„Wir müssen jetzt zuschlagen!"
„Die Zeit ist gekommen, Brüder. Zu lange waren wir untätig."
„Es ist zu früh. Wir sollten noch etwas warten."
Eine rege Diskussion entbrannte und der enge Raum wurde durch ein Stimmengewirr durchflutet. In dem schummrigen Licht saßen dunkel angezogene Gestalten. Viele hatten ihr Gesicht verhüllt, manche zeigten sich mit Absicht und andere saßen stumm in einer finsteren Ecke. Während vier Männer wild diskutierten, langweilte sich einer in der hintersten Ecke. Er gähnte und verdrehte dabei die Augen.
„Langweilst du dich etwa?"
„Du nicht? Seit Monaten dasselbe. Jedesmal das selbe Thema. Was für ein lächerlicher Haufen."
Er bemühte sich nicht einmal leise zu sprechen, doch es schenkte ihm niemand Beachtung.
„Das mag sein. Was schlägst du vor? Ein Frontalangriff der uns alle nach Askaban bringt?"
Der Spott war unüberhörbar. Viele störten sich an der Untätigkeit doch vergaßen scheinbar dabei das Risiko welches sie im Falle eines Angriffes eingehen würden. Ohne Frage würden sie sofort in Askaban landen. Das verkürzte Verfahren welches sie bekommen würden, hätte von Vorhinein nur ein Urteil. Schuldig. Lebenslang.
„Ein Angriff? Nein. Noch nicht. Wir brauchen mehr Leute."
„Und woher willst du die bekommen?"
Auf einmal verstummte der Raum und alle Augenpaare waren auf ihn gerichtet.
„Wo sie es niemals erwarten würden. Hogwarts."
Am nächsten Morgen erwachte Severus mit einem nervtötenden Pochen in seinen Ohren. Ächzend griff er sich an den Kopf und verzog angewidert sein Gesicht. Der Geschmack in seinem Mund war eine obskure Mischung aus verbranntem Essen und Verwesung. Seine Zunge fühlte sich pelzig an und er verfluchte sofort seine Dummheit des gestrigen Tages. Warum war er so ein stolzer Idiot. Er war nicht mehr 25 Jahre alt, er konnte sich nicht einfach betrinken und am nächsten Tag wie neugeboren aufwachen. Severus warf seine Beine über die Bettkante und griff in die Schublade seines Nachtkastens. Mit zitternden Händen öffnete er eine kleine Phiole und leerte den Inhalt in einem Zug herunter. Der Geschmack stieß ihn sauer auf und Severus hatte mühe sich nicht zu übergeben. Bedächtig taumelte er in sein Badezimmer und wagte es in den Spiegel zu sehen. Er seufzte.
Er sah definitiv so aus wie er sich fühlte.
Nach seinem Morgenritual überlegte er kurz ob er das Frühstück einfach auslassen sollte. Zumindest war es Samstag und er konnte sich den gesamten Tag in seinen Gemächern verstecken. Aber der Gedanke daran, dass Hermine triumphierend ihre lächerlich große Frühstücksportion in sich hinein schaufelte, trieb ihn schließlich hinaus. Hermine.
Die Erinnerung traf ihn wie ein Blitz. Wie konnte er das vergessen. Die Bilder von letzter Nacht, das Gefühl von ihrem Mund, ihren Händen, ihrem Körper und, wie könnte er das vergessen, den unwiderstehlichen Geräuschen die sie machte wenn er sie angriff, tauchten nach einander vor seinem inneren Auge auf. Severus raunte. Sein Kopf dröhnte trotz seines Trankes und er griff sich an die Stirn. Wie zum Teufel sollte er sich jetzt verhalten.
Was könnte er zu ihr sagen. Sollte er es ansprechen oder vielleicht darauf hoffen, dass der Alkohol ihr Gedächtnis gesäubert hatte. Severus wollte es sich nicht eingestehen, aber die Vorstellung, dass Hermine den gestrigen Abend vergessen haben könnte traf ihn mit mehr Schmerz als er gedacht hätte. Es war nicht nur sein Stolz der verletzt war, er gab es nicht zu, aber sein Herz schmerzte ebenfalls. Unsinn. Severus schüttelte den Kopf. Er war nicht verliebt und Schluss. Es war eine hitzige, alkoholische Aktion gewesen, die mit Sicherheit nicht mehr vorkommen würde.
Langsam zog er sich an und versuchte sich so gut wie möglich präsentabel zu machen. Vergebens.
„Guter Gott Severus, wie siehst du denn aus?"
Die Schulleiterin sah Severus entgeistert an, dieser warf ihr lediglich einen mürrischen Blick zu und setzte sich auf seinen Platz.
Der Platz neben ihm war frei und ihm schossen tausende Gedanken durch den Kopf. Was wenn sie ihn mied, was wenn ihr etwas passiert war, was wenn es ihr schlecht ginge, was wenn-
„Guten Morgen!"
Severus Gedanken wurden je beendet als das Zentrum seiner Überlegungen sich in den freien Sessel fallen ließ. Als er sie ansah, verfinsterte sich seine Laune sofort.
Sie sah genauso aus wie gestern. Keine Augenringe, kein blasses Gesicht, keine nach unten gezogenen Mundwinkel. Sogar ihr Haar warf sich wie immer in großen Locken ihren Rücken hinunter. Sie bemerkte seinen Blick und sah ihn herausfordernd an.
Er suchte verzweifelt nach einer Beleidigung doch ihr Anblick war zu viel. Sie ließ diese Gelegenheit natürlich nicht aus.
„Sie sollten wirklich besser auf sich Acht geben, in Ihrem Alter kann so etwas gefährlich werden."
Minerva schaute argwöhnisch zwischen den Zweien hin und her und wagte es schließlich nicht einmal zu mutmaßen was am gestrigen Abend passiert sein könnte.
Severus verdrehte lediglich seine Augen und widmete sich seinem Essen. Er wusste nicht was ihn mehr ärgerte, dass sie so frisch aussah, dass er so aussah wie er sich fühlte oder, dass sie ihn wieder Siezte. Er ließ sich nichts anmerken und entschied, dass er sie am besten ignorieren sollte. Hermine hatte anscheinend so viel Mitleid mit seiner zerstörten Erscheinung, dass sie ihn in Ruhe ließ. Das wiederum ärgerte Severus noch mehr. Verstimmt stocherte in seinem Essen herum und versuchte vergebens seine Gedanken von der vergangenen Nacht fernzuhalten. Was natürlich ein unmögliches Unterfangen war, da er sofort den Duft von Vanille und Hermine in seiner Nase hatte. Er hielt die Luft an. Warum roch sie so gut. Schließlich gab er sich geschlagen, stand auf und verließ mit großen Schritten die Halle. Ein paar Schüler weichten dem mürrischen Professor nicht schnell genug aus und Severus zog bei seinem Weg in sein Quartier insgesamt 40 Punkte von diversen Häusern ab. Darunter sogar sein eigenes. Severus hatte keinen Nerv mehr. Er war eindeutig zu alt für das alles. Das beste wäre, er würde Hermine aus seinem Gedächtnis streichen und sie fortan ignoriere.
Die Idee an sich, war womöglich nicht schlecht, doch dir Umsetzung war schier unmöglich. Nicht genug, dass Severus Hermine ungewöhnlich oft begegnete, was wenn er so darüber nachdachte kein Zufall sein konnte, nein sie vereinnahmte auch seine Gedanken und Träume. Anfangs war er sich sicher, dass dieser Umstand nur temporär wäre, und wenn genug Zeit vergangen wäre, würde sie wieder so schnell aus seinem Leben verschwinden wie sie sich hineingeschlichen hatte. Doch, nach einigen Wochen saß er in seinem Polstersessel, starrte mürrisch in das Kaminfeuer und verfluchte sämtliche Grangers dieser Welt und das Schicksal im Allgemeinen. Kein Zauber, kein Trank, keine Strategie vermochte es diese Hexe aus seinen Gedanken zu verbannen. Es war hoffnungslos. Wenn sie ihn wenigstens ignorieren würde, diese Situation könnte er bewältigen, diese Situation kannte er von seiner Jugend. Er war jahrelang verliebt in Lily während sie ihn links liegen ließ. Den Schmerz kannte er bereits und wenn er es damals überlebt hatte, würde er es wieder überleben. Aber diese braunhaarige Hexe dachte nicht im Traum daran Severus in Frieden leiden zu lassen. Im Gegenteil, sie konfrontierte ihn wo es nur ging. Egal wo er war, egal in welcher Gesellschaft oder zu welcher Uhrzeit, sie ließ keine Gelegenheit aus ihn zu herauszufordern. Und natürlich ging er jedes verdammte mal auf ihre Sticheleien ein. Wann hatte sie seinen Part übernommen. Severus seufzte. In Wahrheit hatte er keine Chance. Sein Herz schlug für Hermine Granger, und es gab nichts was er dagegen tun konnte. Er war verloren.
