Die erste Station
Meg war sprachlos. Ihr Herz hatte für einen Moment ausgesetzt, als sie sich daran erinnert hatte, wo sie den Mann bereits gesehen hatte. Seine Augen war eben jene, die ihr tagtäglich entgegenblickten, wenn sie in der Früh in den Spiegel schaute. Die Form seines Gesichts, die Konturen seiner Nase und die Kurven seiner Lippen ließen keinen Zweifel zu.
Feng verfolgte die Szene ebenfalls schweigend und traute sich kaum einen Laut von sich zu geben. Langsam ließ sie die Hände, die sie vor den Mund geschlagen hatte, wieder sinken und schaute schnell zwischen Thermite und Meg hin und her.
„Wenn du Zeit brauchst, dann…", setzte Thermite an, wurde jedoch unterbrochen bevor er zu Ende sprechen konnte: „Ja… Ja, ich glaube… Ich brauche etwas Zeit."
Megs Worte kamen abgehakt hervor. Offenbar schossen zahllose Gedanken durch ihren Kopf, die allesamt ihre Fähigkeit zusammenhängende Sätze zu bilden, beeinträchtigten. Feng legte ihr behutsam eine Hand auf die Schulter, während Thermite nickte, kurz verharrte und sich schließlich ohne ein Wort des Abschieds davonmachte. Meg schaute ihm nach bis er hinter der nächsten Ecke verschwunden war. Dann bugsierte Feng sie behutsam in ihr Zimmer.
Nea und David, die Anna vorhin zurückgebracht hatten, standen auf einer Seite des Raumes und konnten nur verhalten grinsen, während Sally die Jägerin mit strenger Miene ausfragte. Offenbar machten ihre Antworten allesamt keinen Sinn, denn verwirrte Stirnrunzeln dominerten die Stirn der Krankenschwester.
„Weißt du was, Anna", sagte Sally schließlich: „Vielleicht schläfst du erst Mal eine Nacht und erzählst mir dann, was passiert ist."
Anna nickte schuldbewusst und kuschelte sich anschließend beschämt in ihr Lager. David und Nea wechselten einen Blick, angestrengt nicht zu lachen, während Sally sich kopfschüttelnd umdrehte. Erst jetzt entdeckte sie Meg, die sich gerade mit leerem Gesichtsausdruck auf die Bettkante gesetzt hatte.
„Ist alles in Ordnung?", fragte Sally und lenkte damit auch die Aufmerksamkeit der anderen beiden Überlebenden auf die Meg. Als diese nicht sofort antwortete, schauten sie fragend zu Feng, die nur den Kopf schüttelte und sagte: „Ich glaube, das sollte sie euch besser selbst sagen."
„Nein, nein, schon in Ordnung", murmelte Meg verloren, die immer noch nicht recht zu wissen schien, wie sie sich fühlen sollte. Sollte sie wütend sein? Erfreut? Traurig?
Nea, Sally und David schauten allesamt zwischen ihr und Feng hin und her, wagten jedoch nicht weitere Fragen zu stellen. Schließlich erklärte Feng vorsichtig: „Jordan Trace, einer der Operatoren von Rainbow…"
Sie schaute kurz zu Meg, die jedoch keine Anstalten machte, sie zu unterbrechen. Also fuhr Feng langsam fort.
„Er hat uns soeben angehalten und ihr gesagt, dass… dass er ihr Vater sei."
Stille machte sich breit. Dann lachte Nea verblüfft auf und David verzog das Gesicht zu einer ungläubigen Miene, während Sally ihren Blick fragend auf Meg gerichtet hielt. Es dauerte einen Augenblick, bis allen wirklich klar wurde, dass es sich nicht um einen Scherz handelte.
„Was?", fragte Nea: „Im Ernst jetzt?"
Feng nickte.
„Und wie kommt er darauf?", wollte die Schwedin wissen und schaute kurz zu David, der hinzufügte: „Ihr habt euch doch noch nie gesehen, oder?"
„Er kannte ihr Geburtsdatum", sagte Feng: „Ihren Wohnort und offenbar auch ihre Mutter. Laut seiner Aussage waren sie mehr als nur gute Freunde."
Nea und David schauten sich sprachlos an.
„Diese Daten stehen doch alle in den Akten", warf Nea ein: „Das bedeutet doch gar nichts."
„Warum sollte er so etwas erfinden?", entgegnete Feng. Meg hatte sich derweil gegen eine Stütze des Stockbettes gelehnt und schaute mit blinden Augen in die Leere. Für die Diskussion schien sie sich kaum zu interessieren. Sally beobachtete sie für einen Moment, bevor sie sich zögerlich an die anderen wandte und bemerkte: „Es war ein langer Tag, heute. Ich denke wir alle können eine erholsame Nacht gut gebrauchten."
Nea, die gerade etwas sagen wollte, schloss ihren Mund wieder und schaute kurz zu Meg. David stand schweigend daneben und Feng stand die Sorge ins Gesicht geschrieben. Doch letztendlich setzten sie sich alle drei in Bewegung, wünschten eine Gute Nacht und verließen anschließend das Zimmer. Finsternis eroberte die Ecken des Raums, als die Tür ins Schloss fiel.
Die Glühbirne an der Decke war abgeschaltet, doch Sallys Auge durchbrach die Dunkelheit so effektiv wie eh und je. Langsam kniete sie sich vor Meg auf den Boden, hob die linke Faust und öffnete ihre Finger. Oranges Licht quoll hervor, gerade so viel, dass die Gesichter der beiden Damen beleuchtet waren. Ihre Hand war wie eine Laterne.
„Wie fühlst du dich?", fragte Sally, nach einer kurzen Pause. Meg riss sich nun endlich zurück in die Gegenwart und schaute der Krankenschwester geradewegs in die Augen.
„Keine Ahnung", sagte die Athletin wahrheitsgemäß: „Ich… Ich weiß es nicht."
„Du weißt nicht, ob er wirklich dein Vater ist?"
„Doch… das ist sicher", sagte Meg langsam: „Ich wusste zunächst nicht, was mir so seltsam an ihm vorgekommen ist. Aber dann habe ich erkannt, dass er…. Er sieht genau so aus, wie ich Sally. Ich meine, er hat genau meine Augen. Und wie Feng schon sagte, warum sollte er… warum sollte er so etwas erfinden? Gerade jetzt?"
„Hm" Sally überlegt kurz bevor sie fragte: „Willst du darüber sprechen?"
Meg antwortete nicht. Sie wusste nicht, ob sie reden wollte. Sie wusste nicht, ob sie einfach vergessen wollte. Sie wusste nicht, wie sie denken sollte. Es war ein ungutes Gefühl. Vielleicht war ein bisschen reden da gar nicht so schlecht. Sally dachte offenbar ähnlich, denn sie ließ das schwache Licht in ihrer Hand brennen und sagte: „Ich glaube, ich weiß, wie du dich fühlst."
Im Hintergrund konnte man Anna langsam und gleichmäßig atmen hören. Die Jägerin war bereits eingeschlafen und würde am nächsten Morgen wohl unter schweren Kopfschmerzen leiden. Max schlief ebenfalls und glücklicherweise war sein Schnarchen diese Nacht so schwach, dass man es fast überhörte.
„Wie kannst du es wissen, wenn ich es selbst nicht weiß?", fragte Meg und Sally legte langsam den Kopf auf die Seite. Sie erinnerte sich zurück an die Zeit vor dem Entitus, vor dem Nebel, selbst vor dem Asylum.
„Damals, als Andrew gestorben ist", erzählte Sally langsam: „Als der Vorarbeiter mir die traurige Nachricht überbracht hat, da stand ich dermaßen unter Schock, dass ich keine Gefühle mehr spürte. Ich wusste, dass ich traurig und am Boden zerstört sein sollte, doch ich fühlte es nicht."
Sally legte eine kurze Pause ein und schloss die Augen, bevor sie flüsternd fortfuhr.
„Natürlich sind mit der Zeit alle Gefühle wieder auf mich eingeprasselt, so hart und unbarmherzig wie nur irgend möglich."
„Aber was hat das denn mit mir zu tun?", fragte Meg: „Er ist ja nur mein Vater. Es ist ja nicht so, als ob irgendjemand gestorben wäre."
„Das meine ich auch nicht", erwiderte Sally: „Was ich meine, ist, dass in den letzten Tagen deine Welt dermaßen erschüttert wurde, dass du vielleicht für einen Moment die gesamte Last deiner Gefühle nicht mehr tragen konntest. Das Auftauchen deines Vaters war nur noch der Gipfel des Berges aus Claudettes Entführung, dem Angriff auf die Coldwind Farm und unsere Verfrachtung nach Frankreich."
Meg schaute sie ratlos an. Angestrengt durchforstete sie ihren Verstand, ob Sally nicht vielleicht recht haben könnte. War die Offenbarung ihres Vaters wirklich so verheerend gewesen, dass es ihr Gefühlszentrum einfach überfordert hatte? Ging das überhaupt?
Gerade als sie entscheiden wollte, dass sie zu keinem Schluss gekommen war, spürte sie etwas Kaltes auf ihrer Wange. Verwirrt hob Meg die Hand und berührte mit den Fingern die kitzelnde Stelle, wo sie eine einsame Träne wegwischten. Wenig später folgte eine zweite und eine dritte und plötzlich brachen die Gefühle mit voller Wucht auf sie ein. Genau wie Sally vorhergesagt hatte.
Natürlich war es schlimm, dass ihr Vater auf einmal aufgetaucht war! All die Jahre hatte sie ihn für Ewig verloren geglaubt und nun stand er einfach da. Der Kerl, der sie bei ihrer Geburt verlassen hatte. Was für ein Arschloch musste man überhaupt sein, um so etwas zu tun und sich dann zweiundzwanzig Jahre später einfach so nebenbei wieder zu melden?
Schluchzend vergrub Meg das Gesicht in den Händen und spürte, wie Sally sie in den Arm nahm. Sie schämte sich ein wenig, da sie sich benahm wie eine Zwölfjährige, doch sie konnte ihre Tränen nicht unterdrücken. Sie quollen einfach hervor und nichts konnte sie aufhalten.
„Ent… Entschuldigung", murmelte Meg: „Ich… Ich…"
„Du musst dich nicht entschuldigen", flüsterte Sally einfühlsam: „Niemals. Du hast eine Menge durchgemacht die letzten Tage. Und dann taucht plötzlich dein Vater auf… Ich wäre überrascht, geradezu besorgt, wenn es einfach spurlos an die vorrübergegangen wäre."
„Das… das Schlimmste ist…", antwortete Meg mit bebender Unterlippe: „dass… dass ich all die Jahre dachte, er… er wäre mir egal."
Sally löste sich nun wieder von ihr und schaute sie behutsam lächelnd an.
„Und jetzt ist es nicht so?"
Meg schüttelte den Kopf und Sally griff nach ihren Händen.
„Er ist dein Vater, natürlich ist er dir nicht egal", sagte sie: „Auch wenn du es vielleicht gar nicht mitbekommen hast, aber ich bin sicher, dass es tief in deinem Herzen die ganze Zeit über ein Loch gegeben hat. Und jetzt, wo er wieder da ist, hast du auf einmal bemerkt, dass es genau seine Form hat."
„Was soll ich denn jetzt tun?", wollte Meg wissen, nachdem sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte.
„Was du jetzt tun sollst?", fragte Sally überrascht: „Wahrscheinlich solltest du mit ihm sprechen. Wenn er wirklich dein Vater ist, dann habt ihr beiden sicherlich einiges nachzuholen."
Die Krankenschwester schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln und fügt anschließend zu: „Vor allem hat er dir für eine ganze Reihe an Medaillen zu gratulieren, die er dich niemals gewinnen sehen hat."
„So viele sind´s gar nicht", murmelte Meg und schniefte vorsichtig. Schließlich wollte sie Anna oder Max nicht aufwecken.
„Zumindest mehr als ich habe", entgegnete Sally.
„Du hast doch gar keine", erwiderte Meg: „oder?"
„Sag ich doch", witzelte Sally und fuhr dann mit ernsterer Miene fort: „Ich glaube, du solltest dich schlafen legen. Es war ein anstrengender Tag und eine erholsame Nacht kann manchmal wahre Wunder wirken."
„Du hast recht", flüsterte Meg und griff nach unten, um sich die Schuhe von den Füßen zu ziehen: „Warum hast du eigentlich immer recht?"
„Habe ich das?"
„Zumindest oft"
Verschlafen kletterte Meg hinauf in ihr Lager. Sally schaute ihr kurz nach und flüsterte dann bei sich: „Hoffen wir, dass es so bleibt."
Fuze und Dokkaebi eilten schnellen Schrittes den langen Korridor entlang, der direkt auf das kleine Büro von Six zuführte. Auch wenn sie von Zeit zu Zeit eine gebieterische Schreckschraube sein konnte, so musste man Six doch eines lassen: Sie begnügte sich mit dem Nötigsten und lebte genauso karg und diszipliniert, wie die Männer und Frauen unter ihr.
Nervös klopfte Fuze an die Tür und nachdem ein dumpfes „Herein", ertönt war, trat er in das kleine Arbeitszimmer. Dokkaebi folgte ihm auf Schritt und Tritt. In der Hand hielt sie ihr Tablet, auf dem nach wie vor der Livestream aus dem Darkweb zu sehen war und auf dem sich Claudette Morel immer noch nicht rührte.
Six, die sich offenbar gerade mit Baker und Sledge in einer Diskussion befunden hatte, schaute mit müden, doch dominanten Augen auf.
„Was gibt´s?"
„Wir haben Claudette Morel gefunden", antwortete Fuze. Sledge und Six tauschten einen überraschten Blick aus, während Baker mit hochgezogenen Augenbrauen Dokkaebi anstarrte. Diese reichte ihm wortlos ihr Tablet.
„Was ist das?", fragte Six und schaute über ihren Schreibtisch auf den Bildschirm in Bakers Händen. Sledge hatte die massigen Arme vor der Brust verschränkt und den Kopf leicht schiefgelegt.
„Ein Livestream", erklärte Dokkaebi: „Wird über das Darkweb in die gesamte Welt ausgestrahlt. Jeder, der sich ein wenig mit dem Internet auskennt, kann darauf zugreifen. BBC hat bereits darüber berichtet."
Six warf Dokkaebi einen argwöhnischen Blick zu und nahm anschließend das Tablet von Baker entgegen. Ihre Augen zuckten über den Bildschirm, während sich Sledge hinter ihr leicht zur Seite beugte, um ebenfalls etwas sehen zu können.
„Sind wir sicher, dass sie es ist?", fragte der große Schotte mit einem Blick auf das Symbol der White Masks und Baker nickte: „Ja, das ist sie."
„Dann müssen wir den Stream sofort unterbinden", beschloss Six und legte das Tablet salopp auf ihren Schreibtisch. Sie schaute zu Dokkaebi, doch die Koreanerin seufzte und antwortete: „Ich kann es versuchen, es wird aber schwierig. Im Darkweb lassen sich die Dinge nicht so einfach kontrollieren."
Six überlegte einen Moment und erwiderte schließlich: „In Ordnung. Dann müssen wir versuchen, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf den Stream zu lenken. Sledge, rufen sie bei der BBC an und befehlen sie ihnen, alle Reporte über den Stream sofort einzustellen. Sagen sie, dass sie im Namen von Team Rainbow sprechen."
„Sofort", nickte Sledge und griff nach dem Telefon, das auf dem Schreibtisch stand.
„Und sie sollen uns alle Informationen geben, die sie haben."
„Soll ich das Team alarmieren?", fragte Fuze, doch Six schüttelte den Kopf: „Nein. Die White Masks haben ihren ersten Zug getan, aber noch haben wir kein Ziel. Wir müssen so schnell wie möglich diesen Stream zurückverfolgen. Dokkaebi, setzen sie sich mit der GIGN in Verbindung. Wir brauchen jede technische Hilfe, die wir kriegen können."
„Jawohl", bestätigte die Koreanerin, machte auf der Stelle kehrt und verließ das Büro. Fuze und Baker blieben tatenlos zurück und schauten auf den Stream. Noch immer hing Claudette regungslos in ihren Fesseln, doch man konnte Atembewegungen erkennen. Sie war am Leben.
„Wir sollten ihre Freunde benachrichtigen", murmelte Baker mit besorgtem Blick. Six schaute ihn an und sagte dann: „Das wäre nur unnötige Aufregung. Wir…"
„Wir haben versprochen, sie auf dem Laufenden zu halten, sobald wir etwas erfahren", erwiderte Baker: „Immerhin helfen sie auch uns."
Die dunkelhäutige Kommandantin schien für einen Moment zu überlegen, bevor sie nickte und sagte: „Na gut. Fuze, wecken sie sie auf. Sagen sie ihnen, dass wir Neuigkeiten über Claudette Morel haben."
Meg ging durch eine dunkle Gasse. Verrostete Rohre zogen sich an den roten Ziegelwänden entlang und heißer Dampf brach aus einigen Ventilen hervor. Sie wusste nicht, wo sie war, doch es interessierte sie auch nicht. Schließlich war es nur ein Traum. Wen scherte es schon, wo man sich im Traum befand?
Benommen ging sie die Gasse entlang und schaute über die Schulter. Warum träumte sie von diesem Ort? Warum konnte sie nicht von einem Strand oder einer Blumenwiese träumen? Warum nicht von irgendetwas Angenehmeren, etwas Fröhlicherem? Warum musste ihr gesamtes Leben eine einzige Tragödie sein?
Seufzend bog sie um eine Ecke und plötzlich lief ihr ein eisiger Schauer über den Rücken. Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas war nicht in Ordnung. Dieser Traum war viel zu real. Er fühlte sich fast wie die Wirklichkeit an. Warum tat er das?
Meg legte die Hand gegen eines der Rohre und verbrannt sich beinahe sofort die Finger. Zischend zuckte sie zusammen und zog ihre Hand wieder zurück. Es war das erste Mal gewesen, dass sie sich in einem Traum wehgetan hatte. Glaubte sie zumindest.
„Meg"
Sie fuhr herum. Wer war das? Was war das für eine Stimme? Wer hatte sie gerufen? Hatte sie überhaupt jemand gerufen? Bereits einen Augenblick später war sie sich nicht mehr so sicher. Meg warf einen schnellen Blick über die Schulter, doch da war niemand. Nur die Dunkelheit, die bereits nach wenigen Metern den rostroten Stein der Gasse verschluckte.
„Meg"
Schon wieder! Dieses Mal gab es keine Zweifel. Irgendjemand verlangte nach ihr, flüsterte ihren Namen in der Finsternis. Es war die Stimme eines Mannes. Krank, ächzend und bösartig hallte sie durch die Nacht und Meg wollte nur noch eines: weg von diesem Ort. Ohne wirklich eine Richtung einzuschlagen drehte sie sich um und lief davon.
Ein metallisches Kratzen erklang hinter ihr, doch sie wollte sich nicht umdrehen. Sie wollte nicht sehen, welcher Horror sie verfolgte. Stattdessen beschleunigte sie ihre Schritte und sprintete mir aller Kraft die Gassen entlang. Nach zwei Biegungen war das Kratzen bereits bedrohlich nähergekommen und hinter der Dritten fand sich die Athletin plötzlich vor einer kalten Ziegelmauer wieder. Panisch fuhr sie herum und entdeckt eine Silhouette in der Finsternis, die mit klauenartigen Fingern nach ihr langte.
„MEG!"
Meg schlug die Augen auf. Etwas benommen drehte sie den Kopf und versuchte sich daran zu erinnern, was sie gerade eben geträumt hatte. Es musste etwas Grässliches gewesen sein, denn sie lag in einem schweißgebadeten Bett. Ihre Glieder zitterten und ihr Nacken fühlte sich steif an. Die Fenster waren dunkel, wahrscheinlich war es noch immer tiefste Nacht draußen. Erst nach einem Augenblick entdeckte Meg Sallys oranges Auge, das neben ihrem Bett schwebte und sie anschaute.
„Was ist los?", stammelte Meg verschlafen und mit einem unguten Gefühl im Magen. Sally hätte sie nicht aufgeweckt, wenn nicht etwas passiert wäre.
„Alles in Ordnung?", fragte Sally und zog besorgte eine Augenbraue nach oben. Meg griff sich an den Kopf und versuchte sich zu orientieren. Sie hatte einen Alptraum gehabt, aber wie so oft konnte sie sich kaum an etwas erinnern.
„Geht schon", murmelte sie und Sally nickte, bevor sie sagte: „Es gibt Neuigkeiten über Claudette."
„Haben sie sie gefunden?" Mit einem Schlag war Meg hellwach und saß kerzengerade im Bett.
„Ich weiß es nicht", erwiderte Sally: „Ich glaube nicht. Aber ich und Dwight gehen hin und hören uns an, was sie zu sagen haben."
„Und die anderen?", fragte Meg, während sie aus dem Bett kletterte und ihre Schuhe anzog.
„Schlafen noch", murmelte Sally: „Wir wollten sie nicht wecken. Ich und Dwight, wir waren noch wach und du warst… etwas aufgewühlt."
„Habe ich geschrien?"
„Nein", sagte Sally behutsam: „Aber gegen die Bettkante hast du getreten. Schlimmer Traum?"
„Weiß nicht", nuschelte Meg. Es gefiel ihr überhaupt nicht, dass diese Alpträume wieder anfingen, gerade als sie bereits gedacht hatte, sie endlich losgeworden zu sein. Außerdem war es ihr auch etwas peinlich, sich jede Nacht wie eine Verrückte zu benehmen.
„Wir finden schon eine Lösung", flüsterte Sally einfühlsam und schaute dann über die Schulter zur Tür, wo eines der russischen Mitglieder Team Rainbows auf sie wartete. Wenig später führte er sie durch die spärlich beleuchtete Basis bis in ein kleines Büro.
Baker war da, zusammen mit Six und dem großen Schotten Sledge. Dwight trat als erster ein, mit einer Mischung aus Besorgnis und Hoffnung im Gesicht. Dahinter kamen Sally und schließlich Meg, der immer noch der Schlaf in den Augen hing.
„Habt ihr sie gefunden?", fragte Dwight aufgeregt und stütze sich mit dem Armen auf dem Schreibtisch ab. Baker und Six wechselten einen Blick und sofort wich alle Farbe aus dem Gesicht des Jungen.
„Was ist passiert?", wollte er wissen und schaute kurz zu Sledge, dann wieder zu Baker und schlussendlich zu Six, die ihm ein schmales Tablet reichte. Der Timer auf dem Stream war auf fünf Minuten gefallen.
„Claudette?", fragte Dwight überrascht, als sein Blick auf den Bildschirm fiel. Sally und Meg schauten ihm vorsichtig über die Schulter, bevor er mit hysterischer Stimme rief: „Wo… Wo ist sie? Warum ist sie gefesselt?"
„Das wissen wir nicht", antwortete Baker vorsichtig: „Bitte, setz dich."
Dwight tastete nach einem Stuhl, ohne den Blick von Claudette zu nehmen und setzte sich unbeholfen nieder. Meg und Sally, denen bei dem Anblick ebenfalls das Herz in die Hose gerutscht war, blieben hinter ihm stehen und warteten auf eine Erklärung.
„Das ist ein Livestream", sagte Six: „Wir haben ihn vor zwanzig Minuten entdeckt, es könnte allerdings noch eine Weile dauern, bis wir ihn zurückverfolgen können. Wir…"
„Was ist das für eine Uhr?", wollte Dwight wissen: „Was passiert, wenn die fertig ist?"
„Das wissen wir nicht", sagte Six und fügte eilig hinzu: „Aber wir glauben nicht, dass man ihr etwas antun wird. Schließlich brauchen sie sie als Schüssel für ihre Janusmaschine."
„Ist das so ein Gerät?", fragte Sally: „der Stuhl, in dem sie sitzt?"
Baker schüttelte den Kopf.
„Und ihr habt keine Ahnung, wo das herkommt?", fragte Meg.
„Noch nicht", antwortete Six knapp: „Aber wir…"
„Sie wacht auf", unterbrach Baker und deutete auf den Bildschirm des Tablets. Gerade als der Timer auf unter vier Minuten gefallen war, hatte Claudette langsam den Kopf gehoben.
Wo war sie? Was war geschehen? Claudette versuchte die Augen zu öffnen, doch dunkle Wolken umnebelten ihren Verstand und hielten sie davon ab, ihre Umgebung klar wahrzunehmen. Ihre Gliedmaßen fühlten sich taub und leblos an, ihr Kopf schien in dicke Polster gepackt worden zu sein und ein flaues Gefühl lag in ihrem Magen.
Dann brachen die Kopfschmerzen über sie herein und mit einem Mal waren da Konturen, Farben, Finsternis. Sie befand sich an einem Ort, den sie nicht kannte, davon war Claudette überzeugt. Irgendetwas Hartes hatte sich um ihre Handgelenke geschlungen und als sie versuchte zur Seite zu blicken, stieß ihre Stirn gegen Widerstand.
Endlich gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit und langsam kam ihre Sehkraft zurück. Ihre Brille befand sich immer noch auf ihrer Nase, doch sie lag schief und stand kurz davor abzufallen. Aber sie konnte sie nicht zurechtrücken. Ihre Arme ließen sich nicht bewegen, keinen Zentimeter.
Claudette blickte nach unten und bemerkte, dass ihre Handgelenkte an einen Stuhl gefesselt waren. Panik schoss durch ihre Adern und schwer atmend schaute sie sich um. Sie befand sich in einem schmutzigen, fensterlosen Raum mit kahlen Wänden und steinernem Boden. Irgendwo hörte sie das dumpfe Brummen einer unbekannten Maschine und direkt vor ihr befand sich eine schwere, gnadenlose Metalltür.
Claudette spürte, wie sich Tränen in ihren Augen bildeten, als langsam die Erinnerung zurückkehrte. Sie war Zuhause in ihrer Wohnung gewesen, zusammen mit Max und Chloe, zwei liebenswürdigen Kolleginnen. Dann hatte es plötzlich kräftig geklopft. Wenig später war jemand in ihre Wohnung gestürmt, hatte sie angegriffen, betäubt und verschleppt.
Sie spuckte einen losen Knebel aus, der in ihrem Mund gesteckt hatte und schluckte anschließend ihre Angst hinunter. Es half nichts, sich verrückt zu machen. Sie musste sich konzentrieren, sie musste sich beruhigen und sie musste vor allem eins: hier raus!
Zuerst versuchte sich Claudette an den metallenen Fesseln um ihre Handgelenkte. Verzweifelt zog und zerrte sie an den Vorrichtungen, doch sie gaben nicht nach. Dann spannte sie die Muskeln in ihren tauben Füßen an und versuchte sie auszustrecken, doch ihre Beine waren ebenfalls an Ort und Stelle fixiert. Letzten Endes warf sie den Kopf hin und her, doch damit verschlimmerte sie nur ihre eigenen Kopfschmerzen. Einer Flucht kam sie nicht näher.
Angst griff nun wieder nach ihrem Herzen, drückte auf ihre Brust und schnürte ihr die Atemwege ab. Claudette war hilflos, konnte sich kaum bewegen und war ihrem Peiniger, wer auch immer das war, vollkommen ausgeliefert. Panisch schossen ihre Augen umher und suchten nach irgendeinem Anhalt, einem Indiz für ihren Aufenthaltsort, den Grund für ihre Entführung oder sonst irgendetwas. Doch da war nichts. Nur kalter Stein und eine verschlossene Tür.
„MAX!"
Claudette schrie so laut sie konnte. Ihre Fesseln erschwerte ihr das Luftholen und sie war immer noch benommen von dem Mittel, das gegen sie verwendet worden war. Wirkungslos verhallte ihr Ruf in der Dunkelheit.
„CHLOE!"
Von Angst geschüttelt versuchte Claudette den Kopf zu drehen, als ihr Blick plötzlich auf einen Gegenstand fiel, der sich bisher in der Finsternis einer Ecke verborgen hatte. Irgendetwas stand dort auf einem Tripod. Etwas das aussah wie…
War das eine Kamera? Verdammt was ging hier nur vor? Claudette schnappte immer schneller nach Luft, als ihre Panik in einem neuen Höhepunkt gipfelte. Wieder riss sie an den Fesseln und bäumte sich wild auf, doch sie konnte ihren Körper kaum einen Zentimeter bewegen.
Ein spitzer Schrei entfuhr ihren Lippen, als plötzlich ein krachendes Geräusch von der Tür her erschallte. Es klang, als würde ein Riegel zur Seite geschoben werden. In Kürze würde irgendjemand den Raum betreten und Claudette hoffte inständig, dass es sich um einen Retter handelte.
Knarrend schwang die Tür nach innen auf und gab den Blick auf zwei seltsame Gestalten frei. Claudette wusste sofort, dass es sich hierbei um keine Freunde handelte. Die Haltung, die Körpersprache und schon allein das Aussehen der Figuren war abstoßend und pervers.
Die eine war etwa so groß wie ein kleiner Mensch, trug eine lange, blutrote Robe mit Kapuze und hielt das Gesicht hinter einer Schweinemaske verborgen. Bei näherem Hinsehen erkannte Claudette, dass es sich wohl um einen echten Schweinekopf handeln musste und der Körperform nach zu urteilen steckte eine Frau unter der Maskerade.
Die andere war eine kleine mechanische Puppe, die auf einem Dreirad saß und langsam neben der Schweinefrau in den Raum fuhr. Sie war in einen niedlichen, schwarzen Anzug gekleidet, trug weiße Handschuhe und hatte eine teuflische, bemalte Fratze als Gesicht. Es war vollkommen weiß, mit roten stechenden Augen und spiralenförmigen Markierungen auf den hervorstehenden Wangen. Abgerundet wurde die grässliche Erscheinung von schwarzen, den gesamten Kopf umringenden Haaren.
Die Schweinefrau kam wortlos in den Raum, würdigte Claudette keines Blickes und ging stattdessen um die Gefangene herum. Bald hatte sie das Sichtfeld der Kanadierin verlassen und Claudette konnte hören, wie sie hinter ihr irgendwelche mechanische Vorkehrungen traf. Ihre Aufmerksamkeit galt jedoch viel mehr der Puppe, die bis kurz vor ihre Füße gefahren war und sie mit kalten, leblosen Augen anstarrte.
Was ging hier nur vor?
Die Schweinefrau kam nun auf der anderen Seite wieder in Sicht und ging hinüber zu der Kamera. Gemächlich nahm sie das Gerät von seinem Stativ und hielt es dann in der rechten Hand, während sie sich wieder hinter Claudette bewegte. Offenbar filmte sie nun über ihre Schulter, direkt in Richtung der Puppe, die sich dort vor der Gefangenen befand.
Claudette zitterte vor Angst und konnte kaum ihre Tränen unterdrücken. Sie wusste nicht, was diese Frau von ihr wollte und warum sie eine Puppe in den Raum geholt hatte. Verzweifelt versuchte sie den Kopf zu drehen und ihre Kidnapperin anzuschauen.
„Wer bist du?", fragte Claudette, doch sie erhielt keine Antwort. Gnadenlose Stille erfüllte den Raum und sie konnte nur die kalte Visage der Puppe sehen.
„Was willst du von mir?", fragte Claudette nun schluchzend: „Ich… Ich habe dir nichts getan. Bitte."
Die Frau hinter Claudette zischte zum Zeichen, dass sie leise sein sollte. Dann, als ob sie zum Leben erwacht wäre, richtete die unheimliche Puppe ihre Augen direkt auf die Kanadierin. Zahnräder griffen hörbar ineinander, als sie den Mund öffnete und mit tiefer Stimme zu sprechen begann.
„Hallo Claudette. Ich möchte ein Spiel spielen."
„Was zur Hölle", murmelte Meg schockiert, während sie das Geschehen aus dem Livestream verfolgte. Totenstille herrschte in dem kleinen Büro und aller Augen waren auf den Bildschirm des Tablets fixiert, wo Claudette soeben von einer diabolischen Puppe angesprochen wurde.
„Hör mir gut zu", sagte das Männchen: „Denn ich werde mich nicht wiederholen. Das Spiel, das ich spielen möchte, wird in Stufen ablaufen. Du wirst an mehrere Stationen gelangen, die es zu gewinnen gilt. Das finale Ziel ist jedoch sehr einfach. Du musst nur den Tunnel hinter mir zurücklegen und lebend ans Tageslicht gelangen. Damit ist das Spiel gewonnen und du bist frei. Auf dem Weg wirst du Mitspieler treffen und ihr werdet eine Gruppe bilden. Wie gut ihr euch bei euren Aufgaben unterstützt, bleibt jedoch euch überlassen."
Man konnte ihr Gesicht nicht sehen, doch ein leises Wimmern verriet den Zuschauern, dass Claudette von Panik ergriffen Todesängste durchlitt. Weder sie, noch die Leute in dem Büro konnten einen Sinn aus den Worten der Puppe schließen.
„Das ist jedoch nicht alles", fuhr die Puppe fort, nachdem sie eine kurze Pause eingelegt hatte: „Das Spiel und die Aufgaben, die euch hier gestellt werden, hängen eng zusammen mit einem anderen Spiel für einen anderen Spieler. Ich gehe davon aus, dass dieser Spieler uns in genau diesem Moment aufmerksam zusieht. Am Ende macht es jedoch keinen Unterschied, sie wird so oder so an unserem Spiel teilnehmen."
Der Kopf der Puppe drehte sich nun in Richtung der Kamera und Meg lief ein kalter Schauer über den Rücken, als die aufgemalten Augen sie direkt anstarrten.
„Rainbow Six, ich spreche nun direkt an sie. Wenn sie das hier sehen, haben sie Glück gehabt, denn sie werden nun die Regeln unseres Spiels erfahren. Aber kommen wir zuerst zu unserem Spielfeld."
Sally warf einen schnellen Blick auf Six, die allem Anschein nach von der Puppe direkt angesprochen worden war. Aufmerksam verfolgte die Anführerin den Vortrag des Männchens.
„Paris ist eine der ältesten Städte Europas. Sie war lange Zeit die Hauptstad einer Nation, die über Jahrhunderte hinweg die Menschen in vielen Teilen der Welt versklavt und mit Krieg überzogen hat. Auch heute noch ist sie ein wichtiges Zentrum für jene, die diese Welt unterdrücken.
Team Rainbow hat es sich auf die Fahne geschrieben diese Gesellschaft von Schmarotzern und Sklaventreibern zu verteidigen, also bitte. Stellen wir ihren Schwur auf die Probe. Am Ende jeder Station, die Claudette und ihre Kameraden durchlaufen, wird ein Angriff auf das Stadtgebiet von Paris durchgeführt werden. Das Ziel wird zu Beginn jeder Station bekanntgegeben, sie haben also ein kleines Zeitfenster, um ihre Verteidigung vorzubereiten.
Damit uns zwischen den Stationen nicht langweilig wird, habe ich außerdem meine liebsten Alpträume losgeschickt um die schlafenden Bürger von Paris aus ihren Betten zu zerren und als Mahnmale über der Stadt aufzuhängen. Ich glaube, ein gewisser Herr namens Benedict Baker wird aufhorchen, wenn ich die Namen Myers, Chase und Sawyer nenne."
Die Puppe legte eine kurze Pause ein und bevor sie sich wieder Claudette zuwandte, fügte sie hinzu: „Am Morgengrauen dürfen sie selbst entscheiden, ob sie das Spiel gewonnen haben."
Plötzlich wackelte die Kamera und bewegte sich seitwärts um die Szene herum, sodass sich das Blickfeld wieder Claudette richtet. Wenig später fixierte sich das Bild, als die Schweinfrau die Kamera zurück auf den Tripod stellte.
„Kommen wir zur ersten Station", sagte die Puppe: „Der Stuhl, in dem du dich befindest, Claudette, ist ein spezielles Design meines alten Meisters. Er erlaubt es dir, zu entkommen. Alles was du dazu tun musst, ist die Arme nach außen zu ziehen, bis sich die Fesseln lösen. Der Mechanismus ist einwandfrei. Unsere erste Station kann dadurch gewonnen werden, dass du dich innerhalb einer Minute aus dem Stuhl befreist. Ansonsten schließen sich die Fesseln für immer und das Spiel ist aus."
Claudette versuchte bereits panisch, sich loszureißen, doch es half nichts. Ihre Arme ließen sich keinen Millimeter bewegen. Offenbar musste das Spiel erst beginnen, bevor sie sich befreien durfte.
„Wie versprochen nun mein erstes Ziel für diesen Abend", sagte die Puppe und ein Fenster wurde eingeblendet, das einen gefüllten Nachtclub zeigte. Jugendliche tummelten sich auf der Tanzfläche und schienen die beste Zeit ihres Lebens zu genießen. In manchen Ecken hatten sich Liebende fest umschlungen und auf einem Podest heizte ein DJ die Stimmung an.
„Somit ist alles gesagt", murmelte die Puppe und setzte das Dreirad in Bewegung. Langsam vollführte sie eine Wende und steuerte auf die Tür zu, während sie sagte: „Komm, Amanda, gehen wir und lassen wir das Spiel beginnen."
Kurz nachdem die Puppe und die Schweinefrau, die offenbar Amanda hieß, aus dem Bild verschwunden waren, hallte das Krachen einer zuschlagenden Tür durch den Raum. Dann herrschte wieder Stille.
„Stellen sie sieben Teams zusammen", kommandierte Six und stand energisch auf, während Sledge aufmerksam seine Befehle entgegennahm. „Verteilt euch gleichmäßig über die Stadt, sodass ihr sofort eingreifen könnt."
Der große Schotte nickte und rannte sofort aus dem Büro, währen die kurzgewachsene Befehlshaberin auf einen roten Knopf drückte und zum Heulen eines schrillen Alarms über ein Mikrofon eine Durchsage ausgab.
„Das ist keine Übung", sagte sie: „Alle Operatoren sofort im Innenhof in voller Kampfausrüstung angetreten. Sledge hat das Kommando. Ich wiederhole, das ist keine Übung."
Trotz all des Lärms, den der Alarm verursachte, hatten Meg, Sally und vor allem Dwight keine Sekunde lang den Blick von dem Tablet genommen, wo in der linken oberen Ecke erneut ein Timer erschienen war. Er stand auf einer Minute.
Claudette schaute panisch auf die kleine, digitale Uhr, die Amanda neben der Kamera aufgestellt hatte. Soeben war eine Sirene ertönt und die rote sechzig hatte einer neunundfünfzig Platz gemacht. Dann achtundfünfzig, siebenundfünfzig, sechsundfünfzig…
Panisch blickte die Kanadierin hinunter auf ihre gefesselten Handgelenke. Was musste sie tun? Die Arme zur Seite ziehen, hatte die Puppe gesagt. Aber sie waren doch gefesselt und rührten sich nicht. Wie sollte das funktionieren?
Claudette drückte ihre Arme zur Seite und zu ihrer großen Überraschung konnte sie die Metallringe um ihre Gelenke plötzlich nach außen verschieben. Sie traf zwar auf Wiederstand und musste alle Kraft aufwenden, doch es ging. Sie musste nur immer weiter drücken und sie wäre frei. Zumindest, wenn den Worten der Puppe Glauben geschenkt werden durfte.
Gerade als ihre Hände über die Armlehnten hinauswanderten und die Drähte an den Fesseln sichtbar wurden, spüre sei ein leichtes Kribbeln an ihrer Schläfe. Nachdem sie die Arme einen weiteren Zentimeter bewegte hatte, wurde es stärker und wuchs plötzlich zu einem zischenden Brennen an. Schreiend ließ Claudette ihre Handgelenke wieder zurückfallen, um den elektrischen Strom im Ring um ihren Kopf zu unterbrechen.
Die Uhr war nun bei fünfundvierzig Sekunden und langsam wurde Claudette klar, wo der Haken and er Sache lag. Sie saß in einem elektrischen Stuhl. Je weiter sie ihre Arme nach draußen bewegte, umso stärker wurde der Strom, der durch den metallenen Rahmen geleitet und in ihren Kopf geführt wurde. Doch es war der einzige Weg sich zu befreien.
Claudette schaute hinüber auf die Uhr und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Sie dachte an die Drohung der Puppe, die Fesseln an ihrem Stuhl für immer zuschnappen zu lassen, sollte sie sich nicht innerhalb einer Minute befreien können.
Panik schnürte Claudette die Kehle zu, doch sie musste sich beruhigen und zusammenreisen. Sie hatte bereits Erfahrung mit Schmerzen. Sie konnte mit ihnen umgehen. Dieser mechanische Mistkerl hatte sich definitiv die Falsche für seine kranken Spielchen ausgesucht, wenn er glaubte, dass sie einfach so klein beigeben würde.
Mit zusammengebissenen Zähnen spannte Claudette ihre Muskeln an und gerade als die Uhr auf fünfunddreißig Sekunden fiel, spürte sie die Elektrizität zurückkehren. Zuerst nur leicht, doch dann immer stärker. Eindrücke und Gefühle regten sich in ihren Erinnerungen, erwachten und schoben sich vor ihr geistiges Auge. Es waren Erinnerungen an den Doktor und seine grausamen Foltermethoden. Der Unterschied war hier, dass sie sich die Qualen selbst zufügte.
Mit einem Schrei gab sie nach und erschlaffte, sodass ihre Arme zurück in die Ausgangsposition fielen. Sie war ihrer Befreiung kein Stück nähergekommen. Schwer keuchend und mit wässrigen Augen schaute sie auf die Uhr und erkannte unter Schreck, dass ihr gerade Mal zwanzig Sekunden blieben.
Knurrend sammelte Claudette ihre Kräfte, versuchte ihr Zittern unter Kontrolle zu bringen und bereitete sich auf die Tortur vor. Sie atmete tief durch und verharrte für einen Moment. Dann drückte sie ihre Arme wieder nach draußen und spürte, wie brennend heiße Elektrizität an ihrer Schläfe ansetzte. Es tat weh, doch es war auszuhalten.
Sie musste weitermachen. Sie musste ausbrechen, bevor die Zeit nach unten lief. Fauchend drückte sie immer weiter und ab einem gewissen Punkt wurde ihr zunehmend schwarz vor Augen. Der elektrische Strom ließ ihre Glieder schlottern und verursachte Krämpfe in allen möglichen Körperteilen. Mit einem Schrei versuchte sie ihre Schmerzen zu kanalisieren und drückte immer weiter.
Noch zehn Sekunden.
Blasen entstanden auf ihrer Stirn, als der Strom ihre Haut verbrannte und Claudette konnte fühlen, wie sie langsam aber sicher das Bewusstsein verlor. Der Geruch ihres eigenen versengten Fleischs stieg ihr in die Nase, während sie krampfhaft versuchte, Herrin über ihre Muskeln zu bleiben.
Dann, als sie beinahe hatte aufgeben wollen, öffneten sich die Metallringe einen Spalt breit. Claudette erstarrte in ihrer Haltung und zog verzweifelt an ihren Armen, doch es war zu wenig. Sie musste noch etwas weiter nach außen drücken.
Knisternde Blitze entluden sich an ihrem Körper und sie konnte ihre Zähne klappern hören. Mittlerweile war ihr ganzer Körper taub und sie war sich nicht mehr sicher, ob sie überhaupt noch etwas fühlte. Nur noch ein kleines Stück…
Mit einem gequälten Schrei mobilisierte sie ihre letzten Reserven und riss mit aller Kraft die Arme nach draußen. Ein brennender Stromschlag schoss durch ihren Körper, bevor er mit einem Mal erstarb. Wieder ertönte die Sirene und die Fesseln um Claudettes Gelenke sprangen klickend auf.
Keuchend fiel sie nach vorne und landete schmerzhaft auf allen Vieren. Der Steinboden war schmutzig und kalt und jede Berührung ihrer verbrannten Finger mit irgendeiner Oberfläche löste stechende Qualen aus.
In Tränen ausbrechend verharrte sie für eine Weile, bevor sie vorsichtig nach ihrer Schläfe tastete und sofort zurückzuckte, als ihre Finger die wunden Verbrennungen berührten. Anschließend hob sie den Kopf und schaute auf die Uhr. Sie war bei drei Sekunden stehen geblieben.
Claudettes Blick glitt hinüber zu der metallenen Tür, die einen Spalt breit offenstand. Es war der Weg zur nächsten Station. Ihr einziger Weg nach draußen.
Six befand sich in einem angeregten Gespräch mit der GIGN, als Claudette sich endlich aus dem Stuhl befreit hatte und zitternd zu Boden fiel. Sally und Meg atmeten erleichtert auf. Der Athletin waren Zornestränen in die Augen gestiegen, als sie Claudette hatte leiden sehen, doch sie war froh, dass sie es geschafft hatte.
Die Kanadierin war vielleicht eine schüchterne, zurückhaltende und feinfühlige Person, doch in Extremsituation schreckte sie nicht davor zurück, zu tun was nötig war. Meg vertraute ihr, dass sie durchhielt, bis Team Rainbow sie retten würde.
Sally hatte derweil Dwight behutsam am Arm berührt und nahm ihm vorsichtig das Tablet aus der Hand. Ein normales, nichtmilitärisches Gerät wäre wohl unter dem Druck seiner Finger, die sich Kraftvoll um das Gehäuse geklammert hatte, eingebrochen. Er machte den Eindruck, als hätte er all die Schmerzen, die Claudette soeben erfahren hatte, doppelt und dreifach selbst durchlebt. In gewisser Weise war dies wohl auch der Fall gewesen.
„Schau dir das nicht weiter an", mahnte Sally sanft, doch Dwight schüttelte den Kopf.
„Nein", rief er: „Ich lasse sie nicht allein."
„Dwight, du…", murmelte Meg und suchte nach Worten: „Du kannst ihr im Moment nicht helfen. Du machst dich nur selbst fertig."
„Sie haben recht", fügte Baker hinzu. Claudette schob derweil langsam die Tür auf und der Stream wurde nun von einer anderen Kamera aus fortgeführt, die sich im Gang hinter der Metalltür befand. Vorsichtig trat Claudette hinaus in den kahlen Betonkorridor und ging langsam in die Dunkelheit.
„Nein", knurrte Dwight und klammer sich wieder um das Tablet. Sally und Meg tauschten einen Blick aus und beschlossen stumm, ihn gewähren zu lassen. Genau so wenig wie Dwight Claudette helfen konnte, konnten sie ihm im Moment beistehen. Dwight musste tatenlos verharren, während seine Freundin gefoltert wurde.
Live.
„Baker", sagte Six, während sie das Telefon zurücklegte. Offenbar hatte sie ihr Gespräch mit der GIGN beendet.
„Diese… Puppe hat ihren Namen erwähnt", rief sie und stütze sich mit den Händen auf ihrem Schreibtisch ab: „Diese Alpträume… Myers, Chase und Sawyer… Können sie sich einen Reim auf die machen?"
„Ja", nickte Baker grimmig: „Nach dem Zwischenfall mit dem Entitus vor zwei Jahren haben wir eine Liste von Massenmördern erstellt, die als mögliche Killer in Frage kommen könnten. Michael Myers, Kenneth Chase und Bubba Sawyer standen ganz oben. Alle drei haben dutzende Leben auf ihrem Gewissen, haben auf grausamste Weise Menschen massakriert und sind danach spurlos verschwunden."
Baker schaute Six nun eindringlich an.
„Wenn die auf Paris losgelassen werden, haben wir ein Problem."
„Wir haben bereits ein Problem", sagte Six, stand auf und marschierte eiligen Schrittes um ihren Schreibtisch herum. Im Vorbeigehen kommandierte sie: „Ich will alle Akten über die drei auf meinem Tisch haben, so schnell es geht. Und sie, Sally, halten sich hier bereit, falls wir sie benötigen."
Mit diesen Worten lief sie aus dem Büro und den Gang hinunter.
„Aufgepasst", rief Sledge mit erhobener Stimme, nachdem er die im Hof angetretenen Operatoren eilig zu sieben Teams zusammengestellt hatte. „Die White Masks haben vor einer viertel Stunde angekündigt diese Nacht mehrere Anschläge auf Paris durchzuführen. Der Erste zielt auf einen Nachtclub ab und wird wohl jeden Moment beginnen. Jedes Team setzt sich in einen Jeep und rückt aus in die Stadt. Auf dem Weg werde ich die einzelnen Befehle durchgeben. Wir haben keine Zeit zu verlieren, los, los!"
Hastig liefen die Operatoren nun auf die schweren Militärfahrzeuge zu, die keine zehn Sekunde mit dröhnenden Motoren in Richtung Stadt davon preschten. Sledge selbst saß im vordersten der Jeeps und griff zu einem Funkgerät an seine Schulter. Eilig nannte er jedem Team einen Stadtbezirk im Zentrum, sodass an jedem Ort eine Einsatzgruppe postiert sein würde. Dann, während Twitch neben ihm so schnell wie möglich und unter Einsatz der Sirene den Nachtverkehr navigierte, kontaktierte der Schotte Six und fragte: „Hier Sledge. Wissen wir mittlerweile wo sich der Nachtclub befindet?"
„Noch nicht", gab Six zurück: „Polizei und GIGN geben alle Informationen an uns weiter, sobald sie erste Meldungen hereinbekommen."
Ein kurzes Piepen beendete die Verbindung und Twitch warf einen besorgten Blick auf ihren Beifahrer. Jeder in Team Rainbow brannte darauf, den Terroristen ordentlich einzuheizen, doch sie konnten nichts unternehmen, solange sie nicht wussten, wo sie hinsollten. Glücklicherweise dauerte es jedoch nicht lange, bis sich erneut eine Stimme über das Funkgerät meldete.
„Hier Dokkaebi. Die Polizei hat soeben Notrufe aus der Rue Quentin-Bauchart empfangen. Dort befinden sich mehrere Discos."
„Verstanden", antwortete Sledge: „Team Orange und Gelb sind unterwegs. Alle anderen begeben sich weiter an ihre Positionen."
Rauschend meldeten sich sechs Stimmen über den Funkverkehr und signalisierten, dass sie verstanden hatten. Twitch trat nun auf das Gaspedal und bog nach links ab. Mit quietschenden Reifen schoss sie an mehreren Taxis vorbei, die erschrocken am Straßenrand anhielten und den Einsatzfahrzeugen Platz machten. Jede Sekunde zählte.
„Wie weit ist es noch?", fraget Sledge nervös, als Twitch eine rote Ampel ignorierte und wie eine Pistolenkugel über die Kreuzung raste.
„Drei Minuten", antwortete die Französin, die das Gesicht wie immer unter einer Sturmhaube verborgen hatte. Sledge knurrte frustriert. Der Angriff war bereits in vollem Gange und drei Minuten waren zu viel.
„Mach zwei draus", kommandierte er und aktivierte anschließend wieder sein Funkgerät: „Sledge an Dokkaebi, halte uns auf dem Laufenden. Wurden bereits Schüsse abgefeuert?"
Es dauerte einen kurzen Moment, bevor die Koreanerin antwortete: „Ja. Es wurden Schüsse und mittlerweile auch ein Feuer gemeldet. Einsatzkräfte und GIGN sind unterwegs."
„Sag ihnen, sie sollen die Umgebung sichern und sich zurückhalten. Die Feuerwehr soll erst mit den Löscharbeiten beginnen, sobald ich die Lage für sicher erkläre."
„Verstanden", bestätigte Dokkaebi und Twitch fluchte unterdrückt. So schnell sie konnte nahm sie eine Kurve und schrammte mit dem rechten Vorderreifen kurz am Gehsteig entlang, bevor sie wieder in die Mitte der Fahrbahn zurückfand. Glücklicherweise waren die Straßen im Moment frei und sie konnte alles aus dem Fahrzeug herausholen, ohne auf andere Verkehrsteilnehmer achten zu müssen. Endlich bog sie auf ihre Zielstraße ein.
Mit aller Kraft trat Twitch auf die Bremse, als ihr plötzlich flüchtende Passanten entgegenkamen. Es waren vorwiegend Jugendliche in Abendbekleidung, die Gesichter mit Angst erfüllt und sich gegenseitig über den Haufen rennend. Knatternde Schüsse halten durch die Nacht und etwa in der Mitte der Straße züngelten Flammen aus einem Gebäude.
Noch bevor der Wagen vollständig zum Stehen gekommen war, sprangen die Operatoren bereits aus ihren Sitzen und hinunter auf den dunklen Asphalt. Mit angelegten Waffen sicherten Fuze und Capitao die Straße, während Frost den Flüchtenden signalisierte, in welche Richtung sie laufen sollten. Sledge drehte sich derweil zu dem zweiten Einsatzfahrzeug, aus dem soeben Team Gelb ausgestiegen war.
„Zofia", rief der Schotte: „Ihr geht um das Gebäude herum und stürmt sofort durch den Hintereingang. Wir gehen vorne rein."
„Jawohl!", bestätigte die Polin mit einem schnellen salutieren und deutete dann auf eine Seitenstraße. Team Gelb, das neben ihr aus Buck, Smoke, Ash und Echo bestand, leistete dem Befehl sofort Folge und lief mit angelegten Waffen um den Block herum. Mit grimmigem Blick wandte sich Sledge wieder seinen eigenen Leuten zu.
Am unteren Ende der Straße kam nun eine vermummte Gestalt aus dem brennenden Gebäude gelaufen. Sie hielt eine AK in den Händen, hatte das Gesicht hinter einer weißen Kampfmaske versteckt und den Oberkörper in eine militärgrüne Jacke gehüllt.
Gelassen legte der White Mask auf die Zivilisten an, doch bevor er das Feuer eröffnen konnte, hatte Fuze bereits mehrere Schüsse aus seinem eigenen Gewehr krachen lassen. Zischend pfiffen die Kugeln zwischen den Zivilisten hindurch, die sich schreiend duckten und stolperten, und trafen den Terroristen, der die angerückten Rainbow Operatoren erst im letzten Moment entdeckt hatte, direkt in die Brust. In einem Blutregen wurde er nach hinten geschleudert und ging zu Boden.
„Vorwärts", rief Sledge und bedeutete seinem Team das Haus zu stürmen. Mit erhobenen Waffen eilten die Operatoren auf die Eingangstür zu, während am unteren Ende der Straße Blaulichter aufleuchteten. Die Polizei war eingetroffen. Die GIGN würde den gesamten Bau in kürze umstellt und den Block abgeriegelt haben, doch es gab keine Zeit zu verlieren. Wahrscheinlich befanden sich immer noch Zivilisten in der Disco und wurden in diesem Moment von amoklaufenden White Masks gejagt.
Mit einem brutalen Fußtritt öffnete Fuze die Vordertür und sofort stürmten Capitao und Frost durch die Öffnung. Twitch warf ihre Drohne in den Vorraum und ging anschließend neben dem Eingang in die Hocke. Über eine Fernsteuerung an ihrem linken Unterarm konnte sie das Gerät präzise durch das Gebäude lenken. Sledge schaute derweil den fliehenden Zivilisten nach, die bereits von französischen Polizisten in Schutz genommen wurden. Dann wandte er sich um und lief selbst in die Disco.
„Tango auf Galerie", rief Twitch plötzlich und Capitao riss sofort seine Waffe nach oben. Sein Ziel, ein vermummter Terrorist, hatte gerade eben auf Team Orange angelegt, doch bevor er einen Schuss abgeben konnte, wurde er bereits von mehrere Kugeln in Brust und Hals getroffen. Gurgelnd ging er zu Boden.
„Ausgeschaltet", rief Capitao, während Fuze und Frost sein Flanken sicherten. Sledge, der sein Gewehr ebenfalls im Anschlag hielt, verschaffte sich eilig einen Überblick über die Lage. Die vier Operatoren befanden sich in einer großzügig ausgestatteten Eingangshallte. Ein roter Teppich führte nach vorne auf eine Tür zu. Dicke Marmorsäulen verliehen dem Raum ein antikes Flair, während links und rechts Treppen auf eine Galerie mit goldenem Geländer führten.
Mehrere Türen führten von dort weiter in das Gebäude, doch aus allen drangen dunkle Rauchschwaden. Der obere Stock musste komplett in Flammen stehen. Trotzdem signalisierte Sledge, Frost, dass sie das Obergeschoss sichern sollte.
Leise surrend rollte Twitchs kleine Drohne an den Operatoren vorbei und den roten Teppich entlang, während die Kanadierin auf die Treppen zuging. Fuze und Capitao deckten alle möglichen Angriffswinkel ab und Sledge befahl ihnen flüsternd, weiter in das Gebäude vorzurücken.
Frost war unterdessen am oberen Ende der Galerie angekommen und schlich mit angelegter Waffe am Geländer entlang. Sie warf einen Blick in den ersten Raum und zuckte kurz zurück, als ihr die Hitze von Flammen entgegenschlug. Dieser Bereich war sicher. Wenn sich Feinde in dem Raum befanden, so waren sie längst gegrillt. Das selbe galt allerdings auch für Zivilisten. Eile war geboten, denn das Feuer drohte das Gebäude zu Einsturz zu bringen.
Der zweite Raum auf der Galerie war ebenfalls den Flammen anheimgefallen, doch der dritte und letzte, bei dem es sich offensichtlich um eine kleine Bar handelte, war noch begehbar. Dunkle Rauchschwaden zogen über die Decke und vorsichtig drang Frost in das Zimmer vor. Während sie mit ihrer Waffe stets in die Ecken des Raumes zielte, wich sie sorgfältig den zerbrochenen Gläsern am Boden aus. Sie wollte kein Geräusch verursachen und ihre Anwesenheit verraten.
Immer wieder schaute sie schnell über die Schulter und kontrollierte, ob sich jemand an sie anschlich. Doch allem Anschein nach war sie allein. Blieb nur noch ein Versteck, das sie noch nicht gesichert hatte.
Langsam schlich Frost hinüber zur Theke und stieg über einen umgefallenen Tisch. Der Teppichboden und die knisternden Flammen nebenan verschluckten das Geräusch ihrer Schritte. Vorsichtig schlich die Kanadierin um den Tresen herum und zielte schlussendlich mit ihrer Waffe die gesamte Länge des Barbereichs hinab. Er war leer. Der Raum war sicher.
„Oben ist alles klar", meldete Frost über Funk und wollte sich bereits zum Gehen wenden, als ihr eine Bewegung ins Auge fuhr. Sofort schnellte ihre Waffe nach oben und zielte auf die im Halbdunkel liegende Aushöhlung unter dem Waschbecken. Im nächsten Moment hörte sie bereits ein ängstliches Keuchen und nun war sie sich sicher: Jemand verbarg sich in der Dunkelheit.
Blitzschnell lief Frost hinüber zu dem Versteck, stieß einen Stuhl zur Seite und richtete den Lauf ihrer Waffe auf den Terroristen, der sich dort unter der Theke versteckt hatte. Nur, dass da kein Terrorist war. Mit einem spitzen Aufschrei riss eine Kellnerin schützen die Arme über den Kopf. Weinend begann sie in Todesangst zu flehen.
„GIGN", rief Frost und nahm sofort die Waffe nach unten. Zwar gehörte sie eigentlich nicht zur französischen Spezialeinheit, doch die Zivilistin würde der Name dieser Truppe viel eher beruhigen, als jener der kanadischen JTF2.
„Sie sind in Sicherheit", sagte Frost nun eindringlich und griff resolut nach den Armen der unter Schock stehenden Dame. Mit verweinten und in Panik geweiteten Augen, starrte sie der Soldatin entgegen. Dann brach sie in Tränen aus und versuchte stolpernd auf die Beine zu kommen.
„Kommen sie da raus", befahl Frost eindringlich: „Und folgen sie mir."
Anschließend packte sie die Frau am Handgelenkt und meldete über ihr Funkgerät: „Hier Frost. Oberer Stock ist sicher. Eskortiere eine Zivilistin nach draußen."
Gerade als sie ihren kurzen Lagebericht beendet hatte, meldete sich Zofia: „Team Gelb in Stellung. Wir gehen jetzt rein."
Einen Augenblick später erschütterte eine Explosion das Gebäude und die Französin klammerte sich mit einem panischen Schrei an ihre Retterin. Frost griff sofort nach ihrer Sekundärwaffe und sicherte ihre Fluchtroute, während sie die Dame hinter sich herzog. Sie musste sie so schnell wie möglich nach draußen bringen und sich wieder ihrem Team anschließen.
Mit einem Aufschrei wurde der japanische Operator Echo nach hinten weggeschleudert, als eine Sprengfalle an der Hintertür ausgelöst worden war. Buck und Ash, die nicht direkt vor der Tür gestanden hatten, wandten die verzogenen Gesichter von der Hitze ab, während Zofia und Smoke fluchend ihre Waffen auf die Tür anlegte. Rauchend hing sie noch kurz in den Angeln, bevor sie krachend zu Boden fiel.
„Stellung halten", schrie Zofia und wandte sich sofort zu Echo um, der unter Schmerzen stöhnend am Boden lag. Während ihre drei Kameraden die Tür sicherten, zog sie den Japaner aus der Schusslinie und kontrollierte ihn umgehend auf Verletzung. Blut beschmierte ihre Hände, als sie über sein Gesicht abtastete. Die Splitterbombe war direkt auf Kopfhöhe angebracht worden, doch glücklicherweise war es keine allzu starke Ladung gewesen. Echo lebte noch.
„Fuck", murmelte der Japaner und tastete vorsichtig sein Gesicht ab. Als er aufstehen wolle, drückte ihn Zofia zurück zu Boden und kommandierte: „Bleib liegen. Ich fordere MedEvac an."
„Leck mich", knurrte Echo und schob ihre Hand zur Seite: „Rein da mit euch, ich komm schon klar."
Zofia nickte grimmig und half Echo, sich aufzusetzen. Vorsichtig lehnte sie ihn an eine Wand, wo er zitternd sitzen blieb. Echo war vielleicht verwundet, doch er war ein harter Brocken. Den White Masks musste schon etwas mehr einfallen, als eine Sprengfalle um ihm den Rest zu geben und sein Wille war ungebrochen. Trotzdem hatten sie ihn für den Moment außer Gefecht gesetzt.
„Echo ist verwundet", meldete Zofia über Funk: „Team Gelb dringt weiter vor."
„Zeigts ihnen", knurrte Echo, während sich Zofia wieder ihrem Team anschloss. Einmal schaute sie noch über die Schulter auf den Japaner, bevor sie Smoke zweimal kräftig auf die Schulter klopfte. Sofort stürmte der Engländer durch die Hintertür und ging in die Knie. Seine Schrotflinte zielte einen langen Gang hinab, den er regungslos sicherte, während seine Kameraden hinter ihm ebenfalls durch die Tür kamen.
Buck und Ash schlichen nun links und rechts von ihm vorbei, während Zofia hinter ihm in Deckung ging. Die Polin war die Anführerin des Stoßtrupps und als solche verlangte die Doktrin von ihr, sich möglichst aus der Schusslinie zu halten. Während Smoke weiterhin auf das untere Ende des Ganges zielte, gingen Buck und Ash in Stellung, um eine Tür auf der linken Seite zu stürmen.
Der Kanadier zählte kurz mit den Fingern nach unten, bevor die beiden zeitgleich in den Raum stürmten. Keine Sekunde später krachten zwei Schüsse durch die Luft und ein Schrei hallte den Gang entlang. Zofia bedeutete Smoke, weiter vorzudringen und lugte anschließend selbst in den Raum.
„Sicher", sagte Buck und lud grimmig seine Schrotflinte nach. Auf dem Boden zu seinen Füßen lag in mitten einer sich ausbreitenden Blutlacke der leblose Körper eines White Mask. Eine rauchende Schusswunde prangte in seiner Brust.
Während Zofia sich wieder dem Gang zuwandte streckte Buck Ash, die auf dem Boden lag, die Hand hin. Fluchend kam die rothaarige FBI Operatorin auf die Beine.
„Hat er dich erwischt?", fragte Buck. Ash schaute schnell an sich hinab und fuhr mit den Fingern über den blutigen Kratzer an ihrer Seite.
„Nein", schüttelte sie den Kopf: „Nur ein Streifschuss."
Ash gehörte zu jenen Operatoren, die Geschwindigkeit übermäßiger Panzerung vorzogen, weshalb sie kaum mehr als eine leichte Einsatzweste trug. Die Panzerplatten schützten gerade so ihren Brustbereich. Wieder einmal hatte sich ihre Philosophie bewährt und der panische Hechtsprung nach links hatte ihr das Leben gerettet.
Smoke war derweil weiter den Gang nach unten gerückt und Zofia hatten den zweiten Raum auf der linken Seite gesichert. Es handelte sich um ein Büro, in dem wohl die geschäftlichen Angelegenheiten der Disco geregelt wurden und mit einem polnischen Fluch ließ sie den Blick durch das Zimmer gleiten.
An der linken Wand lagen die Leichen zwei Bediensteter. Ihre Hemden zeigten den Namen der Disco und mit verdrehten Gliedmaßen waren sie achtlos in der Ecke deponiert worden. Tiefe Schusswunden klafften in ihren Körpern, sie waren also zweifellos tot. Der Schreibtisch war zum Bombenlabor umfunktioniert worden und Zofia konnte sich vorstellen, dass hier die Sprengfalle, die sich an der Hintertür befunden hatte, scharf gemacht worden war.
Mit professioneller Ruhe kontrollierte die Polin ihre Wut und machte auf den Absätzen kehrt. Wieder im Gang signalisierte sie ihrem Team, dass der Raum sicher war und bedeutete den Operatoren dann, weiter in die Disco vorzudringen.
Während Frost auf die Galerie hinaufstieg, bewegten sich Sledge, Fuze und Capitao langsam auf die große Tür am Ende der Eingangshalle zu. Sie stand sperrangelweit offen und der dahinterliegender Raum lag im Dunkeln. Erst als Capitao mit seinem Taclight in den Durchgang leuchtete, erkannten die Soldaten, dass es sich um ein Treppenhaus handelte. Breite Stufen führten dort nach unten und machten bereits nach wenigen Metern einen Knick nach links. Die Leiche eines Sicherheitsangestellten der Disco lag auf der Stiege.
„Twitch", funkte Sledge: „Wir brauchen Informationen."
„Die Treppe führt in die Disco", kam die Antwort der Französin, die mit ihrer Drohne das Gebäude erkundete: „Ihr könnt vorstoßen, das Stiegenhaus ist sicher."
Ohne einen Befehl abzuwarten, drangen Fuze und Capitao weiter in das Gebäude vor. Vorsichtig stiegen sie über den Leichnam hinweg, ohne ihre Blicke aus den Visieren zu nehmen. Sie vertrauten Twitch, doch das Blickfeld der kleinen Drohne war limitiert. Es war immer möglich, dass einer der White Masks dem kleinen Späher entwischte.
„Team Gelb in Stellung. Gehen jetzt rein.", tönte es aus ihren Headsets, bevor eine Explosion die Wände erzittern ließ. Die Operatoren hielten inne und gingen in Verteidigungsstellung. Angespannte Stille machte sich breit, bevor wenig später die Meldung durchgegeben wurde: „Echo ist verwundet. Team Gelb dringt weiter vor."
Capitao fluchte leise, doch Sledge blieb ruhig. Wortlos gab er das Zeichen, vorzurücken und setzte sich in Bewegung. Die schweren Einsatzstiefel der Operatoren quietschten leise auf dem harten Plastikboden der Treppe, die laut Aufklärung nach unten in den eigentlichen Aufenthaltsbereich führte. Fuze hinterließ eine Spur aus roten Fußabdrücken, da er durch das Blut der Leiche weiter oben gelaufen war. Außer den Polizeisirenen von vor der Tür war nichts zu hören. Die Soundanlage schien wohl zerstört oder deaktiviert worden zu sein. Vielleicht wollten die White Masks ihren Gegnern keine Lärmdeckung gewähren.
„Ich bin jetzt auf der Tanzfläche", ertönte Twitch in ihren Headsets: „Zwei Tangos sind… Nein, drei. Drei Tangos haben sich hinter umgeworfenen Tischen verschanzt, etwa sechs Meter links von eurem Eingang. Sie haben mich nicht entdeckt."
„Verstanden"; gab Sledge flüsternd zurück, gerade als das untere Ende der Treppe in Sicht kam. Die leblosen Körper von zwei Jugendlichen in Partykleidung lagen im Pfad der Operatoren und dunkles Blut floss in schmalen Rinnsalen die Stufen hinunter.
Sledge drehte sich zu Capitao und gab ihm das Handzeichen für Flashbang. Der Brasilianer nickte, senkte seine Waffe und zog eine Blendgranate aus einer Halterung an seiner taktischen Weste. Sie wussten zwar, wo sich die White Masks befanden, doch sie konnten keine tödliche Gewalt anwenden, solange sie über keine direkte Sichtlinie verfügten. Es bestand immer noch die Chance von lebenden Zivilisten im Kampfgebiet.
Fuze stellte sich nah neben der Tür in Kampfhaltung bereit. Capitao kam sofort hinter ihm und steckte einen Finger durch den Ring an der Blendgranate. Sledge holte tief Luft, während er mit seinem Sturmgewehr den Eingang in die Disco sicherte. Der Saal lag im Halbdunkel, die meisten der Scheinwerfer waren zerstört worden und eine Discokugel, die langsam rotierte, reflektierte irgendwo außerhalb des Blickfelds der Operatoren das einfallende Restlicht. Totenstille griff um sich.
Dann nickte Sledge und Capitao zog den Stift aus der Granate. In einer fließenden Bewegung warf er die Blendgranate durch die Türöffnung und griff gleichzeitig nach seiner Waffe. Fuze, der mit dem Timing der Betäubungsgeräte perfekt vertraut war, wartete die notwendige Zeit ab, bevor er direkt nach dem lauten Lichtblitz in die Disco stürmte.
Mit der AK im Anschlag verschaffte sich Fuze einen Überblick über die Lage und entdeckte sofort eine vermummte Gestalt, die sich schreiend einen Arm vor Das Gesicht gerissen hatte. In ihren Händen befand sich eine Maschinenpistole und es dauerte keine Sekunde, bis Fuze den Mann mit drei gezielten Schüssen eliminiert hatte. Krachend fiel er zu Boden.
Zwei Meter neben dem Gefallenen sprang ein weiterer Terrorist hinter einem umgefallenen Tisch hervor und entlud seine AK ziellos in Richtung Tanzfläche. Die Kugeln fuhren in die Leichen, die überall verstreut lagen und verfehlten den russischen Operatoren um mehrere Meter. Zielgenau riss Fuze sein eigenes Gewehr herum und erwiderte das Feuer. Der Kopf des Mannes verschwand in einer Blutwolke, als er von Kugeln durchlöchert wurde.
Sledge war derweil hinter Fuze in den Raum gestürmt und schaute sich aufmerksam um. Capitao tauchte neben ihm auf und sicherte die rechte Seite, während Fuze nach links zielte. Alle Winkel waren abgedeckt, doch es gab ein Problem.
„Twitch, wo ist der dritte?", rief Sledge in sein Funkgerät, doch bevor die Französin antworten konnte, kam die Antwort hinter einer Säule hervorgerufen: „Hier, du Schweineficker."
Das Gesicht hinter einer weißen Maske verborgen trat ein bewaffneter Mann in den Blickwinkel der Rainbow Operatoren. Seine Maschinenpistole, die Fuze als P90 erkannte, hielt der Terrorist in der Rechten, während er mit der Linken ein junges Mädchen mit sich zerrte. Sie war gerade Mal sechzehn Jahre alt und somit eigentlich viel zu jung für diesen Club. Sie musste sich wohl hereingeschmuggelt haben. Ihr Gesicht war verschmiert mit Tränen und Blut, eine Schnittwunde zog sich quer über ihren Arm und ihre Glieder zitterten in Todesängsten.
Sofort richteten sich die Waffen aller drei Soldaten auf den Geißelnehmer, der sich geschickt hinter seiner Gefangenen versteckte. Er hatte einen Arm um ihren Hals geschlungen und der Lauf der P90 drückte schmerzhaft in ihre Wange.
„Ihr seid spät dran", spottete der Terrorist und verpasste dem Mädchen dann einen schmerzhaften Stoß mit dem Knie: „Hör auf zu flennen, du Schlampe."
Sledge senkte nun seine Waffe und trat zwischen Fuze und Capitao, die immer noch auf den Terrorristen zielten, zwei Schritte nach vorne.
„Lass sie gehen", forderte Sledge mit eiserner Stimme. Es missfiel ihm zutiefst, mit Terroristen zu verhandeln und am liebsten hätte er dem Kerl eine Kugel in den Kopf gejagt, doch er hatte keine Wahl. Die Lage war fatal und der Mann kontrollierte die Situation. Die einzige Chance bestand darin, ihn zur Aufgabe zu bewegen. Dazu musste Sledge ihm wohl oder übel sein Leben versprechen.
Das Mädchen in den Händen des Terroristen schluchzte leise, doch sie unternahm keine Versuche sich zu befreien. In starrer Angst schaute sie Sledge direkt in die Augen und flehte um ihr Leben. Sie wollte nicht sterben.
„Alles wird gut", sagte Sledge so beruhigend er konnte und wandte sich dann wieder an den White Mask: „Lass sie gehen und du bekommst eine faire Verhandlung."
„Ein Leben gegen ein Leben", rief der Terrorist und lachte heißer: „Fairer geht's doch gar nicht, oder? Warum sollte ich ihr nicht gleich ein schönes Loch in ihr hübsches Gesicht blasen, dann haben wir´s hinter uns."
Schüsse knallten durch das Gebäude und Capitao zuckte kurz nach rechts. Sledge, Fuze und der Terrorist blieben vollkommen ruhig und das Mädchen schloss verrückt vor Angst die Augen. Tränen liefen ihre Wangen nach unten und der Schotte spürte, dass ihm die Zeit ausging.
„Sie ist unschuldig", sagte er: „Lass sie gehen und du bekommst mich."
Fuze und Capitao schauten beide kurz zu ihrem Gruppenführer, ihre Waffen blieben jedoch zielgenau auf den White Mask gerichtet.
„Unschuldig soll sie sein?", rief der Terrorist und verfiel in einen heißeren Tonfall, der ihn ein wenig verrückt klingen ließ. „Sag ihnen deinen Namen, Mädchen."
Die junge Dame versuchte etwas zu sagen, ihre Worte kamen jedoch nur stotternd und abgehakt daher. Die Angst schnürte ihr die Kehle zu.
„LOS!", rief der White Mask und rammte ihr das Knie in den Rücken. Nach einem kurzen Schrei holte die Kleine tief Luft und stammelte: „E… Elise M… M… Moreau"
Frost war mittlerweile ebenfalls in der Disco erschienen und stellte sich mit erhobener Waffe neben Fuze. Sie hatte keine Chance gehabt, sich unbemerkt an den Terroristen anzuschleichen, da sich der Eingang direkt in seinem Blickfeld befunden hatte.
„Elise, was für ein hässlicher Name", spottet der White Mask kurz und lachte dann hysterisch, bevor er fortfuhr: „Seht ihr die Schuhe an Louises Füßen? Ich bin mir sicher, die wurden in irgendeinem Sklavenloch in Bangladesch gefertigt. Und dieses abscheuliche T-Shirt…"
Er riss kurz am Kragen des Mädchens und schaute auf den Waschzettel im Inneren.
„Made in Taiwan", knurrte der Terrorist: „Dacht ich´s mir doch. Wahrscheinlich Kinderarbeit obendrauf. Also erzähl mir nichts von Unschuld."
„Lass sie gehen", forderte Sledge, dem die Optionen ausgingen: „Oder du wirst diesen Ort nicht lebend verlassen."
„Dann ist ja alles geklärt", schrie der White Mask wütend und bevor einer der Operatoren reagieren konnte, betätigte er den Abzug seiner Waffe.
