Der Wandler

Nea lief über die dunkle Kreuzung und direkt auf eines der Wohnhäuser zu. Ihre Schritte führten sie kurz am Gehsteig entlang, bevor sie eine hohe, hölzerne Eingangstür am oberen Ende einer kurzen Treppe erreichte. Schnell warf sie einen Blick über die Schulter.
Tachanka, Valkyrie und die anderen Operatoren standen immer noch außerhalb der Grenze des Nebels, warteten und schauten nervös umher. Der große Russe hielt nach wie vor das eine Ende des Seils in den Händen, dessen anderes Ende an Neas Oberkörper befestigt war. Mit jedem Schritt wickelte sie es etwas ab, sodass es einen klaren Pfad zurück in die Realität markierte.
Eilig schaute die Schwedin wieder nach vorne und legte eine Hand auf die Türklinke. Sie war verschlossen. Natürlich. Ohne lange zu zögern zog Nea ihre Pistole hervor, löste die Sicherung und richtete den Lauf auf das Schloss. Sie hielt den Atem an. Dann drückte sie ab.
Ein Schuss hallte durch die Dunkelheit und verlor sich in den menschenleeren Straßenschluchten, während rauchende Holzsplitter umherflogen. Doch dafür schwang die Tür nun problemlos auf.
Die Waffe zurück in den Holster steckend, betrat Nea das Gebäude und fand sich in einem altmodischen Treppenhaus wieder. Ein Lichtschalter an der Seite aktivierte eine Reihe an verstaubten Lampen, die sich zusammen mit den steinernen Stufen nach oben wanden. Ein altes Messinggeländer bot Halt, doch es macht einen wackligen und unzuverlässigen Eindruck. Nea schaute sich um.
Wahrscheinlich befanden sich die Bewohner allesamt in ihren Wohnungen hinter verschlossenen Türen. Unter dem zerstörerischen Einfluss des Nebels, würden sie wohl kaum im Stande sein auf ein Klopfen oder eine Türglocke zu reagieren und sie hatte nicht genug Patronen für alle Wohnungen. Außerdem wollte sie niemanden verletzen. Sie musste sich etwas einfallen lassen.
In Gebäuden wie diesen gab es üblicherweise einen Hausmeister, der über einen Zentralschlüssel verfügte. Vielleicht wohnte er auch hier. Wenn ja, dann würde er ihr weiterhelfen können. Sie musste ihn nur finden.
Nea drehte sich nach links und lief auf die erste Tür zu. Es war kein schweres Schloss und keine stabile Tür, also entschied sie sich auf den Einsatz ihrer Waffe zu verzichten. Stattdessen trat sie einen Schritt zurück, hob das rechte Bein und trat mit aller Kraft gegen die Tür.
Krachend traf ihr Fuß auf das Holz, doch es gab nicht nach. Ein zweites und ein drittes Mal holte sie aus, bis das Schloss beim vierten Mal endlich unter der Gewalteinwirkung zusammenbrach. Schwungvoll knallte die Tür gegen die Innenwand des Apartments und beinahe im selben Moment hörte Nea einen Schrei. Er war direkt aus der Wohnung gekommen, in die sie soeben eingedrungen war.
Sofort lief Nea in den ersten Raum, bog dann ab in eine Küche und fand sich schließlich in einem dunklen Wohnzimmer wieder. Es war ein spärlich eingerichtetes Apartment, doch selbst in der Dunkelheit konnte sie den guten Zustand der Zimmer erkennen. Alles war ordentlich aufgeräumt, nichts schien fehl am Platz. Mit Ausnahme der rundlichen Frau, die am Boden lag und die Hände gegen den Kopf gepresst hatte.
„Hey", rief Nea und rannte zu ihr hinüber. Die Dame reagierte unbeholfen und versuchte sich vor ihr zu verstecken. Natürlich konnte sie Nea kaum sehen, daher kam sie nicht weit, bevor die Schwedin sie einholte und unter einem Tisch hervorzog.
„Sprechen sie Englisch?"
Die Frau antwortete nicht, sondern starrte nur wimmernd und panisch in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war.
„Hallo?", rief Nea: „Hören sie mich?"
Jetzt nickte die Frau endlich, was bedeuten musste, dass sie sowohl gehört, als auch verstanden hatte.
„Ich bin hier, um ihnen zu helfen", sagte Nea: „Verstehen sie mich?"
Wieder nickte die Frau. Ihre Augen zuckten blind umher und ihr Gesicht verzog sich unter stechenden Kopfschmerzen. Nea wusste, dass sie keine Zeit verlieren durfte. Es war nicht auszuschließen, dass ein längerer Einfluss des Nebels tödliche Folgen nach sich ziehen konnte.
„Ich brauche Schlüssel", sagte Nea: „Für die Wohnungen. Sonst komme ich nicht rein."
„Sch… Schlüssel", stammelte die Frau und kauerte sich auf dem Boden zusammen. Sie versuchte sich zu konzentrieren, doch die Schmerzen schienen jegliche Gedanken aus ihrem Kopf zu hämmern. Einen Augenblick später rief sie: „Gang… Brett…"
Nea stand auf und schaute in die Dunkelheit. Dort neben dem Eingang, direkt hinter der Tür hing ein großes Schlüsselbrett. Unzählige blitzende Schlüssel hingen an dutzenden, metallenen Haken. Wahrscheinlich für jede Wohnung einer.
Nea fluchte kurz, da sie einfach so am Brett vorbeigelaufen war, bevor sie die Dame nach oben zog und aus der Wohnung führte. Die Frau stolperte immer wieder und schien sich kaum orientieren zu können. Eilig drückte ihr Nea das Seil in die Hand und schob sie nach vorne, während sie sagte: „Folgen sie diesem Seil. Gehen sie immer weiter und bleiben sie nicht stehen."
Noch während sie die Anweisung erteilte, kam ihr in den Sinn, dass es ein törichter Plan gewesen war. Konnten diese Menschen wirklich von selbst aus dem Nebel finden, während die Dunkelheit an ihrem Verstand zehrte? Sie wussten ja nicht, dass die Rettung gerade Mal auf der anderen Straßenseite auf sie wartete. Doch es war ihre einzige Option.
Nea stieß einen unterdrückten Fluch aus und wickelte das Seil um das untere Ende des Treppengeländers. Es würde von Vorteil sein, wenn es hin und wieder einen fixen Punkt gab. Anschließend lief sie zurück in die Wohnung und schnappte sich die Schlüssel. Es waren über fünfundzwanzig Stück und ihre Hosentaschen waren bald bis nach oben hin gefüllt. Die restlichen hielt sie in der linken Hand, während sie mit der rechten das Seil auslegte.
Ihr Weg führte sie das Stiegenhaus nach oben, wo sie plante, das Seil zu fixieren. Anschließend würde sie in die einzelnen Wohnungen vordringen und die Bewohner auf die Treppe herausführen, von wo aus sie sich selbst den Weg suchen sollten. Einen besseren Plan hatte sie nicht.
Eilig rannte Nea bis in den fünften Stock hinauf. Keuchend schnappte sie nach Luft, als sie oben angekommen war, doch sie erlaubte sich keine Pause. Mit wenigen geschickten Handgriffen befestigte sie das Seil am oberen Ende des Geländers und ließ es anschließend von ihrer Schulter gleiten. Nun hatte sie beide Hände frei und so schnell sie konnte, lief sie auf die erste Wohnungstür zu. Es handelte sich um Nummer einundfünfzig.
Mit zittrigen Fingern schaute Nea auf die Schlüssel in ihrer linken Hand, bei denen sie allerdings nicht fündig wurde. Hastig kramte sie in ihrer linken Hosentasche und kontrollierte die bunten Anhänger bis sie die passende Nummer gefunden hatte. Ein kleiner Schlüssel baumelte an einem dunkelgrünen Plastiketikett und kurz darauf verschwand er in seinem Schloss.
Energisch stieß Nea die Tür auf und drang in eine dunkle Wohnung ein. Im Gegensatz zum Apartment der Haushälterin war dieses weitaus schmutziger und unaufgeräumt. Von leeren Pizzakartons über Bierdosen bis hin zu schmutzigem Geschirr wies das meiste hier den Bewohner als unordentlichen Menschen aus.
Es war nicht schwer den jungen Mann zu finden. Er befand sich im Schlafzimmer, trug nichts weiter als eine Pyjamahose und versuchte tastend und unter Kopfschmerzen stöhnend einen Weg aus seiner Wohnung zu finden. Wohin genau er wollte, das wusste Nea nicht. Wahrscheinlich suchte er Hilfe.
Und Hilfe würde er bekommen. Der Geruch von Alkohol stieg der Schwedin in die Nase, als sie zu ihm hintrat und ihm eine Hand auf die Schulter legte. Er schreckte zurück, doch so beruhigend sie konnte, sagte Nea: „Ganz ruhig. Ich bin hier um zu helfen. Verstehen sie mich?"
Der Man nickte nach einem kurzen Moment und Nea packte ihn sofort am Handgelenk. Energisch zog sie ihn mit sich und hinaus auf den Gang. Von dort aus ging es hinüber zu der Treppe, wo sie ihm das Seil in die Hand drückte und dieselbe Anweisung gab, wie der Haushälterin.
Der Mann schien zu verstehen, denn er machte sich unverzüglich auf den Weg. Unbeholfen stolperte er die Stufen nach unten, doch er stürzte nicht. Er kannte das Gebäude und der Nebel mochte zwar seine Sinne beinträchtigen, doch seine Erinnerungen warfen ein klares Bild.
Nea verschwendete keine Zeit damit, ihm nachzuschauen, sondern suchte bereits nach dem Schlüssel für die nächste Wohnung. Im Inneren fand sie ein altes Ehepaar, das gerade versucht über Telefon Hilfe zu rufen. Nea unterbrach ihre unbeholfenen Anstrengungen und schickte sie ebenfalls das Seil entlang. Die beiden waren nicht mehr die jüngsten, doch die Schwedin traute ihnen zu, ohne Hilfe die Treppe hinunter zu steigen und so setzte sie ihre Rettungsaktion fort.
Im fünften Stock befand sich noch eine Dame mittleren Alters, eine Kleinfamilie mit einer etwa zehnjährigen Tochter und eine leerstehende Wohnung. Nea schickte sie alle das Seil entlang und lief dann hinunter in den vierten Stock.
Dort wandte sie dieselbe Strategie an, ging von Wohnung zu Wohnung und rettete eine Person nach der anderen. Für Familien brauchte sie immer am längsten, da mehrere Menschen überzeugt werden musste und nicht alle Englisch sprachen. Es war ohnehin erstaunlich, dass sie unter Einfluss des Nebels überhaupt in der Lage waren zu kommunizieren und Anweisungen entgegenzunehmen. Nea wusste nicht, was sie getan hätte, hätte sie jeden einzelnen individuell hinausführen müssen.
Es dauerte viel zu lange, doch irgendwann war sie wieder im Erdgeschoss angekommen. Sie schickte einen älteren Herrn, der sie seltsamerweise an ihren Mathelehrer aus der Mittelschule in Schweden erinnerte, hinaus auf die Straße und am Seil entlang. Er würde keine lange Strecke vor sich haben. Tachanka stand nur wenige Meter entfern. In Kürze würde er in Sicherheit sein.
Nea war sich sicher, dass sie das gesamte Gebäude geräumt hatte und wollte gerade durch die Tür treten, als sie ein leises Schluchzen hörte. Irgendwo in der Dunkelheit des Stiegenhauses weinte jemand.
Sofort fuhr die Schwedin herum und ging zurück. Das Geräusch kam als hallendes Echo von den Wänden zurück, doch es war ein unnatürlicher Ton, wie ihn nur der Nebel hervorbringen konnte. Trotzdem musste es sich beim Urheber um einen realen Menschen handeln.
Nea lief zurück und folgte dem Geräusch, das sie in die Aushöhlung unter der Treppe führte. Dort verborgen in der Finsternis kauerte das kleine Mädchen, das zu der Familie aus dem fünften Stock gehörte. Ihre Eltern waren nirgends zu sehen. Offensichtlich war sie vom Seil abgewichen, ohne dass es jemand gemerkt hatte.
Nea ging sofort in die Knie und streckte die Hand nach der Kleinen aus, die bei der unerwarteten Berührung erschrocken zusammenzuckte und einen spitzen Schrei ausstieß. Ihre Augen schossen wild umher, doch sie konnten Nea nicht entdecken. Niemand konnte sie entdecken. Aber sie konnten sie fühlen und hören
Die Schwedin wusste, dass das kleine Mädchen kein Englisch verstand, daher versuchte sie durch sanfte Berührungen ihr Vertrauen zu gewinnen. Es dauerte eine kurze Weile, doch irgendwann verstand die Kleine, dass Nea hier war um ihr zu helfen. Sofort kam sie aus der Aushöhlung hervor und klammerte sich weinend an die Schultern der Schwedin, die das Mädchen umgehend hochhob und auf die Tür zutrug. Sie war schwer, doch der Weg war kurz. Nur aus der Tür hinaus, hinunter auf die Straße und hinüber auf die andere Seite. Kinderleicht.
Doch gerade als Nea das Gebäude verlassen wollte, blieb sie wie angewurzelt stehen. Adrenalin schoss durch ihre Adern, fuhr in ihr Glieder und ließ einen Schauer bis in ihre Fingerspitzen fahren.
Ein hochaufragender Mann hatte sich in der Tür aufgebaut. Er trug einen dunkelblauen Overall, sein Gesicht war hinter einer weißen Maske verborgen und seine kalten Augen waren direkt auf Nea gerichtet. Die Schwedin war sich sicher, dass er sie sehen konnte, doch er sagte kein Wort. Sie hörte nichts weiter, als einen unablässigen grausamen Atem.
Dann entdeckte sie ein Messer in seiner rechten Hand. Dickflüssiges Blut tropfte von der Klinge auf den Boden und zog eine rote Spur hinaus in die Dunkelheit. Hinter seinem Rücken konnte Nea einen auf dem Boden liegenden Körper erkennen. Es war der alte Mann, den sie vor wenigen Sekunden nach draußen geschickt hatte. Eine Blutlacke breitete sich um seine durchgeschnittene Kehle aus und benetzte das Seil, das einen halben Meter neben ihm auf dem Boden lag.
Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern zückte Nea ihre Pistole, richtete sie nach vorne und drückte ab. Fünf Mal schoss sie auf den Mann, dessen Name Michael Myers lautete, und vier Mal traf sie ihr Ziel. Die erste Kugel ging daneben, die zweite und dritte trafen ihn in die Brust, die vierte ging in die Schulter und die fünfte direkt durch das rechte Augenloch. Blut spritzte durch die Luft, als die fünfte Kugel hinten aus dem Schädel des Mörders austrat. Gewaltsam wurde er gegen den Türrahmen geschleudert und ein gequältes Knurren war zu hören.
Doch zu Neas entsetzen ging er nicht zu Boden. Stattdessen richtete er sich einen Augenblick später wieder zu voller Größe auf und starrte sie gnadenlos an. Schwarzer Nebel quoll aus dem rechten Auge und wenig später bildete sich das verletzte Körperteil wie von Geisterhand zurück, ganz so als ob es niemals von einer Kugel zerfetzt worden wäre. Dasselbe galt für die anderen Wunden und bevor Nea reagieren konnte, hatte Myers bereits einen Schritt nach vorne gemacht.
Panisch wich Nea zurück. Beinahe wäre sie gestolpert als der Hüne auf sie zumarschierte. Er war riesig, beinahe größer als der Fallensteller oder der Doktor und die waren vom Entitus verformt worden. Wahrscheinlich galt für ihn dasselbe, doch Nea verschwendete keine Zeit damit, darüber nachzudenken.
Blitzschnell fuhr sie herum und rannte in das Haus hinein. Immer noch trug Nea das Mädchen in ihrem linken Arm und als die Schüsse gefallen waren, hatte sie laut aufgeschrien und sich noch fester an sie geklammert. Nun war sie eine verlangsamende Last, doch Nea dachte nicht daran, sie im Stich zu lassen. Wenn Myers sie kriegen wollte, dann nur über ihre Leiche.
Im Laufen hob sie die Pistole und schoss auf das Schloss der Hintertür. Sie traf erst das zweite Mal, was bedeute, dass sie nur noch einen Schuss übrighatte. Mit aller Kraft trat sie im Laufen gegen die Tür, die krachend nach hinten aufflog und ihr den Weg in einen dunklen Hinterhof freimachte. So schnell sie konnte rannte sie hinaus und schlug die Tür hinter sich wieder zu. Nicht, dass sie Myers großartig aufhalten würde. Sie hatte nur wenige Sekunden Zeit, sich einen Plan zu überlegen.
Panisch schaute sich Nea um. Sie befand sich einem Hinterhof mit quadratischem Grundriss. In einer der Ecken lag ein Haufen schwarzer Müllsäcke, eine rostige Regenrinne zog sich daneben vom Dach bis auf den Boden und in der Mitte befand sich ein schwarzer Kanaldeckel. Glücklicherweise gab es außerdem eine schmale Gasse, die hinaus auf eine Seitenstraße führte. Sie war also nicht in eine Sackgasse geflohen, stellte Nea fest und ohne stehenzubleiben schlug sie ihren neuen Fluchtweg ein.
Gerade als sie den Hinterhof verließ, hörte sie, wie hinter ihr eine Tür aufgetreten wurde. Myers war ihr dicht auf den Fersen und würde sie wohl bald erwischen. Nea war zu langsam. Das Mädchen auf ihrem Arm stellte eine zu große Ballast dar. Nach wenigen Metern hatte sei bereits die Straße erreicht und im Bruchteil einer Sekunde traf sie eine Entscheidung.
Sie wandte sich nach link, in die Richtung eines Müllcontainers. Er war etwa brusthoch, bemalt in schmutzigem Gelb und ihre einzige Chance. Myers würde nicht darauf hereinfallen, wenn sie sich beide dahinter versteckten, doch vielleicht konnte sich Nea dort des Mädchens entledigen und den Killer dann auf eine falsche Fährte locken. Allein war sie schneller und die Instinkte, die sie im Nebel gewonnen hatten, waren alles andere als verschwunden. Sie wusste, wie man einem Killer entkam.
Eilig setzte Nea das Mädchen, dass unter Schmerzen die Augen geschlossen und die Hände auf die Ohren gepresst hatte, hinter die Mülltonne und stand sofort wieder auf. Innerlich betete sie, dass die Kleine ruhig bleiben würde. Schon das leiseste Wimmern würde Myers ihren Standort verraten und dann war es aus.
Um ihr dieses grausame Schicksal zu ersparen sprang Nea wieder hinter der Tonne hervor. Ihr Blick schoss in die schmale Gasse und erhaschte ein bleiches Gesicht, das in der Dunkelheit zu schweben schien. Der Overall, den Myers trug, wurde von der Finsternis verschluckt. Nur seine Maske war zu sehen und das blitzende Küchenmesser in seiner rechten Hand.
Die Schwedin verlor keine Zeit und rannte so schnell sie konnte nach rechts. Aus Erfahrung plante sie in Gedanken bereits ihren Fluchtweg. Zu ihrer Linken auf der anderen Seite der Straße gab es eine schmale Seitengasse, hinter einer Reihe geparkter Autos. Vielleicht konnte sie Myers im Gewirr und der Dunkelheit zwischen den Häusern abhängen. Sie musste es versuchen.
Allerdings durfte sie ihm nicht zu früh entwischen. Wenn sie sich jetzt einfach so davonmachte, würde der Killer einfach kehrt machen und sich das Mädchen holen. Das durfte sie nicht zulassen. Sie musste ihn lange genug beschäftigen, ein gutes Stück weglocken und dann Sichtkontakt unterbrechen. Sobald er sie verloren hatte, konnte sie zurückkehren, sich das Mädchen schnappen und den Nebel verlassen.
Was sie dann tun würde, das wusste sie noch nicht. Aber es war ihr egal. Nur das Hier und Jetzt zählte. Die laufende Jagd füllte ihren Verstand und Überleben wurde zur einzigen Priorität. Nea kannte dieses Gefühl und wie eine Droge rauschte es durch ihren Körper, wobei es beinahe ihre Angst überwältigte. Beinahe.
So schnell ihre Beine sie trugen, sprintete Nea über die Straße auf die geparkten Autos zu. Im Laufen warf sie einen schnellen Blick über die Schulter. Myers hatte die Gasse soeben verlassen und war keinen Meter an dem versteckten Mädchen vorbeigegangen. Doch sein Blick galt nur seiner Beute, die gerade mit einem Satz über die Motorhaube eines silbernen VW rutschte und elegant auf dem dahinterliegenden Gehsteig landete. Keine Sekunde später verschwand Nea bereits in der dunklen Seitengasse.
Ihr Weg führte in die entgegengesetzte Richtung von Tachanka und den anderen Operatoren, doch ihr blieb keine andere Möglichkeit. Myers hatte ihr den Weg abgeschnitten und sie musste ihn erst abhängen, bevor sie sich an ihm vorbeischleichen konnte. Ihre Schuhe schlitterten über die glatten Pflastersteine und wieder fand sie sich in einem Hinterhof. Beinahe wäre sie gegen eine Mülltonne gekracht, als sie erneut einen Blick über die Schulter warf.
Dort stand er. Am Eingang der Gasse, das Messer lässig an der Seite und den Blick geradewegs auf Nea gerichtet. Er schien so ausdruckslos, so kalt und leer. Nea wusste, dass er eine Maske trug und doch kam er es ihr vor, als würde dieser Mann absolut nichts fühlen. Da war kein Mitleid, keine Sorge, nicht einmal Hass oder Zorn. Nur ein leerer, unergründlicher Abgrund mit dem unbedingten Ziel zu töten.
Nea schaute wieder nach vorne und suchte nach einer möglichen Fluchtroute. Wieder hatte sie gehofft, nicht in eine Sackgasse zu laufen und wieder waren ihre Hoffnungen bestätigt worden. Schräg gegenüber gab es einen breiten Durchgang unter einem runden Torbogen. Das Problem war nur das eiserne Metallgitter, das unerwünschten Eindringlingen den Zugang versperrte. Am oberen Ende gab es eine Öffnung, etwa einen halben Meter breit. Abgesehen davon führte der einzige Weg zurück, direkt in die Arme der Bestie.
Nea rannte nach vorne. Aus dem Lauf sprang sie auf einen Müllcontainer und von dort aus auf das Gitter. Ihr Finger langten nach der oberen Querstange und krallten sich verzweifelt um das kalte Metall. Für einen kurzen Moment baumelte sie hilflos in der Luft, bevor sie ihre Muskeln anspannte und sich so schnell sie konnte nach oben Zog. Ihre Arme brannten wie Feuer, doch sie spürte es nicht. Kurz drauf schwang sie bereits ihr rechtes Bein durch die Öffnung. Dann kam ihr Oberkörper und schließlich zog sie das linke Bein nach.
Sie wollte sich bereits auf der anderen Seite nach unten fallen lassen, als ein stechender Schmerz durch ihren rechten Unterschenkel fuhr. Eine scharfe Klinge hatte tief in ihr Fleisch geschnitten und sie fühlte, wie warmes Blut ihr Bein nach unten rann. Dann griff eine Hand nach Neas Knöcheln und packte eisern zu. Die Schwedin stieß einen Angstschrei aus.
Ihr Verstand ertrank im Adrenalin und die gesamte Welt schien sich auf eine einzelne, weiße Maske zusammenzuziehen, deren schwarze Augenhöhlen sie direkt anstarrten. Es gab kein Entkommen. Es gab keine Gnade. Myers hatte sie gepackt und würde sie nicht mehr loslassen. Er würde sie töten. Gleich hier.
Doch Nea dachte nicht daran aufzugeben. Mit einem wilden Schrei spannte sie die Muskeln in ihrem Oberschenkel an und versuchte panisch sich aus dem Griff des Killers zu befreien. Kurz kam er aus dem Gleichgewicht und Nea nutzte den Moment, indem sie mit aller Kraft in Richtung seines Kopfes trat. Sie traf ihn kaum, doch es war genug, um seine Hand für eine halbe Sekunde zu lockern. Genug für Nea, um sich zu befreien und auf der anderen Seite nach unten zu fallen.
Kurz befand sie sich im freien Fall. Dann traf ihr Rücken mit voller Wucht gegen den harten Steinboden und alle Luft wurde aus ihren Lungen gepresst. Mit stockendem Atem wurde ihr kurz schwarz vor Augen, doch sie war noch wach genug, um sich von dem Gitter wegzuziehen. Kriechend wich sie zurück und versuchte sich auf den Bauch zu drehen, während hinter ihr ein scharfes Messer über den Stein scharrte.
Dann krachte es plötzlich als Myers mit aller Kraft gegen das Gitter trat. Staub und kleine Gesteinsbrocken flogen umher. Die Halterungen lösten ich bereits, doch noch hielten sie den Killer zurück.
Nea kam keuchend auf die Beine und stützte sich an der Wand ab. Humpelnd wankte sie davon, während hinter ihr ein weiteres Krachen ertönte. Sie hatte nur einen kleinen Vorsprung gewonnen. Das Gitter würde keine zehn Sekunden mehr standhalten auch wenn es zweifellos stark genug war, um drei Männer aufzuhalten.
Doch Myers war kein Mann. Er war ein Monster und Nea war sich mittlerweile sicher, dass der Entitus auch mit ihm seine grausamen Spielchen getrieben hatte. Seine körperliche Beschaffenheit überragte die Fähigkeiten eines normalen Menschen bei weitem. Er war ein Werkzeug. Eine Maschine, gemacht um zu töten.
Nea schüttelte den Kopf und zwang sich zu einem tiefen Atemzug. Ein pochendes Seitenstechen brannte in ihrer Taille und ihr rechtes Bein zog eine sporadische Blutspur über die Pflastersteine. Sie wollte bereits loslaufen, doch ihr Bein gab nach. Sie konnte nicht. Er hatte sie erwischt. Alles was sie noch tun konnte, war unbeholfen dahinhumpeln.
Panisch fand sie sich in einer weiteren Seitenstraße. Neas einzige Hoffnung bestand darin, die Grenze des Nebels zu erreichen, bevor Myers sie zu fassen bekam. Verstecken konnte sie sich nicht. Das But würde sie sofort verraten. Ergeben konnte sie sich nicht. Myers wurde keine Gnade walten lassen. Sie konnte nur hoffen.
Mit Tränen in den Augen schaute sie nach links. Die Grenze war nicht zu sehen. Nur eine leere Straße und hochaufragende Wohnhäuser, verschluckt von kalter Dunkelheit. Ihr Blick wanderte nach rechts. Auch in diese Richtung war die Grenze außer Sichtweite, doch dafür gab es dort etwas anders. Etwas, von dem Nea genau wusste, dass es mit dem Nebel in Verbindung stand.
Etwa zwanzig Meter von ihr Entfernt, in der Mitte der Straße, stand ein Stativ, nicht unähnlich dem einer Fotokamera. Die drei Beine waren aus dunklem Metall, grob gefertigt und unsauber zusammengeschweißt. Sie liefen in einem spitzen Winkel nach oben zusammen und etwa eineinhalb Meter über den Boden vereinten sie sich in einer dunkelblau leuchtenden Kugel. Knisternde Blitze entluden sich in die Umgebung und als Nea nähertrat, spürte sie die Elektrizität in Form einer Gänsehaut über ihren Körper fahren.
Die blaue Kugel schien schwarzen Nebel abzusondern, der in dicken Schwaden auf den Boden fiel und sich dort in einer undurchdringlichen Wolke sammelte. Sie hatte einen Radius von etwa drei Metern. Die seltsame Kugel befand sich genau in der Mitte und als Nea nähertrat, konnte sie eine Autobatterie erkennen, die mit der Janusmaschine verbunden war.
Ein Krachen ertönte und kurz darauf hörte die Schwedin, wie das eiserne Tor in der Gasse hinter ihr zu Boden knallte. Myers war durchgebrochen und in wenigen Sekunden würde er auf der Straße auftauchen. Nea konnte nicht weglaufen. Sie war zu langsam und es gab keine Hindernisse, keine Verstecke in der Nähe, die sie zu ihrem Vorteil nutzen konnte.
Nur die Janusmaschine stand in der Mitte der Straße und sonderte schwarzen Nebel ab. Nea wusste nicht, ob sie sie irgendwie abschalten konnte, ob es überhaupt noch etwas gegen den Nebel ausrichten würde, wenn sie die Maschine jetzt deaktivierte. Vielleicht war es ja bereits zu spät. Vielleicht war ihr Leben verloren.
Nea blieb keuchend stehen. Ihr Arm zitterte, doch sie gab sich alle Mühe den Lauf ihrer Pistole ruhig zu halten. Sie hatte eine Kugel, nur eine einzige. Sie durfte nicht verfehlen. In ihren Ohren polterten bereits die schweren Schritte eines unaufhaltsamen Killers und sie konnte seinen langsamen, gnadenlosen Atem hören.
Myers war nur noch wenige Meter entfern. Gleich würde er sein Messer in ihrem Körper versenken, ihre Pulsadern durchschneiden und sie röchelnd am Boden ausbluten lassen.
Ein Schuss krachte durch die Nacht.
Wie in Zeitlupe beobachtete Nea, wie sich der Nebel plötzlich wieder in die Kugel zurückzog. Die Zeit schien plötzlich rückwärts zu laufen und ein brausender Wind riss an ihren Kleidern. Bevor sie ihr Gleichgewicht sichern konnte, wurde sie zu Boden gerissen und landete mit allen Vieren auf dem rauen Asphalt.
Sie konnte kaum den Kopf heben, geschweige denn aufstehen und sich umsehen. Ohrenbetäubender Lärm legte sich auf ihr Gehör, ihr Gleichgewichtssinn spielte vollkommen verrückt und es kam ihr so vor, als würde sie durch die Luft geschleudert werden. Doch Nea bewegte sich nicht. Sie rührte sich keine Millimeter. Sie lag nur da, still und ruhig, ihren Leib gegen den Boden gepresst in der blinden Hoffnung, dass sie die nächsten Sekunden überleben würde.
Und dann kehrte Ruhe ein. Der Wind war erstorben, das Rauschen verstummt. Die Nacht hatte sich über die Straße gelegt, eine natürliche und warme Nacht. Nicht die kalte Finsternis des Nebels. Nur angenehme Dunkelheit und die Sicherheit der Realität. Sie war zurück.
Nea hob langsam den Kopf und schaute nach vorne. Die Janusmaschine lag auf dem Boden, zur Seite geworfen und zerstört. Die Kugel hatte aufgehört zu leuchten und ein rauchendes Loch prangte in ihrer glatten Oberfläche.
Zögerlich drehte sich Nea auf den Rücken. Die Straße hinter ihr war leer. Der Nebel war verschwunden und er hatte Myers mit sich genommen. Das Monster durfte den Alptraum nicht verlassen. Es war eingesperrt und würde es auch weiterhin bleiben. Diese Welt gehört nicht zu seinen Jagdgründen.
Hustend presste Nea die Arme gegen den Boden und hob sich zittern auf die Knie. Sie wollte aufstehen, doch nun, da die Jagd vorbei war und ihre gesamte Panik ungehindert auf sie einhämmern konnte, traute sie sich kaum zu, sich auf den Beinen halten zu können.
Erinnerungen erwachten in ihr. Erinnerungen an den Nebel, an die Zeit, in der sie gedacht hatte, dass sie niemals entkommen würden. Es waren Erinnerungen der Hoffnungslosigkeit, Erinnerungen absoluter Verzweiflung und sie waren so lebhaft wie noch nie.
Plötzlich beugte sich Nea vornüber, als sich ein akuter Würgereiz ihrer Kehle bemächtige. Sie erwartete bereits das Abendessen von vor wenigen Stunden auszukotzen, doch letztendlich kam es nicht dazu. Für eine gute Weile kauerte sie einfach nur auf dem Boden und versuchte verzweifelt den aufgeschreckten Gespenstern in ihrem Kopf zu entfliehen. Unkontrolliertes Zittern fuhr durch ihre Glieder als sich die Angst durch ihren Körper fraß.
Irgendwann gelang es ihr trotzdem aufzustehen. Auf wackligen Beinen taumelte sie hinüber zum Gehsteig, hielt sich an einer Straßenlaterne fest und versuchte sich zu beruhigen. Etwas die Straße nach unten hörte sie heulende Sirenen und leuchtende Blaulichter erschienen in der Dunkelheit, als die Polizei in das befreite Gebiet vorrückte.

„Hier Six. Team Lila und Team Weiß, begebt euch umgehend zur Kathedrale Notre Dame. Es ist das nächste Ziel der White Masks."
Lesion startete sofort den Motor, während Jäger nach seinem Funkgerät griff und den eingegangenen Befehl bestätigte. Der Motor des schweren Trucks brummte auf und noch im selben Moment setzte sich das Fahrzeug in Bewegung. Sally griff eilig nach einem der Haltegriffe, als der Wagen rasant um eine Kurve fuhr.
„Hier Lion", kam nun eine Meldung über Funk: „Wir sind auf dem Weg."
Lion war der Gruppenführer von Team Weiß, das aus ihm selbst, Finka, Buck, Glaz, Mute und Bandit bestand. Außerdem war David vor kurzem zu dem Team gestoßen, für den Fall, dass sie es mit dem Nebel zu tun bekamen. Doch anscheinend würden sich die Gegner des Teams in näherer Zukunft noch in der realen Welt finden.
Dasselbe galt für Team Lila, dem Sally angehörte. Neben Jäger, der die Führung übernommen hatte und Lesion, der am Steuer saß, befanden sich noch Mira, Ela und Pulse im Wagen. Erstere war eine heitere Spanierin, deren Stimmung sich von der Situation kaum trüben ließ. Ela war eine junge Polin, genauso so ernst wie Pulse und beinahe doppelt so verschlossen.
Während der letzten halben Stunde, in der absolut nichts geschehen war, hatte sie nervös eine einzelne Kugel durch ihre Finger gleiten lassen. Verspielt hatte die Patrone um die eigene Achse rotiert und war geschickt von Ela zwischen ihren Händen hin und her gezaubert worden. Nun landete sie wieder in einem Magazin, das seinerseits im Waffengürtel der Polin befestigt worden war. Sie war bereit, den White Masks die Stirn zu bieten.
„Die GIGN hat die Umgebung bereits gesichert", meldete sich eine Stimme über Funk. Sally glaubte Dokkaebi zu erkennen. „Die Kathedrale ist gesichert, sie befinden sich nicht im Inneren. Das bedeutet, sie müssen von außen angreifen. Wahrscheinlich sind sie schon auf der Insel, doch bis jetzt haben wir noch keine Spur von feindlichen Kräften entdeckt. Bleibt auf der Hut und sichert die Umgebung. Die Kathedrale darf unter keinen Umständen beschädigt werden."
„Verstanden", bestätige Jäger. Der deutsche Operator schaute nervös aus dem Seitenfenster und über die Seine hinüber zu einer der wohl berühmtesten Kirchen der Welt. Notre Dame stand auf einer Insel, mitten in Paris. Die Seine umfloss sie zu beiden Seiten und bildete somit eine natürliche Barriere. Sobald die Insel gesichert war, mussten sie nur noch die Brücken halten und die White Masks würden keine Chance mehr haben, das alte Bauwerk anzugreifen.
Lesion trat nur kurz auf die Bremse und verlangsamte die Geschwindigkeit gerade so weit, dass sich das Fahrzeug beim Einbiegen auf eine breite Brücke nicht überschlug. Sallys Gedanken wanderten derweil zu Claudette. Sie wusste, dass die Kanadierin in diesem Moment ein weiteres Spiel durchlaufen musste und höchstwahrscheinlich erneut immensen Schmerzen ausgesetzt war. Zornestränen traten der Krankenschwester in die Augen, doch sie unterdrückte ihre Wut. Sie musste Ruhe bewahren.
„Hier, nimm die."
Sally schaute nach vorne und entdeckte Mira. Die Spanierin saß auf der Bank gegenüber und in der ausgestreckten Hand hielt sie eine schwarze Pistole. Ihre Finger umfassten den Lauf, sodass der Griff in Sallys Richtung zeigte und sie ihn ohne weiteres umfassen konnte.
Mit unsicheren Fingern griff die Krankenschwester nach der Waffe. Eigentlich hatte sie geplant, niemanden mehr umzubringen, doch zum Schutze ihres eigenen Lebens schien es ihr nun doch angebracht, eine Waffe zu tragen.
„Die ist nur zur Selbstverteidigung", kommentierte Pulse und schaute Sally eindringlich an: „Sie bleiben solange im Wagen, bis wir oder ein GIGN Agent sie auffordert, auszusteigen. Halten sie sich an unsere Anweisungen, dann haben sie nichts zu befürchten."
Sally nickte. Es mit Myers oder Sawyer aufzunehmen war eine Sache und sie traute sich zu, sich den Schergen des Entitus erfolgreich entgegenstellen zu können. Eine organisierte Terroristengruppe mit militärischem Training und schwerer Bewaffnung, das war etwas anderes.
Sofern sie wusste, schreckten die White Masks vor keiner Gräueltat zurück. Das Massaker in der Disco vor wenigen Stunden war Beweis genug. Diese Männer waren zu allem in der Lage und Sally würde es vorziehen, keinem über den weg zu laufen.
„Dort ist Team Weiß", sagte Jäger und nickte durch die Windschutzscheibe. Noch im selben Moment trat Lesion auf die Bremse und der Truck kam schlitternd zum Stehen. Der Platz vor Notre Dame wurde bereits von einem schweren GIGN Einsatzwagen verteidigt, zu dem sich jetzt noch die beiden Rainbow Teams gesellten. Französische Soldaten standen vor der Kirche und an den Ecken, mit ihren Sturmgewehren die Umgebung sichernd und alle möglichen Angriffswinkel abdeckend. Jäger stieg sofort aus, gefolgt von den Kämpfern seines Teams. Etwa in der Mitte des Platzes trafen sie sich mit Team Weiß, das bereits von einem GIGN Offizier begleitet wurde.
„Die Kathedrale ist gesichert", sagte der Franzose: „Das Krankenhaus dort auch. Aber wir müssen noch die Häuser im Westen der Insel kontrollieren. Die Brücken sind allesamt abgesperrt, es gibt also keinen Weg von oder auf die Insel. Am besten helfen sie, dann geht es schneller.
Jäger nickte. Er wusste zwar nicht, wie weit das Spiel in dem Livestream bereits fortgeschritten war, doch wenn es sich wie bisher nur um wenige Minuten handelte, so konnte der Angriff jede Sekunde beginnen. Außerdem war er sich sicher, dass die White Masks auch dieses Mal nicht blufften.
„Wir übernehmen diese Seite", sagte Lion, der Team Weiß anführte: „und durchsuchen alle Häuser am Nordufer. Mute, Bandit und Buck mit mir. Glaz und Finka, ihr begebt euch in die Kathedrale und auf einen dieser beiden Türme. Von dort aus könnt ihr die Dächer überwachen."
Die beiden Operatoren bestätigten den Befehl und machten sich sofort auf den Weg. Jäger verlor keine Zeit und sagte: „Dan übernehmen wir das Südufer. GIGN kümmert sich um die Mitte und wir treffen uns an der westlichen Spitze. Einverstanden?"
„Einverstanden" nickte der GIGN Offizier und auch Lion bestätigte, dass er mit dem Plan zufrieden war. Anschließend machten sich die drei Teams, von denen das der GIGN Agenten bei weitem das größte war, auf den Weg und verschwanden schon bald hinter verschiedenen Hausecken. Ein paar GIGN Agenten blieben zurück, um die Kathedrale zu verteidigen.
Sally schaute den Soldaten eine Weile nach, bevor sie sich entschied ebenfalls aus dem Wagen zu steigen. Eine kalte Brise wehte über den Fluss und strich durch die Gassen der Insel, sodass Sally in ihrem leichten Kleid wohl gefröstelt hätte, wäre sie nicht weitgehend unempfindlich gegenüber niedrigen Temperauren gewesen.
Eiligen Schrittes lief sie hinüber zum Einsatzwagen von Team Weiß. Die französischen Soldaten beobachteten sie argwöhnisch, doch sie vertrauten Team Rainbow und wussten, dass die Eliteoperatoren nicht umsonst eine Zivilistin in einem Einsatz mitführen würden. Daher ließen sie sie unbehelligt in den schweren Truck steigen.
„Guten Abend", flüsterte Sally und David nickte nervös. Er hatte sich nach vorne gebeugt, um aus der Windschutzscheibe zu sehen und musste wohl zurückgeschreckt sein, als Sally plötzlich die Tür geöffnet hatte.
Behutsam ließ sie das schwere Metallteil wieder zufallen. Anschließend setzte sie sich auf eine der harten Bänke, sodass sie David direkt anschaute. Der knurrige Brite erwiderte ihren Blick. Dann beobachtete er wieder die Soldaten draußen auf dem Platz. Die unheimliche Ruhe zehrte offenbar an seinen Nerven.
„Alles in Ordnung?", fragte Sally, woraufhin David nur ein Brummen hören ließ. Erst als die Krankenschwester schon angenommen hatte, dass er es dabei belassen würde, fragte er: „Hast du etwas von Nea gehört?"
Sally schüttelte den Kopf. Natürlich wusste sie, dass die Schwedin mit Team Blau in Richtung eines seltsamen Phänomens ausgerückt war, die sich als Manifestation des Nebels herausgestellt hatte. Der letzte Statusbericht, der die Einsatzteams erreicht hatte, war vor über einer halben Stunde eingegangen und hatte ihnen nur mitgeteilt, dass sich Nea allein in den Nebel begeben hatte, um Zivilisten zu retten. Seither war alles ruhig geblieben. Sally konnte nur allzu gut verstehen, warum David sich Sorgen um sie machte.
Glaz und Finka hatten unterdessen das große Eingangsportal der Kathedrale erreicht und betraten eilig den Innenraum von Notre Dame. Sofort wandten sie sich nach links und folgten einem GIGN Agenten, der sie in Richtung des rechten Seitenturms der Kirche führte. Durch eine schmale Tür gelangten sie an den Fuß einer steinernen Wendeltreppe, die sich steil nach oben zog und das Duo bis in die Spitze des Turms führen würde.
Ohne Zeit zu verlieren erklommen die beiden Russen die erste Stufe. Von da an setzten sie entschlossen einen Fuß vor den anderen, sodass sie in Windeseile die schmalen Stufen erklommen. Das mittelalterliche Bauwerk gehörte zu einem der höchsten seiner Art und es dauerte eine Weile, bis sie die Spitze des Turms erreicht haben würden.
Aus einem kleinen Fensterschlitz konnte Glaz die Dächer von Paris erkennen. Eine Ausgangssperre war verhängt worden, es fuhren also keine Autos durch die Straßen. Dennoch erhellten unzählige Laternen die Wege und Pfade zwischen den charakteristischen Bauten der Stadt und verwandelten die dunkle Nacht in einen leuchtenden Tag.
Finka stieß nun eine alte Holztür auf und gelangte an eine Leiter, die die beiden Operatoren hinaufführte auf das flache Dach des linken Turmes. Ein leichter Wind wehte über Paris. Die Seine glitzerte im silbernen Licht des Mondes und der Eiffelturm streckte sich hell erleuchtet den Sternen entgegen. Alles schien so ruhig, so friedlich. Die Nacht war so still. Zu still.
Finka kniete sich nun an die niedrige Brüstung. Der Stein war mehrere hundert Jahre alt und vom Regen bereits ganz verwaschen. Während der letzten Jahrzehnte hatte die ansteigende Umweltverschmutzung dafür gesorgt, dass die Niederschläge immer saurer geworden waren, weshalb sich die Kathedrale in einem schlechteren Zustand denn je befand.
Vorsichtig legte die Russin ihr LMG auf den Boden und griff dann nach einem Fernglas an ihrem Gürtel. Es war bereits vorher verabredet worden, dass sie Glaz als Spotterin unterstützen würde, sollte sich der Scharfschütze in eine Feuerposition begeben müssen und genau dies war jetzt der Fall. Langsam ging Glaz neben Finka in die Knie und legte sein Gewehr auf die Oberfläche des steinernen Geländers. Dann griff Finka nach ihrem Funkgerät und gab durch: „Scharfschütze in Position"
„Seht ihr irgendetwas?", antwortete Jägers verzerrte Stimme.
Finka ließ kurz den Blick über die Dächer gleiten, während Glaz durch das Visier seiner Waffe schaute. Wie der Fluss reflektierten auch die metallenen Dächer das Mondlicht, doch abgesehen von einigen Kaminen und Schornsteinen waren die beiden Russen absolut allein. Die Dächer waren leer.
„Nein", meldete Finka: „Kein Feindkontakt"
„Mir gefällt das nicht", murmelte Glaz grimmig: „Der Angriff müsste längst begonnen haben, oder nicht?"
„Keine Ahnung", flüsterte Finka. Immer noch beobachtete sie die Dächer, manchmal mit ihrem Fernglas, manchmal mit dem bloßen Auge.
„Vielleicht hat die GIGN sie bereits abgefangen", murmelte Glaz.
„Vielleicht" antwortete Finka. Genau wie der Scharfschütze hatte sie ein ungutes Gefühl. Bei den beiden bisherigen Attacken waren die Angreifer bereits in Stellung gewesen, als Team Rainbow eingetroffen war. Der einzige Grund, warum der Invalidendom noch stand, war die Tatsache, dass sich die White Masks an die Regeln ihres eigenen Spiels hielten. Der Angriff erfolgte erst, sobald Morel im Livestream ihr Spiel beendet hatte.
Langsam stand sie auf und ging hinüber auf die andere Seite des Turms, um einen Blick auf den zentralen Komplex der Kathedrale zu werfen. Ruhig und verlassen, beinahe unheimlich, lag die alte Kirche da. Zu ihrer Rechten sah Finka den Fluss, der sich direkt an Notre Dame vorbeizog. Zu ihrer Linken befanden sich ein paar Häuser, doch ebenfalls mit leeren Dächern.
„Was ist mit dem Fluss?", fragte Finka plötzlich. Glaz drehte kurz den Kopf zu ihr hin und schaute sie fragend an.
„Was, wenn sie mit Booten kommen?", erklärte die Russin. Sie legte das Fernglas an ihre Augen und spähte die Seine hinab. Nur funkelndes Wasser.
„Ich bin sicher, die GIGN hat den Fluss abgeriegelt", antwortete Glaz: „Sie haben keine Cha…"
„An alle Einheiten!", rauschte es plötzlich durch das Funkgerät und Glaz verstummte mitten im Satz. „Wir haben Feindkontakt in der Kathedrale! Ich wiederhole: Feindkontakt in der Kathedrale."
Im Hintergrund waren Schüsse zu hören und im selben Moment knatterten die Geräusche auch vom Mittelschiff herauf. Leise und durch den dicken stein gedämpft verhallten sie in der Finsternis, doch es war unbestreitbar, dass in der Kathedrale gekämpft wurde. Die White Masks waren hier.
Finka stieß einen russischen Fluch aus, währen Glaz bereits nach ihrem LMG gegriffen hatte. Noch im Aufstehen warf er ihr die Waffe zu, während sie sich bereits über der Falltür aufgebaut hatte. Eilig schnallte sich Finka ihre LMG auf den Rücken, da es in der Enge einer mittelalterlichen Kirche kaum zu gebrauchen sein würde und griff stattdessen nach ihrer Seitenwaffe, eine Pistole vom Typ GSh-18. Anschließend griff sie mit der linken Hand nach der Falltür, zog sie einen spaltbreit auf und ließ sie sofort wieder zufallen.
„Дерьмо!", rief sie erschrocken.
„Was?", fragte Glaz nervös
„White Masks", knurrte Finka und trat einen Schritt von der Falltür zurück. Noch im selben Augenblick krachte bereits eine Salve an Schüssen durch das alte Holz, sodass die Splitter nur so durch die Gegen flogen.
„Beinahe hätten die Kerle uns von hinten erwischt", knurrte Finka und warf Glaz einen besorgten Blick zu. Ihre Pistole zielte direkt auf das rechteckige Loch im Boden und der Scharfschütze legten nun ebenfalls sein Gewehr an. Seine Hände waren so ruhig wie immer, seine Finger erlaubten sich nicht das leiseste Zittern. Dafür war er zu gut ausgebildet.
Doch in seinen Gedanken griffen Sorgen um sich. Die White Masks hatten ihn und Finka hier oben in die Enge getrieben. Der einzige Weg nach unten war von den Terroristen versperrt worden.
Wieder knatterten Schüsse durch die Nacht, als die drei Teams, die aufgebrochen waren, um die Insel zu durchsuchen, zur Kathedrale zurückkehrten und in den Straßen bereits auf White Masks trafen. Von überall her hörte man Kampfgeräusche. Es war, als wäre die Gegen und Notre Dame plötzlich zu einem Kriegsgebiet geworden. Die White Masks waren aus dem Nichts aufgetaucht und waren nun überall.
„Was geht hier vor?", knurrte Finka und schaute kurz an Glaz vorbei hinunter in die Straßen. Dann richtete sie ihren Blick wieder auf die Falltür: „Wo kommen die Scheißkerle auf einmal her?"
Glaz antwortete nicht. Er wusste nicht, was passiert war, nur, dass irgendetwas immens schiefgelaufen sein musste. Die White Masks mussten sich irgendwie in beträchtlicher Anzahl durch das Sicherheitsnetz der GIGN geschmuggelt haben. Irgendetwas war hier faul.
Ein dumpfer Knall schallte über die Dächer und Finka drehte den Kopf, um nach dem Ursprung der Explosion Ausschau zu halten. Er war nicht von der Kathedrale gekommen. Auch nicht von der Insel. Das Geräusch hatte seinen Ursprung irgendwo in den Straßen drüben am anderen Ufer der Seine.
„Was war das?", fragte Glaz, der den Blick nicht von der Falltür nehmen wollte. Finka spähte kurz durch ihr Fernglas, bevor sie antwortete: „Ich… Ich weiß es nicht. Aber da drüben ist ein ganzer Haufen schwarzer Nebel."

„Sally?", fragte David nervös, als plötzlich Schüsse aus der Kathedrale krachten. Ein Schrei hallte durch die Nacht, bevor wieder unangenehme Ruhe einkehrte. Die Krankenschwester spähte durch die Windschutzscheibe hinüber auf das große Eingangsportal der Kirche, bevor sie ihren Blick nach hinten richtete und hinten aus dem Fahrzeug schaute. Sie konnte niemanden entdecken, doch sie war sich auch sicher, dass hier nichts mehr mit rechten Dingen zuging.
„Sie sind hier", flüsterte Sally.
„Die White Masks?", fragte David: „Fuck"
Sally nickte langsam und schaute dann wieder nach vorne zu Kathedrale. Soeben waren weitere Schüsse zu hören gewesen, eine kurze Salve, die von einem der Türme gekommen zu sein schien und mit gerunzelter Stirn suchte sie nach irgendwelchen Hinweisen darauf, was geschehen war.
„Was machen wir jetzt?", fragte David nervös.
Sally antwortete nicht.
„Bleiben wir einfach hier?"
„Ich glaube, das ist wohl das Beste", murmelte die Krankenschwester nachdenklich. Sie mochte es nicht, wenn die Dinge dermaßen ihrer Kontrolle entglitten. Vor allem dann nicht, wenn ihr Leben potentiell gefährdet sein könnte. Und ein Mangel an Informationen bedeutete stets einen Mangel an Kontrolle.
„Warte hier", sagte Sally und hob die Hand.
„Was? Wo willst du hin?"
„Ich schau mich um", antwortete die Krankenschwester, als ein oranger Schein zwischen ihren Fingern hervorbrach. Keine Sekunde später rauschte bereits ein Windzug durch die Luft und mit einem unheimlichen Kreischen teleportierte sich Sally hinüber auf die andere Seite des Platzes. Direkt unter dem großen Portal der Kirche kam sie wieder zum Vorschein.
Sally warf einen schnellen Blick über die Schulter und vergewisserte sich, dass bei David und dem Fahrzeug, in dem er saß, alles in Ordnung war. Dann schaute sie sich kurz um und suchte nach etwaigen Feinden oder Verbündeten. Sie konnte niemanden entdecken.
Vorsichtig legte Sally nun eine Hand gegen das schwere Holzportal. Als sie ihren Druck verstärkte schwang es langsam nach Innen auf und erlaubte ihr leise und ungesehen in den Vorraum zu schlüpfen. Von dort aus würde sie einen hervorragenden Blick auf das Geschehen innerhalb der Kathedrale haben und sollte sie entdeckt werden, würde sie sich einfach davon teleportieren. Es war ein riskanter Plan, doch das Risiko war kalkulierbar.
Flink ging Sally in die Knie und versteckte sich hinter einer der unzähligen Kirchenbänke, die sich fein säuberlich aufgereiht die drei Schiffe entlang bis nach vorne zum Chor hinzogen. Hohe Säulen und massive Pfeiler erstreckten sich hinauf zu einem kunstvollen, steinernen Gewölbe und buntes Licht fiel in schwachen Strahlen durch die wunderschönen Glasfenster herein. Die kreisrunde Fensterrose erlaubte dem Mond das Eindringen in die mittelalterliche Kathedrale, sodass er die Szene erhellen konnte, die sich dort direkt in der Vierung abspielte.
Eine Gruppe an GIGN Agenten befand sich in der Kirche. Einige von ihnen rannten eilig durch die Kirchenbänke und legten in regelmäßigen Abständen dunkle Päckchen auf den Boden. Vor allem den Strebepfeilern widmeten sie besondere Aufmerksamkeit. Die restlichen, drei an der Zahl, hatten sich in der Vierung versammelt und zielten mit ihren Waffen auf fünf Männer, die die Hände hinter den Kopf gehoben hatten und auf den Knien kauerten. Seltsamerweise trugen die Gefangenen ebenfalls die Uniformen der GIGN.
„Was zur Hölle", murmelte Sally. Ihr Blick folgte einem der Männer, die die schwarzen Päckchen auslegten und als er ihr immer näherkam, erkannte sie, dass er die französische Flagge von seinen Schultern gerissen hatte. Außerdem trug er nicht mehr seine schwarze Sturmhaube, sondern hatte sie gegen eine weiße Maske ausgetauscht.
Durch ihr geschärftes Gehör konnte Sally hören, wie einer der White Masks in der Mitte einen der Gefangenen etwas fragte. Der Mann sprach Französisch, doch Sally glaubte verstanden zu haben, dass er nach letzten Worten gefragt hatte. Er erhielt keine Antwort. Stattdessen schaute in der GIGN Agent auf den Knien nur feindselig an, bevor er kurz darauf abschätzig ausspuckte.
Der White Mask in der GIGN Uniform lachte kurz auf. Anschließend hob er eine Pistole und bevor Sally intervenieren konnte, hatte er dem Gefangenen bereits in den Kopf geschossen. Beinahe gleichzeitig hallten vier weiter Schüsse durch die Luft, als seine Kameraden die restlichen Gefangenen exekutierten.
Sally war hinter einer Säule in Deckung gegangen und ihr Herz begann immer schneller zu schlagen, als sie plötzlich von draußen Schüsse hereinhallen hörte. Die GIGN war infiltriert worden. Die White Masks hatten sich irgendwie die Uniformen der französischen Antiterroreinheit beschafft und sich unter die Sicherheitskräfte gemischt, die ihnen eigentlich das Handwerk legen sollten. Auf diese Weise mussten sie wohl in die Kathedrale gelangt sein.
Ein dumpfes Krachen erschütterte das alte Gemäuer, doch es war nicht der Sprengstoff gewesen, den die White Masks in der Kirche verteilten. Das Geräusch war von außerhalb gekommen, von irgendwo auf der anderen Seite des Flusses. Und auf eine seltsame Art und Weise kam es ihr bekannt vor…
Mit einem Kopfschütteln ordnetet die Krankenschwester ihre Gedanken und versuchte sich zu konzentrieren. Die Insel war nicht mehr sicher. Team Rainbow war nicht mehr sicher. Und David war ebenfalls in Gefahr. Sie musste umgehend die Kathedrale verlassen, ihren Freund aus dem Truck holen und von der Insel fliehen. Dann würde sie entscheiden, was weiter zu tun war. So leise sie konnte, erhob sie sich und schlich rückwärts auf das große Portal zu.

Claudette ließ sich auf den Rücken fallen und versuchte mit zusammengebissenen Zähnen die Schmerzen zu ignorieren. Vor allem die verätzte Haut auf ihrem rechten Arm brannte wie Feuer und kleine Reste der Säure drangen in die frisch geschlagenen Wunden ein. Blut rann über ihre Ellbogen hinunter auf den Boden und sammelte sich in kleinen Lacken. Dann erschien eine Gestalt über ihr.
„Claudette?"
Sie konnte kaum etwas hören. Der Blutverlust hatte ihren Kreislauf ernsthaft geschwächt und ein dumpfes Pochen dämpfte jeden gehörten Ton ab.
„Claudette?"
Es war eine besorgte Stimme. Die Stimme einer jungen Frau, die nicht wusste, wo sie war und ob sie jemals wieder lebend aus diesem Verließ entkommen würde. Zwei Hände packten die Kanadierin behutsam an den Schultern und zogen sie nach oben, sodass sie sich mit dem Rücken gegen den Maschendrahtzaun lehnen konnte. Ihre Sicht wurde langsam klarer, ihr Gehör schärfer.
„Jade", murmelte Claudette: „Ist alles in Ordnung?"
„Was… bei mir? Ich weiß nicht… Ich glaube schon… Ich... Claudette, du bist ver… verletzt. Wie… Was sollen wir tun?"
Tränen rannen über die Wangen der jungen Frau, die offenbar noch schlechter als Chloe in der Lage war mit der Situation umzugehen. Claudette wollte natürlich nicht von sich selbst behaupten, alles im Griff zu haben, doch sie wusste wenigstens, was jetzt zu tun war.
„Jade", sagte sie schwach: „Wir müssen Ruhe bewahren. Ich… Ich weiß, das klingt verrückt, aber es ist so."
Philips Nichte sah sie nur entgeistert an und erst als Claudette ihren linken Arm hob und ihr auf die Schulter legte, beruhigte sie sich ein wenig. Jades keuchender Atem raste immer noch in flachen Zügen ein und aus, doch immerhin war sie langsam im Stande ihre Tränen zu unterdrücken. Damit war ein Problem zumindest teilweise gelöst. Doch es gab noch viele mehr.
„Wo ist Chloe?", fragte Claudette und versuchte sich umzudrehen. Vorsichtig drehte sie den Kopf und schaute hinüber auf die andere Seite des Zaunes, wo sie eine kauernde Gestalt entdeckte. Chloe kniete in gebückter Haltung auf dem kalten Steinboden und versuchte irgendwie die Blutungen an ihren Unterarmen zu stoppen. Sie hatte keine Chance. Fluchend schaute sie zu Claudette.
Diese erkannte sofort, dass das blauhaarige Mädchen ausbluten würde, wenn sie nichts unternahmen. Um solche Verletzungen zu behandeln brauchte es Verbandszeug, Nadel, Faden und vieles mehr. Allerdings hatten sie keine der Dinge zur Hand, daher mussten sie als erste Aktion versuchen die Arme abzubinden und den Blutverlust soweit es ging zu unterdrücken.
„Jade", murmelte Claudette: „Sie braucht einen Verband, sonst blutet sie uns weg. Zieh dein Hemd aus und reiß kleine Streifen davon…"
Noch bevor Claudette fertiggesprochen hatte, war Jade bereits ans Werk gegangen und hatte beide Hände an die Unterseite ihres schwarzen T-Shirts gelegt. Kurz spannten sich die Muskeln in ihren Armen an. Dann ertönten ein lautes Ratschen und ein ungleichmäßiger Streifen löste sich von dem Kleidungsstück.
„Chloe", reif Claudette und drehte sich wieder um.
„Ah, fuck", fluchte die Angesprochenen und schaute auf: „Was ist?"
„Nimm diese Streifen und binde sie so fest du kannst um deine Oberarme", sagte Claudette: „Es wird die Blutung nicht komplett stoppen, aber wenigstens etwas verlangsamen."
Jade reichte ihr nun die Stofffetzen durch den Zaun und Chloe begann unter Stöhnen damit, sich die Arme abzubinden. Claudette konnte sich gut vorstellen, wie weh es tat, mit zerschnittenen Armen etwas mit aller Kraft zuzuziehen. Doch sie durfte keine Zeit verlieren. Eilig wandte sie sich an Jade und zeigte nach rechts: „Letztes Mal haben wir weiter den Gang entlang ein Medikit gefunden. Geh und schau nach, ob wir wieder eines bekommen und bring es hier her so schnell du kannst. Aber geh nicht zu weit."
Jade stand sofort auf und mit zitternden Beinen machte sie sich auf den Weg zu einer massiven Metalltür direkt gegenüber jener, durch die Claudette vorhin in den Raum gekommen war. Es war offensichtlich, dass es ihr wiederstrebte, alleine die dunklen Gänge zu erforschen und dass sie im Moment alles lieber tun würde, als Claudette hier allein zu lassen, doch sie wusste auch, dass sie ihr und Chloe ihr Leben verdankte und es jetzt in ihrer Macht stand, die Tat zu erwidern. Nervös zog sie die Metalltür auf, blickte noch einmal über die Schulter und verschwand dann in der Dunkelheit.
„Kennt ihr euch?", fragte plötzlich eine Stimme und Claudette wandte sich wieder um. Chloe schaute sie fragend an. Eine Blutlacke hatte sich um sie herum gebildet, doch die Blutung hatte sich etwas verringert. Die Binden hatten geholfen. Natürlich litt sie immer noch höllische Schmerzen und wahrscheinlich hoffte sie, dass ein Gespräch sie etwas ablenken würde. Claudette stellte die Theorie nur zu gern auf die Probe.
„Sie ist die Nichte eines Freundes", sagte Claudette: „Eigentlich ist sie mittlerweile selbst eine Freundin. Wir haben uns vor allem das vergangene Jahr immer häufiger getroffen."
„Ist sie mit dir nach Paris gekommen?", fragte Chloe. Claudette runzelte die Stirn, als ihr die Situation bewusstwurde. „Nein, sie… sie müsste eigentlich immer noch zu Hause sein. In den USA."
„Vielleicht sind wir ja auch dort", murmelte Chloe: „Ich habe zumindest keinen blassen Schimmer wie lange ich bewusstlos war. Diese Ziegenficker könnten uns überall hingebracht haben."
Claudette antwortete nicht. Ihr war der Ernst der Lage ebenfalls bewusst. Sie hatte keine Ahnung wo sie war, wie lange sie schon hier war und wer sie entführt hatte. Nur, dass man sie für irgendeinen Zweck durch dieses Spiel jagte und dass es etwas mit Team Rainbow zu tun hatte. Und nun waren sie zu dritt.

„Mir reichts", sagte Meg und fuhr hoch. Anna, die neben Dwight auf dem Sofa saß schaute ihr nach und beobachtete, wie die Athletin einmal den halben Raum durchquerte, den Kopf schüttelte, wieder zurückkam und sagte: „Dwight, hast du ein Handy?"
Der Angesprochen sah nun ebenfalls auf. Seine Miene war wie aus Stein gemeißelt und doch brannten seine Sorgen und Ängste wie ein Leuchtfeuer in einer dunklen Nebelnacht. Er nickte leicht.
„Gut, kannst du´s mir leihen?"
Was willst du damit machen?", fragte Dwight: „Wir dürfen es nicht einschalten hat die Soldatin gesagt."
„Das ist mir egal", erwiderte Meg: „Ich rufe jetzt ihre Eltern an. Die haben den Stream mit Sicherheit auch schon entdeckt. Sollen wir sie etwa im Dunkeln lassen?"
Dwight schüttelte den Kopf.
„Na also"
„Aber was wollen wir ihnen sagen?" Es war wieder die alte Unsicherheit, die in Dwights Stimme lag. Jene Unsicherheit, die ihn überallhin verfolgt hatte, bevor er sich mit Claudette zusammengefunden hatte und die nun in Zeiten ihrer Abwesenheit wieder zum Vorschein kam. „Wir wissen doch selbst kaum etwas."
„Aber wir können ihnen sagen, dass Team Rainbow mit allen Kräften nach ihr sucht", sagte Meg: „Sie machen sich mit Sicherheit noch größere Sorgen als du, Dwight, wir müssen ihnen etwas sagen."
Dwight erwiderte nichts. Stattdessen griff er mit zitternden Händen in seine Hosentasche und zog ein altes Smartphone mit zerbrochenen Display hervor. Eilig legte er es Meg in die Hand und richtete dann seinen Blick wieder auf den Bildschirm des Laptops. Die Athleten betätigte derweil den Einschaltknopf an der Seite des Geräts.
„Der Code ist 4829", murmelte Dwight und als das Handy hochgefahren hatte, tippte Meg die Zahlen flink in das erschienene Eingabefeld ein. Kurz darauf tauchte ein leuchtender Hauptbildschirm auf, dessen Hintergrund ein Bild von Dwight und Claudette zeigte. Es war ein Selfie, unheimlich unprofessionell und mit schrecklicher Belichtung. Doch es zeigte die lachenden Gesichter zweier Personen, die sich einfach nur darüber freuten, einander in den Armen zu halten.
Meg spürte einen leichten Stich durch ihr Herz gehen, als sie das Foto sah. Sie tat ihr Bestes, um den Schmerz zu ignorieren und wählte eilig die Telefonfunktion an. Eilig navigierte sie durch die Protokolle vergangener Gespräche und entdeckte eine ganze Reihe an Anrufen, die allesamt an dieselbe Person gegangen waren. Allesamt unbeantwortet.
Seufzend wechselte Meg den Reiter und rief das Kontaktverzeichnis auf, bevor sie schließlich auf die Person mit dem Namen „Louise M." tippte. Anschließend legte sie das Handy ans Ohr. Insgesamt vier Mal läutete es, bevor jemand abhob und etwas in schnellem Französisch sagte.
„Hallo, ähm… Hier ist Meg Thomas", sagte Meg und hoffte, dass die Person am anderen Englisch verstand.
„Was wollen sie?", kam die Antwort mit einem starken Akzent und in einem abwehrenden Ton. Eine ältere Frau war am anderen Ende der Leitung und sie war ganz offensichtlich drauf und dran aufzulegen.
„Ähm... Ich wollte eigentlich Louise Morel sprechen. Ist das nicht ihre Nummer?"
„Das ist sie", bestätigte die Frau, bevor Meg jedoch etwas erwidern konnte, hörte sie Stimmen im Hintergrund ihrer Gesprächspartnerin. Offenbar wurde die Aufmerksamkeit der alten Dame von jemand anderem in Anspruch genommen. Sie hörte ein kurzes Rauschen. Dann schien jemand anders das Telefon in die Hand zu nehmen und schließlich meldete sich eine zweite Stimme, viel höher als die Erste.
„Hallo, Meg?"
„Hallo", antwortete die Athletin, als sie die Stimme von Claudettes Mutter erkannte. Meg hatte sofort bemerkt, dass die Frau von unvorstellbaren Sorgen geplagt wurde. Ihre Art zu sprechen, ihr Tonfall und die Stimmlage ließen keinen Zweifel zu.
„Oh, Meg, ich bin so froh, dass du anrufst", schluchzte Louise: „Du hast es sicher schon mitbekommen, oder nicht… sie zeigen es ja auf allen Kanälen… Claudette, sie… sie…"
„Ich weiß", sagte Meg schnell und versuchte einen möglichst beruhigenden Tonfall anzuschlagen: „Deshalb rufe ich ja gerade an. Man hat es mir zwar verboten, doch ich wollte euch sagen, dass ich mich in Paris befinde."
„In Paris?", fragte Louise: „Aber… wegen…"
„Sally ist auch hier", fuhr Meg fort: „Und all die anderen, die sie vor zwei Jahren kennen gelernt haben. Wir sind in Paris und setzen alles daran, Claudette zu finden und zu befreien. Wir wissen im Moment noch nicht, wo sie ist, aber Team Rainbow arbeitet mit Hochdruck daran. Ich bin sicher, wir werden es in Kürze herausgefunden haben."
„Aber… Aber… oh Meg, ich bin euch so dankbar", stammelte Louise und konnte kaum ihre Tränen zurückhalten: „Bitte, ihr müsst sie finden. Bitte. Wir haben sie schon einmal verloren, das können wir nicht noch einmal durchmachen."
Meg spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. Sie wusste sehr wohl, dass Claudettes Eltern gerade dazu gezwungen wurden, zuzusehen, wie ihre einzige Tochter öffentlich gefoltert wurde vor einer immer schneller wachsenden Menge an Zuschauern. Niemand sollte so etwas ertragen müssen, schon gar nicht eine solch liebenswürdige Familie wie die Morels.
„Versprich mir, dass ihr sie findet", schluchzte Louise nun: „Bitte, versprich es mir."
Sie konnte ein solches Versprechen nicht abgeben, das wusste Meg. Ob sie Claudette jemals wieder lebend in den Armen halten würde war zurzeit einzig und allein dem Schicksal überlassen. Natürlich tat Team Rainbow sein Bestes, doch Meg hatte bereits erkannt, dass Claudette langsam die Kräfte ausgingen. Sie hatte eine Menge Blut verloren, hatte immense Schmerzen ertragen und war nun am Ende ihrer Reserven. Es war ohnehin ein Wunder, dass sie so lange durchgehalten hatte.
„Meg, bitte", flüsterte Louise und bevor sie sich davon abhalten konnte, antwortete Meg: „Ich verspreche es. Wir finden sie und bringen sie nach Hause. Ihr habt mein Wort."

„Hier Six", rauschte es durch das Funkgerät: „Team Grün, sie haben einen unserer freiwilligen Helfer dabei, richtig?"
„Hier Team Grün", antwortete Ying: „Das ist richtig."
„Begeben sie sich so schnell wie möglich in die Rue Saint-Maur", kam der Befehl: „Die ESA hat erneut starke elektromagnetische Aktivität verzeichnet. Bereiten sie sich auf einen möglichen Ausbruch des Nebels vor."
„Verstanden", antwortete Ying und winkte dann Kapkan zu, der etwas abseits vom Wagen stand. Sofort kam der Russe zurück und setzte sich so schnell er konnte in den schweren Militärtruck. Er saß nun direkt gegenüber von Max zwischen Thermite und Rook während auf dem Fahrersitz Jackal den Motor startete. Er trat sofort aufs Gaspedal. Krachend preschte der Wagen die leeren Straßen entlang, schnellte über Kreuzungen und brachte das Team rasend schnell seinem Ziel entgegen.
Max hielt sich mit einer Hand an einem der Haltegriffe fest. Die andere hatte er um den Schaft seines Hammers geschlossen und auf dem Boden lag die schwere Kettensäge, die er aus dem Reich des Entitus mitgebracht hatte. Sie rutschte ein wenig hin und her, als Jackal enge Kurven fuhr, weshalb Max irgendwann einen Fuß auf das blutrote Gehäuse stellte. Sie waren gerade Mal dreißig Sekunden lang gefahren, als sich das Funkgerät erneut aktivierte und eine tiefe Stimme ertönte.
„Hier Tachanka. Wir haben den Nebel in den Außenbezirken beseitigt. Wie erwartet konnte nur Karlsson in den Nebel eindringen und Zivilisten herausholen, sie hat dabei jedoch einige Entdeckungen gemacht. Erstens führt der Nebel nicht in eine komplett andere Welt, sondern legt sich nur wie eine Decke über diese Gegend.
Zweitens kann der Nebel beseitigt werden, indem man eine Janusmaschine im Inneren zerstört. Offenbar müssen die White Masks eine zurücklassen, damit der Brunnen aktiv bleibt.
Drittens befinden sich Feinde im Nebel. Karlsson ist auf keine White Masks getroffen, doch ihre Operation wurde von Michael Myers unterbrochen. Sie konnte den Nebel deaktivieren, bevor er sie erwischen konnte, da er ebenfalls verschwind. Die Killer scheinen den Nebel also nicht verlassen zu können. Tachanka Ende."
„Hier Team Grün", gab Ying sofort durch: „Wir haben verstanden. Das sind wertvolle Informationen, vielen Dank."
Sie drehte sich im Beifahrersitz um und schaute über die Schulter zu Max.
„Also gut, mein Großer. Hast du verstanden, was du tun musst?"
Max nickte eifrig. Die Stimme aus dem seltsamen schwarzen Gerät war zwar verzerrt gewesen und der Sprecher hatte seine Schilderungen in einem komischen Akzent wiedergegeben, doch Max hatte so gut wie jedes Wort verstanden.
„Ich allein in Nebel gehen", sagte er: „Dann Brunnenmaschine zerstören, um Nebel wegmachen."
„Genau", lachte Kapkan nervös und Ying fügte hinzu: „Aber sei vorsichtig, okay. Es befinden sich höchstwahrscheinlich noch mehr von deiner Art da drinnen, vielleicht mehr als nur einer. Ich glaube zwar, dass du diesen Hammer zu schwingen weißt, aber lass dich trotzdem, wenn möglich nicht sehen. Verstanden?"
Max nickte und machte ein glucksendes Geräusch.
„Wir sind gleich da", murmelte Jackal, als das Militärfahrzeug zwei geparkte Streifenwagen passierte. Die Polizei war ebenfalls am Eintreffen und das gesamte Gebiet würde in kürze vollkommen abgeriegelt sein. Die Blaulichter warfen tanzende Schatten an die dunklen Wände und in der Ferne waren Schüsse zu hören. Offenbar schien es bei Notre Dame zu Kampfhandlungen gekommen zu sein.
„Verdammt", fluchte Ying, schaute kurz vorne aus der Windschutzscheibe und dann wieder nach hinten. „Deine absolute Priorität ist diese Brunnenmaschine, okay."
Wieder nickte Max.
„Gut", murmelte Ying und schaute wieder nach vorne: „gut, gut, gut."
Wenige Sekunden später bracht Jackal das Fahrzeug bereits zum Stehen und sofort sprang das gesamte Team hinaus in die Nacht. Max kletterte als letzter aus dem Wagen, die Hände fest um Hammer und Kettensäge gekrallt, bereit jedem Schrecken die Stirn zu bieten. Natürlich war er nervös, keine Frage, doch er vertraute Sally und er vertraute Meg. Die beiden hatten ihm gesagt, er solle den Soldaten helfen so gut er konnte und genau das würde er auch tun.
Max befand sich inmitten seiner Teamkameraden auf einer hell erleuchteten Kreuzung. Polizeiautos hatten den Bereich bereits abgeriegelt und bewaffnete Polizisten sowie vereinzelte GIGN Agenten schwärmten aus, um die Gegend zu sichern. Niemand schenkte den Rainbow Operatoren sonderlich viel Beachtung. Die Aufmerksamkeit der Franzosen richtete sich stattdessen eine der Straßen hinab auf eine dunkle, undurchdringliche Nebelwand, die den Weg versperrte und alles Licht zu verschlucken schien.
Rook knurrte etwas Unverständliches auf Französisch, bevor er sich zu Ying umdrehte. Allesamt hielten sie ihre Waffen bereits, doch der erste Blick verriet bereits, dass diese gegen den Nebel kaum von Nutzen sein würden. Jackal, Kapkan und Thermite warteten ebenfalls auf Befehle und Ying wandte sich umgehend an Max.
„Das ist dieser Nebel, richtig?", fragte sie und zeigte die Straße hinab. Man konnte es kaum erkennen, doch die dunklen Schwaden schienen sich langsam auszubreiten. Max nickte, zeigte mit seinem Hammer in die Richtung und knurrte: „Nebel"
„Mann, ihr habt wirklich einen treffenden Namen gewählt", murmelte Thermite und Jackal fügte hinzu: „Was jetzt? Schicken wir ihn hinein?"
„Ja", bestätigte Ying und schaute wieder zu Max: „Du weißt, was du zu tun hast?"
Max ließ ein bestätigendes Grunzen hören und noch bevor die Teamkommandantin etwas hinzufügen konnte, hatte er sich bereits in Richtung des Nebels davongemacht. Geschwind humpelte er die Straße entlang, passierte einen Streifenwagen und erntete die erstaunten Blicke einiger Polizisten. Max bewegte sich mit einer Geschwindigkeit, die man ihm kaum zutrauen mochte und es dauerte keine zehn Sekunden, bis er die dunkle Wand erreicht hatte.
Ehrfürchtig blieb Max vor dem Nebel stehen. Gerade mal einen Meter entfernt, machte sich ein mulmiges Gefühl in seinem Körper breit. Beinahe begannen seine Hände zu zittern, als er sich an die Grausamkeit und Brutalität des Entitus erinnerte. Er erinnerte sich daran, wozu er ihn gezwungen hatte und er war entschlossen, so etwas nie wieder zuzulassen. Unbeirrt tauchte er in den undurchdringlichen Nebel ein.