Oneiros
Meg atmete unwillkürlich aus. Sie spürte, wie die letzte Last von ihren Schultern fiel, als Maxine ihnen berichtete, dass Freddy wohl nicht mehr im Stand sein würde, Schaden anzurichten. Der Gedanke daran, dass der Entitus noch mehr Killer für sie bereitgehalten hatte, ließ alte Panik in ihr aufkeimen und sie fühlte ein leichtes Unwohlsein in ihrer Magengrube.
Doch es gab keinen Grund dazu. Alles war gut. Claudette war gerettet und auch wenn Paris einigen Schaden genommen hatte, so hatten sie und ihre Freunde die Nacht heil überstanden. Es war vorbei.
Meg drehte sich um und entfernte sich etwas von der Gruppe. Sie ging hinüber zu einem der Fenster und ließ den Blick hinaus in die Dunkelheit schweifen, wo sie kaum etwas entdecken konnte. Irgendwie kam es ihr surreal vor, dass sich alles einfach so aufgelöst hatte. Hinter sich hörte sie, wie Baker sich an Evan wandte und ihm einige Fragen stellte. Offenbar ging es darum, wie er seine Rückkehr in die reale Welt plante.
Doch dieselbe Frage stellte sich auch für Meg, Sally, Anna und Max. Schließlich war ihr altes Heim vollständig abgebrannt, ganz zu schweigen davon, dass man sie in Weeks wohl niemals wieder akzeptieren würde. Meg fragte sich, was Leonard wohl denken würde, wenn er wüsste, weshalb Marie entführt und beinahe getötet worden wäre. Wahrscheinlich war er zurzeit krank vor Sorge und durchsuchte die Wälder rund um die Kleinstadt nach seiner Tochter.
Oder er hatte den Livestream entdeckt, was Meg ihm jedoch nicht wünschte. Er wusste ja nicht, dass es Marie mittlerweile gut ging und dass sie in Sicherheit war. Wenn er die Übertragung der White Masks mitverfolgt hatte, dann musste ihn der plötzliche Abbruch derselben wohl halb in den Wahnsinn getrieben haben. Und genau dasselbe galt für Claudettes und Chloes Eltern.
Meg drehte sich um und ihr Blick fiel auf ebenjene Personen, an die sie gerade gedacht hatte. Dokkaebi reichte Claudette gerade ein Handy, die es nachher wohl an Chloe weitergeben würde. Dwight saß immer noch neben seiner Freundin und hielt sie so fest im Arm, als wolle er sie für alle Zeiten bei sich behalten. Und Meg erkannte genau, dass sie es ebenso genoss wie er.
„Hey", raunte jemand neben ihr und als Meg den Blick hob, erkannte sie Thermite, der sich neben ihr an den Fensterrahmen gestellt hatte. Er hatte seine rundliche Kampfbrille abgelegt und den Helm an seinen Gürtel gehängt, sodass Meg sein Gesicht sehen konnte. Wieder erkannte sie sich selbst in seinen Zügen.
„Hey", antwortete sie, zu müde, um zu entscheiden, welchen Ton sie anschlagen wollte. Sie schaute wieder nach vorne und blickte aus dem Fenster, wo in der Ferne bereits oranges Sonnenlicht das Firmament erhellte. Bald würde der strahlende Himmelskörper aufgehen. Ein neuer Tag stand bevor.
„Damit ist es wohl geschafft", murmelte Thermite und stellte sich neben sie ans Fenster. Sein Blick glitt ebenfalls hinaus auf die entfernten Dächer von Paris. Meg antwortete zunächst nichts, bevor sie stumm nickte.
„Hör zu", begann Thermite: „Ich weiß, du hast einiges hinter dir und letztes Mal habe ich dich auch schon im ungünstigsten Augenblick überrumpelt… Ich weiß nur nicht, ob ich später noch die Gelegenheit haben werde…"
Meg schaute zu ihm auf. Ihre rechte Augenbraue zog sich leicht nach oben und wanderte in Richtung ihres roten Haaransatzes.
„Ich wollte dir nur sagen, wie du mich erreichen kannst, falls… falls du irgendwann mit mir sprechen möchtest."
Meg wandte sich wieder nach vorne und Thermite beeilte sich zu sagen: „Natürlich musst du nicht, wenn du nicht willst. Ich meinte nur…"
„Doch, ich will", sagte Meg und drehte sich nun vollständig um. Mit dem Rücken gegen den Fensterrahmen gelehnt schaute sie wieder zu ihm hoch, wobei sie den Kopf ein wenig nach hinten legen musste. Thermite war ein Krieger und hatte auch den hochgewachsenen Körperbau eines solchen.
„Ich habe Fragen", fuhr Meg fort: „Und ich will Antworten. Deswegen will ich reden."
Thermite machte einen überraschten Eindruck. Anscheinend hatte er erwartet, von seiner Tochter knallhart abgewiesen zu werden, doch als er erkannte, dass dem nicht so war, hellte sich seine Miene schlagartig auf und er beeilte sich, gleich anzuknüpfen.
„Natürlich" sagte er: „Ich werde nachsehen, wann ich das nächste Mal Urlaub bekomme, dann… dann können wir uns zusammensetzen und alles besprechen."
Meg nickte.
„Ich weiß aber noch nicht, wann das sein wird."
„Dann sprechen wir doch einfach jetzt", sagte Meg salopp und schaute ihm herausfordernd in die Augen. Thermite war erneut überrascht.
„Jetzt?", fragt er und sein Blick schoss kurz hinüber zu Six.
„Ja", sagte Meg: „Jetzt"
„Na gut… ähm…", stammelte Thermite und kratzte sich am Bart. Dann sammelte er sich und murmelte mit einem verlegenen Lächeln: „All die Zeit wollte ich dich treffen und jetzt weiß ich gar nicht wo ich anfangen soll."
„Aber ich weiß es", sagte Meg und verschränkte die Arme vor der Brust: „Warum hast du mich verlassen, noch bevor ich geboren wurde?"
Wie ein Kanonenschuss krachte die Frage durch den Raum. Thermite hatte sich wohl bereits erhofft, mit einem etwas angenehmeren Thema beginnen zu können und sein Gesichtsausdruck verdunkelte sich wieder.
Doch auch Meg spürte, wie Nervosität, vielleicht sogar Angst ihn ihrem Inneren aufkeimte. Nach außen hin gab sie sich zwar immer noch als die Harte, der ihr Vater egal war, doch gerade als sie die Worte ausgesprochen hatte, musste sie erneut realisieren, dass dem nicht so war.
Er war jetzt real. Sie kannte ihn jetzt, sie wusste wie er aussah und sie wusste, dass sie ihn nicht mehr aus ihrem Kopf bekommen würde. Und sie hatte Angst vor der Antwort auf ihre Frage. Doch sie wollte es nicht zeigen.
„Meg", sagte Thermite und legte vorsichtig eine Hand auf ihre Schulter. Sie ließ die Berührung zu. Ihre Blicke trafen sich. „Ich wollte euch niemals verlassen. Nicht deine Mutter und schon gar nicht erst dich. Das musst du mir glauben."
Meg spürte, wie sich in ihrem Herzen etwas regte. Während ihrer Kindheit hatte sie sich oft gefragt, warum ihr Vater sie verlassen hatte. Vanessa hatte ihr nichts über ihn erzählt und sie hatte schnell gelernt, das Thema zu meiden. Auf diese Weiße hatte sie ihn einfach vergessen wollen. Sie hatte gedacht, tadellos ohne ihn auskommen zu können und irgendwie war es auch so gewesen.
Doch stets war da die Frage geblieben nach dem Warum und Meg hatte sich die verschiedensten Szenarien ausgemalt, von denen die meisten damit zu tun gehabt hatten, dass sie ihm nicht gut genug gewesen war. Vielleicht hatte er sich ja einen Sohn gewünscht. Aber nun hatte sie aus erster Hand erfahren, dass sie mit jeder Vermutung falsch gelegen hatte und die Erleichterung, die es ihr verschaffte, war ebenso unerwartet wie überwältigend.
Trotzdem blieb sie reserviert, oder versuchte es zumindest. Sie kannte diesen Mann seit noch nicht einmal zwölf Stunden, die ihr zwar wie eine Ewigkeit vorgekommen waren, doch sie würde ihm nicht ohne weiteres vertrauen. Eines war allerdings klar. Wie Sally bereits gesagt hatte, hatten sie eine ganze Menge nachzuholen.
Meg öffnete bereits den Mund und wollte etwas Bissiges erwidern, als sie plötzlich von so etwas wie einer Druckwelle getroffen wurde. Irgendetwas prallte gegen ihren Körper und drückte sie für einen Moment nach rechts gegen die Wand. Ihr wurde schwarz vor Augen und es war, als hätte ihr jemand industrielle Ohrenschützer aufgesetzt. Sie hörte nichts mehr.
Dann kamen plötzlich die Schreie und mit ihnen kehrte auch ihr Augenlicht zurück. Erschrocken schaute sie sich um und entdeckte Thermite, der vor ihr auf dem Boden kniete und die Hände gegen den Kopf gepresst hatte. Er schien Schmerzen zu leiden. Mit zusammengebissenen Zähnen und zugekniffenen Augen knurrte er unter Qualen.
„Jordan", rief Meg besorgt und kniete sich zu ihm hinunter. Ihre Hand fasste sofort nach seiner Schulter, doch als er den Kopf hob und die Augen öffnete, konnte er sie nicht entdecken.
„Meg?", rief er verwirrt: „Wo bist du? Ich… Ich kann nichts mehr sehen."
„Ich bin hier", rief Meg und legte eine Hand an sein Gesicht, um es nach vorne zu drehen: „Genau hier"
„Fuck", schrie Thermite: „Was ist das?"
Meg wusste keine Antwort. Sie hatte selbst keine Ahnung, was hier auf einmal vor sich ging und mit wachsender Panik schaute sie sich um. Es war immer noch der Gemeinschaftsraum Team Rainbows, in dem sie sich befand, doch das Licht war abgedunkelt worden, seltsame Schatten tanzten über die Wände und es kam ihr so vor, als würde sie schwarze Nebelschwaden in den Ecken erkennen. Doch jedes Mal, wenn sie den Kopf drehte, verschwanden sie und lösten sich in Luft auf. Schreie gellten durch den Raum. Ein unnatürliches Echo verhallte in der Ferne.
Dokkaebi, Caveira und Doc hatten allesamt Thermites Schicksal erlitten. Auch Baker und Six schienen von was auch immer hier passierte beeinflusst zu werden, allerdings weit weniger als die vier Soldaten. Sie bewegten sich, als könnten sie gerade noch so erkennen, wo sie sich befanden.
Chloe, Jade, Marie und alle anderen hingegen standen überrascht und verängstigt umher und schauten sich um. Sie waren immer noch vollkommen bei Sinnen. Feng versuchte gerade verzweifelt Dokkaebi auf die Beine zu helfen, während David sich um Caveira kümmerte und Dwight rief: „Was ist hier los?"
„Der Nebel", krächzte Lisa und sprang auf die Rücklehne eines Sofas, sodass sie den Raum überblicken konnte: „Irgendetwas hat uns gerade in den Nebel gezogen."
„Wir müssen sie hier rausbringen", rief Sally und zeigte auf die gequälten Operatoren: „Lisa, kannst du uns ein Portal öffnen?"
„Nein", antwortete die Hexe hastig: „Lisa kann nicht, weil wir nicht wirklich im Nebel sind. Wir sind immer noch da, wo wir gerade waren. Der Nebel ist nur zu uns gekommen."
„Wie kommen wir hier raus?", rief Claudette. Verzweifelt war sie auf die Beine gekommen und schaute kurz hinüber zu Philip, bevor ihr Blick wieder an Lisa hängen blieb.
„Wenn es wie in der Stadt ist", murmelte Sally: „dann ist wahrscheinlich nur ein kleines Gebiet betroffen. Vielleicht sogar nur ein Teil der Basis."
„Raus aus der Basis", knurrte David und stütze Caveira, der zusätzlich zum krankhaften Einfluss des Nebels auch noch ihre Wunde zu schaffen machte: „Verstanden"
„Bringen wir sie hier raus", rief Sally und griff nach Doc, der zuerst zurückzuckte, doch nach einem Moment die Führung akzeptierte. Seine Augen schossen blind umher und sein Gesicht war gezeichnet von stechendem Schmerz.
„Anna", schrie Sally und schaute sich nach der Jägerin um. Sofort tauchte sie hinter einer der Säulen auf, bereit zu tun, was immer man von ihr verlangte.
„Wie kommen wir hier am besten raus? Zeig uns den schnellsten Weg!"
Sobald Sally das Kommando ausgesprochen hatte, nickte Anna, machte auf den Absätzen kehrt und zeigte hinaus in den Korridor. Sofort preschte sie los, doch Lisa hielt sie noch einen Moment zurück.
„Wir müssen den Nebel zurückdrängen", rief die Hexe: „Sonst kommt er doch noch heraus, der alte Gauner."
„Freddy?", fragte Sally und Lisa nickte hysterisch.
„Was können wir tun?", fragte die Krankenschwester: „Von wo kommt dieser Nebel überhaupt?"
„Lisa kennt nur eine Möglichkeit", gackerte die Hexe. Sally hatte sofort verstanden und murmelte: „Die Janusmaschine… unten im Labor?"
Die Hexe nickte und rief: „Lisa und Evan werden sich darum kümmern. Ihr seht zu, dass ihr sie hier rausbringt."
„Findest du den Weg zurück?", fragte Sally.
„Das ist das kleinste Problem"
„Also gut", rief die Krankenschwester: „Gehen wir. Meg! Stütz Thermite und folge uns. Max, geh und hilf ihr!"
Der Hinterwäldler tat sofort wie geheißen, rannte hinüber zu Meg und packte Thermite am Arm. Eilig hob er den Rainbow Operator hoch und warf ihn sich über die Schulter, ungeachtet der überraschten Wehrversuche des Soldaten. Thermite konnte weder sehen noch wirklich etwas hören. Meg wusste, dass der Nebel seinen Verstand malträtierte und sie wollte ihn und seine Kameraden so schnell wie möglich nach draußen schaffen.
„Los", schrie sie und schob Max nach vorne. Gemeinsam bildeten sie das Schlusslicht der Kolonne aus Überlebenden, Killern und Operatoren, die eilig den Gemeinschaftsraum verließen und draußen durch den dunklen Gang stolperten.
Der Nebel hatte die Umgebung in Finsternis getaucht. Sie wirkte unnatürlich, abstoßend und fremd. Es war keine wohltuende Nacht, keine behütende Dunkelheit, in der man angenehm eischlafen konnte, sondern viel mehr ein Geschwür, das versucht sich der Realität zu bemächtigen und sie seinem Willen zu unterwerfen.
Freddy.
Meg kannte seinen Namen erst seit wenigen Minuten, doch er jagte ihr jetzt schon gehörige Angst ein. Es war ein so unschuldiger, beinahe niedlicher Name. Und dennoch gehörte er jenem Mann, der allem Anschein nach für die Anschläge auf Paris verantwortlich war und der nun eine Invasion in die Basis von Team Rainbow gestartet hatte.
„Hier entlang", rief Sally durch den Korridor und zeigte der Gruppe die Richtung, in die Anna vorausgegangen war. Lisa nickte ihr einen Moment zu, blieb jedoch stehen und wandte sich dann in die andere Richtung. Während alle anderen nach links hasteten, lief sie, gefolgt von Evan nach rechts zurück in Richtung des Krankensaals. Dort stand die Janusmaschine. Dort musste Freddy seinen Angriff gestartet haben.
Meg wusste immer noch nicht, was sie davon halten sollte, dass der Fallensteller nun plötzlich auf ihrer Seite stand, doch sie hatte im Moment drängendere Probleme. Thermite hing immer schwächer über Max Schulter. Er zuckte zwar nach wie vor unter Schmerzen zusammen, doch seine Kräfte schwanden und der Nebel schien langsam, aber sicher Besitz von seinem Verstand zu ergreifen.
Eine nagende Angst bemächtigte sich Megs Glieder und erstaunt stellte sie fest, dass diese Angst in erster Linie weder sich selbst noch Sally oder ihren Freunden galt. Halb schreiend, halb knurrend trieb sie Max zu Eile an.
Lisa rannte derweil einen anderen Weg entlang und huschte um eine Ecke, wobei sie auf dem glatten Boden fast das Gleichgewicht verlor. Ihre Augen stachen durch die Dunkelheit, doch sie konnte bereits spüren, wie Freddy sich an ihrem Verstand zu schaffen machte. Sie war das Leuchtfeuer, das Schild, das alle anderen bewahrte. Nach ihr musste er nur noch Maxine ausschalten. Dann stand ihm nichts mehr im Weg.
„Komm", rief die Hexe über die Schulter: „hurtig, hurtig!"
Evan folgte ihr mit stampfenden Schritten, die in der falschen Realität des Nebels seltsam von den Wänden wiederhallten. Das voluminöse Keuchen des Fallensteller mischte sich unheimlich unter die Echos, als sie zu zweit den Weg einschlugen, der sie zurück in Richtung des Krankensaal führen würde.
Lisa warf einen schnellen Blick aus einem vorbeirauschendem Fenster. Dunkle Wolken bedeckten den Himmel und ein unnatürlicher Mond stieg an einem schwarzen Firmament empor, doch hinter dem Schleier am Horizont erkannte sie noch die rötlichen Strahlen der aufgehenden Sonne. Die beiden Welten waren bereits verschmolzen, doch noch ließ es sich aufhalten. Sie mussten nur schnell genug sein.
„Hier links", rief Lisa und preschte um eine Ecke, als sie plötzlich ein krachendes Brüllen zu ihrer rechten Vernahm. Aus den Augenwinkeln konnte sie einen Schatten auf sich zufliegen sehen und gerade noch rechtzeitig duckte sie sich nach unten Weg. Eine metallene Klinge pfiff über ihren Kopf. Evan stieß einen knurrenden Fluch aus. Von vorne kam ein weiterer Angreifer und rannte wild brüllend auf Lisa zu.
„Achtung", kreischte die Hexe und sprang nach hinten. Auf der rechten Seite konnte sie Evan erkennen, wie er sich dem heranstürmenden Hünen in den Weg stellte. Lisa erkannte ihn sofort als Bubba Sawyer. Der rundliche Killer hatte ihr im Nebel ein paar Mal nachgestellt. Sie hatte sogar überlegt, ob sie ihn nicht auf ihre Seite ziehen konnte. Er schien beeinflussbar zu sein. Doch diese Chance war jetzt vorbei.
Krachend traf sein Hammer auf die Machete des Fallenstellers, der sich ihm knurrend in den Weg stellte. Lisa fiel auf, dass Bubba ein Arm fehlte, doch sie konnte sich nicht weiter darum kümmern. Von rechts wurde sie nämlich selbst angegriffen.
„Amanda", rief Lisa, als sie erneut auswich und erfolglos versuchte, selbst einen Hieb anzubringen: „So trifft man sich wieder!"
Die Schweinefrau antwortete nichts, sondern ging vor ihr in eine halb kniende Haltung. Wie eine Raubkatze schien sie auf eine Gelegenheit zu warten, doch Lisa hatte sie voll im Blick. Sie würde keine Unachtsamkeit zulassen.
Das Verhalten der maskierten Killerin irritierte sie für einen Moment. Bubba hatte keine Chance gegen den Fallensteller, schon gar nicht ohne seinen zweiten Arm. In wenigen Sekunden würde Evan ihn zu Brei geschlagen haben und Lisa dann gegen Amanda beistehen, was ebenfalls einen aussichtslosen Kampf darstellen würde. Warum wartete sie?
Erst im letzten Moment hörte Lisa die heranpfeifende Klinge und konnte sich gerade noch nach unten rechts wegducken, sodass sie nur einen Luftzug an ihrem Ohr spürte. Sie vernahm einen bedrohlich ruhigen Atem hinter sich. Ohne ihren Schwung abzubremsen warf sich Lisa gegen die Wand des Korridors, stieß sich mit den Füßen ab und zischte dann auf den neuen Angreifer zu.
Myers, der durch den mächtigen Hieb kurz seine Verteidigung fallen gelassen hatte, konnte im letzten Moment noch den Kopf drehen, bevor Lisas Knie in voll im Gesicht traf. Mit der Linken krallte sich die alte Hexe an seiner Maske fest, während ihre Rechte jedes ungeschützte Stück Haut bearbeitet, das sie finden konnte.
Myers knurrte durch seine Maske hindurch und stach mit dem Messer nach ihr. Doch Lisa hatte sich bereits mit einem gewagten Sprung wieder in Sicherheit gebracht. Sie konnte nicht hoffen gegen Amanda und Myers gleichzeitig zu bestehen und so hatte sie sich an ein Rohr geklammert, das an der Decke über ihr entlanglief.
Bevor einer der beiden Angreifer ihr nachsetzen konnten, schwang sie sich nach rechts und stieß gegen das lose Gitter eines Lüftungsschachtes. Lisa war im Gegensatz zu vielen der anderen Killer vom Entitus nicht mit übermenschlicher Größe oder Kraft ausgestattet worden. Ihre Fertigkeiten hatte der dunkle Herr in Richtung Flinkheit und Geschicklichkeit getrimmt. Und sie war schon immer klein gewesen. Auf diese Weise war es ihr ein Leichtes, noch mit demselben Schwung komplett im Schacht zu verschwinden, bevor Amanda eine Chance hatte, selbst nach oben zu springen und mit ihrer Klinge nach Lisa zu stechen.
Aus den Augenwinkeln sah sie noch Evan, der gerade Leatherface an die Wand drängte und mit einem Hieb nach dem anderen malträtierte. Krachend traf die Faust des Fallenstellers das Gesicht des rundlichen Killers, der mit einem Arm weniger ganz offensichtlich das Nachsehen hatte. Doch inmitten seines Blutrausches bemerkte Evan nicht, was hinter ihm geschehen war.
Amanda warf kurz einen Blick nach oben auf das dunkle Loch, in dem Lisa verschwunden war, wandte sich dann um und schlich sich von hinten and den Fallensteller an. Siegessicher hob Evan bereits seine Machete. Jeden Moment würde er sie auf Leatherface, der an der Wand zusammengesackt war, niedersaußen lassen und seinem miserablen Leben ein für alle Mal ein Ende setzen.
Ein Knurren entfuhr Evans Kehle, zuerst triumphierend, plötzlich jedoch verzerrt von Schmerzen, als Amanda mit einem Satz nach vorne gesprungen war und ihre Klinge gegen die Kniekehlen des Fallenstellers geführt hatte. Mit einem dumpfen Schrei ging Evan halb zu Boden und fuhr unbeholfen herum. Beinahe verlor er das Gleichgewicht.
„Schweinchen", knurrte der Fallensteller: „Ich mach dich fertig!"
In einem wilden Hieb schlug er nach Amanda, die jedoch zur Seite auswich. Stattdessen trat nun Myers nach vorne. Beinahe gleichgültig stieß er sein Messer auf den Fallensteller hinab und rammte ihm die blitzende Klinge direkt in die rechte Schulter. Evan war ein starker Mann und nicht leicht zu Fall zu bringen, doch ein solcher Treffer setzte selbst den stärksten Krieger außer Gefecht.
Er spuckte etwas Blut und ging nun vollständig in die Knie. Evans Schultern erschlafften, die Muskeln unter seiner hässlichen Haut zogen sich nur noch unter Schmerzenskrämpfen zusammen und ein seltsames Rasseln hatte sich in seinen Atem gemischt.
Doch noch war sein Widerstandswille nicht gebrochen. In einer letzten Anstrengung riss er seine Machete nach hinten und holte zu einem knochenbrechenden Streich aus, als sich plötzlich ein starker Griff um sein Handgelenk legte. Evan hörte ein hämisches, beinahe belustigtes, jedoch humorloses Lachen. Dann drückte der Mann hinter ihm zu und klappernd fiel Evans Machete zu Boden.
Dem lauten Geräusch folgte der vergleichsweise friedliche Ton von beschuhten Füßen, die gemächlich über den Boden wanderten. Langsam kam der Mann, der ihn entwaffnet hatte in sein Blickfeld. Gegen den Schein der Neonröhren an der Decke erkannte Evan einen Hut mit breiter Krempe, einen rotgrün gestreiften Pullover und eine mit metallenen Klauen versehene rechte Hand. Abgerundet wurde das Schreckensbild durch eine verbrannte Haut und stechend kalte Augen.
„Irgendwelche letzten Worte?", fragte Freddy und hob langsam seinen Klingenhandschuh. Sein Mund war zu einem spöttischen Grinsen verzogen und seine Augen schienen den Fallensteller förmlich zu durchbohren. Doch Evan ließ sich nicht unterkriegen.
„Fick dich", knurrte der Fallensteller, der auf den Knien beinahe gleich groß war wie Freddy im Stehen: „Fick dich und fickt euch alle. Aber du ganz besonders."
Die Hasstirade wurde von einem blutigen Hustenanfall unterbrochen und Freddy schüttelte mit gespielter Enttäuschen den Kopf.
„Was für eine armselige Wahl", murmelte er: „Aber auf der anderen Seite, was ist von einem beschränkten Haudrauf wie dir schon zu erwarten?"
Pfeifend schossen die Klingen nach unten. Lisa, die im Lüftungsschacht etwas weitergekrochen war, das ganze Geschehen jedoch heimlich durch ein Gitter beobachtete, wandte sich ab, bevor Evans Kehle durchtrennt wurde. Die Geräusche konnte sie allerdings nicht aus ihren Ohren sperren.
Sie hatte Evan nie richtig leiden können, wohl war und für einige Zeit war er sogar ihr Feind gewesen. Doch nach zwei Jahren gemeinsam im Nebel hatte er sich doch noch als treuer Mitstreiter erwiesen. Auch wenn er vielleicht kein guter Mensch war, so war er doch letzten Endes auf ihrer Seite gewesen und sein Tod war eine Tragödie.
Doch eine andere Frage beschäftigte Lisa. Der Hinterhalt war von Freddy und drei seiner Schergen geführt worden. Aber wo war der Dicke und das Mädchen?
So schnell sie konnte folgte Meg Maxs massigem Rücken, der vor ihr die Korridore entlang humpelte und Jordan Trace, ihren Vater, über die Schulter geworfen hatte. Die drei bildeten das Ende der Kolonne, die von Anna angeführt wurde. Mit ihrem scheinbar unfehlbaren Orientierungssinn zeigte sie der Gruppe den schnellsten Weg aus der Basis und hoffentlich auch aus dem sich ausbreitenden Nebel.
„Schnell", rief Sally, die mit hin und her fahrendem Kopf einen Überblick zu behalten versuchte. Sie befand sich in etwa in der Mitte, kurz nach einer Dreiwegekreuzung, und machte gerade Feng Platz, die inzwischen Baker übernommen hatte. Suchend schaute sie nach hinten. Meg und Max hinkten etwas hinterher.
„Kommt", rief Sally: „Fallt nicht zurü…"
Ein klirrender Ton wie von zerbrechendem Glas hallte von den Wänden wieder und noch bevor Sally ihren Satz beendet hatte, breitete sich ein giftig rosarot leuchtendes Gas in den Hallen aus. Es bildete kleine Wölkchen, die sich bedrohlich an den Wänden entlangschoben, die Ecken ausfüllten und Max in Windeseile verschlangen. Meg blieb schlitternd stehen.
„Jordan!"
Sie konnte Max unter Schmerzen knurren hören. Durch die Gaswölkchen hindurch entdeckte sie seine Silhouette. Der Hinterwäldler schlug wild um sich, fast so als wolle er sich vor einem Angreifer verteidigen. Dabei ließ er Thermite fallen. Mit einem überraschten Aufschrei krachte der Operator auf den Boden.
Meg machte einen Schritt nach vorne, doch sobald das Gas mit ihrer Hand in Berührung kam, zog sich ein brennendes Stechen über ihre Haut. Zischend zog sie die Finger zurück.
„MEG!", hörte sie Sally von der anderen Seite der Gaswolke herüberrufen. Maxs Silhouette verschwand, als er sich in blinder Wut immer weiter in die rosarote Wolke entfernte. Wahrscheinlich hatte er sie auf der anderen Seite verlassen, doch Thermite befand sich immer noch in der seltsamen Substanz.
Irgendwo schien jemand hämisch zu lachen.
Meg hatte keine Zeit auf Sallys Ruf zu antworten. Einen gewagten Satz nach vorne machend, schlug sie alle Vorsicht in den Wind und sprang direkt in die Gaswolke, die sich wie eine Seuche auf ihre Haut legte. Beinahe sofort setzte an ihrem gesamten Körper ein betäubendes Stechen ein. Meg fühlte, wie ihre Muskeln an Kraft verloren. Ihre Beine schienen schwach zu werden und ihre Arme zitterten in plötzlichen Krämpfen.
Doch keine zwei Meter von ihr entfernt sah sie eine dunkle Gestalt, die sich wie unter Folter auf dem Boden wandte. Ihr Vater hatte sie vielleicht ihr ganzes Leben lang im Stich gelassen, doch sie würde es nicht tun. Keine Sekunde lang dachte sie daran. Sie würde ihn hier rausholen.
Sie musste ihn hier rausholen.
Die Effekte des Gases so gut es ging ignorierend rannte Meg auf Thermite zu, schlang beide Hände um seinen rechten Arm und zog ihn unter angestrengtem Stöhnen auf die Beine. Der Operator schien bereits halb das Bewusstsein verloren zu haben. Verzweifelt zog Meg ihn nach hinten weg und gemeinsam stolperten die beiden die wenigen Schritte aus dem lähmenden Gas hinaus. Keuchend ging Meg in die Knie. Thermite wurde von einem Hustenanfall geschüttelt.
„MEG!", schallte es erneut durch die rosarote Wolke.
„Ich… Ich bin hier", rief Meg zurück, nachdem sie sich gesammelt hatte: „Und ich habe Jordan auf meiner Seite."
„Verdammt, was ist das?", hörte Meg Philip fragen, der wohl von der Spitze der Reihe zurückgekehrt war, um nach dem Rechten zu sehen. Sally gab ihm keine Antwort. Stattdessen wandte sie sich an Meg: „Könnt ihr irgendwie zu uns herüber?"
Meg senkte ihren Blick auf Thermite. Weiße Brandblasen hatten sich über sein Gesicht gelegt und selbst ihre eigene Haut zeigte bereits Spuren von Verätzungen. Sie war sich nicht sicher, ob er eine erneute Tour durch das Gas überleben würde. Sie brauchte nur einmal zu stolpern und das wars. Das Gas würde sie gnadenlos verbrennen, wie in einem Krematorium. Wo war es überhaupt hergekommen?
„Nein", rief Meg zurück: „Wir finden einen anderen Weg."
Als Sally auf der anderen Seite ihre Antwort hörte, schüttelte sie nervös den Kopf. Sie versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, während sie sich eilig umschaute und die Lage ergriff. Zusammen mit Max und Philip war sie auf einer Seite der rosaroten Wolke. Die anderen waren bereits weitergerannt und Meg saß mit Thermite auf der gegenüberliegenden Seite fest.
„Wie weit ist es noch bis zum Ausgang?", fragte Sally und schaute zu Philip. Der Geist senkte den Kopf auf sie herab und antwortete: „Keine fünfzig Meter mehr, ich habe es genau gesehen. Die anderen sind wahrscheinlich schon draußen. Der Nebel breitet sich nicht weiter aus, zieht sich aber auch nicht zurück."
„Gut" murmelte Sally. Erschöpfung umnebelte ihren Verstand, doch sie versuchte einen klaren Kopf zu behalten. Noch musste sie durchhalten.
„Gut", wiederholte sie und schaute dann wieder durch das rosafarbene Gas an die Stelle, an der sie Meg vermutete. „Rührt euch nicht vom Fleck, wir suchen einen anderen Weg auf eure Seite."
„Okay", antwortete Meg. Ihre Stimme hallte von den Wänden wieder und war durchsetzt mit einem ängstlichen Zittern. Panik hatte die Athletin ergriffen, das war sonnenklar, doch noch schaffte sie es, sich unter Kontrolle zu halten.
„Max", sagte Sally und drehte sich dem Hinterwäldler zu: „Hol Anna zurück. Wir brauchen sie hier."
Max nickte, ließ ein bestätigendes Knurren hören und machte sich humpelnd auf den Weg. Philip schaute ihm für einen Moment ratlos nach. Dann blickte er wieder zu Sally.
„Was hast du vor?"
„Wir suchen einen Weg", kommandierte Sally: „Um das Gas herum, wir…"
Ein Geräusch unterbrach ihre Erläuterungen, das so leise war, dass es einem normalen menschlichen Ohr mit Sicherheit entgangen wäre. Doch ihre vom Entitus geschärften Sinne fingen es gerade noch ein.
„Wer ist das?", fragte Philip, als die Fußschritte verhallt waren. Sally spähte durch die Gaswolke nach links, in Richtung der Abzweigung. Jemand war dort soeben entlanggegangen, doch es waren auf keinen Fall Meg oder Thermite gewesen.
„Vorsicht", flüsterte Sally und schüttelte leicht den Kopf, um zu signalisieren, dass sie nicht wusste, wer das Geräusch versursacht hatte. Hoffentlich machte derjenige sich nicht auf den Weg, um sich Meg zu holen.
Kurz dachte Sally daran Spencers letzten Atemzug einzusetzen, um auf die andere Seite des Gases zu gelangen, doch als sie die Hand hob züngelte nichts weiter als ein einziger, kleiner Funken um ihre Finger, der sofort wieder erlosch. Sie war einfach zu erschöpft. Es würde nicht funktionieren und am Ende landete sie noch auf halbem Wege mitten in der giftigen Wolke.
Meg war vollständig von ihnen abgeschnitten. Das Gas hatte sich als dicke Barriere in ihren Korridor geschoben, doch der abzweigende Gang lag gerade Mal einen Meter hinter der Wolke zu ihrer linken. Ein beherzter Sprung würde sie hinübertragen. Dann würde sie die Verfolgung aufnehmen können und zur Strecke bringen, wer immer sich auch dort drüben herumtrieb. Wahrscheinlich hatte dieselbe Person auch den Angriff zu verantworten.
Hinter sich hörte Sally zwei Paar schwerer Füße und sie wusste, dass Max mit Anna zurückgekehrt war. Die beiden schauten sie nun fragend an und auch Philip schien wissen zu wollen, was zu tun sei. Sally überlegte kurz. Es war ein riskantes Manöver, doch die Zeit drängte. Was konnten sie auch wirklich anderes unternehmen?
„Folgt mir", knurrte Sally und trat einen Schritt zurück. Dann sprintete sie blitzartig drei Schritte nach vorne und warf sich gegen die rosarote Nebelwand. Für einen kurzen Augenblick spürte sie tausende kleine Nadeln, die in ihre Haut stachen, doch im nächsten Moment trat sie bereits auf der anderen Seite wieder aus und versuchte schlitternd das Gleichgewicht zu behalten.
Sally schaute über die Schulter nach rechts. Vielleicht konnte sie dasselbe Manöver erneut anwenden, um zu Meg zu gelangen, doch ein schneller Blick belehrte sie eines Besseren. Das Gas war an dieser Stelle einfach zu dick.
Wie aus dem Nichts kam nun plötzlich Philip hinter ihr zum Vorschein und kurz darauf Anna, gefolgt von Max, dem seine Wunden immer noch etwas zu schaffen machen. Die Jägerin und der Geist waren eindeutig in weitaus besserer Verfassung als ihre Kameraden und so schickte Sally die beiden voraus auf die Suche nach dem Angreifer.
„Seht ihr irgendetwas?", flüsterte die Krankenschwester und lugte hinter Anna hervor, die nur den Kopf schüttelte. Philip setzte bereits einen Fuß nach vorne und begann den langen Korridor hinabzugehen, der sich vor ihnen erstreckte. Eine der Neonröhren an der Decke war defekt und flackerte unter stetigen Wackelkontakten. Der Nebel schien einen Großteil des verbleibenden Lichts zu verschlucken und so wanderten die Vier in ein unheimliches Halbdunkel.
Keuchend ließ Feng den Blick über die herumliegenden Operatoren gleiten, die nach dem Verlassen des Nebels sofort zu Boden gefallen waren und sich dort von den korrumpierenden Effekten erholten. Doc lag auf dem Rücken und atmete schwer. Caveira presste mit zusammengebissenen Zähnen eine Hand auf ihre Verletzung und Claudette kam bereits herbeigeeilt. Dokkaebi versuchte sich aufzurappeln, war jedoch nur mäßig erfolgreich, während Six und Baker sich etwas schneller zu erholen schienen.
Maxine, Chloe, Dwight, Jake, Jade, Marie und David waren allesamt weitgehend unversehrt. Der Nebel hatte ihnen nichts anhaben können und so waren sie mit einem ordentlichen Schock davongekommen. Ihre rasante Flucht hatte ihnen einiges an Anstrengung abverlangt und vor allem jene, die die halbe Nacht lang durch Freddys Traumwelt gejagt worden waren, hatten definitiv das Ende ihrer Kräfte erreicht.
„Hilf mir Mal", rief Claudette und winkte David zu sich herüber. Mit geübten, doch ermüdeten Fingern machte sie sich an Caveira zu schaffen, wobei David ihr relativ unbeholfen assistierte. Feng wandte sich ab. Sie wusste ohnehin nicht, wie sie ihnen helfen sollte. Stattdessen drehte sie sich dem Nebel zu.
Wie eine undurchdringliche Ringmauer hatte er sich um die Basis geschlungen, die sie soeben verlassen hatten und der gesamte Gebäudekomplex war komplett in der schwarzen Masse versunken. Fengs Blicke hatten keine Hoffnung, den Nebel zu durchdringen, doch das war ihr im Moment egal. Viel wichtiger war die Tatsache, dass er sich nicht weiter ausbreitete und sie hier in momentaner Sicherheit auf Meg, Sally und die anderen warten konnten. Gleich würden sie aus der Nebelwand hervorbrechen.
Feng wartete und wartete, doch da kam niemand. Sie warf kurz einen besorgten Blick über die Schulter, dann schaute sie wieder nach vorne. Sorgen rankten sich um ihre Gedanken. Warum dauerte das so lange? War irgendetwas geschehen?
„Wo ist Anna?", fragte Dwight und trat unsicher neben sie „Ist sie nicht gerade noch hier gewesen?"
„Die anderen sind auch noch nicht rausgekommen", murmelte Feng: „Das dauert viel zu lange. Sie… Sie waren doch direkt hinter uns."
Für einen Moment schauten beide in die schwarze Masse. Ein leichter Wind strich über den Exerzierplatz, auf dem sie sich befanden und mischte sich mit ihrem erschöpften Keuchen. In der Ferne heulte eine Polizeisirene. Ansonsten tat sich absolut gar nichts.
„Wir müssen…" Feng schluckte kurz. „Wir müssen wieder da rein und… und nachschauen was pass…"
„Halt", rief Dwight und packte sie an der Schulter, als sie gerade einen Schritt nach vorne machte: „Wir sind hier draußen in Sicherheit und hier bleiben wir auch. Ich bin sicher, sie kommen gleich heraus."
Feng zögerte und schaute kurz zwischen Dwight und dem Nebel hin und her. Dann nickte sie und Dwight nahm die Hand wieder von ihrer Schulter.
„Sally!"
„Was?"
„Ich glaube, ich habe jemanden gesehen!"
„Wo?"
„Da unten im Gang."
Philip zeigte flüsternd einen der Seitenkorridore hinab. Er war sich sicher gerade eben einen Schatten vorbeihuschen gesehen zu haben und sie hatten bereits mehrmals die Fußschritte gehört. Wer auch immer die Gasfalle ausgelöst hatte, war in der Nähe. Allerdings schien er keine wirklichen Anstalten zu machen, vor ihnen davonlaufen zu wollen.
„Vorsichtig" murmelte Sally und hielt Anna, die bereits vorstürmen wollte, zurück: „Mir gefällt das nicht. Wir schauen uns die Sache an, aber bleib vorsichtig, Anna."
Die Jägerin nickte. Leise knurrend richtete sie den Griff an ihrer Axt und drang dann etwas langsamer in den Korridor vor. Philip ging direkt neben ihr, dicht gefolgt von Max. Sally hingegen blieb ein bisschen zurück. Natürlich dachte sie keine Sekunde daran, ihre Freunde im Stich zu lassen, doch sollte irgendetwas passieren, war sie ohnehin zu erschöpft, um viel unternehmen zu können. Am besten hielt sie sich so gut es ging aus der Schusslinie und sorgte somit dafür, dass sich jeder nur um sich selbst kümmern musste.
Wieder hallten Schritte durch den Gang. Dieses Mal waren sie etwas schneller unterwegs, offenbar bekam derjenige, den sie verfolgten, nun doch noch kalte Füße. Vor ihnen erstreckte sich ein labyrinthartiges System aus Korridoren und Gängen, gespickt mit Besenkammern, Werkstätten und Schlafsälen. Reichlich Gelegenheit, sich zu verstecken.
„Das gefällt mir nicht", murmelte Sally erneut, allerdings so, dass keiner der anderen es mitbekam. In Kürze würden sie das Ende des Ganges erreicht haben und sich dann zwischen links und rechts entscheiden müssen.
Der Nebel schien einen destruktiven Einfluss auf die Elektrizität zu nehmen, denn die Neonröhren an der Decke hatten zunehmend begonnen, auszufallen. Hier ein kurzes Flackern, da ein plötzlicher Funkenschlag und mit einem Mal legte sich Dunkelheit in die Hallen der Basis. Natürlich waren sie alle mit einer mehr oder weniger effektiven Nachtsicht ausgestattet, doch sie alle hatten ihre Vergangenheit mit der Finsternis und bei niemandem erweckte sie angenehme Erinnerungen.
„Langsam, Anna", hauchte Sally: „Wir bleiben zusa…"
Plötzlich sprang eine Gestalt hinter der rechten Ecke hervor. Mit durch die Luft wirbelnden Armen schlug sie nach der Jägerin, die überrascht zurückschreckte, verfehlte sie jedoch um über einen Meter. Anna befand sich weit außerhalb ihrer Reichweite. Philip war ebenfalls erschrocken stehengeblieben und hatte seine eigene Axt gehoben, doch bevor irgendjemand reagieren konnte, nahm die Figur bereits Reißaus.
„Ist das die Schweinefrau?", rief Philip überrascht und zögerte einen Moment. Sally hingegen handelte blitzschnell und kommandierte: „Lasst sie nicht entkommen!"
Kaum hatte sie den Befehl ausgesprochen, schossen Max und Anna auch schon nach vorne. Wie die Schießhunde hefteten sie sich an die Fersen der maskierten Attentäterin und sprinteten ihr hinterher so schnell ihre Beine sie trugen. Max hatte bereits nach wenigen Sekunde die Führung übernommen und befand sich nur noch wenige Meter hinter Amanda, als sie plötzlich um eine Ecke hechtete und außer Sicht kam. Sally wollte die beiden bereits zurückrufen, doch nun, da sie sie losgelassen hatte, waren sie nicht mehr zu bremsen.
„Shit", fluchte die Krankenschwester, nachdem Anna Max um die Ecke gefolgt war. Nervös rannte sie los und rief Philip im Vorbeilaufen zu: „Wir dürfen sie nicht allein lassen."
Der Geist nickte und verfiel selbst in einen angestrengten Sprint. Seine langen Beine trugen ihn bald vor Sally hinaus und sie fürchtete bereits den Anschluss zu verlieren, als sie ein dunkles Objekt haarscharf an sich vorbeifliegen sah. Es war von jemandem hinter ihrem Rücken geworfen worden und als es auf den Boden auftraf, krachte das Geräusch von zerschellendem Glas durch den Korridor. Eine rosarote Gaswolke, genau wie die erste, breitete sich in Windeseile im Gang aus.
Schlagartig blieb Philip vor der Gaswolke stehen. Sally machte ebenfalls halt und fuhr herum, um sich dem neuen Angreifer entgegenzustellen. Sie wusste nicht, wer sich hier in der Dunkelheit versteckte oder was es mit diesem Gas auf sich hatte, doch sie war sich sicher, dass sie sich in tödlicher Gefahr befand.
Ihre Kräfte waren aufgebraucht. Ihre Beine wollten sie kaum noch tragen und selbst ihr Herz schien kurz davor zu stehen, einfach den Geist aufzugeben. Mit einem Anflug von Panik spähte sie in die Dunkelheit.
Alle Neonröhren, bis auf eine waren mittlerweile komplett ausgefallen. Weiter unten im Korridor blitzte immer noch eine der Lampen in unregelmäßigen Abständen auf und ließ auf diese Weise die dunkle Silhouette des Killers, der sich dort verborgen hielt, klar hervorstechen.
Eine massige Gestalt schob sich auf Sally zu. Sie erkannte breite Schultern, eine einen unförmigen Kopf und etwas, das wie ein Zirkusgewand aussah. Der Mann hatte einen dicken Bauch, der bei jedem Schritt auf und ab schwappte. Am Gürtel hatte er eine Reihe an Fläschchen befestig und in der Hand hielt er ein bedrohlich aussehendes Klappmesser. Sein hässliches Gesicht wurde von einer dicken Schicht Schminke noch weiter verunstaltet und ein aggressives Grinsen fuhr über seine Lippen, als sich der Clown auf Sally zubewegte.
Sie war ihm viel näher als Philip, der bereits nach vorne gerannt war und nun umkehren musste. Wer auch immer dieser dicke Mann war, er war viel schwerer als Sally und allein würde sie keine Chance gegen ihn haben. Er brauchte nur seine schweren Pranken um ihren Hals zulegen und zuzudrücken.
„Lauf", hörte sie Philip hinter sich rufen, während der Clown seine Klinge zwischen den Fingern kreisen ließ. Seine Füße polterten über den Boden und gelbe Zähne zeigten sich in seinem Maul, als er sich hämisch grinsend näherte. Sally wich unbeholfen zurück, doch es war vergebens.
Mit einem wütenden Knurren holte der Clown aus und ließ sein Klappmesser auf die Krankenschwester zufahren, die sich mit einem gewagten Hechtsprung gerade noch in Sicherheit bringen konnte. Verzweifelt tauchte sie unter seinem Arm hindurch. Die Klinge verfehlte sie nur um wenige Zentimeter. Das Ausweichmanöver war gelungen, doch sie hatte es in einer solchen Hast durchführen müssen, dass sie unweigerlich aus dem Gelichgewicht geriet und mit der Schulter schmerzhaft gegen den Boden prallte, wo sie vollkommen schutzlos liegen blieb.
Der Clown grunzte verwirrt und drehte seinen unförmigen Kopf herum, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Als er sah, wie sie sich auf den Boden warf, fuhr erneut ein abscheuliches Grinsen über seine Lippen und in siegessicherer Selbstgefälligkeit wuchtete er seinen massigen Körper herum. Wieder wirbelte sein Messer um die Finger seiner rechten Hand, während er die Linke nach Sally ausstreckte.
Bevor er sie allerdings packen und hochheben konnte, wurde er knallhart in die Seite gerammt und nach rechts weggestoßen. Philip hatte einen verzweifelten Sprint hingelegt und sich in letzter Sekunde gegen den Clown geworfen, der nun stöhnend gegen eine Wand geschleudert wurde. Aber er war ein schwerer Mann. Philip war zwar kräftig, doch um einen Fettwanst wie ihn aus dem Gleichgewicht bringen zu können, war schon mehr nötig.
„Ich mach das", rief Philip und stellte sich eilig zwischen Sally und den Angreifer: „Lauf"
Sally krabbelte hastig nach hinten weg und rollte sich dann auf den Bauch. Der Sturz hatte ihr die Luft aus den Lungen gepresst und unter schweren Atemzügen kam sie auf die Knie. Dann stützte sie sich an der Wand neben sich ab und rappelte sich langsam auf.
Sally dachte gar nicht daran, sich davonzustehlen. Sollte sie etwa Philip allein lassen und riskieren, dass er am Ende noch getötet wurde? Nein! Sie würde ihm helfen und gemeinsam würden sie dieses Monster in die Knie zwingen. Anna und Max kamen schon allein zurecht.
In wachsender Rage fuhr Sally herum und entdeckte Philip, der gerade mit einem flinken Seitenschritt einem Hieb des Clowns auswich. Der dicke Mann bewegte sich trotz seiner massigen Statur unerwartet schnell und seine Angriffe waren präzise und kräftig geführt. Sally erkannte sofort, dass Philip sich mit einem gefährlichen Feind duellierte.
Aber im Gegensatz zu Philip war der Clown allein und er konnte sich nicht auf zwei Feinde gleichzeitig konzentrieren. In die Schatten zurückweichend schob sich Sally an der Mauer entlang. Sie befand sich nun leicht in der Flanke des Clowns. Sie wollte ihn aus dem Hinterhalt heraus erwischen.
Philip kassierte einen heftigen Tritt gegen den Oberschenkel und quittierte diesen mit einem linken Haken, der sein Ziel allerdings halb verfehlte. Dann ließ er seine Axt nach vorne schnellen und mit todbringender Genauigkeit raste sie auf die Kehle des fetten Killers zu.
Im letzten Moment hob der Clown seine Pranke und packte die Axt an der Wirbelsäule, sodass die Klinge kurz vor seinem Hals zum Stehen kam. Philip hatte eine solche Reaktion nicht erwartet und der Clown nutzte die Gelegenheit, um mit seinem Messer nach ihm zu stechen. Haarscharf schoss die Klinge an Philips Ohr vorbei, der in einem panischen Ausweichmanöver nach hinten wegtaumelte.
Der Clown setzte ihm bereits nach, doch er hatte die Rechnung ohne Sally gemacht. Die Krankenschwester befand sich nun direkt in seinem Rücken und bevor er zu einem weiteren Angriff schreiten konnte, lief sie auf ihn zu, sprang nach oben und klammerte sich an seinen Rücken.
Sally war wütend. Innerhalb der letzten Tage war ihr Haus niedergebrannt, ihre Familie bedroht, Claudette einer brutalen Folter unterzogen und Ace Visconti getötet worden. Und dieses Ungetüm, das nun auch noch versuchte, Philip den Rest zu geben, war einer der Verantwortlichen.
Sally hatte genug.
Mit einem wütenden Knurren warf sie ihren Kopf nach vorne und grub ihre Zähne tief in das Fleisch des Clowns. Sie hörte einen Schmerzensschrei, Blut füllte ihren Mund und etwas Abscheuliches legte sich auf ihre Zunge. Doch sie ließ nicht los. So fest sie konnte biss sie ihre Kiefer zusammen, riss zweimal wild den Kopf hin und her und spuckte einen Augenblick später das abgetrennte Ohr des Clowns auf den Boden.
Dieser hatte natürlich nicht tatenlos abgewartet und unter höllischen Qualen nach der Angreiferin auf seinem Rücken getastet. In einer wilden Drehung schüttelte er sich und bevor er Sallys Haare zu fassen kriegen konnte, sprang sie von ihm ab. Mit dem linken Fuß kam sie auf den Boden auf. Der Rechte jedoch blieb am Gürtel des Clowns hängen, wo er eines der schwarzen Fläschchen löste und ebenfalls auf den Boden beförderte. Krachend zerschellte die Phiole auf den harten Fliesen.
Sally hatte gerade ihr Gleichgewicht gefunden, wurde jedoch von der sich ausbreitenden Gaswolke wieder zu Fall gebracht. Hustend riss sie eine Hand vor den Mund. Ihre Augen begannen zu tränen und erneut spürte sie den ätzenden Biss des giftigen Gases auf ihrer Haut. Woraus auch immer dieser Stoff bestand, er war eine perfide Mixtur und sie durfte keinen Moment länger darin stehenbleiben.
Mit einem verzweifelten Hechtsprung rettete sich Sally aus der Wolke und landete einmal mehr schmerzhaft auf dem harten Boden. Gierig sog sie ihre Lungen mit sauberer Luft voll, bevor sie sich umdrehte und nach dem Clown Ausschau hielt. Sie konnte ihn nirgendwo entdecken.
Dann rief jemand ihren Namen. Es war Philip gewesen, auf der anderen Seite der Gaswolke, doch ehe Sally antworten konnte, entfuhr ihm ein Schrei und sie hörte ein grausames Lachen. Philip und der Clown waren auf der gegenüberliegenden Seite der Gaswolke. Im Handgemenge waren sie getrennt worden und nun stand Philip dem Koloss allein gegenüber. Sie musste ihm helfen.
Vorsichtig machte Sally einen Schritt nach vorne und schob zögerlich einen Finger in die Gaswolke. Kaum, dass ihre Haut mit dem toxischen Gemisch in Berührung gekommen war, fuhr bereits ein stechender Schmerz ihren Arm entlang und weiße Brandblasen erschienen auf ihren Fingerspitzen. Zischend zog sie die Hand wieder zurück.
Philip stieß unterdessen einen weiteren Schrei aus und Sally hörte, wie jemand einen Treffer einsteckte und zu Boden geschleudert wurde. Sie hoffte inständig, dass es der Clown gewesen war, doch ihre Logik diktierte ihr aufgrund der vernommenen Geräusche etwas anders. Die Lage war ernst. Sie musste irgendwie auf die andere Seite, so schnell wie möglich.
Verzweifelt schaute Sally die Wände entlang, doch das Gas hatte sich bereits dich an sie gelegt. Dann blickte sie hinunter auf ihre linke Hand, an der sich Spencers letzter Atemzug immer noch nicht ordentlich kanalisieren ließ. Aber plötzlich hörte sie ein anderes Geräusch. Es war wieder Philips Stimme gewesen und wieder ihr Name, der gerufen worden war, doch dieses Mal war das verzweifelt hervorgepresste Wort mittendrin abgebrochen, als ein weiterer Ton wie von brechenden Knochen durch den Korridor gehallt war.
„PHILIP!", schrie Sally in Panik. Ihr Gehirn schaltete vollkommen ab und ohne lang nachzudenken hob sie ihre linke Hand, ballte sie zur Faust und ließ alle Kraftreserven, die sie noch irgendwie mustern konnte, in ihre Finger fließen. Sie musste ihm helfen
Mit einem schrillen Kreischen wurde sie nach vorne gesogen, als sie die Hand wieder öffnete und Spencers letzten Atemzug entfesselte, doch ihr Weg endete bereits nach wenigen Metern mitten in der Gaswolke. Sofort setzte der Schmerz wieder ein. Tausende Nadeln stachen auf ihrer Haut umher und ihr Gesicht fühlte sich an als würde es mit heißem Wasser übergossen werden, während ihre Beine unter ihr zusammenbrachen. Glücklicherweise hatte sie noch einen letzten Rest Momentum aus ihrer Teleportation mitgenommen, sodass sie das letzte Stück aus dem Gas herausgeschleudert wurde.
Stöhnend landete Sally auf den kalten Fliesen. Doch sie erlaubte sich keine Zeit, um sich zu erholen und presste sofort die Handflächen gegen den Boden, um sich aufzurichten. Zitternd strengte sie ihre Muskeln an und nach einem kurzen Augenblick schaffte sie es, auf die Knie zu kommen.
Erst jetzt merkte sie, dass etwas Flüssiges ihre Finger benetzt hatte. Es glänzte seltsam im Halbdunkel und schien in einem kleinen, roten Rinnsal über den Boden zu fließen. War das Blut?
Sally hob langsam den Kopf. Ihr Herz hämmerte unter ihrer Brust während sie mit den Augen dem Weg des Blutstroms folgte, ein paar Meter über den Boden entlang, an einer fallengelassenen Klinge vorbei und hinüber zu zwei Gestalten, die ihm flackernden Licht der Neonröhren kaum zu erkennen waren. Der eine war dick und fett, stand aufrecht und hatte einen Fuß erhoben, den er krachend auf den anderen, der am Boden lag, niederfahren ließ.
Sally hörte ein Knacken. Wie ein Pistolenschuss hallte es durch den Korridor und übertönte jedes andere Geräusch. Dann hörte sie nur noch ein dumpfes Pochen in ihren Ohren. Die Realität schien sich zusammenzuziehen und ihr Verstand konnte kaum verarbeiten, was soeben geschehen war. Ihre Wahrnehmung setzte für einen Moment aus.
Dann kam es ihr so vor, als würde sie sich selbst zusehen, wie sie mit neuer, wutentsprungener Energie auf den Clown zustürzte, im Laufen das Klappmesser vom Boden aufhob und ihm die Klinge mit voller Wucht in den Hals rammte. Eine Blutfontäne brach hervor, doch anstatt sich abzuwenden, klammerte sich Sally an den Griff ihrer Waffe und zog die Schneide brutal zur Seite, sodass sie gnadenlos durch die Kehle des fetten Mannes schnitt.
Schließlich fiel sie zu Boden, direkt zwischen zwei leblose Leichen, von denen eine ihr Freund gewesen war.
Anna erreichte eine Kreuzung und blieb ruckartig stehen. Max war bereits dort und schaute suchend den Korridor zu ihrer Linken hinab. Doch da war niemand. Nervös drehte Anna den Kopf nach rechts und etwa zwanzig Meter entfernt konnte sie eine Ferse hinter einer Ecke verschwinden sehen.
„Komm", knurrte sie Max zu und sprintete los. Der Hinterwälder brauchte einen Moment, um sich zu orientieren, doch er nahm sogleich die Verfolgung auf, als er sah, in welche Richtung Anna losgestürmt war.
Die Jägerin nahm im Laufen die linke Hand vom Schaft ihrer großen Axt und griff nach den kleineren Wurfäxten, die an ihrem Gürtel hingen. Es waren drei an der Zahl, ein Andenken aus ihrer Zeit im Nebel. In der Realität hatte sie sie zum Jagen von kleinen Tieren benutzt. Jetzt würde sie sie wieder ihrem ursprünglichen Zweck widmen: der Eliminierung gefährlicher Feinde.
Ein paar schnelle Schritte später hatte sie auch schon die Ecke erreicht und preschte mit erhobenen Waffen um die Kante herum. Ein leerer Korridor präsentierte sich vor ihr. Die Neonröhren an der Decke flackerten chaotisch und eine beunruhigende Stille legte sich auf Annas Ohren, während ihre Augen die Wände des Ganges absuchten. Zahlreiche Türen und Abzweigungen führten weiter in andere Teile der Basis. Ihre Beute konnte sich überall auf die Lauer gelegt haben.
Doch ihre Beute war allein. Knurrend tauchte Max hinter Anna auf und spähte ebenfalls den Korridor entlang. Dann schaute er kurz zur Jägerin und sie tauschten einen bestätigenden Blick aus. Weder Anna noch Max waren jemals gut darin gewesen, Entscheidungen zu treffen. Bisher hatte immer Sally alles geregelt und sie waren ganz einfach nie vor eine ernste Wahl gestellt worden. Daher war es beruhigend, dass sie sich nun nicht allein in dieser Situation befanden, sondern einander versichern konnten, dass sie das richtige taten.
Anna setzte einen Fuß nach vorne und begann den Gang hinunterzugehen. Dabei richtete sie ihren Fokus auf die linke Seite, ließ ihren Blick in jede Ecke und jeden Spalt gleiten und spitzte die Ohren für jedes noch so leise, verräterische Geräusch. Max tat dasselbe auf der rechten Seite.
Anna konnte spüren, wie langsam, aber sicher die Angst in ihr aufkeimte. Angst, nicht nur um sich selbst, sondern auch um ihre Freunde, die sich immer noch in der Basis befanden. Sally war schwach, das wusste Anna und sie wusste auch, dass derjenige, den sie hier verfolgte nicht entwischen durfte. Sonst ging er am Ende noch auf Sally los, während sie hier vergeblich nach ihm suchten.
Ein dumpfes Pochen polterte durch den Korridor und riss Annas Aufmerksamkeit sofort in die Richtung, aus der es gekommen war. Elektrisiert und leicht zitternd schaute sie nach vorne, den Gang hinab und spähte in die Dunkelheit. Doch da war niemand.
Max begann leise zu Knurren und festigte den Griff an seinem Hammer. Anna hingegen hob langsam ihre Wurfaxt, dazu bereit jedem, der sich auf sie stürzen wollte schon aus der Ferne den Schädel zu spalten.
Wieder ertönte das Pochen, dieses Mal etwas näher. Es kam auf sie zu, bedrohlich und unfassbar wie der Wind schob es sich ihnen entgegen und Anna wusste nicht, was sie tun sollte. Sie konnte niemanden sehen. Mit hoch über den Kopf gehobener Waffe verharrte sie an Ort und Stelle und schaute nervös keuchend in die Dunkelheit, während ihr Arm langsam zu zittern begann.
Das Licht der Neonröhren blitzte spielend an der Schneide ihrer Axt, als das Pochen zum dritten Mal durch den Korridor schallte. Die Quelle des Geräusches lag keine fünf Meter mehr von ihnen entfern, doch jetzt war Anna noch etwas anderes aufgefallen. Das Pochen kam nicht direkt aus dem Korridor, sondern von etwas weiter oben.
Blitzartig richtete Anna ihren Blick an die Decke des Korridors, wo neben den Neonröhren eine dicke Belüftungsleitung entlanglief. Das silberne Blech bog und wölbte sich auswärts, während es ein dumpfes Pochen von sich gab, das nur von jemandem verursacht werden konnte, der durch die Rohre kroch.
Max, der es ebenfalls bemerkt hatte, stieß ein aggressives Knurren aus. Das Pochen erstarb für einen Moment, bevor es mit wachsender Intensität weiterging, dieses Mal blieb es jedoch stationär und näherte sich nicht mehr. Anna und Max tauschten einen schnellen Blick. Dann hob die Jägerin ihre Wurfaxt und ließ im nächsten Augenblick den Arm nach vorne schnellen, sodass sich die Waffe nach einer kurzen Flugzeit in die Unterseite des Lüftungsschachtes bohrte.
Im selben Moment stieß jemand ein schrilles Kreischen aus. Ein losgetretenes Gitter krachte auf den Boden und eine dunkle Gestalt sprang aus der Leitung heraus. Anna schreckte kurz zurück, doch Max ließ sich keine Sekunde lang beirren und stürmte wütend nach vorne, nur um in letzter Sekunde wieder halt zu machen.
„HAAALT! Nicht schlagen! Lisa ist´s nur, kein Grund rabiat zu werden, Maxie."
„Lisa?", grunzte Max überrascht und trat wieder einen Schritt zurück. Verblüfft ließ er seinen Hammer sinken und starrte die Hexe, die sich gerade den Staub von den Schultern strich, fragend an. Anna kam nach vorne geeilt und stellte sich neben den Hinterwäldler. Auch für sie war Lisas auftauchen ein höchst unerwartetes Ereignis.
„Anna, meine Gute", kicherte die Hexe und humpelte auf die Jägerin zu: „Jetzt hättest du der alten Lisa beinahe der Rest gegeben."
Der Blick der Jägerin ging sofort beschämt zu Boden.
„Tut leid"
„Aber, aber", beschwichtigte Lisa: „Ist nicht deine Schuld. Konntest ja nicht wissen, dass sich die garstige Lisa in den Schächten herumtreibt."
„Lisa", grunzte Max erneut und stellte sich etwas aufrechter hin. Aus seinem Blick und seinem Tonfall war ganz eindeutig zu erschließen, dass er wissen wollte, was vor sich ging und was zu tun war. Bei beidem konnte ihm die Hexe weiterhelfen.
„Wir haben Schwierigkeiten", krächzte Lisa und krabbelte über den Boden auf den Hinterwäldler zu: „Evan gibt's nicht mehr. Hat ins Gras gebissen. Schade, aber sei´s drum. Wir haben drängendere Probleme."
„Evan tot?", fragte Anna und ein Anflug von Panik huschte durch ihre Augen.
„Jep"
„Was machen?", fragte Max und bekräftigte somit seinen Wunsch nach Anweisungen.
„Wir zerstören die Janusmaschine", antwortete die Hexe: „Lisa will euch beide nicht in Gefahr bringen, aber es ist unsere einzige Chance. Wo sind Sally und Philip?"
Anna wies mit ihrer Axt den Korridor hinunter, den sie gekommen war.
„Warum habt ihr euch getrennt?"
„Wir Schweinefrau verfolgt haben", erklärte die Jägerin: „Aber wir nur gefunden dich."
Max nickte bekräftigend.
„Na gut", sagte Lisa: „Dann holen wir jetzt Sally und Philip und gehen gemeinsam die Janusmaschine zerstören. Alles klar?"
„Was mit Schweinefrau?", wollte Anna wissen, bevor sie sich umwandte und losging. Lisa lief leichtfüßig neben ihr her und antwortete: „Sobald wir diesen garstigen Nebel losgeworden sind, ist die Schweinefrau kein Problem mehr. Und Freddy auch nicht. Der Halunke ist nur hier und frisst sich mit Energie voll, solange die Janusmaschine steht. Alles andere ist egal."
Meg kniete zitternd neben Thermite, der sich unter Qualen am Boden hin und her wandte. Wie ein von Alpträumen geplagter Schlafender warf er sich von einer auf die andere Seite. Nur war er hellwach und fühlte im Moment wohl jeden Knochen in seinem Körper gegen seinen Aufenthalt im Reich des Entitus rebellieren. Mit jeder verstreichenden Sekunde wurde er schwächer.
„Meg", stieß er zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hervor. Nervös schaute die Athletin, die gerade einen misstrauischen Blick über die Schulter geworfen hatte, wieder auf ihn herab.
„Hol mich hier raus", keuchte Thermite und presste die Hände gegen die Seiten seines Kopfes: „Ich kann… kann nicht mehr!"
Meg schaute sich wieder um. Unentschlossen stand sie halb auf und ließ ihren Blick über die rosarote Gaswolke gleiten. Noch immer hing sie wie eine Barriere inmitten des Korridors und versperrte ihr den Weg. Sie könnte versuchen in die Basis zurückzugehen und einen anderen Pfad zu finden, doch wenn sie sich verirrte würde sie das zu viel Zeit kosten. Und Sally hatte sie angewiesen zu warten.
Wieder stieß Thermite ein leidvolles Stöhnen aus, das Meg veranlasste, ihm eine Hand auf die Schulter zu legen. Er sollte wissen, dass sie da war. Sie wollte bei ihm sein. Er war schließlich ihr Vater und sie wollte nicht, dass es ihm schlecht ging. Jede Qual, die er erlitt, spürte sie wie einen Messerstich in ihrem eigenen Herzen und als er sich erneut auf die Seite warf, spürte sie eine glitzernde Träne über ihre Wange laufen. Sie konnte das nicht länger mitansehen.
Hastig legte sie einen Arm um ihn und half ihm auf die Beine zu kommen. Meg schaffte es kaum den voll ausgerüsteten Soldaten zu stützen, doch nach einigen erfolglosen Versuchen stand er endlich auf und konnte einen Fuß vor den anderen setzen. Er war blind und vor Schmerzen beinahe taub, aber die Stimme seiner Tochter drang immer noch zu ihm durch.
„Komm", rief sie und zog ihn den Korridor entlang: „Ich bring dich hier aus. Halt einfach durch!"
Natürlich wusste sie, dass sie sich gerade in die komplett falsche Richtung bewegte und dass sie keine Ahnung vom Aufbau der gigantischen Basis hatte, doch sie weigerte sich ganz einfach ein Scheitern zu akzeptieren. Dies war nicht der Ort, an dem sie oder ihr Vater draufgehen würden. Dies war nicht die Zeit, zu der die Reise zu Ende war. Sie wollte es nicht akzeptieren und sie würde es nicht akzeptieren. Sie konnte es ganz einfach nicht akzeptieren.
Meg keuchte bereits unter der Last des Rainbow Operators, als sie sich nach wenigen Metern, die sie den Korridor zurückgegangen war, an der ersten Abzweigung nach rechts wandte. Wenn sie sich geradeaus bewegte, würde sie nur zurück in den Gemeinschaftsraum gelangen, wohingegen die linke Seite in Richtung des Krankensaals führte. Zumindest glaubte sie das. Rechts war daher die einzige Option.
„Hier entlang", knurrte Meg und sprach dabei mehr zu sich selbst, als zu ihrem Vater, der geschüttelt von Krämpfen an ihrer Schulter hing. Er kämpfte sich verzweifelt nach vorne. Sein ganzes Vertrauen lag nun in seiner Tochter und sie würde ihn nicht enttäuschen. Sie würde ihm beweisen, dass sie ihn retten konnte. Sie würde ihn nicht enttäuschen.
„Komm schon", keuchte Meg: „Komm schon, nicht stehenbleiben."
Thermite hörte ihre Worte wie aus weiter Ferne und für einen kurzen Moment hallten sie in seinen Ohren wieder, ohne einen Sinn zu ergeben. Dann erkannte er ihr Stimme und ein winziges Quäntchen an Klarheit schoss durch seinen Verstand. Sie wollte, dass er weiterging. Er sollte vorwärts in die absolute Dunkelheit, die ihn umfasst hatte. An seiner Schulter spürte er ihren sicheren Griff und er wusste, dass sie ihn führen würde.
Doch dann stieß Meg einen hastig unterdrückten Schrei aus, als Thermite plötzlich stolperte und das Gleichgewicht verlor. Er fiel auf die Knie, doch bevor er vollends auf dem Boden landete, konnte er sich unter Musterung seiner letzten Kräfte noch rechtzeitig an der Wand abstützten und sich so in einer halb aufrechten Position halten.
„Nicht schlappmachen", knurrte Meg und zog ihn wieder nach oben. Thermite antwortete nichts, doch sie konnte sehen, dass er sie gehört hatte.
„Gleich haben wir´s geschafft", beschwor Meg, als sie um eine Ecke bog, natürlich vollständig wissend, dass dem vermutlich nicht so war. Doch was sollte sie ihm sagen? Dass die Lage aussichtslos war und er vermutlich dem Nebel zum Opfer fallen würde, bevor sie einen Ausgang fand?
Ein seltsames Geräusch ließ Meg innehalten. Ruckartig drehte sie den Kopf und schaute über die Schulter. Der Korridor lag leer und verlassen hinter ihr und nur das Stöhnen des Rainbow Operatoren durchschnitt die unheimliche Stille. Sie musste sich wohl geirrt haben.
Kopfschüttelnd wandte sie sich wieder nach vorne, sicherte ihren Griff um Thermites Oberkörper und führte ihn Stück für Stück weiter. Nach den anfänglichen Schwierigkeiten hatten sie nun beinahe so etwas wie eine Routine gefunden. So zügig sie konnten wanderten die beiden den Gang entlang, hin und wieder stolpernd, doch im Großen und Ganzen schneller als Meg erwartet hatte.
Hoffnung keimte in ihr auf. Vielleicht steckte sie doch nicht so verzweifelt in der Klemme, wie sie gedacht hatte. Thermite war immerhin ein erfahrener Elitesoldat. Solche Leute hatte nicht nur einen stählernen Körper, sondern auch einen beharrlichen Geist. Er konnte vermutlich noch mehr einstecken als sie im zutraute und würde am Ende noch eine ganze Weile durchhalten. Hoffentlich lange genug, bis sie einen Ausgang fand.
Plötzlich hörte Meg das seltsame Geräusch erneut. Es kam aus dem Korridor hinter ihr und dieses Mal war sie sich sicher. Es war ein unheimliches Stöhnen gewesen, wie von einer jungen Frau, nur verzerrt und unnatürlich, als wäre es über eine instabile Funkverbindung gesendet worden. Aber was auch immer es war, es konnte nichts Gutes bedeuten.
Langsam drehte Meg den Kopf und schaute wieder über die Schulter den Gang entlang. Regungslos verharrte sie mitten in der Bewegung und Thermite klammerte sich zitternd an ihre Schulter. Er wusste nicht was vor sich ging, doch er spürte wohl, dass etwas nicht in Ordnung war.
Meg hingegen spähte aufmerksam in die Basis. Das flackernde Licht der Neonröhren spiegelte sich in unregelmäßigen Abständen in den blitzenden Türklinken wieder und warf seltsame Schatten an die Wände. Vereinzelte Nebelfetzen wanderten knapp über dem Fußboden durch den Korridor und sammelten sich in den Ritzen und Spalten des riesigen Gebäudes. Doch wiederum sah Meg absolut niemanden.
Oder zumindest für einen kurzen Moment, denn gerade als sie sich wieder nach vorne wenden wollte, erspähte sie am unteren Ende des Ganges eine unförmige Gestalt, die sich in unnatürlicher Haltung von links nach rechts über die kalten Fliesen schob. Es schien ein Mensch zu sein, doch wenn dem so war, dann war er im Laufe seines Lebens tiefgreifenden und entstellenden Änderungen unterzogen worden.
Die Gestalt war gute fünfzig Meter von ihr entfernt. Trotzdem konnte Meg ganz klar erkennen, dass die Gliedmaßen in unüblichen und verdrehten Winkeln vom Körper abstanden. Es schien sich um eine Frau zu handeln. Allerdings glichen ihre Bewegungen und ihre Körpersprache keinem Menschen, dem Meg jemals begegnet war. Die Beine zuckten ruckartig hin und her und verrenkten sich genau wie die Arme in immer neue, grausigere Positionen, was auch kaum zu übersehen war, da das Mädchen so gut wie keine Kleidung trug. Lediglich ein paar lose Stofffetzen rankten sich um ihren blassen, mit dunklen Schnitten übersäten Leib.
Was Meg jedoch den Atem stocken ließ, waren die aufgewölbten, unwirklich abstehenden schwarzen Haare auf ihrem Kopf. Von Schwerkraft und Luftwiderstand offenbar völlig unbeeinflusst sah es so aus als befänden sich die schwarzen Strähnen unter Wasser, wo sie träge hin und her wankten.
Zum dritten Mal hallte ein schreckliches Stöhnen durch den Korridor und Meg drehte den Kopf wieder nach vorne. Die Kreatur, was auch immer es war, hatte sie noch nicht gesehen. Sie musste Jordan fortbringen von hier und zwar schnell. Das Mädchen konnte nämlich nur von einem Ort kommen und sie gehorchte wohl einem Herrn, der allein in den vergangenen paar Stunden für den Tod von hunderten Menschen verantwortlich gewesen war.
Die Lage hatte sich soeben wieder verdüstert und ein einziger Fehltritt konnte sie das Leben kosten. Doch Meg gab nicht auf. So leise sie konnte, schob sie sich weiter und stützte Thermite, der tapfer und unbeirrt ihrer Führung folgte.
„Sally hier", rief Anna und zeigte nach vorne. Lisa war gleich hinter ihr und als die Jägerin für einen Moment ihr Tempo drosselte, sprang sie hoch und zog sich am Hemd der großen Frau nach oben. Geschickt kletterte sie auf Annas linke Schulter, wo sie wie ein Greifvogel sitzen blieb und die Lage beobachtete.
„Hmmm, Lisa schaut, aber Lisa sieht sie nicht."
Die Hexe klopfte zweimal gegen Annas Hasenmaske und beugte sich etwas nach vorne, sodass sie ihr direkt in die Augen schauen konnte.
„Bist du sicher, meine Liebe, dass Sally hier herumsitzt?"
„Um Ecke", knurrte Anna und ging eilig weiter. Sie schämte sich immer noch dafür, dass sie Lisa vorhin beinahe mit ihrer Axt getroffen hätte und wagte es kaum, sie anzusehen. Max humpelte derweil hinter den beiden her und stellte sicher, dass sie nicht verfolgt wurden. Die Schweinefrau trieb immer noch ihr Unwesen in diesen Gängen, ganz zu schweigen von Freddy und seinen anderen Schergen. Sie mussten unbedingt auf der Hut bleiben.
Als sie um die angezeigte Ecke bogen, fiel Lisas Blick sofort auf eine gebückte Gestalt in einem dunklen Kleid, die zitternd auf dem Boden kniete. Neben ihr befand sich der hochaufragende Bauch des Clowns, der wie ein Berg in die Lüfte ragte und um den sich eine dunkelrote Blutlacke sammelte. Das Ungetüm war besiegt. Doch Sally schien keine Hoffnung zu schöpfen.
Laut ihren Namen rufend sprang Lisa von Annas Schulter hinunter auf den kalten Fußboden und humpelte auf Sally zu, die nur wortlos den Kopf hob, ohne ihnen entgegenzuschauen. Einen Augenblick später hatte die Hexe sie bereits erreicht.
„Jetzt sieh mal einer an", kicherte Lisa und fuhr mit ihren knorrigen Fingern über den Wanst des Clowns: „Du hast einen Riesen gefällt."
Als Sally immer noch nicht antwortete, schaute Lisa sie besorgt an.
„Alles in Ordnung?"
Anstatt etwas zu erwidern, stand die Krankenschwester einfach auf und gab den Blick auf eine zweite Leiche frei, die sich bisher halb hinter dem Clown, halb hinter ihrem Rock verborgen hatte. Lisa konnte nur die dunklen Füße des Gefallenen erkennen, doch sie wusste sofort, um wen es sich handelte. Es war einige der wenigen Situationen in der die alte Dame vergeblich nach Worten suchte.
Auch Anna und Max hatte mittlerweile Philips Leiche entdeckt und waren wie angewurzelt stehengeblieben. Der Hinterwäldler ließ langsam seinen Hammer sinken und Anna schaute verblüfft, schockiert und verweigernd zwischen Sally und Philip hin und her. Ihre Axt lag nutzlos in ihrer Hand und sie wusste nicht, was nun geschehen sollte.
„Verdammt", knurrte Lisa nach einem Moment und ihre Stimme hallte durch die leeren Korridore. Für einen Augenblick verharrte ihr Blick auf Philip. Dann schaute sie zu Sally, die sich abgewandt und das Gesicht in ihrer rechten Hand verborgen hatte.
„Hat er hier das getan?", fragte Lisa und stupste gegen den Bauch des Clowns. Als die Krankenschwester nicht antwortete, hakte sie nach: „Sally?"
„Wo ist Evan?", erwiderte die Angesprochene und drehte sich ruckartig um. Ihr Gesicht war steif und ausdruckslos, beinahe wie eine Maske und ihre Hände waren zu Fäusten geballt. Lisa stutzte für einen Moment, bevor sie antwortete: „Er… Wir sind in einen Hinterhalt gelaufen. Lisa hat´s gerade so noch herausgeschafft."
Sally zeigte keine erkennbare Reaktion. Stattdessen wandte sie sich nun an Anna und fragte: „Ist der Krankensaal weit entfern?"
Doch die Jägerin hatte die Lage noch nicht vollends realisiert. Sally seufzte, ging hinüber zu der großen Frau und legte ihr behutsam eine Hand auf den Arm.
„Anna"
Die Jägerin schaute wortlos auf sie hinab.
„Ist der Krankensaal weit entfernt?"
Anna brauchte einen Moment, um sich zu orientieren, bevor sie den Kopf schüttelte und mit ihrer Axt unbeholfen in eine Richtung zeigte. Sally folgte ihrem Blick. Dann schaute sie der Jägerin wieder in die Augen und versuchte ihr etwas Hoffnung zu verleihen. Der Atem der Russin ging ungewöhnlich schnell und ihre Unterlippe hatte leicht zu zittern begonnen.
„Anna, hör mir zu."
Die Jägerin senkte ihren Blick auf Sally, während Max, der die Situation viel besser zu verarbeiten schien, sich umwandte und Wache hielt.
„Wir schaffen das, okay? Wir kommen hier raus und wir werden leben. Aber zuerst müssen wir die Janusmaschine zerstören. Nur ein einziges Mal. Dann sind wir hier fertig. Verstehst du mich?"
Anna nickte und schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. Schließlich festigte sie den Griff um ihre Axt und nickte erneut.
„Gut", schloss Sally in grimmiger und trauernder Wut: „Zeig uns den Weg."
Wieder schoss Meg einen Blick über die Schulter und hielt Ausschau nach dem bleichen Mädchen, das sie kurz zuvor am Ende des Korridors erspäht hatte. Sie war nun um eine Ecke gegangen und hatte somit den direkten Blickkontakt verloren, doch immer noch hörte sie in unregelmäßigen Abständen ein leichtes Wimmern oder ein schwaches Weinen durch die Gänge hallen. Sie war in der Nähe.
„Leise, murmelte Meg Thermite ins Ohr und versuchte ihn so vorsichtig zu führen, wie sie nur konnte. Unter keinen Umständen sollte er stolpern und ihren Standort preisgeben. Das Wesen war höchstwahrscheinlich geschickt worden, um sie zur Strecke zu bringen und sobald es sie erst entdeckte, würde es kein Entrinnen mehr geben.
Vorsichtig setzte Meg einen Fuß vor den anderen und versuchte so wenig Lärm wie möglich zu erzeugen. Wenn es sich bei ihr ähnlich wie bei Sally, Anna und all den anderen Killern verhielt, wovon auszugehen war, dann hatte der Entitus mit Sicherheit ihre Sinnesorgane verbessert und für die Jagd geschärft.
„Hier entlang", wisperte die Athletin und fügte in Gedanken hinzu: „Glaube ich."
Nervös zog sie Thermite um eine weitere Ecke. Vor ihr befand sich nun ein langer Korridor, die Wände zu beiden Seiten gespickt mit Abzweigungen und Durchgängen, doch was sofort ihren Blick auf sich zog, war die Tür am unteren Ende, die hinaus in die Nacht führte.
Hinter den verschlossenen Glasflügeln erkannte Meg eine seltsam schimmernde Fläche, bei der es sich wohl um die Grenze des Nebels handelte. Sie konnte die hintere Hälfte eines Wagens erkennen, der dort geparkt war und auf der rechten Seite die herabhängenden Zweige eines kleinen Bäumchens. Es war ihr Weg nach draußen, nicht nur aus der Basis, sondern auch aus dem Reich des Entitus.
„Da unten" hauchte Meg und ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer. Die Hoffnung, die sich beim Anblick des bleichen Mädchens irgendwo verkrochen hatte, traute sich nun langsam wieder hervor und keimte wie eine Pflanze in ihr nach oben. „Es ist nicht mehr weit. Ich kann den Ausgang schon sehen."
Thermite antwortete nicht. Als Meg den Kopf drehte, bemerkte sie, dass sein Gesicht mittlerweile einen Großteil der ursprünglichen Kampfeslust verloren hatte. Der Soldat versuchte nur noch mitzuhalten und nicht aufzugeben, doch seine Energie neigte sich dem Ende zu und schon bald würde er zu Boden fallen, von wo er wohl nicht mehr aufstehen würde. Die Zeit drängte.
„Fuck", knurrte Meg und zog ihn weiter nach vorne. Sie wusste nicht, ob er ihre Stimme noch hören konnte, doch sie spürte, wie er auf ihre Berührungen reagierte und sie war sich sicher, dass er ihr noch folgen konnte. Der Weg war nicht mehr weit. Sie konnten es schaffen.
Ein Stöhnen hallte durch den Korridor und wie vom Blitz getroffen riss Meg ihren Kopf herum. Ohne stehenzubleiben oder auch nur das Tempo zu drosseln, richtete sie ihren Blick nach hinten und schaute über die Schulter.
Dort, wo sie gerade eben noch gestanden hatte, mit frischer Hoffnung in der Brust, stand nun die bleiche Gestalt, die Glieder seltsam verzerrt, das Gesicht zu einer wilden Fratze verzogen und die stechend weißen Augen direkt auf die beiden Flüchtenden gerichtet.
Die Haare des Mädchens kräuselten sich leicht in einem für Meg nicht vorhandenen Wind. Ihr Finger verrenkten sich in immer neuen Winkeln und ihre Körper schien von tiefen Schnitten übersäht zu sein. Irgendjemand musste sie angegriffen haben. Doch die Verletzungen sonderten kein Blut ab und kein einziger Tropfen rann ihren Leib hinunter. Es war wohl schon eine ganze Weile her.
Das Mädchen bewegte sich nicht. Es stand einfach nur da, ließ hin und wieder ein Stöhnen vernehmen und beobachtete Meg dabei, wie sie ihren Vater den Korridor entlang zog und ihn so schnell sie konnte in Richtung des Ausgangs führte. Irgendetwas stimmte hier nicht.
Vielleicht war sie ja wie Anna, dachte Meg. Vielleicht sah sie nur böse aus, wollte aber in Wahrheit niemandem etwas Böses. Vielleicht hatte sie auch einfach nur Angst und wollte sicherstellen, dass sich diese seltsamen Personen aus dem Nebel verzogen. Einen Gefallen, den Meg ihr liebend gerne tun würde.
Doch dann sah sie etwas anderes. In der rechten Hand des Mädchens war etwas aufgeblitzt. Es hatte zuerst wie ein Spiegel ausgesehen, doch bereits nach wenigen Sekunden hatte es sich auf die Länge eines Messers umgeformt und nahm mittlerweile die Ausmaße und Form eines kurzen Schwertes an. Mit einem unnatürlichen Ruck legte das Mädchen die Finger um den Griff ihrer neuen Waffe und riss die Klinge aus der Luft, wo sie sich scheinbar aus dem Nichts geformt hatte. Dann bewegte sie sich. direkt in ihre Richtung.
„Nein", knurrte Meg und richtete sich wieder nach vorne. Sie zerrte an Thermites Schulter, der das Signal glücklicherweise sofort verstand und sein Tempo erhöhte. Er bewegte sich nun so schnell er konnte und Meg würde ihn nicht zurücklassen. Der Ausgang war nicht mehr weit.
Ein Kreischen gellte durch die Hallen, doch Meg schaute nicht zurück. Das Geistermädchen näherte sich, doch es war zu weit entfernt, um sie noch einzuholen. Meg war sich sicher. Sie musste es sein. Es konnte gar nicht anders sein. Es durfte nicht anders sein.
„Anna, warte"
Sally legte der Jägerin eine Hand auf die Schulter und verhinderte somit, dass sie bereits nach vorne stürmte, den Gang hinunterlief und den Krankensaal betrat. Auf dem Weg durch die Basis waren sie keiner Menschenseele begegnet, doch sie wussten mit Sicherheit, dass Freddy hier war, zusammen mit noch mindestens drei seiner Schergen.
Die Schweinefrau hatte vorhin Anna und Max davongelockt, um dem Clown eine Angriffsmöglichkeit zu geben und von Lisa hatte Sally erfahren, dass sich Myers ebenfalls in der Basis befand und dass sie Leatherface befreit hatten.
Zu guter Letzt wussten sie auch, dass sich die Janusmaschine am hinteren Ende des Krankensaals im vorderen Bereich des Labors befand und Sally war sich absolut sicher, dass Freddy sie verteidigen würde. Vielleich tat er es allein, vielleicht hatte er seine Diener dazu abgestellt, doch eigentlich sah die Krankenschwester keinen Grund, warum er nicht alle Kräfte um das Gerät versammelt haben sollte.
Die Zeit spielte ihm in die Hände. Er musste nur die Verbindung lange genug offenhalten, dann würde die Realität mit dem Nebel verschmelzen und er könnte wieder zurück in seine alten Jagdgründe, zusammen mit all den Horrorgestalten, die der Entitus in seine Verließe gesperrt hatte.
„Vorsichtig", mahnte Sally: „Die sind sicher da drinnen und warten auf uns."
Anna nickte. Ihre Axt senkte sich wieder ein Stück und ihre Augen ruhten auf Sally, die endlich wieder die Führung übernommen hatte. Das gab ihr Vertrauen.
„Tun was?", grunzte Max und schaute ebenfalls über die Schulter auf Sally, bevor sich sein Blick wieder auf die dunkle, weit geöffnete Tür richtete, die in den Krankensaal führte. Vollkommene Finsternis hatte sich in die Halle gelegt und es war absolut nichts zu erkennen. Nicht einmal mithilfe ihrer geschärften Augen.
„Was wir nun tun?", murmelte Sally: „Ich weiß es noch nicht. Lass mich eine Sekunde nachdenken."
Kurz schaute sie hinab auf die Tür zum Krankensaal und versucht irgendwelche Hinweise aufzufangen, nicht nur mit ihren Augen, sondern auch mit den Ohren. Vielleicht gab es ja irgendein verräterisches Geräusch, irgendeinen Ton, der ihr Aufschluss geben konnte, was ihre Gegner dort drinnen trieben. Doch da war nichts.
Sally dachte nach. Es sah nicht gut für sie aus. Sie hatten zwar Anna auf ihrer Seite, doch Max war erschöpft und Lisa drohte in einem Handgemenge schnell unterzugehen, ganz zu schweigen Sally selbst. Sie konnte kaum noch einen Finger rühren und schon allein der Marsch durch das Gebäude, hatte ihr einiges an Energie abverlangt. Energie, über die sie eigentlich gar nicht mehr verfügte.
„Wir müssen da rein", murmelte Sally nachdenklich: „Egal wie wir es anstellen, es wird gefährlich."
„Das wird es", bestätigte Lisa und Sally drehte sich zu ihr hin. Ihre Gedanken waren verseucht von Philips tragischem Ende und sie konnte kaum glauben, dass sie das folgende nun fragte, doch in der gegenwärtigen Situation war sie bereit jeden Weg in Betracht zu ziehen.
„Lisa", sagte sie: „Gibt es irgendeine Chance, auch nur die geringste Chance, mit Freddy zu verhandeln? Können wir… können wir ihn irgendwie aufhalten ohne weiteres Blutvergießen?"
Die Hexe schaute Sally in die Augen und verzichtete zunächst auf eine Antwort. Dann öffnete sie dennoch ihren, mit spitzen Zähnen gespickten Mund und sagte: „Freddy oder der Zauberrabe, Lisa könnte niemals sagen, wem sie ein Gespräch eher zutrauen würde, nein, nein."
„Also nicht", schloss Sally. Ihr Blick richtete sich wieder nach vorne auf die schwarze Tür und Schweigen füllte den Korridor, während sie überlegte. Doch sie hatte keine Zeit mehr. Sie mussten die Janusmaschine so schnell wie möglich deaktivieren oder alles wäre vergebens. Wer wusste schon, ob Freddy jemals wieder besiegt werden konnte, wenn nicht jetzt.
„Wir müssen da rein", sagte Sally erneut: „Es hilft nichts. Gehen wir."
Mit diesen Worten kam sie müde auf die Beine und bewegte sich an Anna vorbei in die Mitte des Korridors. Die Tür zum Krankensaal lag nun direkt vor ihr und die Neonröhren über ihr warfen einen schmalen Lichtkegel in die ansonsten undurchdringlich finstere Halle.
Sally hörte wie sich ihre Kameraden hinter ihr aufstellten. Anna war auf der linken Seite, Max befand sich rechts von ihr und Lisa in ihrem Rücken. Die Hexe war klein und tat gut daran sich etwas verborgen zu halten. Auf diese Weise war sie vielleicht in der Lage während eines Kampfes, in dem Max und Anna alle Aufmerksamkeit auf sich zogen, aus der zweiten Linie nach vorne zu schnellen und sich an ihren Gegner vorbei zu schleichen. Sie mussten ihr nur genug Zeit verschaffen.
„Die Janusmaschine hat oberste Priorität", sage Sally: „Wir müssen nur an ihnen vorbei, dann haben wir gewonnen."
Max gab ein bestätigendes Knurren von sich und Anna nickte. Aus den Augenwinkeln konnte Sally sehen, wie sich die Ohren ihrer Hasenmaske leicht nach vorne neigten und anschließend wieder an ihre ursprüngliche Position zurückglitten. Die Krankenschwester merkte, dass ihre Finger zu zittern begonnen hatten. Sie fühlte ein unangenehmes Stechen in der Magengrube und ihr Herz wog schwer mit Verlust.
Dann machte sie den ersten Schritt. Langsam ging sie auf die offenstehende Tür zu, den Blick direkt in die Finsternis gerichtet und flankiert von zwei hochaufragenden Ungetümen, die sorgfältig darauf achteten, dass sich niemand an sie heranschlich. Ein seltsames Kribbeln umspielte ihre linke Hand. War es etwas Spencers letzter Atemzug, der sich langsam erholte, um sie davonzutragen? Ob sie die Antwort auf diese Frage wohl jemals erhalten würde?
Sie dachte an Meg, die immer noch mit ihrem neugefundenen Vater in einem der Gänge ausharrte, wahrscheinlich verängstigt und von Panik ergriffen, in der Hoffnung, dass Sally ihr zu Hilfe eilen würde. Doch dazu war keine Zeit. Wenn sie die Janusmaschine zerstörte, waren sie ohnehin gerettet. Und wenn nicht würde Freddy sie ohnehin verschlingen.
Schlussendlich erreichte Sally die breite Tür. Schwarze Nebelfetzen krochen an der Decke entlang und rankten sich um den kahlen Türrahmen. Sie konnte das Ende eines Krankenbetts erkennen, das weiße Bettlaken halb von der Matratze gezogen und die zugehörigen Instrumente achtlos zu Boden geworfen, wo ihre fragile Technik in tausend Scherben zerschellt war.
Die Krankenschwester blieb kurz stehen. Dann nahm sie allen Mut zusammen und tauchte als erste in die unheimliche Finsternis, wo sie sofort von einem tiefen, gemächlich bedrohlichen Lachen begrüßt wurde. Wie eine messerscharfe Klinge schnitt es durch die Stille. Es kam genau aus der Richtung, in die sie gerade gegangen war und seine Botschaft war klar: Bis hier hin und nicht weiter. Unsicher blieb Sally stehen, Max und Anna in den Flanken.
„Guten Abend", knurrte die tiefe Stimme, ihr Besitzer in der Dunkelheit verborgen. Doch Sally brauchte kein Licht, um zu wissen, wem sie gehörte.
„Die letzten Vier, nehme ich an", flüsterte Freddy und sprach dabei so leise, dass ihm jeder absolute Aufmerksamkeit zukommen lassen musste: „Aber wart ihr nicht zu fünft?"
Sallys Finger ballten sich zur Faust und sie musste alle Energie aufbringen, sich zu beherrschen. Was immer Freddy auch vorhatte, sie würde ihm nicht in die Hände spielen und auf seine Provokationen reagieren, auch wenn jedes seiner Worte ihrem Herzen einen brennenden Stich versetzte.
„Kenneth muss wohl gute Arbeit geleistet haben", murmelte Freddy und eine Reihe unsauberer Zähne blitzte in der Dunkelheit auf. Er hatte einen Schritt nach vorne gemacht und war nun schemenhaft im hereinfallenden Restlicht zu erkennen. Ein hämisches Grinsen umspielte seine verbrannten Lippen, sein Hut war leicht nach vorne geneigt und die eisernen Krallen an seiner rechten Hand schrammten kreischend aneinander, als er die Finger vor und zurückschnellen ließ.
„Ich dachte ja Evan würde sich als der härteste Brocken herausstellen, aber so wie´s aussieht habe ich mich ge…"
„Kein Wort mehr", zischte Sally. Sie hatte genug. Genug von all den Drohungen, all der Gewalt, all dem Leid und all dem Tod, der sie überall hin zu verfolgen schien, seitdem sie damals Andrew verloren hatte. Das Leben auf der Coldwind Farm war ihr wie ein heller Sonnenaufgang erschienen, der ein Ende des Unwetters verkündete, doch Freddy hatte dem ein Ende gesetzt und sie zurück in ihre alten Qualen gestürzt, denen sie so verzweifelt versucht hatte zu entkommen.
„Ich will nichts mehr hören", knurrte Sally.
„Warum denn so ungestüm?", wollte Freddy provokant wissen und noch im selben Moment verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht, wo es einem aggressiven Zähnefletschen Platz machte.
„Aber bitte. Ganz wie ihr wünscht."
Aus den Augenwinkeln erspähte Sally ein Blitzen. Es war kaum mehr als der Hauch einer Bewegung gewesen, der Schimmer einer Gefahr und doch hatte Anna sofort reagiert. Mit einem wütenden Schrei riss sie ihre Axt nach oben. Der hölzerne Schaft prallte gegen den Arm eines maskierten Mannes und blockte die Klinge eines langen Messers wenige Zentimeter vor Sallys Hals.
Erschrocken fuhr sie zurück, während Anna Myers mit einem entschlossenen Ruck zurückwarf. Sally machte einen Schritt nach hinten, wo sie jedoch gegen Max prallte, der unter wütendem Grunzen einen Hieb gegen den Brustkorb wegsteckte. Ein grausamer Hammer war aus der Finsternis niedergefahren und hatte ihn direkt in den Oberkörper getroffen. Sally konnte Leatherfaces irrationales Heulen hören.
Im nächsten Augenblick schoss ihr Blick wieder nach vorne und unter Schock stellte sie fest, dass Freddy keine zwei Meter mehr von ihr entfernt war. Den Hinterhalt und ihre zeitweilige Überraschung voll ausnutzend, war er sofort losgesprintet und hatte seinen Krallenhandschuh zu einem brutalen Streich ausholend hoch über den Kopf gehoben.
Sally starrte bereits dem Tod in die Augen. Es war zu spät. Sie würde niemals schnell genug reagieren können, ihren Arm ausstrecken oder sich zur Seite werfen. In den stechenden Augen des Alptraums entdeckte sie ihr Ende.
Dann schnellte ein Schatten an ihr vorbei und traf Freddy knallhart in den Unterleib. Der Killer wurde nach hinten geworfen und landete auf dem Rücken, während sich Lisa unbeholfen neben ihm abrollte. Sofort rappelte sich die Hexe wieder auf. Ihr Kopf drehte sich kurz die Runde, als sie versuchte die Orientierung zurückzuerlangen und blieb kurz an Sally hängen.
„Los!", rief Lisa und stürzte sich anschließend wieder auf Freddy der gerade dabei war, sich aufzurappeln. Er hatte die rechte Hand auf den Boden abgestützt, doch seine linke war frei und krachend traf sie die heranstürmende Hexe in die Magengrube. Laut kreischend wurde sie nach hinten weggeschleudert, während Freddy knurrend auf die Beine kam.
Für einen kurzen Moment blieb Sally wie angewurzelt stehen. Dann löste sie sich aus ihrer Schockstarre und rannte nach rechts, weg von den Kämpfenden und auf der Suche nach einem Weg weiter hinein in den Krankensaal. Die Dunkelheit hinderte sie in ihrem Vorhaben, doch Lisa hatte ihr Zeit verschafft und Sally würde sie zu nutzen wissen.
„Fuck", knurrte Meg und zog Thermite weiter nach vorne. Der Ausgang kam immer näher. Ihre Schuhe rutschten über den glatten Boden und es kam ihr so vor, als würde sie kaum Halt finden. Ihr Vater klammerte sich schwer an ihre Schulter, doch er gab sein Bestes, um voranzukommen. Vielleicht vernahm er selbst das unheilverkündende Stöhnen, das sich hinter ihnen nährte.
Keuchend riss Meg ihn nach vorne und warf einen schnellen Blick über die Schulter. Wie weißglühende Kohlen hafteten die Augen des Mädchens an ihrem Rücken und das Schwert in ihrer Hand blitzte jedes Mal bedrohlich auf, wenn sie unter einer der Neonröhren durchlief. Trotz der seltsamen Zuckungen und Verrenkungen in ihren Beinen näherte sie sich unerwartet schnell und würde sie binnen weniger Sekunden eingeholt haben.
Meg biss die Zähne zusammen. Adrenalin flutete durch ihre Glieder und presste das Gefühl hoffnungsloser und verzweifelter Panik in jede einzelne Körperzelle. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen und von Angst beflügelt aktivierte sie alle Kraftreserven, die sie noch hatte. Tränen bildeten sich in ihren Augen.
„Nein", schluchzte Meg und rannte weiter. Ihr Blick fixierte sich nun auf den Ausgang, der keine zehn Meter mehr entfernt war.
„NEIN!"
Sally hechtete zur Seite. In der Finsternis krachte sie mit der Hüfte gegen ein Krankenbett, was ihr ein unangenehmes Stechen versetzte. Sie schaute nach links und während sie mit der rechten Hand nach dem metallenen Gestell des Bettes tastete, erspähte sie Max, der Leatherface quittierend die Faust in die Magengrube rammte.
Der Hinterwäldler hatte immer noch beide seiner Arme und nachdem der über einen Hinterhalt erlangte Vorteil nicht ausgereicht hatte, kam Leatherface nun schnell in die Defensive. Seine verbleibende Hand war noch immer fest um den eisernen Hammer geschlossen. Ein wütendes Knurren entfuhr seiner Kehle und grunzend stellte er sich Max entgegen. Bubba Sawyer war ein schwerer Brocken und selbst der bärenstarke Hinterwäldler konnte ihn nicht so einfach aus dem Gelichgewicht bringen.
Auf der anderen Seite des Raumes war Anna gerade dabei gewesen, Myers nachzusetzen, doch die unheimliche Gestalt hatte sich rasch in die Dunkelheit zurückgezogen und nachdem das Messer noch einmal verräterisch aufgeblitzt war, hatte die Jägerin den maskierten Killer aus den Augen verloren. Knurrend hielt sie ihre Axt bereit, während sie auf den nächsten Angriff wartete.
Stöhnend drückte sich Sally von dem Krankenbett weg und humpelte auf zitternden Beinen über den glatten Boden. Auch wenn der stattfindende Kampf zwischen den Monstern einen höllischen Lärm verursachte, so versuchte sie trotzdem selbst jeden Ton zu vermeiden. Ihr Ziel war es, an Freddy, der immer noch von Lisa beschäftigt wurde, vorbei zu schleichen und die Janusmaschine zu deaktivieren.
Die Hexe hatte sich wie Myers in den Schutz der Schatten begeben, doch ihre glitzernden Augen verrieten ihre Position. Aus der Finsternis heraus starrte sie Freddy bedrohlich knurrend an, während sich Sally hinter ihm vorbeischlich. Jeder normale Mensch wäre wohl vor Lisas glühenden Augen davongelaufen. Doch Freddy bewegte sich keinen Zentimeter.
Wütend spielte er mit den Fingern seiner rechten Hand und ließ die langen Klauen über den metallenen Rahmen Krankenbetts fahren. Ein lautes Kreischen schoss durch den Raum und orange Funken zuckten durch die Luft. Dann ging er, vollkommen fixiert auf die Hexe, zum Angriff über.
Lisa war klar, dass sie keine Chance hatte, doch sie musste Freddy auch nicht besiegen. Sie musste ihn nur lange genug hinhalten, sodass Sally ungestört gegen die Janusmaschine vorgehen konnte. Mit einem gewagten Sprung brachte sie sich abermals außer Reichweite der grausamen Krallen.
Ein dumpfes Pochen ertönte und als Sally im Laufen den Kopf drehte, erkannte sie, dass Max Leatherface soeben zu Boden geworfen hatte. Rumpelnd krachte der dicke Killer mit dem Rücken auf die harten Fliesen und sein verbleibender Arm knallte dermaßen hart gegen die Oberfläche, dass ihm sein Hammer aus den Fingern gerissen und quer durch den Krankensaal geschleudert wurde. Er flog knapp an Sally vorbei und verschwand irgendwo in der Dunkelheit.
Anna knurrte derweil immer noch in die Finsternis und erst im letzten Moment bemerkte sie die blitzartige Bewegung zu ihrer Linken. Erneut ging Myers mit erhobener Klinge gegen sie vor und Sallys Herz setzte einen Schlag aus, als sie sah wie Anna ihre Hand nach oben riss und nach dem Unterarm ihres Angreifers langte.
Mit aller Kraft blockte sie den Schlag ab, während sie gleichzeitig ihre eigene Waffe nach vorne riss, die allerdings in einem ähnlichen Manöver ebenfalls gestoppt wurde. Das Resultat waren zwei ineinander verschränkte Kämpfer, die sich in einer Pattsituation befanden. Mit zitternden Armen rangen sie um die Oberhand.
Womit Myers jedoch offensichtlich nicht gerechnet hatte war, dass Anny plötzlich mit ihrem Kopf ausholte und ihre Stirn mit voller Wucht gegen sein Kinn krachen ließ. Sally hörte einen Kiefer brechen, als das Holz der Hasenmaske auf den weichen Latex traf. Ein dumpfes, schmerzerfülltes Stöhnen hallte durch den Saal.
Sally wanderte nun knapp an Freddy vorbei. Lisa wich erneut einer seiner Attacken aus und führte ihn damit direkt in die entgegengesetzte Richtung der Krankenschwester. Allerdings bewegte sie sich somit auf die anderen zu und vergrößerte die Gefahr, dass Freddy sich plötzlich entschied, einem seiner Schergen zu Hilfe zu eilen.
Als Sally sich vorsichtig umschaute, sah es jedoch auffallend gut für sie aus. Max hatte Leatherface gegen den Boden gepresst und bearbeitete ihn mit seinen Fäusten. Schimmerndes Blut spritzte über den Boden.
Gegenüber stolperte Myers wieder nach hinten und verschwand zum zweiten Mal in der Dunkelheit. Allerdings verzichtete Anna dieses Mal darauf, den nächsten Angriff einfach abzuwarten. In blinder Wut holte sie mit ihrer Axt seitlich aus und ließ sie auf gut Glück durch die Finsternis fahren. Sehr zu ihrer eigenen Überraschung blieb die Waffe auf halb Weg stecken und eine rote Blutfontäne ergoss sich scheinbar aus dem Nichts auf ihren Oberkörper.
Doch dann entdeckte Sally etwas, das ihren Atem stocken ließ. Außerhalb des Krankensaals, direkt an der Tür, näherte sich eine geduckte Gestalt. Sie trug eine rote Robe und hatte den Kopf hinter einer grässlichen Schweinemaske verborgen. Amanda befand sich genau im Rücken der Jägerin und ließ eine versteckte Klinge aus ihrem Ärmel fahren, während Anna ihre Axt zurückzog und man einen leblosen Körper zu Boden fallen hörte.
„ANNA!", rief Sally und streckte die Hand nach ihrer Freundin aus. Doch die Jägerin war dermaßen in ihrem Blutrausch gefangen, dass sie kaum merkte, was um sie herum geschah. Vollkommen unbewusst der lauernden Gefahr trat sie einen Schritt von der Dunkelheit zurück und wischte die Axt an ihrem Unterarm ab.
Lisa jedoch hatte den Schrei sehr wohl gehört. Sally befand sich genau in ihrem Blickfeld und als die Krankenschwester den Arm ausgestreckt hatte, war sie herumgeschnellt und hatte blitzschnell die Lage erfasst. Sie war nah genug an Anna, um sich Amanda noch rechtzeitig in den Weg zu stellen, während Freddy zu weit von ihr entfernt war, um sie an dem Manöver hindern zu können.
So schnell sie ihre Beine trugen hechtete Lisa nach hinten weg, während das Schwein am anderen Ende des Raumes dasselbe tat. Ihre Klinge schnitt pfeifend durch die Luft und zischte direkt auf Annas Rücken zu. Sally verfolgte die ganze Szene wie in Zeitlupe. Die Zeit schien sich zusammenzuziehen und sie sah bereits, wie sich das Metall in die Schulter der Jägerin bohrte.
Dann gellte ein Schrei durch die Halle zusammen mit dem Geräusch einer Klinge, die sich tief ins Fleisch einer lebenden Person bohrte. Anna wandte sich erschrocken um. Amanda hingegen suchte überrascht nach ihrem Gleichgewicht, bevor sie sich dem Körper zuwandte, der nun an ihren Arm genagelt war und ein leises Gurgeln von sich gab.
Dunkles Blut rann auf den Boden und sammelte sich dort in einer schnell größer werdenden Lacke. Lisas Beine zuckten unkontrolliert, doch ihre Arme schossen auf ein klares Ziel zu. Gnadenlos legte sie ihre Klauen um die Schultern der Angreiferin und klammerte sich an ihr fest, während diese versuchte, ihre Waffe aus dem Brustkorb der Hexe zu ziehen. Mit einem Zischen schoss Lisas Kopf nach vorne und bevor Amanda sich wehren konnte, bohrten sich die Kiefer des alten Weibs in ihre Kehle. Ein weiterer, erstickter Schrei gellte durch die Luft. Dann fielen beide regungslos zu Boden
Sally versuchte zu realisieren, was soeben geschehen war. Ihr Blick wanderte kurz zu Anna, die ebenfalls regungslos und entgeisterten an Ort und Stelle verharrte. Dann entdeckte sie jedoch Freddy, der sich bei ihrem Schrei umgedreht hatte und sie nun direkt anstarrte.
Meg hörte eine Klinge heranzischen. Ihre Augen waren immer noch auf den Ausgang fixiert. Es waren keine fünf Meter mehr, doch als der schneidende Ton in ihre Ohren sauste wusste sie, dass sie es nicht mehr schaffen würde.
Anstatt sich ihrem Schicksal zu fügen, warf sie Thermite in einem letzten Kraftakt nach vorne und duckte sich selbst nach unten weg. Unbeholfen landete der Soldat auf allen vieren, während Meg dem todbringenden Angriff um Haaresbreite entging. Noch in der Bewegung erblickte sie die bleiche Fratze des Mädchens über sich. Ihre Haare wallten um ihren Kopf, als ihr ganzer Körper dem Hieb folgte und das Schwert mit einem ohrenbetäubenden Krachen in die Wand knallte.
Thermite stand kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren. Orientierungslos kroch er einen halben Meter weiter, bevor er sich unter Qualen zusammenkauerte und die Hände an seinen explodierenden Kopf presste. Meg hingegen schaute sich keine Sekunde lang nach ihm um. Stattdessen drückte sie sich hastig am Boden ab und mit voller Wucht rammte sie der Bestie, die von der unerwarteten Reaktion überrascht worden war, die Schulter in die Seite.
Ein Stöhnen wie aus einer anderen Welt hallte durch den Korridor. Das bleiche Mädchen wurde nach hinten weggeschleudert und krachte nun selbst gegen die harte Mauer. Anschließend ging sie halb zu Boden und fand sich auf den Knien wieder, wo sie einen Augenblick lang benommen verharrte.
Meg nutzte das Zeitfenster, dreht sich in einer Flut aus Adrenalin ertrinkend um, packte Thermite an den Armen und zog ihn vor Anstrengung stöhnend nach oben. Verzweifelt zerrte sie ihn weiter. Sie brauchte nur noch fünf Schritte, das war alles. Nur noch fünf.
Sally fuhr panisch herum. Sie begann zu rennen und hörte, wie Freddy hinter ihr ebenfalls die Beine in die Hand nahm. Sein tiefes Knurren drückte auf ihre Ohren und festigte in ihrem Kopf einen einzigen Gedanken: Er durfte sie nicht erwischen.
Im Halbdunkel erkannte Sally die Silhouette eines Krankenbettes. Ohne stehenzubleiben, griff sie mit der rechten Hand nach dem rollbaren Metallgestell und zog es ruckartig zur Seite, sodass es hinter ihr quer durch den Saal rollte. Es war kein wirksames Hindernis und Sally bezweifelte, dass es ihr viel mehr als eine einzige Sekunde bringen würde. Doch vielleicht war eine Sekunde alles, was sie benötigte.
In der Finsternis vor sich entdeckte sie das rote Blinken kleiner Lämpchen im Labor und aus der Bewegung zusammen mit ihrer Erinnerung über den Grundriss des Raumes, sowie der Position der Janusmaschine, konnte sie erahnen, wo sich ihr Ziel befand. Eine schwarze Silhouette hob sich gegen die roten LEDs ab. Es konnte sich nur um eines handeln.
Ihre Beine protestierten schmerzhaft und Sally verlor jegliches Gefühl in ihren Muskeln, während sich ihr Herz vor Erschöpfung stechend zusammenzog. Freddy stieß hinter ihr ein wütendes Brüllen aus. Kräftig und voller Zorn rammte er das Bett zur Seite und schleuderte es gegen die Wand.
Sally passierte derweil die Tür in das Labor und suchte sich ihren Weg durch die dunkle Kammer. Sie stieß mit der Hüfte an einen Tisch. Der Aufprall hätte sie beinahe zu Fall gebracht, aber Sally gab nicht auf. Hinter sich konnte sie bereits Freddys kratzenden Atem hören. Seine Schuhe knallten über den glatten Boden und der Ton hallte von den Wänden wieder.
Es war nicht mehr weit. Die Janusmaschine sonderte immer noch ein schwaches, blaues Leuchten ab, das ihre Position verriet und Sally war kaum noch eine Armlänge von ihr entfernt. Sie wusste nicht, wie sie die Maschine deaktivieren konnte. Sie wusste nicht einmal, ob es überhaupt möglich war. Ihre einzige Chance bestand darin, sich mit aller Kraft gegen die Janusmaschine zu werfen, sie umzustoßen und zu hoffen, dass der harte Aufprall genug Schaden anrichten würde, um sie zu zerstören.
Sally stieß einen Schrei aus und ohne wirklich zu sehen wohin sie sich warf, sprang sie nach vorne auf das blaue Schimmern zu. Ihre Hände legten sich auf eine metallene Oberfläche. Sie gab sofort nach und kippte zur Seite weg, gerade als Freddy mit seinem grausamen Krallenhandschuh zum Schlag ausholte.
Thermite spürte Megs Arme an seiner Schulter. Der Nebel hatte ihm alle Sicht geraubt und auch sein Gehör gab langsam aber sicher den Geist auf. Noch hörte er die die Fußschritte, das Keuchen und die panische Stimme seiner Tochter – seiner einzigen Tochter – die versuchte ihn aus dem Nebel herauszuführen. Doch wenn es ihr nicht bald gelang, so war sich Thermite sicher, würden sie sich niemals kennenlernen.
Meg zerrte ihn nach vorne. Er spürte, wie sie sich in den schwarzen Stoff seiner Kampfweste klammerte und ihn nach oben zog. Soeben hatten seine Hände noch den harten Boden unter den Fingern gefühlt. Dann stand er auf einmal wieder auf seinen Beinen und musste versuchen mithilfe eines schwindenden Gleichgewichtssinns die Orientierung zu behalten.
Thermite wusste kaum noch was geschehen war. Das schmerzhafte Surren in seinem Kopf erstickte jeden klaren Gedanken und ließ nichts zurück außer blinden Instinkten. Er musste überleben, so viel wusste er. Und er wusste auch, dass er es für Meg tun musste. Aber alles andere war im Moment zu unwichtig, um sich daran zu erinnern.
Dann legten sich plötzlich zwei Hände auf seinen Rücken und stießen ihn schwungvoll nach vorne. Thermite stolperte. Seine Füße verfingen sich und er fiel ein weiteres Mal vornüber, unfähig auch nur die leiseste Kontur seiner Umgebung zu erkennen. Doch gerade als seine Hände erneut auf den Boden auftrafen, kehrte seine Sicht zurück. Es fühlte sich an, als hätte jemand einen Stöpsel aus seinen Ohren gezogen und eine Fülle an Eindrücken prasselte auf seinen Verstand ein, während das qualvolle Surren in seinem Kopf blitzartig verschwand.
Thermite hörte jemanden rufen. Er drehte sich auf den Rücken und erstarrte angesichts der gigantischen Nebelwand, die sich vor ihm aufbaute. Undurchdringlich und uneinnehmbar schob sie sich nach oben, scheinbar bis an den Himmel. Dann erschien plötzlich eine Gestalt zwischen den finsteren Schwaden. Eine blitzende Klinge zuckte durch den Nebel und ein haarsträubender Schrei durchriss die Ruhe der Nacht.
„Ich glaube, er hat sich wieder ein Stück ausgebreitet."
Nervös zeigte Feng auf die Grenze des Nebels, der das zentrale Gebäude der Militärbasis gerade so umfasste. Ein leichtes Zittern hatte sich ihrer Finger bemächtigt, doch es war keineswegs kühl im nächtlichen Paris. Ihre Unruhe konnte also nur von Aufregung und Schock herrühren.
„Bist du sicher?", fragte Dwight. Er stand ein paar Schritte hinter ihr und hatte die Arme fest um Claudette geschlungen.
„Ja!", rief Feng verzweifelt. Ängstlich legte sie die Arme um den Oberkörper und richtete den Blick auf die dunklen Schwaden. Meg war immer noch nicht herausgekommen und auch von den Killern fehlten jede Spur. Warum dauerte das so lange? Irgendetwas musste sie aufgehalten haben.
„Ich habe unsere Teams alarmiert", hörte die kleine Asiatin Dokkaebi hinter ihrem Rücken murmeln. Sie sprach offensichtlich zu Six, die kaum aus dem Nebel entkommen und wieder bei Sinnen, sofort damit angefangen hatte, Befehle auszugeben und die Lage unter Kontrolle zu bringen. Feng war froh über ihre ungebrochene Haltung, doch im Moment brachte es sie keinen Schritt weiter
„Sie sind auf dem Weg hier her", berichtete Dokkaebi: „Alle. Sie werden in Kürze eintreffen."
„Sehr gut", knurrte Six. Allerdings gab sie auch keine weiteren Befehle aus, da ihr ganz einfach die Optionen fehlten. Baker war ihr dabei auch keine große Hilfe. Verwirrt stand er in der Gegend herum und wusste nicht recht, was er mit sich anfangen sollte. Der Schweiß auf seiner Stirn glitzerte im orangen Licht der Laternen.
„Kannst du nicht etwas unternehmen?", flüsterte Chloe Max zu. Die beiden standen etwas abseits und vor allem Max stand immer noch unter Schock. Ihre linke Hand war fest mit der Rechten des blauhaarigen Mädchens verschränkt und einen Augenblick später drehte sie ihr langsam den Kopf zu.
„Was?", fragte Max unsicher.
„Du weißt schon. Irgendeinen deiner Zeittricks. Bist du dir absolut sicher, dass du keine mehr hast?"
„Chloe, ich…" Max stammelte nervös vor sich hin und trat von einem Bein auf das andere. „Ja, ich bin sicher. Seit dem Sturm hab ich´s mehr als einmal versucht. Da ist nichts mehr."
„Wenn da nichts mehr ist, wieso bist du dann in diese ganze Freddy-Nebel-Killer-Scheiße so tief verwickelt?"
Chloe starrte Max argwöhnisch, beinahe herausfordernd an. Warum sie gegen Freddy immun gewesen war, wusste sie sich selbst nicht wirklich zu erklären, doch dass ihre Kräfte sie schon vor langer Zeit verlassen hatte, daran bestand kein Zweifel. Zumindest, wenn es um ihre aktiven Fähigkeiten ging.
„Keine Ahnung"
Max schüttelte den Kopf. Chloe erkannte, dass sie mit ihren Worten nur noch mehr Druck auf Max geladen hatte und eilig legte sie einen Arm um die Schulter ihrer ältesten und besten Freundin.
„Verdammt, aber was solls. Sie werden´s schon schaffen."
In der Ferne war das Knattern eines Hubschrauberrotors zu hören, wenig später übertönt von den quietschenden Reifen eines schweren Militärtrucks, der auf den großen Exerzierplatz vor der Basis einbog. In einem waghalsigen Manöver raste er auf die Gruppe der Entflohenen zu und noch bevor das gepanzerte Fahrzeug vollständig zum Stehen gekommen war, sprangen bereits mehrere bewaffnete Personen auf den rauen Asphalt.
Feng erkannte jene Frau, die sich Ying nannte. Hinter ihr folgten ein grimmiger Franzose der GIGN und ein vermummter Russe. Ihre Stiefel schickten ein hallendes Echo durch die Luft. Kurz darauf wurde das Geräusch jedoch in einem gebellten Befehl erstickt, dem Feng allerdings kein Gehör schenkte. Was wollten die Soldaten schon großartig anstellen?
Ein zweiter Wagen, gefolgt von einem dritten fuhr mit vollem Karacho über den Platz, bremste gleich hinter dem ersten und entlud seinerseits ein kleines Team in die dunkle Nacht. Alle hielten sie ihre Waffen im Anschlag, doch keiner wusste so recht, auf was er zielen sollte. Der Nebel war kein Feind, der mit bloßer Gewalt bekämpft werden konnte.
„David!"
Feng drehte sich nun doch um, als sie eine vertraute Stimme hörte. Hinter einem der größeren Kämpfer, dem mit dem massiven, ausklappbaren Schild, kam Nea zum Vorschein, die zwischen all den Elitesoldaten wie ein Zwerg aussah. Eilig hastete sie zwischen ihnen hindurch, bevor sie David in die Arme fiel.
„Was zum Teufel ist passiert?", rief die Schwedin, kaum dass sich die beiden wieder voneinander gelöst hatten. „Fuck, ich dachte die Basis wäre sicher."
„Dachten wir auch", knurrte David durch seinen Bart hindurch: „Keine Ahnung, aber irgendetwas hat die ganze Scheißbude in den Nebel eingeschlossen. Wahrscheinlich war´s die verdammte Janusmaschine. Meg ist immer noch da drinnen."
„Habt ihr sie nicht mitgenommen?"
„Eigentlich schon", antwortete David und kratzte sich verlegen am Kinn: „Wir haben erst gemerkt, dass sie nicht mehr hinter uns war, als wir schon hier draußen waren."
„Dann müssen wir zurück hinein", rief Nea: „Kommt schon, wir können doch nicht…"
„Unter keinen Umständen!", unterbrach sie Six aus einigen Metern Entfernung. Mit ein paar wenigen Schritten brachte sie die Distanz hinter sich und baute sich vor Nea auf.
„Hier geht niemand mehr nirgendwo hin, solange ich es nicht so anordne. Ihr habt bereits genug Schaden angerichtet."
Mit diesen Worten wandte sie sich wieder ab und Nea blieb fassungslos zurück, den Mund weitoffenstehend und aus Empörung jeglicher Worte beraubt. Sie wollte der Kommandantin gerade nachsetzen, als David ihr eine Hand auf die Schulter legte und den Kopf schüttelte. Die Operatoren rund herum schienen ebenfalls nicht begeistert von der ganzen Sache zu sein. Misstrauisch beäugten sie die Überlebenden.
„Sollte dieser Nebel sich auflösen", rief Six mit erhobener Stimme sodass sie jeder hören konnte: „Will ich, dass jeder, der in dem Gebiet gefunden wird, sofort unter Kontrolle gebracht wird. Jede Maßnahme ist autorisiert."
Nach und nach trafen nun auch die restlichen Teams ein. Feng entdeckte Twitch und Pulse, zusammen mit dem hochgewachsenen Schotten, der einen Vorschlaghammer auf dem Rücken trug. Sein Name war ihr entfallen. Es kümmerte sie auch nicht. Mit jeder verstreichenden Sekunde, in der absolut gar nichts passierte, rankte sich ein weiterer Tentakel der Angst um ihr Herz. Angst um Sally und Angst um Meg. Was, wenn Freddy sie erwischt hatte?
Doch dann hallte plötzlich ein dumpfes Geräusch über den Nachthimmel. Es klang wie weit entfernter Donner, doch es schien aus dem Nebel zu kommen. Ein Ruck ging durch alle Anwesenden und die Soldaten brachten reflexartig ihre Waffen in Anschlag.
Dann riss der Nebel auf einmal auf. Die dunklen Schwaden drifteten auseinander und hinter ihnen kamen die Mauern der Basis zum Vorschein, unversehrt und unberührt, ganz so, als ob nie etwas gewesen wäre. Binnen weniger Sekunden hatte sich die Nebelwand aufgelöst und künstlich Licht fiel auf die eben noch ummantelten Gebäude. Der Nebel war fort.
„Los!", kommandierte Six und machte eine ausholende Handbewegung. Die Operatoren setzten sich sofort in Bewegung, drängten auf den Eingang zu und traten gewaltsam die Tür ein. Die Überraschung vom plötzlichen Verschwinden des Nebels hinderte sie in keiner Weise daran, ihren Befehlen unverzüglich Folge zu leisten. Sie waren trainiert worden, in jeder Situation kühl und berechnend zu bleiben, egal wie aussichtslos die Lage auch scheinen mochte.
Feng trat eilig zu Seite, als der russische LMG Schütze Tachanka an ihre vorbeistampfte und sein Team direkt auf die Basis zuführte. Unter all dem Lärm, den die vorrückenden Soldaten verursachten, überhörte sie zunächst die schwachen Rufe, die in der Ferne durch die Finsternis brachen. Dann wurden sie jedoch immer lauter und im selben Moment drehte ein gutes Dutzend der Anwesenden die Köpfe.
Wenig später tauchte eine Silhouette am unteren Ende der Mauer auf. Sie warf einen langen Schatten über den Boden, der immer kürzer wurde, als sie auf dem Weg in Richtung der Gruppe unter einer der Laternen hindurchlief. Sie bewegte sich humpelnd und schien etwas mit sich zu tragen.
„Hilfe!", hallte es wieder durch die Nacht: „Sanitäter! Schnell!"
„Das ist Thermite", flüsterte Doc überrascht, doch er verlor keine Sekunde und setzte sich sofort in Bewegung. Dokkaebi folgte ihm und gemeinsam rannten sie dem ausgezehrten Amerikaner entgegen, während Feng beobachtend zurückblieb. Sie versuchte zu erkennen, was Thermite dort in den Armen hielt und einen kurzen Moment später entdeckte sie, dass es sich um einen leblosen Körper handelte. Eine dunkle Flüssigkeit rann über seine Hände, tropfte auf den Boden und zog eine lange Spur. Es war Blut. Und außerdem war da ein roter Haarschopf. Claudette sprach schließlich mit zitternder Stimme aus, was sie alle befürchteten.
„Ist das Meg?"
