Severus erwachte am nächsten Morgen in der selben Position wie damals als er nach dem zweiten Saufgelage mit Hermine aufwachte. Während er rücklings auf seinem Bett lag und versuchte das Jucken seiner Nase mit der schieren Kraft seiner Gedanken zu lindern, schlief Hermine tief und fest mit dem Kopf auf seiner Brust und umschlang ihn mit einem Bein und einem Arm. Er bewegte sich soweit es Hermines Griff zuließ und wunderte sich, wie sie im Schlaf so eine Körperspannung besitzen konnte. Schließlich bewegte sie sich und wachte mit einem lauten Gähnen auf. Sie streckte sich und sah Severus mit verschlafenen Augen an. Dieser erwiderte ihren in seinen Augen unwiderstehlichen Blick mit einem zaghaften Lächeln und betrachtete ihre wilde Mähne die sich über ihre nackten Schultern ergoss. Er spürte das bekannte Ziehen in seinem Bauch und strich ihr vorsichtig mit einer Hand über den Rücken. Er fuhr sanft die feinen Linien nach die ein wütender Zauber auf ihr hinterlassen hatte und verfluchte insgeheim den Magier der es wagte ihr etwas anzutun. Gleichzeitig empfand er auch eine Wut gegen sich selbst, dass er nicht da war um sie zu beschützen. Dass er nutzlos am Boden der heulenden Hütte lag und auf seinen Tod wartete. Und wie das Schicksal so spielte war es sie die ihn gerettet hatte. Gerade sie. Hermine schloss ihre Augen und gab ein leichtes Knurren von sich, welches durch ihren Oberkörper vibrierte. Als sie ihre Position änderte sah er den leicht rötlichen Schriftzug „Schlammblut" auf ihren Unterarm und erstarrte in seinen Bewegungen. Seine Hand glitt langsam zu der Narbe und er fuhr mit seinem Daumen über die noch immer unebenen Ränder. Er hatte Bellatrix damals damit prahlen hören doch er hatte immer angenommen, dass es wie immer eine peinliche Übertreibung war. Doch er wusste auch, welch Schaden dieser verfluchte Dolch von ihr anrichten konnte. Narben die nie verheilten, Schmerzen die nie verschwanden. Noch dazu so ein Wort. Das Wort was er am meisten hasste. Er zuckte innerlich jedesmal zusammen wenn er es hörte. Und nun sollte es ihn auf ewig anstarren, gerade auf der Person die er am meisten liebte. Vielleicht eine Ironie des Schicksals, dass das eine Wort welches seine erste Liebe vernichtet hatte nun auf seiner letzten eingraviert war. Severus bemerkte ihren argwöhnischen Blick und ihm fiel auf, dass er wohl viel zu lange auf die Narbe gestarrt hatte. Er fuhr ein letztes Mal mit seinem Daumen über die ausgefransten Ränder und setzte seine Reise weiter fort. Schließlich gab es weitaus interessantere Dinge zu erkunden als Bellatrix Vermächtnis. Ja, der Abend verlief ganz nach seiner Zufriedenheit.
In den nächsten Wochen sollte sich herausstellen, dass Severus scheinbar doch ein Mann ist, der sehr wohl seine Gefühle zeigen konnte. Zumindest wenn er wollte. Und er bemerkte mit einem schmunzeln, dass er scheinbar seine verlorene Jugend nachholen musste. Die Besenkammern wurden für wilde Schmusereien benutzt die ihm eine Schamröte ins Gesicht trieben, in den Pausen zwischen den Unterrichtseinheiten blieb er selten alleine und auch die Nächte verbrachte er stets in ihrer Gesellschaft.
So viel Kontakt war für ihn mehr als ungewohnt und es machte ihm auch ein wenig Angst, auch wenn er das nie laut zugeben würde, doch Severus genoss jede Sekunde mit Hermine. Ihre Wortgefechte wurden natürlich weiterhin unerbittlich ausgeführt doch sie wurden stets mit einem Schmunzeln oder besser, einem Kuss, beendet. Severus konnte sagen, er war zufrieden mit seinem Leben. Bis zu diesen Morgen zumindest.
Wie immer saßen sie auf der Lehrertafel welche die Halle mit den lärmenden Schülern überschaute. Hermine stichelte gerade auf Severus ein und Minerva beobachtete das Paar belustigt. Sie bemerkte den Wandel sofort, Severus war wie neu geboren. Natürlich versuchte er sich im Unterricht nichts anmerken zu lassen, doch auch seine Schüler konnten den Wandel bemerken. Er zog weniger Punkte ab als sonst und seine Wutausbrüche waren beinahe komplett verschwunden.
Auf einmal flog ein Kauz über Hermine hinweg und ließ einen Brief in ihren Schoß fallen. Severus Augen zuckten neugierig und er versuchte so unauffällig wie möglich einen Blick zu erhaschen. Als Hermine den Brief vorsichtig öffnete verfinsterte sich ihr Blick schlagartig. Severus, der mürrisch feststellen musste, dass er absolut nichts entziffern konnte, sagte in einem gezwungen beiläufigen Ton „Was ist passiert? Bringt das Magische Mal Buch für freche Hexen und Zauberer keine neuen Ausmalbilder heraus?"
Er amüsierte sich kurz über seinen gelungenen Witz doch als er sah, dass Hermine ihn anscheinend nicht gehört hatte, zog auch er seine Brauen skeptisch zusammen. Was zum Teufel stand in diesem Brief? Und von wem war er?! Eine leichte Panik kroch in ihm herauf und er spürte sein Herz schneller schlagen.
Als er seine Neugier nicht mehr ertrug, stieß er sie leicht mit dem Ellbogen an. Hermine erwachte aus ihrer Starre und schaute ihn entschuldigend an.
„Tut mir leid, ich war abgelenkt. Ron..." Sie brach den Satz ab und widmete sich wieder dem unleserlichen Gekrakel den man unmöglich Schrift nennen kann.
Nun schrillten Severus' Alarmglocken auf. Was wollte dieser Idiot von ihr? War sie nicht klar genug gewesen. Ron und ich sind einfach nicht für einander bestimmt. Er hörte ihre Worte noch deutlich in seinen Ohren. Hatte sie das nicht auch dem rothaarigen Zauberer gesagt? Oder wollte er es noch einmal versuchen? Es wäre absolut typisch für sein Glück, dass sich nun dieser rothaarige unsensible Trottel zwischen Hermine und ihn stellt. Hermine schien Severus Laune zu bemerken und versuchte sich sofort an Schadensbegrenzung.
„Reden wir später darüber, ok?" Sie lächelte ihn leicht an und als er das Funkeln in ihren Augen sah, welches wohlgemerkt ihn immer an funkelte, atmete er erleichtert auf und nickte leicht.
Severus folgte Hermine mit großen Schritten. Obwohl sie ein ziemliches Tempo hatte, brauchte er sich dank seiner langen Beine nicht zu beeilen. Als sie in einen einsamen Korridor einbogen drehte sie sich zu ihm um und sah ihn ernst an. Severus Gesichtsausdruck wurde skeptisch. Er ahnte wie immer Böses doch er mahnte sich zur Geduld.
„Ron hat ein paar bedenkliche Dinge über eine Art neue Gruppierung herausgefunden. Er hat Harry scheinbar belauscht und dabei herausgefunden, dass sich dieses auch in Hogwarts etablieren will. Voldemorts Erbe nennen sich die Wahnsinnigen." Severus versuchte vergeblichst nicht bei der Erwähnung seines Namens zusammen zu zucken. Er war erleichtert, scheinbar waren seine Sorgen unbegründet."Außerdem...Ron will sich versöhnen. Er meint, dass ich ihm noch eine Chance geben müsse, allein schon wegen unserer Vergangenheit. Er hätte sich geändert und würde mich vermissen." Da war es. Er wusste es. Diese Ratte. Zuerst versuchte er sie mit nutzlosen Informationen zu ködern und dann appellierte er an ihr viel zu weiches Herz.
Severus versuchte etwas in Hermines Blick zu lesen doch er schaffte es nicht. Er atmete tief ein und fragte mit distanzierter Stimme „Und was meinst du?"
Hermine wandte ihren Blick ab und zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, ja es gibt Gerüchte und ja es diese Schmierereien tauchen immer wieder auf. Aber, dass jemand hier unter unserer Nase versucht eine zweite Todesser Armee aufzustellen halte ich schon etwas für unwahrscheinlich." Severus sah sie streng an, er wusste sie wollte dem Thema ausweichen. Schließlich knickte sie ein und seufzte „Ja wir haben eine Vergangenheit und ja ich vermisse ihn auch. Aber nur als Freund. Und ich glaube er vermisst mich ebenfalls als Freundin nur weiß er das noch nicht. Er verwechselt das."
Severus nickte langsam. Er wusste wie diese Geschichte enden würde. Sie würde zu dem Weasley gehen und er würde mit ihr eine wundervoll nostalgische Reise in ihre glückliche Vergangenheit machen. Sie würde sein dunkles Wesen vergessen und sein Ausflug in die Welt der „glücklichen" Liebe war beendet.
Hermine erschauderte beinahe vor Severus kaltem und abwesendem Blick. Von der Zuneigung und Wärme war nichts mehr zu sehen und sie wünschte sie hätte dieses Thema nie angesprochen und den Brief einfach erst in ihren Zimmern geöffnet. Severus wandte sich von ihr ab und blickte den leeren Korridor hinunter. Er hörte bereits eine lärmende Schülergruppe und er wollte vermeiden, dass diese auf dumme Gedanken kommen würden und Hermine und er womöglich das Schulthema wären. Er atmete tief durch und drehte sich um. Als er ging warf er noch einen Blick über seine Schulter zu. „Tu was du tun musst."
Mit den Worten verschwand er um die Ecke und ließ Hermine alleine.
Als er in seinen Quartieren saß und griesgrämig ins Feuer starrte, verfluchte er alles auf dieser Welt. Das erste Mal in seinem Leben, konnte sich Severus absolut nichts vorwerfen. Er war aus sich herausgegangen, er hatte sich geöffnet und bemüht. Alles umsonst. Ein Brief, eine Nachricht, ein Stück Papier zerstörte das, was er mit Mühe aufgebaut hatte. Er schwenkte sein unberührtes Glas Whiskey und dachte an den Abend in Rosmertas zurück. Er hatte noch nie so Spaß gehabt. Aber es half nichts, bevor er an eine Zukunft mit Hermine überhaupt denken konnte musste diese ihre Vergangenheit klären. Und wenn sie zu dem Schluss kam, dass sie ohne Ron nicht leben konnte, aber ohne ihn schon, dann würde er das niedergeschlagen, hasserfüllt und verbittert akzeptieren. Was blieb ihm anderes übrig. Voldemorts Erbe. Was für ein Schwachsinn. Dieser Weasley wollte nur ein Einstiegsthema haben mit dem er Hermine locken konnte. Warum sollte ihn dann niemand informieren. Warum sollte die Regierung still und heimlich eine neue Gruppierung zu lassen. Es ergab keinen Sinn. Und dann auch noch der Blödsinn, dass sie in Hogwarts waren. Wo waren sie bitte.
Als er am nächsten Morgen alleine an der Tafel saß und hörte, dass Hermine kurzfristig abgereist war und erst am Ende der Woche wiederkam, sank er innerlich zusammen. Sie war gegangen. Zu ihm zweifelsohne. Er hatte es zwar zu ihr gesagt, aber dass sie es einfach so tat ohne irgendetwas zu sagen, damit hatte er nicht gerechnet. Vielleicht hätte er das sofort im Keim ersticken sollen. Er hätte den Kauz vom Himmel holen und den Brief sofort vernichten sollen. Jetzt konnte er nur sitzen und warten. Wenn sein Traum tatsächlich vorbei war, würde er damit Leben müssen. Er war schon einmal allein, er hatte schon einmal eine Liebe wegen eines anderen Mannes verloren, er würde es wieder überleben.
