Das Erwachen

Claudette wehrte sich mit Händen und Füßen, als Evan MacMillan sie mit Leichtigkeit hochhob und über die Schulter warf. Mit der Kraft der Verzweiflung rammte sie ihr Knie gegen seine Brust. Er zuckte nicht einmal zusammen, sondern ging einfach seiner Wege.
Tränen rannen ihr übers Gesicht, doch sie würde niemals aufgeben. Sie musste sich befreien, für Chloe, für Jade und für Marie. Allein hatten sie keine Chance gegen den Fallensteller und sobald er sie fand, würde er sie in Windeseile eine nach der anderen umbringen. Er würde nicht einmal vor einem kleinen Mädchen halt machen, Claudette war sich sicher.
Erneut wandte sie sich im Griff des Killers hin und her, warf sich von einer Seite auf die andere und versuchte in blinder Panik Evans muskelbepackten Arm zur Seite zu drücken. Sie hätte genauso gut gegen einen Felsen schlagen können. Der Fallensteller ließ nicht eine Sekunde locker. Erst als sie wiederholt gegen einen der Haken trat entfuhr ihm ein wütendes Knurren, doch er unternahm keine Versuche, sie zu bändigen. Er wusste wohl, dass ihre Anstrengungen vergebens waren.
Aber Claudette weigerte sich, ihr Ende zu akzeptieren. Sie wollte nicht gehen, sie wollte hierbleiben und weiterkämpfen. Jetzt aufzugeben würde bedeuten ihre Kameradinnen im Stich zu lassen und sie einem grausamen Schicksal auszuliefern. Sie würde nie wieder Dwight in die Arme fallen können und nie wieder mit Meg über einen Witz lachen.
„NEIN", brüllte Claudette und hämmerte verzweifelt auf den Rücken des Fallenstellers ein. Mit gefletschten Zähnen kämpfte sie immer weiter, schrie, trat und zerrte an ihrem Peiniger. Sie würde niemals aufgeben.
Dann legte sich plötzlich Dunkelheit über ihre Augen. Dumpfe Watte drückte auf ihre Ohren, ließ jeden Ton verstummen und selbst ihr Atem schien für einen Moment auszusetzen. Sie war blind, taub und absolut bewegungsunfähig. Um ihre Hüfte spürte sie immer noch den Arm des Fallenstellers, doch ansonsten schien die Welt verschwunden zu sein.
Einen Augenblick später stieg ihr ein seltsamer Geruch in die Nase. Silbernes Licht drang in ihre Pupillen. So gut es von ihrer Position auf der Schulter des Fallenstellers aus ging hob Claudette den Kopf und schaute sich mit weit aufgerissenen Augen um.
Sie befanden sich auf einer Lichtung. Um sie herum stachen unzählige Bäume aus dem Boden hervor und streckten sich einem einsamen, silbernen Mond über einem schwarzen Nachthimmel entgegen. Hier und da lag ein Fels in einer dunklen Wiese. Auf der linken Seite konnte Claudette sogar eine alte Ziegelmauer erkennen, die ohne sichtbaren Nutzen mitten in den Wald gebaut worden war.
Das metallische Brummen der dampfdurchströmten Rohre war verschwunden. Stattdessen hatte sich nun eine seltsame Stille ausgebreitet, die hin und wieder von einem leisen Rascheln irgendwo in den Baumwipfeln unterbrochen wurde. Dann zuckte plötzlich Claudettes spitzer Schrei durch die Nacht, als der Fallensteller sie unerwartet zu Boden fallen ließ.
Ächzend landete sie auf der weichen Erde. Unter ihren vernarbten Fingern spürte sie Steinchen, Äste und Zweige, die ihr in die Haut stachen, als ob sie ihr beweisen wollten, dass sie sich wahrhaftig an einem anderen Ort befand.
So schnell sie konnte fuhr Claudette herum und wandte ihren Blick der aufragenden Silhouette des Fallenstellers zu, während sie in unbeholfener Verzweiflung versuchte auf die Beine zu kommen. Der Killer unternahm keinen Versuch sie aufzuhalten. Unter stoischem Schweigen schaute er zu, wie Claudette sich nach oben kämpfte, dabei immer weiter nach hinten stolperte und gute sechs Meter zwischen sich und ihn brachte.
Stattdessen rammte der Fallensteller die Machete in seiner rechten Hand in einen Baumstumpf, sodass sie im trockenen Holz stecken blieb. Anschließend verschränkte er die Arme vor der Brust und starrte Claudette wortlos an. Auf zitternden Beinen stand sie da. Ihre Brust hob und senkte sich unter panischen Atemzügen und Schweißtropfen rannen von ihrer Stirn. Schockstarre hatte sich ihrer Glieder bemächtigt.
Sie wollte davonrennen. Doch sie konnte nicht. Erstens war sie wie gelähmt, vor Schock und Angst und ihre Muskeln wollten ihr kaum gehorchen. Zweitens unternahm der Fallensteller gar keine Versuche, sich ihr zu nähern, sie anzugreifen, oder sie sonst irgendwie zu verletzen. Er hatte sie bis hierhergetragen und dann einfach fallengelassen. Wo war sie überhaupt?
Claudette wagte kaum den Blick von dem Ungetüm vor sich zu nehmen und ihre Augen schossen in Sekundenschnelle nach Links und Rechts, auf der Suche nach Anhaltspunkten, Markierungen oder sonst irgendetwas. Und seltsamerweise wusste sie sofort, wo sie war. Das MacMillan Anwesen war genauso, wie sie es in Erinnerung hatte. Die dunklen Wälder, die verfallenen Mauern und das silberne Mondlicht... Alles war wie damals vor zwei Jahren.
„Was…", rief Claudette, nachdem sie alle ihren Mut zusammengenommen hatte: „Was geschieht hier?"
Der Fallensteller antwortete nicht. Er starrte sie einfach nur mit vor der Brust verschränkten Armen an, als würde er auf sie aufpassen und sichergehen, dass sie sich nicht unerlaubt entfernte. Hinter ihm entdeckte Claudette nun eine seltsame, schwarze Nebelwolke. Wie ein Riss zog sie sich zwischen zwei Bäumen durch die Luft und schien alles rundherum zu verschlucken.
„Sind wir im Nebel?", fragte Claudette. Ihre Stimme zitterte und ängstlich rieb sie mit der linken Hand an ihrem rechten Arm entlang. Ihre Finger fanden nichts, außer glatter, unversehrter Haut.
„Wo denn sonst?", antwortete Evan plötzlich und seine Stimme rollte über die Lichtung wie der Donner eines apokalyptischen Gewitters.
„Aber…", stammelte Claudette: „Warum… bist du nicht…"
Evan machte keine Anstalten zu antworten.
„Ich dachte...", murmelte Claudette weiter, in ihrer Angst beinahe unfähig zusammenhängende Sätze zu bilden: „Ich dachte, du hasst uns."
Evan antwortet nicht. Sein Atmen durchbrach die Windstille und pfiff lautstark zwischen den grausamen Fängen seiner Knochenmaske hervor. Die rostige Machete steckte nach wie vor in dem Baumstumpf und seine kräftigen Arme waren immer noch vor der Brust verschränkt.
Dann hallte ein unwirkliches Zischen über die Lichtung und der Nebel hinter Evan schien zu pulsieren. Eine Gestalt erschien, gekrümmt und mit unförmigen Gliedmaßen. Humpelnd kam sie aus dem Nebel daher gewuselt, allerdings mit einer Geschwindigkeit, die man ihr bei ihrer Haltung kaum zugetraut hätte. Claudette brauchte einen Augenblick, bis sie erkannte, wer da zu ihnen auf die Lichtung gestoßen war.
„Lisa?"
Die Hexe schaute sich kurz um und warf Claudette dann ein breites Grinsen zu. Anschließend sprang sie auf den Baumstumpf, wo sie Evans Machete achtlos zur Seite stieß und sich an ihrem Platz niederließ.
„Hallöchen", gackerte Lisa und entblößte ihre spitzen Reißzähne: „Wie ich sehe hat Lisas braver Junge dich schon wohlbehalten rausgebracht. Lisa sollte ihn loben."
Evan ließ sich zu keiner Antwort herab. Claudette hingegen, die kaum noch mit den Geschehnissen mithalten konnte, murmelte etwas Unverständliches. Dann fiel ihr Blick auf Chloe, Jade und an ihrer Hand Marie, die alle drei mit ängstlichen Mienen aus dem Nebel hinter Lisa getreten waren. Doch als sie Claudette entdeckten, füllten sich ihre Gesichter sofort mit neuer Hoffnung.
„Claudette", rief Jade und wollte bereits zu ihr laufen, als sie Evans massige Gestalt entdeckte und erschrocken stehenblieb. Mit einigem Respekt zog sie Marie zur Seite, ging rechts an Lisa vorbei und legte dann die letzten Meter zu Claudette zurück.
„Seid ihr in Ordnung?", fragte die Kanadierin und als Jade nickte, schloss sie die beiden in eine enge Umarmung. Sie hatte sie bereits verloren geglaubt, hatte bereits angenommen sie hätte versagt und sie allein dem blutrünstigen Killer ausgeliefert. Doch dem war nicht so.
Claudette hob den Kopf und schaute zu Chloe, die immer noch die verletzten Hände gegen ihren Bauch presste und mit zusammengebissenen Zähnen gegen die Schmerzen ankämpfte. Ihr Blick haftete jedoch an dem Fallensteller. Nervös, beinahe ängstlich beobachtete sie den riesenhaften Killer, bis sie schließlich eine Hand auf ihrer Schulter spürte und zusammenzuckte.
„Keine Angst", mahnte Claudette: „Fürs erste sind wir in Sicherheit, glaube ich."
Ihr Blick schoss kurz zu Lisa, die geduldig wartete, bis die Überlebenden sich orientiert hatten, während Chloe immer noch auf den Fallensteller starrte.
„Was… Was sind das für Leute?", fragte sie mit zitternder Stimme. Claudette schüttelte den Kopf und seufzte. Wie sollte sie es erklären?
„Das sind alte Bekannte", antwortete sie schließlich.
„Das sind Bekannte von dir?"
Chloe wagte nun zum ersten Mal den Blick von Evan abzuwenden und schaute Claudette entgeistert in die Augen.
„Was… Wo sind wir überhaupt? Claudette, ich… ich versteh das alles nicht."
Ihre Stimme war kurz davor zu brechen und die Kanadierin versuchte sie so gut es ging zu beruhigen. Dass Chloe unfassbare Schmerzen litt machte die ganze Sache natürlich nicht leichter.
„Ich habe keine Ahnung", murmelte Claudette, die selbst immer noch dabei war ihren Herzschlag unter Kontrolle zu bringen und schaute dann zu Lisa: „Aber vielleicht kann uns da jemand auf die Sprünge helfen."
„Hoho", gackerte Lisa sofort und zeigte erneut ihr breites Grinsen: „Lisa kann auf die Sprünge helfen, das kann sie ganz gewiss."
„Warum sind wir im Nebel?", fragte Claudette: „Und warum ist er hier?"
Lisa schaute hinüber zu Evan, der seinen Blick mit verschränkten Armen auf Claudette ruhen ließ.
„Der gute Evan hilft Lisa, euch rauszubringen."
Claudette öffnete ihren Mund, um eine weitere Frage zu stellen, doch es fiel ihr schwer, ihre Verblüffung in Worte zu fassen. Immer noch zitterten ihre Finger vom Adrenalinrausch, den sie kurz zuvor erlebt hatte und ihr Atem wollte nicht zur Ruhe kommen. Das machte es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.
„Lisa, was… Was geht hier vor? Ich dachte, du wärst… ihr beide wärt…"
„tot?", beendete die Hexe den Satz und stieß dann ein hinterhältiges Kichern aus. „Aber nein, meine Liebe, Lisa ist ganz und gar nicht tot. Und Evan auch nicht, nein, nein."
„Das kann ich sehen", stammelte Claudette: „Aber ich versteh nicht…"
„Lisa ist hier, um eure Ärsche zu retten", kicherte die Hexe: „Oder glaubst du etwa, ich würde dich da drin verrecken lassen? Gerade dich, meine Liebe?"
Ihre Hand fuhr hinunter und über ihren Bauch, wo sich eine lange Narbe quer über die verschorfte Haut zog. Claudette konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie vor zwei Jahren im Haus der Fairfields der Hexe einen Verband angelegt hatte.
Chloe war derweil ein paar Schritte zurückgetreten und hatte sich mit dem Rücken gegen einen Baum gelehnt. Die Nacht hatte an ihren Kräften gezehrt. Nervös starrte sie in die unheimlichen Wälder um sie herum, während sie versuchte einen klaren Kopf zu behalten. Die Schmerzen in ihren Fingern legten sich wie Watte über ihre Gedanken.
Claudette war derweil einen Schritt nach vorne getreten und wollte das Gespräch gerade fortsetzen, als plötzlich ein Donnern über den Himmel rollte und sie alle erschrocken aufblickten. Im nächsten Moment sprang Lisa bereits von ihrem Baumstamm herunter. Hastig humpelte sie zu Claudette herüber und packte sie an der Hand.
„Hör Lisa gut zu Liebes", rief sie, während Claudette plötzlich von einem schläfrigen Gefühl gepackt wurde. Was ging hier vor?
„Die gute Maxine ist bereits aufgewacht", gackerte die Hexe und schaute Claudette eindringlich in die Augen: „Sie wird euch ebenfalls gleich aufwecken. Wenn ihr draußen seid, müsst ihr Bakers lustiges Maschinchen aktivieren, ja, ja, damit Lisa und Evan hier rauskönnen."
„Lisa, was…", murmelte Claudette, doch im nächsten Moment hatte sie bereits das Gleichgewicht verloren. Ihre Augen fielen zu und ihre Gedanken schienen in ihrem Kopf zu ersticken, als sie von einer unendlichen Dunkelheit umschlungen wurde.

Maxine Caulfield schnappte verzweifelt nach Luft. Ruckartig fuhr sie nach oben und versuchte ihre Beine aus dem Bett zu schwingen, wobei sie kläglich scheiterte und wohl seitlich auf den Boden gestolpert wäre, hätte Meg, die ihr am nächsten stand, sie nicht rechtzeitig aufgefangen.
Doc schaute überrascht auf und als er entdeckte, was geschehen war, unterbrach er umgehend seine Arbeit an Sally, um herüber zu der frisch Erwachten zu eilen. Mit sanfter Gewalt packte er sie an den Schultern und bugsierte sie zurück auf das Bett. Doch Maxine wehrte sich.
„Hey, hey", rief der Arzt: „Bitte, legen sie sich hin. Sie müssen sich…"
„Wo bin ich?"
Maxine schaute sich orientierungslos um. Ihr Blick glitt zuerst über Meg hinüber zu Sally, dann auf Max und schließlich zu Anna. Seltsamerweise schien sie keiner der Killer sonderlich zu überraschen. Mit Verwirrung in den Augen versuchte sie ihr Gleichgewicht zu finden und sich aus Docs Umklammerung zu lösen.
„Bitte, legen sie sich hin", sagte Doc nun nachdrücklicher, doch Maxine drückte ihn beständig von sich weg und murmelte: „Ich kenne diesen Raum."
Feng und Meg tauschten an ihr vorbei einen Blick aus und die kleine Asiatin zuckte nur mit den Schultern. Maxine war bereits vor ihrer Einlieferung hier bewusstlos gewesen. Sie sollte eigentlich keinen Schimmer haben, wo sie sich befand.
„Bitte, bleiben sie liegen", bat Doc, doch Maxine riss sich nun endgültig von ihm los und taumelte hinaus in den Gang zwischen den beiden Bettenreihen. Meg musste einen Schritt zur Seite treten, um nicht angerempelt zu werden.
„CHLOE!", rief Maxine und drehte sich einmal um die eigenen Achse. Dann drückte sie eine Hand gegen den Schädel, offenbar im Versuch sich an etwas zu erinnern. Schließlich erstarrte sie und drehte den Kopf nach rechts. Ihr Blick schoss geradewegs auf die gelbe, mit Warnhinweisen versehene Tür am Kopfende des Raumes. Mit leiser Stimme murmelte sie etwas Unverständliches.
„Miss Caulfield", sagte Doc energisch und trat zu ihr hin, doch sie stieß ihn abermals von sich weg und rief: „Haben sie nicht gehört? White Masks! Dort!"
Mit zitterndem Finger zeigte Maxine auf die gelbe Tür. Aller Augen folgten der Richtung, gepackt von einem kurzen Schrecken, der jedoch bald verebbte.
„Sie stehen unter Schock", bemühte sich Doc: „Bitte tun sie was ich sage und legen sie sich hin. Sie sind in Sicherheit hier. Wir…"
„Ich steh nicht unter Schock", erwiderte Maxine, die langsam die Orientierung zurückerlangte. Seltsamerweise sah sie wirklich nicht so aus, als sei sie sonderlich verängstigt oder nervös. Viel mehr schien sie genau zu wissen, wo sie sich befand und mit wem sie sprach. Lautstark erklärte sie Doc: „Hören sie mir zu. Zwei White Masks mit Sturmgewehren und einer ganzen Menge Sprengstoff sind genau da drin. Hinter dieser gelben Tür!"
„Miss Caulfield…", sagte Doc überrascht: „Was reden sie denn da?"
„Sie müssen mir glauben", fuhr Maxine ihn hysterisch an: „Sie sind genau da drin, hinter dieser Tür. Und die anderen sind auch da. Claudette, Chloe, Jade und Marie."
Sally hatte sich mittlerweile wieder von ihrem Lager erhoben und war hinter Doc in Position gegangen. Nun legte sie ihm eine Hand auf die Schulter und als er den Kopf drehte, nickte sie auf die gelbe Tür.
„Was ist das für ein Raum?"
Doc schaute sie kurz an und antwortete dann: „Ein Labor zur Neutralisierung chemischer Waffen, oder zur Behandlung von durch diese verursachten Verletzungen. Jeder Zutritt ist strengstens verboten, außer für hochrangiges, medizinisches Personal."
Sally nickte und schaute dann zu Maxine.
„Wie kommen sie darauf, dass sich White Masks hinter dieser Tür befinden?"
„Ich weiß es einfach, Erklärungen kommen später. Bitte, sie müssen mir glauben und sofort diese Tür öffnen. Wir haben keine Zeit zu verlieren, Sally."
Als Maxine ihren Namen aussprach, zog die Krankenschwester verblüfft die Augenbrauen nach oben. Sie war sich sicher, dem Mädchen noch nie zuvor begegnet zu sein und dennoch kannte sie ihren Namen.
Sally tauschte einen Blick mit Doc aus. Mittlerweile hatten sich Sorgenfalten auf seiner Stirn gebildet und es war offensichtlich, dass er das Vertrauen in die Integrität der Basis für den Moment verloren hatte. Die White Masks hatten diese Nacht so viele unglaubliche Manöver ausgeführt, dass er ihnen mittlerweile alles zutraute.
Schweigend zog Doc mit der einen Hand eine Keycard aus seiner Brusttasche, während er mit der anderen nach seiner Pistole griff. Absolute Konzentration füllte den Körper des Soldaten. Seine Glieder spannten sich an. Die Augen des Franzosen hefteten sich auf die gelbe Flügeltür, als er flankiert von Sally und gefolgt von Anna und Max auf den Durchgang zumarschierte. Selbst Caveira versuchte aufzustehen, doch ihre Wunde ließ es nicht zu. Einen leisen Fluch knurrend fiel sie zurück in ihre Kissen.
Ohne es wirklich zu steuern griff Feng wieder nach Jakes Hand. David bewegte sich ein paar Meter nach vorne und stellte sich instinktiv hinter Meg, bereit einzuschreiten, sollte sie aus irgendeinem Grund seinen Schutz benötigen.
Nach wenigen Augenblicken hatte Doc die Tür erreicht. Er drehte kurz den Kopf und schaute zu Sally, die durchatmete und anschließend nickte. Eilig trat er an die Tür, hob die Keycard und ließ sie geschwind durch das an der Wand angebrachte Lesegerät fahren. Ein elektronischer Ton stach ihnen in die Ohren, woraufhin sich die beiden Flügel der Tür entsicherten und automatisch nach innen aufschwangen.
Sofort drängte Doc nach vorne, nun beide Hände um den Griff seiner Pistole gelegt und die Waffe direkt in das Halbdunkel hinter den Türen gerichtet. Ohne zu zögern schob Max Sally zur Seite und folgte dem Soldaten in den Raum. Mit einem Knurren musterte er die Umgebung.
Es handelte sich um ein erstklassig ausgestattetes Labor. Überall standen Tische, vollgestellt mit Apparaten und umgeben von an die Wände geschobenen Schränken, manche mit Glastüren, andere mit Vorhängeschlössern und Alarmanlagen. Neonröhren an der Decke erhellten die Szenerie. Auf der linken Seite stand ein großer, mit allen möglichen Warnschildern markierter Sicherheitsschrank und auf der Rechten ging es in einen zweiten, etwas kleineren Saal.
Gerade als Doc und Max den ersten Raum betreten hatten, war eine Person durch die Tür auf der rechten Seite gekommen. Der Mann trug ungewaschene Jeans, eine olivgrüne Jacke und schwarze Stiefel. An seinem Gürtel baumelte eine weiße Maske, die er in einer Kampfsituation wohl vor seinem Gesicht fixiert hätte. Dieses wurde von einem unsauberen Dreitagebart geziert, zusammen mit einer markanten Nase und buschigen Augenbrauen.
Eine Mischung aus Verblüffung und Schreck stahl sich in seine Augen, als der White Mask die Eindringlinge erblickte. Sie hatten ihn wohl überrascht. Er musste weder mit Besuch gerechnet noch etwas von den Geschehnissen vor der gelben Tür mitbekommen haben. Nun stand er in Schockstarre da, während Doc blitzschnell die Waffe auf ihn richtete und rief: „HÄNDE HINTER DEN KOPF UND AUF DEN BODEN!"
Max ließ ein erneutes Knurren hören und machte einen Schritt nach vorne. Drohend hob er den Hammer. Sein entstellter Körper war immer noch von Sawyers Blut überströmt und mit gefletschten Zähnen gab er einen wahrhaft terrorisierenden Anblick ab. Sally bewegte sich hinter ihm ein Stück in die Flanke des erstarrten White Mask, während Doc brüllte: „SOFORT!"
Doch kaum hatte er den Befehl von sich gegeben, kam Leben in den Terroristen. Blitzartig schoss seine Hand in seine Jacke und griff nach der Pistole, die zweifellos unter dem Stoff versteckt war. Er wollte sich wehren und wäre er nur Max gegenübergestanden, hätte er womöglich genug Zeit gehabt, um seine Waffe zu ziehen. Doch Doc hatte ihn bereits im Visier.
Zwei Schüsse krachten durch den Raum. Einer traf ihn in die Brust, der zweite direkt in den Kopf und von der schieren Wucht der Kugeln nach hinten geschleudert, prallte der Terrorist geradewegs gegen den Türrahmen. Blut spritzte über die Wand. Dann fiel sein toter Körper zu Boden.
„Los!", rief Doc, doch Max war bereits am Vorrücken. Er hatte seinen Hammer nun mit beiden Händen umfasst und in scheinbar blinde Rage versetzt, stürmte er durch die Tür in den zweiten Saal, achtlos umherstehende Stühle zur Seite fegend. Sein Blick war zuerst nach vorne gerichtet. Dann schaute er nach links.
In der nächsten Sekunde wurde er bereits schwer am Kopf getroffen. Sally erkannte einen von zwei Händen geführten Schraubenschlüssel. Maxine Caulfield hatte vorhin von zwei White Masks gesprochen. Das musste der zweite sein, der sich in einen Hinterhalt begeben hatte, um dem ersten Feind, der durch die Tür kam, ein schweres Eisenwerkzeug über den Schädel zu ziehen. Doch er hatte nicht mit Max gerechnet.
Knurrend taumelte der Hinterwäldler ein Stück nach vorne. Doch er knickte nicht eine Sekunde ein, sondern fuhr sofort herum, wobei er sich zu seiner vollen, einschüchternden Größe aufrichtete. Seine Augen fixierten sich voller Hass auf den maskierten Mann, der erneut nach ihm schlug. Dieses Mal traf er nur den rechten Unterarm des Killers. Max spürte es kaum.
Brüllend hob er den Hammer und ging auf den White Mask los. Doch der brutal geführte Streich ging daneben, als der Mann panisch nach hinten hechtete und in eine Reihe gläserner Laborgegenstände krachte. Verzweifelt rannte der Terrorist davon.
Sein Weg führte um einen massiven Metalltisch herum, den er als Hindernis zwischen sich und Max brachte. Doch er schenkte seinem Verfolger keine Beachtung. Stattdessen war sein Blick auf ein schwarzes Sturmgewehr gerichtet, das gegen einen nebenanstehenden Sessel gelehnt war. Grabeskälte zuckte durch Sallys Glieder, als sie sah, wie der White Mask nach der Waffe griff. Max war immer noch einen Augenblick zu weit entfernt. Doc hatte gerade so noch kein freies Schussfeld.
Ein sausendes Pfeifen zischte haarscharf am Ohr der Krankenschwester vorbei und instinktiv zog sie den Kopf ein. Doch die Wurfaxt war nicht für sie bestimmt gewesen. Anna hatte auf den Terroristen gezielt und gerade als sich seine Finger um den Lauf des Gewehrs geschlossen hatten, spaltete sich sein Schädel knackend in zwei Teile. Eine rote Fontäne ergoss sich über den Boden. Mit zuckenden Gliedern fiel der Mann hinten über. Die letzten Signale seines Gehirns ließen ihn noch halb aufstehen. Dann ging er gurgelnd zu Boden. Er hatte nicht einmal genug Zeit gehabt, um zu schreien.
„Tango am Boden", rief Doc und lief mit erhobener Waffe in den Raum. Angespannt stellte er sich neben Max und deckte den Hinterwäldler, der sich grunzend den Kopf rieb. Die Augen des Franzosen schossen in alle Richtungen. Sally schaute kurz zu Anna, bevor sie sich ebenfalls in Bewegung setzte und in den zweiten Raum hinüberlief.
„Sicher", rief Doc, als sie neben ihm zum Stehen kam. Sallys Blick wanderte sofort durch den Raum und versuchte zu erkennen, was geschehen war. Die Leiche des White Mask lag zuckend am Boden. Etwas entfernt davon, in der Mitte der Halle befand sich eine Janusmaschine, die über mehrere Kabel mit so etwas wie einer Verteilerstation gekoppelt war, die ihrerseits Kabel in einen abgetrennten, gelb markierten Quarantänebereich aussandte. Daneben stand ein Haufen schwarzer Päckchen, von denen jedes einzelne mit einem rot blinkenden Lämpchen versehen war.
„Sprengstoff", knurrte Doc: „Verdammt, sie hatte recht."
Dann ging er an Sally vorbei und marschierte geradewegs auf die gelb markierte Quarantänestation zu. Seine Waffe richtete sich auf den schmalen Spalt, der ihm den Eintritt ermöglichen würde und wenig später zog er ruckartig den Stoff zur Seite. Ein französisches Schimpfwort entsprang seinen Lippen. Dann sicherte er seine Pistole, steckte sie in den Holster und verschwand eilig hinter dem Vorhang.
Sally verlor keine Sekunde und rannte nach vorne. Anna und Max waren direkt hinter ihr und die beiden erlebten dieselbe Überraschung wie die Krankenschwester selbst, als sie in den abgetrennten Bereich traten und ihre Blicke auf die vier, nebeneinander aufgestellten Betten fielen.
„Claudette!", rief Sally und rannte zur ersten Station. Sie ging sofort in die Knie und legte eine Hand an die Stirn der Kanadierin. Dann fühlte sie ihren Puls. Nach einem Augenblick atmete sie erleichtert auf.
„Sie lebt", murmelte Sally und schaute zu Doc. Dieser nickte und ließ den Blick seinerseits über die anderen drei Personen wandern.
„Marie", murmelte Anna und ging an Sally vorbei zum zweiten Bett. Dann zeigte sie auf das dritte und rief: „Jade"
Ratlos drehte sie sich zu Sally um. Offenbar war sie sich unsicher, ob sie eine der Personen berühren sollte. Im hintersten und letzten Bett lag ein blauhaariges Mädchen, das die Krankenschwester nicht kannte.
„Das ist Chloe Price", murmelte Doc und ging zu ihr hinüber: „die, die zusammen mit Claudette Morel entführt wurde."
Er schaute zu Sally.
„Wie zur Hölle sind die hier hereingekommen?"
Die Krankenschwester schüttelte nur den Kopf. Sie hatte absolut keine Ahnung, was hier vor sich ging, doch offenbar hatten sich die vermissten Personen die ganze Zeit über auf der Basis Team Rainbows befunden. Zusammen mit zwei White Masks, die irgendwie hier hereingelangt waren.
Es war eine zutiefst verstörende Situation und Sally wusste nicht, was sie von der ganzen Sache halten sollte. Spätestens seit dem Vorfall in Notre Dame war ihr Vertrauen in die französischen Sicherheitskräfte beständig gesunken und allem Anschein nach waren sie noch stärker infiltriert, als bisher angenommen. Doch im Moment dominierte etwas anderes ihre Gedanken.
„Sie sind am Leben", wiederholte Sally: „Aber sie… Sie scheinen bewusstlos zu sein."
„Genau wie Caulfield", antwortete Doc und beugte sich über Marie. Seine Finger fuhren an der Schläfe des Mädchens entlang: „Aber ich glaube sie sind wohlauf."
Er rüttelte sanft an den Schultern des kleinen Mädchens, doch sie regte sich nicht. Selbst heftigeren Aufweckungsversuchen hielt sie stand und schlief weiter, als wäre es tiefste Nacht.
„Wir brauchen Adrenalin", sagte jemand und alle vier fuhren sie herum. Hinter ihnen im Spalt durch den gelben Vorhang stand Maxine Caulfield. Sie schwankte ein wenig und hatte eine Hand an den Kopf gelegt, doch ihr Blick blieb ungebrochen.
„Adrenalin", sagte sie erneut: „Eine Spritze voll. Das wird sie aufwecken."
Doc und Sally tauschten einen überraschten Blick aus. Maxine hatte bereits richtig gelegen, als sie ihnen gesagt hatte, dass sich zwei White Masks mitsamt all den vermissten Personen innerhalb der Basis befanden. Woher sie es gewusst hatte, das war ihnen ein Rätsel. Doch sie hatte richtig gelegen. Vermutlich verhielt es sich mit dem Adrenalin ähnlich.
Doc nickte grimmig und eilte an ihr vorbei, hinaus aus der Quarantänestation zurück in den Krankensaal. Dabei passierte er Meg, Feng und David, die Maxine neugierig gefolgt waren und nun hinter ihr in den abgetrennten Bereich traten.
Ein spitzer Schrei entfuhr Feng, als sie Claudette erblickte und Meg rannte sofort zu ihr hinüber. Eilig griff sie nach ihrer vollkommen heilen Hand und beugte sich über ihr ruhendes Antlitz. Es sah aus, würde sie in angenehmen Träumen schlummern. Doch Claudette war gerade eben gefoltert worden. Auf einer Liveübertragung noch dazu. Und nun lag sie plötzlich hier auf einer Krankenstation und schlief friedlich vor sich hin? Das war unmöglich!
„Was ist mit ihr los?", fragte Meg und schaute zu Sally. Tränen bildeten sich bereits in ihren Augen. „Ist sie tot?"
„Nein", beeilte sich Sally zu antworten und kniete sich zu Meg hinunter: „Nein, Gott sei Dank nicht, nein. Sie schläft nur."
Erleichterung erhellte Megs Gesicht und zitternd klammerte sie sich and der Bettkante fest, während sich ihre Augen wieder auf Claudette richteten.
„Ihr wollt mich wohl verarschen", knurrte David und blickte die Betten hinab. Sein Mund öffnete sich ein paar Mal, doch die Verblüffung raubte ihm die Worte von der Zunge. Schließlich schüttelte er den Kopf und schaute zu Sally.
„Wie?"
„Keine Ahnung", antwortete Sally: „Ich habe keine Ahnung, aber es ist mir auch egal. Wir haben Claudette und wir haben Jade. Das ist alles, was jetzt zählt."
„Warum schlafen sie?", fragte Feng mit zitternder Unterlippe. Sie schien den Schock kaum zu verkraften und konnte den Blick nicht von Claudettes geschlossenen Augen losreisen. Sally wusste ihr nicht zu antworten.
„Wir müssen sie aufwecken", rief Meg energisch: „Wir müssen…"
„Das geht nicht", fiel ihr Maxine ins Wort und hustete einmal kräftig. Dann schüttelte sie den Kopf und sagte: „Freddy hält sie gefangen."
„Freddy?"
Meg schaute verwirrt auf, doch bevor sie eine Antwort erhielt, kam Doc zurück in den Raum gestürzt und drückte sie unsanft zur Seite. In der einen Hand hielt er einen kleinen Plastikbehälter, in der anderen vier gläserne, filigrane Spritzen. Eilig hielt er sie Sally entgegen.
„Hier", sagte Doc und reichte ihr die Spritzen. Dann öffnete er den Verschluss des Plastikfläschchens und nahm anschließend wieder eine entgegen. Meg schaute ihm wortlos zu. Ihre Hand hielt immer noch die von Claudette umschlossen und jetzt, wo sie sich vom anfänglichen Schock erholt hatte, konnte sie den Puls ihrer Freundin erfühlen.
Claudette lebte. Sie war hier in der Basis von Team Rainbow, äußerlich vollkommen gesund und unversehrt. Zumindest erweckte sie den Anschein. Doch Meg hatte noch immer tierische Angst um sie. Es kümmerte sie nicht, wie Claudette hierhergekommen war. Sie wollte einzig und allein, dass sie erwachte und ihr selbst sagen konnte, dass es ihr gut ging.
Sorgsam steckte Doc die Spritze in die Öffnung des Plastikbehälters und sog sie langsam mit Adrenalin voll. Die Flüssigkeit war vollkommen durchsichtig, beinahe wie Wasser. Meg hoffte inständig, dass es die versprochene Wirkung erzielen würde.
„Durch die Brust direkt ins Herz", sagte Doc und reichte ihr die gefüllt Spritze. Anschließend nahm er von Sally eine weitere der Leeren entgegen und begann die Prozedur von neuem. Megs Finger hatten sich zitternd um das zerbrechliche Glas der Spritze geschlossen. Ihr Blick hing kurz an dem Adrenalin. Dann wanderte er zu Claudettes friedlich schlummerndem Gesicht.

Völlig aus dem Gleichgewicht geraten fiel Claudette hintenüber. Sie stürzte direkt auf den Boden zu, doch seltsamerweise traf sie nie auf. Stattdessen umfing sie Dunkelheit. Eine schwarze Decke legte sich über ihre Augen, ihre Gehörsinn schien sie verlassen zu haben und das letzte was sie vernahm, war Lisas entferntes Kichern.
Dann schreckte sie mit einem Mal hoch. Frische Energie strömte durch ihre Glieder und blendende Klarheit flutete ihren Kopf. Ihr Atem stockte für einen Moment. Verzweifelt schnappte sie nach Luft. Ihr Herz fing wild an zu schlagen, ihre Sinne schienen plötzlich auf doppelte Leistung geschraubt worden zu sein und die Schwerkraft setzte wieder ein. Kerzengerade saß sie in einem weichen Bett, als ihr plötzlich jemand um den Hals fiel.
„CLAUDETTE!"
Sie erkannte einen roten Haarschopf. Im Licht von Neonröhren entdeckte sie zahlreiche Gesichter, die sie allesamt neugierig anblickten. Schließlich blieb ihr die Luft weg, als sich der Griff um ihren Hals verstärkte.
„Lass etwas locker, Meg, du erwürgst sie ja."
War das Sally?
„Sofort löste sich die Umarmung und vor ihr tauchte das Gesicht eines jungen Mädchens auf. Sie hatte Tränen in den Augen, doch gleichzeitig strahlte sie in unendlicher Freude und Erleichterung.
„Meg?", fragte Claudette überrascht und versuchte sich zu orientieren. Irgendetwas stimme nicht mit ihr. Sie zitterte am ganzen Körper und ihr Herz knatterte unter ihrer Brust wie ein Maschinengewehr. Ihre Hände suchten unbeholfen nach etwas an dem sie sich festhalten konnte, während eine einzige Frage durch ihren Kopf schoss.
„Wo bin… wo bin ich?"
„In Sicherheit", antwortete Meg und packte sie an den Schultern. Langsam realisierte Claudette, dass sie sich nicht mehr auf dem MacMillan Anwesen befand. Sie war irgendwo anders. Es sah beinahe so aus, wie das Chemielabor in ihrer alten Universität. Und wo war überhaupt Lisa?
„Was ist passiert?", fragte Claudette und richtete sich auf. Ungeschickt klammerte sie sich an Megs Arme und schaute sich um. Da drüben war wirklich Sally. Und hinter ihr standen Max und Anna. Feng war auch da. Und David.
„Keine Sorge", murmelte Meg und zog wieder ihre Aufmerksamkeit auf sich: „Wir haben dir Adrenalin gespritzt, damit du aufwachst. Das schüttelt dich jetzt etwas durch, aber danach bist du wieder in Ordnung."
Wieder zog sie Claudette in eine Umarmung, unfähig ihrer Erleichterung Einhalt zu gebieten. Mit einem Mal war die gesamte Last der letzten Tage von ihren Schultern gefallen.
„AAAAHHHH"
„Chloe"
„FUCK!"
„CHLOE!"
„Wa… Max?"
Ein metallisches Scheppern ertönte und Claudette schaute erschrocken nach rechts. Dort drüben war Chloe, die gerade dabei war aus ihrem Bett zu fallen. Ihre blauen Haare wirbelten durch die Luft, als sie unbeholfen dem Boden entgegensauste und von Maxine erst in letzter Sekunde aufgefangen wurde.
„Max, was zur Hölle", rief Chloe und kam zitternd auf die Beine. Ihr Atem ging wie eine Dampfmaschine und ähnlich wie Claudette schien sie unter Strom zu stehen. Aber Meg hatte ja gesagt, dass man ihnen Adrenalin gegeben hatte.
„Beruhige dich", sagte Maxine und legte Chloe behutsam eine Hand auf den Arm. Mit der anderen fasse sie nach ihrer Schulter und drückte sie sanft zurück auf die Bettkante, wo Chloe sich mit weit aufgerissenen Augen hinsetzte. „Du bist in Sicherheit. Hörst du mich? Er kann dir nicht mehr wehtun. Du bist wach."
„Wach?", fragte Chloe. Ihre Zähne klapperten und sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, als wäre ihr bitterkalt. „Ich bin wach? Wie… wach?"
Dann schien sie plötzlich innezuhalten.
„Wo ist Claudette?", rief Chloe und schaute sich um.
„Hier", antwortete die Kanadierin. Sie hatte langsam die Orientierung wiedergefunden und realisiert, dass sie sich nicht mehr in Gefahr befand. Meg war hier. Sally war hier. Sie waren gerettet worden. Chloe schaute sie für einen Moment entgeistert an. Dann richtete sie ihren Blick wieder auf Maxine.
„Wo bin ich?"
„Paris", antwortete Maxine: „In der Basis von Team Rainbow."
„Paris… warte… wir sind doch zusammen… Max?"
Je länger sie wach war, umso weniger schien Chloe wirklich zu verstehen. Sie schaute verwirrt umher, bis ihr Blick schließlich auf dem Hinterwäldler landete und sie sich mit einem wilden Aufschrei wieder erhob. Beinahe wäre sie hinten übers Bett gefallen, hätte Maxine sie nicht eilig festgehalten.
„Ganz ruhig", sagte sie: „Es ist alles in Ordnung. Er ist auf unserer Seite."
„Bist du sicher?"
„Ja"
Maxine zwang Chloes Blick wieder auf sich, indem sie ihren Kopf packte und nach vorne drehte. Für einen Moment lang verharrten die beiden. Dann fielen sie in eine feste Umarmung.
„Ich sage Six Bescheid", rief Doc und wandte sich um. Im Laufschritt verließ er den Raum und schon bald verhallte das Echo seiner Schritte in der Ferne. Sally kümmerte sich derweil um Jade, die als letzte aufgewacht war, während Anna Marie aus dem Bett hob. Das kleine Mädchen stand unter Schock und brachte kein Wort hervor. Weinend presste sie das Gesicht gegen Annas Schulter. Doch sie war in Sicherheit.
„Wie habt ihr uns gerettet?", fragte Claudette und schaute wieder nach vorne zu Meg: „Ich kann mich an nichts erinnern."
„Um ehrlich zu sein", antwortete Meg: „habe ich keine Ahnung, was passiert ist. Aber du bist wieder da. Das ist alles, was zählt. Alles andere ist unwichtig."
„Unwichtig", wiederholte Claudette murmelnd. Einen Augenblick später wurde sie von Feng in die Arme geschlossen und schließlich von Max, der sie unbeholfen umfasste. Dabei ging er so ungestüm vor, dass er ihr beinahe die gesamte Luft aus den Lungen drückte, doch es kümmerte sie nicht. Nirgends war sie so sicher, wie hier zwischen ihren Freunden. Dann brach eine Erinnerung in ihren Kopf.
„Warte", rief Claudette und packte Meg am Arm. Die Athletin schaute sie überrascht an.
„Was ist los?"
„Ich muss euch etwas sagen. Etwas Wichtiges."
Claudette blickte zu Sally, die sofort herüberkam und sich zu ihr hinunterbeugte. Erschöpfung zeichnete ihr Gesicht, doch sie hörte aufmerksam zu, als Claudette weitersprach.
„Ich glaube… nein, ich bin mir sicher, dass ich noch vor wenigen Sekunden im Nebel war. In der Nähe des MacMillan Anwesens. Und Lisa war auch da. Sie lebt."
Sally nickte. Sie wusste dies bereits, doch sie wollte Claudette nicht unterbrechen. Am besten gab sie sofort alle ihre Informationen weiter, solange die Erinnerungen noch frisch waren.
„Ich habe den Fallensteller gesehen, Meg. Ihr habt ihn vor zwei Jahren nicht getötet. Und er hat uns geholfen zu entkommen."
„Was?" fragte Sally nun doch überrascht: „Evan? Aber wie…"
„Und Lisa hat mir gesagt, ich soll eine Maschine aktivieren. Bakers Maschine."
„Eine Janusmaschine?"
Sally schaute Claudette fragend an, die nur unsicher mit den Schultern zuckte. Sie wusste natürlich nicht, was eine Janusmaschine war. Glücklicherweise befand sich eine genau hier in diesem Labor. Die White Masks mussten sie wohl hergeschafft haben. Sally schaute über die Schulter zurück in den anderen Raum, bevor sie mit einem Ruck aufstand.
„Lass mich mal durch"
Eilig schob sie David zur Seite und verließ die Quarantänestation. Wenn Lisa Claudette angewiesen hatte, eine Janusmaschine zu aktivieren, dann musste es einen Grund dafür geben. Vielleicht wollte sie eine Brücke in den Nebel öffnen, sodass sie fliehen konnte. Sally wusste es nicht. Aber sie musste es versuchen, bevor Six hier auftauchte und ihr womöglich die Kontrolle über die Situation entriss.
Während Sally durch den Vorhang nach draußen trat, schwang Claudette ihre Beine vom Bett und stand vorsichtig auf. Das Adrenalin ließ sie immer noch am ganzen Körper schlottern, doch Meg stützte sie, bis sie schließlich auf eigenen Füßen stand. Es fühlte sich also so seltsam an, so unwirklich. War sie wirklich entkommen?
„Wir sollten weg von hier", murmelte David: „Da draußen liegt ein ganzer Haufen Sprengstoff."
„Du hast recht", antwortete Meg und zog den Vorhang zur Seite. Dabei gab sie den Blick auf die Leiche des White Mask frei, die mittlerweile aufgehört hatte zu zucken. Claudette zögerte kurz und schaute Meg fragend an. Erst als diese nickte, ging sie weiter. Anna folgte ihr, mit Marie auf dem Arm und flankiert von Feng, die sich um Jade kümmerte. Als Letzte kamen Chloe und Maxine.
„Bringen wir sie in den Gemeinschaftsraum", murmelte Meg David zu, der ihr brummend zustimmte und die Führung übernahm. Er machte einen kleinen Bogen um den Toten und ging nach draußen in das größere Labor.
Sally hatte sich derweil an der Janusmaschine hingekniet. Sie hatte absolut keine Ahnung, wie man so ein Gerät bediente und ob es überhaupt funktionstüchtig war. Sie wusste nicht einmal, ob es wirklich das war, was Lisa gemeint hatte, wenn sie von Bakers Maschine gesprochen hatte. Doch um was sollte es sich sonst handeln?
Zögerlich legte Sally eine Hand auf die glatte Oberfläche der silbernen Kugel. Sie spürte ein leichtes Vibrieren als ihre Finger das Metall berührten, die Maschine musste also bereits am Laufen sein. Die White Masks hatten sie sicherlich nicht einfach so hier postiert oder ein defektes Gerät für ihre Pläne verwendet. Sally wusste nur nicht, was sie nun machen sollte.
Hinter ihr bewegte sich derweil eine Kolonne bestehend aus Überlebenden und Killern durch das Labor auf die Ausgangstür zu. Angeführt wurden sie von David, das Schlusslicht bildete Maxine mit Chloe und mitten drin ragte Max in die Höhe, der fragend stehenblieb, als er Sally entdeckte.
Die Krankenschwester hatte mittlerweile festgestellt, dass die Kugel immer heftiger vibrierte, je mehr ihrer bloßen Haut in Kontakt mit ihr kam. Eine Fingerspitze verursachte kaum eine Reaktion, doch die gesamte Handfläche rief bereits ein tiefes Surren hervor. Irgendetwas tat sich.
Nervös legte Sally nun auch die andere Hand auf die Kugel. Die Vibrationen unter ihren Fingern wurden immer stärker und sie konnte spüren, wie sich die glatte Oberfläche langsam erwärmte. Gleichzeitig begann die Maschine ein seltsames, blaues Licht auszustrahlen, bevor es plötzlich dunkel wurde und sich ein undurchdringlicher Nebel zwischen den drei Beinen bildete. Er schien von der Kugel zu kommen, die ihn wie ein Brunnen in den Raum ausschüttete.
„Raus hier", kommandierte Sally und wandte sich um. Die Anweisung war jedoch vollkommen unnötig gewesen, da niemand allen Ernstes vorgehabt hatte in dem Labor zu bleiben. Eilig verließen sie die Halle und fanden sich im Krankensaal wieder, wo David Jake aufgeholfen hatte und ihn stützte. Wankend humpelten die beiden zum Ausgang, gefolgt von Caveira, die sich selbst auf die Beine gekämpft hatte.
Sally drehte sich um. Nervös schaute sie auf die gelbe Tür, die bereits vollständig mit schwarzem Nebel ausgefüllt war und wie ein Portal in eine andere Realität aussah. Max knurrte neben ihr. Anna setzte Marie auf den Boden und schickte sie hinüber zu Chloe. Dann griff sie nach ihrer Axt. Sie alle kannten diesen Nebel, sie alle hatten Erinnerungen an ihn und sie alle wussten, dass er ihnen nichts Gutes wollte.
„Hat Lisa sonst noch etwas gesagt?", fragte Sally und drehte sich zu Claudette, nachdem ein Weile lang nichts geschehen war. Claudette schüttelte den Kopf: „Nein. Bakers Maschine, das war´s."
„Irgendetwas scheint ja passiert zu sein", warf Meg ein. Sie hatte sich schützend vor Claudette gestellt. All die Zeit hatte sie zusehen müssen, wie sie gefoltert wurde. Wenn jetzt etwas passierte, sollte es sie zuerst treffen.
Sally nickte. Sie wandte sich wieder dem Nebel zu und überlegte, ob sie vielleicht in die dunklen Schwaden hineingehen sollte. Vielleicht sollte sie nachsehen, wohin die Janusmaschine ein Portal geöffnet hatte. Wenn es überhaupt ein Portal war. Doch sie war vollkommen erschöpft und sie bezweifelte, in einem Ernstfall lange durchalten zu können.
Max schien ähnlich zu denken, denn er machte einen Schritt auf den schwarzen Nebel zu. Sally wollte ihn bereits zurückhalten, doch das war gar nicht mehr nötig, als plötzlich eine große Gestalt auftauchte und der Hinterwäldler wieder knurrend nach hinten wich. Auf alles vorbereitet hob er seinen Hammer und Anna duckte sich in eine Kampfhaltung. Sally blieb aufmerksam stehen, ihr oranges Auge auf die schwarze Figur gerichtet.
Sie war groß, hatte breite Schultern und einen seltsam geformten Kopf. Hinter all den dunklen Schwaden und Nebelfetzen war sie kaum zu erkennen, doch sie bewegte sich langsam vorwärts. Schlussendlich brach sie durch die Nebelwand und präsentierte sich in voller Größe den versammelten Killern und Überlebenden.
Feng wich einen Schritt zurück. Auch Meg und David zogen ihre Schützlinge etwas nach hinten. Anna stieß ein lautes Knurren aus und Max wollte bereits nach vorne stürmen, wurde jedoch von Sally zurückgehalten. Eilig versperrte sie ihm den Weg mit ihrem Arm, ohne den Blick von der hochaufragenden Gestalt zu wenden.
„Evan", sagte sie misstrauisch.
„Sally", erwiderte der Fallensteller und senkte seinen Blick auf die Krankenschwester, die etwa halb so groß war, wie er selbst. Bei ihrem letzten Treffen hatte er ihr den Brustkorb zertrümmert und sie an einer Tischplatte bewusstlos geschlagen. Danach hatte er beinahe Anna umgebracht, bevor ihm Nea schließlich eine Kugel durch den Kopf gejagt hatte.
Die Jägerin stand links hinter Sally und knurrte ununterbrochen, wobei sie ihre Zähne fletschte und ihre Axt in Bereitschaft hielt. Evan hingegen gab sich gelassen. Die Arme locker an der Seite herabhängend, stand er einfach nur da, eine Machete in der rechten Hand und ließ den Blick über die Gruppe wandern. Niemand sagte etwas. Alle warteten darauf, dass jemand eine Bewegung machte. Wie Raubtiere musterten sie sich gegenseitig.
„Halloooo. Hier müssen noch Leute durch, etwas Bewegung bitte!"
Eine gackernde Stimme war hinter dem Fallensteller ertönt und kurz darauf erschien eine unförmige Gestalt auf seiner Schulter, die mit breitem Grinsen in die Runde schaute. Mit der rechten Hand hielt sich die Hexe an einem von Evans Haken fest, während sie mit der andern Sally zuwinkte.
„Lisa?"
„Guten Morgen", grüßte die Hexe und klopfte dann gegen die Maske des Fallenstellers: „Und du beweg dich ein bisschen, mein Großer, sonst zerrt uns der Zauberrabe am Ende noch zurück."
Evan gab ein entnervtes Grunzen von sich und hob die Hand, um die Hexe von seiner Schulter zu wischen, als wäre sie ein unangenehmes Insekt. Er bekam sie jedoch nicht zu fassen, denn sie war bereits nach unten gesprungen und zwischen ihm und Max auf dem Boden gelandet. Anschließend trat er wortlos einen Schritt nach vorne.
„Maxie", rief Lisa und humpelte hinüber zum Hinterwälder: „Jetzt nimm doch den Hammer runter, sonst tut sich noch einer weh."
Max war offensichtlich kaum in der Lage, die Situation zu begreifen, doch Lisas Auftauchen hatte ihn dermaßen überrascht, dass er einfach nur stumm nickte und seine Waffe senkte. Er machte sogar einen Schritt nach hinten.
Währenddessen hielt Anna den Blick auf den Fallensteller fixiert und Sally musterte den schwarzen Nebel. Er schien bereits an Stärke zu verlieren. Die dunkle Wand wich langsam zurück und immer größere Fetzen lösten sich von der finsteren Masse, fielen zu Boden und lösten sich dort auf. Einen Augenblick später war der Nebel bereits verschwunden. Das Portal war geschlossen.
Anna trat nervös einen Schritt zurück, als Evan ihr den Kopf zudrehte. Ihr war sichtlich unwohl zumute gegenüber dem Killer, der sie vor zwei Jahren beinahe umgebracht hätte. Und wer konnte es ihr verdenken? Immer noch knurrte sie ihn über ihre Axt hinweg an und auch Sally hielt den Blick misstrauisch auf Evan fixiert.
„Ganz ruhig, meine Lieben", rief Lisa von links. Sie hatte sich mittlerweile eine neue Position auf Max gesucht und wie eine Tochter auf den Schultern ihres Vaters ritt, so saß sie nun auf den breiten Schultern des Hinterwäldlers. Die Hände um seine Stirn geschlungen gab sie breit grinsend den Ton an.
„Evan ist auf Lisas Seite und wer auf Lisas Seite ist, ist auch auf Sallys Seite, nicht wahr?"
Sally schaute kurz zur ihr hinauf. Dann entspannte sie sich ein wenig und nickte.
„Wenn du es sagst."
Evan machte keinerlei Anstalten gewalttätig zu werden, weder gegen seine alten Kameraden noch die Überlebenden. Lisa musste also die Wahrheit sagen. Wie sie es geschafft hatte ihn zur Vernunft zu bringen und warum er überhaupt noch lebte war Sally ein Rätsel und sie hoffte, dass sich alles möglichst bald aufklären würde. Aber nicht hier.
„Wir sollten verschwinden", sagte Sally und drehte sich zu Lisa: „In diesem Raum dort liegt ein ganzer Haufen Sprengstoff. Ich glaube nicht, dass er scharf ist, aber ich würd´s nicht riskieren…"
„Du hast sie gehört", rief Lisa und patschte Max auf den Kopf: „Auf, auf."
Sie zog sanft an seinen Haaren und lenkte ihn nach links, auf die Ausgangstür des Krankensaals zu. Dann drehte sie sich zu Sally um und fragte: „Dahin?"
Die Krankenschwester nickte, schaute dann zu Anna und sagte: „Zeig ihnen den Weg. Wir gehen zurück in den Gemeinschaftsraum, dort können wir uns ausruhen und hoffentlich ein paar Fragen beantworten."
Die Jägerin hatte sie natürlich gehört, doch noch immer starrte sie misstrauisch auf Evan.
„Anna", rief Sally und packte sie sanft, aber bestimmt an der Schulter: „Alles ist gut. Er tut uns nichts. Bitte, zeig Lisa den Weg."
Es dauerte einen Moment. Dann gab die Jägerin ein letztes Knurren von sich und drehte sich ruckartig um. Nervös ging sie an Meg und Claudette vorbei, schaute kurz zu Lisa auf und bedeutete ihr dann, ihr zu folgen. Die Geharbeit leistete hierbei natürlich Max.
„Aber hallo, meine Große", gackerte Lisa und schenkte Anna ein breites Lächeln: „Du verstehst jetzt Englisch?"
„Englisch", antwortete Anna: „bisschen Englisch"
„Ein bisschen", bestätigte Lisa: „Das ist ja schon leicht genug. Englisch ist schwierig müsst ihr wissen. Stimmts Maxie?"
Der Hinterwäldler nickte unter ihr. Dann schaute Lisa wieder zu Anna, die neben ihr herging.
„Jetzt sag doch mal. Hast du die alte Lisa vermisst?"
Anna blickte kurz zu ihr auf. Dann nickte sie mit dem Kopf.
„Aber natürlich hast du. Wer vermisst den nicht die alte, garstige Lisa? Ihr habt sicher geglaubt, ich hätte den Löffel abgegeben, hätte ins neblige Gras gebissen, hmmm?"
„Um ehrlich zu sein, das haben wir", antwortete Meg, die hinter ihr ging: „Aber ich bin froh, dass dem nicht so ist."
„Hehe, die alte Lisa weiß sich schon zu helfen."
„Wie hast du eigentlich überlebt?", fragte Claudette: „Baker hat keine Signale mehr gekriegt. Wir dachten, der Nebel sei zerstört worden. Und warum… warum lebt er noch?"
Sie zeigte mit dem Finger über die Schulter, wo Evan die Nachhut ihrer kleinen Prozession bildete. Sally ging ganz als Letzte und hielt ihn in ihrem wachsamen Blick.
„Alles zu seiner Zeit", kicherte Lisa: „Alles zu seiner Zeit. Lisa kennt außerdem nur die halbe Wahrheit." Dann beugte sie sich ein Stück zu ihnen herunter und flüsterte hinter vorgehaltener Hand: „Aber die junge Miss Caufield, die kennt die Ganze. Ja, ja, das tut sie."
Meg schaute kurz über die Schulter zu Maxine, die Chloe so fest an der Hand hielt, als wollte sie sie nie wieder loslassen.
„Okay…", murmelte die Athletin verblüfft. Sie kamen nun an eine Ecke und gerade als sie um die Biegung herumgingen, wären sie beinahe mit Philip und Dwight kollidiert, die in vollem Tempo in die Gegenrichtung gelaufen kamen. Philip konnte eine Kollision nur noch dadurch verhindern, dass er die Hand ausstreckte und Anna an der Schulter abbremste. Dann schoss sein Blick nach oben.
„Hallooo"
„Lisa?"
„schöne Grüße"
Die Hexe machte eine Bewegung, als würde sie ihren Hut ziehen, der nicht existierte. Philip schaute sie kurz vollkommen überrascht an. Dann wandte er sich wieder Anna zu.
„Ist Jade bei euch?"
„Philip!"
Er hatte kaum den Kopf gedreht, da wurde der Geist schon beinahe von seiner Nichte von den Füßen gerissen. In Erleichterung ging er in die Knie und schloss Jade in die Arme. Keiner von beiden konnte seine Tränen zurückhalten.
Übertroffen wurde ihre Wiedersehensszene nur noch von Dwight und Claudette, die beinahe Meg angerempelt hätten, als sie sich in die Arme gefallen waren. Die Athletin konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, als sie zusah, wie sie einfach nur dastanden, sich gegenseitig umarmten und mit geschlossenen Augen leicht vor und zurückwippten.
„Ich dachte schon, ich würde dich nie wiedersehen", murmelte Dwight nach einer Weile. Er zitterte am ganzen Körper, beinahe noch heftiger als damals, wenn Claudette ihn von Paris aus angerufen hatte. Zur Antwort drückte sie ihn nur noch fester an sich, bevor sie sich schlussendlich wieder voneinander lösten. Ihre Hände blieben jedoch eng verschränkt. Sie würden einander wohl für eine ganze Weile nicht mehr loslassen.
Hinter Philip und Dwight waren Doc, Dokkaebi, Six, Thermite und in einigem Abstand auch Baker gefolgt. Pustend holte der rundliche Mann zu den anderen auf, bis er schlitternd vor Max zum Stillstand kam. Sein Blick glitt hinauf zu Lisa, die hoch zu Ross über ihm aufragte und mit gebleckten Zähnen auf ihn heruntergrinste.
„Guten Morgen, Benedict", grüßte die Hexe. Baker suchte kurz nach seinem Atem. Dann stemmte er die Hände gegen die Knie und fragte überrascht: „Lisa?"
Megs Aufmerksamkeit glitt derweil hinüber zu Six. Ihre Soldaten hatten alle drei die Waffen im Anschlag, jedoch noch nicht auf die Killer gerichtet und mit in die Seite gestemmten Armen fragte sie: „Was geht hier vor? Wo sind die Geiseln?"
„Hier", sagte Sally müde und zeigte auf Claudette und Jade. In einigem Abstand befanden sich auch Marie und Chloe. „Sie sind alle vier hier und in Sicherheit. Wir haben sie unten im Labor gefunden."
„Hier auf der Basis?"
Der Blick der Kommandantin wanderte kurz hinüber zu Doc, dem sie die Geschichte offenbar nicht vollständig geglaubt hatte. Doch nun, da sie alle vor ihr standen, waren die letzten Zweifel weggewischt. Sally nickte.
„Verdammt noch Mal, wie sind sie hier hereingekommen?", rief Six: „Hat irgendjemand eine Erklärung dafür?"
Doch ihre Frage ging in Bakers Stimme unter, der überrascht ausrief: „Ach du lieber Himmel, wer ist denn das?"
„Evan MacMillan", antwortete Sally: „der Fallensteller. Sie erinnern sich sicherlich noch an ihn von unserem kleinen Abenteuer von zwei Jahren."
„Evan MacMil… Aber müsste er nicht… Ich dachte er wäre im Nebel gestorben."
Baker schien angesichts des Hünen, der ihm gerade Mal einen abschätzigen Blick zuwarf, aufpassen zu wollen, was er von sich gab und seine Verblüffung wuchs mit jeder Sekunde nur noch weiter. Six nutzte die Gelegenheit und ergriff wieder das Wort.
„Ich will sofort wissen, wie er hier hereingekommen ist."
„Unten im Labor steht eine Janusmaschine", antwortete Meg schnell. Die Situation war bis zum Äußersten angespannt und Six schien kurz davor zu stehen, sie alle verhaften zu lassen.
„Wir haben eine Brücke hinüber in den Nebel geöffnet und ihn hereingelassen. Aber die Verbindung ist bereits wieder geschlossen und es besteht keine Gefahr, dass noch jemand anderes hindurchkommt."
Six hörte der Erklärung aufmerksam zu, doch sie schien nur noch mehr Fragen aufzuwerfen, als sie beantwortete. Nach der Schlacht um Paris, die sie eindeutig verloren hatte, war sie mit den Nerven sichtlich am Ende, als sie fragte: „Kann mir irgendjemand erklären, was hier los ist? Irgendjemand?"
„Lisa kann", rief die Hexe von Maxs Schultern herab. Sie schenkte der Kommandantin ein spitzes Grinsen.
„Und sie sind?", fragte Six.
„Lisa", antwortete die Hexe: „Lisa Sherwood, zu ihren Diensten. Wir waren gerade dabei, uns zusammenzusetzen und unsere Geschichten zu erzählen."
„Sie hat Informationen", sprang Sally ein, die unbedingt vermeiden wollte, dass Lisa Six mit ihrer schrulligen Art noch weiter verärgerte: „Sie wird uns alles erzählen, was sie weiß und wir wollten uns dazu gerade in den Gemeinschaftsraum begeben."
Six hörte Sally aufmerksam zu. Dann legte sie eine Hand an die Stirn, schaute zu Boden und schüttelte entkräftet den Kopf. Schließlich seufzte sie und sagte: „Na gut, folgen sie mir. Der Raum ist gleich hier um die Ecke."
Eilig marschierten sie zwei Gänge entlang, bogen an einer Abzweigung ab und erreichten schließlich den Gemeinschaftsraum. Meg tauschte im Vorbeigehen einen unangenehmen Blick mit Thermite aus, der allen anderen die Tür offenhielt. Sie hatte keine Ahnung, was sich in seinen Gedanken abspielte. Verdammt, sie wusste ja nicht einmal, was in ihrem eigenen Kopf vor sich ging.
Doch irgendwie hatte sie Interesse an ihm. Sie war sich sicher, dass er ihr Vater war und jetzt, da sich mit einem Schlag alles zum Guten gewandt hatte, erlaubte sie ihren Gedanken sich auf andere Pfade zu stehlen. Wie Sally ihr schon geraten hatte, würde sie ein ernstes Gespräch mit ihm führen. Vielleicht auch mehrere. Doch vorerst hatte etwas anderes Vorrang.
„Also dann" sagte Six und stellte sich mit vor der Brust verschränkten Armen in die Mitte, während sich alle anderen im Kreis um sie aufstellten, oder auf Sofas niederließen: „Dann lassen sie mal hören."
„Lisa soll beginnen?", fragte die Hexe und sprang von Max Schultern hinunter auf den Boden. Elegant schwang sie sich auf eine der Sofas und setzte sich direkt zwischen Feng und David. „Aber Lisa kennt nur einen Teil der Geschichte, oh ja, nur ihre eigene Sicht."
„Jede Information ist wertvoll", sagte Sally: „Wir haben eine Menge ungeklärter Fragen."
„Warum sagen sie uns nicht, was geschehen ist, als wir das Signal des Nebels verloren hatten", schlug Baker vor: „Beginnen sie da, wo sich unserer Wege getrennt haben. Erklären sie uns, wie sie überlebt haben und vor allem was es mit ihm hier auf sich hat."
Er nickte nervös auf Evan, der sich gleichgültig im Hintergrund hielt.
„Wo sich unsere Wege getrennt haben", kicherte Lisa: „Genau da fängt diese Geschichte an. Lisa ist zurückgeblieben, oh ja, um dem Zauberraben endgültig die Federn auszurupfen. Er konnte nicht mehr fliegen, aber er konnte noch kratzen. Jetzt kann er gar nichts mehr."
„Der Entitus ist also endgültig und wahrhaftig fort?"
„So fort, wie er nur fort sein kann."
Lisa kicherte kurz in sich hinein.
„Aber danach war Lisa gefangen im dunklen Wald. Sally und Maxie und alle anderen waren schon gegangen und Lisa war ganz allein. Aber nur für eine Weile. Der Zauberrabe war zwar fort, aber der dunkle Nebel gehorchte noch immer seinem gekrächzten Gesetz, oh ja, das tat er. Und das Gesetz war, jeder kann sterben, aber niemand bleibt tot. Und so sind der alte Evan und der garstige Herman nach einem Weilchen gesund und munter wieder in ihren Höhlen aufgetaucht."
„Sie sind wiederbelebt worden?", fragte Sally und die Hexe nickte: „Immer und immer wieder. Aber nicht nur sie. Lisa auch. Wir haben uns für eine Weile durch die Wälder gehetzt, haben uns gegenseitig die Köpfe abgerissen, gegenseitig die Lebern gefressen und unsere Kniescheiben zertrümmert. Aber ein Kreis hat kein Ende. Er geht immer weiter und weiter und weiter und weiter bis die Bestien keine Kraft mehr haben."
„Ich nehme an, ihr habt euch nach einer Weile abgekühlt", fragte Sally und warf einen schnellen Blick hinüber zu Evan. Lisa kicherte kurz und antwortete dann: „Das haben wir, oh ja, aber nicht nur das. Nach einem Weilchen haben sich nämlich auch die Regeln des Nebels geändert."
„Die Regeln?", Sally schaute von Lisa zu Baker und wieder zurück: „Ich dachte, du hättest den Entitus zerstört?"
„Das hat Lisa auch", krächzte die Hexe: „Aber der Nebel braucht einen Meister und einen Meister hat er gekriegt."
Lisa legte eine kurze Pause ein und schaute mit großen Augen zwischen den Anwesenden hin und her. Zuletzt blieb ihr Blick auf Maxine hängen, die sich an Chloe klammerte und aufmerksam zuhörte. Doch in ihrem Gesicht spiegelte sich nicht annähernd die Überraschung wieder, die auf denen der anderen zu sehen war.
„Er kam zusammen mit den anderen", sagte Lisa: „den anderen dunklen Gestalten, die das Räblein im Keller eingekerkert hatte."
„Andere Killer?", fragte Baker: „Kenne sie ihren Namen? Wie sahen sie aus?"
„Da war der Große, mit dem weißen Gesicht und natürlich der Hässliche mit der Kettensäge, genau wie Maxie."
„Myers und Leatherface", schloss Baker, doch Lisa war noch nicht fertig.
„Ein Fettwanst, angezogen wie ein Clown ist auch rausgekommen, danach ein blasses Mädchen mit einem langen Schwert und nicht zu vergessen die junge Dame mit der Schweinchenmaske."
„Amanda", murmelte Claudette und für einen Moment richteten sich alle Augen auf sie. Baker nickte und fügte dann hinzu: „Der Dicke muss Kenneth Chase gewesen sein, aber wer ist das blasse Mädchen? Bitte fahren sie fort. Alles was sie uns sagen können."
„Aber gern", krächzte Lisa: „Jetzt kommen wir doch zum spannendsten Teil meiner kleinen Geschichte. Ein kleines, grausames Männlein mit verbrannter Haut und einem seltsamen Handschuh, der aussieht wie Lisas Pranken, ist auch aufgetaucht. Und auf dem Kopf trug er außerdem so einen lustigen Hut."
Der ganze Saal hörte gebannt zu.
„Sein Name war Freddy Krüger."
„Krüger", murmelte Baker: „Seine Existenz wurde nie nachgewiesen."
„Sie kennen ihn?", fragte Sally.
„Unsere Abteilung hatte vor langer Zeit mit ihm zu tun. Er war ein Pädophiler, der irgendwann von den Eltern seiner Opfer aufgespürt und gelyncht wurde. Angeblich soll er später als so etwas wie ein Traumdämon zurückgekehrt sein und seine ehemaligen Schützlinge heimgesucht haben. Wir hielten es für nichts weiter als eine urbane Legende, hielten die Mordserie für ein normales Verbrechen. Offenbar lagen wir falsch."
„Sechs Killer", murmelte Meg leise: „Der Entitus hatte noch sechs weitere für uns in Petto."
„Und dieser Freddy Krüger wurde der neue Meister?", fragte nun Six, die bis dahin nur leise zugehört hatte."
„Ganz genau", nickte Lisa: „Er war ein kleiner Mistkerl, ist zu uns gekommen und hat gefordert, dass wir uns ihm unterwerfen, so wie die anderen Rotzlöffel. Wenn nicht, so hat er gesagt, würde er uns gefügig machen und uns in unseren Träumen heimsuchen. Aber da hat er nicht mit der alten Lisa gerechnet."
Die Hexe setzte sich nun etwas aufrechter hin und schaute gackernd in die Runde.
„Ihr müsst verstehen, Freddy konnte sich den Nebel gefügig machen, genau wie der Zauberrabe und somit konnte er die anderen beherrschen. Aber Lisa ist aus anderem Holz geschnitzt. Lisa hat sich ihm wiedersetzt und ihre Runen haben ihren Verstand vor seinen Alpträumen bewahrt. Lisa kennt den Nebel und Freddy kennt ihn nicht. Lisa weiß, wie sie sich verstecken kann."
„Also, wenn ich das richtig verstehe", sagte Baker zusammenfassend: „Nachdem sie den Entitus zerstört hatten, ist Freddy zusammen mit den anderen Killern aus irgendwelchen Verließen ausgebrochen und hat die Kontrolle über den Nebel übernommen. Sie konnten sich vor ihm verstecken, indem sie ihre Zeichen einsetzten?"
„Die Runen", gackerte Lisa: „ganz richtig."
„Bleibt noch eine Frage", warf Sally ein: „Warum ist er hier?"
Sie zeigte auf Evan und Lisa drehte ihm kurz den Kopf zu. Dann sprang sie hinunter auf den Boden und stellte sich neben den Fallensteller.
„Die anderen waren bereits verloren", sagte die Hexe: „Aber Evan und Herman, nein, nein, die noch nicht. Lisa wusste, sie würde starke Verbündete gegen Freddy brauchen, also hat sie ihnen ein Angebot gemacht: der Schutz der Runen gegen einen Friedensvertrag."
„Ich verstehe. Damit Freddy sie nicht kontrollieren konnte, haben sie sich mit dir zusammengetan."
„Evan hat´s schnell kapiert", kicherte Lisa: „Aber Herman, der alte Witzbold, der hat geglaubt, er könnte sich dem Hutmännlein entgegenstellen. Er wollte nichts wissen von Lisa und hat Freddy herausgefordert. Hat umgehend den Preis bezahlt."
„Carter ist also tot?", fragte Sally: „Und er ist nicht wiederaufgetaucht?"
„Dieses Mal nicht. Zumindest hat Lisa ihn nie mehr gesehen."
„Das mit dem kontrollieren?" fragte Baker nun: „Die anderen Killer meine ich. Wie funktioniert das? Sie haben etwas von Alpträumen gesagt?"
„Freddy schickt seine Alpträume", antwortete die Hexe: „Er dringt in die Köpfe seine Opfer ein, ähnlich wie Herman. Aber er macht es viel subtiler. Er sammelt Informationen, pflanzt kranke Gedanken und wütet im Gedächtnis. Und dann schlägt er zu. Aber die Runen schützen Lisa, indem sie den Effekt umkehren. Jedes Mal, wenn er in ihren Kopf wollte, gelangte stattdessen sie in den seinen. Lisa konnte seine Vergangenheit sehen, seine Pläne und seine Sorgen. Nach ein paar wenigen Versuchen hat er es gelassen und aufgegeben, der alte Stinker."
„Von welchen Plänen sprechen sie?", fragte Six: „Wir haben immer noch eine ganze Menge Fragen und wir wissen immer noch nicht, wie das Ganze mit den White Masks und den Angriffen auf Paris zusammenpasst. Also wenn sie etwas wissen, dann raus mit der Sprache."
„Lisa weiß einiges", antwortete die Hexe: „Aber anderes auch nicht. Seht ihr, Lisa ist nur ein garstiges, altes Weib, mit morschen Knochen und runzliger Haut, wie eine Rosine. Lisa hat schon längst keine Kraft mehr. Aber die gute Maxine hier…"
Die Hexe kicherte kurz und hüpfte hinüber zu Maxine, die von Chloe schützend zur Seite gezogen wurde.
„…die gute Maxine hier ist jung, kräftig und sie kennt die ganze Geschichte."
Aller Augen richteten sich nun auf das junge Mädchen, das schüchtern neben ihrer blauhaarigen Freundin auf dem Sofa kauerte und sich unter dem Blick all dieser furchteinflößenden Gestalten wohl reichlich unwohl fühlte. Chloe nahm sie sofort in den Arm und rief: „Was hat das zu bedeuten? Max war doch gar nicht mal dabei."
„Nein", entgegnete Lisa: „Sie hat geschlafen. Tagelang soweit ich weiß."
„Unten im Krankensaal…", murmelte Feng leise: „da hast du doch Freddy erwähnt. Woher wusstest du von ihm?"
Maxine schaute kurz auf. Ihr Blick kreuzte den von Six, die sie eindringlich ansah. Die Kommandantin wartete einen Moment, bevor sie sagte: „Hören sie mir zu, junge Dame. Da draußen steht eine Stadt in Flammen. Hunderte Menschen sind heute Nacht umgekommen im wohl schlimmsten Terrorangriff der Geschichte. Zum Morgengrauen werden Fragen gestellt werden und zu diesen brauche ich Antworten. Wissen sie, was hier läuft, oder wissen sie es nicht?"
Als Six fertig gesprochen hatte, wollte Chloe bereits etwas in ihrer Verteidigung erwidern, doch Maxine legte ihr eine Hand auf den Arm. Dann setzte sie sich etwas aufrechter hin, atmete tief durch und hob den Kopf.
„Ja", sagte sie nervös: „Ich weiß, was hier läuft. Ich weiß, wie die White Masks an euch vorbeigekommen sind, ich weiß, was Freddy damit zu tun hat und ich weiß auch warum gerade Chloe, Claudette, Jade und Marie entführt wurden.
„Erleuchten sie mich", sagte Six: „Ich muss zugeben, ich habe keinen blassen Schimmer mehr, was hier vor sich geht. Bitte, klären sie uns auf."
Maxine nickte. Chloes Hand schloss sich noch fester um die ihre, als sie sich kurz räusperte und dann sagte: „Ich weiß nicht wie es passiert ist und ich weiß nicht wie es funktioniert, aber ich habe mittlerweile gelernt, eine Menge Dinge zu akzeptieren."
Meg und Feng tauschten einen schnellen Blick aus.
„Ich glaube, das Ganze begann in der Nacht, in der Chloe und Claudette entführt wurden. Wir waren zusammen in unserer WG, also in meiner und Claudettes und… und dann wurde eingebrochen."
Maxine versuchte sich krampfhaft zu erinnern.
„Es waren vermummte Männer. Ich glaube White Masks. Sie haben uns angegriffen, aber nicht verletzt. Sie wollten uns lebend und zu diesem Zweck haben sie uns niedergerungen und mit irgendeiner Chemikalie betäubt. Dann sind wir wohl eingeschlafen."
Sie hielt kurz inne, um ihre Gedanken zu ordnen, bevor sie fortfuhr.
„Aber anstatt irgendetwas wirres zu Träumen, bin ich einem Mann begegnet. Ich wusste, dass ich in einem Traum war, aber irgendwie wusste ich auch, dass er nicht einfach nur ein Gespinst meiner Vorstellungskraft war. Er war real. So real wie wir alle."
Baker und Six hörten aufmerksam zu. Auf der Stirn der Kommandantin bildeten sich immer tiefere Falten und der rundliche Mann kratzte sich alle drei Sekunden nervös am Kinn.
„Er schien… verwirrt", sagte Maxine: „Etwas schien nicht nach Plan gelaufen zu sein. Aber er hat sich bald wieder gesammelt und sich als Freddy Krüger vorgestellt."
Meg beobachtete, wie sich Maxines Hand enger um Chloes zog und ein Hauch von Angst ihr Gesicht eroberte.
„Er sah so grässlich aus. Wie eine verbrannte Leiche. Und er hat die ganze Zeit so unfassbar hämisch gelacht, während er mit seinem Klauenhandschuh an der Wand entlang gekratzt hat. Dann, als er mir Nahe genug war, hat er wieder versucht in meinen Kopf zu gelangen. Aber es ging nicht. Irgendetwas hielt ihn zurück, wie eine unsichtbare Barriere. Anders als bei Claudette und Chloe, die ihm sofort unterlegen waren, fand er an mir keinen Halt und ich konnte fliehen."
„Wie meinen sie das?", fragte Six: „Sie konnten fliehen? Die Polizei hat sie bewusstlos in ihrer Wohnung entdeckt. Sie haben die ganze Zeit über geschlafen."
„Ich war in Freddys Traumwelt", antwortete Maxine, als ob es ganz offensichtlich wäre: „Ich konnte sie nicht verlassen, aber ich konnte mich verstecken. Und jedes Mal, wenn Freddy versucht hat, mich aufzuspüren und meine Gedanken zu fassen, wurde er zurückgeschleudert. Stattdessen konnte ich in seinen Kopf und konnte sehen, wer er war, woher er kam und was er im Schilde führte."
„Wie ist da möglich?", fragte Baker: „Bei Lisa verhält es sich ja ähnlich, aber sie ist ja auch eine Berührte ersten Grades. Wie kann es sein, dass sie dieselbe Immunität gegen Freddy besitzen, während wir anderen ihm völlig ausgeliefert sind?"
„Haben sie eine Antwort darauf?", fragte Six.
Maxine wechselte kurz einen Blick mit Chloe, der verriet, dass sie beide an eine ganz bestimmte Sache dachten. Sie wussten irgendetwas. Und offensichtlich war es etwas, dass sie beide nur ungern preisgaben.
„Vor einem knappen Jahr", murmelte Max und suchte nach den passenden Worten: „Vor einem knappen Jahr, habe ich eine Entdeckung gemacht. Ich bin damals gerade in meine Heimatstadt Arcadia Bay zurückgekehrt und auf die Hochschule dort gegangen, um eine Ausbildung als Photographin zu machen. Dann ist etwas Schreckliches passiert. Etwas, das ich unter keinen Umständen hinnehmen wollte und… wie soll ich sagen… ich habe herausgefunden, dass ich die Zeit zurückdrehen kann."
Stille griff um sich. Die meisten der Anwesenden tauschten verblüffte Blicke aus. Meg schaute hinauf zu Thermite, der die Augenbrauen nach oben gezogen hatte und einen Moment später ihren Blick erwiderte. Anna legte den Kopf schief und schaute zu Sally, die ungläubig die Arme vor der Brust verschränkte.
„Die Zeit zurückdrehen?", fragte Baker, nachdem er als erster wieder zu Worten gefunden hatte: „Meinen sie das wortwörtlich?"
„Wortwörtlich", bestätigte Maxine nickend: „Ich konnte die Zeit zurückspulen und Vergangenes ungeschehen machen. Aber selten mehr als ein paar Minuten. Und es hat Konsequenzen mit sich gebracht. Massive Konsequenzen."
Maxine richtete ihren Blick nun auf Sally.
„Ich glaube, das ist der Grund, weshalb ich gegen Freddy immun bin. Ich bin wie ihr. Ich bin… nicht normal."
„Eine Berührte erste Grades", murmelte Baker: „Es muss so sein. Aber sie sagten „konnte". Heißt das, sie haben ihre Fähigkeiten verloren?"
„Nach ein paar Wochen war das Ganze wieder vorbei", antwortete Max: „Ich dachte für immer, also habe ich normal weitergelebt. Bis ich vor ein paar Tagen nach Paris gekommen bin."
„Und sie von Freddy entführt wurden", fügte Sally hinzu.
„Sie sagten, sie konnten in Freddys Gedanken sehen", ergriff nun Six das Wort: „Ist er der Drahtzieher hinter ganzen Sache."
Maxine nickte.
„Was ist sein Plan? Kennen sie irgendwelche Details. Und wie zur Hölle steht er mit den White Masks in Verbindung? Haben sie irgendwelche Antworten?"
„Ich glaube schon", antwortete Maxine und ließ ihren Blick unsicher durch die Runde gleiten: „Ich habe jede Menge Ausschnitte gesehen, Eindrücke und sogar Gefühle. Es war, als wäre ich wirklich ins einem Kopf. Und er hat sein Bestes gegeben, mich fernzuhalten. Daher bin ich mir nicht sicher, ob ich die ganze Geschichte kenne."
„Das ist egal", sagte Baker: „Alles, was sie uns sagen können, ist hilfreich."
Maxine nickte. Dann räusperte sie sich erneut und sammelte ihre Gedanken, bevor sie zu erzählen begann.
„Zuerst habe ich euch alle gesehen."
Sie deutete auf Sally und Lisa.
„Freddy hat euch die ganze Zeit über beobachtet, während ihr im Nebel wart und ich habe gesehen, wie ihr entkommen seid. Dann seid ihr wieder zurückgekehrt, um eure beiden Freunde zu befreien. Freddy hat alles mitverfolgt und konnte sich daran erinnern. Einige Zeit später konnte er aus seinem Gefängnis entfliehen, in das ihn der Entitus gesteckt hatte. Wie Lisa schon erzählt hat, hatte er die anderen Gefangenen bereits unter Kontrolle. Mit seinen Gedankentricks waren sie ihm völlig ausgeliefert. Und er hat eifrig nach euch gesucht."
Maxine legte eine kurze Pause ein. Meg verlagerte angespannt das Gewicht von einem Fuß auf den anderen, während sie aufmerksam zuhörte.
„Er hat nach euch drei gesucht", fuhr Maxine fort: „Er hat einen richtigen Hass auf dich bekommen, Lisa, aber er hatte auch Angst vor dir. Weil du die einzige warst, die ihm gefährlich werden konnte. Aber diesen Teil der Geschichte kennt ihr ja schon. Oder zumindest Lisas Sicht der Dinge. Von Freddys Seite sieht es aber etwas anders aus. Ich habe eine Vermutung, aber ich bin mir nicht sicher. Freddy war stets auf die Ausmaße des Nebels begrenzt und selbst seine Fähigkeit, in die Köpfe anderer Menschen einzudringen, konnte die Grenzen des Nebels nicht durchbrechen. Genau wie ihr war er vollkommen gefangen. Bis sich vor etwa einem Jahr die Absperrung plötzlich löste und die Realität des Nebels wieder mit unserer verschwamm."
Chloe legte besorgt einen Arm um Max und schaute beinahe hilfesuchend zu Claudette, die selbst von Dwight gehalten wurde.
„Ich glaube, es fällt ziemlich genau mit der Zeit zusammen, in der ich in der Lage war, die Zeit zurückzudrehen. Ich weiß es nicht, aber vielleicht bin ich sogar der Grund dafür. Jedenfalls konnte Freddy von da an plötzlich wieder in die reale Welt hinaus. Damit meine ich nicht körperlich, sondern nur mit seinen Gedanken. Außerdem konnte er sich immer noch nicht in jedes beliebige Opfer einschleichen, wie früher. Er war beschränkt auf ein paar wenige Individuen."
Maxine schaute nun zu Meg und ihr Blick jagte der Athletin einen Schauer über den Rücken.
„Er konnte zu euch, auf eure Farm."
Sie wandte sich wieder nach vorne.
„Er konnte auch nach Waltonfield, zu Claudette und Dwight. Aber auch zu Jade, die eine enge emotionale Verbindung zu Philip aufgebaut hatte. Seine Macht schien sich nur auf diejenigen zu erstrecken, die vom Entitus verändert worden waren, oder diejenigen, die viel Zeit mit diesen Personen verbrachten und dabei starke Emotionen erlebten. Liebe, aber auch Hass oder Zorn."
Maxine richtete ihren Blick nun auf Anna.
„Nach dem Ereignis im Wald konnte er auch in Maries Kopf eindringen. Aber er hatte sich sein Ziel schon lange vorher ausgesucht und das waren Sie zwei."
Sie deutete auf Six und Baker, die beide außerordentlich überrascht reagierten.
„Wir?", fragte Six und Maxine nickte.
„Ihr habt andauernd Tests mit Philip durchgeführt. An dieser Janusmaschine, oder wie ihr die nennt. Dadurch ist er in eure Köpfe gelangt. Und er hat so lange nach vorne gedrängt, bis er euch im Schlaf kontrollieren konnte."
„Uns kontrollieren konnte?", rief Baker: „Aber was sagen sie denn da?"
„Schlafwandeln", erklärte Maxine: „Sie haben sich im Schlaf an einen Computer gesetzt und eine Reihe an Personalakten an eine Adresse geschickt."
„Rio de Janeiro?", fragte Caveira mit vor Schmerz zusammengepressten Zähnen: „Die FBI Akten?"
„Er war im Büro eingeschlafen", erklärte Maxine: „Nachdem er wieder einmal bis in die späte Nacht hineingearbeitet hatte. Freddy hat die Chance genutzt und seinen Marionetten bei den White Masks wertvolle Infos zukommen lassen."
Maxine schaute nun zu Six.
„Bei ihnen war es genau das Gleiche. Sie haben den White Masks wertvolle Geheimisse verraten, über die sie sich mit Leichtigkeit in ihr Netzwerk hacken konnten. Von da an wussten sie alles. Sie haben sich in die GIGN eingeschlichen, sie haben sich Papiere gefälscht und sind so auf die Basis gelangt. Getarnt als Experten für chemische Waffen haben sie Claudette, Chloe, Jade und Marie hierhergebracht und sind durch die Sicherheitsnetzte nach Paris geschlüpft."
„Der Maulwurf?", fragte Doc und trat einen Schritt nach vorne: „Six? Das ist absurd!"
„So absurd wie ein Traumdämon?", bemerkte Sally. Stille griff um sich und die anwesenden Rainbow Operatoren tauschten unentschlossene Blicke aus. Sie wussten ganz offensichtlich nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollten. Die Maulwürfe waren ihnen soeben enthüllt worden, doch es handelte sich um ihre eigenen Kommandanten, die noch dazu vollkommen unfreiwillig zu Marionetten gemacht worden waren.
„Das kann nicht wahr sein", murmelte Six, den Blick auf den Boden gerichtet. Baker machte ebenfalls einen entmutigten Eindruck. Dass er dem Feind geholfen hatte, jagte ihm ganz offensichtlich Angst ein und unsicher trat er von einem Fuß auf den anderen.
„Gibt es irgendeine Verteidigung dagegen?", fragte Sally und schaute zur Hexe: „Wenn Maxine recht hat, sind wir alle Freddy ausgeliefert. Lisa, kannst du uns ebenfalls schützen, wie Evan und Herman?"
„Lisa kann", antwortete die Hexe: „aber es wird schwierig. Freddy wird immer stärker, der Mistkerl, und je mehr Leute Lisa schützen muss, umso niedriger wird ihre Mauer."
„Und dann reicht sie nicht mehr aus.", murmelte Sally. Ein Anflug von Verzweiflung zeigte sich in ihrem müden Gesicht, doch nun ergriff wieder Maxine das Wort: „Solange wir nicht schlafen, kann er ohnehin nicht viel mit uns anfangen. Und selbst dann… Wenn wir uns in der Nacht bewachen lassen, können wir ja auch nicht mehr viel Schaden anrichten."
„Sie hat recht", gab Meg dazu: „Wir kommen schon klar, bis wir eine Lösung gefunden haben. Wenn´s sein muss gehen wir wieder in den Nebel und kümmern uns um ihn."
„Sobald die Janusmaschine einsatzbereit ist, ist er uns ohnehin ausgeliefert", bemerkte Baker. Schweißtropfen hatten sich auf seiner Stirn gebildet, als er sich wieder Maxine zuwandte: „Aber das alles erklärt noch immer nicht, was er vorhat. Warum das Ganze? Und was haben die White Masks damit zu tun?"
„Die White Masks sind nur ein Mittel zum Zweck, soviel ich weiß", antwortete Maxine: „Ich habe gesehen, wie er in Südamerika einen ihrer Anführer übernommen hat. Ähnlich wie euch hier. Er ist über einen älteren Herrn, ich glaube Alberto Visconti war sein Name, an sie herangelangt."
„Verdammt Ace", murmelte Jake: „Er hat sich ja von uns abgesetzt. In was für eine Gesellschaft ist er da nur geraten?"
„Ich glaube, er wollte alte Schulden begleichen", vermutete Maxine: „Ich bin mir nicht sicher, ich habe fast gar nichts über ihn gesehen. Aber was ich genau gesehen habe, war Freddys Plan. Die Sache ist die: Freddy ist im Nebel gefangen. Er kann nicht heraus, solange die reale Welt vom Nebel getrennt ist und genau so wenig können es seine Killer. Was Freddy besonders macht, ist seine Traumwelt, die irgendwo zwischen hier und dem Nebel liegt. Es ist wie eine Art Vorposten, eine Durchgangsstation und er kann nach Belieben zwischen ihr und dem Nebel hin und her wechseln. Aber er kann nicht in die echte Welt. Zumindest nicht mitsamt seinen Kräften. Über die Janusmaschinen könnte er wohl herüber, genau wie seine Killer, die ihr in Paris bekämpft habt. Aber selbst dann wäre er auf einen begrenzten Bereich eingeschränkt."
„Und das hat er versucht, zu überbrücken?", fragte Sally: „Wie?"
„Er wollt eine Verbindung herstellten. Zwischen hier und dem Nebel und zwar indem er beide Seiten mit derselben Energie auflädt. Ihr wisst wohl besser als ich, dass Emotionen im Nebel eine treibende Kraft sind. Sie sind der Stoff, aus dem Träume sind. Ihr habt all die Jagden durchlebt, um mit eurer Hoffnung und Verzweiflung die Energiesucht des Entitus aufrecht zu erhalten. Nachdem dieser nun fort war und Freddy seinen Platz eingenommen hatte, brauchte er jemanden, den er wieder in solche Jagden werfen konnte. Jemanden, den er Leiden lassen konnte, um Energie aus ihm zu schöpfen und einen Brückenkopf vorzubereiten. Das wart ihr vier. Chloe, Claudette, Jade und Marie."
„Und warum gerade sie?", wollte Dwight wissen.
„Sie sind die einzigen, die er von der echten Welt aus in die Traumwelt ziehen konnte. Jene, die vom Entitus zu Killern gemacht wurden und jene, die enge Beziehungen zu diesen erlebt hatten. Einfach diejenigen, die er auch so schon kontrollieren konnte. Er musste sie nur noch sicherstellen und für längere Zeit schlafen lassen."
Maxine schaute nun zu Meg.
„Euch wollte er von der Farm holen lassen. Als das nicht geklappt hat, haben sich die Überlebenden des Angriffs Marie geholt. Hier in Paris haben sie sich Chloe und Claudette geschnappt. Und Jade war ebenfalls ein leichtes Ziel. Sie haben sie entführt, mit chemischen Mitteln ins Reich der Träume geschickt und sie somit Freddy auf dem Präsentierteller überreicht."
„Und was hat das mit dem Angriff auf Paris zu tun?", fragte Six.
„Eine Brücke reicht immer von einem Ufer zum anderen", antwortete Maxine: „Und was er im Nebel brauchte, brauchte er auch in der echten Welt. Er hatte Einfluss auf zwei der wichtigsten Streitmächte unserer Zeit. Team Rainbow und die White Masks. Er wollte eine Schlacht inszenieren, in der Team Rainbow vorgeführt wird und triumphal scheitert, sodass die gesamte westliche Welt mit einem Schlag ihr Vertrauen verliert. Er wollte Paris über Nacht in Angst und Schrecken versetzen. Alles, was die White Masks getan haben, lief auf das Ziel hinaus, Team Rainbow nicht zu eliminieren, sondern bloßzustellen. Über den Livestream sollte die ganze Welt verfolgen, wie ihre größten Beschützer scheitern. Und am Ende wären die vier Geiseln genau hier wiederaufgetaucht, auf der Basis, direkt unter ihrer Nase. Team Rainbow sollte lächerlich gemacht werden. Die reale Welt ist viel stabiler, viel statischer und konstanter als der Nebel und es braucht eine viel größere Menge an Emotionen, als drüben auf der anderen Seite. Freddy wollte, dass die Menschen hier Angst bekommen. Panik. Möglichst viele, möglichst stark und möglichst gleichzeitig. Das war Freddys Plan und er hat gehofft, dass im Laufe der Nacht eine Funke überspringen und eine Verbindung zwischen dem Nebel und der echten Welt entstehen würde. Er wäre stärker gewesen, als jemals zuvor. Zum Glück ist er gescheitert."
„Ist er das?", fragte Six: „Sind sie sich sicher?"
„Ja", nickte Maxine: „die White Masks haben es nicht geschafft. Sie haben alles gegen Paris geworfen, was sie hatten. Freddy hat sie ausgenutzt und ohne Rücksicht auf Verluste ihre gesamten Ressourcen in diesen Krieg geschüttet. Ab heute gibt es sie nicht mehr. Das waren alle."
„Heißt das…", murmelte Feng: „Heißt das, wir haben gewonnen?"
„Ich glaube schon", sagte Sally unsicher: „Aber was ist mit Freddy? Beutetet das, dass er nun im Nebel gefangen ist, bis wir ihn herauslassen oder eliminieren? Oder hat er noch andere Möglichkeiten?"
„Soweit ich weiß nicht", antwortete Maxine: „Freddy hat sich zwar alle Mühe gegeben, so viel wie möglich vor mir zu verbergen, aber ich glaube nicht, dass es ihm sonderlich gut gelungen ist. Freddy hat seine Karten ausgespielt und die gesamte Aktion hat ihn eine Menge Energie gekostet. Er wird Zeit brauchen, bevor er wieder etwas unternehmen kann und bis dahin haben wir hoffentlich die Janusmaschine bereit. Dann können wir einfach hinüber und ihn kaltstellen."
„Gegen Sturmgewehre hat selbst der beste Traumdämon keine Chance", sagte Thermite: „Sobald uns der Nebel zugänglich ist, gehen wir hinüber und holen uns den Bastard. Wollen sie das damit sagen?"
„Ja", bestätigte Maxine: „Ich glaube, das wars."

Schmerzen umfassten seinen Verstand. Nicht, dass er sonst von der schnellen Sorte war, doch die Schmerzen ließen seine Gedanken noch schwerfälliger werden, als je zuvor. Und auch das Blut in seinem Körper schien zu Blei geworden zu sein. Er konnte seine Glieder kaum rühren. Zumindest die, über die er noch verfügte.
Er wusste noch, dass er einem hässlichen Mann begegnet war. Einem hässlichen Mann mit einer Kettensäge, genau wie die seine und einem schweren Hammer, der ihm all die Schmerzen zugefügt hatte. Sie hatten gekämpft, er und der hässliche Mann und ihr Kampf hatte in seiner Niederlage geendet.
Hier prangte in schwarzes Loch in seinen Erinnerungen. Er wusste nicht, was geschehen war, nachdem er seinen Arm an die gierigen Zähne der kreischenden Kettensäge verloren hatte, doch nun schien er sich an einem anderen Ort zu befinden. Und er war ganz offensichtlich noch nicht tot.
Er wusste nicht, was los war. Er verstand nicht, was passiert war. Doch das was nichts Ungewöhnliches. Er wusste, dass es nicht zu seinen Stärken zählte, Dinge zu verstehen, aber er wusste, dass es zu seinen Stärken zählte, Dinge zu tun. Er war stark, stärker als viele anderen. Und er setzte diese Stärke für seine Herren ein. Diejenigen die ihn schützten, und die er selbst im Gegenzug beschützte. Seine Familie.
„Bubba…"
Da war ein Flüstern. Es war eine vertraute Stimme und er kannte den Mann, zu dem sie gehörte. Es war nicht die Stimme seines Vaters, doch seinen alten Herrn hatte er schon seit langem nicht mehr gehört. Ein anderer war an seine Stelle getreten, hatte den Platz in seinem Leben ausgefüllt. Der Mann mit dem Hut und der verbrannten Haut. Der Mann mit der tiefen Stimme. Der Mann, der in seinen Kopf eindringen und ihm helfen konnte.
„Bubba", flüsterte es erneut in seine tauben Ohren. Endlich rührte sich Leatherface und schlug die Augen auf. Er gab ein Grunzen von sich. Sein Gesicht war immer noch unter der Maske verborgen, seine Feinde hatten offenbar keine Anstrengungen unternommen, sein wahres Antlitz zu entdecken.
„Bubba!"
Doch sie hatten etwas anderes getan. Sie hatten ihn gefesselt, ihn angekettet und völlig bewegungsunfähig gemacht. Aber sie hatten ihn auch versorgt. Ein enger Verband zog sich um seinen Oberkörper und presste hart auf den Stumpf an seiner Seite. Dort wo sein Arm gesessen hatte, zeugte nur noch ein roter Blutfleck von seinem Verlust.
Leatherface wimmerte in Panik und riss an den Ketten um sein Handgelenkt. Seine Beine waren ebenfalls verschnürt und so sehr er sich auch anstrengte, er konnte sie keinen Zentimeter rühren. Er war gefangen. Er war wehrlos. Sie hatten etwas mit ihm vor. Sie wollten ihm wehtun, er war sich sicher. Sie waren böse. Sie waren…
„Bubba!", rief die Stimme in seinem Kopf und kommandierte Respekt: „beruhige dich, mein Junge."
Leatherface erschlaffte für einen Moment, doch noch immer zitterte er und sein Herz schlug so schnell, als wollte es sich aus seiner Brust freikämpfen. Er hatte Angst. Aber die tiefe, vertraute Stimme besänftigte ihn.
„Hör mir zu, mein Kleiner", knurrte der Herr: „Spare deine Energie. Du wirst sie brauchen."
Er konnte spüren, wie der verbrannte Mann langsam in seinen Kopf eindrang. Die Übernahme ließ seine Glieder aufleben und plötzlich fühlte es sich so an, als sei er unter Strom gesetzt worden. Seine Muskeln verkrampften sich für einen Augenblick. Dann wurde er wieder ruhig. Sein Atem verlangsamte sich und seine Brust hob und senkte sich immer regelmäßiger.
„Na also", ertönte die tiefe Stimme, nun nicht mehr in seinem Kopf, sondern aus seinem Mund, den er nicht mehr unter Kontrolle hatte. „Dann schauen wir mal, ob wir – du und der alte Freddy – dich nicht mit vereinten Kräften aus diesen Ketten herauskriegen."
Plötzlich strömte Kraft in ihn. Sie kam von außen, von weit her, doch sie galt ihm und er konnte sie nutzen. Sein Arm bewegte sich, ohne dass er etwas denken musste. Es war, als hätte er ein Eigenleben entwickelt und das muskelbepackte Ungetüm zog und zerrte an dem Verschluss, der sein Handgelenkt an Ort und Stelle hielt. Ein Rasseln hallte durch den Raum, als das Bettgestellt, auf dem er lag, unter seinen Anstrengungen zusammenzubrechen drohte.
Dann krachte es plötzlich und sein Arm schnellte nach oben. Er war frei. Leatherface übernahm wieder die Kontrolle und setzte sich ruckartig auf. Er fühlte, wie sein Herr aus seinem Kopf verschwand und die bleierne Erschöpfung wiederkehrte. Sein Verstand versank wieder im Nebel. Leatherface klammerte sich an den einzigen verfügbaren Anker, den er hatte, während er sich an den Fesseln um seine Beine zu schaffen machte: die Stimme des verbrannten Mannes.
„Komm", knurrte sie ungeduldig: „Komm, Junge, ich habe eine Aufgabe für dich."
Aufgaben. Sie waren es, wozu er geboren worden war. Er war ein großer Kerl, mit starken Armen und kräftigen Beinen, dazu gemacht, um Aufgaben zu erledigen. Er war nicht zuständig für die Denkarbeit, die hinter den Aufgaben stand. Er war dafür zuständig, dass sie getan wurden. Und er würde tun, was immer sein Herr ihm befahl.
„Komm", tönte die Stimme in seinem Kopf und etwas zog ihn hinaus auf den Gang. Er befand sich in einem kahlen Korridor, mit weißen Wänden und grellen Neonleuchten. Die Tür war nicht versperrt gewesen. Offenbar vertrauten seine Feinde darauf, dass er seinen Fesseln nicht entkommen konnte. Doch wo waren sie?
Egal. Was zählte war seine Aufgabe. Der Wille des verbrannten Mannes zog ihn nach rechts und so begann er unbeholfen in die befohlene Richtung zu taumeln. Mit seinem verbleibenden Arm stützte er sich an der Wand ab, während er versucht den Schmerz auf der anderen Seite zu ignorieren. Knurrend biss er die Zähne zusammen.
Schweiß benetzte die Innenseite seiner Maske und er fühlte, wie die Menschenhaut weicher wurde und wie sie sich über seine Stirn spannte. Er war mit dem Gefühl so vertraut wie mit dem Gehen. Schon von klein auf hatte er die Maske getragen, um sein Gesicht, das niemand sehen wollte, vor der Welt zu verbergen. Es war sein Schutzwall. Seine Verteidigung gegen alles, dem er nicht mit seiner Kettensäge zu Leibe rücken konnte.
Langsam schleppte sich Leatherface durch die Hallen. Hin und wieder warf er einen Blick über die Schulter und hielt Ausschau nach seinen Feinden, vor allem nach dem hässlichen Mann, der ihm so wehgetan hatte. Doch da war niemand. Sie schienen ihn verlassen zu haben.
Sein Herr wollte, dass er in eine bestimmte Richtung ging und etwas Bestimmtes tat. Er wusste, dass es nicht mehr weit war. In seinem Kopf konnte er Anspannung spüren, beinahe Triumph verbunden mit einem Gefühl der Niederlage und einer Lust nach Rache. Aber es waren nicht seine eigenen Gefühle. Sie gehörten jemand anderem.
Leatherface ging um eine Ecke und trat durch eine Tür, woraufhin er sich in einem weitläufigen Saal wiederfand. Betten zogen sich zu beiden Seiten and den Wänden entlang. Helle Lampen hingen von der Decke. Der Ort, an dem ihn sein Meister haben wollte, war nah, doch er war noch nicht ganz da.
Er musste weiter, in den nächsten Raum. Direkt voraus war eine Tür. Sie stand offen, beinahe einladend und gewährte ihm Zugang in die nächste Kammer. Dorthin wollte er. Dorthin musste er. Dorthin war er befohlen worden.
Es dauerte eine Weile bis er sich die gesamte Länge des Krankensaals entlanggeschleppt hatte, doch unter den wachsamen Augen seines Herren legte er die Strecke zurück, bis er schließlich keuchend sein Ziel erreichte.
Irgendetwas zog ihn nach rechts.
Zwischen Tischen entlang wurde er auf eine weitere Tür zugeführt und auf dem Boden entdeckte er eine Leiche in einer Blutlache. Doch er kannte den Mann nicht. Er gehörte nicht zu seiner Familie. Daher war es ihm egal, was mit ihm geschehen war. Alles was zählte, war seine Aufgabe und der Wille, seinen Herrn nicht zu enttäuschen.
Nun stand er direkt vor seinem Ziel. Einer silbernen Maschine, mit drei Beinen und einer großen, zentralen Kugel. Sie reichte ihm gerade Mal bis zum Bauch und schien klein und unwirksam. Doch er wusste, dass dem nicht so war. Die Kabel waren alle noch intakt. Sie war vollkommen funktionstüchtig. Nur deaktiviert.
Und er kannte diese Maschine aus der großen Stadt, in die er zuvor geschickt worden war. Sie hatte in einer Seitenstraße gestanden und sein Herr hatte ihm befohlen, sie zu verteidigen. Dabei war er gescheitert und er hatte seinen Herrn enttäuscht. Ein zweites Mal würde dies nicht passieren.
„Komm", kommandierte die Stimme in seinem Kopf: „Näher ran."
Leatherface tat wie geheißen und wieder spürte er, wie jemand Besitz von ihm ergriff. Wie von selbst streckte sich sein unversehrter Arm nach vorne und er humpelte vorwärts, bis seine Fingerspitzen das kalte Metall berührten. Keinen Augenblick später setzte ein seltsames Summen ein. Die Oberfläche der Maschine begann zu vibrieren. Ein berauschendes Gefühl setzte in seinem Kopf ein, strömte durch seine Brust in seinen Arm und verschwand von dort aus schließlich in der pulsierenden Kugel.
Dann krachte es. Schwarzer Nebel schoss zu allen Seiten weg, umhüllte ihn und verdunkelte die Umgebung. Sofort wurde die Stille noch leiser und jede seiner Bewegungen schien ein unnatürliches Echo zu verursachen. Seltsame Schatten tanzten über die Wände. Doch was ihn am meisten interessierte, waren die Gestalten, die vor ihm rund um die Maschine erschienen waren.
Da war der Dicke, der Clown mit seinen stinkenden Fläschchen. Daneben der, der niemals ein Wort sagte und den er nicht ausstehen konnte. Hinter ihm entdeckte er Amanda, die immer gut zu ihm gewesen und die ihm wie eine neue Mutter ans Herz gewachsen war. Sie stand direkt vor dem unheimlichen Mädchen mit den schwarzen Haaren. Und in ihrer Mitte war der verbrannte Mann.
Sein Gesicht lag halb im Schatten eines Hutes, sein Oberkörper steckte in einem gestreiften Pullover und ein grausames Grinsen umspielte seinen Mund, wobei ein tiefes, unheimliches Lachen durch den Raum schallte. Begleitet wurde es vom metallischen Schaben der Klauen, die er an seiner rechten Hand trug. Freddy sah langsam auf und nickte Leatherface zu.
„Gut gemacht, mein Junge"
Dann drehte er sich zu seinen Killern um, schaute jedem einzelnen in die Augen und knurrte amüsiert. Der Zeitpunkt seiner Rache war gekommen.
„Ihr wisst, was ihr zu tun habt."