Shopping in Paris

Meg verließ den Krankensaal und folgte Sally, die ihr die Tür aufhielt. Die Nachricht, dass Jake sich ebenfalls auf der Basis befand hatte ihr kurz einen Schreck eingejagt, doch jetzt, da sie sich seines genesenden Zustandes vergewissert hatte, konnte sie wieder aufatmen. Natürlich blieb die Angst um Claudette und Ace, aber dass Jake in Sicherheit war, rollte ihr schlussendlich doch einen Stein vom Herzen.
Sie schaute hinüber zu Nea, die in schnellem Schwedisch in ein Handy sprach, kurz innehielt und dann wieder antwortete. Dokkaebi hatte ihr vor fünf Minuten eine sichere Verbindung zu ihren Eltern aufgebaut, die sich in den USA unter Polizeischutz befanden. Natürlich wollten sie wissen was los war, doch Nea durfte es ihnen nicht sagen. So waren die Regeln.
Dwight und Feng waren ebenfalls am Telefonieren, doch die beiden waren viel eher am Zuhören, als am Sprechen. Ersterer schien wohl von seinen Eltern mit aufmunternden Worten überschüttet zu werden und es hatte immerhin einen sichtbaren, wenn auch nur schwachen Effekt. Letztere hingegen wurde wieder einmal an den Rand ihrer Geduld gebracht.
Feng zog immer wieder eine Grimasse und Meg konnte leise die Stimmen ihrer Eltern hören, die in schrillem Mandarin auf sie einredeten. Die Athletin schaute auf zu Sally und beide konnten ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Dann kam ihr ein Gedanke.
„Sally"
„Hm?"
Die Krankenschwester senkte den Blick auf Meg und schaute sie fragend an.
„Weißt du… Wenn du nicht hier wärst, würde ich wahrscheinlich auch ein Handy brauchen."
Ein melancholisches Lächeln legte sich auf Sally Lippen und wortlos schauten die beiden wieder den Telefonierenden zu. Sowohl Meg als auch Sally hatten niemals großes Glück mit ihren Verwandten gehabt und beide hatten grausame Verluste hinnehmen müssen. So war es nur verständlich, dass sie in den letzten beiden Jahren das aufgebaut hatten, was sie niemals wirklich gehabt hatten: eine glückliche Familie.
Beide drehten den Kopf, als Feng wütend knurrte und ihren Anruf beendete. Mit finsterer Miene gab sie Dokkaebi das Handy zurück.
„Fröhliche Familiengespräche?", wollte Meg wissen und lächelte Feng aufmunternd an. Die kleine Asiatin legte den Kopf schief und imitierte dann die Stimmen ihrer Eltern: „Was treibst du denn schon wieder? Was ist nur los mit dir? Kannst du nicht einmal Ruhe geben? Hast du nichts gelernt von damals?"
„Geben sie dir die Schuld, oder was?", fragte Meg ungläubig und Feng nickte: „Sie wissen nur, dass sie unter Polizeischutz gestellt wurden und ich irgendwie darin verwickelt bin. Und für meine Eltern gibt es nichts Wichtigeres als ihr Privatsphäre."
„Machen sie sich keine Sorgen?", fragte Sally stirnrunzelnd, doch als Antwort kam ein mürrisches: „Nein. Die Familie ist groß, eine Feng mehr oder weniger macht da nichts aus."
„Jetzt komm", entgegnete Meg: „Das glaube ich dir nicht. Vielleicht können sie es nicht ausdrücken, aber sie machen sich hundertprozentig Sorgen um dich."
Feng zuckte nur mit den Schultern, während Nea und kurz darauf auch Dwight ihr Gespräche beendeten. Beide sahen sie unzufrieden aus. Es war sicherlich keine leichte Sache, ihren fragenden Eltern so viel vorzuenthalten.
„Was nun?" fragte die Schwedin und schaute zwischen ihren Kameraden hin und her. David zuckte nur mit den Schultern, doch mit einem Blick auf Dokkaebi erklärte Sally: „Wir müssen in die Stadt."
„In die Stadt?", fragte die Koreanerin: „Das geht nicht."
„Außerdem brauchen wir Geld", fuhr Sally fort, die Einwände der Operatorin ignorierend: „Bei dem Angriff auf unsere Farm ist unser gesamter Besitz niedergebrannt. Wäre vermutlich nicht passiert, wenn man uns etwas früher gewarnt hätte, aber was soll´s. Wenn ihr unsere Hilfe wollt, wollen wir im Gegenzug ein paar anständige Kleider. Wir laufen sicher nicht wochenlang in denselben Klamotten umher."
„Ihr wollt shoppen gehen?", fragte Twitch und schaute zwischen Meg und Sally hin und her: „Ihr wollt nach Paris, während ihr gejagt werdet?"
Sally nickte: „Ist doch kein Problem, oder? Gebt uns einfach vier von euren heftigsten Kerlen mit, die auf uns aufpassen, dann kann eigentlich nichts passieren."
Die Französin überlegte kurz, bevor sie sagte: „Ich kann das nicht autorisieren, aber Sledge kann. Ich rede mit ihm und schau zu, was sich machen lässt. Dokkaebi, trommle ein paar von den Jungs zusammen, die gerade nichts zu tun haben."
Die Koreanerin war etwas überrascht, dass Twitch so schnell auf die Forderungen eingegangen war, doch sie machte sich unverzüglich auf den Weg. Bevor sie sich ebenfalls davonmachte, um von Sledge die benötigte Erlaubnis einzuholen, sagte die Französin: „Wartet am Fronteingang auf mich. Wisst ihr, wo das ist?"
Meg nickte und Twitch zeigte ihr einen Daumen nach oben. Dann machte sie auf den Absätzen kehrt und marschierte eiligen Schrittes davon. Es war eine Angewohnheit der Operatoren hastig und gründlich zu handeln, das war Sally schon früh aufgefallen. Niemand bewegte sich schwerfällig oder träge. Alles wurde präzise, effizient und mit minimalem Zeitaufwand ausgeführt, selbst so etwas Einfaches wie Gehen.
„Das ging leichter als erwartet", murmelte Meg und tauschte einen Blick mit der Krankenschwester. Dann schaute sie zu Anna und Max und sagte: „Ihr beiden bleibt am besten hier. Wir wollen keine unnötige Aufmerksamkeit."
Sally stimmte zu und als Anna bereits etwas einwenden wollte, brachte sie Nea behutsam zum Schweigen: „Ich bleibe hier mit dir, in Ordnung? Dann sehen wir uns etwas die Basis an."
Die Jägerin dachte kurz nach, bevor sie nickte. Damit war die Sache geklärt. Dwight würde ebenfalls bleiben und David war immer noch erschöpft von der Reise. Das Einkaufskomitee würde also aus Sally, Meg und Feng bestehen und mit Neugier auf Paris begaben sie sich zum Vordereingang. Dort stellte sich bald heraus, dass ihre Anfrage gestattet worden war, als Dokkaebi mit drei Operatoren in voller Kampfausrüstung um eine Ecke kam.
„Wollten wir nicht unauffällig sein?", fragte Sally und musterte die bewaffneten Männer. Dokkaebi schüttelte den Kopf und sagte: „Wenn die White Masks wissen, dass ihr in Paris seid, werden sie uns ohnehin beobachten und auf Schritt und Tritt verfolgen. Und wenn nicht, dann macht es sowieso keinen Unterschied."
Sally akzeptierte die Erklärung und wandte sich dann den Männern zu. Dokkaebi stellte sie als Tachanka, Montagne und Castle vor. Ein Russe, ein Franzose und ein Afroamerikaner. Wenig später gesellte sich auch Twitch dazu, was ihren Geleitschutz auf vier erhöhte. Sie hatte ihr Gesicht hinter einer Sturmhaube verborgen und wies ihre Schützlinge darauf hin, sie in der Öffentlichkeit nur mit ihrem Kampfnamen anzusprechen. Es war eine Standartsicherheitsmaßnahme. Dann stiegen sie in einen großen Militärtruck, Twitch und Montagne vorne, der Rest hinten und wenig später befanden sie sich bereits auf dem Weg nach Paris.
„Ihr seid also diese grausamen Killer, richtig?", begann nach einer Weile einer der Operatoren das Gespräch und schaute direkt auf Meg. Es war Tachanka, der Russe. Meg war etwas überrascht und stammelte: „Ähm, nein, eigentlich nur… Sally"
Der Blick des Russen glitt hinüber zur Krankenschwester, die ihm mühelos standhielt und herausfordernd mit den Augenbrauen zuckte. Das verführte den Russen dazu, laut aufzulachen und auch Castle lief ein Grinsen über die Lippen. Feng und Meg tauschten einen perplexen Blick aus.
„Jetzt müsst ihr mir aber etwas erklären", sagte der Russe, nachdem er sich wieder beruhigt hatte: „Wenn du der Killer bist und sie die Überblende… müsstet ihr euch dann nicht eigentlich hassen?"
Sally und Meg tauschten einen Blick aus, bevor die Krankenschwester antwortete: „Das ist etwas kompliziert, aber nein, wir hassen uns nicht. Im Gegenteil."
„Wie kommt das?", fragte Tachanka weiter und der Amerikaner mit dem FBI Abzeichen stieß ihm in die Seite: „Sei nicht so neugierig, Alexandr."
„Ist schon in Ordnung", entgegnete Meg und erklärte dann mit leichter Belustigung über das Interesse des Russen: „Sally hat ihr Leben riskiert um mich und die anderen aus dem Nebel zu retten. Das wiegt all ihre früheren Taten auf, vor allem, da diese unter Zwang geschahen."
„Ich verstehe", murmelte Tachanka, nun einigermaßen ernst: „Darf ich noch eine Frage stellen?"
„Natürlich"
„Die anderen Killer sind alle… groß", erklärte der Russe seine Gedanken: „Und der eine kann sich sogar unsichtbar machen. Hast du auch etwas Spezielles auf Lager?"
Sally grinste verstohlen und antwortete: „Ja"
„Etwas Mächtiges?"
„Ja"
„Was ist es?"
„Das…", sagte Sally und legte eine Spannungspause ein: „ist geheim"
Meg lachte leise in sich hinein, als Sally Team Rainbow seine eigene Medizin zu fressen gab. In den Augen des Russen konnte sie förmlich sehen, dass er vor Neugier brannte. Schließlich erbarmte sich Sally und antwortete: „Ich zeig´s dir auf der Basis."
„Schaut mal nach rechts", rief Twitch vom Fahrersitz aus und als sie alle den Kopf drehte, entdeckten sie die mächtige Gestalt des Eiffelturms, der hoch über ihnen aufragte. Feng und Meg öffneten staunend ihre Münder und selbst Sally konnte ihre Ehrfurcht nicht unterdrücken. Wenig später hatten sie ihr Ziel auch schon erreicht und alle stiegen sie aus.
Tachanka stampfte mit schweren Schritten über den Asphalt, ein LMG über die Schulter gelegt, während Montagne ein schweres Einsatzschild zur Schau stellte. Schon die beiden allein veranlassten die gesamte Straße zu besorgten Blicken. Einige Touristen schienen es eilig zu haben, sich anderen Vierteln der Stadt zuzuwenden, doch die Operatoren schenkten ihnen keine Beachtung. Sie hatten ihre abschreckende Wirkung hervorragend erreicht.
„Wir sind ja mitten im Zentrum", sagte Sally und Twitch antwortete: „Ich dachte, wenn wir euch schon nach Paris bringen, dann richtig."
Staunend schauten Feng, Meg und Sally die hohen Gebäude hinauf, versuchten die französischen Straßennamen zu entziffern und verhielten sich selbst, als wären sie nur Touristen in diesem Land.
„Hier lang", erinnerte Twitch, nachdem sie ihnen einen angemessenen Zeitraum gegeben hatte, um sich zu orientieren. Sie wies auf ein großes Kaufhaus, das einzig und allein dem Bekleidungshandel gewidmet worden war. Hier würden sie mit Sicherheit fündig werden.
Die Verkäuferin an der Kasse schaute überrascht auf, als sie Montagne durch die Drehtür stapfen sah und trat eingeschüchtert einen Schritt zurück. Doch der große Franzose deutete auf das GIGN Abzeichen auf seiner Uniform, was die Dame ein wenig beruhigte. Allerdings wurden seine Bemühungen komplett zunichte gemacht, als Tachanka und sein LMG hinter ihm auftauchte.
„Wie…", stammelte die Verkäuferin auf Französisch: „Wie kann… ich… ihnen helfen?"
Zur Antwort trat Twitch zwischen ihren beiden Kameraden durch und schaute die Frau mit freundlichem Blick an: „Wir brauchen Kleider für diese zwei Damen."
Dabei deutete sie auf Meg und Sally, die soeben seelenruhig in das Geschäft geschlendert kamen. Die Verkäuferin schaute ungläubig zwischen ihren Kunden und Twitch hin und her. Offenbar war sie sich nicht sicher, ob die Anfrage ernst gemeint worden war, doch als die Operatorin nichts weiter sagte, nickte sie und bedeutete der Gruppe ihr zu folgen.
„Suchen sie etwas bestimmtes?", fragte sie und tapste nervös in die Abteilung für Damenmode. Twitch schüttelte den Kopf: „Nein, nur Alltagsbekleidung. Von Kopf bis Fuß."
Die Verkäuferin nickte und bog dann nach links ab. Sally und Meg folgten ihr auf Schritt und Tritt, während Montagne und Tachanka die Blicke der anderen Kunden und Verkäufer im Geschäft auf sich zogen. Manche befürchteten wohl, dass es sich um einen Notfall handelte und machten bereits Anstalten ihren Einkauf zu beenden. Castle erhob daraufhin kurzerhand die Stimme und rief: „Kein Grund zur Sorge, es ist alles in Ordnung. Machen sie einfach weiter."
Mittlerweile gingen Sally und Feng bereits das Sortiment des Kaufhauses durch und suchten nach passenden Kleidungsstücken für Meg. Die Athletin hatte sie damit beauftragt, etwas Angenehmes herauszusuchen, der Fokus sollte auf Komfort liegen.
„Was hältst du von der hier?", frage Feng und zog eine Jeans hervor. Sally schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, die ist hässlich."
„Aber bequem" widersprach Feng und die Krankenschwester wandte ein: „Das können wir erst wissen, sobald Meg sie anprobiert."
Tachanka stand derweil etwas abseits und schaute aufmerksam umher. Sein Blick fiel auf einen kleinen Jungen, etwa drei Meter weit entfernt, der ihn mit großen Augen anstarrte. Seine Mutter kümmerte sich gerade um seine Schwester und probierte ihr ein Paar Schuhe an und die gesamte Szene erinnerte ihn an seine eigene Familie zuhause in St. Petersburg. Oder besser gesagt, die Familie seines Bruders. Als der Vollzeitsoldat, der er nun mal war, war Tachanka nie in den Genuss einer Ehe und eigener Kinder gekommen.
Der Junge formte nun seine rechte Hand zu einer Pistole und zielte auf Tachanka. Dann machte er ein leises Schussgeräusch und simulierte den Rückstoß, indem er seine Hand kurz nach hinten zucken ließ. Natürlich konnte er es nicht sehen, doch der Junge hatte dem alten Russen ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Die Unschuld von Kindern faszinierte ihn, sie trieb ihn voran und motivierte ihn, seine Pflicht zu tun. Es war einer der Gründe, warum Tachanka sein Leben dem Schutz der Gesellschaft verschrieben hatte.
Einige Zeit später hatte man für Meg eine angenehme Jeans, eine Trainerhose und drei nette T-Shirts herausgesucht. Dazu einen dunkelgrünen Hoodie, der hervorragend zu ihrer dunkelblauen Schildkappe passte. Socken und Unterwäsche dazu und Meg war bedient.
„Nun zu dir", kicherte Meg und schaute zu Sally auf: „Hosen oder Kleid?"
„ich mag keine Hosen", antwortete Sally und ihr Blick ging hinüber zu der Abteilung mit den Sommerkleidern: „Warum schauen wir uns nicht da drüben um?"
Castle und Twitch folgten den Einkaufenden durch das Gebäude, während Tachanka und Montagne die weitere Umgebung sicherten. Der große Franzose schlenderte durch die Reihen und Abteilungen und musterte die Kunden des Geschäfts. Es handelte sich Großteiles um Frauen, entweder Mütter mit ihren Kindern oder jungen Damen. Er entdeckte auch einige Frauen, die offenbar ihre Ehemänner zwischen all den Kleiderständern und Schaufensterpuppen hin und herzerrten.
Mit einem leichten Schmunzeln stellte sich Montagne an eine Kreuzung und schaute in die Runde. Für eine Weile beobachtete er in jener stoischen Haltung, die ihm bereits seinen Spitznamen eingebracht hatte, die Umgebung, bis er plötzlich eine Stimme hinter sich hörte: „Ich wusste gar nicht, dass die hier neuerdings auch Militärzeug verkaufen."
Es handelte sich um eine junge Frau und eine zweite, wahrscheinlich ihre Freundin, antwortete: „Schau, offenbar liefern die an die GIGN. Da ist das Abzeichen."
Montagne hob kurz die Augenbrauen, bevor er sich unter all seiner Ausrüstung schwerfällig umdrehte. Die beiden Mädchen, die hinter ihm gestanden hatten, stießen einen spitzen Schrei aus. Sie hatten ihn wohl für eine Puppe gehalten.
„Bon jour", grüßte er mit seiner tiefen Stimme und die zwei machten jeweils einen Schritt nach hinten. Überrascht keuchte die eine: „Entschuldigen sie, wir wussten nicht, dass sie… ähm… echt sind."
Die andere fragte nun: „Ist… Ist irgendetwas passiert?"
„Nein", antwortete Montagne: „Nur Geleitschutz für VIPs. Ignorieren sie uns einfach."
Das eine Mädchen wollte ihre Freundin bereits davonziehen, doch diese verharrte einen Moment und fragte dann: „Sind sie nicht Montagne? Der Rainbow Operator?"
Es war nicht schwer, seinen Kampfnamen zu erraten, stand er doch in weißen Lettern auf der Vorderseite seiner kugelsicheren Weste. Woher das Mädchen allerdings wusste, dass er zu Team Rainbow gehörte, war ihm ein Rätsel.
„Mein Bruder hat mir von ihnen erzählt", erklärte sie: „Sie haben ihm das Leben gerettet."
„Habe ich das?"
„Er war einer der Polizisten, die vor einem Jahr in Bordeaux als Geiseln genommen wurden. Team Rainbow hat alle rausgeholt. Er hat mir gesagt, dass er nie wieder vergessen wird, wie sie als Fels in der Brandung alles Feuer auf sich gezogen haben. Ich… Ich danke ihnen für ihren Dienst."
Montagne nickte und nach einer kurzen Pause fuhr das Mädchen fort.
„Mein Bruder hat es sich seit dem Vorfall zu Ziel gesetzt, ebenfalls in die GIGN und letztendlich in Team Rainbow aufgenommen zu werden."
„Hat er denn das Zeug dazu?"
„Ich… ich glaube schon", sagte das Mädchen: „Seit Bordeaux spricht er von nichts anderem mehr."
„Wie heißt ihr Bruder?"
„Hugo Fournier"
„Sagen sie ihm, er soll sich an Gilles Touré wenden", sagte Montagne: „Dann werden wir sehen, ob er aus dem rechten Holz geschnitzt ist."
Das Mädchen nickte: „Ich danke ihnen. Für alles."
Feng und Meg hatten ihre Wahl unterdessen auf zwei Kleider beschränkt, beide simpel und in einer einzigen Farbe gehalten. Meg wusste, dass Sally helle Farben bevorzugte, trotzdem war nur eines der Kleider weiß. Das andere war in tiefem Marineblau gehalten, nicht unähnlich der Farbe von Twitchs Uniform.
„Jetzt heißt´s anprobieren", sagte Feng und reichte Sally die beiden Kleider. Diese musterte die Auswahl, die die beiden Mädchen für sie getroffen hatten, für einen Moment, zuckte dann mit den Schultern und begab sich in eine der Umkleidekabinen. Wenig später erschien sie wieder, zuerst in dem weißen Kleid.
„Nicht schlecht", kommentierte Feng, doch Meg war nicht überzeugt. Mit schiefgelegtem Kopf schaute sie an Sally auf und ab, die sich einmal um die eigene Achse drehte. Schließlich schüttelte sie den Kopf und sagte: „Probiere das andere."
Sally tat wie geheißen und wenig später steckte sie in dem dunkelblauen Kleid. Es war etwas enger geschnitten, der Saum des Rocks lag etwas tiefer und ganz allgemein wurde ihre Figur etwas besser betont. Schnell ließ Sally die Schultern kreißen und verbog dann ihren Oberkörper, um ihre Bewegungsfreiheit einschätzen zu können. Offenbar war sie zufrieden, denn sie zeigte einen Daumen nach oben. Meg teilte ihre Gefühle, doch dieses Mal hatte Feng Einwände.
„Ich weiß nicht", sagte die kleine Asiatin: „Es schaut ein bisschen… verklemmt aus, findet ihr nicht?"
„Ich bin ja auch keine freizügige Teenagerin", antwortete Sally: „Ich kann es mir leisten, etwas verklemmt zu sein, jetzt wo ich auf die hundert zugehe."
Twitch hob bei ihrem Kommentar die Augenbrauen. Natürlich wusste sie nicht, aus welcher Zeit Sally stammte, doch sie nahm das Alter der Krankenschwester kommentarlos hin. Die Geschichte über den Entitus hatte ihre Toleranz für seltsame Umstände wohl bereits erhöht. Stattdessen gab sie ihre eigene Meinung zu dem Kleidungsstück ab: „Ich finde es nicht schlecht. Castle, was meinst du?"
„Keine Ahnung", antwortete der Amerikaner: „Ich bin Soldat und männlich. Von Kleidern verstehe ich nichts."
„Aber es hat überhaupt keinen Ausschnitt", sagte Feng: „Und wir sind mitten im Sommer."
„Hitze ist kein Problem", erinnerte Sally, bevor sie schmunzelnd hinzufügte: „und ich lege schon seit langem keinen großen Wert mehr auf meine weiblichen Reize."
„Wir wissen ja nicht, wie lange wir hierbleiben werden", sagte Meg: „Außerdem zahlt Rainbow. Warum nehmen wir nicht einfach beide."
„Eine gute Wahl", kommentierte Castle aus dem Hintergrund, dem es offensichtlich langsam langweilig wurde.
„Ich dachte du verstehst nichts von Kleidung?", fragte Twitch über die Schulter, doch der Operator ließ sich zu keiner Antwort herab.
„Beide sind gut", beschloss Sally. Wenig später steckte sie in ihrem ursprünglichen Outfit, dass immer noch nach dem Rauch der Coldwind Farm roch und schaute zu, wie eine nervöse Kassiererin unter dem Blick von vier schwerbewaffneten Rainbow Operatoren eine Rechnung stellte.

„Nein, der Zug ist verboten", sagte Nea und schob den Bauer wieder zurück nach e5. „Du darfst nur das erste Mal zwei Felder ziehen. Und Schlagen ist nur schräg erlaubt, weißt du noch?"
Max, der ihr gegenübersaß, schaute mit angestrengtem Blick auf das Schachbrett und versuchte herauszufinden, was er nun tun sollte. Es hatte so gut ausgesehen, die kleine, schwarze Figur nach e3 zu verschieben, doch offensichtlich durfte er das nicht. Aber er durfte schlagen, weil Neas Bauer direkt auf d4 platziert war.
Max hob kurz den Kopf und schaute sie an. Dann blickte er auf zu Anna, die hinter Nea stand und neugierig das Spiel verfolgte. Schließlich senkte sich sein Blick wieder auf das Brett.
Die drei befanden sich im Aufenthaltsraum der Militärbasis und Anna, die wie immer sofort alles unter die Lupe genommen hatte, hatte wenig später das Schachspiel entdeckt. Sofort gegen Nea anzutreten hatte sie sich allerdings nicht getraut. Max hingegen war aus anderem Holz geschnitzt und nachdem die Schwedin ihm die Regeln erläutert hatte, hatte er sich sofort an den Tisch gesetzt.
Nun schob der Hinterwäldler langsam seine Hand nach vorne und hob seinen schwarzen Bauer an. Er schaute auf Neas König, der ihm irgendwie unheimlich war. Dann richtete sich sein Blick auf die beiden Türme in den Ecken und er wägte ab, ob von ihnen Gefahr ausging. Aber nein, sie standen ja immer noch hinter den Bauern, wo sie nichts tun durften.
Oder?
Nach etlichem Überlegen stellte Max schließlich seinen eigenen Bauer nach d4 und kassierte mit breitem Grinsen Neas tapferen Recken ein. Ein Grinsen, das allerdings sofort hinweggewischt wurde, als Nea mit ihrem Springer von f3 aus intervenierte und ihrerseits den vorstoßenden Bauern eliminierte.
„Pass auf, welche Figuren gedeckt sind", sagte Nea und Max nickte eifrig. Er war entschlossen zu lernen. David, der neben ihm in einem Sessel Platz genommen hatte, klopfte dem Killer auf die Schulter und sagte: „Komm schon, die beiden Gören packen wir doch mit Links."
„Nur zu", konterte Nea und deutete auf das Feld. David schaute sich kurz die Figuren an und flüsterte Max dann zu: „Was hältst du davon, den Springer hierhin zu verschieben."
Er deutete auf das helle c6 Feld und Max leistete der Empfehlung sofort Folge. Es war ganz offensichtlich, dass er mit der Situation auf dem Brett bereits überfordert war und liebend gern jede Hilfe annahm, die er kriegen konnte.
„Na gut", murmelte Nea und schaute nach kurzem Überlegen über die Schulter: „Irgendeine Idee, meine Große?"
Anna hatte den Blick aufmerksam auf das Feld gesenkt, schüttelte nun jedoch energisch den Kopf.
„Komm schon", drängte Nea: „Gar nichts?"
Die Jägerin schaute sich weiterhin das Feld an und man konnte ihr wahrhaft ansehen, dass es hinter ihrer Stirn arbeitete. Dann, nach einigem Überlegen, deutete sie schüchtern auf e3 und sagte „Bauer"
„Bauer nach e3", bestätigte Nea und führte den Zug aus: „Hervorragende Idee. Somit ist unser Springer doppelt gedeckt."
Anna setzte umgehend ein freudiges Lächeln auf, erleichtert, dass sie einen guten Vorschlag eingebracht hatte. Während die vier über ihrem Spiel brüteten, bemerkten sie kaum die Blicke der Rainbow Operatoren, die immer wieder zu ihnen herüberschossen.
Es war eine ungewohnte Situation für die Soldaten, dass sich Zivilisten in ihrem Aufenthaltsraum befanden und vor allem an jemanden wie Max mussten sie sich erst einmal gewöhnen. Eine Handvoll an Kämpfern war über den Raum verstreut, Capitao und Thatcher saßen an einem Tisch in einer Ecke und unterhielten sich, Dokkaebi hatte sich neben Ying auf einem Sofa in eine Zeitschrift vertieft und Glaz saß auf der zweiten Couch, einen Zeichenblock in den Händen haltend. Normalerweise würden sich die meisten der Operatoren in den Trainingsanlagen befinden, doch bei erhöhter Alarmstufe durften sie sich nicht zu sehr verausgaben. Jederzeit konnte es zu einem Notfall kommen, der ihnen ihr Bestes abverlangen würde.
Fuze kam nun in den Raum geschlendert und ließ seinen Blick die Runde gleiten. Kurz blieb er an Ying und Dokkaebi hängen, bevor er Glaz entdeckte und sich zu seinem Spetsnaz-Kameraden setzte. Vor seinem Eintritt in Russlands Streitkräfte, hatte der Scharfschütze zu einer Karriere als Maler tendiert und weder der harte Drill, noch die ständigen Einsätze hatten ihm seine Leidenschaft für darstellende Kunst austreiben können.
Eher beiläufig als fokussiert kritzelte Glaz nun etwas in seinen Zeichenblock, den er auffallend häufig mit sich herumschleppte. Erst als Fuze sich etwas zur Seite lehnte, konnte er das Motiv erkennen. Es war der Kopf einer Dame, dargestellt im Profil und versteckt unter einer niedlichen Hasenmaske. Kurz schaute der Russe hinüber zu Anna, bevor er wieder Glaz bei seiner gekonnten Ausführung des Schattenwurfs verfolgte.
„Nicht schlecht", kommentierte Fuze in Russisch, doch Glaz gab keine Antwort. Seine Augen schossen zwischen Anna und seiner Zeichnung hin und her, stets auf der Suche nach weiteren Details, die er seinem Werk hinzufügen konnte.
„Was denkst du?", fragte Fuze und setzte sich wieder gerade hin. Glaz hielt den Blick nun auf seine Zeichnung gesenkt und antwortete: „Worüber?"
„Über die ganze Sache", antwortete Fuze: „Diese Nebelgeschichte. Was hältst du davon?"
„Was soll ich davon halten?", fragte Glaz, wiederum nicht von seiner Arbeit aufsehend.
„Glaubst du es?", wollte Fuze wissen und erst jetzt legte Glaz den Bleistift kurz zur Seite. Er kratzte sich am Kinn, bevor er langsam und überlegt antwortete: „Ich sehe keinen Grund, es nicht zu glauben."
„Nein?", fragte Fuze: „Kommt dir das nicht alles etwas unnatürlich vor?"
„Das tut es", bestätigte der Scharfschütze und Fuze legte leicht den Kopf schief. Nach einer Weile erklärte Glaz: „Aber schau sie dir an. Der eine hier… Max…Von selbst ist der sicher nicht so geworden."
„Da hast du wohl recht", erwiderte Fuze. Schweigen stellte sich zwischen den beiden ein und einigermaßen gelangweilt verfolgte Fuze aus der Ferne das Schachspiel zwischen Max und Nea.
Glaz hingegen hatte sich wieder seiner Zeichnung gewidmet. Alle paar Sekunden schaute er auf, inspizierte Annas Gesicht und kontrollierte seine eigene Darstellung. Irgendetwas an der Jägerin faszinierte ihn. Er konnte nicht genau sagen, was es war, vielleicht der Ausdruck versteckter Wildheit, vielleicht die geschädigte Unschuld in ihrem Blick, vielleicht auch einfach nur das abstruse, kindliche Auftreten. Was immer es auch war, die Inspiration hatte ihn gepackt.
Er war nun so weit, dass er seiner Zeichnung den letzten Schliff verpassen konnte und immer seltener flogen seine Augen hinauf zu Anna. Die Jägerin wiederum verlor nun langsam, aber sicher das Interesse am laufenden Spiel, da sie den Bewegungen der Figuren und den Gedanken dahinter kaum noch folgen konnte. Ihr neugieriger Blick glitt nun immer wieder quer durch den Raum, aus dem Fenster und zu den Rainbow Operatoren.
Schlussendlich schaute sie auch zu Glaz herüber, der sofort die Augen senkte. Sie sollte ihn nicht beim Starren erwischen. Glaz wusste aus Erfahrung, dass die Leute es nicht mochten, wenn er sie heimlich als Modelle missbrauchte. Ash hatte ihm aus dem Grund schon eine Ohrfeige verpasst.
Glaz beschloss, sich ab jetzt voll und ganz auf seine Zeichnung zu konzentrieren und vermied es tunlichst, zu der Jägerin aufzusehen. Fuze saß wortlos neben ihm, schaute hin und wieder in seinen Zeichenblock und zuckte sogar einmal mit den Schultern. Offenbar hatte er ein Detail entdeckt, das ihm nicht gefiel, doch er würde keine Worte darüber verlieren. Es machte keinen Sinn mit Glaz über Kunst zu streiten.
Dann zischte Fuze plötzlich, was Glaz dazu veranlasste einen Strich leicht danebenzusetzen. Verärgert korrigierte er seinen Fehler, doch Fuze zischte erneut. Diese Mal stieß er ihm sogar den Ellbogen in die Seite und verärgert hob Glaz den Kopf: „Was ist?"
Zur Antwort nickte Fuze nur in Richtung der Jägerin, doch als der Scharfschütze dem Blick seines Kameraden folgte, konnte er sein Modell nirgends entdecken. Suchend drehte er den Kopf nach links und rechts, bevor er einen heißen Atem im Nacken spürte. Langsam schaute Glaz über die Schulter und sofort fiel sein Blick auf Anna, die sich hinter ihm aufgebaut hatte und mit schiefgelegtem Kopf in seinen Zeichenblock starrte.
„Ich glaube, sie hat dich erwischt", flüsterte Fuze seinem Kollegen sarkastisch zu. Glaz gab keine Antwort und wartete stattdessen darauf, dass Anna etwas sagte. Doch das tat sie nicht. Sie stand einfach nur hinter ihm und schaute auf die Zeichnung. Dann, nach einem Moment beugte sie sich etwas herunter und fragte „Anna?"
„Ähm… ja, das… das sind sie", stammelte Glaz, dem die ganze Angelegenheit höchst unangenehm war. Er kannte die Jägerin nicht und er hatte keinen Schimmer, wie sie reagieren würde. Sie kam ihm generell etwas unberechenbar vor. Doch entgegen seiner Erwartungen sagte sie nur ein Wort.
„Schön"
Glaz und Fuze drehten sich beide zu ihr um. Es war nicht die Tatsache, dass sie nur einen einzigen Begriff von sich gegeben hatte, sondern viel mehr, dass er auf Russisch gesprochen worden war.
„Sie sprechen Russisch?", fragte Glaz überrascht und Anna schaute ihn nur mit schiefgelegtem Kopf an. Sie konnte kaum verstehen, warum das für jemanden so überraschend war. Schließlich hatte sie diese Sprache bereits seit ihrer Kindheit gesprochen. Dann kam ihr der Gedanke, dass es vielleicht daran lag, dass der Soldat sie erst seit kurzem kannte.
„Ich aus Russland bin", erklärte Anna und klopfte sich auf die Brust. Fuze und Glaz wechselten einen perplexen Blick. Offenbar hatten sie die Jägerin nicht als Russin eingeschätzt.
„Und von wo genau kommst du?", fragte Glaz, nun auf die Höflichkeitsanrede verzichtend.
„Aus Wald", antwortete Anna: „In Russland. Hat Sally mir gesagt."
„Sally?", fragte Glaz und Fuze warf ein: „Das ist die dritte, glaube ich. Die in dem Kleid."
„Ah ja", erinnerte sich der Scharfschütze, bevor er sich wieder Anna zuwandte: „Weißt du auch aus welchem Wald?"
Die Jägerin dachte kurz nach und schüttelte dann den Kopf. Die beiden Operatoren warteten kurz darauf, ob sie noch etwas sagen würde, doch es kam nichts mehr. Fuze zuckte mit den Schultern und sagte dann: „Aus dem Süden kommst du jedenfalls nicht. Der Akzent stimmt nicht."
„Nicht Süden", wiederholte Anna.
„Aus dem Osten auch nicht", murmelte Glaz, der ihn Wladiwostok aufgewachsen war: „Dann wohl von irgendwo aus dem Norden oder Westen"
„Wir sollten Alexandr fragen", sagte Fuze: „Wenn jemand ihren Akzent einordnen kann, dann er."
„Wie kommt es eigentlich, dass du mit den anderen in Amerika warst?", wollte Glaz nun wissen und schaute Anna fragend an. Die Jägerin war sich ihrer Antwort nicht sicher, daher zuckte sie einfach mit den Schultern. Natürlich lag das Problem nicht darin, dass sie sich nicht erinnerte, sondern dass sie den beiden Männern, auch wenn sie ihre Sprache beherrschten, einfach noch nicht weit genug vertraute, um ihnen ihre Lebensgeschichte zu erzählen.
„Aha", machte Glaz und schaute zu Fuze: „Naja, auch egal. Hey, wir haben eine neue Kameradin. Warum stellen wir sie in der Zwischenzeit nicht Maxim und Lera vor?"
„Weil das Sofa so bequem ist?", murmelte Fuze, doch der Scharfschütze ließ keine Widerrede zu. Sofort stand er auf, zog den stöhnenden Fuze ebenfalls auf die Beine und schob Anna dann vor sich her. Die Jägerin war sich nicht sicher, ob sie wirklich mit den beiden Männern mitgehen sollte und nervös schaute sie hinüber zu Nea. Die Schwedin war immer noch in ihr Spiel vertieft.
„Hier entlang", sagte Glaz und bugsierte Anna aus dem Aufenthaltsraum, womit die Entscheidung gefällt war. Anna würde endlich ein paar Russen kennenlernen.

„Wie geht es dir?", fragte Philip und setzte sich auf einen für seine Gestalt viel zu kleinen Stuhl. Die stechenden Augen des Geistes waren direkt auf Jake gerichtet, dem selbst nach all der Zeit immer noch ein kalter Schauer über den Rücken lief. Immerhin hatte er die Killer nie wirklich kennengelernt, im Gegensatz zu den anderen Überlebenden, die förmlich unter einem Dach mit ihnen geschlafen hatten, während er selbst noch im Nebel gefangen gewesen war.
„Geht schon", murmelte Jake und beobachtete Doc, der ein paar Werte an dem Monitor neben seiner Station kontrollierte. Offenbar schien alles in Ordnung zu sein, denn der Arzt macht einen flinken Haken auf ein Klemmbrett und ergriff ansonsten keine weiteren Maßnahmen.
„Ein paar Tage noch", sagte Doc: „Dann lasse ich sie gehen. Schlafen sie viel, trinken sie viel, dann sind sie im Nu wieder auf den Beinen."
„Das sind doch gute Nachrichten", sagte Philip fröhlich und schaute Jake aufmunternd an. Dieser nickte nur lustlos. Philip wartete kurz, bis sich Doc entfernt hatte, bevor er fragte: „Was ist los?"
„Mir kommt nur vor, dass sich Meg und die anderen kaum Sorgen machen", erklärte Jake mit einem Seufzen: „Um Claudette und Ace meine ich."
„Wie kommst du denn darauf?", wollte Philip stirnrunzelnd wissen.
„Sie haben so fröhlich ausgesehen", sagte Jake: „Ich meine, nicht wirklich fröhlich, aber fröhlicher als ich es erwartet hätte."
„Sie freuen sich, dich wohlauf zu sehen", sagte der Geist.
„Das verstehe ich ja", erwiderte Jake: „Aber Claudette und Ace sind immer noch da draußen, wahrscheinlich in irgendeinem Keller eingekerkert und diesen Wahnsinnigen ausgeliefert. Denken sie etwa nicht daran?"
„Natürlich tun sie das", antwortete Philip geduldig: „Glaub mir, vor allem Meg macht sich Riesensorgen um Claudette. Aber sie weiß auch, dass sie im Moment nichts tun kann, um ihr zu helfen. Daher schont sie ihre mentalen Kräfte, um bereit zu sein, wenn Claudette sie braucht. Denk am besten nicht zu viel darüber nach."
„Leichter gesagt als getan", murmelte Jake: „Mit einer weißen Wand vor der Schnauze."
Tatsächlich gab es in dem Krankensaal nicht viel zu sehen und als Philip den Kopf drehte, erkannte er, dass es wohl schwierig war, sich in einem solchen Raum nicht früher oder später in seinen Gedanken zu verlieren.
„Wenn du ein Buch brauchst", murmelte Philip: „Oder eine Zeitschrift, musst du nur etwas sagen."
Doch Jake sagte nichts. Ihm war nicht nach Lesen zu Mute und er interessierte sich weder für Fachtexte, noch Fiktion oder sonst irgendein geschriebenes Werk.

„Verdammt, das…", stammelte Nea: „das ist Matt."
„Sag ich doch", brummte David, der soeben seine Dame auf Neas Grundlinie gezogen hatte. Schon vor langer Zeit hatte er Max am Brett abgelöst, da der Hinterwäldler kaum noch in der Lage gewesen war, mit all den Taktiken, Zusammenhängen und Figuren mitzuhalten. Es war auch keine leichte Aufgabe, vor allem für einen Schachneuling. Während David die Figuren zurück in die Schachtel räumte, schaute sich Nea um und fragte: „Hey, wo ist eigentlich Anna?"
Die drei waren so in ihr Spiel vertieft gewesen, dass niemand die Abwesenheit der Jägerin bemerkt hatte. Dadurch, dass sie sich immer leise wie auf der Jagd verhielt, war die Stille, die sie hinterlassen hatte, niemandem aufgefallen.
Max stand nun auf und humpelte durch den Raum. Unter der verwunderten Beobachtung der Rainbow Operatoren ging er um zwei Säulen herum und kontrollierte, ob sich Anna nicht hinter einer der Stützen versteckt hatte. Ratlos zuckte er mit den Schultern.
„Was ist bloß in sie gefahren?", rief Nea und fuhr hoch: „Einfach so abzuhauen. Am Ende verläuft sie sich noch oder macht etwas kaputt."
„So groß ist die Basis nun auch wieder nicht", entgegnete David gelassen: „Und was soll sie hier überhaupt kaputtmachen? Einen Panzer?"
„Unterschätz niemals Anna", murmelte Nea und setzte sich wieder hin. David schüttelte nur den Kopf und sagte: „Sie kommt schon zurecht."
„Das hoffe ich."
„Ich schlafen gehen", sagte Max plötzlich und stand auf. David schaute kurz auf die Uhr und fragte ihn dann: „Schon? Es doch noch nicht mal sieben."
„Schlafen gehen immer gut", antwortete Max und marschierte anschließend zielsicher aus dem Aufenthaltsraum. David und Nea tauschten einen verwunderten Blick aus, bevor letztere murmelte: „Meg hat uns ja erzählt, dass er früh ins Bett geht."
„Aber nicht so früh", brummte David.
„Es ist halt nicht jeder ans wilde Nachtleben gewöhnt", sagte Nea und machte damit eine Anspielung auf Davids Vergangenheit. Früher war er oft mit einer Gang aus streitlustigen, betrunkenen Männern durch die Nacht gezogen und in verschiedensten Pubs versunken. Erst sein Erlebnis mit dem Entitus hatte einen Wandel in ihm hervorgerufen.
Natürlich war auch Nea die Sünde des Trinkens nicht fremd, war es doch einmal sogar so weit gekommen, dass sie mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Damals hatte die Beziehung zwischen ihr und ihren Eltern einen neuen Tiefpunkt erreicht. Wenig später hatte sie ihre neuen Freunde im Nebel kennengelernt.
„Und was machen wir jetzt?", wollte David wissen. Die Schwedin schaute sich in dem Raum um, wusste jedoch selbst keine Antwort. Die Gerüchte, dass das Soldatenleben ein langweiliges war, schienen allesamt wahr zu sein. Vielleicht hatte Max doch keine so schlechte Wahl getroffen. Aber nach der langen Reise würde sie sich nicht ungewaschen ins Bett legen.
„Ich glaube, ich geh mich duschen", sagte Nea und stand langsam auf, bevor sie David mit einem schelmischen Blick fragte: „Lust mich zu begleiten?"
Natürlich hatte der Gefragte Lust und so begaben sich die beiden auf die Reise durch die große Basis zurück zu ihrem Zimmer. Im Vorbeigehen schaute Nea einige Gänge entlang in der Hoffnung, vielleicht Anna entdecken zu können, doch die Jägerin blieb spurlos verschwunden.
„Hier ging es nach links, oder?", fragte David. Nea besah sich kurz die Abzweigung, bevor sie zögerlich antwortete: „Glaub schon."
Auch Max, der ihnen ja vorrausgelaufen sein musste, konnten sie nirgendwo entdecken, was aber wahrscheinlich daran lag, dass sich der Hinterwäldler im Vergleich zu normalen Menschen extrem schnell fortbewegte.
In der Hoffnung, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, gingen die beiden Überlebenden durch die Gänge und Korridore der Basis, bis sie schließlich vor ihrer Zimmertür angelangten. Schnell schlichen sie hinein, ignorierten den schlafenden Dwight und schnappten sich zwei Handtücher, bevor sie sich in Richtung der Bäder davonmachten.
Ähnlich wie die gesamte Basis waren auch das Gemeinschaftsbad schmucklos und mit einem Fokus auf Effizienz aufgebaut worden. Die Duschen befanden sich etwas separat hinter einem türlosen Durchgang in einem eigenen Raum. In der Mitte der rechteckigen, mit weißen Fließen ausgekleideten Halle zog sich eine kurze Wand entlang, die man auf beiden Seiten umgehen konnte. In regelmäßigen Abstanden ragten Duschköpfe aus der Wand und der gesamte Boden lief leicht abschüssig auf vier Abflüsse zu.
„Karger gings wohl nicht", kommentierte David, als er den Raum entdeckte. Nea zog nur eine Augenbraue nach oben und bemerkte: „Ist doch egal. Für unsere Zwecke reicht es aus."
Dann hängte sie geschwind ihr Handtuch auf einen grauen Metallhaken, schlüpfte aus ihrem Tanktop und hängte es daneben. David zuckte mit den Schultern und begann ebenfalls sich zu entkleiden. Als er sein T-Shirt auszog, warf Nea einen vorsichtigen Blick auf das Rosentattoo, das auf der Oberseite seines beeindruckenden Rückens prangte. Mit jeder Bewegung verzog es sich unter dem Spiel seiner Muskeln und am liebsten hätte die Schwedin es berührt. Doch sie hielt sich noch zurück.
Fürst erste.
Endlich konnte Nea den Klipper ihres BH öffnen, der sie schon den ganzen Tag über genervt hatte. Eilig drehte sie sich um und hängte ihre Unterwäsche an den Haken, doch als sie sich wider David zuwandte, wurde sie bereits gepackt und hochgehoben.
„Hey, was soll das?", rief sie empört und trommelte David, der sie sich mühelos über die Schulter geworfen hatte, auf den Rücken: „Ich brauch noch mein Handtuch!"
„Nein", brummte David und trug sie mit eisernen Griff in den Duschraum. Im Innerem ging er halb um die mittlere Wand herum, sodass man sie von außen nicht entdecken konnte und setzte die Schwedin anschließend wieder auf den Boden.
Sie öffnete bereits wütend ihren Mund, doch David erstickte den Protest mit einem innigen Kuss. Beinahe augenblicklich verwandelte sich ihre Abwehrhaltung in eine verlangende Umarmung, als er die Schwedin mit dem Rücken gegen die Fliesen presste und seine Hände Stück für Stück ihren Körper eroberten.
Hastig betätigte Nea den Schalter neben ihr und ein schwall eiskalten Wassers ergoss sich über das Paar. Die Schwedin zuckte zusammen und eine Gänsehaut fuhr über ihren Rücken, doch in Davids Armen würde sie niemals frieren.
Die letzten Wochen hatte er bei seiner Arbeit und sie bei ihrer Ausbildung dermaßen viel zu tun gehabt, dass sie immer weniger Zeit miteinander verbracht hatten. Ihre Beziehung war fest wie eh und je, doch das Ausleben ihrer Gefühle war mit der Zeit immer weiter in den Schatten getreten. Irgendwann waren ganze Wochen zwischen den Nächten vergangen und ein seltsamer Frust hatte eingesetzt, an dem keiner der beiden schuld gewesen war.
Doch nun hatten sie Zeit. Nun waren sie nur füreinander da und niemand verlangte nach ihrer Aufmerksamkeit. Niemand wollte etwas von ihnen, sodass sich ihre Welt auf die Ausmaße eines Duschraumes zusammenziehen ließ.
Gierig, mit dem Verlangen einer Bestie, riss David Nea keuchend herum und es dauerte nur wenige Momente, bevor sie das erste Mal ihrem Genuss in einem langgezogenen Seufzen Ausdruck verlieh. Mittlerweile prasselte warmes Wasser auf ihr Haupt und rann wohltuend ihren nackten Körper hinunter.
Gerade als sie in lautes Stöhnen ausbrechen wollte, legte sich eine eiserne Hand über ihren Mund und David hielt plötzlich inne. Sie brauchte keine Sekunde, um zu erkennen, was passiert war. Fußschritte hallten durch das Bad, als jemand vor dem Duschraum herumging. Sie konnte den Mann ein leises Liedchen summen hören, in einer Sprache, die nach Deutsch klang. Es musste sich wohl um einen der Rainbow Operatoren handeln. Das Geräusch eines Reißverschlusses war zu hören und wenig später das Plätschern einer Toilette.
David nahm nun die Hand von Neas Mund, die flüsternd einen schwedischen Fluch ausstieß. Die Geräusche der Dusche überdeckten ihre Stimme, doch David hielt sie trotzdem mit einem unterdrückten Zischen zum Schweigen an. Ein paar Sekunden später schien der Mann auch schon mit seinem Geschäft erledigt zu sein und wusch sich an einem Waschbecken die Hände. Nea warf derweil einen besorgten Blick über die Schulter, den David halb belustigt erwiderte.
Es war die Aufregung des Verbotenen, der Reiz des Unerhörten, der aus seinen Augen sprach. Dann erstarb das Geräusch des Waschbeckens. Schritte hallten durch das Bad und wenig später das Geräusch einer Tür. Sie waren wieder allein. Erleichtert atmete Nea auf und fragte: „Glaubst du, er hat uns gehört?"
„Wenn, dann dich", murmelte David, was Nea leichte Röte ins Gesicht zauberte: „Aber ich glaube nicht."
„Zum Glück", antwortete Nea: „Dann hat er uns für nür eine Person gehalten."
„Draußen hängen immer noch unsere Kleider", erinnerte David und Nea schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. „Fuck!"
„Daran lässt sich jetzt nichts mehr ändern", murmelte David und lachte leise.
„Stimmt", antwortete die Schwedin und straffte die Schultern: „Also, was ist jetzt? Willst du mich ficken oder nicht? Mach weiter!"

„Home, sweet Home", murmelte Castle sarkastisch, während Meg an ihm vorbei zurück in die Kaserne ging. Sie bedankte sich bei dem Operator, dass er ihr die Tür aufgehalten hatte und schloss dann zu Sally auf, die ihr ein paar Schritte voraus war. Die Sonne hatte den Himmel bereits in Flammen gesetzt, bevor sie der Nacht endlich den Weg freimachen würde und als die Athletin auf ihre Armbanduhr schaute, wiesen die Zeiger auf fünf vor acht.
„Ich bin müde", gähnte Feng, die hinter Meg lief. Sally ließ sich nun etwas zurückfallen und bemerkte: „Am besten geht ihr nach dem Abendessen sofort ins Bett. Ich habe so ein Gefühl, als würden wir unsere Kräfte in den nächsten Tagen brauchen."
„Glaubst du, dass so schnell etwas passiert?", fragte Meg, doch Sally legte nur den Kopf schief und sagte: „Ich weiß es nicht. Aber meine Nase sagt mir, dass diese White Masks eher früher als später etwas anstellen wollen. Keine Ahnung."
„Warten wir´s ab", murmelte Meg: „Aber je schneller sie etwas tun, umso schneller finden wir wohl Claudette und können wieder weg von hier."
„Und Ace", fügte Feng hinzu. Meg schaut sie kurz an und meinte dann: „Wir wissen nicht, ob er auch entführt wurde. Vielleicht hält er sich irgendwo versteckt. Du kennst ihn doch. Bei ihm weiß man nie."
„Vielleicht", warf Sally ein: „Aber ich würde nicht darauf wetten. Sie haben Claudette, sie hatten Jake und beinahe hätten sie auch uns vier gehabt. Ace werden sie wohl auch gefunden haben."
Sie hatten nun den Korridor erreicht, in dem sich ihre Zimmer befanden und Feng verabschiedete sich für kurze Zeit an ihrer Tür. In einer viertel Stunde, so hatte Twitch ihnen gesagt, sollten sie in die Kantine kommen. Dann würde es etwas zu essen für sie geben. Meg schloss nun ihre eigene Tür auf und fand Max, der verschlafen in seinem Bett lümmelte.
„Hi Max", grüßte sie: „Gleich gibt es Abendessen. Hast du Hunger?"
„Nein", sagte der Hinterwäldler, eine Antwort, die die Athletin dann doch überraschte. „Nein? Bist du sicher? Du willst doch nicht auf leeren Magens schlafen gehen."
„Philip mir Teller Essen vorbeigebracht hat", sagte Max und stand vom Bett auf. Als Meg zu ihm aufsah, wäre sie fast über die Kettensäge am Boden gestolpert.
„Philip war hier?", fragte Sally: „Wo schläft er überhaupt?"
Zur Antwort deutete Max auf die Wand hinter sich, was vermutlich bedeuten sollte, dass sich der Geist im nächsten Zimmer einquartiert hatte. Dann sagte er: „Mit ihm war Mann hier. Mann hat dir gesucht, Meg."
„Es heißt „dich gesucht", Max", antwortete die Athletin und fragte dann: „Welcher Mann? Einer von Team Rainbow?"
Max nickte.
„Wie war sein Name?"
Der Hinterwäldler schien die Antwort zu wissen, doch offenbar war ihm der Name des Operatoren entfallen. Verzweifelt nachdenkend schüttelte er den Kopf, bis ihm schließlich ein Licht aufging: „Von FBI gewesen."
„Einer vom FBI?", fragte Sally: „Meinst du Pulse?"
Max schüttelte den Kopf: „Anderer Mann"
„Dann muss es dieser Thermite gewesen sein", schloss Meg: „Castle war ja bei uns und sonst habe ich keine gesehen."
„Aber Baker meinst du nicht, oder?", fragte Sally, doch Max schüttelte den Kopf. Meg fragte sich, was der Mann wohl von ihr wollte und beschloss, den Soldaten bei der nächsten Gelegenheit anzusprechen. Vermutlich würde sie ihn in einer Viertelstunde in der Kantine treffen.
„Wo ist eigentlich Anna?", fragte Sally nun, doch auch darauf wusste Max keine Antwort zu geben. Er kratzte sich am Kopf und sagte: „Wir Schach spielen gewesen, bevor Anna dann verschwunden. Ich glaube, Nea sie suchen gegangen."
„Typisch Anna", murmelte Meg: „Wahrscheinlich ist sie die Basis erkunden gegangen. Sie wird schon wieder hierherfinden. Ist ja nicht so als ob man sich einfach vom Gelände verirren könnte."
„Vielleicht hat Nea sie ja gefunden", überlegte Sally, doch Meg war es ehrlich gesagt egal. Anna kam schon zu recht.
„Ich geh mich schnell duschen", sagte die Athletin: „Dann können wir gemeinsam die Kantine suchen gehen."
Sally gab ihr einen Daumen nach oben und mit einem Handtuch über der Schulter verließ Meg das Zimmer. Ihr Weg führte sie den Korridor nach unten ins Gemeinschaftsbad, wo sie bereits das Geräusch einer Dusche vernehmen konnte.
Sie hatte gehofft, allein zu sein, aber halb so schlimm. In der Hoffnung, dass es sich bei dem Duschenden um eine der weiblichen Operatoren handelte, entledigte sich Meg ihrer Kleider und wollte sie an einen der Haken hängen, als sie bemerkte, dass mehr als einer bereits besetzte waren. Und sie kannte dieses Tanktop.
„Nea?"
„Meg?", hallte es aus dem Duschraum zurück: „Gott sei Dank, ich dachte schon ich müsste mir die Dusche mit Pulse teilen."
„Nea?", rief Meg erneut und schaute stirnrunzelnd auf das zweite Kleidungsset.
„Ja?", kam die Antwort.
„Bist du allein da drin?"
Es dauerte einen kurzen Moment, doch dann tönte es von den Duschen: „Nein"
„Ist David bei dir?"
„Ähm… ja?"
„Dann reißt euch zusammen, ich komm jetzt rein."
Behutsam tapste Meg mit ihren nackten Füßen über den kalten Fliesenboden und betrat den Duschraum. Langsam ging sie um die zentrale Wand herum, sodass Nea und David genug Zeit hatten, um zu beenden, was immer sie am Laufen gehabt hatten. Als die beiden in ihr Blickfeld kamen, stellte sich David gerade unter seine eigene Dusche, während Nea Meg mit einer Mischung aus Betroffenheit und Reuelosigkeit entgegengrinste.
„Schämt euch", sagte Meg und stellte sich unter die Dusche direkt neben Nea: „ein öffentliches Bad für solch niedere Triebe zu missbrauchen."
„Menschen haben Bedürfnisse", antwortete Nea salopp und David grinste nur über ihre Schulter. Als Meg ihren Schalter betätigte, wurde sie kurz von einem Schwall kalten Wassers getroffen, bevor es sich schließlich erhitzte. Seufzend trat die Athletin unter den Duschkopf und ließ sich vollständig in ein wohltuendes Gefühl nasser Wärme entgleiten.
„Seid ihr wenigstens fertiggeworden?", fragte sie nach einer Weile: „mit eurer… was auch immer."
„Mit dem Wesentlichen", kicherte die Schwedin schelmisch: „Aber wenn du nicht gekommen wärst, hätten wir wohl noch ein bisschen weitergemacht."
David griff sich hinter ihr beschämt an den Kopf. Er hatte seinen Duschgang mittlerweile beendet, während Nea, die sich mit Meg unterhalten hatte, noch etwas brauchen würde. Mit einem entspannten Lächeln auf den Lippen wankte er aus dem Duschraum und sagte Nea, er würde im Zimmer auf sie warten.
Endlich begann auch die Schwedin, sich ordentlich abzuduschen und fünf Minuten später traten sie und Meg hinaus in den zentralen Raum des Gemeinschaftsbads. Triefend Nass paschten ihre Füße über den flachen Boden und hinterließen eine feuchte Spur.
„Ihr beiden versteht euch wirklich gut, oder", fragte Meg, während sie sich abtrockneten und Nea sich anzog. Die Athletin machte sich nicht die Mühe, sondern wickelte einfach ein Handtuch um ihren Körper, da sie später ohnehin ihre neuen Kleider anziehen würde.
„Ja", nickte Nea: „Wir… Wir sind einfach auf einer Wellenlänge, wenn du verstehst was ich meine. Wir passen zueinander."
„Ich freue mich für euch", sagte Meg: „In Weeks habe ich ja kaum etwas mitbekommen. Und ich nehme an, Claudette und Dwight geht es ähnlich gut miteinander."
„Pfff", machte Nea: „Gar kein Vergleich. Die beiden sind unzertrennlich. Ich und David, wir hatten auch hin und wieder mal einen guten, gesunden Streit, so wie das nun mal ist. Aber Dwight und Claudette… Ich glaube, ich habe sie noch nie wütend auf einander gesehen. Sie sind immer so… so zufrieden gewesen."
„Klingt schön"
„Klingt langweilig", meinte die Schwedin und fummelte kurz an ihrem BH herum, bevor sie sich entschied das nervtötende Teil einfach wegzulassen.
„Genau richtig für sie", sagte Meg: „Schön langweilig und gemütlich. Keine unnötige Aufregung und schon gar keine bösen Überraschungen."
„Was ist eigentlich mit dir?"
„Mit mir?" Meg schaute Nea fragend an und die Schwedin erklärte: „Du willst mir doch nicht erzählen, dass sich in zwei Jahren niemand an dein durchtrainiertes Hinterteil rangemacht hat?"
„Ich habe ja auch nicht gerade das Nachtleben gerockt", murmelte Meg deprimiert. Ihre Gedanken waren zu Chris gewandert und der Nacht, in der er sie geküsst hatte. Eine schlechte Erinnerung.
„Kein einziger?"
Meg schüttelte den Kopf.
„Nein"
„Wie hältst du das nur durch?", fragte Nea mitfühlend: „Ich bin ja nicht sexsüchtig, aber von Zeit zu Zeit braucht doch jeder mal eine gute Runde."
„Um ehrlich zu sein, war ich nie so begeistert von Typen"
„Warte mal, du bist doch nicht etwa…"
„Nein", winkte Meg ab: „Es ist ja nicht so, dass ich es nicht wollte. Ich schätze es hat sich einfach nie etwas ergeben. Vielleicht liegt es daran, dass mein Vater nach meiner Geburt abgehauen ist, ich weiß es nicht. Jedenfalls waren die paar Mal, die ich jemanden gehabt habe, grauenhaft."
„Aber du willst es doch, oder?", fragte Nea und versuchte sich erfolglos mit dem Handtuch die Haare zu trocknen.
Meg überlegte kurz und sagte dann: „Ja"
„Willst du das nächste Mal mitmachen?"
Nea und Meg schauten sich direkt in die Augen, und die Athletin erkannte sofort, dass es eine ehrliche, ernst gemeinte Frage war.
„Was?"
„Ich würd´s vor ihm ja nie zugeben", sagte die Schwedin: „Aber David ist richtig gut. Wenn er seine Kräfte etwas einteilt, kriegt er uns locker beide unter."
„Bietest du mir gerade einen Dreier an?", fragte Meg ungläubig: „Mit David?"
„Wenn du willst", sagte Nea: „Ich hätte kein Problem damit. Und David ist selbst auf dieser Militärbasis noch einer der triebgesteuertsten Kerle weit und breit. Der macht das schon. Du bist eine meiner besten, wenn nicht die beste Freundin, Meg. Wenn du einen Mann brauchst, dann teile ich meinen mit dir."
Meg erwiderte nichts, sondern schaute überlegend in einen der Spiegel. So absurd es auch klang, irgendwie zögerte sie das Angebot einfach so zurückzuweisen. Es hatte sich so gut angefühlt, als Chris sie letzte Nacht umarmt, geküsst und begehrt hatte. Und wenn es für Nea in Ordnung ging, warum nicht? Auf der anderen Seite…"
„Danke, aber… Ich glaube nicht, dass das gut wäre", sagte Meg: „David gehört dir und ich will da nicht nur wegen meiner ärmlichen Wehwehchen dazwischenfunken."
„Wie du willst", nickte Nea und als Meg ihr Handtuch neu richtete, gab sie kurz den Blick auf ihren nackten Körper frei.
„Jetzt schau dich doch mal an", rief die Schwedin: „Das kann doch nicht sein, dass man so ein Geschoss nicht unter die Haube bringt. Wenn das alles hier vorbei ist, Meg Thomas, suche ich dir einen echten Kerl heraus, so wahr ich Nea Karlsson heiße."
„Danke", murmelte Meg etwas verlegen. Ihr war die ganze Sache etwas unangenehm, doch es gab nur wenige, denen sie mehr vertraut hätte als Nea. Sally vielleicht und ganz sicher Claudette. Hoffentlich würden man ihre vermisste Freundin bald finden.
„Gehen wir", rief Nea und legte einen Arm um Megs Schulter: „Essen fassen."

Glaz ging eilig einen Korridor entlang und blieb vor einer der unzähligen, identischen Zimmertüren stehen. Leise könnte Anna russische Volksmusik aus dem dahinterliegenden Zimmer hören, die plötzlich lauter wurde, als der Scharfschütze die Tür aufzog. Eine russische Sängerin gab aus einem kleinen Radio heraus ihre hohe Stimme zum Besten und als Glaz eintrat, konnte die Jägerin eine freudige Begrüßung vernehmen. Es befand sich wohl bereits jemand in dem Raum, und vorsichtig folgte Anna Fuze, der hinter ihr die Tür schloss.
Ihr Blick fiel auf ein leicht größeres Zimmer, wie das, in dem sie selbst einquartiert worden war. Drei Stockbetten befanden sich in dem Raum, doch nur fünf Matratzen schienen belegt zu sein. In der Mitte gab es außerdem einen kleinen Tisch, an dem zwei Soldaten saßen, ein Mann und eine Frau. Sie hatten jeweils ihren rechten Ellbogen auf der Tischplatte abgestützt und die Hände in einer angestrengten Partie Armdrücken verschränkt.
„Schon wieder?", fragt Fuze und trat an den Tisch: „War dir das letzte Mal nicht genug?"
Der männliche der beiden Kontrahenten schüttelte den Kopf und verzog anschließend erschöpft das Gesicht. Doch noch gab er nicht auf.
„Sie wird dich wieder fertigmachen", spöttelte Glaz und klopfte ihm auf die Schulter: „Gibs einfach auf und schau dir lieber unsere neue Kollegin an."
„Was?", fragte der Mann und in einem kurzen Moment der Unaufmerksamkeit verstärkte die Frau ihren Druck, wodurch sie die Partie innerhalb eines Sekundenbruchteils für sich entschied. Der Mann fluchte lautstark, bevor er sich frustriert Anna zuwandte.
„Was ist mit ihr?", fragte er ungestüm, doch Glaz ermahnte ihn: „Sie ist Russin. Pass auf, was du sagst, sie versteht jedes Wort." An Anna gewandt erklärte er: „Das ist Maxim Basuda, wir nennen ihn Kapkan. Und hier drüben sitzt Lera „Finka" Melnikova."
Schlussendlich drehte er sich wieder zu seinen Kameraden hin: „Das ist Anna."
„Russin?", fragte Finka: „Was für ein Glück, dann bin ich endlich nicht mehr alleine mit diesen Kerlen. Von wo genau kommst du?"
Anna schaute sie kurz an, doch bevor sie mit „Wald" antworten konnte, sprang Glaz für sie ein: „Das weiß sie nicht so genau. Aber anhand ihres Akzentes glauben wir, dass sie aus dem Westen oder Norden kommt."
„Du weißt es nicht?", fragte Kapkan streitlustig: „Wie denn das? Wo wurdest du denn geboren?"
„Wald", sagte Anna nur. Kapkan wartete kurz, ob sie noch etwas anderes von sich geben würde, doch da kam nichts mehr. Mit hochgezogenen Augenbrauen lehnte er sich zurück.
„Aha"
„Sei freundlich, Maxim", sagte Fuze und warf sich lässig auf eines der Betten. Kapkan quittierte die Anweisung mit einer Geste und sagte von da an nichts mehr. Anna sparte sich das Kommentar, aber sie vermutete, dass er wütend war, weil er gegen die Frau verloren hatte. Die Jägerin wusste nicht warum, doch instinktiv mochte sie Finka.
„Setz dich", sagte Glaz und bot Anna einen Stuhl an. Zögerlich tat sie wie geheißen und nahm mit den anderen Russen Platz. Sie vertraute den Soldaten immer noch nicht wirklich, aber sie war einfach zu neugierig und wollte mehr über diese Männer erfahren, die in ihrer Sprache sprachen. Trotzdem würde sie fürs erste auf der Hut bleiben.
Glaz hatte unterdessen eine halbleere Wodkaflasche auf dem Tisch entdeckt und fragte empört: „Ihr seid doch nicht etwa an Alexandrs geheimen Vorrat gegangen?"
„Warum nicht?", fragte Kapkan und man konnte die Wahrheit förmlich riechen: „Ist ja nicht so, als ob er sich irgendwo beschweren könnte. Alkohol ist ja verboten."
„Pass auf, Maxim", warnte Fuze aus dem Hintergrund: „Sei vorsichtig mit Alexandr."
„Lass das nur meine Sorge sein", antwortete Kapkan gelassen: „Außerdem müsst ihr nicht nur auf mir herumhacken, sie hat schließlich auch getrunken."
„Aber vor Lera hat er Respekt", warf Glaz ein, wofür er einen scharfen Blick kassierte. Der Scharfschütze ignorierte seinen Kameraden jedoch und griff stattdessen selbst nach der Flasche.
„Jetzt ist die Flasche ohnehin schon offen", sagte Glaz und stürzte einen respektablen Schluck hinunter. Keuchend nickte er und sagte: „Nicht schlecht. Fuze?"
Der Soldat auf dem Bett griff nach der ihm angebotenen Flasche und trank selbst ein wenig des hochprozentigen Alkohols. Anna konnte einen stechenden Geruch vernehmen, doch sie verhielt sich lieber ruhig und beobachtete die Russen. Sie schienen eine lustige Truppe zu sein. Etwas schräg, doch Anna mochte sie. Vielleicht waren sie ja doch vertrauenswürdig.
„Jetzt komm her", rief Kapkan und rückte seinen Stuhl zurecht, bevor er Finka erneut die Hand hinstreckte: „Eine Chance will ich noch."
„Pfff", machte die Soldatin nur und ließ sich noch zweimal anstacheln, bevor sie sich endlich zur Annahme der Herausforderung herablies.
„Die Schmach wird nicht weniger, weißt du", bemerkte Glaz beiläufig, als er einen weiteren Schluck Wodka nahm. Finka und Kapkan waren mittlerweile wieder in ihren Wettkampf vertieft und versuchten angestrengt, den Arm ihres jeweiligen Gegenübers zur Seite zu drücken. Es dauerte nicht lange, bis Finka die Auseinandersetzung erneut gewann.
„Verdammt", rief Kapkan und schlug mit der Faust auf den Tisch, während die Siegerin nur hämisch grinste. Glaz schüttelte tadelnd den Kopf, bevor er sich an die Stirn schlug und rief: „Aber was sind wir eigentlich für unhöfliche Halunken? Jetzt haben wir schon einen Gast und trinken vor ihr den ganzen Schnaps weg."
Freundlich streckte er Anna die Flasche hin, die die durchsichtige Flüssigkeit für einen Moment argwöhnisch musterte. Mit schiefgelegtem Kopf analysierte sie den Geruch, der ihr überhaupt nicht behagte und legte dann zögerlich die Hand um die Flasche. Eigentlich war sie nicht scharf auf das Gesöff, aber es schien ein zentraler Bestandteil der Gepflogenheiten hier zu sein. Am besten nahm sie einfach einen kleinen Schluck.
Vorsichtig hob sie die Flasche an den Mund, unter der interessierten Beobachtung der vier Operatoren. Dann spürte sie wie etwas brennend Heißes ihre Kehle nach unten lief und sofort musste Anna lautstark husten. Lachend nahm Glaz die Flasche zurück und klopfte ihr auf den Oberarm. Ihre Schulter konnte er aus seiner gegenwärtigen Haltung und aufgrund ihrer Größe kaum erreichen.
„Das wird schon", munterte sie der Scharfschütze auf, während Finka abschätzig den Kopf schüttelte. Es war Anna nicht entgangen und ihr war klar, dass sie soeben den Respekt der Frau verloren hatte. Das wollte sie nicht. Es war wie im Wald. Man musste sich beweisen, um von den anderen Lebewesen ernst genommen zu werden. Mit ausdrucksloser Miene streckte Anna Finka die Hand hin. Es war eine Herausforderung.
„Oho", machte Kapkan leise und setzte sich in seinem Stuhl aufrecht hin. Finka brauchte einen Moment, bevor sie die ihr dargebotenen Hand bemerkte. Kurz schaute sie Anna in die Augen, offenbar zögernd.
„Was ist?", fragte Kapkan neugierig: „Angst?"
Finka warf ihm einen feindseligen Blick zu, nickte dann und beugte sich schließlich nach vorne über den Tisch. Mit aufgestütztem Ellbogen gab sie Anna die Hand und auf ein Zeichen von Glaz hin, aktivierten sie beide ihre Muskeln.
Anna hatte erwartet, dass die Soldatin stark sein und dass sie ihr einigen Widerstand leisten würde. Doch das war nicht der Fall. Die Jägerin musste kaum ihre halbe Kraft aufwenden, um den Wettstreit im Gleichgewicht zu halten, während Finka sich mit verzerrtem Gesicht an ihr abmühte. Langsam legte Anna den Kopf schief und warf Finka einen ausdruckslosen Blick zu.
Dann legte sie ihr Haupt langsam von einer auf die andere Seite und zog in perfekter Synchronisation Finkas Hand nach unten auf die Tischplatte. Kurz bevor ihr Handrücken das Holz berührte, gab die Soldatin auf.
„Jawoll", rief Kapkan triumphierend und stieß eine Faust in die Luft, währen Finka ihren rechten Arm lockerte. Anerkennend nickte sie Anna zu, während Glaz ihr erneut auf den Arm klopfte und sagte: „Beeindruckend. Finka ist keine leichte Nuss. Wir müssen dich unbedingt Craig vorstellen, dann kannst du ihn auch zur Schnecke machen."
Anna gefiel der Vorschlag und sie nickte eifrig. Erfreut darüber, dass man sie so wohlwollend akzeptierte und bereits mit einem mysteriösen Schwindelgefühl geschlagen, griff sie erneut nach der Wodkaflasche.

„Was für ein Genuss", murmelte Nea sarkastisch, als sie zusammen mit Feng, David und Meg die Kantine verließ. Dwight hatte sich ihnen nicht anschließen wollen und nachdem die vier von der Armeekost gegessen hatten, fanden sie seine Entscheidung gar nicht mehr so schlecht.
„Ich dachte, Frankreich wäre ein Land des guten Essens", rief Feng gerade so laut, dass nur sie es hören konnten. Schließlich wollte sie ihre Gastgeber nicht verärgern.
„Hoffentlich ist die Sache hier bald vorbei", seufzte Meg: „Mir gefällt der Stützpunkt immer weniger."
David brummte eine unverständliche Zustimmung und für eine halbe Minute sagte keiner der vier ein Wort. Sie waren alle müde, wegen des miserablen Essens einigermaßen schlecht gelaunt und wollten einfach nur noch schlafen gehen. Vielleicht stellte sich ja heraus, dass es sich bei allem nur um einen bösen Alptraum handelte. Meg würde ihn ihrer kuscheligen Coldwind Farm aufwachen und Dwight in Claudettes warmer Umarmung.
Kurz bevor sie ihre Zimmer erreichten, bogen die vier um eine Ecke und blieben plötzlich wie angewurzelt stehen, aufgrund des Anblicks, der sich ihnen im Korridor darbot.
„Anna?", fragte Nea überrascht: „Ähm… Was machst du da?"
Die Jägerin blickte auf und nahm sofort die Hand von der Türklinke, die sie erfolglos versucht hatte zu betätigen. Die Besenkammer, in die sie hatte eindringen wollen, war fest verschlossen.
„Ich Zimmer suche", sagte Anna und ließ dabei ein untypisches Kichern hören. Meg und Feng tauschten einen Blick aus und David zog die Augenbrauen nach oben. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr.
„Aber ich weiß nicht mehr wo", fuhr Anna fort: „Aber ich glaube, es nicht hier."
„Nein", sagte Nea langsam und trat auf die Jägerin zu: „Das ist nicht unser Zimmer."
„Wo bist du gewesen?", fragte David nun und Anna zeigte den Gang nach unten. Dann machte die Jägerin plötzlich ein seltsames Geräusch.
„Anna?", fragte Nea langsam: „Hast du… hast du Schluckauf?"
Zur Antwort kicherte die Jägerin nur beschämt und legte sich eine Hand vor den Mund, während sich David vorsichtig in ihre Richtung beugte.
„Verdammt, sie hat getrunken. Ich rieche es bis hier."
„Anna", rief Nea empört und stemmte die Arme in die Seite: „Was ist bloß in dich gefahren?"
Die Jägerin zuckte nur mit den Schultern.
„Komm, bringen wir dich zurück", sagte die Schwedin und nahm sie bei der Hand: „Dann sagst du uns, wo du gewesen bist."
„Russland", nuschelte Anna und ließ sich von Nea den Korridor entlang ziehen. Meg und Feng folgten ihr verblüfft und die kleine Asiatin verzog das Gesicht, als ihr der Geruch starken Alkohols in die Nase stieg.
„Russland?", fragte David ratlos und Nea murmelte: „Weißt du was. Du schläfst erst mal ne Runde deinen Rausch aus und dann kannst du uns alles erzählen."
„Nea, du böse auf mich bist?", wollte Anna erschrocken wissen.
„Nein, nein", antwortete Nea: „Aber ich bin gespannt was Sally dazu zu sagen hat. Komm, gehen wir."
„Tut leid", nuschelte Anna und blieb dann bis auf einen gelegentlichen Schluckauf vollkommen still. Man konnte ihr ansehen, dass sie sich schämte.
Natürlich war es unsittlich und verantwortungslos von ihr gewesen, doch Meg konnte sich eines Schmunzelns nicht erwehren. Blieb einzig und allein die Frage, wo sie den Alkohol denn gefunden hatte. Aber das war eben Anna, die stets neugierig jede Ecke unter die Lupe nahm und überall etwas Interessantes ans Tageslicht beförderte.
Sie bogen nun in den Korridor mit ihren Zimmern ein und Anna taumelte kurz nach rechts, als sie von der Fliehkraft beinahe aus der Kurve getragen worden wäre. David konnte sie gerade noch stützen und knurrte: „Wie viel hast du denn getrunken?"
Anna gab keine Antwort, sondern schaute nur beschämt zu Boden, während sie sich abmühte, das Gleichgewicht zu behalten. Nea zog sie unterdessen weiter und ging bereits auf das untere der beiden Zimmer zu, als jemand Megs Namen rief. Die Athletin drehte sich um und an der Ecke, mit der Anna solche Schwierigkeiten gehabt hatte, entdeckte sie den FBI Agenten Thermite, der mit schnellen Schritten auf sie zukam.
Während Nea und David Anna in ihr Zimmer verfrachteten, trat Feng zu Meg hin und legte ihr unterstützend eine Hand auf die Schulter zum Zeichen, dass sie da war, falls Meg sie brauchte. Der Operator kam immer näher und nach wenigen Schritten stand er bereits vor den beiden Mädchen.
„Guten Abend", sagte er und kratzte sich hinter dem Kopf: „Könnte ich dich kurz sprechen. Unter vier Augen."
„Worum geht es?", fragte Meg höflich, doch reserviert. Im Gegensatz zu Twitch vertraute sie dem amerikanischen Operator überhaupt nicht.
„Wir sollten alleine sprechen", wiederholte Thermite, doch Meg schüttelte den Kopf: „Es macht keinen Unterschied. Ich werde ihr nachher ohnehin alles erzählen."
Der Soldat schien kurz seine Chancen abzuwägen, Meg doch noch irgendwie von Feng lösen zu können, doch einen Moment später nickte er nervös. Nachdem er kurz seine Gedanken gesammelt hatte, sagte er: „Unter Team Rainbow nennt man mich Thermite, aber mein echter Name lautet Jordan Trace."
„Ich weiß", sagte Meg und der Operator schein für einen Augenblick nach Worten zu suchen. Dann sagte er langsam: „Wie… Wie geht es deiner Mutter?"
„Was soll die Frage?", wollte Meg defensiv wissen. Feng machte einen kleinen Schritt nach vorne und signalisierte, dass ihr das harsche Eindringen in die Privatsphäre ihrer Freundin ebenfalls missfiel.
„Sie heißt Vanessa, richtig?", fragte Thermite schnell und versuchte den aufgeladenen Moment mit einem künstlichen Lächeln zu überbrücken.
„Ja", antwortete Meg und der Soldat nickte: „Geht es ihr… Ist sie wohlauf?"
„Sie ist tot", unterbrach die Athletin ungestüm, was ihm sofort das Lächeln aus dem Gesicht wischte. Er schaute kurz zu Boden, dann wieder Meg in die Augen und sagte: „Das wusste ich nicht. Mein… mein Beileid."
„Was wollen sie von mir?", fragte Meg, die das Gespräch so schnell wie möglich beenden wollte. Es passte ihr ganz und gar nicht, dass dieser fremde FBI Agent solch persönliche Fragen stellte. Mit verschränkten Armen schaute sie ihn trotzig an und Thermite beschloss nach kurzem Überlegen mit der Sprache herauszurücken.
„Ich… Ich glaube, ich kannte deine Mutter", sagte er: „Sehr gut sogar, für eine gewisse Zeit lang. Ich wollte nur fragen, wie´s ihr geht."
Meg antwortete nichts.
„Ist sie friedlich… entschlafen?", wollte Thermite als nächstes wissen und Meg nickte. Sie war zwar nicht dabei gewesen, doch sie war sich sicher, dass man ihr genügend Schmerzmittel gegeben hatte, um ihr Ableben so angenehm wie möglich zu gestalten. Der Gedanke daran tat der Athletin immer noch weh, doch sie ließ sich nichts anmerken
„Hat sie manchmal von mir gesprochen?", fragte Thermite nervös.
„Nein", antwortete Meg: „Ich habe noch nie von Ihnen gehört."
Der Soldat nickte, offenbar enttäuscht, und Meg wandte sich bereits zum Gehen. Sie schüttelte den Kopf und versuchte sich zu beruhigen, während Feng schnell zwischen ihr und Thermite hin und herschaute. Ihr war etwas aufgefallen, in den Augen des Soldaten.
„Eine Sache noch", rief Thermite und brachte sie somit wieder zum Stehen.
„Was ist?", rief Meg ungehalten und drehte sich herum.
„Dein Geburtstag ist doch am fünften April, oder?"
„Schau doch in euren Akten nach", schnauzte Meg ungehalten, der die persönliche Fragerei auf die Nerven ging: „Warum?"
Feng, die sich mittlerweile ihrer Beobachtung sicher war, schlug schockiert eine Hand vor den Mund, während Thermite leise antwortete: „Weil… Weil ich glaube, dass du meine Tochter bist."

Dokkaebi saß auf der Matratze in ihrem Zimmer, das sie sich mit ihrem Landsmann Chul Kyung „Vigil" Hwa, der Hongkongerin Ying, und deren Landsmann Liu „Lesion" Tse Long teilte. Im Moment war sie die einzige im Raum und wie so oft, hing sie nach einer warmen Dusche in Unterwäsche vor ihrem Tablet, um die neusten Nachrichten zu checken.
Es war eine Angewohnheit, die sie bereits seit Jahren pflegte. Dokkaebi war schon immer neugierig gewesen und hatte sich dafür interessiert, was in der Welt geschah. Nicht zuletzt deshalb hatte sie sich schließlich den Spezialkräften angeschlossen.
Gekonnt strich sie über den Bildschirm und entsperrte das Gerät mit einer Kombination aus Fingerabdruck- und Passwortverifizierung. Manche würden sie wohl paranoid nennen, doch Dokkaebi wusste, dass man bei hochtechnischen Militärgeräten kaum sicher genug sein konnte. Nicht umsonst war sie für die digitale Sicherheit von Team Rainbow verantwortlich.
Beiläufig blätterte sie durch die letzten Schlagzeilen auf den Titelseiten der BBC, CNN, Sky News und sogar Al Jazeera. Sie konnte nur unzureichend Arabisch, doch glücklicherweise wurde der Kanal aus dem Nahen Osten auch ins Englische übersetzt.
Wie immer gab es allerhand schlechte Neuigkeiten und Dokkaebi musste sich jedes Mal darauf besinnen, dass sich solche Nachrichtendienste immer auf die Schlimmsten aller Ereignisse konzentrierten. Das ganze Gute, das in der Welt getan wurde, ging oft unbemerkt von statten. Wenn Team Rainbow beispielsweise ausrückte, um humanitäre Hilfe zu leisten, gab es davon gerade Mal eine Randnotiz. Wenn sie jedoch ein Gebäude stürmten und zwanzig Terroristen abknallten, dann kam das auf die Titelseite.
Dokkaebis Blick fiel auf eine Nachricht aus ihrer Heimat, die besagte, dass die Verhandlung zwischen Norden und Süden immer weiter fortschritten, dass die Denuklearisierung wirklich eingeleitet worden war und dass sich die Lage so weit entspannt hatte, wie noch nie. Es machte sie überglücklich zu sehen, dass ihr Volk sich zusammenraufte und endlich miteinander gesprochen wurde. Schließlich hatte es Zeiten gegeben, in denen Dokkaebi jederzeit mit einem Einsatz gegen ihre nördlichen Brüder und Schwestern hatte rechnen müssen.
Gerade als sie das Tablet zur Seite legen wollte, bemerkte sie eine neue Schlagzeile, die auf BBC aufgetaucht war. Sie flog schnell über die vier Worte und rief dann den Artikel auf, der auf einen Link verwies. Eilig öffnete sie die Website, woraufhin ihr Herz für einen Moment aussetzte. Dann sprang sie auf, riss die Tür auf und stürmte hinaus auf den Gang, wo sie beinahe mit Fuze zusammenstieß.
„Whoa, whoa, pass ein bisschen auf", rief der Russe, schaute an ihr hinab und fügte hinzu: „Nicht, dass es mich stört, aber vielleicht ziehst du dir doch etwas an."
Dokkaebi verzichtete es auf seine Bemerkung einzugehen. Stattdessen hielt sie ihm ihr Tablet direkt vor die Nase und zeigte ihm den Bericht von BBC.
„Livestream aus einer Folterzelle", las Fuze laut vor und schaute sie argwöhnisch an: „Was…"
Dokkaebi zeigte ihm nun die Website, auf die der in dem Bericht erwähnte Link führte. Sprachlos nahm Fuze das Tablet entgegen und blickte auf die Szene, die über das Internet in alle Welt ausgestrahlt wurde.
Die Videoübertragung zeigte eine dunkle Kammer. In ihr stand ein gusseiserner Stuhl, versehen mit allerlei Zahnrädern und seltsamen Vorrichtungen. Gefesselt und offenbar bewusstlos hing eine junge Frau in dem Sessel, den Kopf mit einem Metallring fixiert und die Handgelenke an die Armlehnen geschnallt. Ein Knebel steckte lose in ihrem Mund, doch ihre Brust hob und senkte sich unter leichten Atemzügen. Sie war noch am Leben.
Fuze wusste genau wen er hier vor sich hatte. Er hatte ihre Akte gelesen und ihr Bild heute Morgen während es Briefings erneut auf der Leinwand gesehen. Als Studentin war sie nach Paris gekommen und kurz darauf entführt worden. Bei der Gefesselten handelte es sich um niemand anderen als Claudette Morel.
Außer ihr war niemand zu sehen. Es standen keine Terroristen um sie herum, keine Folterknechte oder Wachmänner. Nur graue, massive Wände. Dann fiel der Blick des Russen auf eine digitale Stoppuhr, die in der rechten oberen Ecke neben einem weißen Maskensymbol eingeblendet wurde. Ihre roten Ziffern zählten langsam nach unten, als die Sekunden verrannen. Es blieben noch knapp dreißig Minuten.