Sie sah ihn verdutzt an. Sie hätte nicht gedacht, dass sie ihn noch einmal sehen würde. Nicht nach all dem was passiert war. Und doch stand er vor ihr. Sie schüttelte die Verwunderung schnell ab und richtete sich auf. Sie hatte viel durchgemacht, aber sie würde niemals ihre Haltung verlieren.
„Bitte, Komm herein."
Sie öffnete die Tür und Severus machte ein paar Schritte in das geräumige Vorzimmer. Er sah sah sich um und bemerkte zu seiner Verwunderung wenig Veränderung. Es war beinahe alles wie früher. Stolz, ein wenig arrogant und düster. Malfoy eben.
Das Haus wirkte müde und alt. Leer und kraftlos. Severus fühlte sich sofort unwohl. Hermines Haus war warm und offen. Es war voller leben, selbst wenn er alleine war. Es gab ihm kraft. Doch hier war es trotz der enormen Größe zum ersticken.
Severus folge Narcissa in den Salon und setzte sich auf einen der Ohrensessel. Sofort schrien vor ihm ein Teeservice und die Gastgeberin schenkte ihm ohne zu fragen eine Tasse Tee ein. Sie beäugte ihn skeptisch. Severus Snape machte keinen Besuch aus Höflichkeit oder dergleichen. Er wollte etwas von ihr.
Er spürte ihren fragenden Blick und räusperte sich.
„Du fragst dich sicher warum ich hier bin."
Als Antwort bekam er nur einen äußerst spitzen Blick. Eines musste er ihr lassen, trotz all dem was geschehen ist, hatte sie nichts von ihrer Eleganz eingebüßt. Sie war schon immer die starke Kraft dieser Familie. Die Vernünftige die alles zusammen hielt. Umso schlimmer war es als ihr ihr eigenes Leben einfach so entglitt und sie nichts dagegen tun konnte. Hinter ihrem Mann zu stehen war keine Frage der Liebe sondern eine der Ehre. Ihre Familie überlebte nicht so lange weil man sich auf Gefühle einließ. Ihre Familie überlebte weil es Menschen wie sie gab.
Als die Verhandlungen nach dem Krieg begannen, bangte sie nicht nur um ihre Namen sondern vor allem um ihren Sohn. Zwar war er damals noch beinahe ein Kind doch sie wusste um die Härte mit der das Gericht vorging. Keine Gnade, keine Ausreden. Anders wie früher wurde der Imperius Fluch als Grund nicht mehr akzeptiert. Jeder musste für seine Taten einstehen. Voll und ganz.
Der einzige Grund warum sie nicht zusammen mit ihrer Familie in Askaban saß, war ihre Lüge die sie Voldemort auftischte. Sie wusste, dass Harry überlebt hatte. Sie wusste, was es bedeutete. Sie wusste, was ihr passieren würde sollte sie auffliegen. Und doch tat sie es. Natürlich dachten alle, dass sie seine Herrschaft stoppen wollte, den Krieg beenden. Doch in Wahrheit war es die Liebe zu ihrem Sohn die sie das Risiko eingehen ließ. Sie würde alles für ihn tun. Sie würde ihn vor allem beschützen. Doch vor seinem Schicksal konnte ihn nicht einmal die Liebe einer Mutter retten.
Er würde 10 Jahre in Askaban verbringen bevor man auch nur überlegen würde ihn erneut anzuhören. Sein Leben war damit beinahe verwirkt. Wenn er diese schreckliche Insel verlassen würde, würde er bereits ein Mann sein. Ein Mann, der ein drittel seines Lebens hinter Gittern verbracht hatte.
Doch sie würde warten. Sie würde da sein und ihn aufnehmen. Sie brachte es nicht einmal über sich das Haus zu verändern. Obwohl sie es hasste. Es warf ihre Einsamkeit unbarmherzig zurück und quälte sie mit Erinnerungen. Und trotzdem, ein Neuanfang würde nur mit ihm geschehen und keine Sekunde vorher. Und so wartete sie.
„Es geht um das Erbe."
Narcissa trank einen Schluck Tee und ließ ihn dabei nicht aus den Augen. Sie kannte Severus gut genug um zu wissen, dass er jede Unsicherheit sofort aufspüren würde.
„Was ist damit."
Ihre tiefe Stimme klang ruhig und gleichgültig. Als würden sie über das Wetter sprechen.
Severus atmete tief ein.
„Ich denke du weißt genau was ich hier will. Ich muss wissen wer hinter den Masken steckt."
Narcissa ließ ihren Blick durch den Raum gleiten. Sie hasste ihn. Sie hasste alles. Sie hatte ein Haus was zu groß und ein Leben welches zu einsam war.
„Ich kann dir die Antworten nicht geben die du suchst."
„Warum."
Sie schüttelte den Kopf.
„Severus, ich habe alles verloren. Meinen Namen, meinen Mann und das schlimmste, meinen Sohn. Ich habe mir geschworen ich würde mich aus solchen Dingen heraushalten. Wenn Draco wieder nach Hause kommt, fangen wir neu an. Ohne den ganzen Unsinn."
Severus starrte sie an. Er hatte sie erst einmal so erlebt. Als sie zu ihm kam und ihm den unterbrechbaren Schwur abnahm Draco zu beschützen. Es waren noch 10 Jahre bis Draco wieder nach Hause kommen konnte, und trotzdem sprach sie so, als ob er jede Sekunde bei der Tür hereinspazieren würde. Severus musterte sie. Auf einmal überkam ihn ein schlechtes Gewissen. Er hatte sie kein einziges mal besucht. Weder sie noch ihren Mann. Im ersten Jahr war er ein paar Mal Draco besuchen, hatte ihm gut zu geredet. Doch auch das verlief sich. Er wusste, solange er an seinem alten Leben festhalten würde, würde er feststecken. Und so hatte er sich abgewandt und ein neues Leben begonnen.
Doch dabei war ihm nicht bewusst, dass sie niemanden hatte. Sie konnte kein neues Leben anfangen. Er verstand ihre Liebe zu ihrem Sohn. Doch es war nicht gut für sie. Sie musste weiter machen.
„Ich verstehe dich. Aber falls dir etwas einfällt, bitte sag mir Bescheid."
Narcissa nickte. Sie wusste, er würde es verstehen.
„Du siehst.. gut aus, Severus."
Sie sah ihn interessiert an. Die Veränderung ist ihr schon bei der Tür aufgefallen. Er hatte es geschafft, er hatte alles hinter sich gelassen und neu angefangen. Sie hörte die Gerüchte um seine neue Partnerin. Hermine Granger. Sie kannte das Mädchen von Dracos Erzählungen. Unerträglich schlau und intelligent. Sie passten zueinander. Sie tat ihm gut, das konnte sie sehen.
Auf einmal stiegen ihr Tränen in die Augen. Sie wünschte sich, es wäre Draco der vor ihr säße. Der das Glück und die Zufriedenheit ausstrahlte. Der immer ein wenig in Eile war, weil zu Hause noch jemand auf ihn wartete. Beschämt wandte sie ihren Blick ab.
„Danke. Wie geht es Draco?"
Sie hatte die Frage zwar erwartet, doch nun war sie unvorbereitet. Sie versuchte nicht die Fassung zu verlieren und richtete sich unnötiger weise auf.
„Den Umständen entsprechend. Ich war erst kürzlich bei ihm! Er fragt manchmal nach dir."
Severus nickte stumm.
„Es tut mir leid."
Narcissa sah ihn überrascht an. Severus Snape hatte sich noch nie entschuldigt. Sie zog eine Braue hoch und verzog ihr Gesicht zu einem leichten Lächeln. Ihre Muskeln zuckten vor der ungewohnten Bewegung, sie konnte sich nicht an das letzte mal erinnern.
„Das Mädchen tut dir scheinbar wirklich gut Severus."
Herausfordernd zuckte sie mit den Brauen und entlockte ihm somit ebenfalls ein schiefes Grinsen. Sie konnte sofort sehen wie er sich an sie erinnerte. Seine Augen leuchteten und er bekam einen zufriedenen Ausdruck.
„Ich freue mich für dich."
Das tat sie wirklich. Er hatte es verdient.
Severus nickte stumm und stand auf. Er mochte das Gefühl nicht welches das Haus in ihm auslöste. Sie verabschiedeten sich ohne Floskeln. Beide wussten, dass sie gelogen wären. Sie würden sich nicht bald wieder sehen. Sie würden sich nicht treffen und reden. Sie würde weiter warten und er würde sein Leben leben.
Als er wieder durch das schwere Eisentor nach draußen schlüpfte, schimpfte er sich selbst Feigling. Er floh nicht wegen dem Haus. Er floh vor seinem schlechten Gewissen als er sie sah. Nur noch ein Schatten einer so starken und stolzen Frau. Die jeden Tag auf ihren Sohn wartete und dabei immer älter wurde. Er nahm sich vor sich um sie zu kümmern wenn die Sache erledigt war.
