwöhnen. Es würde nicht lange dauern, bevor sie wieder in den aktiven Dienst zurückkehren musste.
„Schmeckts?", fragte Sara, Monikas Schwester, lachend, erwartete jedoch nicht wirklich eine Antwort. Sie war zwei Jahre jünger als Monika und seit fünf Jahren als vollwertige Deutschlehrerin tätig. Im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester übte Sara also einen relativ langweiligen Beruf aus, doch es hatte bereits eine Fülle an Gelegenheiten gegeben, an denen Monika sich genau eine solche Arbeit gewünscht hatte. Vor allem wenn sie den Kopf drehte und hinüberschaute zu Lukas, ihrem siebenjährigen Sohn.
Monika selbst war der Frage nach Kindern stets ausgewichen, ihre Beschäftigung bei der GSG9 hatte ihr eine Fülle an Ablenkungen bereitgestellt. Manchmal hatte sie sich eingeredet, dass sie gar keine Kinder wollte, manchmal hatte sie auch einfach die Gedanken daran beiseite gewischt und sich anderen Aufgaben gewidmet. Doch nun, da sie Lukas in einer glücklichen Familie aufwachsen sah, wurde ihr langsam klar, welche Dinge sie in ihrem Leben noch nicht erreicht hatte und vermutlich auch niemals erreichen würde.
Zwar war es den Rainbow Operatoren nicht untersagt, zu heiraten und Kinder zu zeugen, doch sie wurden auf der ganzen Welt eingesetzt, blieben selten länger als einen Monat am selben Ort und hatten für alltägliche Belange, wie Beziehungen, ohnehin kaum Zeit. Es war nicht unmöglich, doch sehr unwahrscheinlich. Außerdem hatte Monika schon immer Probleme damit gehabt, engere Beziehungen einzugehen.
„Sehr gut", sagte Monika und schaute kurz hinüber zu Claudia, ihrer Mutter, die sich immer noch in der Küche aufhielt.
„Mama", rief sie: „Jetzt komm doch her, das Essen wird kalt."
„Ich komme ja schon", schallte es zurück: „Ich spül nur noch diese drei Teller hier ab."
„Das übernehme ich danach", rief Sara: „Setz dich zu uns."
Mit einem theatralischen Seufzen legte Monikas Mutter die Teller in das Waschbecken und kam herüber ins Wohnzimmer. Bevor sie sich hinsetzte, knüpfte sie noch ihre Kochschürze auf und hängte sie an die Rückenlehne ihres Sessels. Monika griff derweil nach der Nudelkelle und gab ihr eine große Portion heraus.
„Nicht so viel", protestierte Claudia, während Sara einen schnellen Blick zu Lukas hinüberwarf. Der Junge spielte immer noch vergnügt mit seinen Spielzeugautos, die er auf einem Teppich, der das Luftbild einer Stadt nachbildete, hin und her schob.
„Hast du ihr schon von deiner Idee erzählt?", fragte Claudia und zog damit Monikas Aufmerksamkeit auf sich. Die Frage war jedoch an Sara gerichtet gewesen, die antwortete: „Nein, noch nicht. Aber gut, dass du mich erinnerst."
Die Lehrerin schaute zu ihrer Schwester.
„Neulich in der Schule hatten wir einen speziellen Tag, an dem Angehörige der Feuerwehr in der Aula einen Vortrag gehalten haben. Unter anderem wurde den Schülern vermittelt, worauf sie im Falle eines Feuers oder eines anderen Notfalls zu achten haben. Außerdem wurde ihnen der Beruf des Feuerwehrmannes nähergebracht. Du weißt schon, der Großteil von denen hat noch keine Ahnung, was sie später mal werden wollen und so eine Berufsvorstellung kommt da genau richtig. Nicht nur, um die Möglichkeit aufzuzeigen, sondern auch, um den Gedanken in ihre Köpfe zu pflanzen, dass sie sich langsam nach einer Berufung umsehen sollten."
„Ok", fragte Monika zögerlich: „Was hat das Ganze mit mir zu tun?"
„Der Tag war ein großer Erfolg", erklärte Sara: „Wir haben nur positive Rückmeldung erhalten, die Schüler waren wirklich interessiert an dem, was da vorgetragen wurde. Glaub mir, das ist eher die Ausnahme als die Regel. Deshalb habe ich mir gedacht, warum sollten wir es nicht wiederholen?"
Monika konnte sich bereits denken, worauf Sara zusteuerte, doch sie hörte weiterhin aufmerksam zu.
„Bei den Rettungsdiensten habe ich leider keine Bekannte", fuhr Sara fort: „Aber bei der Polizei, da kenne ich jemanden."
Sie lächelte Monika herausfordernd zu, die sich vorerst eine Antwort enthielt.
„Wäre es nicht großartig, wenn du in meine Schule kommen würdest, um deinen Beruf vorzustellen?", fragte Sara: „Wir könnten zumindest einen Tag lang gemeinsam arbeiten und für die Schüler würde es wohl kaum etwas Spannenderes geben, als eine Polizistin der GSG9. Oder gleich mehrere, wenn du einige deiner Kollegen mitbringen willst."
Monika erlaubte sich ein Schmunzeln, als sie daran dachte, wie Tachanka in einem Klassenraum die Vorzüge sowjetischer Maschinengewehre über moderne Modelle lobte oder wie Caveira vor einer Gruppe schockierter Schüler eine ihrer Horrorgeschichten aus den Favelas zum Besten gab.
Allerdings wusste in Monikas Familie niemand, dass sie zu der internationalen Antiterroreinheit gehörte. Sie wussten noch nicht einmal, was genau Monika bei der GSG9 machte. All diese Dinge waren streng geheim.
„Sara", begann Monika: „Ich glaube nicht, dass das möglich ist."
„Warum denn nicht?"
„Die GSG9 ist eine spezielle Elitetruppe innerhalb der Bundespolizei. Die werden mir niemals gestatten an einer Schule unsere Taktiken und Strategien zu erzählen. Diese Dinge sind… vertraulich."
„Aber davon spreche ich doch gar nicht", sagte Sara: „Du könntest den Schülern erzählen, wie du zur Polizistin geworden bist. Die Ausbildung, die du durchgemacht hast und die Erfahrungen, die du auf deinem Weg gesammelt hast. Außerdem würde es sicherlich nicht schaden, wenn du ihnen sagen würdest, wie sie sich in einer Ernstsituation zu verhalten haben und wie sie Erste Hilfe leisten können."
„Ich finde das eine hervorragende Idee", fügte Claudia hinzu und leistete Sara damit Schützenhilfe. Monika schaute von ihrer Mutter zu ihrer Schwester und wieder zurück. Dann sagte sie: „Ich kann meinen Vorgesetzten den Vorschlag unterbreiten, aber ich glaube nicht, dass sie ihn gutheißen werden."
„Versuchen kannst du´s ja", sagte Sara hoffnungsvoll: „Ich würde dich wirklich gerne meinen Schülern vorstellen. Die sind alle ganz begeistert von dir."
„Deine Schüler kennen mich doch gar nicht."
„Nicht direkt", gab Sara zu: „Aber ich habe bei der einen oder anderen Gelegenheit erwähnt, dass du bei der GSG9 bist. Du kannst mir glauben, dass es nichts Cooleres für die gibt, als eine Antiterrorspezialistin. Was ist noch gleich dein Spezialgebiet?"
„Netter Versuch", lachte Monika: „Du weißt genau, dass ich dir nichts sagen darf."
„Wie auch immer." Sara zuckte mit den Schultern. „Vor allem die Mädchen waren ganz begeistert, als sie gehört haben, dass du bei der Truppe bist. Ich schwöre dir, ein paar von denen haben eine Frau in einer Antiterroreinheit gar nicht für möglich gehalten."
„Vielleicht sollte ich wirklich mal in der Schule vorbeischauen", überlegte Monika: „und ihnen etwas den Horizont erweitern."
„Ganz meine Meinung", rief Sara. Dann warf sie einen schnellen Blick auf die Uhr an der Wand und sagte: „Du, Mama, wollte Papa nicht schon längst daheim sein?"
„Du hast recht", antwortete Claudia: „Wahrscheinlich hat er sich mal wieder in der Arbeit verloren. Ihr kennt ihn doch."
Monika nickte zustimmend, als im selben Moment ihr Handy laut zu piepsen und vibrieren begann.
„Sorry, ich muss da ran", sagte sie, stand eilig auf und ging in die Küche. Es war wohl besser, wenn niemand das folgende Gespräch mitanhörte, denn es handelte sich um keinen normalen Anruf. Der Bildschirm von Monikas speziellem Mobiltelefon hatte nämlich angezeigt, dass eine abhörsichere Verbindung aufgebaut wurde. Das konnte nur eines Bedeute.
„Ja?"
„Hallo, IQ", sagte eine Stimme: „Hier ist Jäger. Six hat alle inaktiven Operatoren in den Dienst zurückberufen. Urlaub ist gestrichen. In einer halben Stunde hole ich dich ab."
„In Ordnung, bis später"
„Wir sehen uns"
Ein kurzer Piepton signalisierte, dass der Anruf beendet worden war und nachdenklich steckte Monika das Handy zurück in ihre Tasche. Nach einem kurzen Moment ging sie zurück in das Wohnzimmer, wo Sara sie bereits fragend anblickte.
„Etwas Wichtiges?"
„Kann man so sagen", antwortete Monika: „Ich muss zurück in die Basis."
„Wann?"
„In einer halben Stunde."
„Monika", rief Claudia überrascht: „Was heißt das? Ich dachte du hättest Urlaub."
„Der wurde gestrichen."
„Aber du bist doch gerade erst angekommen", beschwerte sich Sara: „Wir wollten doch morgen mit Lukas zum See hinausfahren."
„Tut mir leid", antwortete Monika: „Wirklich. Aber das geht leider nicht mehr."
Claudia und Sara tauschten einen kurzen Blick aus, während Monika ihr Geschirr aufnahm und in die Küche trug. Dann fragte ihre Schwester: „Monika? Ist etwas passiert? Warum brauchen sie dich auf einmal?"
„Ich weiß es nicht", antwortete die GSG9 Agentin. Eine Antwort, die keinem der drei wirklich gefiel. Für einen Augenblick kehrte Schweigen ein, dann sagte Sara langsam: „Monika?"
„Ja?"
„Darf ich dich etwas fragen?"
„Natürlich"
Die beiden Schwestern schauten sich für einen Moment in die Augen, bevor Sara fortfuhr: „Ich habe neulich diesen Bericht gesehen, über diese neue Spezialeinheit. Eine internationale Elitetruppe, der auch vier Deutsche angehören. Sie kämpfen in der ersten Reihe bei den gefährlichsten Missionen auf der ganzen Welt. Die Einheit wird Team Rainbow genannt."
Sara legte eine kurze Pause ein.
„Ich weiß, dass du mir nichts sagen darfst… Aber bist du da dabei?"
„Aber nein", warf Claudia ein: „Sie ist bei der GSG9."
Sara sagte nichts und schaute nur Monika in die Augen. Diese kam nach kurzem Überlegen zum Schluss, dass es keinen Sinn machte zu lügen, auch wenn sie ihrer Familie dadurch vielleicht einiges an Sorgen erspart hätte.
„Ja"
Sara nickte leicht und holte tief Lust, während sie die soeben erlangte Gewissheit verarbeitete. Claudia hingegen schaute zwischen ihren beiden Töchtern hin und her, bevor sie sich schlussendlich an Monika wandte.
„Aber warum hast du uns nie etwas davon gesagt? Wie lange bist du schon bei diesen Leuten?"
Monika seufzte kurz, bevor sie antwortete: „Seit der Gründung vor fünf Jahren."
„Das ist ja furchtbar", rief Claudia: „Ich dachte, du wärst immer hier in Deutschland gewesen. Sind diese Einsätze denn gefährlicher als… als das was du früher getan hast?"
Monika versuchte eine möglichst schonende Antwort zu finden, doch Sara nahm ihr diese Bürde glücklicherweise ab.
„Wahrscheinlich nicht. Sie wird ja für jene Funktion rekrutiert worden sein, die sie schon früher ausgeübt hat. Ist es nicht so?"
Monika nickte, auch wenn es nicht ganz der Wahrheit entsprach. Die Rainbow Operatoren mussten in der Regel weit gefährlichere Missionen erledigen, als der durchschnittliche GSG9 Soldat. Allerdings zählten ihre Kameraden zu den besten Soldaten der gesamten Welt.
„Hört zu", sagte sie: „Ich muss mich fertig machen. Jäger holt mich in einer halben Stunde hier ab."
„Jäger", fragte Sara: „Wer ist das?"
„Einer meiner Kameraden", antwortete Monika. Sie hatte bereits den halben Weg zur Treppe zurückgelegt und stieg bald nach oben in ihr Zimmer. Dort unter dem Bett befand sich ein schwerer, schwarzer Koffer mit einem dicken und sicheren Schloss. Im Inneren befanden sich ihre Waffen, Geräte und Ausrüstungsgegenstände, die sie für einen Notfalleinsatz benötigte. Die Doktrin von Team Rainbow verlangte, dass jeder Operator sein Equipment stets griffbereit hielt.
Eilig schnappte sie sich den schwarzen Behälter, entledigte sich ihrer Abendkleidung und schlüpfte in ihre Uniform. Dann ging sie zurück nach unten, gerade als es an der Tür läutete. Monika hoffte, dass ihr Vater endlich von der Arbeit zurückgekehrt war, sodass sie sich noch von ihm verabschieden konnte. Erst als sie das Wohnzimmer erreichte, wurden ihre Hoffnungen enttäuscht.
„Monika", sagte Jäger, der mit bürgerlichem Namen Marius Streicher hieß. Die beiden schüttelten sich die Hände und der Operator nahm sofort den Koffer seiner Kameradin entgegen. Monika wandte sich derweil an ihre Familie. Lukas hatte beim Eintreten des fremden Mannes sein Spiel unterbrochen und seine Mutter, sowie deren Mutter waren vom Tisch aufgestanden. Es gab einen Moment betretener Stille, bevor Sara ihre Schwester umarmte und sagte: „Viel Glück, wo auch immer du bist."
„Dir auch"
Sie lachte und wischte sich eine Träne aus den Augen: „Ich bin Deutschlehrerin, Monika, du wirst es dringender brauchen, denke ich. Bitte, pass auf dich auf."
„Mach ich"
Sie schniefte und machte dann Claudie Platz, die ihre Tochter ebenfalls in eine Umarmung schloss. Monika bemerkte, dass sie ebenfalls Tränen in den Augen hatte und sie wusste, dass ihre Mutter nicht nahe am Wasser gebaut war.
„Du kommst zu mir zurück", flüsterte Claudia: „Versprich mir das."
Monika schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und antwortete ebenfalls flüstern: „Ich verspreche es."
„Ich liebe dich."
„Ich dich auch. Und sag es auch Papa."
„Oh, dem wird ich schon noch was anderes sagen", rief Claudia und die beiden lösten sich aus ihrer Umarmung: „Er und seine ständigen Überstunden. Jetzt ist er nicht einmal hier um sich von seiner Tochter zu verabschieden."
„Er wusste ja nicht, dass ich so schnell wieder wegmuss", stellte sich Monika auf die Seite ihres Vaters.
„Kannst du nicht noch kurz auf ihn warten?"
„Ich glaube, das geht nicht", antwortete Monika schweren Herzens: „Bitte sagt ihm, dass ich ihn liebe. Und er soll sich keine Sorgen machen."
„Du bist gut", sagte Sara kopfschüttelnd: „Keine Sorgen machen."
„Dann so wenig Sorgen wie möglich", beharrte Monika: „Und glaubt nicht alles was ihr in den Medien hört. Und es kann gut sein, dass ich mich für längere Zeit nicht melde. Ihr müsste keine Angst um mich haben, in Ordnung?"
„Wir werden es versuchen", sagte Claudia und umarmte ihre Tochter erneut, bevor sie sich endgültig voneinander verabschiedeten. Die ersten Schritte aus dem Urlaub zurück in den aktiven Dienst kamen Monika immer unfassbar surreal vor. Es war, als würde man von einer Welt in die andere treten, seine Identität, ja sogar seine Persönlichkeit austauschen. Je weiter sie sich von ihrer Haustür entfernte, umso weniger war sie Monika Weiß und je näher sie ihrem wartenden Kollegen kam, umso mehr wurde sie zu der Rainbow Operatorin IQ.

Caveira spürte, wie sie brutal einen Gang entlang gezerrt wurde. Sie versuchte sich zu wehren, doch der Sack über ihren Kopf nahm ihr jede Sicht und ihre Peiniger waren starke Männer. Kurz blieben sie stehen. Caveira hörte wie eine Tür aufgezogen wurde, bevor es weiterging und sie wenig später auf einen harten Stuhl gezwungen wurde. Sofort legten sich enge Fesseln um ihre Hand- und Fußgelenke, während die Soldaten ein paar Worte wechselten. Caveira konnte sie nicht verstehen. Dann hörte sie Schritte und wenig später fiel die Tür wieder zu. Das Klicken eines Schlüssels signalisierte Caveira, dass sie eingeschlossen worden war.
Adrenalin rauschte durch ihre Glieder, doch dank ihres Trainings und ihrer Erfahrung, schaffte sie es, einigermaßen ruhig zu bleiben. Soweit sie feststellen konnte, war sie allein im Raum, war sich allerdings jeden Moment wieder ändern konnte. Wenn sie einen Fluchtversuch unternehmen wollte, dann musste sie es jetzt tun. Sie war sich sicher, dass sie nicht mehr viel tun konnte, sobald die Folterknechte mit ihr fertig waren.
Verzweifelt zerrte sie an den Fesseln um ihre Arme, dann an denen um ihre Füße. In kompletter Finsternis spürte sie nur schmerzhafte Einschnitte, doch keine Bewegung. Die Fesseln waren stark und fest.
Was zur Hölle war passiert? Jorge, oder wie auch immer der Bastard hieß, musste gewarnt worden sein. Er hatte gewusst, dass BOPE eine Agentin in seine Basis schicken würde und er hatte gewusst, wann sie ankommen würde. Wie sonst hätte er sie erkenne sollen. Gab es einen Maulwurf in BOPE? Verdammt, war sie vielleicht sogar enttarnt worden? Wusste der Mann, wer sie war und in welcher Einheit sie diente?
Sie musste hier raus, entschied Caveira und versuchte sich erneut an den Fesseln. Es brachte nichts. Diese Männer waren Meister in dem was sie taten und sie war mit Sicherheit nicht das erste Opfer, dass versucht hatte diesem Stuhl zu entfliehen.
Sie wollte frustriert aufschreien, doch Caveira besann sich und hielt ihren Mund. Wenn sie schon gefoltert werden würde, dann würde sie ihren Peinigern wenigstens die Genugtuung vorenthalten, ihre Verzweiflung zu sehen. Sie konnten sie schlagen, treten, ihre Finger abtrennen, sie vergewaltigen und ihr die Kehle durchschneiden, doch sie würden sie nicht brechen. Caveira war hochentschlossen das Spiel zu gewinnen. Tot war sie sowieso.
Ein Quietschen ertönte, was nur bedeuten konnte, dass die Tür wieder geöffnet worden war. Caveira konnte drei Personen den Raum betreten hören, bevor sich die Tür wieder schloss. Vollkommen blind beruhigte sie ihren Atem und sammelte Kraft für die bevorstehende Prozedur. Jetzt geht´s los, dachte sie, dann wurde ihr der Sack grob vom Kopf gerissen.
Grelles Licht blendete ihre Augen und es dauerte einen Moment, bis sie die Silhouetten hinter der Lampe, die direkt auf ihr Gesicht gerichtet war, erkannte. Es waren in der Tat drei Personen, Jorge und seine beiden Wachmänner. Sorge spiegelte sich auf dem Gesicht des Anführers wieder und mit ernstem Blick musterte er Caveira. Diese hielt stand und starrte provokant grinsend zurück.
„Wie arrogant muss man eigentlich sein?", fragte Jorge nach einer Weile und drehte sich zu einem hässlichen Tisch um: „Zu glauben, dass man einfach in die Höhle des Löwen wandern und unversehrt wieder herauskommen kann."
Er hob ein stählernes Instrument auf und drehte es in den Händen. Spielerisch ließ er es im Halbdunkel aufblitzen. Es handelte sich um eine messerartige Konstruktion, von der Caveira wusste, dass sie sich hervorragend zum Häuten eignete.
Stufe eins, dachte sie. Das Vorzeigen der Instrumente.
„Bei euch Idioten hat das oft genug funktioniert", antwortete Caveira gespielt beiläufig, ganz so als würden sie über das Wetter sprechen. Jorge drehte sich zu ihr um und starrte sie hasserfüllt an.
„Ihr glaubt was Besseres zu sein", sagte er gefährlich ruhig: „Ihr glaubt auf die Millionen, die in den Favelas aus der Mülltonne der Oberschicht leben, herabschauen zu können. Eure Arroganz wird euer Niedergang sein."
„Shit happens, man", sagte Caveira und brachte Jorge damit offenbar noch weiter auf die Palme. Der Brasilianer konnte seine Wut kaum noch zügeln.
„Immer noch zu Späßen aufgelegt?", knurrte er: „Aber das werde ich dir schon noch austreiben. In diesem Moment verlegen wir zwar unsere Basis, da wir offensichtlich aufgeflogen sind…" Es war eine Information, die Caveira auch selbst erahnt hätte. „…aber wir beide haben trotzdem noch ein paar Stunden Zeit füreinander. Zeit, die ich nutzen werde, um ein Exempel zu statuieren."
Jorge nahm ein weiteres Gerät in die Hand, dieses Mal ein Werkzeug, das verwendet wurde, um Fingerknöchel zu durchtrennen. Kurz betrachtete er es, dann legte er das Teil wieder zurück. Caveira hätte am liebsten vor Erleichterung ausgeatmet, da sie bereits gedacht hatte, das Gespräch sei beendet gewesen, doch offensichtlich wollte Jorge noch etwas weiter plaudern. Mit einem dreckigen Grinsen drehte er sich zu ihr, trat auf sie zu und rammte seine Hand zwischen ihre Beine.
„Aber vielleicht sollten wir drei dich vorher einmal gut durchnehmen, was sagst du dazu?"
Den Jungs fiel auch nie etwas Neues ein, dachte Caveira und verdrehte innerlich die Augen. Äußerlich bemühte sie sich jedoch um eine gleichgültige Miene und antwortete: „Könntet ihr ein paar Kerzen anzünden? Ich hab's gern romantisch beim Ficken."
Krachend traf sie Jorges Rückhandschlag im Gesicht und sie wäre wohl mitsamt Stuhl umgefallen, hätten die beiden Wächter sie nicht aufrechtgehalten. Caveira spürte, wie warmes Blut aus ihrer geplatzten Lippe auf ihr Kinn floss und atmete einmal tief durch, bevor sie ihren trotzigen Blick wieder auf den Anführer richtete. Wut zeichnete sich auf seinem Gesicht ab und nachdem sie sich ein kurzes Blickduell geliefert hatten, drehte sich der Mann um und schnappte sich eine rostige Zange vom Tisch.
„Du hast ein loses Mundwerk, du Hure", brüllte er: „Aber das lässt sich beheben."
Er gab einem der Wächter einen Wink, der sofort zu ihr hintrat und einen eisernen Griff um ihren Unterkiefer legte. Brutal drückte er zusammen, zwang ihren Mund auf und entblößte ihre Zunge zur gewaltsamen Amputation.
Stufe zwei, dachte Caveira. Das Anwenden der Instrumente.
Mental bereitete sich auf die bevorstehende Verstümmelung vor. Sie versuchte es zu verhindern, doch je näher ihr Jorge mit seiner Zange kam umso schneller schlug ihr Herz. Ein neuer Adrenalinschub rauschte durch ihre Körper und brachte ihre Glieder zum unkontrollierten Zittern. Verzweifelt warf sie sich hin und her, versuchte sich aus der Umklammerung und den Fesseln zu befreien. Doch es war hoffnungslos. Jorge war nur noch einen Meter entfernt und hob sadistisch grinsend sein Folterwerkzeug, seine Hände näherten sich ihrem Gesicht und nichts konnte ihm mehr aufhalten.
Caveira unterdrückte einen Angstschrei und schloss stattdessen ihre Augen, während sie sich auf den Schmerz vorbereitete. Sie durfte nicht brechen, wiederholte sie in Gedanken. Niemals!
Ein ohrenzerfetzendes Krachen barst durch den kleinen Raum. Schutt und Staub wurden umher geschleudert, während sich der Griff von Caveiras Kiefer löste und Jorge zurückschreckte. Eilig griff er nach der Waffe an seinem Gürte, doch es war zu spät.
Caveira hielt die Augen fest geschlossen, als Elias „Blitz" Kötz in die Kammer stürmte und gleichzeitig die Blendvorrichtung an seinem Schild zündete. Ein heller Lichtblitz blendete Jorge und seine Kameraden, die blind und orientierungslos ins Loch an der Wand feuerten. Es dauert keine Sekunde, dann wurde das Feuer mit unvergleichlicher Präzision erwidert. Die beiden Wächter fielen beinahe gleichzeitig um, ihre Körper durchlöchert von chirurgischen Schüssen. Jorge hingegen kassierte einen Treffer ins linke Knie und ging schreiend zu Boden. Augenblicklich stürmten mehrere bewaffnete Männer in den Raum und sicherten alle Ecken.
„Ich dachte schon, ihr verspätet euch", beschwerte sich Caveira als Buck zu ihr hinlief und ihre Fesseln löste. Jorge, der wimmerndem auf dem Boden lag, wurde derweil von Ela auf die Beine gezogen. Brutal zerrte sie ihn hinüber zu eben jenem Stuhl, vom dem Caveira sofort aufgestanden war. Schnappend schlossen sich die Fesseln.
„Buck, Blitz", rief Thatcher durch die Bruchstelle in der Wand, während ferne Schüsse durch den Gebäudekomplex hallten: „Stoßt zu Capitao und sichert den Südflügel."
Die beiden Operatoren machten sich sofort auf den Weg und übernahmen die Führung über drei schwarz gekleidete BOPE Agenten, die schwer bewaffnet an dem Angriff teilgenommen hatten. Thatcher trat derweil in den Raum und schaute zu Caveira, die sich keuchend die Handgelenkte rieb.
„Alles in Ordnung?", wollte er wissen. Sie nickte und antwortete: „Nächstes Mal könnt ihr ruhig etwas früher reinkommen."
Der Brite erlaubte sich ein Lachen, trat an Jorge vorbei, der halb ohnmächtig in den Fesseln hing, und stellte sich zu ihr. Zwei weitere BOPE Soldaten kamen unterdessen in den Raum. In der Ferne waren immer noch Schüsse zu hören, während das Gebäude gesäubert wurde. Der Plan der brasilianischen Spezialeinheit, einfach die Tür einzutreten, schien also doch zu funktionieren.
„Irgendwelche Informationen?", fragte Thatcher.
„Nichts, was ihr nicht gesehen hättet", antwortete Caveira und deutete auf die in ihrem Hemdknopf versteckte Kamera. Thatcher nickte und murmelte: „Ich hoffe, wir können alles Wichtige sicherstellen."
„Den hier haben wir schon mal", rief Ela und patschte Jorge gelassen mit der Hand auf den Kopf. Im selben Moment rauschte das Funkgerät an Thatchers Schulter und Bucks Stimme meldete sich: „Der Südflügel ist sicher, aber einige Tangos haben sich hinter einer schweren Panzertür verbarrikadiert. Ist mit einem Code gesichert, so schnell kommen wir da nicht durch."
„Verstanden", antwortete Thatcher: „Haltet die Stellung und durchsucht die Umgebung nach Hinweisen. Ich kümmere mich um den Code. Wenn ihr Gefangene habt, bringt sie zu mir in die Folterkammer."
Buck bestätigte und Thatcher wandte sich gemütlich Jorge zu. Der Anführer wimmerte vor Schmerzen, doch er war noch Herr seiner Sinne. Er konnte sie hören und konnte Fragen beantworten. Mehr brauchte es nicht.
„Hey, du", rief Thatcher und riss seinen Kopf nach oben: „Im Keller ist eine Panzertür. Wir brauchen den Code."
Jorge starrte Thatcher, dessen Gesicht hinter einer Gasmaske verborgen war, hasserfüllt an. Bei seinem Sturz hatte sich der Anführer der Mascara Branca eine Kopfverletzung zugezogen und Blut rann über seine rechte Gesichtshälfte nach unten. Schwer atmend knurrte er: „Leck mich am Arsch!"
„Nicht was ich gerne gehört hätte", stellte Thatcher in seinem tiefen britischen Akzent fest: „Aber ich bin sicher, ich kenne jemanden, der sich über deine Antwort freut."
Sein Blick wanderte zu Caveira.
„Ich überlass ihn dir. Hol den Code aus ihm raus, aber bring ihn nicht um. Ela, du hilfst ihr."
Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ die Kammer. Im Vorbeigehen bedeutet er den beiden BOPE Soldaten ihm zu folgen, sodass Caveira und Ela mit Jorge allein waren. Schelmisch grinsend bewegte sich die Brasilianerin in das Blickfeld des Anführers und stellte sich neben Ela, die mit verschränkten Armen dastand. Jorge hielt den Blicken der beiden nicht stand und senkte unter Schmerzen den Kopf.
„Hey", rief Caveira: „Hier spielt die Musik!"
Dabei beugte sie sich zu dem dicken Mann hinunter und stütze sich absichtlich auf seinem verletzten Knie ab, was ihm einen lauten Schmerzensschrei entlockte. Anschließend richtete sich seine Aufmerksamkeit wieder auf die beiden Operatorinnen.
„Also", fuhr Caveira fort, während Ela an die Wand gelehnt zuschaute: „Ich versuch dir die Lage möglichst simpel zu erklären, damit dein beschränktes Scheißhirn auch alles mitkriegt."
Ela lachte leise in sich hinein. Natürlich wusste sie, dass Folter gemäß der Genfer Konvention und anderer Abkommen strengstens verboten war. Sie wusste auch, dass Caveira das wusste. Und zu guter Letzt wusste sie auch, dass es niemanden kümmerte, weder BOPE, noch Thatcher und am allerwenigsten Six.
Der Mann, der hier an den Stuhl gefesselt saß, hatte selbst zahllose Leute gefoltert und hielt wichtige Informationen zurück. Alles was er tun musste, war den Code herauszugeben und die Tortur wäre bereits zu ende, bevor sie überhaupt begonnen hatte.
„Im Südflügel gibt es eine Panzertür", erklärte Caveira: „Ich weiß nicht, ob du es vorhin mitbekommen hast, aber da würden wir gerne durch und das möglichst schnell. Um das zu tun, brauchen wir einen Code, von dem ich weiß, dass er sich da oben drin verbirgt."
Caveira hatte ein Messer gezogen und drückte es nun mit der Spitze voraus gegen die Stirn des dicken Anführers. Ein blutiges Rinnsal floss über Jorges Gesicht nach unten, doch der Mann knurrte nur wütend.
„Sobald wir schwereres Gerät hier haben, kommen wir ohnehin hinein", stellte Caveira sachlich fest und nahm das Messer von seiner Stirn: „Du kannst uns lediglich für ein paar Stunden aufhalten. Aber um ehrlich zu sein..." Sie rammte Jorge das Messer in die Verletzung und ein erstickter Schrei hallte durch den Raum. „Um ehrlich zu sein, hoffe ich, dass du durchhältst."
Caveira zog das Messer wieder heraus und forderte: „Der Code. Wie lautet er?"
„Fick dich", keuchte Jorge und spuckte vor ihr aus. Die Brasilianerin hob nur eine Augenbraue, drehte sich um und stellte sich an den Tisch mit den aufgereihten Folterwerkzeugen. Wählerisch ließ sie ihre Hand über die Instrumente gleiten, während sie eine sanfte Melodie summte.
Ela, die immer noch beobachtete, wusste zwar, dass Caveira einiges an Erfahrung mit Verhören hatte, doch die pure Gleichgültigkeit, mit der die Brasilianerin hier Schmerzen zufügte, überraschte sie letzten Endes doch. Die Polin wäre nie auf die Idee gekommen ein Lied anzustimmen, während sie durch eine Folterwerkzeugsammlung stöberte.
„Hey, Ela. Was hältst du von dem Teil?" fragte Caveira und hielt ein dreckiges Skalpell nach oben. „Was glaubst du, wo würde das am meisten wehtun?"
Ela zuckte nur mit den Schultern, machte eine Geste in Richtung ihres Schritts und sagte: „Er ist ein Kerl. Da gibt es eine spezielle Stelle, die alle anderen trumpft."
Caveira setzte ein teuflisches Grinsen auf und schaute kurz hinüber zu Jorge, dessen Gesicht bereits alle Farbe verloren hatte. Ob es wegen des Blutverlusts oder aus Angst geschah, das wusste Caveira nicht. Sie wette jedoch auf Letzteres. Dabei hatte sie ihn noch gar nicht wirklich angefasst. Wie so oft war die erste Stufe, das Vorzeigen der Instrumente, bereits unglaublich wirksam, wenn man sie richtig ausführte: langsam, detailreich und möglichst sadistisch.
„Ich weiß nicht", überlegte Caveira laut und legte das Gerät zurück: „Ich glaube, da gibt es bessere Werkzeuge. Hey, schau dir mal das hier an."
Sie hielt eine seltsame Zange in die Höhe.
„Wirklich eine beeindruckende Sammlung, Jorge", murmelte Caveira und drehte sich zu dem Anführer um. Sein angsterfüllter Blick war auf das Gerät in ihrer Hand fixiert und zufrieden bemerkte die Operatorin, dass er bereits am ganzen Körper zitterte. Vielleicht würde sie ihn gar nicht weiter behandeln müssen.
„Ich frage nochmal", rief sie und ging langsam auf den gefesselten Mann zu. Dabei ließ sie die Zange ein paar Mal auf und zu schnappen. „Wie lautete der Code?"
Jorge schien wirklich hin und hergerissen zwischen Durchhalten und Auspacken. Am Ende war seine Wahl jedoch immer noch die Alte.
„Leck mich am Arsch, du Hure."
Ela schüttelte im Hintergrund leicht den Kopf und senkte ihren Blick auf den Boden. Nicht, dass sie keine Gewalt ertragen konnte, doch es erschien ihr unnötig, Grausamkeiten mitanzusehen, wenn es sich vermeiden ließ.
„Hure", murmelte Caveira in einem gefährlich ruhigen Ton: „Schon wieder dieses Wort. Das hast du mich jetzt schon - wie oft - zwei, dreimal genannt?"
Sie stellte einen Fuß auf Jorges Knie, natürlich das Verletzte, und beugte sich wieder zu ihm hinunter. Grob packte sie ihn and den Haaren und riss seinen Kopf in den Nacken.
„Vor Frauen scheinst du wirklich keinen Respekt zu haben", sagte Caveira: „Selbst, wenn sie für dich kämpfen wollen, grabscht du sie noch mit deinen schmierigen, kleinen Drecksfingern an. Aber ich werde dich schon lehren…"
Sie zückte ihr Messer mit der linken Hand und ließ es nach unten fahren, direkt zwischen Jorges Beine. Zielgenau krachte die Klinge in die hölzerne Sitzfläche, nagelte den Stoff der Hose an den Stuhl, verfehlte jedoch seine Genitalien um wenige Millimeter.
„Der Code?", fragte Caveira erneut, als sie jedoch bemerkte, dass der Anführer einen Moment lang zögerte, riss sie ihr Messer sofort nach hinten und schlitzte seine Hose auf. Brutal riss sie am Stoff, sodass der Mann wenig später mit entblößtem Unterleib dasaß.
„DU HURE!", brüllte Jorge mit zitternder Stimme: „ICH MACH DICH FERTIG! HÖRST DU? ICH…"
„Halt die Schnauze", rief Caveira und rammte ihm den Knauf des Messers gegen den Hals, sodass er keuchend nach Luft schnappte. „Du sprichst nur, wenn du gefragt wirst. Und wenn ich dir jetzt gleich deine dreckigen, kleinen Eier amputiere, machst du keinen Mucks. Verstanden?"
Jorge holte immer noch schwer atmend Luft, doch sein hasserfüllter Blick war inzwischen einem ängstlichen Starren gewichen. Wimmernd riss er an den Fesseln, als Caveira mit ihrer Zange nach unten zwischen seine Beine langte.
„Nein", hustete er: „Bitte, ich…"
„Hast du mich nicht verstanden?", rief Caveira, legte eine Hand um seine Hals und drückte zu. Kurz bevor er ohnmächtig wurde ließ sie wieder los, sodass Jorge schlaff zusammensackte. Hustend holte er tief Luft, bevor ihm im nächsten Moment der Kopf nach oben gerissen wurde. Caveiras Gesicht war nun wenige Zentimeter von seinem entfernt und sie flüsterte: „Letzte Chance für deinen Schwanz, Amigo." Sie betonte das letzte Wort mit besonderer Gehässigkeit. „Der Code!"
Jorge krächzte etwas Unverständliches und Caveira schlug ihm mit aller Kraft ins Gesicht.
„Lauter" brüllte sie ihn an und machte bereits Anstalten, wieder nach unten zwischen seine Beine zu langen. Doch Jorge schüttelte sich hin und her und rief mit gebrochener Stimme: „Fünf, Drei, Acht, Vier, Zwei, Neun, Eins."
„Na also, geht doch", sagte Caveira sachlich und griff nach ihrem Funkgerät: „Aber ich muss wirklich sagen, ich bin enttäuscht. Wenigstens eine halbe Stunde hätte ich mir schon erwartet. Schade."

„Verstanden", bestätigte Capitao und signalisierte seinen Männern, sich bereitzuhalten. Blitz und Buck waren ganz vorne mit dabei, zusammen mit sechs BOPE Kämpfern, die sich links und rechts neben der dicken Stahltür postiert hatten
„Wir haben den Code", sagte Capitao und entsicherte sein Sturmgewehr: „Haltet euch bereit. Blitz führt an, ich und Buck folgen. BOPE übernimmt die Sicherung. Alles klar?"
Die Männer nickten angespannt und Capitao wandte sich dem Eingabefeld zu. Es bestand aus zwölf Knöpfen unter einem schmalen Bildschirm, der die eingegebenen Zahlen anzeigte. Hastig tippte der Operator den Code ein, hielt jedoch inne, bevor er auf die Bestätigungstaste drückte.
„Wir wissen nicht, wie viele noch da drin sind", sagte er: „Also seid vorsichtig und gebt euch gegenseitig Rückendeckung."
Dann presste er kräftig gegen den grünen Schalter und ein lautes Piepen ertönte, gefolgt vom hörbaren Zurückweichen der schweren Metallriegel, die die Tür verschlossen hielten. Einen Moment später schwang die schwere Vorrichtung auf und gab den Weg frei. Blitz sprang sofort in die Bresche und noch bevor er den dahinterliegenden Raum vollständig betreten hatte, prallten bereits Schüsse gegen seinen Schild.
Ein greller Blitz zuckte durch die Dunkelheit, als der Operator erneut die Blendvorrichtung einsetzte und Capitao wagte einen Blick in den Raum hinein. Mit angelegter Waffe zählte er zwei Feinde, einer der beiden blind in die Gegen schießend, der andere mit hochgehobenem und schützend vor die Augen gelegtem Arm. Es dauerte keine Sekunde, bis die beiden maskierten Männer den präzisen Schüssen aus den Waffen der Angreifer zum Opfer fielen. Krachend explodierten ihre Köpfe und die leblosen Leiber wurden zu Boden geschleudert.
„Vorwärts", kommandierte Capitao und Blitz bewegte sich eilig, doch vorsichtig nach vorne. Hinter ihm drängten sofort die anderen Teammitglieder in den Raum und deckten mit erhobenen Gewehren jeden möglichen Angriffswinkel ab. Capitao sicherte die linke Seite, Buck übernahm die Rechte.
Der Raum, in dem sie sich befanden, schien so etwas wie eine Werkstatt zu sein. Auf mehreren Tischen lag eine Vielzahl an Werkzeugen, in einer Ecke stand ein Server mitsamt drei Computern und ein paar dicke Kabel führten einen langen Gang entlang. Blitz drehte sich in Richtung des Korridors, während seine Kameraden den Bereich durchsuchten.
„Sauber" rief Buck und Capitao stellte sich hinter Blitz. Mit einem schnellen Schulterklopfen signalisierte er, dass das Team bereit war, vorzurücken und Blitz setzte sich in Bewegung. Langsam setzte er einen Schritt vor den anderen, den Blick stets auf die Biegung am Ende des Ganges gerichtet. Keine einzige Tür führte nach links oder rechts, es gab also keinen anderen Weg den weitere Feine hätten einschlagen können.
Gerade als Blitz kurz auf die Kabel hinunterschaute und sich fragte, zu welcher Maschine sie wohl gehörten, sprang ein maskierte Mann am Ende des Ganges hervor und richtete eine Pistole auf die anrückenden Angreifer. Krachend schlug der erste Schuss gegen den Einsatzschild des deutschen Kämpfers, der zweite und dritte gingen daneben, doch niemand wurde getroffen. Buck und Capitao erwiderten gleichzeitig das Feuer, aber der Feind war bereits in Deckung gehastet.
„Augen auf", rief Capitao: „Es ist noch nicht vorbei."
Blitz bewegte sich nun etwas schneller und aggressiver nach vorne. Er wollte Druck auf den Feind ausüben, sein Feuer auf sich ziehen und ihn zu einem Fehler verleiten. Buck würde nur eine halbe Sekunde lang ein klares Schussfeld benötigen, um den Kampf zu beenden.
Energisch drängt Blitz vorwärts und bewegte sich angriffslustig um eine Ecke, doch der dahinterliegende Gang war leer. Am Ende befand sich eine schmale Tür und der Deutsche konnte gerade noch sehen, wie sie ins Schloss geworfen wurde. Aber das war kein Problem. Dieses Mal handelte es sich nicht um eine schwere Pforte vom Kaliber der Eingangstür, es war lediglich eine schwache Holzkonstruktion. Bucks Unterlaufschrotflinte würde kurzen Prozess mit dem Schloss machen.
Eilig lief Blitz nach vorne, hielt gleichzeitig Ausschau nach Fallen und Stolperdrähten und stellte sich letztendlich geradewegs vor den verschlossenen Eingang. Er tauschte zuerst einen Blick mit Buck aus, der seine Waffe bereits auf die Tür angelegt hatte. Dann schaute er zu Capitao, der den Finger im Auslöser einer Blendgranate hatte.
Der Brasilianer nickte seinen beiden Kameraden bestätigend zu und beinahe sofort knallte der Schuss aus Bucks Schrotflinte durch den Gang. Holzsplitter prallten gegen Blitz´s Schild und mit einem kräftigen Stoß rammte er das schwere Teil gegen die Tür, die sofort aufflog. Capitao zog den Stift aus der Blendgranate und warf sie in einer flüssigen Bewegung durch den entstandenen Spalt. Blitz wandte sich kurz ab, hörte einen lauten Knall und stürmte dann als erster durch die Tür.
„Geisel", rief Blitz, als sein Blick auf einen gefesselten Zivilisten fiel, der mitten im Raum in eine seltsame Vorrichtung geschnallt war. Er hatte schwarze Haare, trug ein zerrissenes Hemd und schien seine Umgebung kaum wahrzunehmen. Stöhnend ließ er den Kopf hängen. Das Geräusch bedeutete jedoch, dass er noch am Leben war.
Er saß auf einer, an einen elektrischen Stuhl erinnernden Maschine. Kopf, Arme und Beine waren von Elektroden übersäht und die Kabel aus dem vorherigen Raum schienen an die Vorrichtung angeschlossen zu sein. Von ihr aus liefen weitere Kabel zu einer silbernen Kugel, die auf drei langen Beinen etwa zwei Meter über dem Boden gehalten wurd.
„Was zur Hölle", murmelte Buck, der hinter Blitz durch den Türspalt gekommen war. Sein Blick glitt durch den Raum und auf der rechten Seite entdeckte er den letzten Feind, der geblendet einen Arm vor das Gesicht gerissen hatte. Seine Pistole zielte in etwa in Richtung der Angreifer, hätte jedoch selbst dann niemanden getroffen, wenn sie geladen gewesen wäre. Ein leises Klicken ertönte jedes Mal, wenn er in Verzweiflung den Abzug betätigte.
Capitao kam nun ebenfalls in den Raum und sicherte die andere Seite, während Buck schnell zu dem Kerl hinüberlief und ihm den Schaft seines Sturmgewehrs ins Gesicht rammte. Mit einem Schrei fiel der Junge zu Boden und Buck riss ihm sofort die Waffe aus der Hand, bevor er ein Knie auf seiner Brust platzierte.
„Sicher", rief Capitao, woraufhin zwei BOPE Kämpfer zu dem entwaffneten Feind hinüberliefen, ihn an den Armen packten und auf die Knie zwangen. Buck riss ihm die weiße Maske vom Kopf und das Gesicht eines siebzehnjährigen Jungen kam zum Vorschein. Blitz bemerke, dass er abgesehen von der Maske nicht die übliche Kampfausrüstung trug. Stattdessen steckte sein Oberkörper in einem Trikot des FC Barcelona. Kopfschüttend wandte er sich ab und ging auf die gefesselte Geisel zu, während Capitao zu seinem Funkgerät griff.
„Hier Capitao", sagte er: „Wir sind durch. Der Südflügel ist sicher. Wir haben eine Geisel sichergestellt und einen Tango lebend erwischt."
„Verstanden", meldete sich Thatchers Stimme rauschend durch das Gerät: „Gute Arbeit. Bringt euren Gefangenen zu Caveira und die Geisel nach draußen."
„Jawohl", sagte Capitao und drehte sich zu dem gefesselten Mann um. Buck hatte dem Jungen, der mit Tränen in den Augen auf dem Boden kniete, mittlerweile Handfesseln angelegt und riss ihn nun grob auf die Beine. Zusammen mit einem der BOPE Kämpfer brachte er ihn davon.
Blitz hatte sich unterdessen der Geisel genähert und stellte seinen Einsatzschild ab. Er zog sich den Handschuh von seiner rechten Hand und fragte laut: „Können sie mich hören?"
Der Mann versuchte den Kopf zu heben, schien jedoch zu schwach zu sein.
„Hallo?", sagte Blitz laut und deutlich: „Verstehen sie mich?"
„Ja", krächzte der gefesselte Mann entkräftet und mit rauer, fast unhörbarer Stimme.
„Wir holen sie hier raus", erklärte Blitz und versuchte die Aufmerksamkeit des jungen Mannes auf sich zu halten. Sein Körper war übersäht mit Wunden und Blutergüssen, die zweifellos von Misshandlung und Gewalt stammten. Er war gefährlich schwach. Es war wichtig, dass er bei Bewusstsein blieb.
„Wie heißen sie?", fragte Blitz und zog sich nun auch den anderen Handschuh aus. Der junge Mann versuchte erneut den Kopf zu heben, was ihm dieses Mal auch gelang. Blutunterlaufenen Augen starrten den deutschen Operator an und schwach antwortete er: „Jake Park"
„Alles klar, Jake, bleiben sie bei mir", sagte Blitz und legte eine Hand an den linken Arm des Gefangenen. Gerade als er die Fesseln lösen wollte, bemerkte er einen dunklen Nebel, der sich rasch ausbreitete und von der silbernen Kugel zu kommen schien.
„Verdammte…", fluchte Blitz, bevor er sich umdrehte und brüllte: „GAS, GAS, GAS!"
Das restliche Team reagierte sofort und zog sich aus dem Raum zurück. Capitao befahl Blitz noch ihm zu folgen, doch der Deutsche hatte sich anders entschieden. Der schwarze Dunst bedeckte bereits den Boden, doch er würde die Geisel nicht zurücklassen. Eilig öffnete er die Fesseln, zuerst an den Füßen, dann an den Händen, bevor er sich den Jungen über die Schulter warf und auf die Tür zu stolperte. Auf halb weg blieb er jedoch stecken, ganz so, als ob sein linker Fuß in einer Falle gefangen wäre.
„Was geht hier vor?", knurrte Blitz und schaute nach unten. Im dunklen Gas konnte er nichts erkennen, doch sein linkes Bein rührte sich keinen Zentimeter. Immer weiter stiegen die finsteren Schwaden nach oben und drangen bereits aus dem Raum hinaus in den Gang. Capitao, der an der Tür kehrt gemacht hatte, stellte sich dem Gas entgegen und rief: „Komm raus da, Blitz!"
„Ich kann nicht", antwortete der Operator: „Ich stecke fest."
Panisch schaute er nach unten und versuchte zu erkennen, was sein Bein festhielt. Dann ließ er seinen Schild fallen und fuhr mit der Hand hinunter in den schwarzen Dunst, wo er hastig an seinem Bein entlangtastete. Doch gerade die Finger auf seinen Stiefel trafen, schienen sie taub zu werden und er konnte nichts mehr fühlen. Unterdessen stieg das Gas immer weiter an.
Capitao wich nun einen Schritt zurück, als der in den Gang hinausflutende Nebel seine Hüften erreichte. In der Kammer war es mittlerweile auf Brusthöhe angestiegen und mit wachsender Panik fühlte Blitz, wie sich seine Glieder zunehmend seiner Kontrolle entzogen. Was war das für eine verdamme Substanz?
„BLITZ", rief Capitao und wich noch einen Schritt zurück, doch er konnte nichts anders tun als zuzusehen, wie sein Kamerad und die Geisel immer weiter in dem schwarzen Gas versanken. Innerhalb von Sekunden stieg der Dunst auf Schulterhöhe, dann reichte er Blitz bis an die Augen und schließlich verschwand der Soldat vollends in der undurchdringlichen Substanz. Capitao blieb allein zurück.

„Mmmm, die sind wirklich hervorragend", sagte Claudette: „Und das hast du von deiner Mutter gelernt?
„Sie steht hinter der Theke im Two Whales", antwortete Chloe schulterzuckend und wendete gekonnt einen weiteren Pancake in der Pfanne: „Das ist ihr Job. Und da hat sie mir eben ein paar ihrer Tricks gezeigt."
„Offenbar fällt der Apfel wirklich nicht weit vom Stamm", bemerkte Claudette: „Ich habe auch die Kochkünste meiner Mutter geerbt. Nämlich gar keine."
„So schlimm wird's nichts sein", warf Max ein, doch die Kanadierin schüttelte den Kopf: „Nein, glaub mir. Es ist so schlimm."
„So" sagte Chloe und platzierte den letzten Pancake auf einem Teller, den sie umgehend aufnahm und zum Tisch herüberging. Gemütlich setzte sie sich und begann ihre Kreation zu verspeisen, während sie sich an Claudette wandte: „Jetzt erzähl uns doch mal ein bisschen über dich. Nach dem heutigen Tag kommst du mir richtig korrekt vor. Aber du sagst nicht viel."
„Chloe!", rief Max und versetzte ihrer unverschämten Freundin einen Tritt unter dem Tisch.
„Au! Ich will sie doch nur etwas besser kennenlernen."
„Dann geh das nächste Mal ein bisschen galanter vor", mahnte Max, doch Claudette mischte sich vorsichtig ein: „Schon gut. Ich schätze, ich bin wirklich nicht von der gesprächigen Truppe. Was willst du wissen?"
„Du kommst aus Kanada?"
„Aus Montreal", betätigte Claudette: „Ich bin dort aufgewachsen und zum Studieren in die USA gezogen."
„Was studierst du denn?"
„Master in Botanik"
„Du meine Güte", sagte Max und schenkte Claudette ein Lächeln: „Naturwissenschaften waren nie meine Stärke. Ich kann mir vorstellen das Studium ist schwierig genug."
„Ich weiß nicht", sagte Claudette unsicher: „Eigentlich komme ich ganz gut zurecht."
„Was ist schon schwierig, wenn man es kann?", fragte Chloe grinsend und Max fügte hinzu: „Chloe hier war früher einmal eine Topschülerin. Klassenbeste ins fast allen Fächern."
„Wirklich?"
„Jep", bestätigte das blauhaarige Mädchen.
„Und jetzt?", wollte Claudette vorsichtig wissen.
„Jetzt bin ich suspendiert wegen ungebührlichem Verhalten oder so was", antwortete Chloe achselzuckend.
„Was ist passiert?", fragte die Kanadierin. Max und Chloe wechselten einen schnellen Blick, bevor letztere antwortete: „Mein Vater ist gestorben. Das hat mich für einige Zeit etwas aus der Bahn geworfen."
„Oh, das tut mir leid. Ich… Ich wusste nicht…"
„Schon in Ordnung", sagte Chloe: „Aber wir schweifen vom Thema ab. Eigentlich wollte ich etwas über dich erfahren. Kanadierin aus Montreal also und zum Studieren in die USA gezogen. Ich schätze Max kann froh sein, dass sie dich hier hat."
„Warum das?"
„Na, für den Fall, dass ihr irgendjemanden trefft, der kein Englisch spricht"; erklärte Choe: „Oder dass sie mal irgendein französisches Dokument ausfüllen muss. Du bist doch perfekt zweisprachig."
„Das ist wahr", sagte Max und Claudette nickte. Chloe fragte sofort weiter: „Also. Du hast einen Freund erwähnt. Wie heißt er? Scharfer Typ?"
„Ähm, sein Name ist Dwight Fairfield", murmelte die Kanadierin zögerlich: „Ob er scharf ist? Ich… Ich finde ihn ganz süß."
„Wie lange seid ihr schon zusammen?"
„Zwei Jahre"
„Zwei Jahre?", rief Chloe anerkennend: „Nicht schlecht. Ich glaube das ist länger als jede Beziehung, die ich jemals hatte."
„Bestimmt" sagte Max und lachte in sich hinein. Chloe schenkte ihr keine Beachtung, sondern hakte weiter nach: „Wie habt ihr euch kennengelernt?"
„Das ist eine lange Geschichte", lachte Claudette und schwelgte kurz in Erinnerungen. Chloe erwiderte: „Macht nichts, wir haben Zeit."
„Ihr würdet mir ohnehin nicht glauben."
„Warum nicht?", fragte Chloe: „Verdammt, ich wittere eine richtig gute Story. Los, raus damit."
„Ich weiß nicht", stammelte Claudette unsicher und bevor Chloe weiterfragen konnte, sprang Max schützend ein: „Wenn sie es für sich behalten will, dann ist das in Ordnung."
„Ja, natürlich", sagte Chloe sichtlich enttäuscht: „Aber das klingt nach einer romantischen Geschichte."
„Nicht wirklich", murmelte Claudette.
„Nein. Eine dreckige also?"
„Chloe!"
„Ich hör ja schon auf."
Bevor das Gespräch weitergehen konnte, pochte es an der Tür. Drei laute Schläge hallten durch die WG und die drei Mädchen wandten ihre Köpfe. Überrascht wechselten sie einige Blicke, bevor Chloe fragte: „Wer ist das?"
„Keine Ahnung", sagte Max: „Die Vermieterin vielleicht. Mach doch auf."
„Glaubst du wirklich?", fragte Chloe: „Das klang nicht nach ihr."
Nichtsdestotrotz erhob sie sich und ging zur Tür hinüber.

„Bringt euren Gefangenen zu Caveira und die Geisel nach draußen", kommandierte Thatcher und wenig später rauschte Capitaos Stimme durch das Funkgerät: „Jawohl"
Der alte Brite nickte und wandte sich wieder dem Schreibtisch vor ihm zu. Anhand der Übertragung von Caveiras versteckter Kamera hatte er den Raum als Büro des Anführers identifizieren können und nun ging er nacheinander die Dateien und Dokumente durch, die auf dem Tisch lagen. Sein Auge suchte nach wertvollen Informationen, nach Plänen zu zukünftigen Attentaten und Standorten anderer Stützpunkte. Alles, was Rainbow irgendwie dabei helfen konnte den White Masks das Handwerk zu legen.
BOPE würde zweifellos alle gefundenen Objekte für sich beanspruchen, weshalb Thatcher jedes wichtige Detail vorher sicherstellen wollte. Es war nicht so, dass er BOPE nicht vertraute, aber aus langjähriger Erfahrung wusste der alte Soldat, dass Wissen besser war. Sein Blick hob sich kurz, als Caveira und Ela in den Raum traten.
„Ich habe gerade einen Gefangenen zu euch geschickt", sagte Thatcher: „Naja, sie werden uns hier schon finden."
Caveira zuckte mit den Schultern.
„Jorge hat alles herausgegeben, was wir wissen wollten", sagte sie: „Benötigen wir noch andere Informationen?"
„Keine von denen wir wüssten", antwortete Thatcher und senkte seinen Blick wieder auf die Dokumente. Der Reihe nach untersuchte er die Beschriftungen und überflog die Namen und Zahlen.
„Aber unsere Aufklärung war schlampig. Es könnte also gut sein, dass irgendeiner von denen etwas weiß, was uns vielleicht interessieren könnte. Zum Beispiel eine weitere Geisel."
„Wir haben eine Geisel sichergestellt?", fragte Ela und Thatcher nickte. Beiläufig antwortete er: „Ich will, dass ihr Jorge und den anderen Gefangenen noch einmal aushorcht. Sie sollen euch alles sagen, was sie wissen. Mach ihnen ein bisschen Druck, Caveira, aber keine allzu schweren Verletzungen."
„Hast du Angst, dass Amnesty International um die Ecke kommt und schlechte Presse macht?", spottete die Brasilianerin. Thatcher sah etwas genervt auf und sagte: „Nein, aber trotzdem müssen wir keine Leute foltern, wenn´s sich vermeiden lässt. Hast du verstanden?"
„Klar und deutlich", sagte Caveira, machte kehrt und verließ den Raum. Ela wollte ihr bereits folgen, wurde jedoch von Thatcher zurückgehalten.
„Ela, meine Gute", sagte er: „Ich glaube, Caveira schafft das auch allein. Hilf mir doch hier mit diesen Ordnern." Murmelnd fügte der alte Brite hinzu: „Verdammt, ich hätte meine Lesebrille mitbringen sollen."
Die Polin nickte, ging wieder zurück in den Raum und umrundete den massigen Schreibtisch. Dem Briten gegenüber ließ sie sich in Jorges bequemen Sessel fallen und lehnte sich entspannt zurück.
„Sieht so Arbeit aus?", wollte Thatcher wissen. Ela legte den Kopf ein wenig schief und antwortete mit einem verstohlenen Grinsen: „Wenn´s sich arrangieren lässt. Warum haben wir in unseren Basen eigentlich keine solchen Sessel?"
„Weil wir keine Kartellbosse sind", entgegnete Thatcher kühl: „schau mal, was du in den Schubladen findest."
Ela langte nach unten und legte die Hand um den Griff einer der Schubladen. Sie musste einmal kräftig ziehen, doch das Fach war glücklicherweise nicht verschlossen. Auch hier befand sich eine Reihe an Dokumenten, Plänen und Unterlagen.
„Der Kerl muss wohl wichtig gewesen sein", murmelte Ela und Thatcher nickte: „Aye, wir haben einen guten Fang gemacht. Wenn wir hier nichts Wichtiges finden, geh ich für ein Jahr auf Alkoholentzug."
„Ich nehme dich beim Wort", lachte Ela und durchsuchte die Schublade. Zwar glaubte auch sie an das Vorhandensein wertvoller Informationen, doch bisher handelte es sich eher um Verträge, Listen, Briefe und Abkommen mit örtlichen Verbrecherorganisationen. Interessant für BOPE, weniger interessant für Team Rainbow.
„Also hier ist nichts", stellte Ela fest und schob die Schublade wieder zu. Dann griff sie einen viertel Meter tiefer und öffnete die nächste: „Vielleicht haben wir hier unten mehr…"
Sei brach mitten im Satz ab und Thatcher sah überrascht auf.
„Etwas gefunden?"
Zur Antwort zog Ela nur einen hellbraunen Umschlag aus der Schublade und legte ihn auf den Tisch. Thatcher warf einen schnellen Blick auf das Dokument, bevor einen überraschten Blick mit der Polin wechselte.
Warum befand sich das Wappen des FBI auf einem Umschlag in einem Schreibtisch eines brasilianischen Paramilitärs?
Ela schaute nach unten und zog weitere Umschläge hervor, allesamt mit demselben Adlersymbol gekennzeichnet. Auf jedem einzelnen prangte in roten Lettern die Aufschrift: „Top Secret"
„Was zur Hölle?", murmelte Thatcher und hob eines der Dokumente auf. Er schaute kurz zu Ela und dann wieder auf den Umschlag. Dann riss er das Papier von oben nach unten auf und fischte die enthaltenen Zettel heraus. Anschließend schwieg er für eine Weile.
„Und?", fragte Ela: „Was steht da?"
„Das ist eine Personalakte", sagte Thatcher: „Ihr Name ist Anna, der Nachname ist unbekannt. Sie ist Russin, aber hier steht, dass sie über keine Staatsbürgerschaft verfügt."
Thatcher zeigte Ela den Zettel und das Foto einer jungen Frau mit markanten Gesichtszügen.
„Als Anmerkung steht hier außerdem, dass sie häufig eine Hasenmaske trägt", sagte Thatcher: „Was zum…"
„Ist sie eine wichtige Person?"
„Nein. Keine Soldatin, Politikerin, Managerin oder sonst was. Zumindest steht hier nichts."
Ela schnappte sich nun eine weitere Datei und zog rasch die Zettel hervor. Schnell überflog sie die Akte einer weiteren Frau.
„Sally Smithson", las sie vor: „Amerikanerin. Augenfarbe… Orange?"
Sie betrachtete verwirrt das Bild einer Frau mit einer hässlichen Narbe quer über das Gesicht. Dann richtete sie ihren Blick zu Thatcher, der eine weitere Datei geöffnet hatte.
„Meg Thomas. Ebenfalls Amerikanerin." Der Brite hob den Kopf. „Kennst du eine dieser Personen?"
Ela schüttelte den Kopf und öffnete eine vierte Akte.
„Max Thompson", las sie vor: „Auch ein Ameri… Was zum Teufel ist das?"
Schockiert drehte sie das Papier um und zeigte Thatcher das Bild eines Monsters, das mit kalten Augen in die Kamera starrte.

Blitz ließ eilig die Geisel von seiner Schulter gleiten und griff hastig nach seiner Pistole. Er befand sich im Dunkeln. Der Nebel hatte ihn zwar umschlossen, doch nun war er mit einem Mal verschwunden. Blitz war blind, beinahe taub, ohne sein Schild so gut wie schutzlos und ein schmerzhafter Tinnitus hatte sich seiner Ohren bemächtig. Er wusste nur eines: Dies war kein Ort in den Favelas.
Er spürte feuchtes Gras unter seinen Füßen und als er nach links wich, stieß er mit der Schulter gegen etwas, das sich wie ein Baum anfühlte. Doch er konnte nichts sehen. Selbst, als er die an seiner Pistole befestigte Taschenlampe anmachte. Das Gas musste ihn geblendet haben. Oder…
War er tot?
Nein, das konnte nicht sein. Er hatte immer noch die Geisel auf seiner Schulter gehabt, er steckt immer noch in seiner Kampfausrüstung und dies war ganz sicher nicht das Jenseits. Verdammt, was ging hier vor? Gequält legte er eine Hand an den Kopf, als das Surren immer lauter wurde.
„CAPITAO", rief Blitz und drehte sich um.
Niemand antwortete.
Gerade als er fluchend die Waffe senken wollte, hörte er tappsende Schritte und das Knacken eines brechenden Zweigs. Sofort legte er die Pistole wieder an.
„Wer ist da?"
„Ich" gackerte eine krächzende Stimme und jemand schien auf einen Baum zu klettern. Blitz versuchte den Geräuschen mit seiner Waffe zu folgen, doch er wäre beinahe über die Geisel gestolpert, die bewusstlos neben ihm im Gras lag.
„Sie haben´s also geschafft", grummelte die Stimme nun etwas über ihm: „Verfluchte Rotzlöffel."
„Wer bist du?", rief Blitz: „Warum bin ich blind?"
„Weil du hier nicht willkommen bist", antwortete die Stimme und lachte gackernd: „Du musst fort von hier."
„Was zum Teufel…", fluchte Blitz: „Wo bin ich überhaupt?"
„Im Nebel", krächzte die Stimme: „Hier, nimm."
Fast hätte sich ein Schuss gelöst, als plötzlich das Gewicht der Geisel auf Blitz´s Schulter landete und ihn aus dem Gelichgewicht brachte. In einer Schrecksekunde fuhr er herum und hielt nach der Person Ausschau, die ihm den Mann aufgeladen hatte. Doch es half nichts, er konnte nichts erkennen. Seine Augen waren vollkommen blind, während das Surren in seinen Ohren ins Unerträgliche gewachsen war.
„Komm", gackerte die Stimme und Blitz suchte erfolglos nach der Sprecherin. Für einen Moment hörte er ein Geräusch, das klang, als würde jemand etwas in den harten Boden kratzen. Dann schnappte jemand seinen Arm und zog ihn mit sich.
„Hier geht's raus", erklärte die Stimme: „Wenn du wieder draußen bist, geh zu Benedict Baker vom FBI und sag dem netten Herrn, dass er ein Problem hat."
„Was?"
„Und schöne Grüße von Lisa."
Plötzlich löste sich der Griff an seinem Arm und Blitz stolperte rückwärts. Hart prallte er auf den Boden auf und als er die Augen aufschlug erkannte er eine steinerne Decke über sich.
„Blitz!", rief jemand und augenblicklich tauchte Capitao über ihm auf: „Blitz, alles in Ordnung?"
„Wer war das?", fragte Blitz panisch, doch Capitao schien ihn nicht zu verstehen.
„Von wem sprichst du?"
Der Deutsche setzte sich auf und richtete den Blick auf die Kammer, aus der er soeben eine Geisel befreit hatte. Jake lag rechts neben der Tür, die seltsame Vorrichtung im Inneren stand nutzlos und verlassen da. Der schwarze Nebel hingegen hatte sich beinahe verflüchtig.
„Was zur…"
„Blitz, was ist passiert?", wollte Capitao besorgt wissen. Der Deutsche schüttelte kurz den Kopf um seine Erinnerungen zu ordnen, doch es half nichts. Er konnte keinen Sinn in den Ereignissen finden. Unsicher schaute er zu Capitao.
„Ich habe keine Ahnung." Er riss sich unbeholfen den Helm vom Kopf. „Kennst du einen Benedict Baker?"

Meg lehnte sich nach vorne und entschwebte in Chris Umarmung. Sie umfasste seinen kräftigen Oberkörper, fühlte seine tiefen Atemzüge und spürte das Herz unter seiner Brust schlagen. Mit jedem Kuss pulsierte es schneller und drückte sein hemmungsloses Verlangen nach ihr aus. Ungestüm folgte der Athlet seinen Trieben. Schmerzhaft drückte er Meg gegen den Tisch, der gefährlich wackelte, doch es war ihr egal. Es war schon zu lange her, dass sie jemanden geküsst hatte und dass sie von jemandem begehrt worden war.
Ein Schrei gellte durch die Nacht.
„Chris", flüsterte Meg erschrocken und versuchte sich von ihm zu lösen. Er bemerkte sie gar nicht, sondern drängte weiter auf sie ein.
„Chris", rief sie energisch und drückte ihn von sich weg: „Hör auf."
„Was ist los?", fragte der Athlet, doch im selben Moment zuckte er erschrocken zusammen als ein lauter Knall die Luft zerriss. Meg schaute sich ängstlich um. Irgendetwas war nicht in Ordnung, Schreie brachen durch die Finsternis und die Gäste flohen ängstlich von der Tanzfläche. Im nächsten Moment entdeckte Meg eine vermummte Gestalt, die auf einem der Autos stand und eine Pistole in den Händen hielt. Sie hatte die Waffe gegen den Himmel gerichtet und offenbar soeben einen Schuss abgegeben.
„Hey, wer…", setzte Chris an, doch er brach mitten im Satz ab und fiel zu Boden, als er einen schweren Schlag auf den Hinterkopf kassierte. Schockiert fuhr Meg herum und erblickte einen Mann, der ein Sturmgewehr in Händen hielt und direkt auf sie zielte. Sein Gesicht war hinter einer weißen Maske versteckt und er hatte die Kapuze seiner grünen Jacke über den Kopf gezogen.
„Beweg dich", rief er und packte Meg hart an der Schulter. Grob stieß er sie in Richtung des Lagerfeuers, bevor er sich nach unten beugte, Chris auf die Beine zog und mit sich zerrte. Meg schaute sich panisch um und versuchte die Situation zu ergreifen, während sie mit erhobenen Händen über den trockenen Boden stolperte. Rundherum entdeckte sie weitere vermummte Männer, allesamt bewaffnet und dabei, die Partygäste am Lagerfeuer zusammenzutreiben. Mit Sturmgewehren und Schrotflinten zielten sie auf die Menge und schreckten auch nicht vor Handgreiflichkeiten zurück, wenn jemand nicht sofort gehorchte.
Ein weiterer Schuss ertönte und löste eine Reihe an Schreien aus, doch es war niemand verletzt worden. Stattdessen verstummte die Musikanlage, die nun ein rauchendes Loch aufwies und eine surreale Stille bemächtigte sich der Nacht. Nur noch das Knistern des Feuers, die gebrüllten Befehle der Bewaffneten und das Wimmern der Opfer waren zu hören. Wer waren diese Männer?
„Weiter" brüllte der Maskierte hinter Meg und rammte den Schaft seiner Waffe gegen ihren Hinterkopf. Der Schmerz raubte ihr kurz die Sicht und mit einem Schrei stürzte sie zu Boden. Sofort griff jemand nach ihrem Kragen und zerrte sie ein paar Meter weiter, bevor sie schlussendlich erneut nach unten gestoßen wurde. Auf ihrem Gesicht konnte Meg die Hitze des nahen Lagerfeuers spüren. Gleichzeitig fühlte sie eine warme Flüssigkeit über ihren Hals rinnen, offenbar war sie am Hinterkopf verletzt worden.
Jemand griff unter ihre Arme und hob sie sanft hoch. Als Meg aufblickte erkannte sie Ellie, die Tränen der Angst in den Augen hatte. Kurz darauf landete Chris neben ihr im Dreck und geriet mit seinem Gesicht gefährlich nah an die Flammen. Meg kämpfte sich auf die Knie und wollte aufstehen, entschied sich jedoch dagegen, als sie plötzlich in den Lauf einer Schrotflinte schaute.
„Unten bleiben", knurrte einer der vermummten Männer und Meg beeilte sich seinem Kommando folge zu leisen. Ihre Glieder zitterten vor Panik und sie konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Vom Adrenalin geschüttelt schaute sie nach links und erblickte zwei der Männer, die ein paar Worte wechselten. Der eine zeigte auf die Farm, woraufhin der andere drei seiner Kameraden zusammentrommelte und in das Haus eindrang. Krachend trat er die Tür auf.
Währenddessen kam derjenige, der offenbar einen Befehl erteilt hatte, auf die zusammengepferchten Partygäste zu und zückte seine Pistole. Zweimal schoss er in die Luft, einige der Gefangenen schrien erschrocken, dann kehrte Ruhe ein. Langsam griff der Mann nach oben und zog sich die weiße Maske vom Kopf. Ein kahler Schädel kam zum Vorschein, das Gesicht wurde von einer hässlichen Narbe, kalten Augen und scharfen Konturen dominiert. Ein dunkler Bart rahmte seinen Mund ein und sobald er sich sicher war, dass er die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Opfer hatte begann der Mann, bei dem es sich um den Kommandanten handeln musste, zu sprechen.
„Ist eine Person namens Anna hier?"
Niemand antwortete. Ein Paar der Gäste schauten sich kurz um, doch keiner meldete sich. Meg versuchte derweil die Lage zu begreifen und fragte sich, ob der Mann nach jener gewissen Anna suchte.
„Nein?", fragte er: „Max Thompson?"
Meg schaute kurz auf, wandte jedoch den Blick sofort wieder ab. Sie wollte nicht den Eindruck erwecken als wüsste sie, von wem der Mistkerl sprach. Diese Männer konnten nur Böses im Schilde führen.
„Sally Smithson?"
Das Knistern des Lagerfeuers schien ohrenbetäubend in der angespannten Stille. Niemand wusste, was der Mann wollte, niemand kannte die genannten Personen und niemand wollte sich vorstellen, was passieren würde, sollte er sein Ziel nicht erreichte.
„Meg Thomas?"
Meg fühlte sich, als würde Strom durch ihren Körper gejagt. Der Mann hatte soeben ihren Namen genannt. Er suchte nach ihr. Er war ihretwegen hier. Und sie hatte keine Ahnung, warum.
Er durfte sie nicht finden.
Ängstlich wechselte sie einen Blick mit Ellie und die Latina nickte leicht. Sie würde sie nicht verraten. Währenddessen holten zwei der maskierten Männer zufällig irgendwelche Mädchen aus der Menge und verglichen sie mit Bildern, die sie in ihren Händen hielten. Grob zogen sie sie nach draußen, rissen die Gesichert der wimmernden Frauen nach oben und stießen sie wieder zurück, als sie erkannten, dass es sich nicht um die Gesuchte handelte.
„Na schön", rief der Anführer: „Na schön, kein Problem. Ihr wollt Helden spielen, bitte."
Er machte eine beiläufige Geste in Richtung eines Gasts und sofort schnellten zwei seiner Männer nach vorne, packten die Unglückliche an den Armen und zerrten sie aus der Menge heraus. Brutal zwangen sie sie vor dem Anführer auf die Knie, den Kopf dem Lagerfeuer zugewandt, sodass alle die blanke Angst in ihrem Gesicht sehen konnten.
„Ich habe euch vier Namen genannt", rief der Anführer und zückte ein Messer: „Ich will, dass diese Personen aufstehen und hier zu mir kommen. Und ich weiß, dass sie hier sind, also keine Spielchen. Verarscht mich und ihr zahlt den Preis."
Er langte nach unten und packte das Mädchen an den Haaren. Sie schrie als er ihren Kopf nach hinten riss und die Klinge an ihre Kehle legte. Ein Tropfen Blut rann ihren Hals nach unten, als der kalte Stahl in ihre Haut schnitt, doch der Mann hielt inne. Sein starrender Blick musterte die Menge und glitt knapp an Meg vorbei.
„Ich sage euch, wie das läuft", rief er: „Klassisches Abzählen. Bis drei."
Wieder schaute er in die Menge.
„EINS"
Meg wandte sich verzweifelt ab. Dann richtete sie ihren Blick auf das Haus und bemerkte, dass die Eindringlinge aus der Farm zurückgekehrt waren. So wie es aussah, war ihre Suche erfolglos gewesen, was bedeuten musste, dass Sally den Lärm gehört und sich versteckt hatte. Hoffentlich holte sie Hilfe.
„ZWEI"
Aber sie würde kaum hier ankommen, bevor der Mann fertig gezählt hatte. In wenigen Sekunden würde dieser Psychopath einem unschuldigen Mädchen die Kehle durchtrennen, nur weil er nach Meg und ihren Freunden suchte. Was wollte er überhaupt von ihr?
„DREI"
„Halt!"
Meg stand auf. Der Mann, der schon die Muskeln angespannt hatte, hielt inne und richtete seinen Blick auf sie. Einen Augenblick später wurde Meg am Genick gepackt und nach vorne gezerrt. Als sie beim Anführer angekommen war, rammte einer der Soldaten seine Faust in ihren Magen und zwang sie auf die Knie. Dann packte er sie am Kinn, riss ihren Kopf nach oben und verglich ihr Gesicht mit einem Foto. Anschließend nickte er dem Anführer zu.
„Meg Thomas, nehme ich an?", sagte der Mann und stieß das andere Mädchen zurück in die Menge. Weinend suchte sie Schutz zwischen ihren Freundinnen.
„Was willst du?", fragte Meg angriffslustiger, als sie sich fühlte.
„Was ich will?" Der Mann lachte kurz auf, bevor er sie an den Haaren packte: „Du bist, was ich will. Aber noch sind wir nicht fertig, Meg. Wo sind die anderen?"
„Welche anderen?"
„Verarsch mich nicht", brüllte der Mann und zog sie an den Haaren auf die Beine. Meg verkniff sich einen Schrei, diese Genugtuung würde sie ihm nicht geben. „Wo sind sie?"
„Sie sind nicht hier", entgegnete Meg hasserfüllt. Der Mann schaute sie kurz entgeistert an, ihre Widerspenstigkeit schien er nicht zu erwarten. Gerade als er etwas erwidern wollte, ertönte ein knackendes Geräusch, ganz so als ob jemand einen dicken Ast zerbrochen hätte. Ein paar Mädchen schrien auf, irgendjemand gurgelte und als er sich umdrehte, gab der Anführer Meg den Blick auf einen seiner Soldaten frei.
Der Mann stand noch aufrecht, doch ein dunkler Fleck breitete sich rasend schnell auf seiner Jacke aus, als immer mehr Blut nach unten sickerte. Sein Kopf wippte leicht hin und her unter dem Gewicht einer schweren Wurfaxt, die direkt in seiner Stirn steckte. Langsam kam er ins Stolpern und wie in Zeitlupe fiel er zu Boden, wo er regungslos liegen blieb.
Dann ging alles furchtbar schnell. Zwei weitere Soldaten wurden von Wurfäxten getroffen, der eine ins Gesicht, der andere in die Brust. Schüsse lösten sich aus ihren Gewehren und waren so laut, dass sie beinahe das Kreischen der Kettensäge überdeckten, die sich durch das Kornfeld näherte. Wenige Sekunden später tauchte bereits Max zwischen den Pflanzen auf, sprintete an der niedergehaltenen Menge vorbei und ließ seine Kettensäge auf einen der Geiselnehmer niederfahren. Blut spritzte umher, ein Arm flog davon und Schreie durchschnitten die Nacht.
Einer der maskierten Männer legte auf das kettensägenschwingende Ungetüm an. Bevor er jedoch abdrücken konnte, krachte eine Axt in seinen Rücken. Gurgelnd wurde er zu Boden geschleudert und Anna stemmte einen Fuß gegen seinen Oberkörper, um ihre Waffe loszureißen. Ein paar der Gefangenen waren bereits losgerannt, während sich andere schützend auf dem Boden zusammenkauerten. Alle schrien und fürchteten um ihr Leben.
Ein Schuss krachte neben Meg und Max brüllte unter Schmerzen auf. Keine Sekunde später schnellte er jedoch herum und packte den Angreifer am Hals. Von der Schusswunde nahezu unbeeindruckt hob er den Mann, der seine Schrotflinte fallengelassen hatte, nach oben und hielt ihn zwischen sich und einen weiteren Angreifer.
Zwei weiter Schüsse knallten durch die Luft und fuhren in den Unterleib des als Schild missbrauchten Kämpfers. Jedes Mal wurde Max mit Blut bespritzt, doch es war ihm egal. Knurrend warf er den Toten zur Seite und schlug mit seiner Kettensäge nach dem Schützen. Der Mann wich panisch aus, stolperte und versuchte davonzukriechen. Aber er kam nicht weit. Einen Augenblick später stellte Max einen Fuß auf seinen Körper, umfasste seinen Kopf und riss ihn nach einem Moment glatt ab.
Anna hatte derweil einen weiteren Kämpfer erledigt und holte sich nun eine ihrer Wurfäxte zurück. Die am Boden kauernden Partygäste versuchten Abstand von ihr zuhalten und fürchteten sie wahrscheinlich mehr als die Angreifer.
Der Anführer selbst hatte für ein paar Sekunden fassungslos zugeschaut und erst als Meg ihren Fuß zwischen seine Beine rammte und sich losriss, schrie er auf. Verzweifelt versuchte sich Meg von ihm zu entfernen, doch der Mann gab nicht nach und packte sie im Genick. Brutal zerrte er sie zu sich herüber und legte sein Messer an ihre Kehle. Dann schaute er sich um.
Anna stand wenige Meter entfernt, eine Wurfaxt hoch über den Kopf erhoben und die Augen direkt auf den Anführer gerichtet. Aber sie hatte kein freies Schussfeld. Meg war im Weg. Max erhob sich derweil und wischte sich unbeholfen das Blut aus dem Gesicht.
Überall lagen Leichen herum, die Angreifer waren innerhalb von Sekunden bis auf den letzten Mann niedergemetzelt worden. Die Geiseln hatten sich Großteils aus dem Staub gemacht und nur wenige hielten sich noch schützend um das Lagerfeuer herum auf dem Boden zusammengekauert. Wimmernden versuchten sie die Lage einzuschätzen, sie wagten jedoch auch jetzt noch nicht, davonzulaufen. Meg konnte Ellie sehen, die ihren Blick fassungslos auf Anna fixiert hatte.
„Nimm die Waffe runter", brüllte der Anführer und begann bereits an Megs Kehle herumzuschneiden. Warmes Blut floss ihren Hals nach unten und sie wagte es kaum sich zu rühren. Sie litt Todesängste, doch Anna gab nicht klein bei. Knurrend hielt sie immer noch die Axt nach oben und war bereit, jede Gelegenheit auszunutzen.
„Ich sagte Waffe runter!", brüllte der Mann erneut und übertönte damit ein einen leisen Windstoß. Meg konnte einen orangen Schein aus den Augenwinkeln ausmachen. Der Anführer schien es nicht zu bemerken und rief: „Ich warne dich, ich schneide ihr…"
Weiter kam er nicht, denn kalte Hände hatten sich um seinen Arm und Hals gelegt. Mit übermenschlicher Kraft drückte die eine zu und raubten ihm jeden Atem, während die andere langsam die Klinge von Megs Hals wegzogen. Einen Moment später konnte sie sich bereits befreien und stolperte keuchend davon, während Sally den Anführer zu sich herumdrehte.
Sie hatte eine Hand um seinen Hals geklammert und hob ihn in die Höhe, gnadenlos zudrückend. Ihre Füße schwebten einen halben Meter über den Boden und eine orange Aura umhüllte ihre Silhouette. Der Anführer versuchte keuchend Luft zu holen. Gurgelnd riss er an ihrer Hand, bevor er wenig später die Augen verdrehte und schlussendlich erschlaffte. Sally warf ihn zu Boden, wo er regungslos liegen blieb. Dann sank sie langsam wieder nach unten, bis ihre nackten Füße schließlich den staubigen Untergrund berührten. Besorgt drehte sie sich um.
„Meg, alles in Ordnung?"
Sie eilte herbei und stützte die Athletin, die sich nur schwer auf den Beinen halten konnte. Die Panik der letzten Viertelstunde hatte alle Kraft aus ihren Beinen gezogen, doch rein physisch war sie okay. Schwach nickte sie und schaute dann hinüber zu Max, der sich knurrend seine Schulter rieb. Dunkles Blut rann hervor und tropfte hinab ins feuchte Gras, direkt neben den leblosen Körper eines der Terroristen. Dumpf legte er seine Kettensäge auf den Boden ab.
„Sa… Sally?", stammelte Meg: „Wer waren diese Typen?"
„Ich weiß es nicht, Meg", antwortete Sally besorgt: „Aber ich glaube, wir haben sie alle erwischt."
Sie ließ den Blick über die Überreste des Massakers gleiten. Die ehemalige Tanzfläche glich einem Schlachtfeld, Blut troff von der Soundanlage und das Zelt stand in Flammen. Die Krankenschwester nahm vorsichtig die Hand von Megs Schulter und als sie sah, dass das Mädchen selbst stehen konnte, schwebte sie hinüber zu Max und kümmerte sich um seine Schulter.
Meg schaute derweil verloren in die Gegend. Das Ganze kam ihr vor wie einer der Alpträume, die sie so lange geplagt hatten. Es war surreal, unwirklich und Meg konnte die Situation kaum begreifen. In einiger Entfernung entdeckte sie Anna, die gerade das Blut von ihrer Axt wischte und sich dann einer der Geiseln zuwandte. Hilfsbereit streckte sie Ellie die Hand hin, doch die Sportlerin kroch panisch nach hinten, weg von der Jägerin.
„Nicht Angst haben", sagte Anna, doch es half nichts. Ellie stand unter Schock und krabbelte immer weiter zurück, bis sie schließlich ans Lagerfeuer gelangte. Benommen ging Meg zu ihr hinüber und berührte Anna am Arm. Mit einem Nicken signalisierte sie der Jägerin, dass sie sich selbst um Ellie kümmern würde und die große Frau drehte sich um. Schweigend begann sie ihre Wurfäxte aufzusammeln, während Meg auf Ellie zuging.
„Alles ist gut", sagte Meg und streckte ihr die Hand hin: „Sie sind tot. Wir sind in Sicherheit."
Ellie packte Megs Hand, kam unbeholfen auf die Beine und wich gleich ein paar Schritte zurück. Offenbar galt ihr Misstrauen nicht nur der Jägerin, sondern auch ihr.
„Wer war das?", fragte sie mit brechender Stimme und Tränen rannen ihre Augen nach unten. „Was… Was ist passiert?"
„Ich weiß es nicht", antwortete Meg: „Aber hör mir zu, Ellie." Sie packte die Latina an der Schulter. „Es ist vorbei. Was auch immer die wollten, sie haben es nicht bekommen. Wir sind in Sicherheit, hörst du?"
Ellie schaute Meg zwar an, doch ihr Blick schien ins Leere zu gehen. Sie kannte diesen Gesichtsausdruck nur zu gut. Es war der eines Menschen, der soeben Todesängste durchstanden hatte und sich noch nicht sicher war, ob er wirklich überlebt hatte. Ellie hatte ein Ereignis erlebt, dass sie nie mehr vergessen würde.
„Wa… Warum schwebt deine Mutter?", flüsterte sie, als ihr Blick an Meg vorbei auf die Krankenschwester fiel. Die Athletin seufzte und entschied, dass es keinen Sinn mehr hatte, die Lüge weiterhin aufrecht zu erhalten.
„Sie ist nicht meine Mutter", murmelte Meg und suchte Ellies Körper nach Verletzungen ab.
„Was?", stammelte die Latina und schien das Gehörte kaum zu verarbeiten. Ihr Blick wanderte über die Szenerie und blieb schließlich an der Jägerin hängen, die ratlos in der Gegend herumstand. Offenbar wusste sie nicht was sie tun sollte.
„Das ist Anna", murmelte Meg: „Du brauchst keine Angst vor ihr zu haben. Und auch nicht vor Max."
„Was geht hier vor?", fragte Ellie erneut mit zitternder Stimme. Dann schaute sie an Meg vorbei und murmelte: „Meg… die Farm…"
Meg drehte sich um und als ihr Blick auf das Haus fiel, setzte ihr Herz für einen Moment aus. Orange Flammen züngelten an der Nordwand hinauf.
Sie waren vom brennenden Zelt aus übergesprungen und fanden in der trockenen Holzkonstruktion reichlich Nahrung. Rasant breitete sich das Feuer nach oben aus und wenige Sekunden später hatten es bereits das Dach erreicht. Meg spürte die Hitze in ihrem Gesicht und auch Sally und Max hielten inne und wandten sich dem wachsenden Brand zu.
Wie ein Leuchtfeuer tauchten die Flammen die umliegenden Felder in warmes Licht und es dauerte nicht lange, bis die ersten Balken unter der Hitze zusammenbrachen. Mit ihnen fiel Megs letzte Zuversicht in sich zusammen.

Summend meldete sich das Handy in Dwights Hosentasche und eilig erhob er sich vom Tisch. Sowohl er als auch seine Eltern wussten, dass es sich hier nur um eine Person handeln konnte und so nahm es ihm niemand übel, dass er den Esstisch frühzeitig verließ. Mit Schmetterlingen im Bauch ging Dwight hinüber in die Küche und drückte dann auf den grünen Knopf.
„Hi, Clau…"
„Dwight!"
Claudette flüsterte, in ihrer Stimme lagen jedoch Hast, Verzweiflung, sogar Panik. Sofort krallte sich eine eiskalte Hand um Dwights Eingeweide und drückte zu.
„Claudette, ist alles in…"
„Dwight, hör mir zu", rief sie mit unterdrückter Stimme. Dwight glaubte sogar einen Schluchzer hören zu können: „Irgendetwas stimmt nicht. Ich… Ich weiß nicht was los ist."
„Claudette, beruhige dich", sagte Dwight, doch die Kanadierin tat eher das Gegenteil. Er hörte schwere Schritte im Hintergrund und dann einen dumpfen Schlag, als ob jemand hingefallen wäre, gefolgt von einem ängstlichen Piepsen von Claudette.
„Dwight, ich habe Angst", schluchzte sie: „Ich glaube, er… er ist hier."
Dwight konnte selbst kaum einen klaren Gedanken fassen."
„Wer?"
„Der Entitus!"
Er erstarrte und gnadenlose Ohnmacht ergriff seine Glieder. Das konnte nicht sein. Der Entitus war fort, er war zerstört. Was zur Hölle ging hier vor sich?
„Claudette, wo bist du?"
„In meiner Wohnung", flüsterte sie: „Unter dem Bett."
„Bleib dort, ich… ich ruf die Polizei."
„Dwight, ich glaube er hat Chloe."
„Was?"
„Dwight, bitte…"
Sie brach mitten im Satz ab und ein lautes Brüllen war zu hören. Es klang mehr wie der Ruf eines Tieres, denn eines Menschen und vereinte sich mit Claudettes spitzem Schrei zu einer Horrorsymphonie. Gleich darauf hörte Dwight einen weiteren dumpfen Knall, ein Bett schien umgeworfen worden zu sein. Dann klapperte es kurz, als das Telefon zu Boden fiel. Claudette schrie um Hilfe. Jemand keuchte angestrengt. Schließlich brach die Verbindung ab und alles was blieb, war ein leiser Piepton.
„Und, wie geht es ihr?", fragte Dwights Vater, der nichts von dem Gespräch mitbekommen hatte. Dwight antwortete nicht. Langsam ließ er die Hand mit dem Handy nach unten sinken.