Die dritte Station

Meg beugte sich nach vorne, stütze die Ellbogen auf die Knie und legte das Gesicht in die Hände. Mit langsamen Atemzügen versuchte sie sich zu beruhigen. Sie zitterte am ganzen Körper, teils vor Wut, teils aus Angst um ihre Freunde. Aus Angst um Claudette. Selbst jetzt noch, wenn die zweite Station bereits vorüber war.
Dwight saß vollkommen still da. Der Laptop ruhte auf seinen Oberschenkeln und sein Gesicht glich dem einer Marmorstatue. Meg wusste genau, dass er sich Sorgen um Claudette machte und dass er ihre Schmerzen am eigenen Leib erfuhr. Trotzdem schien er hochentschlossen, die Hoffnung nicht aufzugeben. Er vertraute Claudette und er wusste, dass sie durchhalten würde.
Feng hingegen war wohl am sichtbarsten von der zweiten Station mitgenommen worden. Tränen rannen über ihre Wange und eilig wischte sie mit dem Ärmel ihres Pullovers über ihre Augen. Sie zitterte, ähnlich wie Meg, und verzweifelt schüttelte sie den Kopf.
„Ich kann das nicht mehr mitansehen", murmelte Feng. Zu verfolgen, wie Claudette gezwungen wurde ihren Arm der Länge nach in ein Säurefass zu stecken, hatte ihr wohl den Rest gegeben. Früher im Nebel hatte sie es zu Beginn kaum zugeben wollen, doch Feng konnte sich nicht vor dem Leiden ihrer Mitmenschen verschließen. Sie hatte einfach ein zu starkes Mitgefühl.
Schweigend stand die kleine Asiatin auf und ging um das Sofa herum, sodass sie vor ihren Freunden stand. Der Bildschirm war nun vor ihrem Blick verborgen und mit verschränkten Armen schaute sie hinunter auf den Boden. Kurz verharrte Feng in dieser Haltung. Dann sah sie auf und fragte: „Geht es ihr gut?"
Meg hatte den Blick auf den Livestream gerichtet, wo Claudette kraftlos zu Boden gegangen war. Die Kamera befand sich auf Chloes Seite des Raumes und in der linken Ecke konnte man erkennen, wie sich das blauhaarige Mädchen aus ihren Fesseln befreite. Der rote Timer in der oberen Ecke war bei einer roten fünf stehen geblieben.
„Sie liegt auf dem Boden", murmelte Meg: „Sie rührt sich nicht."
Die Athletin verfolgte, wie Chloe zum Maschendrahtzaun hinstürzte und auf die Knie fiel. Sie streckte ihren Arm durch die Abtrennung und berührte Claudette, die hoffentlich nur das Bewusstsein verloren hatte, an der Schulter.
„Claudette", rief Chloe und rüttelte leicht an ihr: „Claudette, fuck, sag irgendwas."
Feng, die den Ton natürlich gehört hatte, legte beide Hände aufs Gesicht. Ein Schauer schüttelte ihren Körper und fuhr in ihre Glieder, als erneut die Angst um das Leben ihrer Freundin nach ihr griff. Mit einem Schluchzen wandte sie sich ab.
„Claudette!"
Chloe hatte nun ihre Stimme erhoben und immer verzweifelter versuchte sie ein Lebenszeichen aus ihrer Retterin herauszubekommen. Aufgrund des Zaunes konnte sie Claudette gerade so an der Schulter berühren. Schwer atmend schaute sie sich um. Vielleicht gab es irgendetwas, das sie verwenden konnte, um sich durch die Absperrung zu schneiden.
Plötzlich drang ein leises Stöhnen aus den Lautsprechern des Laptops und Meg beobachtete angespannt, wie Claudette sich langsam auf den Rücken drehte. Kraftlos fiel sie zur Seite, doch an ihrem schmerzverzerrten Gesichtsausdruck konnte man erkennen, dass sie wieder Herrin ihrer Sinne war. Langsam hob sie ihren zitternden, rechten Arm.

„Claudette", rief Chloe und klammerte sich mit beiden Fingern an den Maschendrahtzaun. Angstschweiß rann über ihr Gesicht, als fragte: „Claudette, hörst du mich?"
Die dunkelhäutige Kanadierin legte langsam den Kopf auf die Seite, bevor sie die Augen öffnete. Das Weiß stach im Halbdunkel blendend hervor und mit zusammengebissenen Zähnen schaute Claudette kurz zu Chloe, bevor sie sich etwas nach oben beugte. Sie fluchte und berührte mit der linken Hand ihren rechten Arm.
„Verdammte…", murmelte Claudette und besah sich die grausigen Verletzungen. Immer noch benommen von ihrer kurzen Bewusstlosigkeit, tastete sie die Blasen ab und zuckte erschrocken zurück, als Reste der Säure ihre unversehrten Finger benetzten. Sofort zog Chloe ihr weißes Tanktop aus und schob es durch eines der Löcher im Zaun.
„Hier, nimm", sagte sie mit zitternder Stimme: „Wisch dir den Scheiß von deinem Arm."
Claudette griff unbeholfen nach dem Stoff und betupfte vorsichtig ihre verätzte Haut. Glücklicherweise hatte die Säure keine tiefe Wunden gerissen, doch die Narben würden ihr ein Leben lang bleiben. Sofern sie hier raus kaum, natürlich.
Claudette zog schmerzerfüllt Luft zwischen ihre Zähne, als eine der Blasen auf ihrem Arm aufplatzte. Gelber Eiter rann über ihren Bizeps und wurde wenig später von Chloes Tanktop aufgesogen. Das reine Weiß des Stoffes war schnell in ein schmutziges Gelb gewechselt. Die Säure fraß bereits kleine Löcher in das Kleidungsstück.
„Danke", murmelte Claudette und legte das nun unbrauchbare Tanktop zur Seite. Anschließend versuchte sie sich aufzusetzen und mit dem Rücken gegen eine Wand zu lehnen. Den Kopf in den Nacken gelegt, schaute sie zu Chloe.
„Danke?", fragte das blauhaarige Mädchen empört: „Sei bloß still. Wenn hier jemand zu danken hat, dann bin ich das."
Sie schaute betreten zu Boden. Kurz fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn, bevor sie ihren Blick wieder auf Claudette richtete und sagte: „Du…du hast mir das Leben gerettet."
Ein leichtes Lächeln fuhr über Claudettes Lippen.
„Ich konnte… konnte dich doch nicht einfach hängen lassen."
Chloe antwortete zunächst nichts. Offenbar wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Ihr Blick glitt kurz durch den Raum, bevor sie sagte: „Nein, das… das stimmt nicht. Wir kennen uns erst seit gestern. Und ich weiß nicht, ob ich in der Lage gewesen wäre…"
Sie verstummte und nickte mit dem Kopf in Richtung des blauen Fasses. Claudette folgte ihrem Blick. Ihre Sicht verschwamm in einem neuen Moment der Schwäche, doch ihre Gedanken wurden mit jeder Sekunde schärfer. Sie erinnerte sich daran, wo sie sich befand und dass sie eine Aufgabe hatte.
„Ich sag´s nur ungern", flüsterte Claudette tonlos: „aber ich glaube kaum, dass wir hier durch sind."
Chloe schaute nun wieder zu ihr. Die Blicke der beiden Mädchen trafen sich.
„Wo sind wir überhaupt?"
„Keine Ahnung", antwortete Claudette. Sie hatte ihren rechten Arm mittlerweile in ihren Schoß gelegt und tastete immer wieder die Wunden ab. Behutsam fuhr sie mit den Fingern über eine der Blasen. Dann schaute sie auf und erklärte: „Ich weiß nur, dass wir ein Spiel spielen sollen."
„Ein Spiel?", fragte Chloe und schaute über die Schulter zu dem Fernseher: „Das von dem Kerl da?"
„Ja", knurrte Claudette und verzog das Gesicht als ein stechender Schmerz durch ihren Unterarm fuhr: „Ich bin vor einer halben Stunde in einem anderen Raum aufgewacht und musste mich aus einem elektrischen Stuhl befreien. Diese Puppe hat mir gesagt, dass es mehrere Stationen gibt und dass wir uns durch alle durchkämpfen müssen, wenn wir hier raus wollen. Außerdem verüben sie bei jeder Station einen Anschlag auf Paris."
„Was?", fragte Chloe überrascht: „Einen Anschlag? Warum… Was wollen die von uns?"
„Ich weiß es nicht", sagte Claudette wahrheitsgemäß: „Ich habe keine Ahnung."
„Das müssen Terroristen sein", murmelte Chloe: „Shit"
„Vielleicht", entgegnete Claudette.
„Vielleicht?", fragte Chloe: „Was sollen sie denn sonst sein?"
Claudette schaute kurz zu ihrer neuen Freundin hinüber, antwortete ihr jedoch nicht. Diese ganze Sache kam ihre irgendwie bekannt vor. Dieses ganze Spiel war so übertrieben, so dramatisch, dass es kaum ein Mittel zum Zweck sein konnte. Dieses Spiel war nicht dazu da, um Anschläge anzukündigen. Etwas Anderes musste dahinterstecken. Und Claudette kannte nur einen, der einen Sinn aus solch einem solch makabren Schauspiel ziehen konnte. Aber soweit sie wusste, war der Entitus tot. Sie entschied sich dazu, das Geheimnis vorerst zu bewahren.
„Ich weiß es nicht", antwortete Claudette und schloss kurz die Augen. Chloe sah verwirrt zu Boden. Stille griff um sich und für einen Moment konnte man nur den Dampf hören, der durch die Metallrohre an der Decke schoss. Irgendwann schaute Claudette auf und sagte: „Aber eine Sache, die weiß ich."
Chloe hob den Kopf.
„Wir müssen weiter. Wenn wir hier raus wollen, dann… dann müssen wir das Spiel mitspielen. Fürs erste…"
„Claudette…", murmelte Chloe: „Ich weiß nicht… Kannst du überhaupt stehen?"
Zur Antwort versuchte die Kanadierin unbeholfen auf die Beine zu kommen. Kurz wurde ihr schwarz vor Augen, doch unter Einsatz ihres linken Arms gelang es ihr, sich an der Wand hinter ihr abzustützen und vorsichtig aufzustehen.
Leicht schwankend richtete sie sich auf und schloss kurz die Augen. Schmerzen pochten durch ihren rechten Arm und ihr Kopf schien sich im Kreis zu drehen. Aber sie musste weiter.
„Auf meiner Seite ist eine Tür", sagte Claudette: „auf deiner auch."
„Wollen wir nicht versuchen, durch diesen Zaun hier durchzukommen?", fragte Chloe. Entnervt rammte sie ihre rechte Hand gegen den Draht und zuckte sofort zurück.
„Ah, fuck"
„Was ist los?", fragte Claudette, doch Chloe antwortete nicht. Stattdessen schaute sie auf ihre rechte Hand und hob ihren Ringfinger. Eine schwarze Spirale zog sich über seine gesamte Länge und lief direkt auf den Fingernagel zu. Dasselbe galt für den Zeige- und kleinen Finger ihrer linken Hand.
„Die Mistkerle haben mich tätowiert", knurrte Chloe: „Was zur Hölle… Hast du auch so etwas?"
Claudette hob ihre Hände und schaute an ihrem Körper hinab. Sie konnte nichts entdecken und vermutlich würde sie ein frisches Tattoo spüren, selbst zwischen all den anderen Schmerzen. Doch da war nichts.
„Nein", murmelte Claudette und warf einen Blick auf Chloes Finger. Das blauhaarige Mädchen drehte ihn kurz im fahlen Licht der Glühbirne und winkte dann ab.
„Ach, scheiß drauf. Sehen wir einfach zu, dass wir hier rauskommen."
„Genau", sagte Claudette und schaute über die Schulter zu ihrer Tür: „Wahrscheinlich laufen die beiden Gänge zusammen und wir treffen uns."
„Das hoffe ich", murmelte Chloe.
„Wir gehen hundert Schritte, okay", fuhr Claudette fort: „Wenn wir uns bis dahin nicht getroffen haben, kommen wir hier her zurück und überlegen was wir tun. Auf keinen Fall dürfen sie uns trennen, in Ordnung?"
„So was von", stimmte Chloe zu. Fröstelnd legte sie die Arme um den Oberkörper und wandte sich zu ihrer Tür um. Beinahe gleichzeitig hoben sie die schweren Metallhebel nach oben und mit einem unangenehmen Quietschen schwangen die Türen auf. Beide führten in die Dunkelheit und schmucklose Gänge entlang, die bereits nach einer kurzen Distanz in verschiedene Richtungen abbogen. Chloe warf einen Blick hinüber zu Claudette.
„Wir bleiben zusammen", sagte die Kanadierin und nicke ermutigend: „Wir kommen einfach wieder hier her und dann sollen sie ihr Spiel alleine spielen."
Chloe antwortete nichts, doch sie stimmte Claudette voll und ganz zu. Langsam setzte sie einen Fuß in den dunklen Gang. Staub bedeckte den Boden und Rohre zogen sich an der Decke entlang. Eine Wasserpfütze hatte sich in der Ecke neben dem Durchgang gebildet, wo eine der Leitungen ein Leck aufwies. Vorsichtig bewegte sich Chloe den Gang hinunter und lugte um die Ecke. Niemand war zu sehen. Nur kalter Stein.
Sie schaute über die Schulter und rief dann nervös: „Claudette. Hörst… hörst du mich noch?"
„Ja", hallte die Antwort, doch sie kam nicht nur von hinten, sondern auch von vorn. Das Echo des Rufes rollte den steinerneren Gang entlang und verlor sich in der Finsternis.
„Da vorne muss eine Kreuzung sein", rief Claudette: „Ich kann deine Stimme hören."
„Ich auch", antwortete Chloe und lief los. Ihre Schritte waren immer noch vorsichtig, doch sie bewegte sich nun etwas schneller. Sie wollte Claudette an diesem unheimlichen und feindseligen Ort für keine Sekunde länger als nötig aus den Augen lassen. Hoffentlich würde man sie das Spiel gemeinsam bestreiten lassen.
„Hier", schallte Claudettes Stimme durch den Gang: „Hier geht es… ah, verdammt."
„Was ist los?", wollte Chloe wissen und lief die letzten Meter bis in einen langen Korridor. Zwei Gänge mündeten in das breite Gewölbe und ein rostiger Maschendrahtzaun zog sich in der Mitte entlang, sodass sich Chloe und Claudette wiederum sehen, jedoch nicht wirklich treffen konnten.
„Shit", flucht das blauhaarige Mädchen und trat mit dem Fuß gegen die Absperrung. Ein Klappern rauschte den Korridor nach unten, als sich die Energie des Stoßes den Zaun entlang ausbreitete.
„Was machen wir jetzt?", wollte sie wissen und sah besorgt zu Claudette. Chloe hatte keine Ahnung, was sie in einer Situation wie dieser tun sollte. Claudette hingegen schien auffallend ruhig mit der ganzen Sache umgehen zu können.
„Nimm dir den roten Koffer, der da drüben steht", antwortete die Kanadierin und deutete auf ein kleines Erste-Hilfe-Set, das an der Seitenwand, etwa zwei Meter hinter Chloe lag. Achtlos war es auf den Boden gestellt worden und von Claudettes Seite aus unerreichbar. Chloe ging sofort hinüber, hob das Köfferchen vom Boden auf und öffnete den Verschluss.
„Da sind Verbände drinnen", sagte sie: „Und so weiße Pasten."
„Ich wette, die helfen hervorragend gegen Ätzwunden", murmelte Claudette und streckte eine Hand durch den Zaun. Sofort reichte ihr Chloe eine der Verbandsrollen zusammen mit einer kleinen Tube, die mit einer komplizierten Beschreibung versehen worden war.
Claudette öffnete eilig den Deckel, indem sie die Tube mit der rechten Hand packte und mit der linken am Verschluss drehte. Ein brennendes Stechen fuhr durch ihre Finger, doch ein Augenblick später hatte sie es bereits geschafft.
Vorsichtig nahm sie die Tube in die linke Hand und drückte einen kleinen Tropfen dickflüssiger Salbe auf ihre verätzte Haut. Anschließend strich sie das Mittel behutsam über ihren Arm, woraufhin sich eine wohltuende Linderung der Schmerzen einstellte. Seufzend ließ Claudette die Tube sinken.
„Hat´s geholfen?", fragte Chloe besorgt und die Kanadierin nickte: „Und wie"
„Zum Glück", murmelte Chloe und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Das rote Köfferchen befand sich immer noch in ihrer linken Hand, doch recht viel mehr war darin nicht zu finden. Eine weitere Verbandsrolle gab es noch, aber das war´s.
„Woher wusstest du eigentlich, dass es die richtigen Medikamente sind?", fragte sie nach einer Weile und Claudette, die gerade die Brandwunden an ihrer Stirn verarztete, schaute kurz zu ihr hinüber. Langsam antwortete sie: „Ich habe es angenommen."
„Aber du warst dir ziemlich sicher", warf Chloe ein: „Was, wenn das irgendein Trick gewesen wäre? Ein Gift oder so."
„Wenn sie uns umbringen wollten, hätten sie das einfach so getan", erklärte Claudette: „Dieser Koffer ist Teil des Spiels. Ist dir aufgefallen, dass ich ihn nur erreichen konnte, weil ich dich gerettet habe?"
Chloe schaute kurz auf den Koffer in ihrer Hand.
„Diese widerliche Puppe war eindeutig", fuhr Claudette fort: „Es ist besser für uns, wenn wir zusammenarbeiten. Ich glaube, wir haben wirklich eine faire Chance. Aber das bedeutet, dass wir jeden, den wir finden, retten müssen. Koste es was es wolle."
Chloe schaute kurz den Korridor hinab und fragte dann: „Glaubst du… glaubst du, sie haben Max?"
„Da bin ich mir fast sicher", antwortete Claudette, die gerade dabei war, sich den Verband um ihren Arm zu wickeln. Ihre Stimme war dabei etwas undeutlich, da sie ein Ende des Verbands mit den Zähnen halten musste.
„Warte, lass mich dir…", sagte Chloe, doch bevor sie zu ende sprechen konnte, hatte Claudette ihr Werk bereits beendet. Gekonnt fixierte sie die Bandage mit einem Knoten und steckte die Reste der Verbandsrolle in ihre Hosentasche.
„Wow", staunte Chloe und zog die Augenbrauen nach oben: „Nicht schlecht. Warst du mal in einem Bootcamp oder so was?"
„Nein", entgegnete Claudette und ging nicht näher auf die Frage ein. Stattdessen zeigte sie den Korridor hinunter und sagte: „Max ist mit Sicherheit irgendwo da unten. Je schneller wir sie finden und hier rauskommen, umso besser."

Wie gebannt starrte Nea auf das Handy in Hibanas Hand. Die Japanerin hielt es einen halben Meter vor sich, sodass sie, Valkyrie und Nea zu dritt das Geschehen auf dem Bildschirm verfolgen konnten.
Claudette war gerade eben auf die Beine gekommen und wechselte schwankend ein paar Worte mit einem blauhaarigen Mädchen, das als Chloe Price identifiziert worden war. Offenbar war sie zusammen mit ihr als vermisst gemeldet worden. Laut Montagne hatten sie sich in derselben WG befunden.
Erst vor wenigen Sekunden war die Meldung eingegangen, dass sich Team Rot im Kampf um den Invalidendom behauptet hatte. Sie waren innerhalb einer Minute eingetroffen und somit war es ihnen gelungen, die Sprengung des alten Gebäudes durch die White Masks zu verhindern. Allerdings hatte man auch MedEvac für eine Operatorin namens Caveira angefordert.
„Hier Six", rauschte es plötzlich aus den Funkgeräten: „Team Blau, bitte antworten."
Die Personen in dem Wagen konnten hören, wie Tachanka, der neben Montagne draußen auf der Straße stand, antwortete: „Hier Team Blau, wir hören."
„Die ESA hat uns soeben mitgeteilt, dass sie ungewöhnlich hohe elektromagnetische Aktivität in einem Außenbezirk von Paris festgestellt haben. Es könnte sich um eine Janusmaschine handeln. Rückt sofort ab in Richtung Rue de Belleville und rechnet mit Feindkontakt. GIGN und Polizei sind unterwegs. Sie werden euch bei der Suche und Sicherstellung der Janusmaschine unterstützen."
„Verstanden", antwortete Tachanka: „Team Blau rückt aus."
Im selben Moment hatte Castle bereits den Motor angelassen, während Montagne hinten in den schweren Militärtruck geklettert war. Tachanka setzte sich nun eilig in den Beifahrersitz und kaum, dass sich die Tür geschlossen hatte, brauste das Fahrzeug auch schon los.
Die nächtlichen Straßen von Paris waren wie leergefegt. Die Polizei hatte eine Ausgangsperre verhängt, doch Nea war sich ziemlich sicher, dass unter den gegebenen Umständen kaum ein Pariser freiwillig einen spätabendlichen Spaziergang wagen würde.
„Also gut, товарищ", rief Tachanka vom Beifahrersitz aus und drehte den Kopf. Sein Gesicht steckte unter einer Sturmhaube, doch noch hatte er das Visier seines schweren Stahlhelms nicht nach unten geklappt. Mit stechenden Augen schaute er in die Runde seines Teams. Schließlich blieb sein Blick auf Nea hängen.
„Ihr habt Six gehört", rief er: „Wir haben es mit einer Janusmaschine zu tun. Unser Auftrag lautet, das Gerät zu finden und sicherzustellen. Wir müssen wohl mit Feindkontakt rechnen also seid auf der Hut. Trotzdem haltet ihr euer Feuer, bis ich den Befehl gebe. Wir befinden uns in einer bewohnten Millionenstadt."
Die Operatoren hatten aufmerksam zugehört. Nachdem Tachanka fertig gesprochen hatte, hatte Montagne kurz seine Ausrüstung überprüft, war mit den Fingern an den Gurten seiner kugelsicheren Weste entlanggefahren und hatte die Panzerplatten zurechtgerückt. Valkyrie und Hibana waren still dagesessen. Letztere hatte kurz zu Nea herübergeschaut, jedoch kein Wort von sich gegeben. Nun übernahm es Tachanka.
„Sie bleiben in diesem Fahrzeug", sagte der alte Russe: „Hier ist es am sichersten. Wir rufen sie, sollten wir ihre Hilfe benötigen. Bis dahin bleiben sie einfach sitzen."
Nea nickte. Sie hatte auch nichts anderes vorgehabt. Trotz der Pistole an ihrer Seite fühlte sie sich alles andere als sicher und mit jeder Kurve, die der Truck umfuhr, war sie sich sicherer, dass sie niemals als Soldatin in einer Antiterroreinheit dienen könnte. Nea hatte großen Respekt vor Team Rainbow und seinen Mitgliedern, die bereitwillig ihre Leben riskierten, um unschuldige Zivilisten zu verteidigen.
„Wir sind da", bemerkte Castle nach einer kurzen Weile und trat auf die Bremse. Durch die Windschutzscheibe erkannte Nea die blauen Lichter von Polizeiautos, die dem Team aus der Dunkelheit entgegenblitzten. Ein paar bewaffnete Beamte standen einigermaßen ratlos umher und schienen froh zu sein, endlich Verstärkung zu erhalten. Entschlossen stiegen die Operatoren aus dem Wagen.
„Guten Abend", rief Tachanka, während er auf die Polizisten zuging: „Wir sind von Team Rainbow. Wie sieht die Lage aus?"
„Hören sie mir zu", antwortete einer der Beamten in starkem französischen Akzent. Nea konnte seine Stimme durch die Scheiben des gepanzerten Fahrzeugs kaum vernehmen, doch schon allein anhand der wilden Gestikulation des Mannes erkannte sie, dass etwas nicht stimmte.
„Wir wissen nicht, was los ist", sagte der Polizist und winkte die Operatoren zwischen zwei Streifenwagen hindurch: „Wir waren auf Terroristen vorbereitet, vielleicht auf ein Feuergefecht, aber nicht auf so etwas."
„Was ist passiert?", fragte Tachanka. Der Beamte schüttelte bloß den Kopf, wies auf eine Hausecke und sagte: „Sehen sie selbst."
Der alte Russe schaute den Polizisten kurz an, bevor er den Kopf drehte und den Blick in die gezeigte Richtung lenkte. Langsam ging er auf die Hausecke zu, sein LMG nicht im Anschlag doch bereit es jederzeit hochzuheben. Vorsichtig lugte er in die Seitenstraße.
Straßenlaternen säumten eine breite Pflasterstraße. Mehrere Stockwerke umfassende Gebäude zogen sich zu beiden Seiten nach oben und bildeten eine regelrechte Schlucht. Auf der linken Seite befand sich ein Supermarkt, rechts sah es eher nach Wohnhäusern aus. Ein mittelgroßer Baum markierte das Zentrum einer Kreuzung, etwa fünfzig Meter entfernt. Danach verlor sich die Straße in einem schwarzen, undurchdringlichen Nebel, der das halbe Viertel verschluckt zu haben schien.
„Wir haben keine Ahnung, was das ist", sagte der Polizist: „Aber das ist auf keinen Fall natürlicher Nebel. Verdammt, ich weiß wie Nebel aussieht. Das ist Giftgas oder irgendeine Scheiße. Das…"
„Beruhigen sie sich", unterbrach Tachanka den Polizisten mit eindringlicher Stimme: „Haben sie schon jemanden hinübergeschickt?"
„Ob ich jemanden zu dem Nebel hinübergeschickt habe?" Der Polizist wollte wohl seinen Ohren kaum trauen. „Sie meinen hinüber zu diesem Gas? Natürlich nicht. Meine Männer sind auf vieles vorbereitet, aber für chemische Angriffe haben sie nicht unterschrieben."
„Ich verstehe", sagte Tachanka. Er warf einen schnellen Blick über die Schulter und gab seinem Team mit der Hand ein Zeichen. Sofort versammelten sie sich hinter ihm und machten sich bereit vorzurücken. Die Polizisten hatten zu großen Respekt vor der unbekannten Substanz und Tachanka konnte verstehen, dass sie dem Nebel nicht zu nahekommen wollte. Trotzdem musste jemand da hinübergehen und die Lage untersuchen. Hier kam Team Rainbow ins Spiel.
Mit einem metallischen Scharren klappte Montagne seinen Einsatzschild aus und stellte sich an die Spitze der Gruppe. Kurz drauf folgten Hibana und Valkyrie, dann Tachanka und schließlich Castle, der das Schlusslicht bildete. Auf Tachankas Befehl hin liefen sie hinaus in die Straße.
„Was zur Hölle", murmelte Castle, als sein Blick auf die schwarze Suppe fiel. Wie eine Mauer hatte sich die Nebelwand am unteren Ende der Straße aufgebaut und machte keine Anzeichen, sich zu verflüchtigen oder zu verschieben. Sie war einfach da, undurchdringlich und unnatürlich.
Wortlos rückten die Operatoren vor, die Waffen im Anschlag und stets auf der Hut vor Feindkontakt. Ihre Sturmgewehre deckten jede Richtung ab, sodass sich niemand an das Team heranschleichen konnte. Sie hatten es tausendmal geübt und so bewegten sie sich mit einer unvergleichlichen Professionalität nach vorne. Schlussendlich erreichten sie ohne irgendwelche Vorkommnisse den schwarzen Nebel.
Die Operatoren gingen in die Knie und sicherten jeweils eine andere Richtung, während sich Tachanka der Nebelwand zuwandte. Vorsichtig streckte er einer Hand aus und steckte die Finger in die dunklen Schwaden. Er spürte nichts. Keine Kälte, keine Wärme und keinen Windhauch. Wenn es sich um Giftgas handelte, dann war es von der hinterhältigen Sorte. Allerdings war sich Tachanka ziemlich sicher, dass sie es hier mit jenem Nebel zu tun hatten, den Baker während des Briefings erwähnt hatte. Zum Glück gab es eine sichere Methode um das herauszufinden.
Todesmutig machte Tachanka einen Schritt nach vorne und tauchte mit dem gesamten Körper in den schwarzen Nebel ein. Innerhalb eines Sekundenbruchteils war er vollständig verschwunden und sofort stellte sich ein schmerzhaftes Sirren in seinem Kopf ein. Seine Glieder begannen zu zittern und er konnte kaum noch klar denken. Es war wie ein Tinnitus, der den gesamten Körper erfasste, den Verstand belagerte und den Geist malträtierte. Hastig machte er wieder einen Schritt zurück und das Gefühl verschwand so schnell, wie es gekommen war.
„Verfluchte…", murmelte er und Castle schaute kurz über die Schulter.
„Was ist los?", fragte der Amerikaner und Tachanka antwortete: „Es ist, wie Baker gesagt hat. Der Nebel ist undurchdringlich."
„Können wir wirklich nicht hinein?"
„Nein. Aber wir haben jemanden, der kann."

Jake saß aufrecht im Bett und starrte an die Wand gegenüber. Das schlichte Weiß trieb ihn langsam aber sicher in den Wahnsinn. Es gab absolut nichts Interessantes an dieser weißen Wand, nichts Bemerkenswertes oder gar Ungewöhnliches. Und seit er hier war, tat er nichts anderes als diese Wand anzustarren.
Vor einiger Zeit war ein Alarm losgegangen und hatte ihn aus dem Schlaf gerissen. Jake war sofort nach oben geschossen, hatte den Kopf in alle Richtung gedreht und sich erst dann erinnert, wo er sich überhaupt befand. Dabei hatten ihm die Schmerzen unter den Verbänden auf die Sprünge geholfen.
Der Alarm war unangenehm laut gewesen und es hatte gut fünf Minuten gedauert bis man ihn endlich wieder abgeschaltet hatte. Trotzdem war es Jake unmöglich geblieben, wieder einzuschlafen. Das Mädchen im Bett neben ihm, Maxine Caulfield, lag immer noch im Koma und hatte sich keinen Millimeter gerührt, als das schrille Geräusch durch das gesamte Gebäude gehallt war.
Was hätte Jake nur für eine Gesprächspartnerin gegeben? Jemanden, mit dem er sich unterhalten konnte, während er auf eine Erklärung für den Alarm wartete.
Seitdem er aufgewacht war, war er vollkommen allein gewesen. Niemand war vorbeigekommen und hatte ihm mitgeteilt, was geschehen war. Es konnte sich wohl kaum um ein Feuer handeln. In diesem Fall hätte man ihn und Maxine evakuiert. Doch Jake befand sich auf einer Militärbasis, ein Alarm konnte viele Gründe haben. Vielleicht hatten ja die Terroristen, die ihn entführt hatten, einen Anschlag verübt. Dummerweise gab es keinen Fernseher in dem Krankensaal.
Mit einem Schnauben richtete sich Jake im Bett auf und warf die Decke zurück. Er hatte es satt, im Dunkeln gelassen zu werden. Doc hatte ihm zwar vorgeschrieben liegenzubleiben, doch Jake wollte endlich wissen, was los war. Verletzungen und Verbände hin oder her, er würde nicht mehr warten. Unter Schmerzen schwang er ein Bein aus dem Bett und stellte es vorsichtig auf den Boden. Als er sich sicher war, dass er nicht einknicken würde, verlagerte er sein Gewicht und zog das zweite nach.
„Jake?", rief eine überraschte Stimme: „Was machst du denn da?"
Jake sah auf. Er hatte angenommen allein zu sein und das plötzliche Geräusch hatte ihm einen kleinen Schrecken eingejagt. Drüben an der Eingangstür entdeckte er Feng, die gerade eben vorsichtig in den Raum gekommen und überrascht stehen geblieben war. Ihre Blicke trafen sich.
„Wo willst du denn hin?", fragte Feng und schenkte ihm ein bemüht wirkendes Lächeln. Sorgsam darauf bedacht keine lauten Geräusche zu verursachen, schloss sie die Tür hinter sich. Eigentlich war es unnötig, da Jake nicht mehr schlief und Maxine ja aufwachen sollte, doch irgendwie schien es trotzdem angebracht. Jake ließ sich derweil wieder auf sein Bett zurücksinken, während Feng langsam zu ihm herüberspazierte.
„Hi", flüsterte sie verlegen und schaute Jake einfühlsam an: „Wie geht´s dir?"
Jake schnaubte nur, bevor er murmelte: „Alles tut weh und mir ist langweilig."
„Langweilig?", fragte Feng überrascht und runzelte die Stirn. Sie schaute kurz hinüber zu Maxine, bevor sie sagte: „Machst du dir keine Sorgen?"
„Sorgen?", fragte Jake.
„Um Claudette", erklärte Feng.
„Natürlich mache ich mir Sorgen. Aber mir ist trotzdem langweilig. Weißt du eigentlich, warum hier ein Alarm ausgelöst wurde?"
„Hat´s dir noch niemand gesagt?", fragte Feng überrascht. Nun, da Jake sie näher betrachtete, konnte er erkennen, dass ihre Finger etwas zitterten und ihre Stimme auch eine Spur höher als sonst zu sein schien. Irgendetwas versetzte die kleine Asiatin offenbar in Unruhe.
„Nein", antwortete Jake: „Was… was ist passiert?"
„Die White Masks haben einen Livestream gestartet", erzählte Feng langsam und schaute zu Boden: „Es… es ist fruchtbar. Sie haben Claudette gefangen und jagen sie durch einen Spießrutenlauf, während die ganze Welt zusieht."
Jake schaute sie verwirrt an. Anscheinend konnte er ihre Worte kaum glauben.
„Außerdem verüben sie Anschläge auf Paris", fuhr Feng fort: „Sie haben gesagt, sie wollen die ganze Nacht über Leute umbringen. Team Rainbow ist in voller Stärke ausgerückt."
„Was zum Teufel…", murmelte Jake und versuchte, das Gehörte zu verarbeiten: „Ist Claudette… Ich meine, ist sie in Ordnung? Was haben die Bastarde mit ihr gemacht?"
„Sie musste sich aus einem elektrischen Stuhl befreien", erzählte Feng mit zitternder Unterlippe: „Und… Und ihren Arm in eine Säure stecken."
Jake sagte nichts. Seine Miene hatte sich verfinstert und wieder starrte er hinüber an die weiße Wand, die vollkommen gelichgültig zurückstarrte. Wut machte sich in seinem Magen breit und die Schmerzen in seinen Wunden verstärkten den Effekt nur noch. Nach einem kurzen Moment schaute er wieder zu Feng und wollte etwas sagen, doch er verstummte, als er sah, dass sich Tränen auf ihren Wangen gebildet hatten. Stattdessen griff er nun nach ihrer Hand, die zitternd an ihrer Seite hing.
„Hey", flüsterte er. Feng, die ihren Blick auf den Boden gerichtet hatte, sah langsam zu ihm auf.
„Team Rainbow holt sie da raus", sagte Jake: „Genau wie sie mich rausgeholt haben. Das… Das sind die Besten der Besten. Die schaffen das schon."
Feng nickt schweigend. Sie schien nicht überzeugt zu sein, daher zog Jake sanft an ihrer Hand und sie setzte sich auf Bettkante. Er rutschte etwas zur Seite, sodass sie genügend Platz hatte.
„Warum bist du eigentlich hierhergekommen?", fragte Jake: „Es ist tiefste Nacht. Solltest du nicht schlafen?"
„Ich kann nicht", murmelte Feng: „Und ich wollte dich besuchen."
„Wirklich?"
„Ja", entgegnete die kleine Asiatin empört: „Ist das so schwer zu glauben? Ich dachte, du könntest etwas Gesellschaft vertragen. Außerdem… Außerdem konnte ich nicht mehr mitansehen, wie Claudette… du weißt schon."
„Ich verstehe", murmelte Jake behutsam und schwieg einen Moment. Dann fragte er: „Woher wusstest du eigentlich, dass ich wach bin?"
„Bei dem Alarm?", fragte Feng und ein Lächeln fuhr über ihre Lippen: „Um ehrlich zu sein, ich wusste es nicht. Aber ich habe es angenommen und wollte eben nachsehen."
„Zum Glück", antwortete Jake: „Siehst du die Wand da drüben? Seit ich hier bin, mache ich nichts anders, als diese Wand anzustarren und weder sie, noch das Mädchen da drüben im Bett sind besonders unterhaltsame Gesprächspartner."
Feng kicherte leise und wischte sich eine Träne von ihrer Wange. Dann schaute sie zu Jake und sagte: „Ich hoffe, ich kann dich besser unterhalten."
„Da bin ich mir sicher", lächelte Jake: „Aber die Konkurrenz hat ja ohnehin eher schwach vorgelegt."
Feng nickte. „Also, worüber willst du reden?"
Jake dachte kurz nach und sein Blick glitt kurz hinüber an die weiße Wand, bevor er sagte: „Ich habe dir von Südamerika erzählt. Aber du hast mir nie gesagt, was ihr all die Zeit Zuhause getan habt."
„Was wir Zuhause getan haben?", fragte Feng: „Eigentlich gar nichts. Das Übliche eben."
„Das Übliche", sagte Jake: „Erzähl mir davon."
„Naja", murmelte Feng und überlegte kurz: „Ich habe einen Job gekriegt, in Dwights Firma. Wir sind jetzt sozusagen Arbeitskollegen."
„Einen Job", nickte Jake: „Was machst du denn?"
„Ich bin die Netzwerkadministratorin", antwortete Feng: „Du weißt schon. Ich kümmere mich um die Server, die Systeme und allgemein den ganzen technischen Kram. Mit Computern kenne ich mich schließlich ein bisschen aus und auf jeden Fall besser als dieser gesamte Saftladen. Du wirst mir kaum glauben, was ich da für eine Situation übernommen habe."
„Schlimm?"
„Schlimm ist gar kein Ausdruck", murmelte Feng und legte sich auf die Seite. Sie war nun mit dem Rücken neben Jake an das Kissen gelehnt und starrte ebenfalls an die weiße Wand auf der anderen Seite des Raumes. „Die haben das vorher alles selbst geregelt und ich sage dir, die kennen sich vielleicht mit Zahlen und Geld aus, aber von Netzwerken haben sie keine Ahnung."
„Wie bist du eigentlich an den Job gekommen?", wollte Jake wissen. Die kleine Asiatin stöberte kurz durch ihre Erinnerungen, bevor sie antwortete: „Das war eigentlich reiner Zufall."
„Wie das?"
„Eigentlich wollte ich nur Dwight bei der Arbeit besuchen. Du weißt schon, mal vorbeischauen, hallo sagen und vielleicht ein paar seiner Mitarbeiter kennenlernen. Als ich dann angekommen bin, hatten sie gerade einen ihrer Totalausfälle, für die sie üblicherweise einen halben Tag lang herumtüfteln mussten. Dwight hat dann gesagt, dass ich mich ein wenig auskenne würde und sie haben mich an einen Computer rangelassen. Innerhalb einer viertel Stunde war das System wieder auf den Beinen."
„Einfach so?", staunte Jake: „Und dann?"
„Dann hat mich Dwights Vater, der ja wusste, dass ich eine Arbeit suche, gefragt, ob ich bei ihnen anfangen wolle. In dem Moment war der Job für mich so gut wie jeder andere, also habe ich ja gesagt."
„Haben sie dich gut bezahlt?"
„Pfff, dass ich nicht lache", rief Feng: „Kaum den Mindestlohn haben sie mir gegeben. Aber es hat keinen Monat gedauert, bis klar war, dass sie mich genau so dringend brauchen, wie ich einen Job. Als ich mehr Geld verlangt habe, hab ich´s dann auch bekommen. Jetzt bleibt am Ende des Monats immerhin etwas übrig, wenn die Miete gezahlt ist."
„Das freut mich für dich", sagte Jake: „Es ist schön, dass du dir eine Existenz aufbaust. Nach allem, was wir erlebt haben, könnte dir das um einiges schwerer fallen."
„Ich versuche einfach nicht daran zu denken", murmelte Feng: „Außerdem haben wir hin und wieder Zeit mit Philip und seiner Familie verbracht. Und mit Sally waren wir in New York auf einem Konzert. Ich glaube dadurch, dass wir unsere Alpträume immer in der Nähe hatten, haben sie einiges an Schrecken eingebüßt."
„Wahrscheinlich", bemerkte Jake nachdenklich. Dann drehte er den Kopf und fragte beiläufig: „Ist er eigentlich wirklich so ein Arschloch?"
„Wer?"
„Dwights Boss"
„Mr. Cooper?"
Feng schaute Jake einen Moment lang an, bevor sie mit schiefgelegtem Kopf die Hand hob und eine wippende Geste machte.
„Es geht. Er ist halt nur auf Profitmaximierung aus, alles andere interessiert ihn nicht. Das bedeutet, solange man eine gute Arbeit abliefert und die Produktivität nicht untergräbt, lässt er einen in Ruhe."
„Kein Wunder, dass er nicht gut auf Dwight zu sprechen ist."
„Hey", rief Feng empört: „Er gibt sich alle Mühe. Wirklich. Und seit er mit Claudette zusammen ist… Dwight wirkt einfach viel selbstsicherer und zufriedener. Weißt du was ich meine?"
„Ich glaube schon", nickte Jake. Sie waren wieder bei Claudette angekommen und die Stimmung ihres zunehmend heiteren Gesprächs war sogleich eingebrochen. Bevor jedoch einer von ihnen etwas sagen konnte, drangen plötzlich Geräusche von der Eingangstür herüber. Ein paar Sekunden später knallte sie krachend auf und zwei uniformierte Sanitäter trugen jemanden auf einer Trage herein. Doc kam hinter ihnen durch die Tür, zeigte auf eines der leeren Betten und sagte schnell etwas auf Französisch. Sofort legten die beiden Sanitäter ihren Patienten auf die Krankenstation.
Feng und Jake waren sofort verstummt und hatten das Geschehen überrascht verfolgt, doch niemand schenkte ihnen Beachtung. Stattdessen kümmerten sich die drei Ärzte fokussiert um ihren Patienten und wechselten dabei immer wieder ein paar Worte auf Französisch. Schließlich fragte die Verwundete, bei der es sich um eine Frau handelte: „Ist es schlimm?"
„Nein" Doc schüttelte den Kopf. „Zwei Splitter stecken noch in der Wunde, die Restlichen sind vollständig durchgegangen. Ich hol sie jetzt raus."
Die beiden Sanitäter packten die Frau und hielten sie ruhig, während Doc nach einer Pinzette griff und in die Wunde fuhr. Die Soldatin knurrte unter Qualen, doch kein Schrei entfuhr ihrer Kehle. Sie musste wohl reichlich Erfahrung mit Schmerzen haben.
„Und das war´s", murmelte Doc, nachdem er innerhalb von zehn Sekunden beide Splitter aus der Wunde entfernt hatte. Vorsichtig legte er sie in ein Tablett auf einem nebenstehenden Kästchen, während die beiden Sanitäter die Wunde reinigten und anschließend verbanden.
„Gut", knurrte die Frau: „Wann kann ich wieder zurück?"
„Wohin?", fragte Doc und drehte sich wieder zu ihr um: „In den aktiven Dienst? Das kommt drauf an wie sich die Wunde entwickelt, aber mehr als…"
„Ich meinte heute", unterbrach ihn die Frau: „Zurück zu meinem Team."
„Kannst du vergessen", entgegnete Doc gelassen: „Für die nächsten zwei Wochen bleibst du Taina. Und dann entscheide ich und nur ich, ob du wieder Caveira werden darfst."
Die Operatorin wollte bereits etwas erwidern, doch Doc brachte sie mit einem eindringlichen Blick zum Schweigen. Offenbar hatte sie einigen Respekt vor dem französischen GIGN Arzt. Dieser nickte nun und riet ihr: „Ruh dich aus. Du hast zwei harte Einsätze hinter dir. Und wehe ich finde dich irgendwo außerhalb dieses Krankensaals, dann knallts."
Mit diesen Worten drehte er sich um und wandte sich zum Gehen. Er warf noch schnell einen Blick auf die schlafende Maxine, bevor er schließlich Jake und Feng bemerkte, die ihn mit ihren Blicken verfolgten.
„Bei euch ist alles in Ordnung?", fragte Doc und blieb kurz stehen. Jake bejahte, Doc nickte und setzte dann seinen Weg fort. Einen Moment später fiel bereits die Tür zum Krankensaal ins Schloss und Stille kehrte ein.
Keine Sekunde später wurde sie jedoch gebrochen, als Caveira frustriert auf ihre Matratze schlug und einen portugiesischen Fluch ausstieß. Beinahe im selben Moment zog sich unter Schmerzen zusammen und presste zischend eine Hand auf ihren Bauch. Sie war wohl schwer erwischt worden.
„Ich kenne sie", flüsterte Jake an Feng gewandt: „Ich glaube, sie war dabei, als sie mich in Südamerika befreit haben."
Feng antwortete nichts. Sie schaute hinüber zu der Frau, deren Gesicht mit einer totenkopfartigen Kriegsbemalung überzogen war. Normalerweise hätte sie es als kindisch abgetan, heutzutage jemanden mit Kriegsbemalung in die Schlacht ziehen zu sehen, doch die Tatsache, dass es sich bei Rainbow um eine beeindruckende Truppe handelte und dass sich diese Frau kürzlich ein Gefecht mit den White Masks geliefert hatte, änderte ihre Meinung. Wenn sie diese Frau auf sich zustürmen sehen würde, so dachte Feng, würde sie es sicherlich mit der Angst zu tun bekommen.
„Entschuldigen sie", rief Jake nun etwas lauter und Caveira schaute zu ihm herüber.
„Was ist?"
„Ähm… Ich wollte ihnen danken", sagte Jake: „Sie haben mich doch aus Rio befreit, oder nicht? Ich kann mich kaum noch erinnern."
„Mhm", knurrte die Frau. Feng bemerkte, dass sie offenbar nicht daran gewöhnt war, Dank entgegenzunehmen. Es schien sie in Verlegenheit zu versetzen. Eigentlich seltsam für jemanden, der nichts anderes tat, als Geißeln zu retten.
„Jedenfalls danke ich ihnen", sagte Jake: „Sie haben mir das Leben gerettet."
Caveira antwortete nichts und quittierte den Dank nach einem Moment mit einem Nicken. Im Gegensatz zu Operatorinnen wie Twitch war sie wohl kaum der gesprächige Typ. Die Französin war um einiges freundlicher gewesen, doch wahrscheinlich lag die momentane Rauheit Caveiras in ihren nur kurze Zeit zurückliegenden Kampfeinsätzen begründet. Jedenfalls war die Stimmung im Saal an einem neuen Tiefpunkt angelangt, den sie für den Rest der Nacht wohl nicht mehr überwinden würde.

„Miss Karlsson?"
„Ja?"
„Bitte folgen sie mir."
Nea stand mit unsicheren Beine auf und sprang hinunter auf den kalten Asphalt. Die Blaulichter der Streifenwagen reflektierten sich in den umliegenden Fenstern und warfen unnatürlich tanzende Schatten auf die Umgebung. Valkyrie wartete, bis sich die Schwedin orientiert hatte und warf dann die Hintertür des Militärtrucks zu. Anschließend marschierte sie sofort los die Straße hinunter und Nea musste sich beeilen, um nicht zurückzufallen.
„So wie´s aussieht, müssen wir schon auf sie zurückgreifen", sagte die Operatorin, während Nea besorgt auf die MPX in ihren Händen starrte: „Wir haben hier wirklich einen Vorfall mit dem… dem Nebel. Wir können nicht hinein, also müssen sie gehen, Miss Karlsson."
„Bitte nennen sie mich Nea."
„Wie sie wünschen"
Die beiden bogen nun um eine Straßenecke und Nea wäre beinahe über die Gehsteigkante gestolpert, als sie die gigantische Nebelwand erblickte, die dort unten an einer Kreuzung den Weg versperrte. Die restlichen Operatoren des Teams hatten sich aufgeteilt und sicherten in einigem Abstand zueinander die Umgebung. Valkyrie und Nea gingen direkt auf Tachanka zu, der in stoischer Haltung direkt vor dem schwarzen Nebel stand. Er hatte sein altmodisches DP-28 gelassen über die Schulter geworfen und das Visier seines Helms nach oben geklappt. Offenbar erwartete er keinen unmittelbaren Feindkontakt.
„Guten Abend", grüßte er, als Nea vor ihm zum Stehen kam: „Sind sie bereit für eine Mission?"
Nea schaute ihn kurz an, bevor sie mit einem Kloß im Hals nickte. Tachanka schien ihre Unruhe zu spüren, denn er sagte: „Ganz ruhig. Sie haben die besten Soldaten der Welt hinter sich und die GIGN sichert in diesem Moment die gesamte Umgebung."
Es half, wenn auch nur wenig. Tachanka hob nun die Hand und deutete mit dem Daumen auf die dunklen Schwaden hinter sich.
„Sieht das für sie nach ihrem sogenannten Nebel aus?"
„Das ist er", antwortete Nea: „Mit Sicherheit."
„Das dachte ich mir", sagte Tachanka: „Wie erwartet haben wir keine Möglichkeit dort hineinzukommen und die White Masks aller Wahrscheinlichkeit auch nicht. Ich hab´s versucht, aber sobald ich einen Fuß in den Nebel setze, dreht sich mein Kopf im Kreis. Aber bei ihnen nicht, oder?"
„Ich glaube nicht", sagte Nea und Tachanka nickte: „Gut. Dann schicken wir sie jetzt da hinein. Ihre Aufgabe lautet, nach Zivilisten zu suchen und sie hier herauszuführen. Alle, die sich in diesem Nebel befinden, leiden große Schmerzen, also beeilen sie sich. Gehen sie trotzdem mit Vorsicht vor. Sie sind keine Soldatin, also untersage ich ihnen, ihr Leben zu riskieren. Falls sie die kleinsten Anzeichen von Feindkontakt oder anderen Gefahren bemerken, brechen sie sofort ab und kommen hier her zurück. Verstanden?"
Nea nickte.
„Team Rainbow und die Bürger von Paris stehen in ihrer Schuld", sagte Tachanka: „Wir stehen hinter ihnen so gut wir können. Sollte sich der Nebel etwas zurückziehen, rücken wir sofort nach. Alles andere liegt jetzt bei ihnen."
Damit trat er zur Seite und machte Nea den Weg in den Nebel frei. Die Schwedin blieb für einen Moment stehen, bevor sie mit zittrigen Fingern die Pistole aus dem Holster an ihrer Hüfte zog. Für erste ließ sie die Sicherung aktiv, doch Nea wusste genau, welchen Hebel sie bedienen musste, um die Waffe scharf zu machen. Die kugelsichere Weste um ihren Oberkörper wog schwerer denn je. Trotzdem nahm Nea nun zwei entschlossene Schritte nach vorne und tauchte mit den dritten bereits in den Nebel ein.
Kurz wurde ihr schwarz vor Augen. Ein monotones Summen füllte ihre Ohren und sie konnte ihren Herzschlag hören. Dann ein metallisches Kratzen und kurz darauf Stille. Nea öffnete die Augen.
Vor ihr befand sich eine verlassene Straße, die genauso aussah, wie die, von der sie gerade gekommen war. Mit einem Blick über die Schulter erkannte sie, dass es sich tatsächlich um genau diese handelte. Keinen Meter hinter ihr zog sich eine seltsame Wand nach oben, die aus angelaufenem Glas zu bestehen schien und hinter der sie die Gestalten der Rainbow Operatoren erkennen konnte. Als Valkyrie etwas sagte, hallte ihre Stimme gedämpft in den Nebel herüber.
„War das eine gute Idee?"
„Ich weiß es nicht", antwortete Tachanka: „Aber es ist momentan unsere einzige Option. Und dafür sind sie schließlich hier, oder nicht?"
Valkyrie nickte. Die Amerikanerin schien offenbar nicht wirklich damit einverstanden zu sein, Nea allein in den Nebel zu schicken. Doch die Schwedin war sich klar, dass die Alternative im Nichtstun bestand und sie war noch nie eine große Freundin des Nichtstuns gewesen. Entschlossen drehte sie sich wieder nach vorne.
Ihre Schritte sandten ein unheimliches, unnatürliches Echo die dunkle Straße entlang, als sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzte. Der von dem Nebel verschluckte Stadtteil war etwas dunkler, schattiger, beinahe so, als ob jemand einen Blaufilter über die Welt gelegt hätte. Seltsamerweise schienen die Straßenlaternen nach wie vor einwandfrei zu funktionieren. Elektrischer Strom konnte wohl ungehindert in den Nebel hineinfließen.
Ein seltsamer Dunst zog sich über den Boden und nachdem sie ein paar Schritte getan hatte, bemerkte Nea, dass es eiskalt geworden war. Ihr Atem bildete kleine Tauwölkchen in der Luft und eine Gänsehaut glitt über ihre nackten Arme.
„Nächstes Mal bringe ich eine verdammte Jacke mit", knurrte die Schwedin mit klapperten Zähnen und schaute sich um. Sie stand auf einer weitläufigen Kreuzung, die zu einem Großteil vom Nebel verschluckt worden war. Auf den Blättern und Ästen der Bäume, die in regelmäßigen Abständen zwischen Straße und Gehsteig gepflanzt worden waren, hatte sich bereits Frost abgesetzt.
Um sie herum befand sich mehrere Wohnhäuser, ein paar Geschäfte und an der Ecke direkt neben der Kreuzung ein Supermarkt. Mit einem plötzlichen Schock realisierte Nea, dass sich in beinahe allen Häusern Familien befinden mussten. Wie zur Hölle sollte sie die alle hier herausbekommen?
Sie wollte gerade loslaufen, als sie ein Geräusch aus dem Supermarkt dringen hörte. Anscheinend war eines der Regale umgefallen und hatte ein krachendes Echo erzeugt. Nun hörte sie den leisen Motor der elektrischen Eingangstür und mit einem mulmigen Gefühl im Bauch erhob sie ihre Stimme: „Hallo? Ist… Ist da jemand?"
Ihr Ruf hallte durch die Dunkelheit des Nebels und kurz darauf hörte sie eine unterdrücke Antwort: „Ha… Hallo? Aaah. Je suis ici! J'ai besoin d'aide!"
Nea verstand zwar kein Französisch, doch sie wusste genau, dass die Person ihre Hilfe brauchte. Sofort lief sie hinüber zu dem Supermarkt und rannte die kurze Treppe zum Eingang hinauf. Ein umgefallener Einkaufswagen versperrte ihr den Weg, doch sie überwand das Hindernis mit einem gekonnten Sprung.
Im Inneren des Supermarktes war es stockdunkel und ihre Augen stachen kaum zwei Meter in die Finsternis. Die Straßenlaternen warfen nur spärliches Licht durch die Schaufenster herein, doch es war genug, um eine auf dem Boden zusammengekrümmte Gestalt zu erkennen. Eilig rannte Nea hinüber und legte dem Mann eine Hand auf die Schulter.
Er stieß einen erschrockenen Schrei aus, doch Nea ließ sich nicht beirren. In langsamem Englisch erklärte sie: „Ich hole sie hier raus. Kommen sie."
Der Mann hatte sie wohl verstanden, denn er wehrte sich nicht, als Nea unter seine Arme griff und ihn nach oben zog. Keuchend stellte sie ihn auf die Beine, während seine Augen blind umherfuhren. Verwirrt versuchte sich der Mann nach vorne zu tasten, bevor er die Hände fluchend an die Seite seines Schädels presste.
Nea legte nervös eine Hand um seine Schulter und bugsierte ihn an dem umgefallenen Einkaufswagen vorbei. Draußen auf den Stufen wäre er fast gestolpert, doch der Mann schien den Ort zu erkennen. Er wusste, wo er sich befand. Zielstrebig ließ er sich von Nea leiten, die ihn auf die wenige Meter entfernte Grenze zuführte. Keine fünf Sekunden später brachen sie durch die Nebelwand.
Bevor Nea sich orientieren konnte, war Hibana bereits herbeigeeilt und hatte ihr die Last des Mannes abgenommen. Hustend stütze sich der Franzose auf die Soldatin, während er unbeholfen in die Knie ging. Erst nach einem kurzen Augenblick entspannte er sich ein wenig, als seine Sinne wieder klar zu funktionieren begannen und ängstlich schaute er sich um.
„Das ging ja schnell", bemerkte Valkyrie und Nea drehte sich zu ihr um. Die Schwedin antwortete: „Ich habe ihn sofort gefunden, er war keine zwanzig Meter drinnen. Aber es handelt sich immer noch um Paris, nicht um einen anderen Ort, wie wir angenommen hatten. Ich kann euch sogar sehen von da drinnen."
„Wirklich?"
Nea nickte. Sie wollte bereits zurück in den Nebel eilen, doch bei dem Gedanken an all die Zivilisten, an all die Familien und Kinder, die auf ihre Rettung warteten, rutschte ihr das Herz in die Hose. Sie würde Stunden brauchen, jeden einzelnen aus dem Nebel zu führen. Glücklicherweise kam ihr eine Idee.
„Worauf wartest du?", wollte Valkyrie wissen, als Nea kurz zögerte.
„Im Wagen sind doch ein paar Seile, oder?", fragte die Schwedin.
„Ähm… ja, wieso?"
„Wir sind hier in einem Wohnviertel", erklärte Nea: „Dieser Nebel umschließt einen gesamten Block und es dauert zu lange, wenn ich jeden einzeln herausführen muss. Aber sie brauchen mich nur, um den Weg zu finden, nicht, um zurück in die Realität zu gelangen. Warum nehmen wir nicht ein Seil und machen es hier irgendwo fest, sodass ich all die Menschen einfach auf die Reise schicken kann. Das Seil wird ihnen die Richtung zeigen."
„Das ist eine gute Idee", kommentierte Tachanka und Valkyrie machte sich sofort auf den Weg. Nea blieb mit dem restlichen Team zurück und während sie auf die Seile warteten, tauschte sie ein paar Worte mit dem alten Russen.
„Du siehst uns also von da drinnen?", fragte er und Nea nickte: „Mhm"
„Hast du sonst noch jemanden gesehen? Ich meine, außer ihm." Tachanka deutete auf den Mann, den die Schwedin soeben gerettet hatte. Nea schüttelte den Kopf: „Nein, ich… ich war allein. Zumindest habe ich niemanden bemerkt. Keine White Masks weit und breit."
„Das sind gute Nachrichten", sagte Tachanka und verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Es war eine seltsame Erfahrung, einfach nur danebenstehen zu müssen ohne etwas unternehmen zu können, die er schon seit langer Zeit nicht mehr gemacht hatte. Nun vertraute das gesamte Team auf ein schwedisches Mädchen. Aber er musste es ihr lassen, sie hatte saubere Arbeit geleistet mit dem ersten Mann. Hoffentlich kam der Mission nichts in die Quere.
„Hier", rief Valkyrie und kam vor Tachanka zum Stehen. Zwei schwere Seilrollen lagen in ihren Händen und ohne Zeit zu verlieren reichte sie sie an Nea weiter. Diese hängte sich die Seile um ihren Oberkörper, eines links, eines rechts, sodass sie die Hände frei hatte. Eines der Enden gab sie nun an Tachanka weiter, der entschlossen die Faust um das Seil schloss.
„Gut festhalten", murmelte Nea. Dann drehte sie sich um und tauchte wieder in den Nebel ein.

Leichten Schrittes schlich Claudette den steinernen Gang entlang. Geradewegs durch einen Torbogen, dann um eine Ecke und schließlich wieder in einen der unzähligen Abschnitte, in denen sich ihr Pfad mit Chloes kreuzte. Wie immer waren die beiden von einem robusten Zaun getrennt, doch wenigstens konnten sie miteinander sprechen.
„Was glaubst du, wie lange geht das noch so weiter?", fragte Chloe und machte kurz am Zaun halt. Claudette blieb ebenfalls stehen und versuchte die Schmerzen auf ihrem Arm zu ignorieren während sie antwortete: „Ich weiß es nicht. Das letzte Mal habe ich keine halbe Stunde gebraucht, also kann die dritte Station nicht mehr weit sein. Vorausgesetzt die Entfernungen bleiben in etwa dieselben."
Chloe schnaubte verächtlich. „Ich frage mich, was die machen, wenn wir einfach stehenbleiben und nicht mehr weitergehen."
„Warum sollten wir das tun?", fragte Claudette.
„Weil wir ihr verficktes Spiel nicht mitspielen", entgegnete Chloe: „So wie das aussieht, haben die hier einen höllischen Aufwand betrieben, um diesen ganzen Blödsinn vorzubereiten. Da muss einiges dahinterstecken, sonst würden die das niemals tun. Ich glaube stark, dass die uns nicht einfach umbringen. Sonst hätten sie das wohl schon längst getan. Nein, diese Wichser brauchen uns noch."
„Ich weiß nicht", zweifelte die Kanadierin: „Die Regeln des Spiels waren eindeutig. Wir müssen entkommen, alles andere ist egal. Wie lange wir dafür brauchen, davon war nie die Rede. Ich glaube, die würden uns einfach sitzen lassen, bis wir von selbst weitergehen."
„Geht es dir nicht auch auf den Zeiger einfach so nach ihrer Pfeife zu tanzen?", konterte Chloe, doch Claudette schüttelte nur den Kopf: „Es gibt Situationen, in denen einem einfach keine Wahl bleibt, als zu gehorchen."
„Es gibt immer einen Weg."
„Vielleicht", sagte Claudette: „Aber denk an Max. Wahrscheinlich ist sie unsere nächste Mitspielerin. Je schneller wir sie befreien, umso besser."
Dieses Argument schien zu wirken. Chloe schaute kurz den dunklen Gang hinunter, der sich einige Meter weiter bereits wieder von Claudettes Weg trennte, bevor sie sich ruckartig in Bewegung setzte und dem Korridor folgte.
Das blauhaarige Mädchen schien einen sensiblen Punkt für alles zu haben, was etwas mit Max zu tun hatte. Für gewöhnlich gab sich Chloe als die Harte, doch sobald es um Max ging, machte sie eine Ausnahme. Die beiden schien eine tiefe Freundschaft zu verbinden, dachte Claudette, vielleicht sogar etwas mehr.
Schweigend setzte sich die Kanadierin selbst in Bewegung und folgte ihrem eigenen Pfad, der sie bereits nach wenigen Metern wieder von Chloe trennte. Kurz schlich sie allein durch die Dunkelheit. Dann nach wenigen Metern trafen sie sich wieder und Chloe fuhr nervös mit den Fingern am Maschendrahtzaun entlang. Ein metallenes Klappern tönte durch die leeren Gänge. Es dauerte nicht lange, bis sie wieder voneinander getrennt wurden, doch als Claudette im eine Ecke bog, blieb sie abrupt stehen.
„Hey, Chloe", rief sie den Gang entlang zurück: „Hö… Hörst du mich?"
„Ja", kam die Antwort: „Was ist los?"
„Bei mir ist eine Tür", rief Claudette und nervös spannte sie die Muskeln in ihrem rechten Arm an: „Mit der Aufschrift Station Nr. 3"
„Wa… Fuck!"
„Was ist?"
„Bei mir ist auch eine", antwortete Chloes dumpfe Stimme aus der Dunkelheit. Das Echo hallte noch einen Moment durch die Finsternis, bevor wieder Stille einkehrte. Eine einsame Neonröhre an der Decke tauchte das Gewölbe in fahles Licht und ließ die schwebenden Staubpartikel glitzern. Claudette drehte sich langsam wieder zu der Tür um.
„Ich gehe rein", rief sie und legte bereits eine Hand auf die Klinke, doch Chloe hielt sie zurück
„Warte!"
„Was ist?"
Es dauerte einen Moment bis die Stimme des blauhaarigen Mädchens antwortete: „Ich… Ich weiß nicht. Ich habe kein gutes Gefühl dabei."
„Wir müssen weiter, Chloe", antwortete Claudette und entschlossen drückte sie die Tür auf. Wie bereits die ersten paar Male hallte ein ohrenzerfetzendes Quietschen durch die Gänge und Claudette glaubte dasselbe Geräusch auch aus Chloes Richtung zu vernehmen. Mit mulmigem Gefühl im Magen trat sie in den hinter der Tür liegenden Raum.
Es handelte sich um eine relative große Halle. Im Vergleich zur Gedrängtheit der bisherigen Räume war sie geradezu riesig. Vier steinerne Säulen hielten eine leicht gewölbte Decke etwa vier Meter über Claudette und mehrere Scheinwerfer tauchten die karge Halle in spärliches Licht. Der altbekannte Zaun zog sich direkt durch die Mitte und teilte die Halle in zwei etwa gleichgroße Hälften. Ein seltsamer Kasten war in die Abtrennung eingearbeitet worden.
„Hey", rief Chloe, die gerade eben auf der anderen Seite durch eine Tür gekommen war. Erleichtert stellte Claudette fest, dass sie sich für die dritte Station wenigstens sehen durften, was auch immer hier auf sie zukam. Nervös nickte ihr die Kanadierin zu, doch Chloes Blick ging an ihr vorbei.
„Ist… Ist das Max?", fragte sie und zeigte auf einen Bereich hinter Claudette, die sich sofort umdrehte. Dort in der Dunkelheit stand ein eiserner Stuhl. Rotbrauner Rost zog sich an der Oberfläche der groben Konstruktion entlang, doch Claudette war sich sicher, dass das Metall jeder Gewalteinwirkung wiederstehen würde.
Auf der Sitzfläche befand sich eine Person. Ihr Kopf war unter einem schwarzen Sack verborgen, ihre Extremitäten steckten in dicken Metallfesseln, doch aufgrund des Körpers erkannte Claudette, dass es sich um eine Frau handeln musste.
Ohne zu zögern lief sie hinüber und trat an die gefesselte Person heran. Vorsichtig legte Claudette eine Hand auf den schwarzen Sack und als sie den Kopf berührte, zuckte die Frau zurück. Sie war offensichtlich bei Bewusstsein.
Claudette überlegte einen Moment. Vielleicht würde sie durch das Entfernen des Stoffes irgendeinen grausamen Effekt auslösen. Doch sie musste wissen, wer die Person war. Es handelte sich höchstwahrscheinlich um ihre nächste Mitspielerin. Außerdem war es nicht Max, die um einiges kleiner war. Langsam zog Claudette den schwarzen Sack vom Kopf der Frau, doch als sie erkannte, wen sie vor sich hatte, schreckte sie überrascht zurück.
„Jade?"
Philips Nichte hatte einen schmutzigen Stoffknebel im Mund, der jeden ihrer Hilfeschreie in dumpfes Wimmern verwandelte. Ihr Gehör war mit Ohrenstöpseln blockiert worden und zusammen mit dem schwarzen Stoffsack hatten sie dafür gesorgt, dass Jade die Welt um sich herum nicht mehr hatte wahrnehmen können. Eilig zog Claudette den Knebel aus ihrem Mund und entfernte die Ohrenstöpsel, woraufhin Jade in keuchendes Husten ausbrach.
„Jade", sagte Claudette beruhigend und legte beide Hände auf die Schultern der Gefesselten: „bist du okay?"
„Clau… Claudette?", schluchzte Jade und ihre stechend grünen Augen zuckten über das Gesicht der Kanadierin: „Was… Was ist hier los? Wo bin ich?"
Ihre Stimme wurde von Angst geschüttelt und die Worte brachen nur abgehakt und hysterisch hervor. Tränen rollten ihre Wangen nach unten und Claudette erkannte schnell, dass Jade unter Schock stand. Sie aus diesem Stuhl zu befreien würde ihrer Angst wohl etwas Abhilfe schaffen, doch Claudette vermutete bereits, dass das nicht ohne weiters gehen würde. Eilig prüfte sie die Metallfesseln und sagte beruhigend: „Ich weiß es nicht, Jade, aber hör mir zu. Alles wird gut, okay? Wir holen dich hier raus. Halt einfach still."
Wie erwartet ließen sich die Fesseln nicht lösen. Fest verschlossen und mit stabilen Scharnieren versehen hinderten sie Jade an jeder Bewegung. Sie konnte nicht einmal den Kopf drehen. Ein Metallring, ähnlich wie jener, der Claudette selbst zu Beginn der Tortur festgehalten hatte, sorgte dafür, dass ihr Kopf geradeaus gerichtet blieb. Beim näheren Hinsehen stellte Claudette außerdem fest, dass eine Reihe an Zahnrädern und Stangen in dem Stuhl steckten. Es handelte sich um irgendeine monströse Vorrichtung, so viel war klar.
Plötzlich schallte ein statisches Rauschen durch das Gewölbe, das Claudette bereits vorher gehört hatte. Ruckartig drehte sie sich um und schaute hinüber zu Chloe, die ebenfalls herumfuhr. Auf ihrer Seite der Halle, halb in der Dunkelheit verborgen, stand ein altes Fernsehgerät. Es befand sich auf einem niedrigen Hocker an der Wand direkt in Jades Blickrichtung und der Bildschirm war bisher stets dunkel geblieben. Nun hatte sich das Gerät wie von selbst eingeschaltet. Wenig später tauchte die unheimliche Fratze ihres grausamen Spielemeisters auf.
„Guten Abend, Jade", hallte die tiefe Stimme durch das Gewölbe: „oder sollte ich vielleicht einen guten Morgen wünschen? Ah, ich glaube dafür ist es wohl noch etwas zu früh. Bis zum Morgengrauen haben wir noch ein paar Stunden Zeit."
Chloe, Claudette und Jade starrten alle drei wortlos auf das Abbild der unheimlichen Puppe, die eine kurze Pause einlegte, bevor sie fortfuhr.
„Du fragst dich sicher, wo, wer, wie, warum… Alles zu seiner Zeit, Jade, alles zu seiner Zeit. Bevor wir dich über unser kleines Spiel unterrichten, habe ich eine weitere Herausforderung für deine beiden Mitspielerinnen hier. Willkommen zu Station Nummer drei."
Chloe hielt ihren Blick ausdruckslos auf dem Bildschirm gerichtet, während Claudette kurz über die Schulter zu Jade schaute.
„Sicherlich ist euch der Stuhl aufgefallen, in dem unsere liebe Jade einigermaßen unfreiwillig Platz genommen hat. Euere Aufgabe ist simpel und besteht darin, sie aus diesem Stuhl zu befreien. Wie gehabt findet unser Spiel unter Zeitdruck statt, doch die genaue Dauer hängt ganz davon ab, wie lange Jades Gliedmaßen an ihrem Körper bleiben, sobald sich die Zahnräder in diesem Stuhl zu drehen beginnen. Ich habe Amanda damit beauftragt, die Konstruktion mit einer Verzögerung von zwei Minuten in Gang zu setzen, aber ich kann für nichts garantieren. Sie hat die schlechte Angewohnheit an ihren Stoppuhren herumzubasteln."
Die Puppe legte eine kurze Pause ein, in der Jade panisch umherschaute. Ihr Blick schoss hinüber zu Chloe, dann zu Claudette und schlussendlich wieder auf den Fernseher. Sie hatte immer heftiger zu zittern begonnen, als die Puppe ihr die Spielregeln erklärt hatte und wieder rollten Tränen der Angst ihre Wangen nach unten. In der Konstruktion konnte sie sich kaum rühren.
„Um Jade zu befreien", sagte die Puppe und richtete ihren Blick auf Chloe: „müsst ihr nur eines tun. In der Mitte des Zauns, der diesen Saal in zwei Abschnitte teilt, befindet sich eine sogenannte Jigsaw Box, eine Konstruktion meines alten Meisters. Sie ist darauf ausgelegt, einem freiwilligen Spender Blut abzuzapfen und ab einer gewissen Menge ein Signal zu senden. Dieses Signal wird die Fesseln an Jade lösen und ihr habt gewonnen."
Eilig lief Claudette hinüber zu der metallenen Box und bückte sich etwas nach unten. Sie befand sich in etwa auf Brusthöhe und auf beiden Seiten des Objekts gab es kreisrunde Löcher, die offensichtlich zum Einführen von Armen gedacht waren. Das Innere der Box lag im Halbdunkel, doch Claudette glaubte die blinkende Schneide eines Sägeblatts ausmachen zu können.
„Natürlich wird es am schnellsten gehen, wenn ihr beide eurer Bestes gebt", sagte die Puppe: „Aber ich sehe doch von hier aus, dass sich Claudette kaum mehr auf den Beinen halten kann. Warum übernimmst du nicht ihre Last Chloe?"
„Halt die Fresse!", rief Claudette und schlug mit ihrer linken Faust gegen den Maschendrahtzaun. Sie konnte sich nicht konzentrieren, solange diese Puppe sie mit ihren kranken Sprüchen malträtierte. Zur Antwort kam nur ein kaltes, grausames Lachen. Dann sagte die Puppe: „Und bevor ich es vergesse, gebe ich schnell noch das nächste Ziel für unsere Freunde aus Team Rainbow bekannt. Ich glaube, somit sind alle Beteiligten informiert. Lassen wir das Spiel beginnen."
Wieder füllte statisches Rauschen den Bildschirm, bevor sich das Fernsehgerät nach wenigen Sekunden von selbst abschaltete. Kurz füllte Stille den Raum, bevor Chloe flüsterte: „Er hat recht."
„Was?", fragte Claudette.
„Er hat recht" wiederholte Chloe: „Du hast mir letztes Mal den Arsch gerettet. Dieses Mal übernehme ich."
Eine Sirene ertönte und kurz darauf erwachte die Jigsaw Box zwischen ihnen beiden zu kreischendem Leben, als sich die Kreissägen im Inneren wild zu drehen begannen. Beide traten sie einen Schritt zurück, als sich das laute Geräusch auf ihre Ohren presste.
„Fuck", rief Chloe und machte wieder einen Schritt nach vorne. Claudette schaute kurz über die Schulter zu Jade, die panisch in ihren Fesseln hing und kaum einen Angstschrei hervorbrachte. Eilig drehte sie sich wieder nach vorne und trat ebenfalls auf die Box zu.
„Nein", sagte Chloe bestimmt: „Ich mach das."
„Chloe…"
„Vertrau mir", rief Chloe und Claudette verharrte mitten in der Bewegung. Ihre Hände waren bereits in Richtung der Löcher gewandert, doch ein Blick den Chloe ihr über die Box hinweg zugeworfen hatte, hatte sie innehalten lassen.
Langsam zog sie ihre Arme wieder zurück und Chloe schaute nach unten. Direkt über der Box befand sich eine kleine Uhr, die in roten LEDs die Zeit stoppte. Ab zwei Minuten würde sich der Stuhl aktivieren hatte die Puppe gesagt. Allerdings hatte sie auch davor gewarnt, sich nicht zu sehr auf die Präzision ihrer Aussage zu verlassen.
„Fuck", rief Chloe erneut, bevor sie den rechten Arm, in die Öffnung einführte. Sie konnte nicht sehen, was sich in der Maschine abspielte, ob die Sägen fixiert waren, oder sich umherbewegte. Mit aller Kraft versucht sie, ihre Hand ruhig zu halten und das unkontrollierbare Zittern ihrer Hände zu verhindern. Langsam fuhr sie immer tiefer in die Box, bis plötzlich etwas schmerzhaft in ihren Handrücken schnitt. Sie stieß einen unterdrückten Schrei aus. Warmes Blut rann übe ihre Hand und tropfte hinunter auf das schmutzige Blech, doch es war mit Sicherheit nicht genug.
Vorsichtig hob sie nun auch den linken Arm und steckte ihn in das zweite Loch. Langsam drang sie weiter vor, während sie ihre Rechte angestrengt stillhielt. Sie konnte den Luftzug, den die Sägen verursachten auf ihrer Haut spüren und sie fragte sich, wie viel Platz noch zwischen ihrem Arm und der nächsten Klinge blieb. Die Uhr über der Box stand bereits bei fünfzehn Sekunden.
Chloe stieß einen langgezogenen Schrei aus, als sich mit einem Mal eine der Sägen tief in ihren linken Unterarm fraß. Sofort zuckte sie zurück, wodurch sie an zwei weitere Sägens stieß. Beißend schnitten sie tief in Chloes Fleisch, beinahe bis hinunter auf den Knochen.
Unter höchster Anstrengung schaffte sie es ihren Arm ruhig zu halten. Blut war aus dem linken Loch gespritzt und Chloe spürte, wie die warme Flüssigkeit in Strömen an ihrer Haut hinunterlief. Wären die Sägen nicht so laut gewesen, hätte man es wohl wie Regentropfen auf das Metall trommeln hören können.
„Chloe", rief Claudette und stellte sich neben die Jigsaw Box an den Zaun. Ihr Blick galt dem schmerzverzerrten Gesicht des blauhaarigen Mädchens, das sich schwer keuchend und zitternd auf den Beinen hielt. „Alles in Ordnung?"
„Dieser Wichser", knurrte Chloe und sah grimmig auf. Ihre Augen glühten vor Hass, doch es war klar, dass sie nicht aufgeben würde. Immer noch steckten ihre Arme in der grausamen Box.
„Hey", sagte Claudette plötzlich: „Hier auf der Seite ist eine Anzeige."
„Für was?", fragte Chloe hinter zusammengebissenen Zähnen hervor, als sie sich wieder an einer der Sägen geschnitten hatte. Die ganze Zeit über tropfte Blut von ihrem Arm und hinunter in den metallenen Behälter.
„Für dein Blut", antwortete Claudette und kniete sich hin. Es handelte sich um ein langgezogenes, vertikales Glasfenster, das Einsicht in den Pegel des gespendeten Blutes erlaubte.
„Es steht immer noch viel zu tief, gerade Mal einen Zentimeter. Wir brauchen mehr. Warte ich helfe…"
„Untersteh dich" rief Chloe und bevor Claudette reagieren konnte, hatte sie bereits ihren rechten Arm gegen eine der Sägen gedrückte. Ein schrilles Kreischen gellte durch das Gewölbe als die Kreissäge in Chloes Arm schnitt und vereinte sich mit ihrem spitzen Schmerzensschrei. Claudette machte unwillkürlich einen Schritt zurück angesichts der grausamen Selbstfolter, der Chloe sich soeben unterzog. Am liebsten würde sie sich abwenden, doch sie durfte Chloe in ihrem Leiden nicht allein lassen. Die Uhr ging auf vierzig Sekunden zu.
„Gut", murmelte Claudette, als sie einen weiteren Blick auf die Anzeige geworfen hatte: „Du schaffst das."
Chloe antwortete nicht, doch ihr Blut stieg langsam, aber stetig in der Anzeige nach oben. Chloe fürchtete bereits, dass die Sägen eine der Hauptschlagadern erwischt hatte. In diesem Fall mussten die Schnitte sofort verbunden und ihr Arm abgeklemmt werden, um ihren Blutverlust auf ein Minimum zu beschränken. So oder so würde Chloe eine Menge Blut verlieren und sicherlich geschwächt aus der Station hervorgehen. Claudette spähte kurz hinauf auf die Uhr. Sie hatten gerade eine Minute überschritten.
„Alles in Ordnung?", fragte Claudette und richtete ihren Blick wieder auf Chloe. Das blauhaarige Mädchen keuchte schwer und hatte sich mit der Stirn gegen die Jigsaw Box gelehnt. Mit zusammengebissenen Zähnen ertrug sie die Schmerzen, die durch ihre Arme zuckten, als sie hin und wieder die Sägen berührte, um eine neue Wunde zu schlagen. Je mehr Wunden, umso mehr Blut.
„Wie weit sind wir?", knurrte Chloe und Claudette schaute hinunter auf den Blutpegel.
„Weit genug", antwortete sie: „Knapp über die Hälfte, und wir haben noch eine Minute Zeit. Bitte sag mir, wenn du Hilfe brauchst."
„Nein"; flüsterte Chloe: „Ich pack das."
Claudette nickte grimmig. Am liebste hätte sie ihr eine Hand auf die Schulter gelegt, sie am Arm berührt, oder irgendwie sonst über direkten Kontakt unterstützt. Leider waren sie durch diesen verfluchten Maschendrahtzaun getrennt. Sollte Chloe das Bewusstsein verlieren, so hatte Claudette keine Möglichkeit ihr zu Hilfe zu eilen. Sie würde direkt vor ihren Augen verbluten. Die Uhr überschritt nun eine Minute und zwanzig Sekunden.
„Bist du sicher, dass du keine Hilfe brauchst?", fragte Claudette besorgt. Natürlich brannte sie nicht darauf, ihre Arme in eine Kiste voller Kreissägen zu stecken, doch sie war sich sicher, dass sie die Schmerzen aushalten konnte. Sie hatte schon Schlimmeres ertragen und zusammen würden sie den Behälter mit Sicherheit rechtzeitig gefüllt haben.
„Wie weit ist das Blut?", fragte Chloe und verzog das Gesicht.
„Weit genug", antwortete Claudette besorgt.
„Dann halt dich raus."
Claudette wollte bereits etwas erwidern, doch ein spitzer Schrei hallte durch den Saal und ließ sie verstummen. Sofort fuhr die Kanadierin herum und schaute zu Jade, die in blinder Panik einen weiteren Schrei ausstieß. Der Grund dafür waren die Zahnräder im Inneren des Stuhls, die sich unter metallischem Quietschen langsam zu drehen begonnen hatten. Mit ihnen drehten sich die Fesseln um Jades Gliedmaßen und zogen Arme und Beine des Mädchens mit herum. In wenigen Sekunden würde sie keine mehr haben.
Fluchend schaute Claudette auf die Stoppuhr über der Jigsaw Box. Es fehlten noch dreißig Sekunden bis zur Zwei Minuten Marke. Die Puppe hatte also recht gehabt. Amanda hatte an dem Timer für die Vorrichtung herumgebastelt und nun waren sie hoffnungslos zu spät. Chloe würde die Box niemals rechtzeitig mit Blut auffüllen. Zumindest nicht allein. Ohne weiter nachzudenken sprang Claudette nach vorne und steckte beide Hände in den Behälter.
Ein gequältes Kreischen entfuhr ihren Lippen, als die Kreissägen tief in ihre Haut schnitten. Vor allem ihr verätzter, rechter Arm schien mit einem Mal in Flammen zu stehen und nur mit Mühe konnte Claudette dem Impuls widerstehen, ihn umgehend aus dem Foltergerät herauszuziehen. Warmes Blut rann über ihre Arme hinab und tropfte in den Behälter, dessen Anzeige sich nun doppelt so schnell füllte wie vorher. Sie konnten es schaffen.
Chloe richtete ihren Blick auf Claudette und über die Jigsaw Box hinweg schauten sich die beiden direkt in die Augen. Es half, als sich ihre Blicke miteinander verschränkten und sie sich gegenseitig Kraft spendeten. Es half, dass sie die Tortur nicht allein durchstehen mussten. Sie waren zu zweit, gemeinsam waren sie stark genug.
Eine Sirene ertönte und langsam verringerte sich das Geräusch der Kreissägen, als sich die Jigsaw Box abschaltete. Die Uhr über ihnen war stehengeblieben, kurz bevor sie zwei Minuten erreicht hatte und mit einem erschöpften Seufzen ging Claudette zu Boden. Sie zog sich noch mehrere Schnitte zu, als sie ihre Arme unbeholfen aus der Jigsaw Box zog.
Chloe ging es kaum anders. Schwer atmend ging sie auf der anderen Seite des Zauns in die Knie. Doch Claudettes Aufmerksamkeit galt zuerst jemand anderem. In ängstlicher Erwartung drehte sie sich herum. Erst als ihr Blick auf Jade fiel, die auf allen vieren auf dem Boden kauerte, hinter ihr der leere Stuhl und die geöffneten Fesseln, erlaubte sich die Kanadierin erleichtert aufzuatmen Sie hatten es geschafft. Die dritte Station war vorbei.