Harry starrte noch immer verdutzt auf die Person die sich vorsichtig durch den Türspalt zwängte. Er hatte Neville sicher schon seit Monaten nicht gesehen. Zugegeben, er hatte auch nicht gerade versucht den Kontakt mit seinem ehemaligen Schulkollegen zu halten. Umso überraschter war er nun ihn zu sehen.
Neville hatte sich zwar merkbar verändert, war doch in seiner Art gleich geblieben.
Hier und da funkelte der unsichere Tollpatsch in einer Geste oder Aussage durch.
„Und, wie läufts?"
Nevilles Frage klang derart gezwungen beiläufig, dass Harry unweigerlich lachen musste. Manche Dinge würden sich wohl nie ändern.
„Könnte besser sein."
Harry deutete mit einer ausladenden Geste auf den Stuhl ihm gegenüber und ließ sich dabei schwerfällig in seinen eigenen fallen. Seufzend fuhr er sich durch die ohnehin schon abstehenden Haare.
Die Dinge könnten tatsächlich besser sein.
Neville nickte langsam und blickte sich unsicher im Raum um. Nervös spielte er mir seinen Fingern.
„Gibts schon etwas neues wegen Ron?"
Harry blickte scharf auf. Natürlich war ihm bewusst, dass nicht nur ihn eine Freundschaft mit Ron verband. Es war also nur logisch, dass sich Neville für dessen tragisches Schicksal interessierte.
„Ehrlich gesagt, nein."
Wieder nickte Neville. Harry hatte so eine Ahnung, dass sein alter Freund ihn nicht nur wegen der einen Frage besucht hatte.
Aufmerksam beobachtete er ihn. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass Neville etwas sagen wollte.
„Weisst du etwas?"
Neville riss die Augen auf und starrte ihn an. Scheinbar hatte er tatsächlich ins schwarze getroffen.
Verlegen sammelte Neville etwas unverständliches.
„Was?"
„Ich weiß es nicht."
Harry lehnte sich in seinen Sessel zurück. Die Situation war schon seltsam. Er wusste nicht ob es an seiner Müdigkeit, dem leeren Haus welches in erwartete oder die späte Stunde war, aber seine Geduld war am Ende. Entnervt rieb er sich das Gesicht.
„Neville, nimms mir bitte nicht übel aber ich hab eine echt miese Woche hinter mir und bin müde. Also wenn es etwas gibt was du mir mitteilen möchtest, dann tu es jetzt."
Neville nickte verständnisvoll und kratzte sich am Hinterkopf.
„Also ich weiß nicht ob es relevant ist, aber mir ist noch etwas aufgefallen."
„Und das wäre?"
„Ich denke Severus hat mehr mit der ganzen Sache zu tun als er uns sagt."
Harry zog überrascht seine Augenbrauen hoch und blies entnervt einen Atemstoß aus.
„Nicht du auch noch."
„Ich will damit nicht sagen, dass er absichtlich in diese Sache verwickelt ist. Aber denk noch einmal darüber nach. Er war wirklich immer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort."
Harry sah ihn zweifelnd an.
„Du meinst also, dass der Mann sich einfach so etwas angeschlossen hat, was er Jahrzehnte lang bekämpft hat. Was beinahe sein Leben gekostet hat?"
Neville schüttelte rasch seinen Kopf.
„Nein, ich sage ja nicht dass er wissentlich mit drin hängt aber.. ach weißt du was, ich weiß eigentlich was ich sagen will."
Damit ließ er seinen Kopf hängen und mied Harrys Blick. Dieser sah ihn mitleidig an und atmete tief ein.
„Ich werde darüber nachdenken, aber nicht jetzt. Ich bin ziemlich fertig."
„Ja so siehst du auch aus."
Sofort hatte er sein Fettnäpfchen bemerkt und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Harry grinsste schief und erinnerte sich an einen anderen Freund dem es ebenfalls zeitweise an Takt gefehlt hatte. Sofort zog sich ein Innerstes zusammen. Er ließ es zwar nicht zu, doch der Verlust seines Freundes kroch in ihm hinauf wie Ameisen auf einen Hügel. Unweigerlich würde er sich damit auseinander setzen müssen. Und zwar mehr als durch seine Therapie Sitzungen mit Severus. Harry klatschte sich auf seine Oberschenkel und stand auf. Neville tat es ihm gleich und sie gingen langsam zur Tür.
„Es tut mir leid-"
„Ich weiß. Wir können gerne darüber reden, nur nicht heute. In Ordnung?"
Neville nickte schnell. Er sah Harry ein letztes mal an und verschwand genauso leise wie er gekommen war.
Harry seufzte. Er wollte zwar nicht nach Hause, doch es blieb ihm nichts anderes übrig. Allein der Gedanke an das leere Haus schauderte ihn. Er könnte bei Hermine schlafen. Und mit Severus reden. Sofort lachte er. Über was sollte er mit ihm reden- über Nevilles Verdacht? Sollte er ihn fragen was er davon dachte? Nein, nun konnte er nicht einmal dort hin. Harry fühlte etwas, was ihm lange erspart geblieben ist. Wie in seiner Kindheit. Er fühlte sich alleine.
