Ein Flug ins Ungewisse

Wie eine blaue Decke erstreckte sich der Atlantik bis an den Horizont, die Sonne glitzerte im Wasser und wurde nur hin und wieder durch eine kleine Wolke verdeckt. Gelangweilt erspähte Caveira eine kleine Insel, die einsam und verlassen unter dem hoch am Himmel vorbeiziehenden Flugzeug lag. Vielleicht war es ja St. Helena, das winzige Eiland, auf die man vor gut zweihundert Jahren Kaiser Napoleon verbannt hatte. Caveira wusste es nicht. Sie wusste nicht einmal genau, wo im Atlantik die Insel lag und wo sie sich selbst gerade befand.
Schon seit geraumer Zeit hatte sie das Gesicht gegen das Fenster gelegt und schaute müde nach draußen. Caveira hätte einiges dafür gegeben, einfach einschlafen zu können, doch egal ob in Zug, Auto oder Flugzeug, sie konnte nur dann wirklich Ruhe finden, wenn sie sich nicht bewegte. Ein großer Nachteil für eine Soldatin.
Langsam drehte die Brasilianerin den Kopf und schaute neidisch hinüber zu Ela und Glaz, die auf der anderen Seite des Fliegers in ihren Stühlen hingen und schlummernd vor sich hin schnarchten. Als sie etwas nach vorne schaute, entdeckte sie Buck und noch etwas weiter vorne Blitz, der eine mit Kopfhörern in den Ohren, der andere in eine Zeitschrift vertieft.
„Hey, Taina"
Caveira drehte den Kopf und ihr Blick fiel auf Thatcher, der sich neben sie hinsetzte. Sorgen standen in den Augen des alten Mannes und er sah noch erschöpfter aus, als Caveira sich fühlte.
„Wir müssen reden"
Sie hob fragend eine Augenbraue.
„Dort im Hauptquartier", begann Thatcher: „Dort hat Jorge dich erkannt, oder nicht? Als Rainbow Agentin?"
„Ich weiß nicht", antwortete Caveira und schaute wieder aus dem Fenster: „Ich glaube, er dachte ich gehöre zu BOPE. Team Rainbow hat er nie erwähnt."
„Aber er wusste, dass du zu BOPE gehörst", beharrte Thatcher, doch Caveira antwortete nicht. Nachdem er einen Moment gewartet hatte, fuhr er fort: „Hast du dich irgendwie verraten? Hast du irgendetwas gesagt oder getan?"
Sie schüttelte den Kopf. Die Brasilianerin wusste bereits, worauf der alte Brite hinauswollte.
„Dann gibt es nur eine Möglichkeit", sagte er: „Jemand muss ihn gewarnt haben."
„Ja", bestätigte Caveira, die keine Lust auf das Gespräch hatte: „Und BOPE wurde bereits informiert."
Sie beide wussten, dass die brasilianische Spezialeinheit schärfste Maßnahmen gegen Maulwürfe getroffen hatte, doch absolute Sicherheit gab es nie. In diesem Moment wurden wahrscheinlich ganze Abteilungen umgekrempelt und auf den Kopf gestellt, auf der Suche nach einem Doppelagenten. Die gesetzlich festgeschriebene Strafe dafür war Gefängnis, doch Caveira wusste, dass es die BOPE Agenten wenig kümmerte. Für Verräter wurde gern mal eine Ausnahme gemacht.
„Taina", sagte Thatcher und lenkte ihren Blick damit wieder auf sich: „Ich glaube nicht, dass der Maulwurf in BOPE sitzt."
Caveira schaute Thatcher kurz an, dann seufzte sie müde und schaute hinüber zu Ela und Glaz, bevor sich ihr Blick wieder aus dem Fenster richtete. Der Gedanke war ihr auch bereits gekommen, doch sie hatte ihn nie wirklich zu Ende denken wollen. Ein Verräter in Team Rainbow? Niemals!
„Die White Masks besaßen streng geheime FBI Dateien", erklärte Thatcher: „An die kommt BOPE gar nicht ran."
„Ich weiß."
„Wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen." Thatcher schaute in die Runde: „Ich glaube aber nicht, dass es jemand aus dem Team war. Zumindest keiner der Operatoren."
„Natürlich nicht", gab Caveira zurück: „Wir sind alle loyale Soldaten. Wenn es jemand war, dann einer irgendwo oben in einer wichtigen Schreibtischposition, der nie einen Fuß auf ein Schlachtfeld gesetzt hat. Von uns würde niemand seine Kameraden gegen Geld eintauschen."
Es war die ehemalige Slumbewohnerin, die aus Caveira sprach und Thatcher wusste das. Trotzdem konnte er ihre Vermutung nicht ganz abtun.
„Wir müssen vorsichtig sein, Taina", murmelte Thatcher: „Diese Akten im Schreibtisch… die White Masks hecken etwas aus. Sie planen was. Irgendetwas großes kommt auf uns zu und wir müssen vorbereitet sein."
„Ich weiß", entgegnete Caveira. Ihr Blick hing kurz an einer Wolk, dann wandte sie sich wieder dem Briten zu: „Du kannst auf mich zählen."
Thatcher nickte. Caveira war zwar eine verschlossene Einzelgängerin, doch ihre Treue suchte seinesgleichen und wenn es darauf ankam, deckte sie einem den Rücken, komme was da wolle. Thatcher schätzte diese Eigenschaft an ihr.
„Kennst du eigentlich diesen Baker, von dem Elias erzählt hat?", fragte er und schaute kurz zu dem Deutschen hinüber.
„Nie gehört", knurrte Taina: „Mit dir verwandt ist er auch nicht, oder?"
Thatcher schüttelte den Kopf. Er kam aus einer kleinen Familie, von der immerhin einige in militärischen oder polizeilichen Positionen tätig waren. Doch sie arbeiteten alle für das Vereinigte Königreich, niemand für das FBI. Und Benedict hieß auch keiner von ihnen.
„Was hältst du überhaupt von der Geschichte?", fragte Thatcher und deutete auf Blitz.
„Elias ist ein ehrlicher Mann", sagte Caveira: „Und ich vertraue darauf, dass er uns erzählt, was er gesehen hat. Das muss aber nicht bedeuten, dass es wirklich passiert ist."
„Wahrnehmungsverändernde Substanzen?"
„Keine Ahnung", murmelte Caveira: „Aber was sonst?"
„BOPE hat die Kammer untersucht und bisher noch keine Spuren von ungewöhnlichen chemischen Stoffen gefunden", sagte Thatcher und kratzte sich an seinem Stoppelbart: „Wenn es ein Gas war, dann war es eines, das wir noch nicht kennen und das keine Spuren hinterlässt. Das wären schlechte Nachrichten."
„Sehr schlecht", bestätigte Caveira.
„Und was diese Maschine angeht… Ich habe so etwas noch nie gesehen. Keine Ahnung, wofür das Teil gut ist, aber es schien diesen Arschlöchern wichtig zu sein."
Caveira zuckte mit den Schultern. Die besten Experten machten sich gerade an dem Gerät zu schaffen und wenn sich tatsächlich um etwas Gefährliches handelte, würde Team Rainbow in Windeseile davon erfahren und Gegenmaßnahmen entwickeln. Die übliche Prozedur.
„Ich bin ja gespannt, ob es diesen Agent Baker beim FBI wirklich gibt", murmelte Thatcher und Caveira schaute ihn abschätzig an: „Das glaubst du wohl selbst nicht."
„Ich habe in meinem Leben schon viele merkwürdige Dinge erlebt, Taina", sagte der alte Brite: „Und ich bin vorsichtig damit geworden, was ich glaube und was nicht."
Caveira zuckte nur mit den Schultern.
„Jedenfalls müssen wir so schnell wie möglich die Personen in den Akten ausfindig machen. Wenn die White Masks nach ihnen suchen, sind sie in höchster Gefahr."

Fuze krümmte den Zeigefinger und betätigte den Abzug. Kontrolliert lösten sich drei Schüsse aus seiner AK, zischten durch die Luft und landeten präzise auf der Zielscheibe, die in der Mitte einer menschenförmigen Holzplatte angebracht worden waren. Sein Ziel befand sich in einer Entfernung von etwa hundert Metern, doch jede Patrone traf genau in die Mitte. Krachend splitterte das Holz und die Kugeln fuhren in den dahinterliegenden Sandhügel.
Hätte es sich um einen echten Menschen gehandelt, so wäre dieser jetzt höchstwahrscheinlich tot und mit Sicherheit außer Gefecht gesetzt, selbst wenn er eine kugelsichere Weste getragen hätte. Das erste, was man in jeder militärischen Ausbildung lernte, war, dass die Körpermitte das Ziel darstellte und nicht der Kopf. Die Brust war der größte Bereich und ein Treffer war hier genauso fatal, wie in die meisten anderen Körperteile. Auch bei einer Spezialeinheit wie Team Rainbow änderte sich diese einfache Regel nicht.
Mit einem zufriedenen Nicken presste Fuze eine Hand gegen den Boden und stand auf. Endlich erlaubte er sich wieder schnelle, tiefe Luftzüge, die er für die Dauer seines Schusses unterdrückt hatte. Der Spetsnaz hatte einen halben Marathon in voller Ausrüstung hinter sich und seine Glieder zitterten vor Erschöpfung. Doch er hatte es geschafft sie lange genug ruhig zu halten, sodass er seine Schussübung fehlerlos hatte absolvieren können.
Langsam wanderte er zurück zur Basis und ließ den staubigen Schießstand hinter sich. Zwei französische Soldaten, die ebenfalls geübt hatten, schauten ihm nach, doch er beachtete sie nicht. Sein Training war für heute beendet. Zeit, die Ausrüstung in die Waffenkammer zur tragen, die Matryoshkas zu überprüfen und anschließend eine warme Dusche zu nehmen.
Die Waffe in der Linken tragend hob Fuze die rechte Hand zu seinem Kinn und löste den Riemen seines schweren Einsatzhelms. Mit einem Stöhnen zog er ihn vom Kopf und entlastete seinen Rücken und Nacken, bevor er das schwere Teil an der Vorderseite seiner Weste befestigte. Als er den Kopf schieflegte, um sich zu entspannen, fiel sein Blick nach links auf das Eingangstor der französischen Militärbasis.
Dort in der Ferne erkannte Fuze den Eiffelturm zwischen den Wolken, während weit näher am Tor des Stützpunktes ein Wachsoldat einen schwarz lackierten Wagen hereinwinkte. Es war ein Mercedes, makellos und mit blitzendem Stern an der Motorhaube. Als er näherkam und schlussendlich stehenblieb entdeckte Fuze ein deutsches Kennzeichen. Einen Moment später öffneten sich bereits die Türen auf beiden Seiten.
„Marius", grüßte Fuze als er den deutschen GSG9 Operator Marius „Jäger" Streicher auf der linken Seite aussteigen sah. Rechts setzten Dominik „Bandit" Brunsmeier und Monika „IQ" Weiß ihre Füße auf französischen Boden. Jäger und Fuze schüttelten sich herzhaft die Hände, die beiden verstanden sich hervorragend. Der Deutsche war ein gesprächiger Mann, der immer einen Scherz auf Lager hatte. Bandit hingegen war etwas seltsam, verschlossen und heimtückisch. Fuze respektierte ihn als Kameraden, doch er wäre nicht seine erste Wahl für einen Trinkkumpanen. Und zu guter Letzt IQ, die niemandem recht nahezustehen schien, die ihren Job machte und sich offenbar für nichts anderes interessierte. Ebenfalls eine respektable Person, doch auch unnahbar und introvertiert.
„Shuhrat", sagte Jäger mit seinem herrlichen deutschen Akzent: „Schön dich zu sehen. Hält Six euch auf Trab?"
„Six?", fragte Fuze und lachte, während er IQ und Bandit zunickte: „Нет, Seamus übernimmt das gut genug."
„Ach, wenn kümmerts, solange das Team auf Vordermann bleibt."
„Wie war dein Urlaub?", fragte Fuze und die beiden begannen auf die Basis zuzugehen. IQ und Bandit waren ihnen bereits etwas voraus. Jäger grinste kurz und antwortete dann: „Langweilig. Aber das ist ja gerade die Idee dahinter, oder nicht?"
„Да", nickte Fuze: „Aber ich glaube, damit ist jetzt Schluss."
„Kann sein", sagte Jäger: „Erzähl mir doch mal, was los ist. Wir drei wissen überhaupt nichts, außer, dass wir wieder gebraucht werden. Was ist passiert?"
„Ich weiß es selbst nicht so genau", entgegnete der Russe: „Jedenfalls haben wir gestern Abend eine Basis der White Masks in Rio de Janeiro ausgehoben. Offenbar haben wir wertvolle Informationen gesammelt. Unser Team ist bereits auf dem Rückweg."
„Wer war alles dabei?"
„Vicente und Taina, natürlich."
„Natürlich. Wer noch?"
„Mike, Elzbieta, Sebastien, Timur und Elias."
„Haben sie sich gut geschlagen?"
„Да", bestätigte Fuze und hielt seinem Kameraden die Tür zur Basis auf: „Taina wurde gefangen genommen soweit ich weiß, aber wieder befreit, bevor man ihr etwas antun konnte."
„Die White Masks haben Taina geschnappt?", fragte Jäger rund blieb kurz stehen: „Wie das?"
„Ich weiß es nicht genau", entgegnete Fuze: „Aber Mike hat etwas von einem Maulwurf durchgegeben. Könnte sein, dass BOPE infiltriert wurde."
„Das sind schlechte Nachrichten", bemerkte Jäger und ging weiter. Fuze zuckte nur mit den Schultern: „Damit werden wir schon fertig. Sollen sie halt wissen, dass wir kommen. Das wird ihnen auch nicht helfen."
„Vielleicht nicht", sagte Jäger nachdenklich. Dann kamen sie an eine Abzweigung und der Deutsche verabschiedete sich in Richtung der Quartiere. Fuze hingegen wandte sich nach rechts und ging auf die Waffenkammer zu. Der schnellste Weg dorthin führte durch die Werkstatt und mit dem Fuß trat der Russe die schwere Tür auf.
„Verdammt", hörte er eine erschrockene Stimme und sein Blick fiel auf Dokkaebi, die dort an einer Werkbank saß: „Nimm doch gleich eine Sprengladung, dann ist die Tür sicher offen."
Mit verzerrtem Gesicht leckte sie an einem ihrer Finger. Allem Anschein hatte sich die Koreanerin mit einem ihrer Werkzeuge vor Schreck in die Hand gestochen, als der Russe lärmend die Werkstatt betreten hatte.
Fuze ging an ihr vorbei und lachte leise in sich hinein, doch gerade noch laut genug, dass sie es hören konnte. Eiligen Schrittes bewegte er sich auf die Waffenkammer zu, entsicherte die Tür mit seiner Schlüsselkarte und deponierte seine Ausrüstung in dem Raum. Sorgfältig legte er alles an seinen Platz, vergewisserte sich, dass seine AK ungeladen und gesichert war und kontrollierte dann mit geschickten Fingern seine Matryoshkas. Sie waren in einwandfreiem Zustand.
Zufrieden nickte Fuze, machte kehrt und verließ die Waffenkammer wieder. Es war ein Genuss, endlich das Gewicht seiner Einsatzweste loszuwerden. Entspannt schlenderte er zurück in die Werkstatt, wo er Dokkaebi unterdrückt fluchen hörte. In beinahe besessener Haltung hatte sie sich über ihr experimentelles Tablet gebeugt, das mit geöffneter Hinterseite vor ihr lag. Irgendetwas schien mit den Kabeln nicht in Ordnung zu sein und offenbar entzog sich die Lösung des Problems ihren Fähigkeiten. Sie betätigte den Knopf auf der Seite und der Bildschirm flackerte kurz auf, bevor er wieder erstarb. Frustriert schlug die Soldatin auf den Tisch.
„Nimm doch gleich eine Sprengladung, dann ist der Tisch sicher dahin", bemerkte Fuze und ging langsam an ihr vorbei. Dokkaebi warf ihm einen verärgerten Blick zu, doch anstatt etwas zu erwidern, legte sie den Kopf in die Hände und stöhnte auf. Fuze, der eine andere, bissigere Reaktion erwartet hatte, blieb stehen und drehte sich um. Wortlos schaute er sie an, während sie sich wieder an die Arbeit machte. Erst nach einer kurzen Weile bemerkte Dokkaebi, dass er immer noch da war.
„Was ist los?", fragte sie und funkelte ihn griesgrämig an: „Hast du nichts zu tun?"
„Нет", antwortete Fuze und Dokkaebi drehte sich knurrend zu ihrem Gerät zurück. Sie versuchte zwei Drähte zusammenzulöten, wurde von einem Funken an der Hand erwischt und zischte genervt auf.
„Wenn du Hilfe brauchst, musst du es nur sagen", bemerkte Fuze gelassen und ging einen Schritt auf sie zu. Dokkaebi sah in kurz an, wandte sich dann wieder ab und murmelte: „Ich schaffe das schon."
Fuze hörte nicht auf sie, zog einen Stuhl heran und setzte sich ihr gegenüber. Mit dem geübten Blick eines ausgebildeten Militärelektronikers musterte er das Innenleben des Tablets, das Dokkaebi scheinbar schweres Kopfzerbrechen bereitete. Innerhalb weniger Sekunden hatte er die Problemstelle gefunden.
„Was ist dein Spezialgebiet?", fragte Fuze und musterte die Koreanerin, die nur kurz aufsah und spöttisch erwiderte „Als ob ihr nicht alle meine Akte gelesen hättet."
Fuze schaute sie weiterhin schweigend an, während sie arbeitete und sich erneut die Finger verbrannte.
„Software", bemerkte der Russe und Dokkaebi schaute erneut auf. Sachlich fuhr er fort: „Grace Nam, Spezialistin für Softwaresicherheit und digitale Kriegsführung. Elitesoldatin des 707ten Spezialbataillons, besser bekannt als die weißen Tiger."
„Und?", fragte die Koreanerin genervt und zog eine Augenbraue nach oben. Mit der linken Hand schob sie sich eine ihrer schwarz-weißen Haarsträhnen aus dem Gesicht.
„Ich will nur sichergehen, dass du weißt wer du bist."
„Was?"
„Warum bist du zu Team Rainbow gekommen?"
„Ist das ein Witz?"
„Нет" Fuze starrte sie todernst an und Dokkaebi hielt seinem Blick stand. Dann legte sie das Werkzeug beiseite und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich wollte mit den Besten der Besten dienen und für den besten Zweck. Dem Schutz des Friedens und der Sicherheit rund um den Globus. Team Rainbow vereint führende Spezialisten aus allen Teilen der Welt in einer Einheit. Es ist eine Ehre und ein Privileg an euerer Seite zu kämpfen."
„Da hast du´s", sagte Fuze und klatschte in die Hände.
„Was habe ich?"
„Team Rainbow besteht aus Spezialisten", erklärte der Russe und griff nach Dokkaebis Werkzeug: „Wir sind keine Ein-Mann-Armeen, von denen jede ihren eigenen Krieg führt. Wir sind ein Team aus Experten in verschiedenen Bereichen."
Geschwind griff er nach dem Tablet und ging gekonnt an die Arbeit, während Dokkaebi ihn interessiert musterte.
„Das bedeutet, dass wir zusammenhalten und unsere Stärken ausspielen. Wenn ein Ziel zwei Kilometer entfernt ist, feuert Glaz, nicht Tachanka. Wenn wir schnell irgendwohin müssen, fliegt Jäger und nicht IQ. Wenn etwas mit der Hardware nicht stimmt, macht das Fuze, nicht Dokkaebi."
Mit flinken Fingern drehte er das Tablet um und betätigte den Einschaltknopf. Beinahe sofort leuchtete das Display auf und zeigte Dokkaebis niedliches Pixelsymbol, vollkommen ohne zu flackern oder abzustürzen.
„Danke", murmelte die Koreanerin, während Fuze den Verschluss auf das Gerät schraubte. Dann gab er ihr das Tablet in die Hand und stand auf.
„Nichts zu danken", entgegnete Fuze: „Dafür sind wir hier. Kümmere dich um deine Kameraden, dann kümmern sie sich um dich."
Dokkaebi nickte.
„Ich werd´s mir merken."

Meg saß im Gras vor der Coldwind Farm und schaute mit müden Augen hinauf zu den verkohlten Ruinen des Hauses. Immer noch rauchte es zwischen den schwarzen Balken hervor, doch die Feuerwehr hatte den Brand längst unter Kontrolle gebracht. Nur die Sonne warf ihr oranges Licht auf die Felder.
Neben ihr saß Sally und schaute ebenfalls wortlos den Rettungskräften bei der Arbeit zu. Einen Platz weiter hockte Anna und am Ende der Reihe befand sich Max, der rücklings in der Wiese lag. Der Schuss in seine Schulter war glatt durchgegangen und man hatte ihm nur einen notdürftigen Verband angelegt. Es war nichts, was er nicht überstehen würde. Schließlich war er der Hinterwäldler.
Den Notärzten war der Schreck in die Gesichter geschrieben gewesen, als sie den großen, hässlichen Kerl, der Max nun mal war, auf sie zu stapfen sehen hatten, doch Meg hatte sie davon überzeugen können, dass er keine Gefahr darstellte.
Trist richtete die Athletin den Blick hinüber zu den Überresten des Lagerfeuers, wo nur noch die Blutlacken von den Leichen der Terroristen zeugten. Die Polizei hatte die Körper längst in schwarze Säcke verpackt und bereits weitgehend abtransportiert, zusammen mit Simon, den man einige Meter entfernt in einem der Felder gefunden hatte. Ein Querschläger war durch seinen Hals geschossen und hatte sein Genick durchtrennt. Er war sofort tot gewesen.
Seufzend beobachtete Meg Ellie und eine Handvoll anderer Gäste, die vollkommen aufgelöst von einigen Rettungsleuten und mittlerweile auch Psychologen betreut wurden. Meg würde ihnen nicht zur Last fallen. Sie hatte bereits Erfahrung im Umgang mit Todesängsten und daher ihren Schock weit besser verarbeitet als alle anderen. Außerdem fühlte sie sich an der Seite ihrer drei Killerkollegen sicher genug.
„Sally?", sagte Anna und brach damit eine Stille, die für mehrere Stunden angedauert hatte. Die Krankenschwester drehte sich zu ihr hin und schaute sie ausdruckslos an. Die Jägerin fragte: „Was machen wir jetzt?"
Sally drehte sich wieder nach vorne und seufzte. Den Blick auf die Überreste ihres ehemaligen Heims gerichtet murmelte sie: „Wir müssen Baker Bescheid geben. Er wird uns schon sagen, was wir tun sollen."
Anna nickte und für einen Moment war es wieder ruhig. Dann meldete sie sich wieder.
„Sally?"
Die Krankenschwester antwortete nicht, doch sie hörte zu.
„Wer waren die Männer?"
Meg schaute nun ebenfalls zu Sally, denn es war eine Frage, die sie sich selbst noch nicht beantwortet hatte. Die Krankenschwester schlug die Hände vors Gesicht und antwortete wie erwartet: „Ich weiß es nicht, Anna."
„Aber sie haben nach uns gesucht", bemerkte Meg: „Nach uns vier. Sie kannten unsere Namen und unseren Standort. Das wissen wir."
„Was haben sie gewollt von uns?", fragte Anna weiter, doch die Athletin schüttelte nur den Kopf: „Keine Ahnung. Sie haben nur nach uns gefragt und gedroht Leute zu erschießen, falls wir uns nicht ergeben."
„Zum Glück wir da gewesen", murmelte Anna. Sally schaute bei ihrer Bemerkung leicht zur Seite. Offensichtlich war sich die Krankenschwester der Aussage nicht ganz sicher, doch Meg dachte genau wie die Jägerin: „Ja, zum Glück. Sonst wären jetzt noch mehr Menschen tot."
„Wenn wir uns ausgeliefert hätten, wäre niemand gestorben", entgegnete Sally leise. Weder Anna noch Meg antworteten etwas, doch nun ergriff Max das Wort: „Wir nicht ausliefern. Wir frei sind."
„Max hat recht", fügte Meg hinzu: „Außerdem wissen wir nicht, was sie mit uns und den anderen noch alles angestellt hätten. Es ist besser so."
Sally nickte, schien jedoch immer noch nicht überzeugt. Traurig flüsterte sie: „Wir sollten Baker benachrichtigen."
Die Athletin folgte ihrer Anweisung und stand langsam auf. Mit schweren Schritten ging sie hinüber zu einem der Polizeiautos, die kurz nach der Feuerwehr eingetroffen waren. Einige bewaffnete Polizisten standen umher, ließen ihre Blicke in den Wald schweifen und sicherten die Umgebung. Andere untersuchten den Tatort und befragten jene Zeugen, die halbwegs im Stande waren, über die Ereignisse zu sprechen.
„Entschuldigung", sagte Meg und einer der Polizisten drehte sich um. „Haben sie ein Telefon, das ich benutzen könnte?"
Der Beamte schaute sie zuerst fragend an und wollte dann wissen: „Sie gehören aber nicht zu den Opfern des Anschlags, oder?"
„Doch", entgegnete Meg: „Mir gehört die Farm. Oder besser gesagt, gehörte."
„Sie waren dabei?"
Meg nickte.
„Sie scheinen den Vorfall ja gut verkraftete zu haben", staunte der Beamte: „Haben sie schon eine Aussage gemacht?"
„Nein", schüttelte Meg den Kopf: „Aber das werde ich sofort tun. Ich muss nur vorher mit jemandem sprechen. Dringend."
„Oh, natürlich." Der Polizist langte in seine Hosentasche, zog ein Handy hervor, entsperrte es und reichte es anschließend der Athletin: „Hier, bitte."
Meg bedankte sich nickend und tippte mit tauben Fingern eine Nummer ein. Es war das erste Mal, dass sie diese Nummer wählte und sie hatte gehofft, es niemals tun zu müssen. Der Anruf würde eine direkte Verbindung zu Benedict Baker herstellen, dem Leiter der FBI Abteilung für paranormale Phänomene. Jenem Mann, der ihnen vor all der Zeit aus dem Nebel geholfen und die Killer nachher anstatt in einsamen Lagern hier auf der Coldwind Farm untergebracht hatte
Damals hatte er Meg die Nummer eingeschärft und sie angewiesen, nur im absoluten Notfall anzurufen. Für ein ruhiges Leben, so hatten sie alle übereingestimmt, war es das Beste, wenn die Involvierung des FBI auf einem Minimum gehalten wurde. Nun ließ es sich allerdings nicht mehr vermeiden.
„Agent Baker", meldete sich eine Stimme kurz nachdem Meg das Handy an ihr Ohr geführt hatte.
„Hier ist Meg Thomas", sagte sie: „Wir haben einen Notfall."
„Meg, ich bin froh, dass du anrufst", antwortete Baker: „Ein Notfall? Was ist passiert. Hoffentlich nichts allzu Ernstes."
„Leider doch. Ich, Sally, Anna und Max, wir… Wir wurden angegriffen. Auf der Farm."
„Auf der Farm? Verdammt, dann haben sie bereits begonnen."
Meg legte eine kurze Pause ein, während der Satz langsam in ihren Gedanken ankam. Wusste Baker etwa, dass nach ihnen gesucht wurde? Wenn ja, warum hatte er sie nicht gewarnt?
„Wer hat bereits begonnen?", wollte sie wissen: „Was geht hier vor sich?"
„Ich kann es dir nicht sagen, Meg", antwortete Baker hörbar unter Stress: „Ich habe Anweisung zu strengster Geheimhaltung, von ganz oben. In Kürze werden Beamte des FBI bei euch eintreffen, die den Auftrag haben, euch mitzunehmen. Ich will, dass ihr ihnen unverzüglich Folge leistet. Wenn ihr erst Mal hier seid, erfahrt ihr mehr."
„Was? Wo ist hier?"
„Das ist geheim", sagte Baker und fügte anschließend hinzu: „Ich muss Schluss machen. Passt auf euch auf."
Ein Piepen ertönte und die Verbindung wurde unterbrochen. Nachdenklich gab Meg dem Polizisten sein Telefon zurück, bevor sie sich wieder neben Sally setzte.
„Das war ein kurzes Gespräch", sagte die Krankenschwester und Meg antwortete: „Kann man so sagen."
Sie rupfte ein Büschel Gras aus der Erde, zerrieb es zwischen den Fingern und warf es anschließend wieder zu Boden.
„Er wusste bereits, dass jemand nach uns sucht."
„Was?" Sally fuhr auf: „Warum hat er uns nicht gewarnt?"
„Wie denn?", fragte Meg: „Wir haben kein Telefon auf der Farm. Wahrscheinlich weiß er es selbst erst seit kurzem. Jedenfalls scheint irgendetwas Beunruhigendes vor sich zu gehen."
„Was hat er noch gesagt?", wollte Sally wissen, doch Meg schüttelte den Kopf und murmelte: „Gar nichts. Nur irgendetwas von Geheimhaltung und Anweisungen von oben."
„Das ist alles?"
„Jemand kommt uns abholen", sagte Meg: „Sie sind bereits auf dem Weg. Glaube ich. Wir sollen tun was sie sagen, dann erfahren wir mehr."
„Das hoffe ich", grummelte Sally und ließ sich wieder nieder. Für eine Weile kehrte die Stille zurück. Wie verloren schauten die Vier auf die rauchenden Ruinen ihrer Farm, nicht wirklich sehend und in melancholische Gedanken versunken.
Meg riss hin und wieder einen Grashalm aus der Erde, Max griff sich immer wieder an seine Wunde und Anna hatte leise zu summen begonnen. Nur Sally verharrte vollkommen reglos.
Nach einiger Zeit stand die Jägerin plötzlich auf und drehte den Kopf. Sie hatte ganz offensichtlich etwas gehört und alle anderen erhoben sich ebenfalls. Kaum einen Augenblick später tauchten bereits drei schwere, schwarz lackierte Transporter auf der Landstraße auf und näherten sich rasend schnell der Farm. Mit ihren Reifen wirbelten sie eine dicke Staubwolke auf.
„Das müssen sie sein", bemerkte Meg. Sie kannte diese Transporter bereits. Es waren dieselben Fahrzeuge, in denen das FBI vor zwei Jahren all die Ausrüstung und Beamten nach Waltonfield gebracht hatte, um sie bei der Rettungsaktion zu unterstützen.
Sally beobachtete, wie die Autos in einiger Entfernung stehenblieben. Sofort öffneten sich die Türen und entließen eine Horde an FBI Agenten auf den trockenen Boden, angeführt von einem ernst aussehenden Mann mit Sonnenbrille und Glatze. In den Händen hielt er eine UMP 45 und seine Schritte führten ihn zuerst auf den Polizeichef zu, mit dem er einige Worte wechselte. Was er sagte, schien dem Polizisten nicht zu gefallen. Energisch drehte sich der Mann um und entdeckte kurz drauf Sally, Meg, Max und Anna, die ihn aus der Ferne beobachteten.
„Er hat uns entdeckt" kommentierte Meg und Sally bestätigte: „Jep"
„Ich ihn nicht mag", kommentierte Anna und Sally klopften ihr wohlwollend auf die Schulter. „Ganz ruhig. Er ist auf unserer Seite."
An Meg gewandte fügte sie hinzu: „Ich rede mit ihm, okay?"
„Nur zu gern", murmelte Meg und überließ Sally den Vortritt, die dem Mann sofort zwei Schritte entgegenging.
„Guten Morgen", grüßte sie, doch der Agent ging nicht auf sie ein. Stattdessen fragte er: „Sally Smithson?"
Sally nickte und der Blick des Mannes glitt über die anderen.
„Meg Tomas, Max Thompson und… Anna?"
„Ja", bestätigte die Krankenschwester: „Wir…"
„Folgen sie mir", kommandierte der Mann und machte bereits Anstalten sich umzudrehen. Sally zog jedoch nur eine Augenbraue nach oben und ließ sich sein Kommando in keiner Weise gefallen.
„Nicht so schnell."
Der Mann blieb überrascht stehen und schaute sie fragend an.
„Bevor wir auch nur einen Schritt machen, will ich wissen, wo wir hingebracht werden", forderte Sally und stemmte die Arme in die Hüfte: „Wir haben nichts Falsches getan. Das hier, das war… Notwehr."
Der Mann schaute sich kurz um und ließ den Blick über die verpackten Leichen schweifen. Dann schüttelte er den Kopf und antwortete: „Ich habe keine Befugnis ihnen unser Ziel zu verraten. Sie werden mehr erfahren, wenn wir dort sind."
„Nein", widersprach Sally: „Das genügt uns nicht."
„Ich glaube, sie missverstehen die Lage", antwortete der Mann ruhig, doch bestimmt.
„Tue ich das?"
Sally verschränkte die Arme vor der Brust
„Wenn sie uns in irgendein Lager wegsperren wollen, werden wir uns wehren."
„Wegsperren?" Der Mann schüttelte den Kopf: „Wir werde sie nicht wegsperren. Wir brauchen ihre Hilfe."
Er stellte sich breitbeinig hin und zwei bewaffnete Beamte näherten sich hinter ihm.
„Außerdem habe ich strikten Befehl, sie mitzunehmen, zur Not auch unter Einsatz extremerer Maßnahmen."
Sally schaute ihm trotzig entgegen, bewegte sich jedoch nicht. Sie wusste genau was er mit „extremeren Maßnahmen" meinte, doch sie hatte es sich vor zwei Jahren schon nicht gefallen gelassen herumkommandiert zu werden.
„Sie brauchen unsere Hilfe?", fragte Sally: „Wobei?"
Der Mann antwortete nicht. Stattdessen trat nun Meg langsam hinter die Krankenschwester und flüsterte: „Wir sollten mit ihm gehen. Baker ist immer noch auf unserer Seite, er wird uns schon helfen."
Sally überlegte kurz. Die ganze Sache gefiel ihr überhaupt nicht, doch letztendlich nickte sie.
„Na gut" Sie schaute über die Schulter zu Anna und Max: „Gehen wir."
Der Mann schien zufrieden und drehte sich um, wobei er auf das zweite Fahrzeug wies. Zwei Beamte zogen die schweren Metalltüren auf und gaben anschließend den Weg in den Laderaum frei, der ihnen für die Reise wohl als Abteil dienen würde. Die Transporter waren trostlose Fahrzeuge, mit harten Metallbänken und fensterlosen Seitenwänden. Nur auf dem Dach gab es eine kleine Lucke, die einen Spaltbreit geöffnet war.
Anna und Max wechselten einen kurzen Blick bevor sie nacheinander in das Vehikel kletterten. Beide mussten sich bücken, um in den Innenraum zu passen. Meg hingegen konnte aufrecht stehen. Sally wartete noch kurz, bevor sie ebenfalls in den Wagen kletterte und fragte den glatzköpfigen Mann: „Wie lange werden wir reisen?"
„Lange" sagte der Mann.
„Dürfte ich noch ihren Namen erfahren?"
„Fürs erste nennen sie mich Pulse. Namen kommen, sobald wir da sind."
Sally nickte und schaute ihn kurz an. Dann seufzte sie und stieg ebenfalls in das Fahrzeug. Hinter ihr erklommen noch drei Beamten die Ladefläche und setzten sich auf die Stahlbänke, bevor die schweren Panzertüren zufielen. Die Blicke der Soldaten waren nervös auf Max gerichtet, der sie beinahe um das doppelte überragte. ER schenkte den Männern keine Beachtung. Brummend starteten die Motoren.

Ying riss das Steuer herum und lenkte den Wagen nach rechts. Sie war eine hervorragende Fahrerin und der Pariser Verkehr war ihr kein Hindernis. Geschickt schlängelte sie sich durch die Straßen und Gassen, immer wieder überholend und Gas gebend. Neben ihr saß Montagne und auf dem Rücksitz hatte Tachanka Platz genommen.
Das FBI hatte ihnen vor einer halben Stunde Bescheid gegeben, dass sich eine ihrer Zielpersonen in Paris befand. Den Akten nach zu urteilen, die Thatcher und Caveira in Brasilien sichergestellt hatten, war die Anwesenheit der White Masks nicht auszuschließen. Daher hatte Six die drei Operatoren in voller Kampfausrüstung losgeschickt.
„Hier vorne nach links", murmelte Montagne und Ying folgte seiner Anweisung. Tachanka schaute nach rechts aus dem Fenster und strich mit der Hand über seine Waffe. Er hatte bisher keinen Fuß in das Stadtzentrum gesetzt und den Eiffelturm stets von weitem beobachtet. Nun ragte er zu seiner rechten auf, in volle Größe majestätisch und prachtvoll. Dann schob sich ein Gebäude in sein Blickfeld und Ying bog nach links ab.
Der Russe lehnte sich entspannt zurück und schaute nach vorne durch die Windschutzscheibe. Eine mögliche Kampfsituation konnte ihn schon lange nicht mehr aus der Ruhe bringen, dazu wer er einfach zu erfahren. Nicht, dass es ihn nicht beschäftigen würde, doch Tachanka hatte einfach erkannt, dass es keinen Sinn machte, sich aufzuregen. Ruhe und Gelassenheit waren das Um und Auf einer erfolgreichen Operation.
„Gleich sind wir da", sagte Montagne und setzte seine Sturmhaube auf. Tachanka tat es ihm gleich und stülpte sich seinen schweren Metallhelm über den Kopf. Das Visier hielt er noch geöffnet. Schwer wog die Rüstung auf seinem Hals und die altbekannte Last ließ seinen Geist zur Ruhe kommen. Konzentration war nun gefragt.
Mit quietschenden Reifen zog der Militärtruck auf die Zielgerade und lenkte den Blick der drei Operatoren auf eine Ansammlung an Polizeiautos. Die blitzenden Blaulichter warfen ihren Schein auf ein hochaufragendes Wohnhaus und drei Polizisten standen am Eingang des schäbigen Gebäudes. Es schien jedoch keine Gefahr zu bestehen.
„Sind wir zu spät?", fragte Tachanka von der Rückbank. Er hatte einen Krankenwagen erspäht und Sorgenfalten formen sich auf seiner Stirn. Vielleicht war die Mission bereits vorbei, bevor sie überhaupt begonnen hatte.
„Ich hoffe nicht", antwortete Ying und trat auf die Bremse. Die Polizisten drehten überrascht die Köpfe und starrten auf den schweren Truck mit dem Militärkennzeichen. Kaum war das Fahrzeug zum Stehen gekommen, stieß Montagne bereits die Tür auf und stapfte hinunter auf die Straße. Seine Ausrüstung war schwerer als die Tachankas und seine Schritte waren weithin hörbar. Der Franzose war einer der wenigen, der stark genug war, um unter all dem Gewicht der kugelsicheren Westen noch sein schweres, ausklappbares Einsatzschild effektiv verwenden zu können.
„Bon jour", grüßte er seine Landsmänner, während hinter ihm Tachanka und Ying aus dem Wagen stiegen. Die Beamten warfen nervöse Blicke auf die schwer bewaffneten Operatoren. Offenbar versetzte sie das Auftauchen solcher Einsatzkräfte in Unruhe, da sie sich der Gefahrenstufe ihrer Lage nicht mehr sicher waren.
„GIGN", sagte Montagne und trat auf einen der Polizisten zu. Der Mann blickte kurz auf das Abzeichen an Montagnes Schulter und antwortete dann auf Französisch: „Wie kann ich ihnen helfen?"
„Was ist hier passiert?", wollte der Rainbow Operator wissen und der Polizist schaute über die Schulter auf das Gebäude, bevor er sagte: „Mutmaßliche Entführung. Wir haben einen Notruf erhalten, aber als der erste Streifenwagen hier war, war die ganze Sache bereits vorüber."
„Entführung? Woher wissen sie das?"
„Wir nehmen es an", erklärte der Polizist: „Es gibt Spuren eines Kampfes in einer Wohnung und die Besitzerin des Wohnheims wurde mit durchgeschnittener Kehle im Erdgeschoss gefunden. Einige der Einwohner haben Geräusche gehört."
Ying fluchte leise hinter Montagnes Schulter, Tachanka blieb ruhig und der Franzose fragte weiter.
„Wer wurde entführt?"
„Zwei Amerikanerinnen, soweit wir wissen. Zumindest werden sie vermisst und wir glauben nicht, dass sie die Wohnung aus freien Stücken verlassen haben."
„Zwei?", fragte Montagne und der Polizist nickte: „Ja. Und eine Dritte wurde bewusstlos in der Wohnung gefunden."
„Ist sie noch hier?", wollte Montagne wissen und deutete auf den Krankenwagen. Der Polizist nickte erneut, fügte jedoch hinzu: „Sie ist immer noch bewusstlos, also nicht ansprechbar."
„Bringen sie uns zu ihr", kommandierte der Operator und der Beamte hob die gelbe Absperrung an. Tachanka und Ying folgten Montagne auf den Tatort, blieben jedoch etwas zurück. Eingehend musterten sie die Umgebung, während Montagne dem Polizisten hinüber zu dem Krankenwagen folgte, wo sich zwei Notärzte um ein Mädchen auf einer Trage kümmerten.
„Halt", rief Montagne, als sie einer der beiden bereits die Türen zuwerfen wollte. Sein Blick fiel auf das Mädchen und er wandte sich an den Polizisten: „Ist sie das?"
„Ja"
„Konnten sie ihre Identität feststellen", wollte er weiter wissen, doch der Beamte schien ratlos. Montagne schaute zu den Ärzten und einer der beiden sagte: „Sie hatte einen Ausweis bei sich. Ihr Name ist Maxine Caulfield, Amerikanerin."
Montagnes Blick fiel auf ein sommersprossiges Gesicht. Sie war unverletzt, doch sie rührte sich nicht und schien im Koma zu liegen.
„Wie ist ihr Zustand?"
„Sie schläft"
„Sie schläft?"
„Ja"
Die Notärzte schauten ihn an und erstaunt erwiderte Montagne ihren Blick. Schlaf war das letzte, was er von einer Zivilistin direkt nach einem Angriff erwarten würde.
„Wir müssen los", sagte einer der Ärzte energisch und wollte erneut die Tür zuziehen, doch Montagne hielt ihn zurück.
„Wir brauchen sie", sagte er: „Bringen sie sie nicht ins Krankenhaus, sondern folgen sie unserem Wagen."
„Das können wir nicht…", setzte einer der Männer an, doch Montagne, der schwer bewaffnet war, brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen. „Tun sie es. Wir haben Ärzte, die sich um sie kümmern können."
Damit drehte er sich um und bedeute Ying und Tachanka, zum Wagen zurückzukehren. Der Russe wartete kurz auf ihn und fragte: „Ist sie es?"
„Non", antwortete Montagne: „Aber wir bringen sie auf die Basis. Wenn sie in die Sache verwickelt ist, weiß sie vielleicht etwas oder ist in Gefahr."
„Was ist mit unserer Zielperson?", fragte Tachanka und Montagne wandte sich noch mal an den Polizisten.
„Wie lauten die Namen der beiden Mädchen, die vermissten werden?"
„Chloe Price", antwortete der Mann: „Und… ähm… Claudette Morel."

Jake lag unter einem schneeweißen Federbett, Gliedmaßen, Brust und Kopf in Verbände geschlungen und unwillig auch nur die kleinste Bewegung auszuführen. Jedes Mal, wenn er sich rührte, schossen Schmerzen in seinen Kopf und stachen ihm qualvoll in den Nacken. Also blieb er einfach ruhig liegen und ließ die Augen durch den Raum gleiten.
Er konnte sich erinnern aus den Händen der Terroristen befreit zu werden. Danach war es ihm so vorgekommen, als wäre er in ein Flugzeug getragen worden und schlussendlich hatte man ihn hier einquartiert. Er konnte sich erinnern, doch die Bilder waren flüchtig, verschwommen und verzerrt. Er musste wohl unter dem Einfluss starker Schmerzmittel gestanden haben.
Jetzt befand er sich in einem Krankenhaus, zumindest seiner Umgebung nach zu urteilen. Er lag in einem großen Saal mit acht Betten, vier an jeder Wand. Am Kopfende führte eine Tür nach draußen und gegenüber auf der anderen Seite, befand sich ebenfalls eine Tür, die jedoch verschlossen und mit allerlei Warnhinweisen versehen war. Wusste der Teufel, was sich dahinter verbarg.
Außerdem war er der einzige Patient auf der Station. Außer ihm war der Saal vollkommen leer.
Stöhnend ließ sich Jake in die Kissen fallen und bemerkte, dass er an eine Maschine angeschlossen war. Schon wieder. Ein kurzer Schreck fuhr in seine Glieder, doch schon bald kam er wieder zur Ruhe, als er sich vergewisserte, dass der Apparat nur dazu da war, seine Vitalfunktionen zu überwachen. Die übliche Prozedur in Krankenhäusern.
Er wollte gerade die Augen schließen und zurück in einen dumpfen Schlaf finden, als er eilige Schritte hörte, die sich außerhalb der Eingangstür näherten. Es handelte sich um mehrere Personen. Nach einem Augenblick vernahm Jake auch hastige Gespräche und kurz darauf flog krachend die Tür auf. Ein rollbares Krankenbett brach herein, flankiert von zwei Notärzten, drei schwer bewaffneten Soldaten und einem weiteren Mann, mit mediterranen Gesichtszügen.
„Hier" kommandierte er: „Legt sie hier hin"
Die beiden Notärzte leisteten ihm sofort Folge und schoben das Bett, auf dem Jake ein bewusstloses junges Mädchen entdeckte, direkt an die Station neben ihn. Niemand schenkte ihm Beachtung. Sie waren zu beschäftigt damit die Patientin auf das Krankenbett hinüberzuheben und sie anschließend an die Apparaturen anzuschließen, an denen auch Jake hing.
An einem der Männer, der eine schwere Kampfausrüstung trug, konnte Jake das Abzeichen des französischen GIGN erkennen. Nach einem Moment entdeckte er auf dem Arm eines weiteren Soldaten die Flagge von Hong Kong. Als dieser etwas sagte, stellte sich heraus, dass es sich um eine Frau handelte. Der letzte der drei Bewaffneten trug die Abzeichen der russischen Föderation und das Symbol der Spetsnaz.
„Sie ist stabil", sagte einer der Notärzte und sprach dann kurz in schnellem Französisch mit dem Unbewaffneten. Der andere Franzose, jener mit dem GIGN Abzeichen, drehte sich derweil um und entdeckte endlich Jake, der die Prozedur bisher wortlos beobachtet hatte. Schweigend nickte der Riese und Jake erwiderte die Geste verunsichert. Er konnte das Gesicht des Mannes nicht sehen, da er es hinter einer schwarzen Sturmhaube versteckt hatte.
Im nächsten Moment jedoch wandte sich der Kämpfer wieder um und tippte dem Dunkelhäutigen auf die Schulter, während sich die Notärzte zum Gehen wandten. Er deutete auf Jake und der Mann mit den mediterranen Gesichtszügen bedachte ihn sofort mit seiner Aufmerksamkeit. Eilig zog er einen Stuhl herbei und setzte sich neben ihn, mit der rechten Hand bereits Jakes Verbände kontrollierend.
„Guten Morgen" sagte er und schaute kurz zu dem großen GIGN Soldaten. Dieser hatte sich derweil zusammen mit dem Russen zum Gehen gewandt und verließ nun den Saal. Die weibliche Soldatin hielt sich jedoch im Hintergrund und wartet ab.
„Wie geht es dir?", fragte der Mann, bei dem es sich offensichtlich um einen Arzt handeln musste. Jake hatte mittlerweile auch an ihm die Abzeichen des GIGN entdeckt und mit trockenem Mund antwortete er: „Scheiße"
„Verständlich" sagte der Franzose und sah ihm direkt in die Augen: „Hast du irgendwo zu starke Schmerzen, für die du Mittel brauchst?"
Jake schüttelte den Kopf: „Nein, es geht schon."
„Bist du sicher?"
„Ja"
„Glaubst du, du bist stark genug für ein kurzes Gespräch?"
Jake spürte einen dicken Hammer gegen seine Schädeldecke krachen, doch er war im Stande den Schmerz zu ignorieren. Mit leicht verzerrtem Gesicht nickte er.
„Hervorragend", erwiderte der Arzt und lehnte sich etwas zurück: „Dein Name ist Jake Park, richtig?"
Jake bestätigte.
„Ich bin Gustave Kateb. Manche hier nennen mich Doc." Der Franzose deutete auf die Soldatin. „Das ist Siu Mei Lin, auch Ying genannt."
Ying hatte derweil ihre Einsatzbrille abgenommen und ihr Sturmgewehr auf dem Boden abgestellt. Langsam zog sie nun auch einen Stuhl herbei und setzte sich hin, wobei sie grüßend die Hand hob.
„Also, Jake", fuhr Doc fort: „Wir haben ein paar Fragen an dich und du wärst uns eine große Hilfe, wenn du sie uns so schnell wie möglich beantworten könntest. Aber zuerst möchte ich wissen, ob du irgendwelche Fragen an uns hast."
Jake schaute den Franzosen kurz an, bevor sein Blick zu Ying fuhr und dann wieder zurück zu Doc. Die dunklen Augen des Mannes waren hypnotisierend und geduldig wartete er, bis Jake seine Gedanken geordnet hatte.
„Wo… Wo bin ich?"
„Paris", antwortete Doc und deutete auf den Krankensaal: „Genauer gesagt, etwas außerhalb in einem Stützpunkt des französischen Militärs."
„Paris?", fragte Jake überrascht und zog die Augenbrauen nach oben: „Warum Paris? Ich war doch in Rio de Janeiro, als ihr mich befreit habt, oder? Wer seid ihr überhaupt?"
Doc lachte kurz in sich hinein.
„Wir sind Team Rainbow", erklärte er: „Vielleicht hast du schon von uns gehört."
Das hatte Jake in der Tat, doch es waren nie wirklich mehr als wage Gerüchte und gelegentliche Nachrichten im Fernsehen gewesen. Über die Details der angeblich international agierenden Anti Terror Einheit wusste er überhaupt nichts. Aber immerhin war er auch das letzte halbe Jahr durch den Dschungel und über einsame Bergpässe gewandert. Da war es gut möglich, dass er das eine oder andere ganz einfach verpasst hatte.
„Meine Kollegen haben dich in Rio de Janeiro bei einer Operation gegen die White Masks befreit", erzählte Doc: „Das ist jetzt gut achtundvierzig Stunden her. In dieser Zeit haben wir dich nach Paris gebracht, da sich hier unser gegenwärtiges Hauptquartier befindet."
Er lehnte sich etwas näher, stützte sich mit den Ellbogen an seinen Knien ab und sagte mit einem Augenzwinkern: „Außerdem sind die Brasilianer nicht so geschickte Ärzte, wie wir Franzosen, aber das bleibt unter uns."
„Ich verstehe nicht", entgegnete Jake nach kurzem Überlegen: „Wieso nicht einfach ein normales Krankenaus?"
„Wie ich schon sagte, wir haben Fragen an dich", antwortete Doc: „Und wir glauben, dass du immer noch in Gefahr bist."
„Wegen der… diesen Kerlen?"
„Den White Masks, genau. Wir glauben, dass sie immer noch nach dir und anderen suchen, deshalb brauchen wir deine Hilfe. Willst du sonst noch etwas wissen?"
„White Masks? Wer sind die?"
„Eine internationale Terrororganisation", antwortete Doc: „Wir haben es bisher ganz gut geschafft, ihre Existenz nicht an die große Glocke zu hängen, daher ist es nicht wunderlich, wenn du noch nie von ihnen gehört hast."
„Warum habt ihr das getan?"
„Um eine Massenpanik zu vermeiden", sagte der Franzose und verschränkte die Arme vor der Brust: „Mit ihren Aktionen wollen sie Angst schüren. Die Medien wären ihnen nur eine Bühne für ihre kranken Pläne. Erinnerst du dich an die Anschläge auf die Bartlett Universität in Boston?"
„Ähm… ja"
„Dafür waren sie verantwortlich. Es war der erste Einsatz von Team Rainbow und seitdem haben wir alles darangesetzt, ihnen das Handwerk zu legen. Leider ist das leichter gesagt, als getan."
Jake rieb sich knurrend die Stirn. Sein Kopf schien unter all den Informationen zu platzen und er hatte Mühe seinen eigenen Gedanken zu folgen.
„Verdammte… was wollen die überhaupt von mir?"
„Wir hatten gehofft, dass du uns das beantworten könntest."
Doc schaute Jake mit einem ernsten Blick an und für einen Moment kehrte Stille ein, bevor der Arzt behutsam fragte: „Siehst du dich im Stande uns ein paar Fragen zu beantworten?"
Jake nickte und aus den Augenwinkeln sah er, wie Ying nach einem Klemmbrett griff. Sie würde seine Antworten schriftlich festhalten.
„Ist das ein Verhör?", fragte Jake und deutete auf die Mitschreibende. Doc folgte seinem Blick und lachte: „Oh non. Wir schreiben nur alles mit, sodass uns kein Detail entgeht, wenn wir uns später vielleicht nicht mehr genau erinnern."
Das klang logisch.
„Also, bereit für die erste Frage?"
„Ja"
„Wie und wo haben dich die White Masks gefangen genommen?"
„Ähm", Jake versuchte sich zu erinnern: „Ich war mit meinem Team auf dem Weg in den Amazonas. Wir haben in einem kleinen Motel an einer wenig befahrenen Straße übernachtet. Gerade als wir schlafen gehen wollten, stürmten sie das Gebäude und haben uns alle überwältigt. Dann haben sie mich betäubt und ich bin in Rio wieder aufgewacht."
„Woher wusstest du, dass du in Rio warst?"
„Er hat´s mir gesagt?"
„Wer?"
„So ein Mann" Jake versuchte sich mit zusammengekniffenen Augen zu erinnern. „Er hat mir seinen Namen nicht gesagt, aber einmal hat er mir verraten, dass ich mich in einem Slum in Rio befinde."
„Hat er sonst noch etwas gesagt?"
„Er hat gesagt, dass sie mich nicht töten wollten", erzählte Jake: „Dass sie mich für eine wichtige Operation benötigen und dass ich an Besten einfach kooperieren sollte."
„Was war das für eine Operation?"
„Keine Ahnung"
„Man hat dich an einen seltsamen Apparat angeschlossen gefunden. Haben sie damit irgendetwas gemacht?"
„Sie haben es versucht", sagte Jake: „Aber es ist nie was passiert. Ich bin eigentlich nur an all die Kabel angeschlossen gewesen und irgendwelche Mechaniker haben an mir herumgeschraubt. An der Maschine meine ich."
„Als man dich befreit hat", sagte Doc: „Da hat sich ein schwarzer Nebel ausgebreitet und dich mitsamt einem unserer Operatoren verschluckt. Kannst du dich daran erinnern?"
Jake schüttelte den Kopf.
„Ihr seid kurz drauf wiederaufgetaucht und unser Mann hat berichtet, dass er an einem anderen Ort gewesen sei und eine gewisse Lisa getroffen hätte."
Jake wurde nun hellhörig. Wortlos schaute er von Doc zu Ying, die seinen Blick schweigend erwiderte. Der Franzose deutete seine Reaktionen in Windeseile und sagte. „Der Name ist dir also bekannt?"
„Was wollt ihr von ihr?"
Doc musterte Jake für einen Moment, bevor er langsam sagte: „Wir wollen von ihr wissen, was sie in einer Basis der White Masks verloren hat und ob unser Operator wirklich an einem anderen Ort war, wie er behauptet. Wer ist sie?"
„Sie…" Jake überlegte kurz: „Sie ist eine alte Frau. Sehr alt, soweit ich weiß. Aber ich dachte, sie wäre tot."
„Offenbar nicht. Bist du froh darüber?"
Jake antwortet nicht. Erst nach einer Weile sagte er: „Ich glaube, sie sollten sich an das FBI wenden. Dort gibt es eine Abteilung, geleitet von Agent Benedict Baker. Sie…"
„Das haben wir bereits", sagte Doc: „Lisa hat uns denselben Hinweis gegeben. Und als wir sie dich und die anderen erwähnt haben, hat er uns eure Geschichte erzählt."
„Ihr wisst also über den Entitus?"
„Wir wissen alles, was das FBI weiß", sagte Doc: „Aber ich muss zugeben… Ich kann es nicht so recht glauben. Diese ganze Geschichte mit der Entführung in eine andere Dimension, den sogenannten Killern und den Überlebenden.
„Kein Wunder", murmelte Jake.
„Du warst einer davon, nicht wahr?"
Jake nickte.
„Dann sollten dir die Namen Meg Thomas, Sally Smithson, Max Thompson und Anna etwas sagen."
„Hat Baker euch die Namen gegeben?"
„Nein" Doc schüttelte den Kopf. „Wir haben sie in Unterlagen der White Masks gefunden. In jenem Stützpunkt, aus dem wir dich befreit haben. Wir glauben, dass nach ihnen und den anderen Überlebenden gesucht wird."
„Dann sind sie in Gefahr", rief Jake, doch Doc versuchte ihn zu beruhigen: „Das FBI konnte sie sicherstellen. Es hat zwar einen Angriff gegeben, aber meines Wissens nach konnten sie sich erfolgreich verteidigen."
„Was?" Jake schüttelte ungläubig den Kopf: „Was ist hier los?"
„Das versuchen wir herauszufinden", antwortete Doc: „Wir kennen nun die Standorte all jener, die damals an dem Vorfall mit dem Entitus beteiligt waren. Bis jetzt vermissen wir zwei Personen."
„Wen?"
„Ace Visconti ist laut unseren Informationen mit dir durch Südamerika gereist, hat sich aber irgendwann von dem Team getrennt. Weißt du, wo er sich befinden könnte?"
„Das letzte Mal habe ich ihn in Montevideo gesehen", antwortete Jake.
„Hat er irgendwelche Pläne gehabt?", wollte Doc wissen, doch Jake schüttelte nur den Kopf bevor er fragte: „Wer ist der andere?"
Doc seufzte kurz und antwortete: „Claudette Morel wurde letzte Nacht hier in Paris entführt. Bisher gibt es noch keine Spuren, aber das kann sich jederzeit ändern."
Jake antwortete nicht, sondern sank langsam nach hinten in die Kissen. Er hatte gedacht, mit seiner Rettung wäre die ganze Sache vorbei. Doch allem Anschein nach hatte sie gerade erst begonnen.

Eine ganze Weile lang rauschten die schweren Trucks über lange Landstraßen hinweg. Durch die Luke am Dach konnte Meg erkennen, wie sich die Sonne langsam ihrem Zenit näherte, ihn erreicht und schlussendlich überschritt. Nun sank sie wieder nach unten und die Richtung, die sie einschlug, verriet der Athletin, dass sich die Kolonne auf dem Weg nach Nordosten befand. Die Abstände zwischen einer Kurve und der nächsten waren lang und die meiste Zeit ging es einfach geradeaus.
Weder Meg, Sally, Max oder Anna, noch die beiden Soldaten, die mit ihnen in dem Fahrzeug saßen, sagten einen Wort. Grimmig starrten die beiden Männern einfach nur geradeaus. Sally hingegen wirkte bedrückt und müde, hatte sich mit den Armen auf ihre Knie gestützt und das Gesicht in die Hände gelegt. Meg selbst saß mit verschränkten Armen da und schaute gelangweilt umher, ähnlich wie Anna.
Die Jägerin war offenbar immer noch nicht ganz mit dem Konzept von Kraftfahrzeugen vertraut und untersuchte begeistert ihre Umgebung. Allerdings gab es an den kahlen Wänden, den harten Sitzen und den Gurten nicht allzu viel zu entdecken, sodass sich ihr Blick bald auf die Soldaten legte. Max zu guter Letzt, schien die Fahrt überhaupt nicht zu bekommen. Nervös trommelte er mit den Füßen auf den Boden und legte immer wieder die Hände an den Kopf.
Nach einer Weile war Meg überzeugt, dass er nicht mehr weit von einer Panikattacke entfernt war und sie wusste auch warum. Behutsam lehnte sie sich nach vorne und legte eine Hand auf sein unförmiges Knie. Die Berührung veranlasste den Hinterwäldler nach oben zu schauen, wo sich ihre Blicke trafen.
„Sie bringen uns nur irgendwo anders hin", sagte Meg leise: „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen."
Max nickte und atmete rasselnd aus. Er beruhigte sich ein wenig, doch es war nicht viel. Immerhin, so dachte Meg, würde er das Fahrzeug nicht auseinandernehmen. Max mochte es überhaupt nicht in enge, dunkle Räume eingesperrt zu werden, vor allem dann nicht, wenn er wusste, dass er sie nicht einfach so verlassen konnte. Ein paar Fenster hätten schon geholfen.
Meg wusste, dass Max als kleines Kind von seinen Eltern über einen langen Zeitraum in eine Kammer eingeschlossen worden, doch der Hinterwäldler hatte nie wirklich darüber gesprochen. Nur Sally hatte er sich anvertraut und die hatte es eines Tages für angebracht gehalten, ihr Wissen an Meg weiterzugeben. Sie war sich hundertprozentig sicher, dass seine Angstzustände in dieser Erfahrung begründet werden konnten.
„Meg?", fragte nun Anna: „Wo bringen uns hin?"
„Ich weiß es nicht", antwortete die Athletin und warf den beiden Soldaten im Raum einen stechenden Blick zu: „Das will man uns ja nicht sagen."
„Befehle sind Befehle, Mädchen", knurrte einer der Männer gelangweilt und Meg verdrehte entnervt die Augen. Sie klopfte Max ermutigend auf den Oberschenkel und lehnte sich dann wieder zurück. Sally schaute der Szene nur wortlos zu.
Wieder dauerte es eine Weile, in der niemand etwas sagte. Anna hatte nach einiger Zeit leise zu Summen begonnen und Meg, die die gesamte Nacht lang wach gewesen war, konnte nur noch mit Mühe ihre Augen offenhalten. Die sanfte Stimme der Jägerin zusammen mit den konstanten Geräuschen des Motors ließen sie schläfrig werden. Max hatte sich glücklicherweise immer weiter beruhigt und döste nun auch langsam ein.
Dann wurde plötzlich scharf rechts abgebogen und wenig später trat der Fahrer fest auf die Bremse. Die Insassen des Wagens wurden von dem rapiden Geschwindigkeitsverlust zur Seite gezogen, sodass Anna ihr Lied unterbrach und Max überrascht aufschreckte. Sally und Meg wechselten einen Blick und die Athletin murmelte: „Ich glaube wir sind da."
Die Bestätigung ihrer Vermutung erhielt sie wenig später, als die beiden Soldaten aufstanden und die große Tür am Heck aufstießen. Eilig sprangen sie nach draußen und im nächsten Moment tauchte bereits Pulse auf, der ihnen bedeutet, auszusteigen.
„Na dann", murmelte Meg und stand auf. Müde ging sie hinüber und ließ sich vorsichtig hinunter auf den Boden fallen. Nachdem ihre Füße auf dem harten Asphalt gelandet waren, rückte sie ihre Schildkappe zurecht, hob den Kopf und schaute sich um. Überrascht zog sie eine Augenbraue nach oben
Sie befand sich auf einem Flugfeld, nahe der Rollbahn. Mehrere graue Maschinen waren an einem hohen, mit Stacheldraht gesicherten Maschendrahtzaun aufgereiht und standen bereit zum Abflug. Mit breiten Flügeln und vier Triebwerken pro Flieger handelte es sich um ganz schön dicke Brocken. Auf jedem einzelnen konnte sie das Wappen der amerikanischen Luftwaffe erkennen.
„Wo genau bringen sie uns noch gleich hin?", fragte sie sarkastisch und drehte sich zu Pulse um, während zuerst Max und dann Anna aus dem Truck stiegen. Sally kam als letzte. Pulse hingegen schenkte Megs Frage keine Beachtung und bedeutet den vieren, ihm zu folgen.
„Ist das ein Flugzeug?", fragte Anna und zeigte auf die großen Transportmaschinen. Mit geweiteten Augen stellte sich Max neben sie, bis er von Sally weitergezogen wurde.
„Ja, das sind Flugzeuge", sagte Meg und schoss Pulse einen giftigen Blick in den Rücken: „Habt ihr davon in einem eurer Bücher gelesen."
„Ja", murmelte Anna und starrte weiterhin auf die Maschinen, während sie Pulse folgte. Sie konnte sich kaum von dem Anblick losreißen und selbst Meg musste zugeben, dass die riesigen Militärflugzeuge eine beeindruckende Sache waren.
„Sie sind groß", sagte Anna und drehte dann kurz den Kopf: „Meg?"
„Ja?"
„Fliegen wir mit Flugzeug?"
„Keine Ahnung", antwortete die Athletin: „Aber sonst wären wir wohl nicht hier, oder?"
„Nein", schüttelte Anna den Kopf und schaute wieder aufgeregt zu den Flugzeugen hinüber. Erst nach einer Weile richtete sich ihr Blick wieder nach vorne und einige hundert Meter entfernt entdeckte sie eine weitere Maschine, zwar etwas kleiner, jedoch nicht minder beeindruckend. Pulse hielt genau auf sie zu.
„Wo zum Teufel bringen die uns hin?", flüsterte Meg leise und Sally antwortete wütend: „Wenn das wieder diese Pläne mit den Lagern sind…"
„Baker hat uns sein Wort gegeben", widersprach Meg: „Ich glaube kaum, dass sie das mit uns vorhaben."
Sally seufzte nur. Unmut dominierte ihren Gesichtsausdruck und wurde auch nicht schwächer, als sie eine halbe Minute später das Flugzeug erreichten. Die Laderampe am hinteren Ende war ganz nach unten gelassen worden und bot somit eine leichte Möglichkeit den Flieger zu betreten. Pulse winkte ihnen zu und wies dann auf das geöffnete Heck: „Hier hinein, bitte."
Meg schaute ihn kaum an, sondern ging einfach auf die Rampe zu. Etwa zwei Meter stieg sie in die Höhe, bevor sie schlussendlich im Inneren des Flugzeugs verschwand. Es war kühl, weit weniger einladend als eine Passagiermaschine und Fenster gab es kaum welche. Eine Reihe an Stühlen zog sich an der linken Wand entlang, während gegenüber Kisten und Container verstaut waren. Mit Gurten und Seilen hatte man die Ladung sorgsam gesichert.
„Meg?"
Die Athletin schaute überrascht auf, als sie die Stimme hörte und entdeckte wenig später die Ruferin etwas tiefer im Bauch des Flugzeugs.
„Feng?"
„Hi Meg"
„Was machst du denn hier? Sag bloß, die haben dich auch abgeholt."
Die kleine Asiatin nahm sich die Zeit für eine lange Umarmung bevor sie antwortete: „Nicht nur mich. Oh, hi Sally."
Fengs Blick war an Meg vorbei auf Sally gefallen, während die Athletin hinter ihr Nea, David und Dwight entdeckte. Der Anblick ihrer Freunde erfüllte sie mit Euphorie, doch gleichzeitig wunderte sie sich immer mehr, warum das FBI sie alle hier versammelt hatte. Nea kam sofort zu ihr herüber und umarmte sie ebenfalls.
„Ich dachte mir schon, dass wir auf euch warten", sagte die Schwedin besorgt: „Es ist schön, dich zu sehen."
Meg erwiderte den Gruß und wandte sich dann an David. Dwight hielt sich eher im Hintergrund und schien mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein, während Sally neben Meg auftauchte und ebenfalls die Überlebenden begrüßte.
„Ist Philip auch mit euch?", fragte Feng beiläufig und schaute sich nach dem Geist um. Meg schüttelte den Kopf und fügte dann hinzu: „Aber so genau weiß man´s ja nie bei ihm."
„Habt ihr irgendeine Ahnung, was die von uns wollen?", fragte David und schaute von Sally zu Meg. Die beiden tauschten einen kurzen Blick aus, doch bevor sie antworten konnten, fuhr David fort: „Ich meine, das mit Claudette ist schon beunruhigend, aber warum bringen sie uns gleich nach Paris?"
„Wir fliegen nach Paris?", antwortete Meg erstaunt: „Woher weißt du das?"
„Baker hat´s uns gesagt." David zuckte mit den Schultern. „Aber warum oder für wie lange, darüber hat er dichtgehalten."
Hinter Sally und Meg waren derweil Anna und Max in das Flugzeug gestiegen. Max stellte sich direkt hinter die Krankenschwester und schaute ihr über die Schulter, während der Blick der Jägerin schüchtern zu Nea hinüberglitt.
Als sie es bemerkte, zwinkerte die Schwedin Anna freundlich zu, was dieser sofort ein Lächeln aufs Gesicht zauberte. Ihr gemeinsame Expedition im Nebel hatte ein tiefes Band zwischen den beiden geformt und für die Zeit zwischen dem Ende des Entitus und Annas Umzug auf die Coldwind Farm, waren sie unzertrennlich gewesen. Offenbar hatte die Jägerin befürchtet, von Nea vergessen worden zu sein, doch die simple Geste hatte jeden Zweifel sofort davongewischt. Sally wandte sich derweil an David.
„Du hast Claudette erwähnt", sagte sie: „Was ist mit ihr?"
„Ihr habt es nicht gehört?"
Sally und Meg schüttelten gleichzeitig die Köpfe. Der Blick der Athletin schoss kurz hinüber zu Dwight, der sich mit sorgenvoller Miene im Hintergrund hielt.
„David?", fragte Meg beunruhigt: „Was ist los?"
Der Brite kratzte sich kurz am Bart und seufzte leise, bevor er ihr antwortete.
„Claudette hat heute Morgen bei Dwight angerufen und gesagt, der Entitus sei in ihrer Wohnung."
„Was?"
„Wir wissen nichts Genaues, aber es hat sich wohl so angehört, als wäre sie entführt worden." David schaute kurz zu Dwight, der nun nach vorne trat. Mit zitternder Stimme sagte er: „Es hat sich nicht nur so angehört, sie hat es mit gesagt. Jemand war in der Wohnung."
„Seitdem hat sie sich nicht mehr gemeldet", fügte Nea hinzu
„Oh Dwight, das ist ja furchtbar", rief Meg und schloss ihn sofort in eine Umarmung. David kratzte sich erneut am Bart, es schien wohl ein Tick zu sein, bevor er murmelte: „Jedenfalls glauben wir, dass das der Grund dafür ist, warum sie uns alle abholen."
„Du meinst, um uns zu schützen?", fragte Sally und David nickte: „Genau. Wahrscheinlich denken sie, dass jemand Jagd auf alle macht, die… die damals etwas mit dem Nebel zu tun hatten. Aber wie sie darauf kommen weiß ich auch nicht so genau."
„Claudette war nicht die einzige, die angegriffen wurde", sagte Sally und Nea, die sich zusehends mit Anna beschäftigt hatte, wurde hellhörig. „Was? Ihr etwa auch?"
Sally und Meg wechselten einen weiteren Blick, bevor die Krankenschwester erzählte: „Letzte Nacht sind bewaffnete Männer auf die Farm gekommen. Sie haben nach uns vier gesucht und gedroht, Geiseln umzubringen, wenn wir uns nicht ergeben."
David, Dwight, Feng und Nea schauten Sally wortlos an. Offenbar konnten sie das gehörte kaum glauben.
„Und?", fragte Feng schließlich: „Hab ihr euch ergeben?"
„Nein", antwortete Sally: „Wir haben sie getötet. Alle."
Stille machte sich in dem Flugzeug breit. Niemand beachtete Pulse, der ebenfalls in den Laderaum gestiegen war und energisch in ein Funkgerät sprach. Kurz darauf sagte er: „Alles klar, wir sind bereit zum Abflug. Setzt auch auf die Stühle und schließt die Sicherheitsgurte."
Dann drückte er einen roten Knopf, woraufhin sich die Laderampe langsam nach oben bewegte. Die Killer und Überlebenden brauchten einen Moment, bevor sie seinem Befehl folge leisteten. Feng, Nea, David und Dwight hatte die Nachricht mit voller Wucht getroffen und so mussten sie das Gehörte erst verarbeiten. Erst als sie alle platzgenommen hatte, brummte David an Meg gewandt: „Dann liegen wir also richtig."
„Anscheinend" antwortete Meg: „Aber warum Paris? Schützen könnten sie uns doch auch in den Staaten. Da muss noch etwas anderes dahinterstecken. Und Pulse meinte vorhin, man bräuchte unsere Hilfe."
„So langsam könnte man uns auch etwas sagen", knurrte Nea, die neben Anna saß und ihre Hand hielt. Ihr Blick blitze hinüber zu Pulse, der sich ans untere Ende der Reihe neben Dwight gesetzt hatte. Er gab ihr keine Antwort. Stattdessen griff er nach seinem Funkgerät und meldete dem Piloten, dass er starten durfte. Kurz darauf setzte sich das Flugzeug in Bewegung.
„Fliegen jetzt?", fragte Anna und schaute aufgeregt zwischen Nea und einem schmalen Fenster hin und her. Draußen konnte sie die Landschaft vorbeiziehen sehen, als die Maschine ein Wendemanöver vollführte und auf die Startbahn einbog.
„Ja", bestätigte Nea: „Jetzt fliegen wir."
Max war ebenfalls begeistert von dem bevorstehenden Flug, doch nach dem Schließen der Laderampe hatte seine Panik wiedereingesetzt. In Kombination mit dem Sicherheitsgurt, den Sally ihm angelegt hatte und dem Lärm, den die dröhnenden Triebwerke verursachten, setzte ihm der Start des Flugzeugs ordentlich zu.
Sally griff sofort nach seinem Arm, als die Maschine mit Vollgas die Startbahn nach unten rauschte und die Insassen von ihrer Trägheit zur Seite gezogen wurden. Keine zehn Sekunden später verstummte plötzlich das Geräusch des Fahrwerks, als die Räder den Kontakt zum Boden verloren und Anna jauchzte vergnügt auf, als sie die Bäume und Häuser immer kleiner werden sah.
„Das gefällt ihr", brummte David und tauschte einen Blick mit Nea aus, die sich an der Freude der Jägerin amüsierte. Selbst in der gegenwärtigen Situation war Annas fröhliches Lachen anstecken und Meg konnte sich ebenfalls ein Schmunzeln nicht verkneifen, als sie sah, wie die Jägerin die Hände gegen die Fensterscheibe presste. Erst als sie sich wieder zu Sally drehte erkannte sie, dass die Krankenschwester eine grimmige Miene zog.
„Sally?", flüsterte Meg und die Angesprochene schaute auf.
„Alles in Ordnung?"
Sally antwortete nicht, sondern schaute wieder hinunter auf ihre Hände, die sie in ihrem Schoß verschränkt hatte. Die Athletin konnte nachvollziehen, dass Sally sich Sorgen machte. Sie fragte sich ja selbst mit einiger Beunruhigung, wer die maskierten Männer waren und was das FBI mit ihnen vorhatte. Vor allem aber wollte sie wissen, warum man sie und alle anderen nach Paris brachte und vor allem ob es Claudette gut ging. Doch Sally schien noch etwas anderes auf dem Herzen zu liegen.
„Es ist alles meine Schuld", sagte die Krankenschwester nach einem Moment. Sie sprach leise, sodass nur Meg sie hören konnte.
„Was denn?", fragte Meg: „Das sie uns abgeholt haben?"
Sie nickte und wollte noch etwas sagen, doch Meg ließ sie nicht zu Wort kommen.
„Dafür kannst du doch nichts."
„Meg, ich…"
„Im Ernst", beharrte die Athletin: „Was redest du dir da denn ein?"
„Aber es stimmt doch", Sally wandte den Kopf und schaute Meg nun in die Augen: „Du hast es mir die ganze Zeit gesagt. Du warst vorsichtig und wolltest keine Risiken eingehen. Ich auf der anderen Seite dachte, wir könnten ein normales Leben führen. Als ob das jemals möglich wäre. Wie naiv..."
Meg erahnte bereits, was Sally meinte und wollte bereits etwas einwenden, doch die Krankenschwester ließ sie nicht zu Wort kommen.
„Du warst dagegen", sagte sie: „Von Anfang an. Aber ich habe dich zu dem Marathon geschickt und all die Leute auf die Farm geholt. Du hast mir gesagt, dass es böse enden würde, aber ich habe nicht auf dich gehört."
„Sei still jetzt", erwiderte Meg. Sallys Worte erinnerten sie an die Lage vor zwei Jahren, als sich die Krankenschwester ähnlich schuldbewusst gezeigt hatte. Sie hatte damals alles darangesetzt David und Jake aus dem Nebel zu befreien, einzig und allein aus dem schweren Schuldgefühl heraus, das sie gegenüber den Überlebenden verspürt hatte.
„Das konntest du doch nicht wissen", fuhr Meg fort: „Das konnte niemand wissen. Bitte, Sally, rede dir das doch nicht ein. Du wolltest nur das Beste für mich, Anna und Max."
„Glaubst du nicht, dass gewisse Leute nicht von unserem Aufenthaltsort erfahren hätten, wenn wir uns etwas bedeckter gehalten hätten?", fragte die Krankenschwester: „So wie du es vorgeschlagen hast?"
„Nein", entgegnete Meg entschlossen: „Sie haben uns noch am selben Tag angegriffen. Sie wussten schon vorher von uns, damit hast du überhaupt nichts zu tun."
Sally antwortete nicht.
„Verstehst du mich?"
Die Krankenschwester nickte langsam. Ihr Blick war aus dem gegenüberliegenden Fenster gerichtet und als Meg ebenfalls in die Richtung schaute, erkannte sie eine weiße Wolkendecke, die gemächlich neben dem Flieger vorbeizog. Sie mussten sich wohl schon mehrere Kilometer in der Luft befinden
„Hoffentlich wird alles gut", murmelte Sally und schaute zu Anna, die ihrerseits vergnügt aus dem Fenster blickte. „Alles andere haben sie nicht verdient."