Disclaimer:

Alles, was irgendwie nach Köln 50667/Team 13 klingt (Charakter, Handlung, Dialoge, etc.) gehört RTL II.

Sämtliche Fehler (Rechtschreibung, Grammatik, sonstiges) gehört mir. Wenn ihr welche findet, gebt sie mir bitte zurück, ich werde mich um sie kümmern.


Kapitel 2

Als ich aufwachte wurde es draußen bereits dunkler. So viel also zu der halben Stunde Ruhe. Mein Rücken war steif, jede Bewegung eine Qual. Doch ich war es mittlerweile gewohnt. Also richtete ich mich auf und zog mir mein T-Shirt wieder an. Die Berührung mit meiner brennenden Haut ließ mich erneut die Zähne zusammenbeißen. Es könnte schlimmer sein, wenigstens waren es keine offenen Wunden. Auch wenn sich das vielleicht bald ändern könnte, wenn ich die nächsten Tage nicht vorsichtiger war.

Lustlos nahm ich meine Schulsachen und setzte mich an meinen Tisch. Gerne würde ich die Hausaufgaben einfach sein lassen und zurück ins Bett gehen. Aber sie nicht zu machen würde mir nur Probleme mit den Lehrern bereiten. Nicht, dass es meinen alten Herren kümmerte, aber meine Mutter wäre wieder enttäuscht von mir. Sie sprach es nie aus, aber ich sah es ihr an wann immer ich andeutete, dass mir Schule mehr oder weniger egal war. Ich konnte ihr das jetzt nicht antun.

Also kramte ich mein Matheheft aus der Tasche und versuchte, die Aufgaben zu lösen. Die Schule hatte erst vor ein paar Wochen wieder angefangen und schon jetzt würde ich es am Liebsten gegen die Wand schleudern. Mathe war noch nie mein Lieblingsfach gewesen, inzwischen verstand ich es fast gar nicht mehr. Ich verstand ja noch nicht einmal, wozu ich quadratische Gleichungen überhaupt brauchte. Ich schrieb, überlegte und strich wieder durch. Ich rechnete und bekam Ergebnisse heraus, die nicht stimmen konnten. Nach einer gefühlten Ewigkeit war mein Heft ein einziges Chaos und mein Kopf am Rauchen. Mein Rücken schmerzte immer noch fürchterlich, so lange nach vorne gebeugt auf einem harten Stuhl zu sitzen wirkte nicht gerade förderlich. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es schon kurz nach 21 Uhr war. Ich entschied mich, Mathe für heute aufzugeben und mit Deutsch weiterzumachen. Sachtextanalyse, es war keinen Deut besser. Immerhin beschränkte sich die Aufgabe nur auf Inhaltszusammenfassung und Beschreibung der äußeren Form, das war ja fast noch angenehm. Trotzdem dauerte es mindestens genauso ewig wie Mathe. Gegen halb elf entschied ich mich, Englisch bleiben zu lassen und ins Bett zu gehen. Vielleicht konnte ich es morgen in der Pause schnell von jemandem abschreiben.

Während ich meine Schultasche für den nächsten Tag packte, überlegte ich, ob ich es riskieren sollte, aufs Klo zu gehen. Mein Vater war sicher schon auf dem Sofa eingeschlafen, aber eben auf dem Sofa, im Wohnzimmer, direkt neben dem Badezimmer, wo er es wahrscheinlich mitbekommen würde, spätestens die Spülung. Andererseits hatte ich auch nicht wirklich eine Wahl.

Einen tiefen Atemzug später öffnete ich vorsichtig und so leise wie möglich die Tür. Bevor ich auch nur einen Fuß in den Flur setzte, prüfte ich die Wohnung auf Anzeichen, dass mein Vater noch wach war. Der Fernseher lief noch, wurde aber vom lauten Schnarchen des Mannes übertönt. Trotzdem versuchte ich, kein Geräusch auf dem Weg zum Bad zu machen. Es lag schräg gegenüber von meinem Zimmer, immerhin. Ich lief so schnell ich mich traute und beeilte mich. Dann kam der Moment des größten Risikos, spülen. Ich zögerte kurz, aber warum sollte ich warten? Mein Vater würde aufwachen, es ließ sich nicht vermeiden. Also besser Augen zu und durch. Hände waschen konnte ausnahmsweise mal ausfallen, je schneller ich in meinem Zimmer war, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass mein Vater vielleicht doch nichts mitbekam.

Ich schlüpfte aus dem Raum und lief auf Zehenspitzen zurück. Schnell zog ich Jeans und T-Shirt aus, ohne das Licht anzumachen, und schmiss mich aufs Bett, ich hörte meinen Vater bereits leise schimpfend durch den Flur laufen. Die Tür barst auf und schlug gegen die Wand. Ich schrak hoch und starrte den Umriss meines Vaters an.

„Junge, hab ich dir nicht verboten, dein Zimmer zu verlassen?" Ich zuckte unwillkürlich zusammen. Es hatte ja nur schief gehen können. „Na warte, dir werde ich schon noch beibringen, Anweisungen zu befolgen!", drohte mein Vater, während er mit donnernden Schritten näher kam. Dabei nahm er seinen Gürtel ab. Mist. Ich hatte gehofft, wenigstens das umgehen zu können.

In Angst erstarrt hatte ich keine Möglichkeit, mich zu wehren, als mein Vater mich zurück auf die Matratze drückte und umdrehte, sodass ich wieder auf dem Bauch lag. Eine feste Hand im Nacken presste mich runter. Ich musste nicht hinsehen um zu wissen, dass mich die Schnalle treffen würde, nicht nur reines Leder. Ich schloss die Augen und versuchte mich darauf vorzubereiten. Aber ich hatte bisher nur den Rohrstock zu spüren bekommen, ich wusste nicht, was mich erwarten würde.

„Wird Zeit, dass du Respekt lernst, Junge", sagte mein Vater noch, dann traf mich der erste Schlag. Die Schnalle schnitt in meine Haut und hinterließ eine kleine Wunde, der Schmerz drang tief in meinen Rücken ein. Ich hatte nur einen einen kurzen Moment um ihn zu realisieren, dann folgte der nächste Hieb. Und der nächste. Jedes einzelne Mal blieb ein weiterer Schnitt zurück. Nach einiger Zeit spürte ich dünne Spuren von Blut über meinen Rücken laufen. Ich musste meine ganze verbleibende Kraft zusammennehmen, um nicht laut aufzuschreien. Die Striemen vom frühen Abend brannten fürchterlich, die neuen Hiebe brachten mich an meine Grenzen. Die Schmerzen trieben mir Tränen in die Augen.

Nach gefühlten Stunden der Qual hörte mein Vater endlich auf, auf mich einzuschlagen. Ohne ein weiteres Wort verließ der Mann mein Zimmer. Ich blieb liegen wie ich war, zitternd, blutend, das Gesicht ins Kopfkissen gepresst.


Ich wachte zu früh und völlig übermüdet auf. Die Uhr zeigte halb sechs an, immerhin noch genug Zeit, um duschen zu gehen, lang würde ich dafür sowieso nicht brauchen. Nur kurz das Blut abwaschen und die Wunden kühlen, schon das war schmerzhaft genug.

Schnell schnappte ich mir meine Kleidung und ging ins Bad. Ich blieb vor dem Spiegel stehen und überlegte, ob ich einen Blick wagen sollte. Die Striemen waren keine große Sache, die Wunden hingegen waren eine andere Hausnummer. Zögernd drehte ich mich um und warf einen Blick über die Schulter. Ich verzog das Gesicht. Es tat nicht nur höllisch weh, es sah auch so aus. Mein Rücken war, wie erwartet, von dunkelroten Streifen übersät. Überall verteilt waren kleine Schnitte, sie sahen zwar nicht besonders tief aus, hatten aber doch einiges an Blut hinterlassen. Ich brauchte nicht hinzulangen um zu wissen, dass die Haut um die Striemen warm war. Das kühle Wasser der Dusche würde helfen, auch wenn es nicht angenehm war. Eigentlich bevorzugte ich warme Duschen, aber das war in meinem Zustand definitiv keine Option.

Leise seufzend wandte ich mich wieder ab. Ich drehte das Wasser an, wieder zögerte ich. Augen zu und durch hieß es mal wieder, es war immer meine beste Option gewesen. Mir stockte der Atem als der Strahl meinen Rücken traf. Auch wenn das Wasser fast lauwarm war, fühlte es sich eiskalt auf meiner brennenden Haut an. Nach einigen Augenblick gewöhnte ich mich an die Temperatur, die Abkühlung tat gut. Ich vermied es, nach unten zu schauen, ich musste die roten Spuren nicht unbedingt sehen.

Mehr als ein paar Minuten hielt ich es trotzdem nicht aus. Also verließ ich die Dusche wieder und trocknete mich so vorsichtig wie möglich ab, um die Wunden nicht wieder aufzureißen. Als ich wieder auf den Flur trat, konnte ich meinen Vater aus seinem Schlafzimmer laut schnarchen hören. Gut, dann konnte ich in Ruhe frühstücken und mich für die Schule fertig machen.


Schule begann gleich mal mit einer guten Nachricht, Englisch würde vertreten werden. Das hieß leider eine Stunde mehr Mathe, aber immerhin auch ein Tag mehr Zeit, um die Hausaufgabe zu machen. Trotzdem würde es ein langer Tag werden, Unterricht dauerte bis 15 Uhr. Dann sofort nach Hause, ich musste meinen Rücken schonen. Morgen stand Sport auf dem Stundenplan. Wunderbar. Striemen ließen sich ganz gut verstecken, aber ich hatte keine Lust, erklären zu müssen, warum mein T-Shirt dunkle Flecken hatte, auch wenn man die auf schwarz kaum sehen würde. Andererseits war es eigentlich zu warm, um schwarz zu tragen. Egal, mit dem Problem musste ich mich sowieso erst morgen beschäftigen. Für heute standen noch genug andere Dinge an.

Mathe zum Beispiel, wo sich in der letzten Stunde eine Ex angekündigt hatte. Mist, ich hatte wirklich fast nichts verstanden, lernen hatte ich nicht einmal versucht und Konzentration war auch fast nicht machbar. Also eine 6 in Kauf nehmen, wenn es dazu kam. Was es natürlich tat.

Herr Bergmann kam ins Klassenzimmer und ließ natürlich gleich mal die Hefte und Bücher wegpacken. Die Ex bestand zwar nur aus drei Aufgaben, aber die hatten es in sich. Ich gab mein Bestes, was wieder nicht gut genug sein würde, und schrieb hin, was mir einfiel. Immerhin gab es auf den Rechenweg auch Punkte, das hatte mich bisher oft gerettet. Nach 20 Minuten war das Elend vorüber.

Wir gingen die Aufgaben danach im Unterricht durch. Ich hörte nicht wirklich zu, meine Schultern taten weh. Zusätzlich schweiften meine Gedanken zu meiner Mutter ab. Sie hatte gestern erwähnt, dass heute nochmal ein Arzt vorbeischauen würde. Ich hatte ihr gesagt, dass ich versuchen würde, am Nachmittag vorbeizuschauen. Dabei würde es leider wohl auch bleiben müssen, wenigstens einen Tag Pause brauchte ich.

„Raphael, würdest du bitte aufpassen!", rief mein Lehrer von vorne. Erschrocken schaute ich auf. Wir waren inzwischen bei der Verbesserung der Hausaufgabe. Und ich hatte noch nichts auf dem Tisch liegen. „Hast du deine Hausaufgaben überhaupt gemacht?" Die Frage war zu erwarten gewesen.

„Ich hab's versucht, aber nicht wirklich verstanden", antwortete ich.

„Und warum schreibst du dann nicht mit?" Herr Bergmann schüttelte leicht den Kopf. „Komm bitte nach vorn an die Tafel. Schreib mal auf, wie weit du gekommen bist, dann rechnen wir den Rest gemeinsam." Mist, ich hasste es, im Mittelpunkt zu stehen, und auch noch ausgerechnet heute.

Widerwillig kramte ich mein Heft aus der Tasche und machte mich auf den Weg zur Tafel. Ich spürte die Blicke meiner Mitschüler an mir haften, und den meines Lehrers. Zögernd griff ich nach der Kreide, meine Hände schwitzten schon. Einmal möglichst unauffällig tief durchatmen, dann fing ich an, die Angaben abzuschreiben. Gab zwar in Abfragen keine Punkte, war aber oft ganz hilfreich, fand ich. Obwohl die Tafel eigentlich schon weit heruntergezogen war, erreichte ich fast nicht die obere Kante, so arg zog es in meinem Rücken. Das blieb leider nicht unbemerkt.

„Tut dir dein Rücken weh, Raphael?", fragte mein Lehrer, seine Stimme klang etwas besorgt. Er war ein verständnisvoller und mitfühlender Mann. Warum er dann ausgerechnet Mathelehrer geworden war, blieb mir ein Rätsel.

„Bin gestern auf der Treppe gestürzt, nichts weiter." Nicht gerade die kreativste Ausrede, aber eine, die funktionierte. Klar, ohne T-Shirt nicht mehr, aber das war im Unterricht in der Regel ja nicht der Fall. Eigentlich nur in der Umkleide in der Sporthalle, aber da wich ich immer aufs Klo aus. Meine Mitschüler fanden das zum Glück nicht auffällig. Ich war schon immer der schüchterne Außenseiter gewesen, sie dachten wahrscheinlich, dass ich mich schämte, mich vor ihnen auszuziehen. War nicht falsch, nur eben aus einem anderen Grund.

Mit einem Ruck brachte ich mich zurück zu dem gegenwärtigen Problem. Eine Parabelgleichung mit drei gegeben Punkten aufstellen. Der Anfang war leicht, Grundformel aufstellen und die Koordinaten der Punkte einsetzen. Dann wurde es schon schwierig. Irgendwie musste ich es schaffen, die drei unbekannten Parameter auszurechnen. Manchmal ergab sich einer von allein, ab und zu sah ich den richtigen Weg auf den ersten Blick. Meistens, so wie bei dieser Aufgabe, nicht.

Bis zu diesem Punkt war es ganz gut gelaufen, jetzt kam ich ins Stocken. Ich starrte in mein Heft. Ein einziges Durcheinander aus Zahlen, Buchstaben und irgendwelchen durchgestrichenen Rechnungen. Mein Kopf war wie leergefegt, an der Tafel zu stehen war nicht gerade hilfreich dabei, wieder irgendetwas aus meinen Erinnerungen hervorzuholen. Ein dünnes Rinnsal lief meinen Rücken hinunter, wahrscheinlich Schweiß, konnte aber auch Blut sein. Hoffentlich nicht. Schön, nicht die Erinnerungen, die ich im Moment gebrauchen konnte.

„Na also, das sieht doch schon mal ganz gut aus. Wie gehst du jetzt weiter vor?", riss mich Herr Bergmann aus meinen Gedanken. Tja, wenn ich das wüsste, würde ich jetzt nicht hier vorne wie ein Trottel rumstehen und in mein Heft schauen, ohne zu einer sinnvollen Erkenntnis zu kommen.

„Jetzt muss ich a, b und c ausrechnen..." Schlaue Antwort, natürlich, darin bestand ja die Aufgabe. Wäre ich der Lehrer, hätte ich jetzt wohl die Augen verdreht.

„Genau, und wie machst du das?", fragte Herr Bergmann geduldig. Es war nicht das erste Mal, dass er sich ausführlich Zeit nahm, seinen Schülern etwas zu erklären.

„Ähm..." Ich hatte keine Ahnung, die Zahlen ergaben einfach keinen Sinn für mich. Wie sollte ich da einen Zusammenhang herausfinden?

„Schau dir mal die erste und zweite Gleichung an, fällt dir was auf?" Ja, dass mir etwas übel wurde. Als ich nicht antwortete fuhr er fort. „Nun, wenn du die zweite Gleichung mal zwei nimmst, kannst du sie mit der ersten Gleichung addieren, dann fällt schon mal b raus." Stimmt, aber dann blieben immer noch a und c übrig. Trotzdem schrieb ich das erst mal soweit auf. Danach war ich immer noch nicht schlauer.

„Genau, und jetzt multiplizierst du die zweite Gleichung mit vier und addierst sie mit der dritten Gleichung, sodass da auch b wegfällt." Noch während ich das aufschrieb, fiel es mir wie Tomaten von den Augen. Jetzt nach c umstellen, in eine der zwei vorigen Gleichungen einsetzen und a ausrechnen. Danach a in die umgestellte Gleichung einsetzen und c ausrechnen. Die zwei Lösungen dann in eine der ursprünglichen Gleichungen einsetzen um b zu erhalten. Und dann a, b und c in die Grundformel einsetzen. Fertig. Wenn mir das halt immer daheim oder in Prüfungen einfallen würde.

„Na also, du kannst es doch!", sagte mein Lehrer ermunternd. Ich nickte nur und ging wieder zu meinem Platz. Meine Hände zitternden leicht und ich war mir sicher, dass mein Kopf hochrot war.

Den Rest der Stunde bekam ich nur teilweise mit. Wir machten noch ein paar Übungsaufgaben, glaube ich. Ein paar schrieb ich mit, für die anderen reichte meine Konzentration nicht. Zum Teil, weil ich mich immer noch übel fühlte vom Rechnen an der Tafel, zum Teil, weil mein Rücken weh tat. In der Pause bat Herr Bergmann mich, noch kurz im Klassenzimmer zu bleiben.

„Ich weiß, dass Mathe manchmal sehr kompliziert sein kann. Leider kann ich nicht alles so oft erklären, bis es alle verstanden haben, ich muss auch mit meinem Stoff weiter kommen. Aber wenn du Fragen hast, Raphael, kannst du gerne in den Pausen oder nach der Schule zu mir kommen. Ich bin heute bis fünf da, wenn du möchtest, kann ich gerne noch ein paar Aufgaben mit dir rechnen." Eigentlich ein Angebot, das ich gerne angenommen hätte. Aber nicht heute.

„Danke, aber ich kann heute nicht. Mein Vater braucht mich am Nachmittag." Er kannte meinen Stundenplan. Auch wenn ich ihm sagte, ich war in der Schule, er würde es mir nicht glauben. Und mal wieder für etwas bestrafen, was ich nicht getan hatte. Das konnte ich nun wirklich nicht gebrauchen.

„Nun gut, aber du kannst trotzdem jederzeit zu mir kommen, wenn du ein Problem hast." Ich nickte und ging ohne ein weiteres Wort in die Pause. Danach hatten wir eh nochmal Mathe.