Alltag. Severus fand den Gedanken mehr als amüsant. Es war beinahe schon obskur wie schnell sich die Menschen an Zustände, Bedrohungen oder Veränderungen gewöhnten.
Jeder Tag der verging, brachte mehr von dem Trott mit sich. Mehr von dem automatisierten Abläufen die die Menschen scheinbar so gerne hatten. Er sah sich selbst nicht über sie. Er war einer von ihnen. Er hatte sich an die Ungewissheit gewohnt, Hermine an den Verrat und Harry... Nein Severus konnte unmöglich sagen an was sich Potter gewöhnt hatte.
Es schien als würde sich Harry seinem Schicksal schon längst ergeben haben. Es war ihm scheinbar nicht bestimmt Ruhe zu finden. Durch seine Gespräche mit Severus, die dieser, auch wenn er diesen Gedanken tunlichst vermied, mit der Zeit sogar genießen konnte, war klar, welche gravierenden Folgen Rons Verrat hatte. Severus schnaube, er war sich sicher, dass der Weasley nicht mal annähernd wusste, was er seiner Familie angetan hatte. Der Name Weasley war nun auf ewig in den Dreck gezogen.
Ginny schien sich mehr und mehr von Harry zu entfernen. Hin und her gerissen zwischen ihrem Bruder, dem sie nicht vergeben konnte, und dem Mann, ihrem Mann, der ihn eingesperrt hatte und dem sie nicht vergeben wollte. Paradoxerweise war sie, wie auch die anderen Familienmitglieder der Meinung, dass man eine interne Lösung hätte finden können. Wie die aussah konnte sich Severus beim besten Willen nicht vorstellen. Doch er mahnte sich nicht zu vorschnell zu urteilen.
Er erinnerte sich an Narcissa's Liebe zu ihrem Sohn und ihre unglaubliche Akzeptanz für seine Fehler. Scheinbar war es eine Familienkrankheit zu nachsichtig zu sein. Aber vielleicht war es auch einfacher einen schuldigen zu suchen anstatt sich der unangenehmen Wahrheit zu stellen. Er wusste wenig von diesen Dingen. Er hatte keine Familie. Und er war auch nicht dafür bekannt nachsichtig zu sein.
Zumindest war er froh, dass die Dinge langsam wieder zur Normalität zurück fanden, zumindest soweit es die jüngsten Ereignisse zuließen.
Und gerade als Severus ein Gefühl der Dankbarkeit verspürte, traf der nächste Komet ein und erschütterte England.
„RONALD B. WEASLEY TOT IN ZELLE AUFGEFUNDEN!"
Nun war er sich sicher, Ron war nicht alleine. Er war scheinbar so gefährlich für seine Hintermänner, dass es zu riskant war ihn am Leben zu lassen. Doch wie hatte sich jemand in Askaban unbemerkt eingeschleust?
Hermine starrte emotionslos auf das Stück Papier auf dem die Schlagzeile thronte. Severus erschauderte beinahe als er ihre kalten Augen sah. Teilnahmslos trank sie ihren Tee und würdigte der Zeitung keines weiteren Blickes.
Harry Potter war am Ende. Seine Frau war ausgezogen, der Verlust traf sie zu tief um noch länger für den, wie sie fand, Verantwortlichen unter einem Dach zu wohnen. Er war alleine. Er verhörte sämtliche Auroren welche in Askaban Dienst hatten, sprach mit jedem Hauselfen der an dem grauenhaften Ort arbeitete, vergebens. Er ging die Liste der Besucher mehr Mals durch, doch nichts wirkte auffällig. Frustriert warf er die Unterlagen auf seinen Tisch und rieb sich die Schläfen. Er war so unglaublich müde und erschöpft.
Irgendwo konnte er Ron verstehen. Früher war es einfacher. Er wagte nicht das Gefühl des Verlustes zuzulassen. Die Weasleys hatten zwar einen Bruder und Sohn verloren, doch er verlor seinen besten Freund. Er fühlte sich so planlos. Er würde nichts lieber tun als in den Gemeinschaftsraum zu gehen, sich zwischen Hermine und Ron zu setzen und deren Geplänkel zuzuhören. Er würde einen Scherz machen und es wäre wieder in Ordnung. Sie würden über Snape lästern oder sonst etwas aushecken. Auf Harrys Gesicht formte sich ein Lächeln.
Snape.
Er musste erneut grinsen. Die Entwicklungen waren tatsächlich wie ein schlechter Scherz. Wie konnte das alles passieren, wie war ihm die Situation entglitten. Er musste sich wieder mit ihm beraten. Natürlich war das nicht der einzige Grund warum er alle Paar Tage das Granger/ Snape Heim betrat.
Die Gespräche waren auch eine Art Therapie für ihn. Er konnte offen und ehrlich sprechen. Natürlich erwartete er sich kein Mitleid oder sonstiges, dazu kannte er Severus schon zu gut. Aber gerade diese scheinbar stoische Art, heilte ihn. Sie war ehrlich. Sie täuschte kein Interesse vor. Und genau das schätzte Harry so an ihn. Er wusste stets woran er war. Er kam, trank etwas und wurde nachdem er sich ausgesprochen hatte und mit Smalltalk anfing sofort vor die Tür gesetzt.
Gerade als er sich zusammen packen wollte, klopfte es leise an seine Bürotür. Harry schnaubte entnervt, es war sicher wieder eine hirnlose Anfrage irgendwelcher Journalisten welche sich interne Informationen davon versprachen.
„Was."
Harry stand immer noch mit dem Rücken zur Tür.
„Hi, ich hoffe ich störe dich nicht?"
Überrascht drehte sich Harry um.
„Neville?"
