Der Wahnsinn setzte sich in Severus privater Unterkunft fort. Hermine begutachtete die ersten Minuten lange den Innenraum und strich mit ihren Fingern andächtig um die unzähligen Bücherrücken die in den weitläufigen Regale penibel geordnet waren. Severus beobachtete sie und dachte zum ersten mal, dass er eigentlich gar nicht so unglücklich über ihre Anwesenheit war wie er sich immer eingeredet hatte. Damit meinte er nicht nur ihre Anwesenheit in seinen Räumen, die zugegebenermaßen mehr als ungewohnt war, sondern auch ihre Anwesenheit in diesem Schloss und damit in seinem Leben. Er fühlte sich beinahe wohl und erkannte, dass er sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten einmal nicht einsam fühlte. Und so ungewohnt und neu das Gefühl auch war, er genoss es.
Er schüttelte über sich selbst den Kopf und schob seine auf einmal überschwänglichen Gefühle auf den Alkohol den er dummerweise noch immer mit ihr trank.
Mit jedem Glas verloren die Gespräche immer mehr an Sinnhaftigkeit doch weder Severus noch Hermine störten sich daran. Was für Außenstehende ein seltenes Spektakel sein müsste, war für beide eigentlich völlig normal. Zwar ertrank Hermine ihren Kummer und ihre Anspannung nicht annähernd so oft wie Severus, doch sie musste zugeben, es hatte durchaus etwas befreiendes. Während sie in ihrer Vergangenheit eher in einem Strudel des Selbstmitleids verfiel und mit nichts als einem faden Geschmack im Mund und Kopfschmerzen aufwachte, so war es etwas ganz anderes in Gesellschaft zu trinken. Vor allem dieser Gesellschaft. Sie konnte es selbst nicht glauben aber Severus gelang es nicht nur sie zur Weißglut zu treiben, er schaffte es auch ohne Mühe sie zu beruhigen. In seiner Anwesenheit hatten die finsteren Gedanken und Zweifel die sie so oft quälten keinen Platz in ihrem Kopf. Nicht anders erging es Severus. Ihre Anwesenheit vertrieb seine Sorgen und seine dunklen Erinnerungen. Und das war etwas, was vermutlich noch niemand von sich sagen konnte. Niemand außer Lily. Nur hatte er sich mit dieser nie heillos betrunken.
Severus ließ seinen verklärten Blick über Hermine schweifen und stellte mit mildem Entsetzen fest, dass sie tatsächlich absolut nicht unansehnlich war. Natürlich lag diese Feststellung nicht am Whiskey, doch die Tatsache, dass er sich diese eingestand, sehr wohl.
Sie hatte eine schlanke und athletische Statur und ihre unbändige Haarpracht hatte sich zu haselnussbraunen lockigen Wellen gewandelt. Seine Sticheleien aufgrund ihres Gewichts fanden rein darin ihren Ursprung, dass er einfach nichts fand was er kritisieren konnte und es ohnehin offensichtlich war, dass sie absolut keinen Gedanken daran verschwenden brauchte was und wie viel sie zu sich nahm. Allein diese Erkenntnis sollte ihm schon den Hinweis geben, dass vielleicht doch mehr dran war als eine bloße Kollegenschaft. Doch so brillant Severus auch war, so sah er den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Die Intelligenz und der Wissensdurst ihrer Jugend funkelten selbst nach all den Jahren immer noch in ihren Augen, doch trugen diese auch eine für ihr junges Alter untypische Weisheit und Wehmut mit sich.
Severus wusste genau in diesem Moment, dass er mit niemand anderes hier sitzen wollen würde.
Hermine bemerkte seinen Blick und musterte ihn mit dem selben Interesse. Ertappt spürte Severus wie seine Ohren rot wurden und er schickte ein Stoßgebet in Richtung Himmel, dass sie es nicht bemerken würde. Er wandte seinen Blick sofort ab und starrte stattdessen auf ihre Füße vor ihm. Die Selbstsicherheit die ihm der Alkohol spendeten schienen wie weggeblasen und er fühlte sich auf einmal fürchterlich unsicher.
Hier saß er, ließ seinen Blick schamlos über sie gleiten und wusste nicht einmal ob sie nicht jemanden hätte, der viel mehr ein Recht darauf hatte. Sie erwähnte nie einen Partner, aber Severus hatte auch noch nie gefragt. Er hatte auch nie einen Grund dazu und war sich auch ziemlich sicher, dass sie ihm nicht geantwortet hätte. Doch der Whiskey schien seine Scheu erneut verschwinden zu lassen denn er atmete tief ein und fragte ganz beiläufig: „Muss man eigentlich einem Mann Beileid wünschen der Sie ertragen muss?"
Hermines Augen glitzerten mit etwas, was Severus nicht zuordnen konnte und seine eigene Unbeholfenheit traf ihn wie ein Zug. Was redete er da? Er bemerkte das Lallen in seiner Stimme und stöhnte innerlich auf. Konnte man sich noch lächerlicher machen?
Sie schüttelte mit einem schiefen Grinsen den Kopf und Severus beschlich das ungute Gefühl, dass sie sehr genau wusste was er dachte. Er wandte erneut seinen Blick ab und presste seine Lippen aufeinander bevor er noch etwas Dummes sagen konnte.
Auf einmal bewegte sie sich und als Severus aufsah, sah er, dass sie ihn mit ihren Augen regelrecht fixiert hatte. Wie ein Raubtier näherte sie sich ihrer Beute, langsam und bedacht- zumindest soweit wie es der Alkohol in ihrem Körper zuließ. Schließlich war sie direkt vor ihm und Severus starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Er war hin und hergerissen, einerseits wollte er sie fragen was sie da eigentlich tat und andrerseits befahl ihm sein Körper still da zu sitzen und abzuwarten. Schließlich hatte der Alkohol sein übriges getan und Severus verharrte still und abwartend in seinem Polstersessel. Er hatte eine dunkle Ahnung was nun passieren würde, doch er konnte es einfach nicht fassen. Doch es geschah.
Beinahe in Zeitlupe beugte sich Hermine zu ihm hinunter und war schließlich so nah, dass Severus den süßlich scharfen Geruch von Alkohol in ihrem Atem riechen konnte. Bevor er weiter reagieren konnte, spürte er ihre weichen Lippen auf seinen und seine Augen schlossen sich automatisch. Er atmete ein und roch ihren Duft der eine Mischung aus Vanille, Waschmittel und etwas speziellem, unbekanntem war. Berauscht von dem Duft, dem Gefühl ihrer Lippen und schließlich dem Feuerwhiskey gab er sich dem Gefühl kampflos hin und seufzte als er ihre Zunge sanft Einlass erbat.
