Severus starrte auf den Schriftzug. Sein Gesicht sollte hasserfüllt sein, seine Fäuste geballt und seine Augen sollten voller Wut funkeln doch er starrte völlig teilnahmslos auf die leicht verrinnenden Buchstaben. Wie er dieses Wort hasste. Hassen war untertrieben. Er hatte keine Worte für seine Gefühle. Hermine starrte ihn mit zusammengezogenen Brauen besorgt an. Er hatte sich seit Minuten nicht bewegt. Er hatte nichts gesagt, er hatte überhaupt nicht reagiert. Minerva diskutierte mit Slughorn, Filch machte keifend ein paar schaulustige Schüler gängig und das Medium Trelawney prophezeihte schwierige Zeiten. Hermine musste unweigerlich schmunzeln und wollte gerade einen amüsierten Blick mit Severus austauschen als sie seine Starre bemerkte. Sie wusste, dass er einen besonderen Bezug zu dem Wort hatte, doch sie hatte sich schon etwas anderes erwartet.

Als vor gut einer Woche das Wort „Verräter" über seinen Quartieren stand, war er beinahe unbeteiligt. Er hatte es mit einem Wisch seines Zauberstabes verschwinden lassen und musste sie im Anschluss sogar beruhigen. Doch nun stand in dicken fetten Buchstaben das Wort „Schlammblut" an der Wand zu ihren Quartieren und er stand unter Schock. Sie tat es sofort als Streich oder Mutprobe ab doch es schien als ob er das wesentlich ernster nahm als sie.

Es wäre naiv zu glauben, dass nach dem Fall Voldemorts auch sein Gedankengut verschwunden war, somit waren solche Schmierereien zwar eine Unart jedoch keine Überraschung. Sie hatte sogar eigentlich damit gerechnet. Zugegeben, nicht gerade in Hogwarts, aber gut vermutlich waren genau junge Leute anfälliger für solchen Blödsinn als Erwachsene. Hermine hatte keine Ahnung wie Recht sie mit dieser Mutmaßung hatte.

Marcus betrachtete aus einer Ecke heraus das Treiben. Es war vielleicht nicht die größte Tat aber dennoch hatte er ein Zeichen gesetzt. Das Erbe würde stolz auf ihn sein. Die Schüler mit denen er gesprochen hatte, würden nun sehen, dass das nicht nur Hirngespinste waren. Als er seine Professorin sah, spürte er dennoch einen kleinen Stich. Er hatte ein schlechtes Gewissen. Er mochte sie, er hatte nichts gegen sie, sie war immer fair und nett zu ihm. Doch all das spielte keine Rolle, es ging um mehr als seine eigenen Gefühle. Er musste sich beweisen. Er musste zeigen, dass er verlässlich war, dass er es Wert war. Er konnte sich keine Schwäche leisten.

Nachdem Hermine die Schmiererei verschwinden ließ erwachte Severus schließlich aus seinem Schock. Er sah sie an und sie erschrak beinahe vor dem gefühllosen Blick in seinen Augen. „Ist alles in Ordnung?" Sie sprach schnell und mit leiser Stimme. Er nickte langsam und sie wandte ihren Blick ab. Die Kollegschaft diskutierte noch immer doch Hermine fühlte langsam das Gefühl der Frustration in sich aufsteigen. Sie wollte sich nicht mehr damit befassen. Sie konnte sich nicht mehr damit befassen. Es war ein Streich, nichts weiteres. Nun war er weg und damit sollte es getan sein. Warum sollten sie nach etwas suchen was nicht da war? Warum sollten sie in jede Kleinigkeit etwas hinein interpretieren? Sie war wahrlich lange genug auf der Flucht und hat hinter jede Ecke Gefahr lauern gesehen, sie war müde. Sie war schlicht und einfach müde. Sie hatte genug vom Bösen. Und damit sie sich wieder mit dem befasste, musste schon mehr passieren als eine Schmiererei vor ihren Quartieren. Was noch viel wichtiger war, sie hatte Angst um Severus. Sie wusste sein Pflichtgefühl würde ihn wieder in eine Aufgabe treiben, die ihn verzehren würde. Er würde wieder suchen und alte Kontakte aufleben lassen. Er würde sich wieder in Gefahr begeben und sie verlassen. Nein. Hermine starrte wütend auf die Stelle wo der Schriftzug prangerte. Sie würde sich wegen diesem Wort nie wieder verrückt machen.

Der Zwischenfall hatte zur Folge, dass Minerva in jeder einzelnen Klasse eine dramatische und bewegende Rede hielt, die eher verängstigte als irgendjemanden aufzuklären und dass Severus Hermine nicht mehr von der Seite wich. Natürlich freute sie sich über jegliche Aufmerksamkeit, doch was zu viel war war zu viel. Er bestand darauf sie zu jedem ihrer Gänge zu begleiten und verfolgte sie sogar auf ihren Kontrollrunden. Schnell entlarvte sie seine neu gefundene Anhänglichkeit als Versuch sie zu beschützen und stellte ihn sofort zur Rede. Er tat es natürlich sofort ab und sagte sie leide an Verfolgungswahn, doch er konnte sie nicht täuschen.

Es war nicht so als ob er nicht glaubte sie könne sich verteidigen. Immerhin war sie monatelang auf der Flucht und konnte sich mehr als einmal erfolgreich gegen diverse Angreifer verteidigen. Und trotzdem, es war wie ein Zwang. Er musste sichergehen, dass es ihr gut ging. Er konnte sie in der Vergangenheit nicht beschützen doch nun war er hier. Nun war er hier. Er konnte sie beschützen. Er würde nicht nochmal den selben Fehler. Lily hatte er im Stich gelassen. Nun war es anders. Er würde sie nicht verlieren. Nicht solange noch Blut durch seine Adern floss.