Die letzte Station
„Schlüssel", murmelte Claudette und schaute sich eilig um: „Schlüssel, Schlüssel, Schlüssel."
„Hier ist nichts", rief Chloe und untersuchte wütend das alte Fernsehgerät. Bis auf die Maschine, den Zaun, die Neonröhren an der Decke und die Kette, die Marie an der Wand festhielt, war der Raum leer.
„Such weiter", antwortete Claudette, bevor sie sich umdrehte: „Jade. Wie groß ist der Schlüssel, nach dem wir suchen? Wie sieht das Schlüsselloch aus?"
„Keine Ahnung", rief Jade mit vor Panik schwankender Stimme. Immer noch untersuchte sie die umgekehrte Bärenfalle auf Maries Kopf und das Zittern ihrer Finger wurde nur noch von dem des kleinen Mädchens übertroffen. Claudette konnte es ihr kaum vorwerfen.
„Hier ist kein Schlüsselloch", rief Jade: „Hier ist gar nichts. Nur… Nur dieses Teil hier."
Sie deutete auf eine kleine, schwarze Fläche auf einem metallenen Kästchen, das seitlich an der Apparatur angebracht worden war. Es sah aus wie eine Art Scanner.
„Was ist das?", rief Jade hysterisch. Claudette lief zu ihr hinüber und warf einen schnellen Blick auf das Gerät, bevor sie selbst die umgekehrte Bärenfalle untersuchte. Außer der schwarzen Fläche gab es wirklich nichts, was nach einem Mechanismus aussah, um Marie aus dem sadistischen Mordwerkzeug zu befreien. Es musste sich also zweifellos um das gemeinte Schlüsselloch handeln. Doch wo war der Schlüssel?
Claudette schoss einen schnellen Blick hinüber auf die Uhr. Zwanzig Sekunden waren bereits vergangen und die Zeit würde ihnen nicht den Gefallen tun, langsamer zu verrinnen. Sie mussten sich beeilen, wenn sie die Kleine vor einem grausamen Tod bewahren wollten.
„Chloe?", rief Claudette energisch.
„Was?"
„Ist auf deiner Seite etwas? Irgendwas?"
„Nein, hier… hier ist nichts. Nur dieses scheiß Fernsehgerät und… und diese alte Säge." Sie langte mit dem Arm hinter den Bildschirm und zog ein verrostetes Werkzeug hervor. Es handelte sich um eine Laubsäge, alt und brüchig, von Rost überzogen und mit stumpfen Sägezähnen.
„Eine Säge?", rief Claudette: „Vielleicht kommst du damit auf unsere Seite. Wir suchen derweil hier weiter."
Chloe nickte und machte sich sofort daran, mit der Säge gegen den Maschendrahtzaun vorzugehen. Ihre Aussichten auf Erfolg waren gering und höchstwahrscheinlich würde eher das Sägeblatt brechen, als der Draht der Absperrung. Doch sie musste etwas unternehmen.
Claudette und Jade versuchten derweil verzweifelt Marie, die in blinder Panik wimmerte, aus der Bärenfalle zu befreien, indem sie den Verschluss aufzogen. Mit aller Kraft machten sie sich am kalten Metall zu schaffen, doch es war zwecklos. Die Konstruktion war zu stabil, einwandfrei und in der begrenzten Zeit von fünf Minuten unzerstörbar.
„Fuck", rief Jade frustriert aus und schaute ängstlich zu ihrer Kameradin: „Claudette, wir müssen etwas tun! Schnell! Irgendwas."
Die Kanadierin war sprachlos. Sie hatte absolut keinen Schimmer was zu tun war. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass bereits eine Minute vergangen war und als die große Vier auf eine Drei wechselte, stieß Marie einen erstickten Schrei aus. Er war kaum hörbar, da die umgekehrte Bärenfalle ihre Laute signifikant abdämpfte, doch er verleitete Claudette dazu sich vor ihr hinzuknien und sie in die Arme zu schließen.
„Alles wird gut, hörst du", flüsterte sie: „Wir holen dich hier raus, wir…"
Plötzlich ertönte ein Piepton von der Seite der Bärenfalle und Claudette schreckte zurück. Hatte sie etwas getan? Ein schneller Blick verriet ihr, dass die schwarze Fläche an der Seite auf einmal rot aufgeleuchtet war. Doch der Farbton verwand so schnell, wie er gekommen war und wich kurze Zeit später bereits wieder dem alten Schwarz.
„Claudette…", murmelte Jade: „Das war dein Finger. Du… du bist auf diesen… Scanner geraten."
Claudettes schaute sie für einen kurzen Moment an, bevor sie sich wie elektrisiert wieder dem Fingerscanner zuwandte. Sie konnte kaum glauben, dass es so einfach gewesen war. Alles was sie gebraucht hatten war eine kleine Portion Glück, um den Scanner rechtzeitig ausfindig zu machen. In Kürze würden sie Marie bereit haben.
Eilig legte Claudette einen Finger nach dem anderen auf die schwarze Fläche und jedes Mal produzierte sie einen unangenehmen Piepton zusammen mit einem kurzen, roten Aufleuchten. Die umgekehrte Bärenfalle blieb fixiert und die Uhr tickte gnadenlos weiter.
„Jade, schnell", rief Claudette: „Versuch du´s."
Jade verlor keine Zeit und ebenfalls legte sie in schneller Abfolge jeden einzelnen ihrer Finger auf den Scanner, nur um zum selben Ergebnis zu gelangen. Nämlich gar keinem.
„Hey, Leute"
Claudette und Jade schnellten zu Chloe herum, die mittlerweile aufgehört hatte den Zaun zu bearbeiten. Stattdessen starrte sie wie hypnotisiert auf einen ihrer Finger, um den sich eine schwarze Spirale zog. Marie war zu nah an die Wand gefesselt, sodass es Chloe unmöglich war ihre Finger an der Bärenfalle auszuprobieren. Doch in ihrer linken Hand befand sich immer noch die verrostete Säge.
„Ich glaube…", stammelte Chloe: „Ich glaube, ich weiß wo der Schlüssel ist."
Jade und Claudette tauschten einen schnellen Blick aus. Dann fingen sie bereits an, Marie zum Zaun herüber zu ziehen, doch Chloe schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, das… das geht nicht. Soweit reich ich nicht. Ihr… Ihr müsst sie abschneiden."
„Chloe…", begann Claudette, doch ein schneller Blick auf die Uhr schnürte ihr den Hals zu. Es verblieben noch dreieinhalb Minuten. Sie schluckte ihre Angst hinunter und sagte. „Na gut. Gib mir die Säge."
„Claudette!", rief Jade: „Willst du etwa…"
„Wir müssen", entgegnete Claudette und bemühte sich um eine ruhige Hand, als sie von Chloe die Säge entgegennahm. Sie passte nicht durch die Maschen des Zauns, also musste sie selbst ihre Hände auf die Seite des blauhaarigen Mädchens stecken, das zitternd die gespreizten Hände auf dem Boden platzierte.
„Hier", sagte Claudette und riss sich einen weiteren Stoffstreifen von ihrer ohnehin schon völlig zerstörten Bluse: „Beiß da drauf"
Chloe tat sofort wie geheißen und steckte sich das zusammengerollte Stück Stoff zwischen die Zähne. Anschließend kniff sie die Augen zusammen und wartete darauf, dass Claudette mit ihrem blutigen Vorhaben begann.
„Welchen nehmen wir?", fragte Claudette, doch Chloe schüttelte den Kopf. „Mit egal, nimm einfach einen und mach so schnell du kannst."
Claudette nickte. Als erstes würde sie es mit dem kleinen Finger ihrer linken Hand versuchen. Es war wahrscheinlich jener, den sie am wenigsten vermissen würde und bei dem es am schnellsten ging. Hoffentlich war die alte Säge scharf genug, um durch Fleisch und Knochen zu schneiden.
Sorgsam legte Claudette die Säge an und Chloe zuckte zusammen, als das kalte Metall ihre Haut berührte. Ein Blick auf die Uhr zeigte noch gute drei Minuten und zehn Sekunden. Jade stand ratlos hinter Claudette und hatte die Hände vor den Mund geschlagen, wortlos die grausame Szene vor sich verfolgend. Claudette nahm einen tiefen Atemzug. Nervös festigte sie ihre Finger um den Griff der Säge und bemühte sich erneut, ihre zitternden Hände unter Kontrolle zu bekommen.
Doch gerade als sie beginnen wollte, zog Chloe ruckartig ihre Hände zurück und ballte die Finger zur Faust. Die spuckte den Stofffetzen aus ihrem Mund und schaute mit zusammengekniffenen Augen auf den Boden.
„Fuck", rief sie: „Claudette, ich… ich…"
„Chloe", flüsterte Claudette und griff durch den Zaun hindurch nach ihrem Arm: „Ich weiß, das ist ein großes Opfer. Aber wenn wir nichts tun, wird Marie…"
„Ich weiß", rief Chloe hysterisch: „Ich weiß."
Sie vergrub kurz das Gesicht in den Händen, holte einmal tief Luft und legte dann wieder ihre Finger auf den kalten Betonboden.
„Hier, schnell"
Ohne weitere Zeit zu verlieren setzte Claudette die Säge an und kaum hatte Chloe wieder den Stoffstreifen zwischen die Zähne genommen, begann sie das Sägeblatt vor und zurückzuziehen, während sie mit aller Kraft nach unten drückte.
Die metallenen Zähne rissen unsaubere Fransen in Chloes Haut, während sie sich langsam in ihr Fleisch fraßen. Nach drei kräftigen Zügen hatten sie bereits den Knochen erreicht und begannen mit grausamer Entschlossenheit kleine Späne davon abzuwetzen. Blut spritzte auf den Boden. Chloe stieß ein gequältes, vom Stoff zwischen ihren Zähnen ersticktes Stöhnen aus während sie mit zusammengekniffenen Augen auf das Ende der Tortur wartete.
Jade hatte die Hände auf die Ohren gelegt und sich abgewandt. Sie wollte weder hören noch sehen, was Claudette zu tun gezwungen war. Stattdessen ging sie hinüber zu Marie und nahm die Kleine in die Arme so fest sie konnte.
„Alles wird gut", wimmerte sie. Der Herzschlag des Mädchens maß sich mit ihrem eigenen und sie wusste kaum, wer von ihnen heftiger zitterte. Claudette hingegen ging mit grimmiger Miene und entschlossenen Händen ans Werk. Sie wollte die Aufgabe so schnell wie möglich hinter sich bringen und bereits nach zehn Sekunden begann sich der Finger auf dem Boden mit den Zügen der Säge zu verdrehen.
Der Knochen war bereits durchtrennt. Nur noch ein dünner Fetzen aus Haut und Fleisch hielt die dürre Gliedmaße an Ort und Stelle. Es dauerte nur noch einen kurzen Augenblick bis Claudette auch dieses letzte Hindernis beseitigt hatte und klappernd die Säge zu Boden fallen ließ.
Keuchend fiel Chloe auf den Rücken, die rechte Hand um ihre linke geklammert und stieß einen langgezogenen Schmerzensschrei aus. Dort wo sich ihr kleiner Finger befunden hatte, gab es nur noch einen blutigen Stummel.
Claudette warf einen schnellen Blick hinüber auf die Uhr, die ihnen noch zweieinhalb Minuten versprach. Dann griff sie mit spitzen Fingern nach dem kleinen, fleischfarbenen Wurm, der dort regungslos im Staub lag. Dickflüssiges Blut tropfte von einer Seite, als Claudettes Chloes Finger vorsichtig hochhob und ihn durch den Zaun auf ihrer Seite herüberbrachte.
So schnell sie konnte ging sie hinüber zu Marie und legte eine Hand an die umgekehrte Bärenfalle. Jade warf einen schockierten Blick auf den Finger und wandte sich kurz darauf ab. Mit einer Hand vor dem Mund versuchte sie ihren Würgereiz zu unterdrücken. Claudette legte derweil langsam den Finger auf den Scanner, sorgsam darauf bedacht, die schwarze Fläche nicht mit But zu verschmieren. Ein Piepen ertönte und ein rotes Licht erschien.
„Es ist der falsche", flüsterte Claudette entgeistert.
„Was?", fragte Jade und drehte sich zu ihr um. Bevor die Kanadierin jedoch antworten konnte, hallte ein lautes Krachen durch die Halle und sie zuckten beide erschrocken zusammen. Ein schneller Blick verriet ihnen, das Chloe vor Wut den rechten Fuß im Bildschirm des alten Fernsehgerätes versenkt hatte. Die linke Hand immer noch mit der Rechten umklammert zog sie unbeholfen ihr Bein wieder hervor und schaute dann hinauf zu einer der Kameras.
„Da hast du´s, DU ARSCHLOCH", rief sie und marschierte zornig hinüber in die Ecke, direkt unter das graue Gerät: „Du dachtest wohl wir machen´s nicht, oder? FICK DICH!"
„Chloe", rief Claudette und ging hinüber zum Zaun.
„ICH REISS DIR DEN ARSCH AUF"
„Chloe"
„WARTE NUR"
„CHLOE"
„WAS?"
„Es war der falsche Finger."
Für einen Moment machte sich Unglauben auf dem Gesicht des blauhaarigen Mädchens breit. Ihr Blick schoss zwischen Claudette und Marie im Hintergrund hin und her, während sie ein paar Mal den Mund öffnete und wieder schloss.
„Chloe, wir haben noch knapp zwei Minuten", sagte Claudette eindringlich: „Wenn wir nichts tun, wird sie unter unseren Händen draufgehen. Wir…"
„Sei still", unterbrach Chloe sie ungestüm. Dann stürzte sie wieder herüber zum Zaun und legte die rechte Hand auf den Boden, mit ausgestrecktem Ringfinger: „Sei still und mach einfach. So schnell du kannst. Bitte."
Ihre Stimme zitterte und sie nahm einen tiefen Atemzug, bevor sie sich wieder den Stofffetzen zwischen die Zähne steckte. Tränen rollten von Chloes Augen, doch ihr Blick war entschlossen. Sie würde nicht aufgeben. Dieses Mal machte sie keinen Mucks, als Claudette die Säge ansetzte und mit grimmiger Wut schauten sich die beiden in die Augen. Claudette hielt kurz inne und wartete, bis Chloe unmerklich nickte.
Jeder Faser ihres Körpers widerstrebte es, Chloe noch mehr Schmerzen zuzufügen, doch sie hatte keine Wahl. Mit bitterer Kraft ging sie erneut an ihr blutiges Werk und hielt den Blick auf den Ringfinger gerichtet, der sich in wenigen Sekunden von Chloes Hand gelöst haben würde. Wieder flogen Knochensplitter umher. Wieder spritzte dunkles Blut auf den Boden. Die ganze Zeit über rauschte der pfeifende Atem des blauhaarigen Mädchens in Claudettes Ohren und hin und wieder hörte sie ein gequältes Stöhnen, als Chloe blind vor Schmerz auf den Stofffetzen biss.
„Ich hab´s gleich", knurrte sie und riss immer hastiger an Chloes Finger umher. Erstaunlicherweise war es ungleich schwieriger den Ringfinger abzutrennen als den kleinen Finger. So groß war der Unterschied doch gar nicht. Und dennoch musste Claudette ihre gesamte Kraft aufwenden, um die blutverschmierte Säge durch Knochen und Haut reißen zu können.
Mit einem finalen Aufschrei stieß sie das Sägeblatt nach unten und quietschend kratzte es über den harten Boden, während Chloes Finger zur Seite rollte. Er zog eine schmale Blutspur hinter sich her. Seine ehemalige Besitzerin hingegen fiel auf die Seite, stützte sich auf die Unterarme und begann sich zu übergeben. Oder hätte sie zumindest, wäre ihr Magen nicht vollkommen leer gewesen.
Claudette langte indes durch den Zaun hindurch nach dem Finger. Beinahe wäre er außer Reichweite gerollt, doch mit einer flinken Bewegung bekam sie ihn noch rechtzeitig zu fassen. Sie schnellte auf die Beine, fuhr herum und rannte zurück zu Marie, die mit vor Panik geweiteten Augen auf dem Boden kauerte.
Ein schneller Blick zur Uhr zeigte noch eine Minute und zwanzig Sekunden. Sollte es nötig sein, hätten sie auch noch Zeit für den dritten Finger, doch Claudette betete, dass es sich dieses Mal um den richtigen handelte. Sie wusste nämlich nicht, ob Chloe oder sie selbst zu einem dritten Anlauf im Stande waren.
„Bitte", flüsterte Claudette: „Bitte, bitte, bitte, lass es den richtigen sein."
Mit verschwitzten und zitternden Händen wischte sie etwas Blut von der Oberfläche des Scanners, bevor sie Chloes Finger auf die schwarze Fläche presste. Wieder ertönte ein Piepen und ihr war bereits das Herz in die Hose gerutscht, als mit einem Mal ein grünes Licht erschien und sich die Verschlüsse an der umgekehrten Bärenfalle laut klickend öffneten.
Jade stieß einen überraschten Schrei aus und legte sofort beide Hände um die Apparatur. Zusammen mit Claudette hob sie die Bärenfalle nach oben und zog sie vom Kopf des kleinen Mädchens, bevor sie die brutale Gerätschaft achtlos auf den schmutzigen Steinboden fallen ließen.
Ein lautes Krachen hallte durch den Raum, gefolgt von einer Sirene und die rote Uhr stoppte, während Jade die weinende Marie in den Arm nahm. Claudette hingegen schaute sofort über die Schulter zu Chloe, die zitternd auf der anderen Seite des Zaunes kniete.
„Ich glaub mir wird schwindlig", flüsterte das blauhaarige Mädchen. Die Hände gegen den Bauch gepresst versucht sie schwankend das Gleichgewicht zu halten. Ihre Augenlider flackerten und ihr Blick schien ins Leere zu gehen. Claudette erkannte sofort, dass sie kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren.
Meg atmete erleichtert auf. Langsam löste sich der Druck, den Anna auf ihre Hand ausgeübt hatte, seitdem sie Marie unter der umgekehrten Bärenfalle entdeckt hatten. Meg war es zunächst gar nicht aufgefallen, doch Anna hatte sie bereits sehr viel früher erkannt. Erst die Erklärungen der Puppe hatte sie dann daran erinnern, wo sie das Mädchen schon mal gesehen hatte.
„Ihr kennt sie also?", fragte Philip. Mit verschränkten Armen und besorgten Augen stand er hinter dem Sofa und hatte über Annas Schulter hinweg das Geschehen auf dem Bildschirm mitverfolgt. Sobald die Puppe das Opfer des vorherigen Spiels als seine Nichte bekanntgegeben hatte, hatte Six ihn sofort aus dem Einsatz zurückbeordert. Emotional belastete Operatoren durften in keine Kampfzone geschickt werden. Das galt auch für ihre Unterstützer.
„Wir kennen sie aus Weeks", murmelte Meg: „Sie hat sich im Wald verlaufen. Anna hat sie dort gefunden und auf die Farm mitgenommen. Ich habe sie dann nach Hause gebracht. Aber… das war nur ein Tag. Wir kennen sie kaum."
Sie vergrub das Gesicht in den Händen und stützte die Ellbogen auf die Knie. Nach einem frustrierten Schnauben murmelte Meg: „Sie hat doch gar nichts mit uns zu tun."
„Chloe auch nicht wirklich", warf Dwight ein: „Sie kannte Claudette nur für einen Tag. Wahrscheinlich waren die beiden einfach zur falschen Zeit am falschen Ort."
„Wahrscheinlich" brummte Philip. Sein Blick glitt hinüber auf den Fernseher, der stummgeschaltet die Nachrichten zeigte. Natürlich wurde rund um die Uhr über die Geschehnisse in Paris berichtet, doch bei den meisten Meldungen handelte es sich um kaum mehr als wagemutige Spekulationen. Andere waren da schon zuverlässiger.
„Verdammt", knurrte Philip und als Meg fragend den Kopf zu ihm drehte, zeigte er nur hinüber auf den Fernseher. Die Athletin stieß ein entsetztes Keuchen aus, als sie erkannte, welches Gebäude dort in den Flammen unterging.
Lauthals fluchend riss der Pilot das Steuer des Helikopters herum und versuchte der brennend heißen Feuerwolke auszuweichen, die durch das Dach der Kathedrale nach oben geschossen kam. Gesteinsbrocken und Trümmer wurden von der heftigen Druckwelle durch die Luft geschleudert und Glaz musste sich mit aller Kraft festhalten, um nicht aus dem Fluggerät zu fallen. Finka hatte neben ihm bereits den Gurt um ihren Sitz geschlossen. Mit Entsetzen in den Augen schaute sie nun zu, als die beiden majestätischen Türme Notre Dames in sich zusammenbrachen.
Der Fernsehreporter, der neben ihr saß, beugte sich zum Piloten nach vorne und schrie ihn an so laut er konnte. Natürlich war es sinnlos, die Lautstärke der Explosion übertraf alles, was selbst eine ganze Armee menschlicher Stimmbänder zustande gebracht hätte. Trotzdem verstand der Pilot den Befehl und so schnell er konnte brachte er den Helikopter aus der Gefahrenzone, während Glaz verzweifelt versuchte, sich in seinem Sitz zu halten.
Nach wenigen Sekunden, die ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen waren, fing sich der Hubschrauber wieder und schoss über die Dächer von Paris dahin, eilig an Höhe gewinnend. Um ihn herum fielen die Bruchstücke der ehemaligen Kathedrale zu Boden. Manche landeten in Gebäuden, rissen Mauern ein und krachten in Schaufenster. Andere stürzten in den Fluss, wo sie unter aufspritzenden Wasserfontänen in die Tiefe sanken.
„Merde", murmelte der schockierte Reporter, der die beiden Rainbow Operatoren gerade noch rechtzeitig vom Dach der Kirche gerettet hatte, und schaute mit ungläubigen Augen hinüber auf die brennenden Ruinen des einst so stolzen Gotteshauses. Schwarzer Rauch stieg als dunkle Säule in den sternenüberzogenen Nachthimmel. Irgendwo tönte eine Polizeisirene durch die Nacht.
Finka folgte dem Blick des Mannes, der die Wahrheit, die vor ihm in flammenden Trümmern lag, offenbar kaum glauben konnte, doch Glaz hatte seine Aufmerksamkeit seiner Armbanduhr zugewandt. Seit der Ankündigung des Angriffs war über eine halbe Stunde vergangen. Die White Masks waren in Zeitverzug gekommen, wahrscheinlich aufgrund der aufwändigen Maskerade und des verzögerten Auslegens der Sprengsätze. Die Demolierung einer so massiven Struktur wie Notre Dame vorzubereiten nahm Zeit in Anspruch und es war erstaunlich, dass sie es innerhalb einer halben Stunde geschafft hatten.
Ein ungutes Gefühl machte sich in der Brust des Scharfschützen breit. Wie der kalte Wind, der um sein Gesicht peitschte, spürte Glaz eine Empfindung, die er seit seinem Eintreten in Team Rainbow nicht mehr verspürt hatte.
Es war Niederlage. Sie gewannen nicht. Die White Masks waren ihnen einen Schritt voraus, in jeder Lage und jetzt hatten sie es auch noch geschafft eines der wichtigsten Gebäude in ganz Europa zu zerstören. Direkt unter ihrer Nase. Es war ein Gefühl, als würde jemand einen Teppich unter seinen Füßen wegziehen, als sich plötzlich Finkas Funkgerät aktivierte und eine entgeisterte Stimme ertönte.
„Hier…. Hier Jäger… Wir… Wir haben verloren. Notre Dame ist… verdammte Scheiße, sie haben die gesamte Kathedrale in die Luft gesprengt!"
Finka und Glaz wechselten einen Blick. In ihren Augen konnte er sehen, dass sie den Mut verloren hatte. Sie glaubte nicht mehr daran, die White Masks noch aufhalten zu können. Sie hatten ihr Ziel ja bereits erreicht. All das Training, all die Übungen und all die Vorbereitung waren umsonst gewesen. Am Ende hatten sich die Terroristen mit Leichtigkeit an ihnen vorbeigeschlichen und Team Rainbow hatte nur tatenlos danebengestanden.
„Hier Six", rauschte es plötzlich aus dem Funkgerät. Glaz und Finka horchten auf. „Reißen sie sich zusammen, Jäger. Der Krieg ist noch nicht vorbei."
Entschlossenheit und Kampfeslust schwang in der Stimme ihrer Kommandantin mit, doch es reichte kaum aus, um Glaz zum Weitermachen zu motivieren. Was sollten sie denn jetzt noch tun? Aus seiner Sicht war der Krieg sehr wohl vorbei und zwar mit einer Seite als klarem Verlierer.
„Vor wenigen Sekunden haben die White Masks ihr nächstes und bisher größtes Ziel offenbart", gab Six durch. Der Blick des Scharfschützen richtete sich über die schwarzen Hausdächer hinweg auf eine in den Himmel ragende Speerspitze.
„Sie wollen den Eiffelturm vernichten. Das werden wir nicht erlauben. Polizei und GIGN haben die Gegend bereits abgeriegelt, doch keine französischen Operatoren wurden in das Gebäude geschickt. Bis sich die Sache in Notre Dame geklärt hat, bleibt GIGN auf Standby. Jetzt liegt es an uns."
Glaz schaute Finka nun direkt in die Augen. Sie konnten kaum glauben, was Six das von ihnen verlangte. Sie sollten allein den Eiffelturm verteidigen? Das höchste Wahrzeichen der gesamten Nation? Gerade nachdem die White Maskes ihnen eine vernichtende Niederlage zugefügt hatten? Andererseits… Waren nicht gerade solche Operationen der Grund, warum Team Rainbow gegründet worden war? Um sich in der dunkelsten Stunde einen Weg durch die Finsternis zu bahnen, koste es was es wolle?
„Six an alle Teams", kam es durch das Funkgerät: „Sammeln sie sich am Eiffelturm so schnell sie können. Und machen sie sich auf alles gefasst."
Glaz straffte die Schultern. Der Griff um sein Gewehr, der sich zuvor etwas gelöst hatte, war nun wieder so stark und fest wie eh und je. Dann griff er nach der Schulter des Reporters, der ihm gegenübersaß und lenkte somit die Aufmerksamkeit des Franzosen auf sich.
„Fliegen sie zum Eiffelturm", rief Glaz. Der Reporter schaute ihn kurz entsetzt an und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, knurrte der Scharfschütze: „Das ist ein Befehl."
Für einen Moment war sich der Franzose wohl unsicher, was jetzt zu tun war. Dann griff er an sein Headset, das ihn mit dem Piloten verband und gab die Anweisung weiter. Der Mann am Steuern des Helikopters dreht kurz den Kopf, als er in die Passagierkabine schaute, wendete dann jedoch und flog direkt auf die Spitze des Eiffelturms zu. Glaz nickte grimmig, während Finka nach ihrem Funkgerät griff.
„Hier Finka", gab sie durch: „Ich und Glaz befinden uns in einem Helikopter über Paris. Wir haben einen hervorragenden Blick auf die Situation."
„Hier Dokkaebi", kam nach einem kurzen Moment die Antwort. Six war wohl gerade anderweitig beschäftigt: „Stationiert euch über dem Turm und sucht die Umgebung ab. Jeder Tango ist sofort anzugreifen."
„Verstanden", sagte Finka und nickte Glaz grimmig zu. Dieser ließ ein freudloses Lachen hören und legte eine Hand an das Zielfernrohr seines Gewehrs.
„Bleiben sie auf dieser Höhe", befahl der dem Piloten und drehte anschließend an den feinen und präzisen Mechanismen des Visiers, sodass es sich auf die richtige Distanz einstellte. Eine Flagge unten am Boden verriet ihm, dass im Moment komplette Windstille herrschte, was einen unheimlichen Kontrast zur gegenwärtigen Situation darstellte, jedoch auch bedeutete, dass er keine Luftströmungen in seine Schüsse miteinbeziehen musste.
In einer Straße etwas zu ihrer Rechten konnten Glaz und Finka eine Straßensperre der GIGN entdecken. Zu ihrer Linken schossen bereits zwei schwere Einsatztrucks auf den weitläufigen Platz vor dem Eiffelturm und rasten auf das skelettartige Bauwerk zu.
„Hier Team Orange", rauschte Sledges Stimme aus dem Funkgerät: „wir befinden uns am Einsatzort."
„Hier Team Blau", antwortete Tachanka: „Wir sind ebenfalls da."
Glaz legte sein Gewehr an die Schulter und spähte durch das Fernrohr über die Dächer der Stadt hinweg. Vielleicht stießen die White Masks ja auf etwas abgelegeneren Pfaden auf ihr Ziel vor. Doch bis jetzt war noch nichts zu erkennen. Keine Feinde schlichen durch die Dunkelheit. Die Nacht war ruhig.
In der Ferne kreiste ein GIGN Helikopter über der Stadt. Die französischen Spezialisten waren eine willkommene Unterstützung, doch mit ihrem Infiltrationsmanöver hatten die White Masks dem Oberkommando wohl das Vertrauen in die Integrität der Eliteeinheit geraubt. Nur noch Team Rainbow war über jeden Verdacht erhaben. Der Hubschrauber würde sich dem Eiffelturm also nicht nähern.
„Hier Team Rot", schallte Thatchers akzentuierte Stimme durch das Funkgerät: „Wir sind unterwegs. Noch eine Minute."
Finka murmelte etwas Unverständliches auf Russisch, bevor sie auf einen weiteren Einsatzwagen zeigte, der sich auf einer breiten Straße am anderen Ufer der Seine einen Weg zum Eiffelturm bahnte. Kaum einen Augenblick später entdeckte sie mit ihrem Fernglas ein weiteres Fahrzeug.
„Hier Team Gelb", gab die polnische Operatorin Zofia durch: „Wir sind da."
Der Reporter gegenüber von Glaz verfolgte gespannt die sich unter ihm abspielende Situation, doch er wagte es nicht, etwas an seinen Sender durchzugeben.
„Hier Jäger. Team Weiß und Team Lila, wir… wir haben Verluste erlitten. In fünf Minuten schaffen wir das nicht. Und wir brauchen MedEvac bei Notre Dame. Oder was davon übrig ist."
Finka warf Glaz einen besorgten Blick zu. Verluste waren bei den heftigen Gefechten um die Kathedrale zu erwarteten gewesen, aber es blieb ein harter Schlag. Glaz wusste noch nicht, welche Operatoren ihr Leben gegeben hatten, doch er kannte sie alle und sie alle waren wie Brüder und Schwestern für ihn.
„Hier Team Grün", rauschte es durch das Funkgerät: „Wir werden ebenfalls länger als fünf Minuten brauchen, aber wir sind unterwegs."
„Hier Six", kam umgehend die Antwort: „Alle Teams in Verteidigungsposition."
„Verstanden", antwortete Sledge, der am Boden wohl wieder das Kommando übernommen hatte. Durch ihr Fernglas konnte Finka sehen, wie die Operatoren mit angelegten Waffen in den Park ausschwärmten und sich in regelmäßigen Abständen um den Eiffelturm postierten. Die GIGN hatte zwar jede Zugangsstraße abgeriegelt, doch nach dem Trauma von Notre Dame trauten sie den White Masks alles zu.
Finka beobachtete Fuze, der am Boden hinter einem Baum in Deckung gegangen war. Mit professioneller Ruhe kontrollierte er einen Mechanismus seiner AK, bevor er nach rechts schaute und einem anderen Operator etwas zurief.
Finka folgte seinem Blick und landete bei Smoke, der bestätigend nickt und Fuze anschließend einen seiner Gaskanister zuwarf. Einen weiteren reichte er an Ash weiter, die ihn unter einer Parkbank platzierte. Der Angriff würde binnen weniger Minuten beginnen, doch bis jetzt war noch nichts zu sehen. Finkas Blick glitt hinüber zum Eiffelturm.
„Hey, Glaz", murmelte sie plötzlich und der Scharfschütze drehte ihr fragend den Kopf zu. Sie zeigte hinunter auf den Eiffelturm und sagte: „Siehst du das da am rechten, vorderen Träger? Gleich über der ersten Querstrebe."
Glaz legte nervös sein Gewehr an die Schulter und schaute durch das Visier. Es war schwierig bei den ständigen Bewegungen das Fernglas ruhig zu halten, doch sein Auge erfasste sofort, was Finka erspäht hatte.
„Was ist das?", fragte die Russin unsicher, doch Glaz griff bereits an sein Funkgerät: „Hier Glaz. Der Eiffelturm ist bereits verkabelt, ich wiederhole, der Eiffelturm ist bereits verkabelt. Die Sprengsätze sind bereits angebracht."
„Was soll das heißen?", kam nach einer Sekunde Sledges wütende Antwort von unten herauf.
„Genau das was ich gesagt habe", gab Glaz durch und schaute auf die Uhr. Dann erklärte er: „Ich sehe die Zündvorrichtungen an den Sprengsätzen. Haut ab, von da unten und lasst mich das übernehmen."
„Glaz, was zum…"
Entschieden betätigte Glaz einen Schalter an seinem Funkgerät und unterbrach damit jeden Kontakt zu seinen Kameraden. Sie würden ihn nur Zeit kosten. Zeit die er nicht hatte. Außerdem würden sie niemals schnell genug den Eiffelturm erklimmen können, um die Bomben zu entschärfen.
„Halten sie die Kiste ruhig", wies der Scharfschütze den Piloten mit grimmiger Miene an. Anschließend löste er seinen Gurt und legte sich hinunter auf den Boden des Helikopters, sein Gewehr direkt auf den Eiffelturm gerichtet. Leise konnte er durch Finkas Funkgerät Sledges wütende Stimme hören, doch keiner der beiden antwortete. Jetzt kam es nur auf ihn an. Jeder Schuss musste sitzen.
Glaz spähte durch das Visier seiner Waffe. Sein Atem strömte langsam und kontrolliert durch seine Lungen, sein Herzschlag beruhigte sich und wurde langsamer. Sein gesamter Körper bereitete sich auf die mentale und physische Meisterleistung vor, die er erbringen musste. Die Schüsse würden entscheiden, ob Team Rainbow die letzte Schlacht gewann, oder nicht.
Dort unten, direkt unter einem Metallträger, befand sich ein schwarzes Packet. Es war an den Eisenstreben festgebunden worden und an der Oberseite befand sich ein kleines Kästchen mit einer Antenne daran. Dies war sein Ziel.
Glaz atmete einmal tief durch, bevor er die Luftzufuhr in seinen Körper komplett stoppte. Über ihm rauschte der Rotor des Helikopters, zu seiner linken befand sich Finka, die immer noch mit ihrem Fernglas den Eiffelturm absuchte und rechts der Reporter, der kaum im Stande war, mit der Situation klarzukommen.
Glaz krümmte seinen Zeigefinger. Nur ein wenig, kaum einen Millimeter. Ein Schuss krachte aus seinem Gewehr und verhallte in drei immer schwächer werdenden Echos über der Stadt. Aufatmend ließ Glaz wieder Luft zurück in seine Lungen strömen. Dann schaute er hinauf zu Finka.
„Treffer", bestätigte sie und Hoffnung durchsetzt ihre Stimme: „Du hast den Zünder erwischt. Aber an den beiden anderen Trägern links und rechts sind ebenfalls Sprengsätze angebracht. Und ich wette auf der Hinterseite ist auch noch einer."
Glaz nickte und drehte sich zu dem Reporter um.
„Wir müssen weiter nach rechts. Sagen sie dem Piloten er soll uns über das weiße Gebäude dort bringen und den Helikopter so ruhig halten wie möglich."
Während der Franzose den Befehl weitergab, korrigierte Glaz seine Haltung auf dem Boden des Fluggeräts und richtete seinen Griff um die Waffe. Es war noch nicht vorbei. Wieder vollzog er sein antrainiertes Ritual, das ihn in die nötige Ruhelage versetzen würde, um seine Arbeit zu machen.
„Dort, direkt an derselben Position", sagte Finka: „Siehst du es?"
Glaz antwortete nicht. Er hatte den Sprengstoff bereits erspäht und sein Fadenkreuz genau über dem winzigen Gerät fixiert, das sein Ziel darstellte. Es war nicht größer als ein herkömmliches Handy und aus dieser Entfernung würde es neben seinen Fähigkeiten auch noch eine gute Portion Glück brauchen, wenn die Kugel ins Schwarze treffen sollte. Doch er hatte es bereits vorhin geschafft. Er konnte es wieder tun.
Der zweite Schuss krachte durch die Finsternis und verhallte über den Dächern von Paris. Unter dem Hubschrauber hatten sich die Operatoren mittlerweile vom Eiffelturm zurückgezogen und sich zu den GIGN Agenten an den Straßensperren gesellt. Sollte das Bauwerk fallen, konnten sie ohnehin nichts anderes tun, als sich in Sicherheit zu bringen.
„Treffer", murmelte Finka und schaute zum Piloten: „Weiter, los!"
Wieder änderte der Hubschrauber seine Position und beschrieb eine gedehnte Kurve, sodass er direkt vor dem dritten Bein des Eiffelturms zum Stehen kam. Die Blaulichter von Polizeiautos blitzen aus den Straßenschluchten herauf, eine kurze Windböe rüttelte an der Seite des Helikopters und beinahe wäre Glaz auf dem Abzug ausgerutscht.
Doch dann beruhigte sich die Nacht wieder und war so still wie eh und je. Der Scharfschütze atmete ein, dann wieder aus. Sein Auge war direkt auf das Ziel gerichtet und einen Augenblick später löste sich der dritte Schuss.
„Treffer", rief Finka beinahe ungläubig. Sie winkte dem Piloten, der sich sofort daran machte, den Hubschrauber in die vierte und letzte Position zu fliegen. Ihre Hände umklammerten das Fernglas und auf ihrem Gesicht zeichnete sich beinahe euphorische Hoffnung ab.
„Wie viel Zeit haben wir noch?", fragte Glaz, als eine erneute Windböe den Helikopter kurz etwas ins Taumeln brachte und die Flugmaschine erst wieder ihr Gelichgewicht finden musste, bevor der Scharfschütze anlegen konnte.
„Keine Ahnung", schüttelte Finka den Kopf: „Mach schnell."
Glaz antwortete nicht. Sein Verstand konzentrierte sich bereits auf das letzte Ziel, das sich dort unten keine hundert Meter entfernt zwischen den Rippen des Stahlriesen von Paris befand. Ein leichter Wind hatte eingesetzt, doch es würde keinen Unterschied machen. Nicht auf diese Distanz. Glaz atmete aus. Leichtigkeit machte sich in seinen Gliedern breit, als er Ruhe fand und seinen Finger auf den Abzug legte.
Wie ein Kanonenschuss hallte der dumpfe Knall einer gigantischen Explosion durch die Nacht, als die letzte Sprengladung am Eiffelturm wie von Geisterhand gezündet wurde. Ein feuerrotes Inferno stieg als hungrige Wolke an den Stahlträgern nach oben und tauchte die Spitze des Turms in schwarzen Rauch. Metalltrümmer flogen durch die Luft. Eisenschrauben peitschten wie Granatsplitter gegen die Außenwand des Helikopters und Glaz wandte instinktiv das Gesicht ab. Er konnte die Hitze der massiven Explosion auf seiner Haut spüren.
Finka stieß einen hässlichen, russischen Fluch aus und hielt sich an einem Griff fest, als der Helikopter durch die Druckwelle leicht ins Taumeln geriet. Der Reporter hatte unter Schock die Hände auf die Ohren gepresst. Entgeistert schaute er hinunter auf das einst so stolze Wahrzeichen von Paris, das nun ebenfalls den White Masks zum Opfer gefallen war.
Einen Augenblick später war das Echo der Explosion bereits verhallt und wich einem kurzen, metallischen Dröhnen, dass von den überlasteten Streben unten am Turm heraufdrang. Dann kehrte Stille ein. Glaz löste sich erst aus seiner Schockstarre, als neben ihm eine Stimme ertönte.
„Hier Finka. Am Eiffelturm ist eine Ladung explodiert. Ich wiederhole, am Eiffelturm ist eine Ladung explodiert. Aber er steht noch. Ha! Der alte Bastard!"
Thermite trat aufs Gaspedal und fuhr so schnell er konnte nach Norden. Hinter ihm, auf der Ladefläche des Trucks, lag der leblose Körper des Killers, der sich im Nebel verborgen hatte und dem Max, der auf einer der Sitzbänke saß, im Kampf einen Arm abgesägt hatte. Blut tropfte auf den Metallboden des Fahrzeugs, doch der Atem des maskierten Mannes war noch nicht erstorben. Wenn Thermite die Basis rechtzeitig erreichte, konnten sie ihn vielleicht retten und aushorchen. Er war im Nebel gewesen. Er konnte ihnen Informationen geben.
Ein dumpfer Knall hallte durch die Straßen Paris und rüttelte an der Windschutzscheibe. Aus den Augenwinkel bemerkte Thermite ein oranges Leuchten, das in etwa aus der Richtung des Eiffelturms zu kommen schien. Fluchend bremste er ab und bog um eine Kurve.
Es hatte seinem Stolz einen gehörigen Kratzer versetzt, von Ying zurück in die Basis geschickt zu werden, während die restlichen Operatoren von Team Rainbow ihr Leben riskierten und die Stadt verteidigten.
Doch sie hatte recht gehabt. Er war nicht bei der Sache. Schon die ganze Zeit über schwirrte ein rothaariges Mädchen in seinen Gedanken umher und wenn er die Augen schloss, konnte er ihr Gesicht so klar und deutlich sehen, als stünde sie direkt vor ihm.
„Hier Finka", meldete sich sein Funkgerät: „Am Eiffelturm ist eine Ladung explodiert. Ich wiederhole am Eiffelturm ist eine Ladung explodiert. Aber er steht noch. Ha! Der alte Bastard!"
Thermite atmete voller Erleichterung auf und hätte beinahe die Gestalt niedergefahren, die vor ihm auf die Straße gerannt war. Mit quietschenden Reifen brachte er das Fahrzeug zum Stehen und starrte alarmiert hinaus in den Lichtkegel der Scheinwerfer.
Mit erhobener Hand stand dort ein bärtiger Mann. Hinter ihm eine ältere Frau, etwas kleiner als er doch mit einem auffällig orange leuchtenden Auge. Ein unheimlicher Schein spielte um ihre Finger und einen Augenblick später entdeckte Thermite den schwebenden Körper, der ihr in einigem Abstand zu folgen schien.
Sobald er sich vom anfänglichen Schrecken erholt hatte, riss Thermite die Tür auf der Fahrerseite auf und stieg hinunter auf die Straße, während David und Sally auf den schweren Wagen zu gerannt kamen. Thermite erkannte bald, dass sie einen White Mask gefangen hatten, wie auch immer sie das angestellt haben mochten.
„Hey", rief David: „Wir bräuchten ein Taxi"
Thermite antwortete zunächst nicht. Er warf einen schnellen Blick auf Sally und den schwebenden Gefangenen, bevor er sagte: „Ich fahre zurück in die Basis. Kommt, steigt ein. Je schneller wir hier weg sind, umso besser."
Sally nickte. Sie schien geschwächt zu sein und hatte einen Arm um ihren Oberkörper geschlungen. Außerdem zog sich eine hässliche Blutspur quer über ihr Kleid, was auf dem dunklen Stoff und mitten in der Nacht kaum zu sehen war. Mit erhobener Hand ließ sie den White Mask am Wagen vorbeischweben und positionierte ihn im Ladebereich. Neben dem massigen Killer hatte er kaum Platz.
„Max?", sagte David überrascht, als er in den Wagen kletterte und sich auf die Bank gegenüber fallen ließ. Der Hinterwälder grunzte zur Begrüßung und schaute anschließend hinüber zu Sally. Einen Moment lang versuchte sie erfolglos auf die Ladefläche zu steigen, bis Max ihr eilig eine Hand hinstreckte und die entkräftete Krankenschwester nach oben zog. Keuchend setzte sie sich neben ihm, die Schulter an seine Seite gelehnt.
„Sally, du gut?", fragte Max besorgt und schaute von ihr zu David, der brummend antwortete: „Sie hat sich vorhin etwas verausgabt, aber keine Sorge. Noch ist sie ihrer Dummheit nicht erlegen."
Max schaute ihn kurz verwirrt an. Offenbar hatte er nicht ganz verstanden, was David mit seiner Aussage gemeint hatte, doch es war ihm egal. Behutsam legte er eine Hand auf Sallys Stirn während Thermite aufs Gaspedal trat und weiterfuhr.
„Keine Sorge, Maxie", flüsterte Sally: „Ich bin nur ein wenig müde."
Ein Lächeln fuhr über die unförmigen Lippen des Hinterwäldlers. David kratzte sich mit mürrischer Miene am Bart, bevor er auf den am Boden liegenden Körper zeigte und fragte: „Wer isn der Fettsack?"
„Killer", antwortete Thermite von vorne: „Wir halten ihn für Bubba Leatherface Sawyer. Max hat ihm eine ordentliche Abreibung verpasst, bevor er den Nebel in der Rue Saint-Maur beseitigt hat."
„Der lebt ja noch", knurrte David überrascht, nachdem er sich den Killer etwas näher angesehen hatte.
„Mhm. Ich bringe ihn zurück in die Basis. Vielleicht kann er uns ein paar nützliche Geschichten erzählen. Aber wie ich sehe seid ihr auch nicht untätig gewesen. Wo habt ihr denn den White Mask aufgegabelt?"
David und Sally tauschten einen Blick aus.
„Nachdem wir von der Ile der France geflohen sind, sind wir einem Truck begegnet, mit GIGN Kennzeichen. Er ist stehen geblieben und ein paar White Masks haben versucht eine Janusmaschine aufzubauen. Wir haben sie daran gehindert."
„Eine Janusmaschine?", fragte Thermite und schaute kurz in den Rückspiegel: „Verdammt, das müssen die Kerle gewesen sein, die diese seltsamen schwarzen Nebelbrunnen platziert haben. Und ihr habt sie alle ausgeschaltet?"
„Bis auf den hier", knurrte David.
„Aber wenn sie eine Janusmaschine dabeihatten…", überlegte Thermite laut während er durch eine schmale Gasse fuhr: „Müssten sie nicht eine Schlüsselperson haben, um sie zu aktivieren?"
„Sie hatten eine", sagte Sally leise: „Einen alten Bekannten von uns."
„Wo ist er jetzt?"
Weder Sally noch David antworteten, doch Thermite wusste das Schweigen zu interpretieren. Selbst wenn jemand die Überreste der Janusmaschine finden würde, würde er sich einen neuen Schlüssel suchen müssen.
„Hier" sagte der Operator und reichte ihnen ein Funkgerät nach hinten: „Das sind wichtige Nachrichten. Wir müssen sie durchgeben."
„Der Eiffelturm", flüsterte Meg entgeistert, als sich ihr Blick auf den Fernseher an der Wand gerichtet hatte. Aus einem Helikopter heraus lieferte eine Kamera beeindruckende Bilder des hochaufragenden Gebäudes, dessen ikonische Formen vor wenigen Momenten von einer brutalen Explosion zerstört worden war. Einer der vier Füße war gesprengt worden. Trümmer waren über den Platz geflogen und in die umliegenden Häuser gekracht. Doch der Turm war nicht gefallen. Er wankte zwar ein wenig, doch noch hielt er.
„Das kann nicht wahr sein", knurrte Philip und verfolgte für eine Weile die Szene auf dem Bildschirm. Dann drehte er sich zu Meg um und wiederholte: „Das kann einfach nicht wahr sein. Wie… Wie stellen die das nur an?"
„Was?", fragte Meg und schaute dem Geist kurz in die Augen.
„Paris ist eine der am besten bewachten Städte Europas", erklärte Philip: „Team Rainbow sind die Besten der Besten. Und sie haben keine Chance."
Er atmete kurz ein.
„Und jetzt haben die Bastarde auch noch Jade."
Seine Stimme erstarb. Meg konnte deutlich erkennen, dass er mit den Nerven am Ende war. Wahrscheinlich machte er sich Vorwürfe, dass er Baker mit der Janusmaschine geholfen und somit seine Familie in Gefahr gebracht hatte.
Doch Meg bezweifelte es. Irgendetwas anderes musste hinter dem Spiel stecken, das dort im Internet übertragen wurde. Allerdings konnte sie sich absolut keinen Reim darauf machen, außer, dass es die Sicherheitskräfte der westlichen Welt ins Rampenlicht stellte und aufzeigte, wie absolut ohnmächtig sie waren.
Claudette hatte sich derweil aufgerappelt. Über den Livestream konnte Meg mitverfolgen, wie sie zur Tür auf ihrer Seite des Raums, die am Ende des Spiels wie von Geisterhand aufgesprungen war, hinüberhumpelte und in der entstandenen Öffnung verschwand. Wenig später tauchte sie wieder auf. Dieses Mal jedoch auf Chloes Seite.
„Hey, sieh mal", murmelte Dwight. Meg nickte mit nutzloser Wut. Der Sinn ihrer Trennung hatte sich ja mittlerweile gezeigt. Es gab also keinen weiteren Grund, sie auf beiden Seiten des Zauns festzuhalten. Wenigsten würden sie ab nun zusammen sein.
„Chloe", rief Claudette und ging neben dem blauhaarigen Mädchen, das zitternd vor und zurückwippte, in die Knie. Sie hatte ihre verstümmelten Hände gegen die Brust gepresst und versuchte mit zusammengebissenen Zähnen den Schmerz zu unterdrücken.
„Chloe", wiederholte Claudette und packte sie an der Schulter: „Du hast es geschafft, Chloe, hörst du mich. Marie ist in Sicherheit."
Chloe nickte nur stumm. Dann flüsterte sie etwas und Claudette musste sich etwas näher an sie lehnen, um alles verstehen zu können. Für Meg in der Basis gab es nur Stille, bis Claudette sich wieder zurücklehnte und versicherte: „Wir kommen hier raus, ich versprech´s dir. Leg dich auf den Boden und versuch bei Bewusstsein zu bleiben. Mach nicht die Augen zu. Ich geh schnell ein Stück weiter und schau nach, ob wir wieder ein Medikit kriegen."
Chloe nickte schwach und Claudette legte sie behutsam nach hinten auf den Rücken. Dabei musste sie selbst ob der Schmerzen in ihren geschundenen Armen die Zähne zusammenbeißen. Schließlich stand sie auf und hastete humpelnd aus dem Raum, zurück den Weg, den sie soeben gekommen war. In der linken Ecke konnte Meg Marie erkennen, die sich weinend an Jade klammerte.
„Diese Schweine", knurrte Meg. Ihre Finger zitterten vor Zorn und Frustration. Sie konnte nichts anderes tun, als wütend den Bildschirm anzustarren und zu hoffen, dass Rainbow das Signal zurückverfolgen konnte.
„Marie", murmelte Anna und tippte kurz gegen den Laptop. Sie erinnerte sich offensichtlich noch hervorragend an das kleine Mädchen und Sorge sprach aus ihren Augen. Meg legte ihr eine Hand auf die Schulter, doch ihr fielen keine passenden Worte ein. Die Situation war einfach zu abscheulich.
Schneller als erwartet war Claudette zurückgekehrt und wie ein Geschenk des Himmels hielt sie in ihren Händen ein rotes Medikit, gekennzeichnet mit einem weißen Kreuz. Sofort lief sie zu Chloe, die benommen ihre Hände vor die Augen gehoben hatte und auf die blutigen Stummel starrte. Doch nun würde sie verarztete werden.
„Komm her", flüsterte Claudette und kniete sich wieder neben ihr auf den harten Boden. Vorsichtig griff sie nach Chloes rechter Hand, während sie mit ihrer Linken das Köfferchen öffnete. Geschwind zog sie ein kleines Fläschchen hervor.
„Das wird jetzt etwas wehtun", sagte Claudette und schaute Chloe in die Augen. Jade und Marie waren derweil hinter ihr auf die andere Seites des Raumes gekommen. Ängstlich traten sie durch die Tür und senkten ihren Blick auf Chloe, die beinahe bewusstlos am Boden lag.
„Wehtun?", fragte das blauhaarige Mädchen. Claudette nickte und verzog die Miene in Mitleid. „Ich muss die Wunden desinfizieren. Sonst entzünden sie sich und du bekommst eine Blutvergiftung."
„Blutvergiftung", murmelte Choe schwach und ließ den Kopf zurück auf den Boden fallen: „Fuck"
„Jade, reich mit mal den Tupfer", sagte Claudette. Philips Nichte kam ihr sofort zu Hilfe und griff mit unsicheren Fingern nach einem weißen Tuch, bevor sie es Claudette in die Hand gab. Sie war mehr als froh, nicht selbst die Rolle der Sanitäterin zu übernehmen und Meg konnte nicht umhin zu bemerken, dass Claudette ihre Aufgabe mit meisterhafter Sicherheit erfüllte. Sie war schon immer die Beste darin gewesen, auch wenn sie es niemals gern getan hatte.
„Zähne zusammenbeißen", riet die Kanadierin und einen Moment später berührte sie bereits die beiden Wunden an Chloes Händen. Diese zischte unter Qualen auf, doch kein Schrei entfuhr ihrer Kehle. Sie hatte sich noch gut genug unter Kontrolle und der neue Schmerz schien sie wieder etwas aufzuwecken. Ein gutes Zeichen.
„Und schon haben wir´s geschafft", murmelte Claudette, sowohl an Chloe als auch an sich selbst gerichtet. Sie warf den Tupfer zurück ins Medikit und schnappte sich stattdessen einen sauberen Verband. Marie und Jade schauten ihr wie gebannt zu. Mit geübten Fingern wickelte sie Chloe den Stoff um die Hände, zuerst um die Rechte, dann die Linke, sodass die Stellen, an denen früher ihre Finger gesessen hatten, sorgfältig abgedeckt wurden.
„Das muss reichen", sagte sie: „fürs erste. Sobald wir hier raus sind suchen wir uns ein Krankenhaus."
„Ich hasse Krankenhäuser", knurrte Chloe.
„Wir werden eins brauchen", entgegnete Claudette und ließ den Verschluss des Medikits zuschnappen, bevor sie es Jade reichte: „Ruh dich fünf Minuten aus. Dann gehen wir weiter. Es tut mir leid, aber wenn wir hier raus wollen müssen wir den gesamten Weg gehen. Bis zum Ende."
„Bis zum Ende", knurrte Chloe: „Scheiße"
„Ruh dich etwas aus."
„Nein", fluchte Chloe und stemmte sich auf die Ellbogen hoch: „Wir haben keine Zeit zu verlieren. Mir geht's gut. Hilf mir auf."
„Chloe, du…"
„Na los!"
Claudette starrte sie kurz argwöhnisch an, doch dann griff sie nach ihrem rechten Arm, Jade nahm den Linken, und gemeinsam hoben sie sie auf die Füße.
„Kannst du stehen?"
„Natürlich"
„Bist du sicher?"
„Jetzt lass mich einfach los."
Wieder tat Claudette wie geheißen. Zuerst langsam und vorsichtig, bis sie sich sicher war, dass Chloe wirklich auf eigenen Beinen stehen konnte. Sie hob kurz eine Hand an die Stirn und wankte einen Moment lang, doch sie fiel nicht zu Boden. Sie konnte stehen und laufen. Für den Moment war sie stark genug, um die Reise fortzusetzen.
„Also gut", sagte Claudette sachlich, nachdem sie Chloe einen langen, kritischen Blick zugeworfen hatte: „Gehen wir."
Gerade als sie sich umwandte, flimmerte eine Störung über das Bild. Meg zog die Augenbrauen nach oben, als kurz darauf eine zweite Interferenz die Übertragung verzerrte. Claudettes Stimme tönte nur noch abgehakt und metallisch aus den Lautsprechern. Was sie sagte, war nicht zu verstehen. Einen Augenblick später brach die Verbindung vollständig zusammen und wurde zu einem schrägen Standbild, das den letzten Moment festhielt.
„Was zum Teufel?", murmelte Dwight in leichter Panik und legte die Hände an beide Seiten des Laptops. Dann drückte er eilig auf F5, um die Seite neu zu laden. Anstatt des Streams tauchte eine Meldung auf, dass die Adresse nicht gefunden wurde.
„Was ist denn jetzt los?", murmelte Meg besorgt. Philip hatte ebenfalls überrascht aufgeblickt und nach einem kurzen Moment sagte er: „Vielleicht haben sie den Stream zurückverfolgt und unterbrochen."
Er und Meg tauschten einen schnellen Blick aus. Dann warf die Athletin den nutzlos gewordenen Laptop zur Seite und sprang auf die Beine. Ihr Ziel war der Kontrollraum, von dem aus Dokkaebi die Rückverfolgung des Signals geleitet hatte. Es musste ihnen endlich gelungen sein und wahrscheinlich stellten sie in diesem Moment ein Team zusammen, um Claudette, Chloe, Jade und Marie zu befreien. Und Meg plante keine Sekunde länger untätig herumsitzen zu müssen.
Ein dumpfer Donner hallte durch das Gemäuer und jagte ein tiefes Echo die Gänge entlang. Claudette konnte hören, wie der Schall in dem Korridor, der sie hierhergeführt hatte, reflektiert wurde und wieder in ihre Ohren zurückkehrte.
„Was war das?", fragte Marie schluchzend. Die Kleine hatte sich an Jades rechte Hand geklammert, die selbst nur allzu gern jemanden hatte, an dem sie sich festhalten konnte.
„Klang wie eine Sprengung", murmelte Chloe. Ihre freiwillige Verstümmelung hatte sie einiges an Kraft gekostet. Ihre Stimme war schwach, ihre Worte schwankten, doch sie hielt ich aufrecht und entschlossen.
„Ich weiß nicht", murmelte Claudette. Die vier Mädchen waren stehen geblieben, als das Geräusch durch das Gewölbe geschallt war, doch nun setzte die Kanadierin wieder einen Fuß vor den anderen: „Für mich klang das nach nichts Gutem. Am besten setzen wir unseren Weg fort und versuchen so schnell wie möglich hier rauszukommen. Am Ende sprengt dieser Irre noch die Gänge, um uns zur Eile anzutreiben."
„Fuck", knurrte Chloe benebelt und stolperte hinter Claudette auf die Tür zu, die sie zweifellos zur nächsten Station bringen würde. Von dem Raum aus, in dem sie sich gegenwärtig befand, führte ein breiter Korridor tiefer in das Spiel hinein. Der Maschendrahtzaun war verschwunden und ein kleines Podest befand sich hinter den beiden Türen, auf dem das Medikit gestanden hatte.
Jade wäre beinahe hingefallen, als sie und Marie als letzte durch die Tür traten. Claudette ging voraus. Ihre Schritte klangen in der unbehaglichen Stille wie Kanonenschüsse, doch sie unternahm keine Anstrengungen sich etwas leiser fortzubewegen. Ihre Feinde wussten ohnehin, wo sie sich befanden. Wenn sie ihr auflauern wollten, konnten sie das ohne weiteres tun.
„Wo… Wo sind wir?", fragte Marie, nachdem die Gruppe für eine kurze Weile den Gang entlang gegangen war. Claudette verlangsamte ihr Tempo für einen Moment und schaute über die Schulter.
„Ich weiß es nicht", antwortete sie: „Ein böser Mann hat uns entführt und zwingt uns zu grausamen Taten. Aber ich verspreche dir, es wird dir nichts geschehen. Du kommst hier raus. Wir alle kommen hier raus."
Das kleine Mädchen nickte, doch Panik steckte in ihren Gliedern und ihre Augen schossen in wilder Angst hin und her. Selbst als Chloe ob ihrer Schmerzen ein leises Knurren hören ließ, zuckte sie zusammen. Claudette entschloss sich daher, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Vielleicht würde es ihr helfen, die Ruhe zu bewahren.
„Dein Name ist also Marie?", fragte sie.
„j…ja"
„Ich habe gehört, du hast Anna kennengelernt?"
„Anna?", fragte Marie und schüttelte dann den Kopf: „Nein… ich… ich kenne sie nicht."
„Ach nein?", fragte Claudette. Seltsam. Die Puppe hatte es doch vorhin genau so behauptet.
„Eine große Frau", präzisierte die Kanadierin: „Größer als ein normaler Mensch. Sie trägt eine Hasenmaske mit langen, weißen Ohren."
„Ke… kennst du sie?"
„Sie ist eine Freundin von mir", antwortete Claudette und blieb stehen. Sie drehte sich um und ging vor Marie in die Knie. Mit freundlicher Miene musterte sie das Mädchen, die ihr immer noch panisch entgegenstarrte.
„Kennst du Anna?", fragte Claudette erneut und Marie nickte nach einem kurzen Moment.
„Warum wolltest du es mir vorher nicht sagen?"
Das kleine Mädchen schien unentschlossen. Sie schaute von Jade zu Chloe und schließlich wieder zurück zu Claudette. Mit niedergeschlagenen Augen antwortete sie: „Ich habe Meg versprochen, niemanden von ihr zu erzählen."
„Meg hast du also auch getroffen", sagte Claudette: „Ein rothaariges, hübsches Mädchen? Etwa in meinem Alter?"
Marie nickte.
„Dann kennst du Max und Sally bestimmt auch?"
Marie nickte erneut.
„Bist du das Mädchen, das sich im Wald verirrt hat?", fragte Claudette und als sie keine Antwort bekam, fügte sie beruhigend hinzu: „Meg hat´s mir erzählt. Sie ist auch eine Freundin von mir."
Marie schaute sie nur mit ängstlichen Augen an und seufzend stand Claudette wieder auf. Sie wusste nicht, warum man ausgerechnet Marie hier her entführt hatte, doch sie alle schienen in irgendeiner Weise mit dem Entitus in Verbindung zu stehen. Entweder direkt oder über Bekanntschaft mit einem Überlebenden oder Killer. Irgendetwas ging hier vor. Irgendetwas, das sie noch nicht vollständig verstanden hatte.
Claudette bog um eine Ecke und blieb wie angewurzelt stehen. Chloe, die ihr nur stumm gefolgt war, wäre fast in sie hineingelaufen und vorsichtig lugte Jade um die Kanadierin herum. Der Korridor endete abrupt in einem großen Metalltor. Es hatte zwei Flügel, war mit einem eisernen Riegel versperrt und befand sich direkt unterhalb eines schwarzen Bildschirms. In roten Lettern stand „Station Nr. 5" auf dem verrosteten Metall geschrieben.
„Fuck", knurrte Chloe. Claudette stimmte ihr nickend zu. Das Wort, das das blauhaarige Mädchen diese Nacht schon so oft von sich gegeben hatte, beschrieb ihre Situation nur zu passend. Vor ihnen lag die nächste Station und – Claudette war sich todsicher – eine ganze Menge schmerzen. Ihr Spiel war noch nicht zu Ende. Die Puppe war noch nicht durch mit ihnen.
„Hoffentlich finden wir jetzt endlich Max", murmelte Chloe. Claudette drehte den Kopf und warf ihr einen kurzen Blick zu, bevor sie sich wieder nach vorne wandte. Sie hatte ihre Mitbewohnerin schon ganz vergessen, aber sie konnte sich kaum vorstellen, wen die White Masks noch entführt haben könnten. Es sei denn, sie traf nun einen ihrer Freunde hier. Verdammt, vielleicht hatten sich diese Schweine sogar an Dwight oder Feng vergriffen.
„Wie kommen wir da durch?", fragte Jade mit zitternder Stimme und zeigte auf den gusseisernen Riegel. Claudette legte nur den Kopf in den Nacken und murmelte: „Ich glaube, das müssen wir gar nicht."
Sie schaute nach oben und wie auf Kommando erwachte der Bildschirm über dem Tor zu spontanem Leben und zeigte wie gehabt das Bild der abstrusen Puppe. Mit einem hämischen Grinsen wandte sie sich der Gruppe zu und schaute sie für einen Moment an, bevor sie ihren mechanischen Mund öffnete.
„Guten Abend, Marie, und herzlich willkommen in unserem Spiel."
Als das Bild aufgeflackert war, war Marie eilig hinter Jade in Deckung gegangen und jetzt, da sich die Puppe direkt an sie gerichtet hatte, zuckte sie ängstlich zusammen. Chloe starrte wütend knurrend hinauf auf den Bildschirm, doch sie war zu entkräftet, um dem Widerling eine Antwort entgegen zu bellen.
„Es freut mich, dich wohlauf und unversehrt zu sehen", sagte die Puppe: „Das bedeutet, dass Chloe das nötige Opfer gebracht hat. Alle Achtung. Du verdankst ihr dein Leben, meine Kleine."
Claudette hielt ihren Blick auf den Bildschirm fixiert. Sie konnte Chloe neben sich atmen hören und sie spürte förmlich die Wut, die in dem Mädchen nach oben kochte.
„Aber nun zurück zu unserem Spiel", fuhr die Puppe fort: „Ihr habt euch gut geschlagen, jede Station gemeistert und jedes Leben gerettet, das ihr retten konntet. Meine Glückwünsche. Es wird euch an der nächsten Station zum Vorteil gereichen, da ihr jedes Paar Hände brauchen werdet."
„Sag einfach, was du willst und halt dann die Fresse", schnauzte Chloe und warf der blassen Puppe einen hasserfüllten Blick zu. Diese ließ sich nicht aus der Fassung bringen und sprach ungerührt weiter.
„Ihr werdet euch sicherlich freuen, zu erfahren, dass ihr vor der fünften und damit letzten Station unseres Spiels steht. Es ist die letzte Prüfung, die euch auferlegt werden wird. Schafft ihr sie und findet ihr rechtzeitig zum Ausgang, so seid ihr frei."
Claudette und Jade tauschten einen überraschten Blick aus. Hoffnung spiegelte sich in ihren Augen wieder.
„Ich werde es mir sparen, euch die Regeln der folgenden Station zu erklären", sagte die Puppe: „Schließlich ist Claudette bereits bestens mit ihnen vertraut."
Mit diesen Worten verschwand das hässliche Männlein wieder und der tiefe Ton seiner Stimme machte dem kratzenden Quietschen des Metalltors Platz, das sich langsam nach innen hin öffnete. Ein Schwall kalter Luft schlug der Gruppe entgegen. Chloe fröstelte mit verschränkten Armen, Jade zog Marie näher zu sich heran, doch es war Claudette, der wahrhaft der Atem stockte, als ihr Blick auf mehrere Abzweigungen eines Labyrinths fiel. Zwischen ihnen stand ein blutroter, deaktivierter Generator.
„Es tut mir leid", sagte Dokkaebi: „Das Signal ist weg. Wir haben zurzeit keine Möglichkeit mehr, den Standort der Übertragung zu ermitteln. Es tut mir wirklich leid."
Meg hatte ihr schon ab der Hälfte des Satzes nicht mehr zugehört. Ein schwerer Klumpen hatte sich in ihrem Magen gebildet und zog sie nun an der Wand, gegen die sie sich gelehnt hatte nach unten. Hoffnungslos rutschte sie mit ihrem Rücken zu Boden, die Beine kraftlos von sich gestreckt. Philip, der hinter ihr gestanden hatte, drängte sich nun in den Computerraum vor, während Dwight sich abwandte und panisch den Kopf schüttelte.
„Gibt es wirklich nichts, was sie tun können?", fragte der Geist und drängte auf Dokkaebi ein. Die Koreanerin stand in der Tür und wich keinen Schritt zurück. Mitleid zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab, doch sie schüttelte nur frustriert den Kopf.
„Es tut mir leid", sagte sie: „Wir haben alles versucht, aber sie haben das Signal zu gut verschlüsselt. Wir würden wahrscheinlich noch Wochen brauchen, um auf verwertbare Ergebnisse zu kommen."
„Ich dachte, sie wären die beste Spezialeinheit der Welt", rief Philip verzweifelt. Es war das erste Mal, dass Meg hörte, wie seine Stimme wahrhaft zu brechen begann. Er machte sich solche Sorgen um Jade, dass er nicht mehr klar denken konnte.
„Sie werden doch irgendeinen Trick auf Lager haben. Irgendeine geheime Technologie, die… die sie irgendwie einsetzen können, um…"
„Es tut mir leid", wiederholte Dokkaebi: „Aber wir haben nichts. So funktioniert das nicht, wir…"
Sie wurde unterbrochen, als hinter ihr in der Einsatzzentrale ein Funkgerät zu rauschen begann und sich kurz darauf eine verzerrte Stimme zu Wort meldete. Meg brauchte einen Augenblick, bis sie David erkannte.
„Hallo… ähm…. Hier sind David, Sally Max und Thermite. Wir sind auf dem Weg zurück in die Basis und haben zwei Gefangene dabei. Einer ist schwer verletzt, hat einen Arm verloren. Ähm… Ende."
Die Athletin blickte auf. Philip und Dwight waren bei der Nachricht ebenfalls verstumm, doch kaum eine Sekunde später begannen sie wieder auf Dokkaebi einzureden. Sie hatten allesamt dieselbe Idee gehabt. Diese Gefangenen würden vielleicht wissen, wo das versteckte Spiel abgehalten wurde. Es war ihre einzige Chance, doch noch etwas über den Standort der Geiseln zu erfahren.
Dokkaebi versuchte kontinuierlich die Lage zu entspannen und Philip dazu zu überreden, die Sache den Experten von Team Rainbow zu überlassen, doch dabei übersah sie Meg, die sich entschlossen vom Boden erhob und der Koreanerin den Rücken zukehrten.
Sie hatte genug. Sie würde keine Zeit damit verschwenden, eine Diskussion zu führen, während Claudette da draußen Todesgefahren überstand. Sie war zu lange untätig gewesen. Jetzt musste sie endlich handeln. Sie würde diese Gefangenen aufsuchen und die nötigen Antworten aus ihnen herausholen, egal wie.
Mit wütenden Schritten marschierte sie den langen Korridor zurück und schlug den Weg ein, von dem sie glaubte, dass er sie zum Vordereingang führen würde. David hatte gesagt, das Team würde die Basis jeden Moment erreichen. Vielleicht konnte sie sie abfangen, bevor die Gefangenen in irgendeine Zelle gesperrt wurden, wo sie für sie unerreichbar sein würden.
Meg hatte außerdem gehört, dass ihr Vater das Team begleitete. Doch sie war für den Moment einfach zu aufgebracht, um selbst den leisesten Gedanken an ihn zu verschwenden. Er geisterte zwar immer noch in ihrem Kopf umher, doch Claudette wog um Tonnen schwerer.
Sie hörte schwere Fußschritte, die ihr folgten, doch Meg kümmerte sich nicht darum. Kurz darauf vernahm sie die verunsicherte Stimme der Jägerin, die als einzige ihr Aufbrechen bemerkt hatte und ihr gefolgt war.
„Meg, wohin gehen?", fragte Anna und schloss mühelos zu der Läuferin auf.
„Ich hol mir, was ich wissen muss", knurrte Meg. Sie warf der Jägerin keinen Blick zu und Anna antwortete nichts, doch Meg spürte, dass sie beide einer Meinung waren. Sie hatten herumsitzen müssen und nun würden sie handeln. Ganz gleich, was es sie kosten würde.
„Weist du, wo´s zum Haupteingang geht?", fragte Meg, als sie sich an einer Biegung kurz unsicher war. Anna blieb stehen und zeigte mit ihrer Axt nach rechts, direkt entgegengesetzt der Richtung, die Meg eingeschlagen hätte.
„Haupteingang", sagte sie: „hier"
Meg nickte. Sie bewunderte Anna ob ihres unfehlbaren Orientierungssinns und keine Sekunde zweifelte sie an der Richtigkeit ihrer Aussage. Zielsicher schlug sie den neuen Pfad ein und bewegte sich, gefolgt von einer hünenhaften Gestalt, auf ihr Ziel zu.
Das Eingangstor wurde gerade wieder zugezogen, als Meg auf den großen Exerzierplatz vor der Basis trat. Ein schwerer Truck hatte kurz vor dem massiven Hauptgebäude gehalten und ein paar Soldaten, angeführt von Doc, hievten einen dicken Körper auf eine Trage. Blut tropfte auf den Boden. Der Arm des Mannes war an der Schulter sauber abgetrennt worden.
Kurz blieb sie stehen. Dann sprang Meg die wenigen Stufen vom Eingangstor hinunter und rannte auf den kleinen Konvoi zu, der sich gebildet hatte. Anna folgte ihr nach wie vor, doch in Anwesenheit all der bewaffneten Soldaten schien sie etwas unsicherer geworden zu sein. Meg verspürte nichts dergleichen.
„Hey, hey, hey", rief jemand und packet sie am Arm, als sie gerade die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatte. Knurrend versuchte sie sich für einen Moment aus der Umklammerung zu entwinden, bevor man sie herumriss und ihr ein wohlbekanntes Paar Augen entgegenstarrte.
„Beruhige dich. Das hier ist nicht dein Job."
Seine Stimme war ernst, gebieterisch und Meg wusste, dass er nicht als Vater, sondern als Soldat zu ihr sprach. Trotzdem verstärkte die Ermahnung ihre Wut um das zehnfache.
„Lass mich los!", rief Meg und versuchte sich aus Thermites Umklammerung zu befreien. Hinter ihr wurden gerade zwei Gefangene in die Basis gebracht, die wohl ihre einzige Chance waren, Claudette jemals wieder zu sehen.
„Nein", entgegnete Thermite ruhig, doch bestimmt: „Wir übernehmen das. Glaub mir, wir…"
„Halt die Klappe!", rief Meg: „Ihr hattet die ganze Nacht Zeit und ihr habt einen Scheißdreck erreicht. Ich geh jetzt da rüber und prügle es aus den Arschlöchern raus!"
„Das wirst du nicht tun", sagte Thermite. Seine Augen funkelten im Licht der Scheinwerfer, die den Platz erhellten und mit eiskalter Miene starrte er sie an.
„Dokkaebi ist die beste auf ihrem Gebiet", fuhr er fort: „Nicht mehr lange und sie wird den Stream zurückverf…"
„Überhaupt nichts wird sie!", rief Meg: „Der Stream ist aus."
„Was?"
„Sie haben ihn abgeschaltet. Oder irgendetwas hat ihn unterbrochen, keine Ahnung. Wir sind blind."
Thermite suchte kurz nach Worten, doch die schlechten Neuigkeiten trafen ihn als Überraschung. Meg nutzte seine Verwirrung, um sich endlich zu befreien. Entschlossen wand sie sich aus seinem Griff und fuhr herum, nur um beinahe in eine Gestalt zu laufen, die direkt hinter ihr gestanden hatte.
„Der Stream ist weg?", fragte Sally müde. Meg musterte sie für einen Augenblick. Sie sah schlimm aus, entkräftet und geschwächt. Die Krankenschwester schien sich kaum auf den Beinen halten zu können und ihr Kopf schwankte unheimlich von einer Seite auf die andere, doch in ihren Augen brannte immer noch der alte Stolz.
„Ja", nickte Meg: „Wir haben nichts mehr. Außer eure beiden Bastarde, die…"
„Ich sagte wir übernehmen das", meldete sich Thermite hinter ihr zu Wort: „Ich verspreche euch, wir kriegen alles aus ihnen raus, was wir wissen wollen. Aber es wird uns nichts nützen, wenn du jetzt rübergehst und sie umbringst, Meg."
Mit diesen Worten wandte sich der Operator um und ging davon, Doc und seinen Soldaten zurück in die Basis folgenden. Meg schaute ihm kurz nach. Dann stampfte sie wild mit dem Fuß auf den Boden und vergrub frustriert stöhnend das Gesicht in den Händen. Sie fühlte sich so hilflos.
„Sally", fragte Meg nach einer kurzen Pause: „Was… was machen wir jetzt?"
Die Krankenschwester schaute auf die Basis, wo soeben die Eingangstür hinter Thermite zugefallen war. David und Max standen etwas abseits und keiner der beiden schien eine Idee zu haben. Schlussendlich schüttelte Sally den Kopf und sagte. „Ich weiß es nicht. Wirklich. Wir können nur hoffen, dass Claudette durchhält und dein Vater schnell genug alles rauskriegt."
Sie richtete ihren Blick auf Max.
„Und ich glaubte wir beide sollten dem Krankensaal einen Besuch abstatten."
„Okay, ihr drei bleibt zusammen und haltet euch versteckt. Ich gehe und repariere die Generatoren. Sobald ihr einen Ausgang entdeckt, macht ihr ihn sofort auf und haut ab. Alles klar?"
Wie auf Signal begannen Chloe und Jade zu protestieren. Die eine bestand darauf, ebenfalls Hand an die Generatoren zu legen und Claudette niemals allein zu lassen, während die andere versicherte, dass sie ohne die Kanadierin das Spiel nicht verlassen würde.
„Entweder kommen wir beide raus, oder keine von uns"; rief Chloe: „Ich lass dich hier sicher nicht zurück. Vergiss es."
„Chloe", murmelte Claudette und griff sanft nach dem Arm des Mädchens: „Du kannst kaum noch stehen. Bitte, halte dich geduckt und pass auf Marie auf, in Ordnung?"
Sie warf einen Seitenblick auf Jade.
„Wenn ihr an einem Generator vorbeikommt, könnt ihr ihn ja reparieren. Aber sobald ihr das leiseste Anzeichen vom Killer bemerkt, geht ihr sofort in Deckung. Das ist wichtig!"
„Wie viele hast du gesagt brauchen wir?", wollte Chloe wissen und Claudette antwortete: „Es sollten fünf sein. Fünf von sieben. Aber die Regeln könnten sich hier etwas geändert haben, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall werden wir ein Signal erhalten, sobald die Ausgänge mit Strom versorgt sind."
Chloe schaute sie mit verzweifelten Augen an. Jade und vor allem Marie schienen kurz vor einer Panikattacke zu stehen, weshalb Claudette sich beeilte, sie in das Spiel zu bringen. Sobald man sich erst in Bewegung setzte, blieb man nicht mehr stehen. Die Schwierigkeit lag im ersten Schritt.
„Gehen wir", sagte sie und drehte sich dem blutroten Generator zu: „Diesen hier lassen wir aus. Ich bin mir sicher, der Killer wird diese Gegend als erstes absuchen."
„Woher weiß du das alles eigentlich?", fragte Chloe und setzte sich hinter ihr in Bewegung.
„Unwichtig", antwortete Claudette: „Ihr geht hier nach links. Schaut nicht über die Schulte rund haltet euch in den Schatten. Versuch ja nicht die Heldin zu spielen, Chloe, das funktioniert nicht."
Sie wollte bereits protestieren, doch Claudette brachte sie mit einem eindringlichen Blick zum Schweigen.
„Ich bitte dich, tu was ich dir sage. Und pass auf Marie auf. Ich geh hier nach rechts und wir treffen uns am Ausgang. Wenn ich nicht da bin, geht ohne mich. Ich komme schon zurecht."
„Claude…"
„Los. Je schneller wir ans Werk gehen, umso eher sind wir hier raus."
Claudette schob Chloe nach links weg und setzte ihre drei Kameradinnen damit in die gewünschte Richtung in Bewegung. Sie selbst wandte sich nach rechts und betrat einen dunklen Tunnel, der sie schon nach wenigen Metern in einen kleinen Raum führte. Bis auf eine kahle, rechteckige Säule und einen halb verfaulten Holzstuhl war er vollkommen leer. Eine kurze Zeit lang hörte Claudette hinter sich noch die Schritte der drei Mädchen. Dann kehrte Stille ein und nur noch ihr eigener Atem hallte von den Wänden wieder.
Es war kalt und weiße Wölkchen bildeten sich vor ihrem Mund, während sie geduckt durch das Labyrinth lief. An einer Biegung ging sie erneut nach rechts und suchte nach einem Generator. Ihr Herz hatte etwas fester zu schlagen begonnen, doch noch war sie sich sicher, dass es eine natürliche Reaktion ihres Körpers auf die drohende Gefahr war und keine Warnung.
Damals in den Jagden war sie stets die schlechteste darin gewesen, Generatoren zu reparieren. Feng hatte ein Talent dafür gehabt und Jake auch, doch sie selbst war immer wieder den Kurzschlüssen und Explosionen zum Opfer gefallen, die den Killer auf ihre Position aufmerksam gemacht hatten. Sie war schon froh gewesen, wenn sie überhaupt einen Generator zum Laufen gebracht hatte. Und jetzt waren es fünf.
Mit einem tiefen Luftzug beruhigte Claudette ihren Körper und lugte vorsichtig um eine Ecke. Ihre Gedanken schossen wild umher. Sie in halbwegs geordnete Bahnen zu lenken kostete sie einiges an mentaler Stärke, doch eines war ihr klar. Diese Puppe, oder wer auch immer hinter ihr steckte, hatte etwas mit dem Entitus zu tun. Und er war erstaunlich gut informiert.
Niemand außer den Überlebenden, den Killern, Baker und ein paar hochrangigen FBI Agenten wusste um den genauen Ablauf der Jagden. Wenn sie hier also jemals rauskäme, würde das den Kreis der verdächtigen Personen enorm einschränken. Doch eines nach dem anderen. Zuerst galt es zu überleben.
Mit zittrigen Beinen bog sie um eine Kurve, schlich durch eine Tür und fand sich schlussendlich in einem weitläufigen Raum wieder. Ein eisernes Tor befand sich am unteren Ende der Halle. Fest verschlossen und scheinbar undurchdringlich wurde es wie bereits das Eingangstor von einem schweren Riegel an Ort und Stelle gehalten. An der Decke hing eine einsame Glühbirne, die flackerte und flüchtiges Licht in die Ecken warf. Direkt unter ihr, auf dem harten Steinboden, stand ein Generator.
Claudette blieb kurz stehen und schluckte nervös. Dann bewegte sie sich auf die leblose Maschine zu und ging vor den Kabeln, Zahnrädchen und Stangen in die Hocke. Nach einem kurzen Blick hatte sie bereits festgestellt, was sie wissen musste. Es war eins zu eins dasselbe Modell, dem sie schon hunderte Male im Nebel begegnet war. Eine perfekte Kopie.
Sie schreckte herum, als sie plötzlich einen gackernden Ton hörte. Leise, kaum wahrnehmbar war er durch die Gänge gehallt und hatte sich in ihrer Ohrmuschel verfangen, wo er sich jedoch so schnell wieder verflüchtigt hatte, dass sie bereits an seiner Existenz zweifelte. Vielleicht hatte sie ihn sich nur eingebildet. Vielleicht ließ ihr verzweifeltes Gehirn bereits alte Verbündete auferstehen.
„Lisa?"
Ihr Ruf rollte den Korridor hinab, den sie gekommen war. Scheinbar ungehört versank er in der Finsternis und wich einer unbehaglichen Stille, die wie ein schwarzes Polster aufs Gemüt drückte. Claudette spürte, wie sich ihre Atemwege abschnürten. Mit einem kontrollierten Luftholen versuchte sie sich zu beruhigen und nachdem sie für einen Moment in die Dunkelheit gestarrt hatte, wandte sie sich wieder dem Generator zu.
Dort, im vorderen Bereich des Gehäuses fehlte ein Zahnrädchen. Das wusste sie. Suchend drehte Claudette den Kopf hin und her, bevor sie es in einer der Ecken des Raumes entdeckte. Vier Schritte und ein entschlossenes Zugreifen später war sie auch schon dabei, das verrostete Bauteil zurück an seinen Platz zu setzen. Widerwillig und nur unter einigem Zerren fügte sich das Rädchen in das metallene Maschinenorchester ein.
Wieder schreckte Claudette zurück, als ein Zischen durch den Raum schoss. Einen Moment später atmete sie wieder auf, als sie erkannte, dass es nur das erste Kolbenpaar an der Oberseite des Generators gewesen war, das sich pfeifend in Bewegung gesetzt hatte. Es war ein gutes Zeichen. Es bedeutete, dass sie sich auf dem richtigen Weg befand.
Erneut schaute sie über die Schulter in die Dunkelheit. Dann setzte sie ihre Arbeit fort. Zwischen zwei Kabeln entdeckte sie eine kleine Schraube, die fixiert werden musste. Sie hatte kein Werkzeug zur Hand und die Finger ihrer rechten Hand waren von der ätzenden Säure unbrauchbar gemacht worden. Keuchend steckte Claudette den linken Arm in die Maschine und zog die Schraube so fest sie konnte. Es war nicht viel, doch es musste reichen.
Jetzt galt es zwei Kabel miteinander zu verbinden. Es war eigentlich keine schwere Aufgabe. Man musste nur aufpassen, nicht mit beiden Enden gleichzeitig an die metallene Außenwand des Generators zu gelangen und einen Kurzschluss zu verursachen. Dies würde einen lauten Knall produzieren und in manchen Fällen selbst mühsam erarbeiteten Fortschritt zunichtemachen.
Claudette biss die Zähne zusammen, als sich ihre malträtierten Finger um die Kabel schlossen. Ihre Hände zitterten, doch wie eine Chirurgin konzentrierte sie sich und hielt sie mit aller Kraft ruhig. Langsam bewegte sie die beiden Enden aufeinander zu. Das Licht der Glühbirne reflektierte sich in ihren Augen. Schweiß tropfte von ihrer Stirn. Ihr Atem stockte für einen Moment.
Dann hatte Claudette die beiden Enden erfolgreich verbunden und wich zurück, als der Generator ruckartig ansprang. Die flackernde Lampe an der Decke leuchtete mit einem Mal auf und streute weißes Licht in alle Ecken des Raumen, wo diese die Dunkelheit verjagten. Gleichzeitig löste sich der Riegel des großen metallenen Tors am anderen Ende der Halle. Kreischend schwangen die Flügel auf und öffneten einen neuen Pfad.
Claudette fuhr herum, als sie keine Sekunde später ein Poltern hörte. Es kam direkt aus der Finsternis hinter ihr, den Weg entlang, den sie selbst vor kurzem eingeschlagen hatte. Das Echo hallte von den Wänden wieder und folgte der Kanadierin, die ohne zu zögern in die andere Richtung davonlief. Der Killer wusste, dass sie hier war. Sie hatte den Generator repariert und es hatte keinen Zweck, sich zu verstecken. Zuerst musste sie etwas Distanz zwischen sich und die Maschine bringen.
Laute Fußschritte näherten sich, doch Claudette war längst auf und davon. Mit aufkeimender Angst, die sie jedoch noch im Stande war zu kontrollieren, flog sie flink und heimlich einen schmalen Gang entlang, hastete durch einen engen Durchgang und sauste um eine Ecke. Ihr keuchender Atem wurde nur überdeckt von ihrem pochenden Herzen. Gefangen in ihrer Brust schien es förmlich auf und ab zu hüpfen, bis Claudette sich entschied stehen zu bleiben.
Zitternd duckte sie sich hinter ein rostiges Fass und lugte den Gang hinunter, den sie soeben entlanggelaufen war. In ihrem Rücken befanden sich drei mögliche Pfade. Sollte sie der Killer wirklich bis hier her verfolgt haben, konnte sie ihm ganz einfach aus dem Weg gehen. Es war ein Spiel, das sie nur zu gut kannte und sie wusste, dass ein kühler Kopf zwischen Sieg und Niederlage entschieden würden.
Sie hörte ein wütendes Schnauben. Krachende Schritte nährten sich und erschrocken zog Claudette ihren Kopf ein, gerade als der Killer am unteren Ende des Ganges um die Ecke bog. Für einen Moment blieb er stehen. Wahrscheinlich drehte er gerade Kopf von einer auf die andere Seite, stumm und gierig nach seiner Beute Ausschau haltend, doch Claudette wagte es nicht hinter dem Fass hervor zu spähen. Mit einer Hand über dem Mund und weit aufgerissenen Augen hockte sie einfach nur da.
Geh weiter!
Geh einfach weiter!
Komm nicht hier her!
Bitte!
Der Killer tat jedoch nichts. Für eine ganze Weile, die Claudette wie ein Jahr vorkam, stand er einfach nur da und hielt Ausschau. Sie konnte ihn atmen hören. Er war keine fünf Meter von ihr entfernt. Wenn sie auch nur den leisesten Ton produzierte, würde er sie finden und umbringen. In ihrem ausgezehrten Zustand hatte sie absolut keine Hoffnung, ihm zu entwischen.
Plötzlich machte der Killer zwei Schritte nach links und trat gewaltsam eine Kiste um. Wahrscheinlich vermutete er Claudette dort drüben zwischen den alten Containern. Das war ihre Chance.
Geduckt schlich sie davon. Sie schaute nicht über die Schulter, sondern huschte so lautlos sie konnte auf den mittleren der drei Gänge zu, die von ihrer gegenwärtigen Position wegführten. Hinter sich konnte Claudette die Demolierung eines Metallbehälters hören, als der Killer gewaltsam nach seiner Beute suchte. Krachend traf sein Fuß gegen das dünne Eisen, während Claudette in die Dunkelheit eintauchte.
Sie erlaubte sich einen hastigen Atemzug und rannte um eine Ecke. Dann hörte sie plötzlich den klirrenden Ton eines auf den Boden fallenden Metallfasses. War es ihm Vorbeigehen umgetreten worden?
Claudette warf einen schnellen Blick über die Schulter und dort an der Wand, direkt hinter ihr, konnte sie den bedrohlichen Schatten einer massigen Gestalt erkennen. Und nun wusste sie genau, vor wem sie hier davonrannte. Doch es war unmöglich.
„Nein", keucht Claudette und panische Angst beflügelte ihre Schritte: „Nicht er"
Wieder bog sie um eine Ecke und stolperte über einen im Weg liegenden Stuhl. Der Lärm, den sie dabei verursachte, lenkte ihren Verfolger genau in ihre Richtung und wenn sie nicht sofort ein Versteck fand, würden sich in Kürze seine gnadenlosen Hände um ihre Kehle legen. Er würde zudrücken und ihre das Leben aus den Gliedern pressen. Sie musste ihm entkommen.
Ein spitzer Schrei entfuhr ihrer Kehle, als ihre müden Beine unter ihr nachzugeben drohten und sie schmerzhaften mit den Knien auf den kalten Steinboden auftraf. Hinter ihr polterten Schritte durch die Dunkelheit. Rasselnde Atemzüge schnitten durch die Finsternis und mischten sich mit Claudettes verzweifeltem Keuchen zu einem hoffnungslosen Orchester des Grauens.
Auf Händen und Füßen kroch sie weiter, unwillig ihr Ende hinzunehmen. Ihre Fingernägel krallten sich in den staubigen Beton und die verstümmelte Haut über ihren Armen platzte unter der Anstrengung ihrer Muskeln zu kleinen Rissen auf. Stechende Schmerzen schossen durch ihren Körper. Sie hatte keine Kraft mehr. Sie konnte nicht mehr. Es war zu Ende. Doch sie würde es nicht akzeptieren.
Tränen der Panik tropften auf den Boden, als sie von einer grausamen Hand an der Schulter gepackt und mit einem brutalen Ruck auf den Rücken gerissen wurde. Hilflos lag sie am Boden, während über ihr die gnadenlose Gestalt des Killers aufragte. Ein Paar brennender Augen stach unter einer hämisch grinsenden Knochenmaske mit spitzen Zähnen hervor und kalter Hass troff aus seiner Stimme, als Evan MacMillan triumphierend knurrte: „Hab ich dich!"
„Und dann habe ich ihm die Zähne eingeschlagen, bevor sie ihn abtransportiert haben. Keine Ahnung, wo er jetzt ist."
Caveira, die auf der gegenüberliegenden Seite des Krankensaals in ihrem Bett lag, zuckte mit den Schultern. Sie hatte Feng und Jake soeben von einer ihrer Missionen gegen einen Menschenhändlerring in Ostasien erzählt und wie sie den Anführer einer Yakuzabande ausgehorcht hatte. Dabei hatte sie nicht an Details gespart und Feng war immer wieder ein kalter Schauer den Rücken gefahren.
Jake wollte gerade etwas antworten, als plötzlich die Tür zum Krankensaal aufgestoßen wurde. Herein kamen Sally und Meg, gefolgt von David, Max und schließlich Anna, die nicht recht zu wissen schien, was sie überhaupt hier sollte. Sally sah schlimm aus, nur noch übertroffen von Max, der sich entkräftet auf eines der Betten fallen ließ. Sein Körper war übersäht mit Schnitten, Blut und Platzwunden. Offenbar hatte er sich eine heftige Auseinandersetzung mit irgendjemandem geliefert.
„Sally", rief Feng und schwang sich von Jakes Bett: „Was ist denn mit euch passiert?"
„Max hat mit Leatherface gekämpft", antworte die Krankenschwester müde: „und ich bin mit einem Panzertransporter zusammengestoßen."
Feng wusste zunächst nicht, was sie aus den Informationen machen sollte und schaute unschlüssig zwischen Sally und Max hin und her. Als keiner der beiden Anstalten machte, die Schilderungen zu präzisieren, fragte sie: „Leatherface?"
„Einer der Killer, die sich noch im Nebel befunden haben", erklärte Meg und lehnte sich mit frustrierter Miene gegen eine Bettkante. Sally fügte hinzu: „Max hat ihm einen Arm abgetrennt. Team Rainbow konnte ihn anschließend gefangen nehmen."
„Und… und wo ist er jetzt?", fragte Feng unsicher und erhielt eine Antwort von der Eingangstür herüber, wo Doc soeben den Krankensaal betreten hatte: „In OP. Er hat eine Menge Blut verloren und wenn wir aus ihm rauskriegen wollen, wo wir nach den Geiseln suchen müssen, muss er uns am Leben bleiben."
„Die Geiseln?", fragte Jake: „Sie meinen Claudette."
„Claudette und die anderen drei", erwiderte Doc, während er zu Max hinüberging. Mit dem besorgten Blick eines Profis untersuchte er die Wunden des Hinterwäldlers und begann anschließend verschiedene Behandlungen vorzunehmen.
„Jade und Marie sind mittlerweile auch im Livestream aufgetaucht", murmelte Meg, was Fengs Frage erübrigte. Allerdings warf es eine weitere auf.
„Jade?", rief sie überrascht: „Philips Nichte?"
Meg nickte.
„Wie haben die sie…"
„Wir wissen es nicht"
Feng wechselte einen schnellen Blick mit Jake. Als sie sich aus dem Gemeinschaftsraum in den Krankensaal begeben hatte, hatte sie gehofft, dass Team Rainbow in Windeseile alles geradebiegen und sie das nächste Mal von Claudette hören würde, wenn sie gerettet wäre. Doch es war anders gekommen. Anstatt einer erfolgreichen Rettungsaktion waren nun zwei weitere Personen in das grausame Spiel entführt worden, eine davon eine weitere wohlbekannte Freundin.
„Was ist mit Paris?", fragte Caveira von ihrer Station aus und beugte sich so weit nach oben, wie es ihre Verletzung zuließ. Doc hielt seinen Blick auf Max gesenkt, während er antwortete: „Die White Masks haben Notre Dame gesprengt."
„WAS?"
„Und den Eiffelturm beschädigt. Aber zum Glück steht letzterer noch."
Caveira, offensichtlich vollkommen überwältigt von der katastrophalen Niederlage Team Rainbows, öffnete ein paar Mal ihren Mund, brachte jedoch keine Worte hervor. Meg hielt ihren Blick immer noch auf den Boden gesenkt, Anna kratzte sich verlegen hinter dem Kopf und Sally konnte sich kaum auf den Beinen halten.
Als Doc mit Max fertig war, ging er zu ihr herüber und legte der Krankenschwester vorsichtig eine Hand auf die Schulter. Sie zuckte etwas zusammen und ihr oranges Auge schoss nach rechts.
„Legen sie sich hin", riet der französische Arzt. Sally nickte und ließ sich von dem sanften GIGN Agenten hinüber in eines der Betten bugsieren. Seufzend sank sie in die weißen Polster.
„Wo sind eigentlich Dwight und Philip?", wollte Feng wissen. Doc machte sich nun daran, Sallys Körper nach Verletzungen abzusuchen, doch er fand so gut wie keine. Sie schien einfach nur außerordentlich müde zu sein. Meg sah derweil auf und richtete ihren Blick auf Feng.
„Sprechen mit Six", murmelte die Athletin: „Du kannst mir glauben, wenn ich dir sage, dass sie beide krank vor Sorge sind."
Feng antwortete nichts. Verdrossen ließ sie sich zurück auf die Bettkante fallen und ein stechender Schmerz machte sich in ihrer Magengegend breit. Es war pure Angst. Angst, dass sie Claudette und Jade niemals wiedersehen würde. In ihrer gegenwärtigen Situation war das nur allzu wahrscheinlich und es gab nichts, was sie unternehmen konnten.
Team Rainbow stand bereits in voller Mannstärke im Feld. Die Polizei, die GIGN und selbst das französische Militär hatten sie unterstützt bei dem Versuch, Paris vor einem Angriff zu verteidigen. Und sie waren kläglich gescheitert. Die White Masks hatten triumphiert. Sie hatten sich durch alle Linien durchgeschlichen, hatten Team Rainbow ausgespielt und einen Schaden angerichtet, von dem sich die Republik wohl Jahrzehnte lang nicht erholen würde.
Und nun war selbst der Livestream unterbrochen worden, der ihr einziges Fenster zu Claudette dargestellt hatte. Wenn es ihnen bisher nicht gelungen war, die Kanadierin aufzuspüren, wie sollten sie es jetzt anstellen, wo sie absolut keine Anhaltspunkte mehr hatten?
„Ist Nea immer noch in der Stadt?", fragte David leise. Meg nickte. Sie hatte ihren Blick wieder auf die weißen Fliesen am Boden geheftet und ihr gebrochener Geist versank in einem Meer aus Verzweiflung. Allen anderen ging es ähnlich.
Feng spürte wie sich eine Hand um ihre Finger schloss und als sie nach unten schaute, konnte sie Jake erkennen, der ihr einen ermutigenden Blick zuwarf. Doch ihr Herz war von einer schwarzen Kralle umfasst worden und keine Berührung, keine Aufmunterung würde es befreien können. Es war aus. Wer sollte ihnen jetzt noch helfen?
Plötzlich hörte sie ein ruckartiges Atmen und als Feng den Kopf nach rechts drehte, entdeckte sie die junge Maxine Caulfield, die kerzengerade in ihrem Bett saß, die Augen weit aufgerissen hatte und krampfhaft nach Luft schnappte. Nachdem sie mehrere Tage durchgeschlafen hatte, war sie nun endlich erwacht.
