Die Gleichgültigkeit war so viel leichter zu leben als die unbändigen Gedanken die ihn gequält hatten. Hatte er vorher von oben herab die Gesellschaft verurteilt, so lebte er nun in seinem eigenen Trott.
Und er liebte es.
Hermine und er ergänzten sich unsagbar gut. Sie war ihm auf jeder Ebene ebenbürtig. Jedes Kommentar von ihm vermochte sie in Frage zu stellen, in jede Diskussion stieg sie mühelos ein und sie konnte sich unermüdlich mit ihm über absolut unnötige Dinge streiten. Es war perfekt.
Immer mehr geriet das Drama um Puglesby in Vergessenheit. Ron war nur mehr eine Erinnerung.
Die Welt drehte sich weiter.
Er wusste es war falsch, er wusste er sollte weiter suchen, weiter recherchieren. Aber sein jetziges Leben war einfach zu verlockend. Rückblickend hätte er schon viel früher etwas tun sollen.
Doch wer hätte auch gedacht, dass ausgerechnet er schon wieder als Verdächtiger aufschien?
Und noch dazu aufgrund eines Hinweises von ausgerechnet Neville Longbottom.
Severus schnaubte. Diesmal jedoch stand Hermine hinter ihm. Sie brachte Potter, den Jungen der lebte, beinahe um als er ihn fragte ob er etwas mit den Dingen zu tun hatte.
Severus musste sie tatsächlich beruhigen, eine Aufgabe der er nur zu gerne nachkam. Es gab nicht viele Menschen in seinem Leben die ihn verteidigt hatten, umso glücklicher war er, dass Hermine für ihn einstand.
Er selbst nahm es Potter übrigens nicht übel.
Ganz und gar nicht, eigentlich hatte er sogar damit gerechnet.
Warum auch nicht.
Er hasste Weasley. Er war sein Konkurrent, er raubte ihm seinen letzten Nerv, er wollte ihn verdammt noch mal umbringen. Und was viel schlimmer war- er wollte ihm Hermine wegnehmen.
Aber er hatte ihn nicht umgebracht. Natürlich war sein Tod kein großartiger Verlust für ihn.. oder für die Menschheit, doch er hätte ihn niemals umgebracht.
Nunja, niemals war ein zu starker Begriff.
Aber er hätte ihn bestimmt nicht im Askaban aufgesucht und ermordet.
Severus seufzte. Nun lag es an ihm seine Unschuld zu beweisen. Zwar bezichtigte ihn niemand einer Tat, doch das würde noch kommen, dessen war er sich sicher.
Die Welt wollte einen Schuldigen, einen Sündenbock den sie hassen können. Und aus seiner Vergangenheit wusste er wie ausgezeichnet er sich für so einen Posten eignete. Severus war seit dem er auf der Welt war der Schuldige, er hatte das Leben seiner Mutter zerstört, sie an einen gewalttätigen Mann gefesselt - und das allein mit seiner Existenz. Das war an und für sich auch schon eine Leistung.
Er war schuld wenn sein Vater trank. Er war schuld wenn dieser dann seine Wut und Frustration auf ihn ausließ. Er war schuld, dass er nie Freunde hatte. Er war schuld, dass James Potter und seine Freunde ihn am laufenden Band demütigten.
Lily wandte sich von ihm ab weil er etwas gesagt hatte. Die zwei starben weil er nicht vorher eingeschritten ist. Alles seine Schuld. Doch diese Schuld würde er nicht auf sich nehmen. Mit Sicherheit nicht. Also musste er wieder Grübeln, Hinweise suchen und, das schlimmste von allen, alte Kontakte wieder aufleben lassen.
Missmutig stand er von dem großen finsteren Anwesen und starrte durch die Gitter des imposanten Eisentores in den großzügigen Vorhof. Er wollte nicht hierher. Er wollte sofort wieder umdrehen und verschwinden. Aber es blieb ihm nichts anders übrig. Wenn er schon mit seinen ehemaligen „Kollegen" sprechen musste, dann nur mit diesem. Jemand anderen würde er nicht ertragen.
Er atmete noch einmal tief ein und mit einem Wisch seines Zauberstabes kündigte er sich an. Zögernd öffnete sich das schwere Eisentor nur für einen Spalt der gerade groß genug war um sich durchzuzwängen. Severus gewann den eindeutigen Eindruck, dass Besucher nicht erwünscht waren.Zügig schritt er zu dem Haus und ging in Gedanken noch einmal seinen Plan durch. Er war seit Ewigkeiten nicht hier. Zum Glück. Schnell schluckte er die schlechten Erinnerungen hinunter und wartete geduldig vor der massiven Holztür.
Nach wenigen Sekunden öffnete sich diese für einen kleinen Spalt und er sah in ein bekanntes Gesicht.
„Severus?"
„Narcissa."
