Die alte Welt

„Seht mal da", rief Feng und schaute aus dem Fenster: „Das muss es sein."
Nea, die ihre Ohren vollständig mit Kopfhörern und lauter Musik beansprucht hatte, bemerkte Fengs Aufregung aus den Augenwinkeln und setzte sich hastig auf. Sie war halb eingedöst und hatte sich gegen Annas mächtigen Oberkörper gelehnt. Die Jägerin war bereits zwei Stunden nach ihrem Abflug in Amerika in tiefen Schlaf gefallen und hatte sich seitdem nicht mehr gerührt. Auf diese Weise hatte sie ein hervorragendes Kissen abgegeben.
Verschlafen zog sich Nea die Kopfhörer aus den Ohren und schaute zu Feng. „Was ist los?"
„Ich glaube, wir sind da", antwortete Sally und erhob sich aus ihrem Stuhl. Die Krankenschwester war natürlich eine der wenigen, die den gesamten Flug über wach geblieben waren. David und Meg waren beinahe sofort eingenickt, Max war ihnen wenig später gefolgt. Feng und Nea hingegen hatten sich immer nur in Halbschlafphasen befunden, während Dwight, Pulse und Sally stets wach geblieben waren.
„Wir sind da?", fragte Nea neugierig und drehte sich ebenfalls einem Fenster zu. Feng schüttelte kurz den Kopf und sagte: „In Paris noch nicht. Aber da unten ist eine Küste. Das muss Frankreich sein. Europa."
„Warst du noch nie in Europa?", fragte Sally und schwebte hinüber zu der kleinen Asiatin. Mit einem Blick hinunter auf das Festland seufzte sie: „Ich frage mich, wie es sich in den letzten Jahren verändert hat."
„Du warst schon mal hier?", fragte Feng überrascht und Sally legte den Kopf leicht schief. Dann antwortete sie: „Ich bin in England aufgewachsen, genau auf der anderen Seite des Kanals. Frankreich war niemals weit weg. Nur Geld für eine Überfahrt hatten wir damals selten. Ein paarmal bin ich aber schon dort gewesen."
„Das wusste ich gar nicht", murmelte Feng: „Ich dachte immer du kommst von… von irgendwo in den Staaten."
„Nein", entgegnete Sally: „Das tun nur Meg, Dwight und Max."
„Wusstest du, dass es mittlerweile einen Tunnel gibt?", fragte Nea und schaltete sich damit in die Unterhaltung mit ein. Sally drehte ihr den Kopf zu und fragte verwirrt: „einen Tunnel?"
„Unter dem Kanal" erklärte die Schwedin: „Er führt von Dover in England unter dem Ärmelkanal hindurch bis nach Calais in Frankreich."
„Erstaunlich" murmelte Sally: „Wenn ich das damals herumerzählt hätte, dass es in Zukunft so etwas geben würde, hätten sich mich wohl eingeliefert."
Nea, die sich an Annas Schulter abgestützt hatte, bemerkte, wie sich die Jägerin plötzlich unter ihr bewegte und eilig nahm sie ihr Gewicht von ihrem Oberkörper. Anna schaute kurz blinzelnd umher, rieb sich dann unter der Maske den Schlaf aus den Augen und richtete sich schlussendlich auf. Als ihr Blick auf Nea fiel, schoss ein Lächeln über ihre Lippen.
„Guten Morgen, Anna", grüßte Sally: „Gut geschlafen?"
Die Jägerin nickte zufrieden und richtete dann ihren Blick aus dem Fenster, wo sie ebenfalls das Land entdeckte.
„Das ist Frankreich", erklärte Nea und zeigte auf die Küste: „Siehst du das Meer?"
„Ja", nickte Anna.
„Das ist der Atlantik", fuhr die Schwedin fort: „Den kennst du doch, oder?"
„Atlantik", wiederholte Anna langsam und schaute dann nach Osten. In ihrem Kopf schienen die Zahnräder zu rattern, als sie sich angestrengt an die bunten Karten zu erinnern versuchte, die sie in einem Atlas gesehen hatte. Sally hatte ihr einmal erklärt, welche Länder wo lagen, wo sie alle herkamen und wo sie sich jetzt befanden. Frankreich hatte sie damals in der Mitte der Karte gesehen und die USA auf der linken Seite. Das musste also bedeuten…
„Ist Russland dieser Weg?", fragte Anna und deutete nach Südosten. Nea folgte ihrem Blick und sagte dann: „Weiß nicht. Ich glaube etwas weiter hier nach Norden."
„Weit weg?"
Nea antwortete schmunzelnd: „Ziemlich weit, ja."
„Dort bin Anna Zuhause gewesen"; erklärte die Jägerin stolz, doch Sally unterbrach sie: „Was musst du verwenden, wenn du von dir selbst sprichst, Anna?"
Die Jägerin nickte, als sie ihren Fehler erkannte und wiederholte: „Dort bin ich Zuhause gewesen."
„Ich weiß", sagte Nea: „Vielleicht gehen wir es ja einmal besuchen, dein Zuhause. Nur wir beide."
Anna schüttelte beinahe sofort den Kopf und entgegnete: „Nein. Ich will nicht. Kein schöner Ort mehr."
Nea wollte gerade nachfragen, warum nicht, doch ihr Blick fiel an der Jägerin vorbei auf Sally, die unmerklich den Kopf schüttelte. Also entschied sich die Schwedin, Anna in Ruhe zu lassen.
„Dann eben nicht", sagte sie: „Aber Frankreich ist schön. Dann sehen wir uns eben das an."
„Frankreich gut", sagte Anna und schaute nach unten auf das vorbeiziehende Land. Hier und da lagen Dörfer zwischen dichten Wäldern und weiten Feldern. Das eine oder andere Mal zog auch eine größere Stadt vorbei, doch Nea wusste keine zu benennen. Immer wieder fragte Anna, ob es sich denn um Paris handelte und jedes Mal erklärte man ihr, dass die französische Hauptstadt viel größer sei.
Nach etwa einer halben Stunde kam Pulse, der sich für die meiste Zeit des Fluges im Cockpit aufgehalten hatte, zurück in den Laderaum und verkündete: „Wir beginnen gleich mit dem Sinkflug. Weckt die anderen auf und schnallt euch an."
„Sind wir schon da?", fragte Nea, während sich Feng und Sally um die Schlafenden kümmerten. Pulse bejahte die Frage der Schwedin.
„Und wo Paris?", fragte Anna. Der Soldat schaute sie kurz an und wies dann mit dem Daumen über die Schulter, direkt auf die andere Flanke des Flugzeugs. „Diese Richtung."
„Sieht man Paris schon?", fragte die Jägerin und wollte aufstehen, doch Pulse beharrte: „Schnallen sie sich bitte an. Sie werden die Stadt schon noch früh genug zu Gesicht bekommen."
„Setz dich", flüsterte Nea und legte eine Hand auf ihre Schulter, als Anna bereits Anzeichen von Entrüstung zeigte. Die Jägerin tat schließlich wie geheißen und schnallte sich an. Dann begann auch schon der Sinkflug und die Nase des Fliegers neigte sich spürbar nach unten. Kurz darauf korrigierte der Pilot seinen Kurs, bevor er ihn wenig später wieder änderte und schlussendlich ein drittes Mal neu ausrichtete.
Für einen Augenblick erschütterten leichte Turbulenzen die Maschine und Anna schaute erschrocken umher. Nea griff sofort nach ihrer Hand. Ein Blick aus dem Fenster verriet ihr, dass der Boden nur noch wenige hundert Meter entfernt war und sich rasend schnell näherte. Keine halbe Minute später tat es auch schon einen Ruck und der Lärm des Fahrwerks setzte ein, als das Flugzeug auf der Landebahn aufkam.
„Wir sind da", murmelte Meg und aus dem Fenster konnte sie das Hauptgebäude eines riesigen Flughafens erkennen. Zahllose Maschinen, kleine und große, bunte und graue waren entlang der Terminals aufgereiht und warteten auf Passagiere.
„Charles de Gaulle Flughafen", erklärte Pulse: „Warten sie bis der Flieger vollständig steht und folgen sie mir dann."
Niemand antwortete ihm, doch alle hatten verstanden. Sally bedachte den Mann mit einem misstrauischen Blick, bevor sie sich wieder Meg zuwandte und murmelte: „Ich finde es schade."
„Was?", fragte die Athletin.
„Das wir unter diesen Umständen nach Frankreich kommen", erklärte die Krankenschwester: „Es ist ein bezauberndes Land und es wäre mir eine Freude gewesen, es mit dir, Anna und Max zu bereisen. Aber nicht als Gefangene des FBI. Wahrscheinlich werden wir sowieso kaum etwas sehen."
„Wir sind doch keine Gefangenen", widersprach Meg: „Pulse hat gesagt, man benötige unsere Hilfe, was auch immer das bedeutet. Und wir sind ja nicht verurteilt oder sonst was."
„Aber wir könnten nicht einfach gehen, wenn wir wollten, oder?", entgegnete Sally, als der Flieger eine scharfe Rechtskurve einschlug. Meg ersparte sich eine Antwort. Schließlich hatte Sally ja recht, auf eine gewisse Weise. Trotzdem fühlte sich das rothaarige Mädchen weniger als Gefangene, sondern immer mehr als Beschützte. Letzten Endes waren sie immerhin angegriffen worden, sie sollten dem FBI also dankbar sein, dass es sich um sie kümmerte. Eine Verfrachtung nach Paris konnte man da schon in Kauf nehmen.
Endlich kam die Maschine zum Stehen, woraufhin alle Insassen sofort ihre Gurte lösten. Pulse erhob sich und presste den roten Knopf am Heck. Langsam schob sich die Laderampe nach unten und gab den Killern und Überlebenden den Weg frei, hinunter auf französischen Boden.
„Claudette war hier", murmelte Dwight an niemanden bestimmten gerichtet: „Ist noch keine Woche her. Sie ist genau auf diesem Flughafen gelandet."
„Wir finden sie schon", flüsterte David und klopfte ihm ermutigend auf die Schulter. Feng legte derweil auf der anderen Seite eine Hand auf seinen Arm, während Nea als erste die Rampe nach unten marschierte. Dicht hinter ihr kam Anna, die neugierig den Kopf in alle Richtung drehte. Vor allem die Ansammlung an Flugzeugen in der Ferne zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Max schien sich ebenfalls für die Maschinen zu interessieren, doch er vertraute dem Flughafen offenbar nicht. Sein Blick war gefüllt mit Misstrauen und Argwohn.
„Gehen wir", murmelte Meg Sally zu und die beiden verließen als letzte den Innenraum der Transportmaschine. Durch ihre Laufschuhe hindurch konnte Meg den Asphalt des Flughafens spüren und es erschien ihr wie ein Traum. Die Realisation, dass sie sich in Frankreich befand, war noch nicht ganz bei der Athletin angekommen, hatte sie doch gerade mal vierundzwanzig Stunden früher noch eine Party auf der Coldwind Farm organisiert.
Pulse führte die ungewöhnliche Gruppe auf zwei schwere Militärtrucks zu, bedeutete ihnen einzusteigen und ließ sich sogar dazu herab, Sally eine Tür aufzuhalten. Die Krankenschwester schoss ihm einen misstrauischen Blick zu, bevor sie zusammen Meg, Nea und Anna in das vordere Fahrzeug stieg. David, Dwight, Feng und Max wurden dem hinteren zugeteilt. Wortlos zündeten die Fahrer die Motoren und schon bald verließen sie das Flughafengelände.
„Ich bin ja gespannt, wie lange wir noch unterwegs sind", murmelte Nea und Meg nickte ihr zustimmend zu. Was sie jedoch nicht erwartet hatte, war die Stimme einer jungen Frau vom Fahrersitz zu hören: „Keine halbe Stunde mehr. Der Stützpunkt liegt nur etwas außerhalb der Stadt."
„Wir fahren auf einen Stützpunkt?", wollte Sally wissen und drehte den Kopf in Richtung Fahrersitz: „Was für ein Stützpunkt?"
„Eigentlich französisches Militär", antwortete die junge Frau: „Aber gegenwärtig auch Team Rainbow."
Nea warf Meg einen staunenden Blick zu, den diese allerdings nicht einordnen konnte. Also zog die Athletin fragend die Augenbrauen nach oben.
„Von Team Rainbow hast du doch gehört, oder?", flüsterte Nea leise, sodass die Fahrerin sie nicht verstehen konnte. Meg schüttelte nur den Kopf.
„Das ist eine Antiterroreinheit", erklärte Nea: „die beste der Welt, zusammengestellt aus internationalen Spezialisten. Ist seit gut zwei Jahren immer wieder in den Nachrichten."
„Wir hatten kein Fernsehen auf der Farm", murmelte Meg nur und zuckte mit den Schultern. Sally, die Neas Ausführungen mitverfolgt hatte, wandte sich nun wieder an die Fahrerin: „Wissen sie zufällig, was Team… ähm… Rainbow von uns will?"
„Wir haben selbst noch keine Ahnung", antwortete die Französin: „Wir müssen auch erst auf das Briefing warten."
„Sie gehören dazu?", fragte Nea und die Operatorin nickte: „Spezialistin für unbemannte Einsatzfahrzeuge. Mein Name ist Emmanuelle Pichon, aber sie können mich Twitch nennen."
„Twitch", murmelte Anna und hatte einige Schwierigkeiten, das Wort richtig auszusprechen. Nea lachte ihr kurz zu und sagte dann: „Ihr Partner hat seinen Namen ja nicht so freiwillig preisgeben. Um genau zu sein, wissen wir immer noch nicht wie er heißt."
Twitch schaute kurz hinüber zu Pulse, der auf dem Beifahrersitz saß und natürlich alles mitgehört hatte.
„Warum sagst du ihnen deinen Namen nicht, Jack?", fragte Twitch und ein scharfes Grinsen schoss über ihre Lippen. Pulse ließ sich nicht aus der Fassung bringen und antwortete in formalem Tonfall: „Protokoll. Standartverfahren. Keine Namen, keine Identitäten."
„Von uns haben sie nichts zu befürchten, Jack", sagte Sally, die froh war, endlich seinen Namen erfahren zu haben. So ließen sich gleich viel angenehmere Unterhaltungen führen. „Wie war noch gleich der Nachname?"
„Estrada", antwortete Pulse kurzangebunden: „Jack Estrada"
„Dann haben sie also auch noch keine Ahnung, was hier läuft", fragte die Krankenschwester und musterte Twitchs Gesicht über den Rückspiegel. Die Französin schaute ihr kurz in die Augen und entgegnete dann: „Ich weiß, warum ich aus dem Urlaub zurückgerufen wurde. Ich weiß nur nicht, was ihr mit der ganzen Sache zu tun habt."
„Und warum wurden sie aus dem Urlaub zurückgerufen?", wollte Sally wissen und fügte dann hinzu: „Vorausgesetzt, das ist nicht geheim."
„Nicht wirklich", antwortete Twitch: „Aber wenn ich es ihnen sage, sollten sie es trotzdem vertraulich behandeln, in Ordnung?"
Sally nickte.
„In der letzten Woche ist die Aktivität der White Masks ruckartig angestiegen. Wir dachten bereits, dass wir sie besiegt hätten, aber offenbar haben sie nur Kräfte für irgendein ein großes Ding gesammelt."
„White Masks?", fragte Sally und Twitch erklärte: „Terrororganisation. Verantwortlich für Bartlett und andere Anschläge. Sie agieren auf der ganzen Welt und verfügen über weitreichende Mittel. Den Namen haben sie durch ihre charakteristischen weißen Masken erhalten."
„Weiße Masken", murmelte Sally: „So ist das also. Sind diese Kerle auch in den USA zugange?"
„Keine Ahnung", antwortete Twitch, doch Pulse sprang für sie ein: „Wenn sie auf die Männer anspielen, die ihre Farm angegriffen haben, dann kann ich ihnen sagen, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um White Masks gehandelt hat."
„Woher wissen sie das?", fragte Meg.
„Später" antwortete Pulse, als der Wagen eine scharfe Rechtskurve hinlegte und Sally blieb nichts anderes übrig, als sich mit der Antwort zufriedenzugeben. Die Fahrt dauerte ab hier nur noch knappe zehn Minuten, bevor die beiden Fahrzeuge durch die Einfahrt einer großen Militärbasis rauschten. Die Fahrer wurden eingehend kontrolliert, mussten Ausweise und Keycards vorlegen, bevor sie von schwer bewaffneten Wachsoldaten durchgewinkt wurden.
„Ich glaube, hier sind wir sicher", murmelte Meg sarkastisch, was Sally zu einem belustigten Glucksen anregte. Nea musterte genau wie Anna die Umgebung außerhalb des Wagens und schon bald entdeckte sie den hochgewachsenen, breitschultrigen, glatzköpfigen Mann, der dort an den Stufen einer Kaserne auf sie wartete.
„Endstation", rief Twitch, nachdem die beiden Fahrzeuge angehalten hatten: „Alle Mann aussteigen."
Sofort taten sie wie geheißen und verließen die schweren Trucks, stets unter dem strengen Blick des Hünen an der Kaserne. Sally half Meg noch aus dem Wagen nach unten, bevor sie sich umdrehte und einen Blick hinüber auf das andere Fahrzeug warf. Sobald sie sich vergewissert hatte, dass mit Max alles in Ordnung war, wandte sie sich schlussendlich ihrem Ein-Mann-Empfangskomitee zu, das bereits ein paar Schritte in ihre Richtung gemacht hatte.
„Seamus Cowden", stellte sich der große Mann vor und steckte Sally die Hand hin. Sein Akzent verriet ihn sofort als Schotte und auf seiner Uniform prangte der stolze Union Jack, den Sally nach all den Jahren noch immer als Symbol ihrer Heimat identifizierte.
„Willkommen in Paris", sagte der große Mann, als die Krankenschwester seine Hand schüttelte: „Sie müssen Ms. Smithson sein."
„Nennen sie mich Sally."
„Wie sie wünschen" Der Schotte ließ seinen Blick über die anderen Reisenden gleiten. Erst als er sich sicher war, dass alle bereit waren, wandte er sich um mit den Worten: „Folgen sie mir. Ich zeige ihnen ihre Unterkünfte."
Eilig schloss er die Tür zur Kaserne auf und durchmaß den dahinterliegenden Gang mit mehreren langen Schritten. Außer Max und Anna hatten alle Schwierigkeiten, nicht zurückzufallen, während der Tour durch das Gebäude. Es ging ein Treppenhaus nach oben, dann einen Korridor entlang und schlussendlich nach links in den Westflügel.
„Wie lange werden wir hierbleiben?", fragte Sally, nachdem sie halb schwebend zu dem großen Mann aufgeschlossen hatte. Dieser bedachte sie mit einem unergründlichen Blick und sagte dann: „Das wird sich herausstellen."
„Was genau ist es, bei dem sie unsere Hilfe brauchen?", wollte Sally wissen, doch Cowden schüttelte den Kopf: „Das werden sie in einer Stunde erfahren. Agent Baker hat ein Briefing angesetzt, sobald sie hier ankommen. Er…"
„Baker ist hier?" unterbrach Meg: „Gott sei Dank, dann kann er uns endlich verraten was hier überhaupt los ist."
„Wie schon gesagt", erwiderte der Schotte ruhig: „In einer Stunde sind wir alle schlauer."
„Dann wissen sie also selbst noch nichts?", fragte Sally und Cowden antwortete: „Ich weiß nur so viel, wie mir meine Vorgesetzten verraten haben. Und das ist nicht viel."
„Immer diese Geheimniskrämerei", brummte Nea hinter dem Rücken des Schotten, der nicht auf die Bemerkung reagierte. Stattdessen blieb er vor einer Tür stehen, öffnete sie und deutete dann auf die nächste.
„Diese beiden sind eure. Vier Betten pro Raum. Bäder sind am unteren Ende des Korridors. Irgendwelche Fragen?"
„Wo findet dieses… Briefing statt?", fragte Sally mit gerunzelter Stirn.
„Die Basis ist groß", antwortete Cowden: „Ich schicke jemanden, der euch abholt."
Sally nickte und sobald sich der Schotte sicher war, dass für den Moment alles geklärt war, drehte er sich um und ging davon. Zurück blieben fünf ehemalige Überlebende und drei Killer, die nun alle nichts rechtes mit sich anzufangen wussten. Wieder einmal war es Anna, die die Stille brach, indem sie neugierig in einen der Räume hineinmarschierte.
„Haben sie uns gut einquartiert?", rief Nea ihr nach. Feng spähte durch eine der Türen und schüttelte den Kopf: „Nein. Verdammt, ich hasse Stockbetten. Ich schlafe auf jeden Fall unten."
„Geht in Ordnung", antwortete Meg und ging nun ebenfalls in das Zimmer. Es war ein rechteckiger Raum, mit einem Fenster gegenüber der Eingangstür und Stockbetten links und rechts an der Wand. Die vier Bewohner würden sich zwei Schränke teilen müssen, doch da Anna, Meg, Sally und Max nichts als die Kleider an ihrem Körper besaßen würde es dahingehend keine Probleme gehen. Von den anderen hatte jeder nur einen Rucksack oder eine kleine Tasche mitgenommen. Wenigstens waren die Betten frisch bezogen.
„Warum haben sie uns nicht einfach irgendwo ein Hotel gebucht?", wunderte sich Nea, als sie ebenfalls in den Raum trat. Mit ihr, Meg und Anna wurde es bereits etwas eng. Die Jägerin stand am hinteren Ende des Zimmers und schaute aus dem Fenster.
„Sicherheit", antwortete Meg auf die Frage der Schwedin und trat hinüber zu Anna. Als sie ihrem Blick folgte, erkannte sie eine hohe, spitz zulaufende Struktur am Horizont.
„Was ist das?", wollte die Jägerin wissen und Meg antwortete: „Das, meine liebe Anna, ist der Eiffelturm."
„Man sieht den Eiffelturm von hier aus?", fragte Feng neugierig und versuchte an den beiden vorbeizuschauen. Erst als Meg zur Seite trat, konnte die kleine Asiatin auch einen Blick auf das Bauwerk in der Ferne werfen.
„Der sieht aber klein aus", murmelte sie: „Ich hoffe, aus der Nähe ist er größer."
„Wer weiß", kommentierte Nea und warf sich in eines der Betten: „Vielleicht bekommen wir ja eine Gelegenheit, das selbst zu überprüfen."
„Vielleicht", kommentierte Sally vom Gang herein: „In einer Stunde wissen wir´s hoffentlich."
„Dann bis in einer Stunde", murmelte die Schwedin und zog sich ihre Mütze über die Augen. Meg beobachtete sie kurz, bevor sie das Zimmer verließ. Anna folgte ihr und die Athletin begab sich zusammen mit den Killern hinüber in den zweiten Raum. David und Dwight teilten sich das Zimmer mit Nea und Feng, doch die kleine Asiatin war nicht müde. Während alle anderen in ihren Zimmern dahindösten, beschloss sie, die Basis zu erkunden.

Das erste was Max unternahm, als er sein Bett zugeteilt bekommen hatte, war der Rauswurf aller unnötigen Kissen und Decken. Max hatte eine Matratze, mehr braucht er nicht und mehr wollt er auch nicht. Anna hingegen hatte nichts gegen ein paar zusätzliche Federbetten einzuwenden und geschwind baute sie sich ihr gewohntes Nest aus Kissen und Laken gegenüber auf der anderen Seite des Raumes.
Sally schüttelte schmunzelnd den Kopf, als sie die beiden beobachtete und wechselte einen schnellen Blick mit Meg. Die Athletin zuckte nur mit den Schultern und zeigte dann auf den oberen Platz des linken Stockbetts.
„Mein Platz"
„Alles klar", antwortete Sally: „Dann bleib für mich nur die andere Seite."
Sie machte jedoch keine Anstalten, ihr Lager zu beanspruchen, sondern wandte sich vorher einem der Schränke zu. Als sie die Türen aufzog, fand sie wie erwartet eine gähnende Leere. Die Krankenschwester murmelte etwas Unverständliches.
„Was hast du gesagt?", fragte Meg und Sally wiederholte: „Wir müssen shoppen gehen."
„Shoppen?"
„Wir haben keine Kleider", antwortete Sally und deutete auf den leeren Innenraum des Schranks: „Entweder diese Kerle stellen uns ihre Uniformen zu Verfügung, oder wir gehen in die Stadt und kaufen uns etwas. Auch wenn sie uns um die halbe Welt karren, haben wir doch immer noch einen Anspruch auf saubere Anziehsachen, oder nicht?"
Meg hatte noch gar nicht daran gedacht, doch jetzt wo Sally das Thema ansprach, konnte sie ihr nur zustimmen.
„Glaubst du, die lassen uns einfach gehen?", fragte die Athletin von ihrer Matratze aus: „Außerdem haben wir nur…" Meg kramte in ihrer Hosentasche. „Ein Budget von zwei Dollar und achtundfünfzig Cent."
„Hier in Europa zahlt man ohnehin mit Euro", erwiderte Sally: „Wenn sie unsere Hilfe wollen, müssen sie uns eben finanzieren. Darauf bestehe ich."
Meg lachte leise in sich hinein und fiel nach hinten in das Kissen. Nach den harten Bänken der Trucks und den unbequemen Sesseln im Flieger, fühlte sich das weiche Bett wie eine Wolke an. Dann überkam sie ein Gedanke und ihre Miene wurde ernst.
„Was ist mit Claudette?", fragte Meg und Sally sah auf.
„Was ist mit ihr?"
„Was machen wir, um sie zu finden?", spezifizierte Meg: „Ich meine, deshalb sind wir doch hier, oder nicht?"
„Was unsere persönlichen Anliegen angeht, natürlich", antwortete Sally: „Aber diese Rainbow Leute brauchen unsere Hilfe und ich glaube nicht, dass es nur um die Rettung einer Entführten geht. Was ich aber auch glaube ist, dass Claudettes Entführung und die Angelegenheit, wegen der uns Baker hier her verschifft hat, eng miteinander verbunden sind."
Meg schien nicht zu verstehen.
„Was ich damit sagen will, ist, dass ich glaube, dass wir Claudette am ehesten finden, indem wir Baker und damit diesem… Team Rainbow helfen, wobei auch immer sie uns brauchen."
„Hoffentlich" murmelte Meg und atmete einmal tief durch: „Ich wünschte, man würde uns einfach in Ruhe lassen."
Sally antwortete nicht, doch die Athletin sprach ihr aus der Seele.

Feng wanderte den langen Korridor nach unten. Unzählige Türen führten in Räume zu beiden Seiten, allesamt für die Soldaten des französischen Militärs gedacht, doch nun bewohnt von acht Zivilisten und einer internationalen Antiterroreinheit. Sie hörte Musik hinter einer der Türen, irgendetwas auf Spanisch. Ansonsten war es still.
Als sie am Ende des Ganges ankam, erblickte Feng einen Durchgang, der wohl ins Gemeinschaftsbad führte. Sie entschied sich, dass es nicht schaden konnte, einen Blick in die Einrichtung zu werfen und so marschierte die kleine Asiatin schnurstracks nach vorne in die Anlage.
Es handelte sich um einen großen Raum, mit Toiletten und Waschbecken auf der einen, und den Duschen in einem separaten Raum auf der anderen Seite. Privatsphäre wurde hier nicht gerade großgeschrieben, doch Feng zuckte nur mit den Schultern.
In ihrer Zeit im Nebel hatten die Überlebenden auch keine Bikinis oder Badehosen zu Verfügung gehabt, was auch schon bald kein Problem mehr dargestellt hatte. Eigentlich war die Entwöhnung ein Vorteil, dachte die Asiatin bevor sie plötzlich zusammenzuckte und erschrocken herumfuhr, da jemand schweren Schrittes das Bad betreten hatte.
„Oh, bonjour", grüßte ein hochgewachsener Mann, mit fein säuberlich gekämmten Haar und mediterran anmutenden Gesichtszügen: „Wer sind sie denn?"
„Feng Min", antwortete Feng schüchtern. Der Franzose schaute kurz über die Schulter und versuchte sich offenbar zu erklären, wie sie denn hier hereingekommen war. Dann zählte er eins und eins zusammen und sagte: „Ah, sie müssen zu den Amerikanern gehören, oui? Die Leute von Baker?"
„Ähm, ja", stammelte Feng: „Da gehöre ich dazu."
„Jetzt erkennen ich sie auch", sagte der Franzose und kam einen Schritt näher. Die Asiatin schaute in misstrauisch und fragend an: „Sie kennen mich?"
„Ich habe ihre Akte gelesen", erklärte der Soldat, bevor er sich strafte und verkündete: „aber wo sind denn meine Manieren abgeblieben? Mein Name ist Gustave Kateb. Die meisten nennen mich Doc."
„Wieso das?", wollte Feng wissen: „Sind sie Arzt?"
„Das bin ich", sagte Doc: „aber meine Fähigkeiten liegen nicht nur im Bereich des Heilens."
Feng wusste darauf nichts zu antworten, also ergriff der Franzose einen Moment später wieder das Wort: „Haben sie schon ihren Freund besucht?"
„Meinen Freund?", fragte Feng: „Baker?"
„Nein. Ich meine Herrn Park."
„Jake ist hier?"
„Oui", bestätigte Doc: „Unten in der Krankenstation. Ich habe gerade eben bei ihm vorbeigeschaut."
„Oh mein Gott, warum ist er denn da unten?", fragte Feng und schlug eine Hand vor den Mund: „Ist ihm etwas passiert?"
„Passiert", lachte Doc: „Könnte man sagen. Er wurde von den White Masks entführt und nach Rio De Janeiro gebracht. Dort haben wir ihn befreit."
Feng wollte etwas erwidern, doch es dauerte einen Augenblick, bis sie ein Wort hervorbrachte: „Ist… Ist er noch in Gefahr?"
„Ah, nein, keineswegs", erklärte Doc: „Nur schwach und mitgenommen, aber vollständig bei Bewusstsein. Nichts, was die Zeit nicht heilen könnte. Soll ich sie zu ihm bringen?"
„Wenn das möglich wäre."
Sollen wir vielleicht auch ihre Freunde benachrichtigen?", wollte der Franzose wissen: „Sie scheinen ja von der Anwesenheit eures Kameraden nicht informiert worden zu sein."
Feng überlegte kurz, schüttelte dann jedoch den Kopf. „Die haben sich etwas hingelegt. Es war eine anstrengende Reise, vor allem für Meg und die anderen."
„Ich verstehe", sagte Doc: „Er läuft ihnen ja auch nicht davon, nicht wahr? Hier entlang bitte."
Der charismatische Doktor in der blauen GIGN Uniform führte Feng nun zielstrebig ein paar Gänge entlang, dann ein Treppenhaus nach unten und schlussendlich über eine Verbindung in ein völlig neues Gebäude. Die Basis war wirklich riesig.
„Wie war ihr Flug?", fragte der Mann auf halb Weg und überrumpelte Feng, die nicht erwartet hatte angesprochen zu werden.
„Ähm… hart", antwortete sie.
„Militärtransporter?", lachte Doc: „Ja, das sind nicht die bequemsten Fortbewegungsmittel."
„Es wäre auch etwas angenehmer gewesen, wenn man uns nicht einfach so mitgenommen hätte", bemerkte Feng: „Ohne uns zu sagen, was man überhaupt von uns will."
„Wer hat sie noch gleich abgeholt?", fragte Doc: „Pulse war das, oder nicht? Naja, er war ja selbst nicht informiert. Hat nur Befehle bekommen und diese dann ausgeführt. So läuft das."
„So läuft das", murmelte Feng, bevor sie einen Augenblick später bereits an einer breiten Tür mit französischer Aufschrift ankamen.
„Da sind wir", sagte Doc: „Er liegt drinnen, in einem Bett auf der linken Seite. Ich lasse euch allein."
Feng bedankte sich schüchtern und der Franzose nickte ihr ermutigend zu, bevor er schließlich kehrt machte und seiner Wege ging. Seltsamer Kerl, dachte Feng noch. Dann schob sie zögerlich die beachtliche Flügeltür auf. Der Krankensaal war groß, weitläufig und hell erleuchtet. Fein säuberlich waren Betten zu beiden Seiten aufgereiht und nur zwei davon waren belegt.
„Hi, Jake", flüsterte Feng piepsig, als sie vollends in den Raum trat. Jake, der aufrecht in einem der Betten saß, drehte ihr sein ausgezehrtes Gesicht zu. Zur großen Freude der Asiatin legte sich sofort ein überraschtes Lächeln auf seine Lippen.
„Feng?"
„Ja?"
„Was machst du denn hier?" Jake schaute sie plötzlich mit Besorgnis an, als sie den Raum durchquerte und auf sein Bett zusteuerte. „Du bist doch nicht etwa auch entführt worden, oder?"
„Nein, nein", winkte die kleine Asiatin ab und setzte sich auf den Rand seines Betts. Dann zog sie Jake behutsam in eine Umarmung, um ihm ja keine ungewollten Schmerzen zuzufügen. Er konnte spüren, dass Feng vor Aufregung leicht zitterte.
„Wie geht es dir?", fragte sie und Jake murmelte: „Den Umständen entsprechend. Aber schon besser, jetzt wo du da bist."
„Jake, was ist mit dir passiert? Ich dachte du wärst mit Ace in Südamerika." Feng schaute in sorgenvoll an und Jake musste sich unwillkürlich an seine Mutter erinnern. Sie hatte einen ähnlichen Blick auf Lager gehabt, allerdings fehlte Feng ihre herablassende Art. Die Asiatin kümmerte sich wirklich um ihn und gab es nicht nur vor.
„War ich auch", antwortete Jake: „Ace hat sich aber schon vor Monaten von unserer Reisegruppe verabschiedet. Wenig später wurde ich angegriffen und entführt."
„Furchtbar", flüsterte Feng entsetzt: „Wer war das? Haben die etwas mit dir angestellt?"
„Doc sagt, dass sich die Organisation White Masks nennt. Keine Ahnung, was die von mir wollten. Die haben mich an so eine Maschine angeschlossen, aber sie hat nie funktioniert."
„Was soll das heißen?"
Feng schien etwas verwirrt.
„Keine Ahnung", entgegnete Jake: „Ich glaube, die wollten irgendetwas testen."
„Das ist schrecklich", rief Feng: „Das ist jetzt schon der dritte Angriff auf uns!"
„Eigentlich ja der erste", antwortete Jake grimmig: „Aber ich habe von Claudette und den anderen gehört. Doc hat gesagt, die Sache bei Meg in Amerika sei glücklich ausgegangen. Geht es ihnen gut?"
„Ja", antwortete Feng.
„Aber von Claudette noch keine Spur, oder?"
Die Asiatin schüttelte den Kopf und Jake schaute grimmig auf seine Hände. Einen Moment später hob er seinen Blick wieder und fragte: „Warum bist du eigentlich hier?"
„Rainbow braucht unsere Hilfe", antwortete Feng: „Das behaupten sie zumindest."
„Eure Hilfe? Wer ist denn noch alles hier?"
„Alle", schmunzelte Feng: „Meg, Nea, Dwight, David und unsere drei Freunde aus dem Nebel."
„Ace auch?"
„Nein", sagte Feng: „Von Ace hat niemand etwas gehört. Weder wir noch Baker oder sonst jemand. Zumindest soweit wir wissen…"
„Er wird sich schon durchgeschlagen haben", murmelte Jake: „Du kennst doch Ace. Irgendwie hält er ich immer über Wasser."
„Ich hoffe es", antwortete Feng und drehte sich dann hinüber zu dem anderen belegten Bett: „Wer ist denn das?"
„Ihr Name ist Maxine Caulfield", antwortete Jake.
„Und was ist mir ihr los?", wollte Feng wissen, doch Jake zuckte nur mit den Schultern: „Weiß ich nicht. Man hat sie so am Tatort aufgefunden. Schlafend und unempfindlich gegen jeden Weckversuch."
„Am Tatort?"
„Das ist Claudettes Mitbewohnerin", erklärte Jake: „Sie wurde aus ihrer Wohnung entführt, aber Maxine hier hat man offensichtlich zurückgelassen."
„Das macht ja auch Sinn", bemerkte Feng.
„Wie das?"
„Sie war ja nie mit uns im Nebel", erklärte die Asiatin: „Soweit ich das verstanden habe, machen die White Masks nur Jagd auf uns. Da haben sie sie einfach zurückgelassen."
„Ich finde es nur irgendwie seltsam", überlegte Jake: „Dass sie sie im Leben gelassen haben. Sie ist ja eine Zeugin."
„Ach, Jake, lass uns über etwas anderes reden", sagte Feng: „Ich habe einen laaaaangen Flug hinter mir und absolut keine Lust mich mit dir über so dunkle Themen zu unterhalten."
„Na gut", sagte Jake: „Über was willst du denn sprechen?"
„Südamerika, zum Beispiel", antwortete die kleine Asiatin: „Erzähl mir etwas darüber."

Verschlafen lag Nea rücklings im Bett und starrte mit müden Augen an die Decke. In Gedanken versunken lauschte sie der lauten Musik, die aus ihren Kopfhörern krachte und döste vor sich hin. Ein paar Mal drehte sie den Kopf und schaute hinüber zu Dwight, der mit trübseliger Miene in seinem eigenen Bett lag.
Die Schwedin hatte bereits daran gedacht, tröstende Worte an ihn zu richten, doch es waren ihr niemals die richtigen in den Sinn gekommen. Es schien ihr angebrachter, ihn in Ruhe zu lassen. Im Moment konnte sowieso niemand etwas an der Lage ändern. Außerdem waren weder sie noch David jemals für ihre gekonnte Wortwahl bekannt gewesen.
Jemand stupste Nea an die Schulter und riss sie damit aus ihrer Gedankenwelt. Als sie den Kopf drehte, entdeckte sie Davids Gesicht und eilig nahm sie die Kopfhörer aus den Ohren.
„Hm?"
„Wir müssen los", erklärte David und zeigte auf die geöffnete Tür. Dort stand die französische Operatorin Twitch mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht. Offenbar war es endlich an der Zeit, dass man ihnen erklärte, warum sie um die halbe Welt geflogen waren.
Nea kam sofort auf die Beine und hatte bereits binnen weniger Sekunden ihre Schuhe angezogen. Dwight brauchte etwas länger, während David hinüberging und Sally benachrichtigte. Etwa zur selben Zeit trafen sie sich alle draußen auf dem Gang.
„Hier entlang bitte", sagte Twitch salopp und geleitete die Gruppe anschließend den Korridor nach unten. Meg schaute sich kurz um und sagte dann: „Einen Moment noch, bei uns fehlt noch jemand."
„Wo ist Feng?", fragte Sally und Twitch antwortete: „Eure Freundin ist unten im Krankensaal. Sie hat…"
„Im Krankensaal!", rief Meg: „Was ist passiert?"
„Gar nichts", entgegnete Twitch beruhigend: „Wie ich gerade sagen wollte, hat sie euren Kollegen dort besucht."
„Einen Kollegen?", fragte Meg: „Aber sie kennt doch nur uns, oder?"
„Jake Park ist hier", antwortete Twitch und erst als sie eine Reihe an überraschten Gesichtern erblickte, fügte sie hinzu: „Tut mir leid, ich dachte das wusstet ihr bereits. Ihr werdet ihn nach dem Briefing sofort besuchen können."
„Was ist ihm denn passiert?", wollte Sally wissen, während Twitch sie durch die Basis führte. Die Französin schaute über die Schulter und antwortete: „Wir haben ihn vor ein paar Tagen aus einem Stützpunkt der White Masks befreit, in Rio de Janeiro. Ich selbst war nicht dabei, ich kann euch also nichts Genaues verraten, aber in Kürze werden wir sowieso alles erfahren."
„Diese Sache wird mir immer ungeheurer", brummte David und Meg nickte ihm zustimmend zu. Sie selbst hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch, da sie wusste, dass aktiv auf sie Jagd gemacht wurde. Natürlich war es nicht das erste Mal, doch sie hatte in den zwei Jahren seit sie aus dem Nebel entflohen war, beinahe vergessen, wie es sich anfühlte. Und die White Masks schienen eine wahrhaft gefährliche Organisation zu sein.
„Emmanuelle, richtig?", wandte sich Sally and die französische Soldatin, die nickend bestätigte: „Emmanuelle Pichon."
„Macht es ihnen etwas aus, wenn ich sie bei ihrem richtigen Namen nenne?", wollte die Krankenschwester wissen und Twitch schüttelte den Kopf: „Keineswegs."
„Danke", sagte Sally und fragte dann: „Wie ist Jakes Zustand? Ich hoffe, es geht ihm einigermaßen gut."
„Zum Zeitpunkt seiner Befreiung war er schwer unterernährt und hatte verschiedene Wunden erlitten", erklärte Twitch: „Aber keine bleibenden oder beeinträchtigenden Schäden, machen sie sich keine Sorgen. Wenn sie Details wissen wollen, wenden sie sich an Doc. Ich kann ihnen aber versichern, dass er sich wieder erholen wird."
„Endlich eine gute Nachricht", murmelte Sally: „Danke"
Twitch nickte und bog dann nach rechts in einen kurzen Gang ein, bevor es wieder nach links ging. Hinter einer Ecke stieß sie beinahe mit einem uniformierten Mann zusammen.
„Hoppla", entfuhr es Twitch, die gerade noch ausweichen konnte. Der Soldat, auf dessen Oberarmen das Abzeichen der russischen Streitkräfte zu sehen war, lachte kurz und sagte dann: „Pass auf, wo du hinläufst, Emma. Hast du Maxim nicht zugehört?"
„Ja ja", knurrte Twitch: „Ein wahrer Jäger achtet immer auf seine Füße. Und hör mit dem „Emma" auf."
Dann drehte sie sich zu ihrer Gruppe um und sagte: „Darf ich vorstellen: Timur „Glaz" Glazkov. Russischer Operator und unser bester Scharfschütze."
Während sie ihn vorstellte, deutete Glaz eine Verbeugung an, als wäre ein Musiker, der soeben für eines seiner Werke gepriesen wurde.
„Auf dem Weg zum Briefing?", fragte Twitch und Glaz nickte. Damit hatte er sich der Gruppe angeschlossen und weiter ging es durch die Basis. Nea, die neben Anna ging, stupste die Jägerin mit dem Ellbogen an und flüsterte: „Ein Russe. Willst du nicht mal mit ihm reden? Dann kannst du endlich mit jemand anderem als mir in deiner Muttersprache sprechen."
Anna schaute kurz hinunter zu Nea und dann wieder hinüber zu Glaz. Sie schien unentschlossen und etwas schüchtern, also beschloss die Schwedin, sie nicht weiter zu drängen. Etwa zwei Minuten später erreichte die Gruppe eine weit geöffnete Flügeltür, die ihnen Durchlass in einen großen Saal gewährte. Es schien sich um einen Aufenthaltsraum für die auf der Basis stationierten Soldaten zu handeln und Meg entdeckte zwei Sofas, drei Tische und sogar einen großen Fernseher am Kopfende des Raumes. Allerdings schien der Bereich für den Moment einem anderen Zweck gewidmet worden zu sein.
Eine Schar an uniformierten Männern und auch einigen Frauen füllte den Raum. Sie trugen die unterschiedlichsten Abzeichen und Meg erkannte verschiedenste Flaggen auf ihren Hemden. Von den USA über Brasilien bis Japan schien alles vertreten zu sein. In einer Ecke entdeckte sie Pulse, den sie bereits kannte und neben ihm fiel ihr Blick auf einen großen Mann, der die Gruppe grimmig anstarrte.
Er hatte sie bereits entdeckt, während die restlichen Operatoren noch untereinander plauderten und diskutierten. Doch es dauerte nicht lange, bis die Gespräche verstummt und aller Augen auf die Neuankömmlinge gerichtet worden waren. Vor allem Anna und Max waren wahre Blickfänger.
„Also gut", rief Twitch und brach die Stille, bevor sie unangenehm werden konnte: „Das ist unsere Verstärkung aus den USA."
Sally schaute bei ihren Worten kurz hinüber zu der Französin, sagte jedoch nichts. Es gefiel ihr ganz und gar nicht, dass sie hier bereits als Verstärkung bezeichnet wurden, bevor sie überhaupt wussten, was man von ihnen erwartete. Ihr Blick fiel auf Cowden, der in einer Ecke stand und sie mit eindringlichem Blick musterte.
Doch bevor der Schotte oder sonst irgendjemand das Wort ergreifen konnte, öffnete sich eine Tür am anderen Ende des Raumes. Zwei Personen kamen herein und den einen erkannte Sally sofort als Benedict Baker. Sein Gesichtsausdruck verriet ihr, dass er sich höchst unwohl fühlte und wohl am liebsten irgendwo anders gewesen wäre.
Die zweite Person hingegen war eine kleine, dunkelhäutige Frau, offenbar in ihren Vierzigern und trat mit zielstrebigen Schritten mitten zwischen die Soldaten. Unter all den hochgewachsenen Kämpfern hätte sie wohl wehrlos und ohnmächtig ausgesehen, wäre es schon allein durch ihre Körpersprache nicht sonnenklar gewesen, dass sie hier das Kommando führte.
„Hey", flüsterte jemand neben Sally und als sie sich umdrehte erkannte sie Feng. Sie musste die kleine Asiatin wohl unter all den Soldaten übersehen haben.
„Hallo", antwortete Sally, ebenfalls flüsternd: „Wie geht es Jake?"
„Gut" berichtete Feng: „Er wird schon wieder."
Sally nickte zufrieden und richtete ihre Aufmerksamkeit dann wieder dem Geschehen inmitten des Raumes zu. Die dunkelhäutige Frau hatte mittlerweile einen der Operatoren angewiesen, eine Leinwand nach unten zu fahren, während sich Baker an einem mit einem Projektor verbundenen Laptop zu schaffen machte. Einen Moment später ergriff sie das Wort.
„Für alle hier, die mich noch nicht kennen", sagte die Frau und schaute ruhig, doch dominierend zu Sally herüber: „Ich bin Six. Ich leite Team Rainbow. Ich habe das Kommando. Das ist alles, was ihr über mich wissen müsst."
Sally zog leicht die Augenbrauen nach oben, doch Six bemerkte es nicht.
„Es war ruhig in letzter Zeit", fuhr sie fort: „Aber, meine Damen und Herren, das wird sich ändern. Aufgrund kürzlicher Entwicklungen erwarte ich, dass Team Rainbow in den nächsten Monaten wieder alle Hände voll zu tun bekommt. Ich erwarte von jedem einzelnen hier, dass er sein Bestes gibt."
Sie schaute eindringlich in die Runde und vergewisserte sich, dass man ihr absolut und genau zuhörte. Nicht, dass es nötig gewesen wäre. Die Disziplin ihrer Soldaten war makellos.
„Vor drei Tagen", sagte Six: „Hat Team Rainbow mit Unterstützung durch BOPE ein Nest der White Masks ausgehoben. Dabei haben wir eine Geißel befreit und eine seltsame Maschine sichergestellt. Außerdem gibt es Berichte über ein seltsames, nebelartiges Gas, mit bewusstseinsverändernder Wirkung."
Einige der Operatoren tauschten besorgte Blicke aus. Chemische Waffen waren immer eine schlechte Nachricht.
„Des Weiteren", rief Six und zog damit die Aufmerksamkeit wieder auf sich: „Wurden Akten gefunden. Im Schreibtisch eines hochrangigen White Masks Anführers. Akten des FBI mit der Markierung „Top Secret". Wir wissen zurzeit noch nicht, auf welchem Weg diese Akten ihren Weg in die Hände unserer Gegner gefunden haben, aber seien sie versichert, dass mit Hochdruck nach der Sicherheitslücke gefahndet wird."
„Was waren das für Akten?", fragte eine japanische Operatorin. Six schaute sie kurz an und übergab dann mit einer Handbewegung das Wort an Benedict Baker, der mit verschwitzen Händen am Laptop herumfummelte.
„Also…", stammelte er, als sich die Blicke einer gesamten Kompanie von Elitesoldaten auf ihn richteten. „Ähm… Genau. Die verlorenen Akten stammen aus meiner Abteilung. Darf ich vorstellen, mein Name ist Benedict Baker und ich leite die Abteilung des FBI für paranormale Phänomene."
Einige der Operatoren begannen zu murmeln und erneut tauschten sie Blicke aus, dieses Mal jedoch eher erstaunte als besorgte. Six wartete kurz ab und brauchte sich dann nur leise zu räuspern, um wieder absolute und allumfassende Aufmerksamkeit zu erzeugen.
„Danke", sagte Baker: „Ähm… Wie man ihnen schon sagte, wird in diesem Moment fieberhaft nach jedem Hinweis gesucht und es wird nicht lange dauern bis wir die Sicherheitslücke… ähm… geschlossen haben."
Baker räusperte sich kurz und schaltete dann den Projektor ein. Die Personalakte eines jungen, rothaarigen Mädchens namens Meg Thomas erschien auf der Leinwand.
„Die entwendeten Dateien waren allesamt Personalakten", erklärte Baker: „Und sie alle hingen mit einem Fall zusammen, der sich vor zwei Jahren in einer Stadt namens Waltonfield ereignete."
Als Megs Gesicht aufgetaucht war, hatten sich alle Köpfe zu ihr gedreht. Ihr Blick kreuzte sich mit dem des ernsten Mannes neben Pulse und eilig schaute sie zurück auf die Leinwand.
„Ich werde ihnen die Details ersparen", sagte Baker, während er nacheinander Sally, Max und schließlich Anna auftauchen ließ. Meg konnte sich noch daran erinnern, dass Sally während er Aufnahme des Bildes die Hand der Jägerin gehalten hatte. Es hatte einiges an gutem Zureden und Überzeugungskraft benötigt, doch schlussendlich hatten sie Anna dazu bewegen können, ihre Maske für einen kurzen Moment abzulegen. Es hatte ihr überhaupt nicht gefallen.
„Der Fall begann mit einer Serie an Entführungen", sagte Baker: „Sechs Monate später tauchten die vermissten Personen plötzlich wieder auf und berichteten von einem übernatürlichen Wesen, das sich in einem nahegelegenen Wald versteckt hielt. Allerdings befand sich dieses Wesen nicht nur in einem Wald, sondern in einer anderen Realität."
Einige der Operatoren lachten nervös, doch sie wussten, dass Baker keine Witze machte. Dies war ein seriöses Briefing und was hier gesagt wurde, war ernst gemeint.
„Dieses Wesen – genannt der Entitus – entführte Menschen in diese andere Dimension – die wir den Nebel nennen – und machte sie zu Killern oder Überlebenden. In grausamen Jagden wurden die Killer auf die Überlebenden gehetzt, mit dem interessanten Nebeneffekt, dass ein Tod im Nebel niemals permanent war. Man tauchte immer wieder auf und wurde weitergejagt."
„Meinen sie das ernst?", warf einer der Operatoren ein. Er trug eine deutsche Flagge auf seinem Oberarm.
„Todernst", bestätigte Baker: „Der Entitus ernährte sich durch Hoffnung, die er über diese Jagden erzeugte und er hatte uneingeschränkte Gewalt über den Nebel."
Baker schaut in die Runde, doch niemand sagte etwas.
„Lange Geschichte, kurzer Sinn. Der Entitus wurde besiegt und vernichtet. Vor zwei Jahren haben wir ein Team in den Nebel geschickt, dass ihm den Garaus gemacht hat. Wie das geschah, wissen wir nicht, da eines der Teammitglieder zurückblieb und sich opferte. Wir wissen nur, dass unsere Tracker von diesem Zeitpunkt an keine Signale mehr empfangen haben."
Wieder schaut Baker in die Runde und wieder grüßte ihnen todkaltes Schweigen.
„Wir konnten damals nur in den Nebel gelangen, da wir Unterstützung von einigen der Killer hatten, die vom Entitus verändert und mit… Fähigkeiten ausgestatten wurden. Ein kleiner Haken war dabei auch, dass nur diejenigen, die bereits vorher im Nebel gewesen waren, auch wieder zurückkonnten. Sprich: die Killer und Überlebenden."
„Entschuldigung", unterbrach nun endlich einer der Operatoren: „Aber ich glaube ich spreche für die meisten von uns, wenn ich sage, dass das alles etwas weit hergeholt klingt."
Baker nickte.
„Ich dachte mit bereits, dass sie das sagen würden. Deshalb möchte ich nun ihre Aufmerksamkeit auf die vier Personen im Raum richten, die damals zu Killern gemacht und mit besonderen Kräften ausgestattet wurden."
Er zeigte auf Sally, Max und Anna, um seine Worte zu unterstreichen. Die Soldaten schauten nun alle zu den drei Killern hinüber und Meg fragte sich, wo denn der vierte war. Erneut traf sich ihr Blick, mit dem des Mannes neben Pulse und erneut schaute sie hastig weg. Irgendetwas missfiel ihr daran, wie der Kerl sie anstarrte, während sich alle anderen auf die Killer konzentrierten. Was wollte er denn von ihr?
Glücklicherweise wurde sie wenig später von seinem stechenden Blick erlöst, als plötzlich ein Glockenton durch den Raum schallte und Philip direkt hinter Six auftauchte. Die Befehlshaberin blieb ruhig und gelassen, während der ganze restliche Saal erschrocken herumfuhr.
„Guten Nachmittag", grüßte die hochaufragende Gestalt des Geistes, der selbst Sledge überragte und Baker fügte hinzu. „Sie sollten ihr Weltbild etwas auflockern, meine Herrschaften. Die Dinge sind nicht immer so, wie sie scheinen."
Ein kurzes Luftholen ging die Runde, bevor sich alle Blicke wieder auf den rundlichen FBI Agenten legten. Gebannt erwartete man die weiteren Ausführungen. Offenbar hatte Philips übernatürliches Auftauchen einen großen Teil der Zweifel ausgeräumt.
„Dieser Fall vor zwei Jahren endete damit, dass wir alle Überlebenden und Killer bis auf eine aus dem Nebel retten konnten. Die Übriggebliebenen wurden erfolgreich zurück in die Bevölkerung eingegliedert. Kommen wir nun zu dem Vorfall in Rio de Janeiro und dem vermeintlichen Giftgas. Es wird sie wohl erleichtern, wenn ich ihnen sage, dass es sich nicht um eine chemische Waffe handelt, sondern lediglich um die Gestalt des Nebels in unserer Realität: eine schwarze, undurchdringliche Suppe."
Baker legte eine kurze Pause ein und zeigte nun eine fünfte Personalakte auf der Leinwand. Jake Park stand in der Namenszeile.
„Die Geißel, die in Rio de Janeiro befreit wurde, war ebenfalls einer der Überlebenden in dem Fall vor zwei Jahren. Das Gerät, mit dem er gefunden wurde, konnte mittlerweile als der Nachbau eines FBI Prototypen bestätigt werden. Es handelt sich um eine Vorrichtung, die von meiner Abteilung entwickelt wurde und die dazu dienen soll, eine Verbindung zwischen der echten Welt und dem Nebel herzustellen, sodass jede beliebige Person willentlich hin und hergeschickt werden kann."
Das Bild einer silbernen Kugel, die von drei Beinen etwa einen Meter über dem Boden gehalten wurde, erschien auf der Leinwand.
„Wir nennen sie Janusmaschine", fuhr Baker fort: „Die Brücke, die diese Maschine herstellt, sieht aus wie eine schwarze Nebelwolke, die sich von der silbernen Kugel in die Umgebung ausbreitet und wird auch Brunnen genannt. Jeder, der diesen Brunnen betritt soll sich im Nebel wiederfinden."
Baker legte eine kurze Pause ein.
„Allerdings ist die Maschine bis heute nicht einsatzfähig und sie benötigt immer noch den lebenden Körper einer bereits im Nebel gewesenen Person zur Aktivierung. Diese Personen werden auch Schlüssel genannt. Als Berührte zweiten oder ersten Grades fungieren sie als Bindeglied, als Funken, der die Janusmaschine zündet und einen Brunnen aufbaut. Ich werde ihnen die wissenschaftlichen Details ersparen, aber seien sie versichert, es ist eine verdammt komplexe Kettenreaktion und wir haben bisher gerade Mal an der Oberfläche gekratzt."
„Berührte ersten Grades?", fragte nun einer der Operatoren: „Was sind das?"
„Eine gute Frage", antwortete Baker und schaute kurz hinüber zu Sally: „Berührte ist ein Begriff, den wir in unserer Abteilung für alle jene verwenden, die vor zwei Jahren mit dem Nebel in Kontakt gerieten. Berührte zweiten Grades sind dabei diejenigen, die keine physischen Veränderungen erlebten, während Berührte ersten Grades weithin als solche erkennbar blieben."
Er deutete kurz auf Philip.
„Philip hier ist ein Berührter ersten Grades und konnte uns als solcher bei unserem Prototyp als Schlüssel dienen."
„Das erklärt, warum er vor uns hier war", flüsterte Meg Sally zu, die schweigend nickte. Philip musste wohl gerade mit Baker unterwegs gewesen sein, als ihn die Nachricht von den Angriffen erreicht hatte.
„Aber nun zurück zu unserer gegenwärtigen Situation", sagte Baker: „Zwei der Individuen, die als Schlüssel in Frage kommen, werden gegenwärtig vermisst, wobei eine als entführt bestätigt wurde. Wir müssen daher davon ausgehen, dass sich die andere auch in Gefangenschaft befindet. Bei den Personen handelt es sich um Ace Visconti, der zuletzt in Montevideo gesehen wurde und Claudette Morel, die kürzlich hier in Paris entführt wurde. Beide Berührte zweiten Grades."
Nacheinander tauchten die Bilder der beiden Vermissten auf der Leinwand auf.
„Wie schon gesagt wurde in Rio de Janeiro eine Janusmaschine sichergestellt. Die White Masks müssen uns also irgendwie die Pläne entwendet haben und die Tatsache, dass diese Janusmaschine während des Einsatzes einen unserer Operatoren in den Nebel beförderte – wenn auch nur für kurze Zeit – deutet darauf hin, dass sie uns sogar ein gutes Stück voraus sind."
Einige Blicke richteten sich auf einen Mann in deutscher Uniform und dann wieder zurück auf Baker.
„Allerdings ist noch nicht alles verloren. Nachdem sich unser Mann nämlich für kurze Zeit im Nebel befunden hat, berichtete er von lautem Surren, Sichtverlust und unerträglichen Kopfschmerzen. Das sagt uns, dass auch die Maschine der White Masks noch nicht perfekt funktioniert. Außerdem erzählte er uns, dass er von einer gewissen Lisa angesprochen wurde."
Meg und Sally tauschten einen überraschten Blick aus. Baker betätigte derweil eine Taste auf der Tastatur des Laptops und eine weitere Personalakte erschien. Das Bild fehlte, da man damals keine Gelegenheit gehabt hatte, die Hexe zu fotografieren.
„Lisa Sherwood", erklärte Benedict Baker: „war jene Frau, die vom Entitus zum Killer gemacht wurde, uns später geholfen hat zurück in den Nebel zu gelangen und sich schließlich für die Vernichtung ihres alten Meisters geopfert hat. Oder zumindest dachten wir das. Offenbar hat sie überlebt und steckt seit zwei Jahren im Nebel fest. Wir wissen nicht, warum sie es nicht geschafft hat, auszubrechen, da alle Fakten darauf hindeuteten, dass sie willentlich zwischen den beiden Welten hin und her wechseln konnte. Allerdings ist es möglich, dass sie sich aus freien Stücken dazu entschieden hat, im Nebel zu bleiben. Warum, wissen wir nicht."
„Lisa am Leben?", rief Anna quer durch den Raum und unterbrach die Rede des FBI Agenten. Baker nickte und antwortete: „Sie lebt. Und sie hat Team Rainbow angewiesen, Kontakt zu mir aufzunehmen."
„Benedict", fragte nun Sally: „Warum sind wir hier?"
„Weil wir eure Hilfe benötigen", erklärte Baker und wandte sich dann wieder den Soldaten zu: „Wir vermuten, dass die White Masks Zivilisten in den Nebel entführen und sie dort festhalten wollen. Zu diesem Zweck machen sie Jagd auf all jene die vor zwei Jahren im Nebel waren. Nicht nur, weil sie die Schlüssel für die Janusmaschine darstellen, sondern auch, weil sie die einzigen sind, die eine Befreiungsaktion starten könnten. Auf uns allein gestellt sind wir dazu nicht in der Lage."
Die Aufmerksamkeit Team Rainbows richtete sich auf Meg, Sally und die anderen, die nur unsicher zurückschauen konnten. Nach einem Moment brach Sally die Stille und entgegnete: „Sie wollen, dass wir wieder in den Nebel gehen und unseren Hals riskieren?"
„Ich bitte dich, Sally", sagte Baker und machte einen Schritt in ihre Richtung: „Team Rainbow tut alles in seiner Macht Stehende, um euch zu unterstützen. Wenn es überhaupt zu einem Ernstfall kommt, müsstet ihr nur durch eine ihrer Janusmaschine gehen und die Geißeln herausholen. Die White Masks können euch nicht aufhalten, da ihre eigenen Kämpfer unter denselben Beeinträchtigungen leiden würden, wie unsere: Blindheit, Kopfschmerzen, Schwindelgefühle. Was diese Männer wollen, ist unschuldige Zivilisten in den Nebel zu schicken und sie dort zusammen mit dem Stellen von Forderungen verrotten zu lassen. Sie wollen den Nebel als Druckmittel, als Foltermethode und als Waffe einsetzen. Das können wir nicht zulassen und ich hoffe, dass ihr uns unterstützen werdet. Wir brauchen eure Hilfe, Sally."
Sally schaute zu Philip, der ihr zunickte. Offenbar hatte er seine Entscheidung bereits getroffen. Sie überlegte kurz und fragte dann: „Für diese eine Frage mussten wir um den halben Erdball reisen?"
„Das war meine Entscheidung", meldete sich Six aus dem Hintergrund in einem Tonfall, der absoluten Gehorsam gewohnt war: „Ich habe eure gesamte Gruppe hier herbeordert und ihr werdet hierbleiben, bis sich die Sache erledigt hat. Unabhängig davon, ob ihr uns helft oder nicht."
„Ist das so?", erwiderte Sally angriffslustig und ein Raunen ging durch die Schar der Operatoren. Es war wohl eine Seltenheit, dass Six widersprochen wurde.
„So ist es", beharrte die Kommandantin in aller Seelenruhe. Sally hielt ihrem eisernen Blick stand und für einen kurzen Moment starrten sich die beiden schweigen an. Die eisige Stimmung war förmlich greifbar und alle atmeten auf, als Meg die Stille brach: „Sie haben kein Recht dazu."
„Wie war das?"
„Sie haben kein Recht dazu, uns festzuhalten", wiederholte Meg: „Wir sind Staatsbürger der Vereinigten Staaten von Amerika. Wir haben nichts Unrechtes getan und wir kennen unsere Rechte."
„Ich kenne eure Rechte", antwortete Six: „Und ich sage euch, dass sie nicht über denen der Welt stehen. Es handelt sich hier um einen Vorfall der internationalen Sicherheit und ich bin die Verantwortliche. Mein Befehl gilt."
Meg wollte gerade etwas erwidern, doch Sally legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sie hatte bereits erkannt, dass die Autoritätsfrage längst geklärt worden war. Es machte einfach keinen Sinn gegen Six anzurennen, vor allem wenn man von Rainbow Operatoren umzingelt war. Stattdessen wandte sie sich an Baker: „Wie gefährlich werden diese… diese Einsätze sein?"
„Minimal" sagte Baker schnell: „Team Rainbow übernimmt alle Kampfeinsätze und wird euch so weit eskortieren, wie es nur geht. Sobald wir eine der Janusmaschinen ausfindig gemacht und die Umgebung gesichert haben, schicken wir euch durch und auf die andere Seite. Dort werdet ihr alle Geiseln suchen, die eventuell entführt wurden, sowie etwaige Hinweise und Informationen sicherstellen. Und um euch noch einen Anreiz zu bieten: Lisa braucht vielleicht auch unsere Hilfe. Und ich glaube, das schulden wir ihr."
Sally verfiel kurz in Schweigen, während sie überlegte. Dann sagte sie: „Ich kann in diesem Fall nur für mich sprechen. Diese Entscheidung muss jeder von uns für sich selbst treffen, aber ich werde euch helfen. Auch wenn mir die Art wie man uns behandelt hat, stark missfällt."
Sie warf einen Seitenblick auf Six, deren Miene unergründlich und ausdruckslos blieb. Meg nickte und hob die Hand, als Zeichen, dass sie auch dabei war. Max machte einen Schritt nach vorne grunzte: „Max auch" Dabei hob er seine Kettensäge, die er mitgebracht hatte, ein Stück an. Anna schaute kurz unentschlossen zu Meg, bevor sie ebenfalls nickte.
Nea sagte: „Wenn es uns braucht, bin ich dabei." David trat sofort unterstützend hinter sie und Feng schloss sich nach kurzem Zögern ebenfalls an. Nur Dwight verharrte in Zweifeln.
„Ich glaube, schon allein mit uns vier", sagte Sally und deutete auf sich selbst und die drei anderen Killer: „Sind wir mehr als genug. Wir erwarten keinen Widerstand, richtig? Also ist es nicht so wichtig, wie viele von uns gehen."
„Ich freue mich, dass ihr euch so entschieden habt", sagte Baker: „Natürlich werden wir die Anzahl jener, die wir in den Nebel schicken der Lage anpassen, aber wenn es überhaupt dazu kommt, so werden es wohl nicht mehr als drei oder vier von euch sein. Der Rest von euch ist hier auf der Basis am sichersten. Vergesst nicht, dass die White Masks immer noch Nutzen aus euerer Entführung oder Eliminierung ziehen könnten."
Sally nickte und sagte: „Darüber sind wir uns im Klaren. Ich danke euch, für euren Schutz."
Six trat derweil wieder in die Mitte des Raumes und schaltete den Projektor aus. Dann erhob sie ihre Stimme und rief: „Die Geheimdienste dieser Welt halten Augen und Ohren nach den White Masks offen. Team Rainbow wird in Bereitschaft gehalten und auf jeden Hinweis reagieren, bis wir die Angelegenheit unter Kontrolle haben. Unsere Prioritäten liegen im Aufspüren der Janusmaschine, sowie der beiden vermissten Schlüsselpersonen. Das ist fürs erste alles."
Damit waren die Operatoren entlassen und die Sitzung beendet. Einige der Soldaten entfernten sich sofort, anderen begannen eingehend miteinander zu diskutieren und wieder andere traten zu den Killern und Überlebenden. Darunter auch Twitch und eine junge Operatorin, die ihnen noch nicht vorgestellt worden war.
„Jetzt wissen wir Bescheid", sagte Twitch und schaute zwischen den Killern hin und her: „Und ich glaube, dass wir gerade die größere Überraschung erlebt haben als ihr. Ist das wirklich wahr? Das alles mit dem Entitus und dem Nebel? Doc hat mir gegenüber ja bereits vorher so etwas erwähnt, aber ich wollte es bisher nicht so recht glauben."
„Es ist wahr", bestätigte Sally mit vor der Brust verschränkten Armen.
„Nun ja", sagte Twitch: „Wahrscheinlich kann ich für das gesamte Team sprechen, wenn ich sage, dass ich vorher noch nie so etwas gehört habe."
Sie deutete auf ihre asiatische Kameradin: „Das ist Grace Nam. Wir nennen sie Dokkaebi. Sie ist unsere Softwarespezialistin. Wendet euch an sie, wenn ihr mit euren Freunden oder Verwandten telefonieren wollt und sie baut euch eine sichere Verbindung auf."
Die junge Koreanerin nickte und bemühte sich, nicht zu sehr auf Max zu starren. Der Hinterwäldler machte offenbar einen schweren Eindruck auf sie.
„Bevor ich´s vergesse", fügte Twitch hinzu: „Euer Aufenthaltsort wurde als geheim eingestuft. Wenn ihr also mit jemandem sprecht, der sich vor fünf Minuten nicht in diesem Raum befunden hat, dürft ihr ihm weder die Stadt, noch das Land, nicht einmal den Kontinent verraten. Dasselbe gilt für den Zweck eures Aufenthalts."
Die Adressaten der Anweisungen bestätigten mit einem Nicken, dass sie verstanden hatten.
„Gut", sagte Twitch: „Solltet ihr irgendetwas brauchen, zögert nicht jemanden zu fragen. Thatcher schaut vielleicht etwas grimmig aus, aber er ist nur alt, nicht böse. Ihr werdet euch wohl viel in diesem Raum hier aufhalten, da es ansonsten nicht viel zu sehen gibt. Wir haben auch Trainingsanlagen, falls euch der Sinn danach steht. Ansonsten könnte ich euch jetzt in den Krankensaal zu eurem Freund führen, wenn ihr wollt."
„Das wäre sehr freundlich", sagte Sally und wieder begab sich die Gruppe auf die Reise durch den Komplex. Meg, die neben Twitch ging, fragte beiläufig: „Wer war eigentlich der Mann neben Pulse?"
„Großer Kerl, graue Haare und Stoppelbart?"
„Ja, einer vom FBI."
„Das ist Jordan „Thermite" Trace", erklärte Twitch: „Einer unserer Hardbreacher. Eigentlich ein netter Kerl, aber auch ein bisschen schräg. Wieso?"
„Nur so", sagte Meg und zuckte mit den Schultern. Der Blick, mit dem sie der FBI Agent angestarrt hatte, ging ihr nicht mehr aus dem Kopf und sie wurde das Gefühl nicht los, als hätte sie ihn schon irgendwo gesehen.