Disclaimer:

Alles, was irgendwie nach Köln 50667/Team 13 klingt (Charakter, Handlung, Dialoge, etc.) gehört RTL II.

Sämtliche Fehler (Rechtschreibung, Grammatik, sonstiges) gehört mir. Wenn ihr welche findet, gebt sie mir bitte zurück, ich werde mich um sie kümmern.


Kapitel 3

Nach der Schule machte ich mich lustlos auf den Heimweg. Das Bordell war eigentlich gar nicht so weit weg. Zehn Minuten mit Bus und U-Bahn, dann nochmal zehn Minuten laufen. Näher als von Zuhause. Aber ich konnte nicht mal einen kurzen Besuch wagen. Es machte mich sowohl wütend als auch traurig, mehr letzteres. Warum konnte er nicht einfach akzeptieren, dass ich jetzt einfach für meine Mutter da sein wollte? Nur weil er nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte, warum auch immer, konnte er mir doch nicht verbieten, sie zu sehen, oder? Und selbst wenn es ihn so arg störte, so hart es auch klang und so wenig ich es wahrhaben wollte, es würde nicht mehr lange dauern. Im besten Fall bis Ende des Jahres. Oder war das eher der schlimmste Fall? Sie litt, das war offensichtlich. Sie wünschte sich wahrscheinlich einen schnellen Tod, aber ich wollte mich noch nicht so bald von ihr verabschieden müssen. Allerdings würde es die Zeit auch nicht leichter machen. Andererseits hatte ich sowieso keinen Einfluss darauf.

Viel zu früh bog ich wieder in die Straße ein, in der ich jetzt wohnte. Ich wollte einfach nur wegrennen, umdrehen und weg von hier. Leider keine Option, wo sollte ich denn hin? Ins Bordell durfte ich nicht, Mittelbach war zu weit weg, um täglich zu Besuch zu kommen. Naja, eigentlich nicht, aber abends fuhr fast kein Bus mehr raus. Hier in Köln gab es nur meinen Vater, bei dem ich bleiben konnte.

Ich schrak aus meinen Gedanken hoch, als ich ihn rauchend vor dem Haus stehen sah. Wie erstarrt blieb ich stehen. Warum konnte er nicht einfach drinnen warten? Oder meinetwegen auch in irgendeiner Kneipe hocken und sich zusaufen? Dann hätte ich wenigstens ein bisschen mehr Zeit, um meine Gedanken zu sortieren. Wenn er hier außen stand, traf ich immer völlig unvorbereitet auf ihn. Eigentlich sollte ich es mittlerweile besser wissen, es kam gar nicht so selten vor. Weglaufen war jetzt auch keine Möglichkeit mehr, er hatte mich bereits gesehen, schaute mich immer noch direkt an, während er seine Zigarette fertig rauchte. Mit gebeugtem Blick ging ich auf ihn zu, zögern brachte mir eh nichts.

„Du kannst ja doch auch mal direkt nach Hause kommen", zischte er mir gehässig ins Ohr. Hatte er wohl gehofft, ein paar Prügel austeilen zu können? Er fand sicher noch irgendeinen Grund, wenn er wollte.

„Na los, rein mit dir, Junge!", sagte er und schubste mich durch die offene Tür, sodass ich ins Treppenhaus stolperte. Er folgte mir und ließ die Tür hinter sich zufallen. Der Weg die Treppen nach oben kam mir ewig vor, mit seinem Blick auf meinem Rücken. Dennoch erreichten wir die Wohnung. Drinnen schubste er mich weiter in mein Zimmer und schlug die Tür hinter mir zu, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Ich ließ mich auf mein Bett fallen, auf Hausaufgaben hatte ich gerade gar keine Lust. Eigentlich hatte ich auf nichts Lust. Also blieb ich erst mal liegen und ließ die Zeit an mir vorüber streichen.

Nach einer Weile setzte ich mich dann doch an den Tisch. Englisch wollte schließlich noch erledigt werden, in Mathe hatten wir natürlich wieder etwas aufbekommen, in Physik auch. Zuerst Mathe, das hatte ich jetzt verstanden. Glaubte ich. Trotzdem brauchte ich ein bisschen, bis ich wieder drin war und mich erinnerte, was ich machen musste. Danach ging es dann ziemlich zügig. Dafür dauerte Physik umso länger. Eigentlich interessierte es mich auch nicht wirklich. Ich hatte den Mathe-Zweig auch nur gewählt, weil die Alternativen auch nicht besser waren. Betriebswirtschaft war mir zu kompliziert, sprachlich begabt war ich nicht und mit Hauswirtschaft konnte ich nichts anfangen. Also Mathe, und damit Physik bis zum Kotzen.

Nachdem ich wenigstens ein paar Formeln und Lösungsansätze hingeschrieben hatte, packte ich es wieder weg und holte Englisch raus. Mittlerweile ging es einigermaßen, Vokabeln könnten noch besser sein, aber die Zeit der Fünfer und Sechser war erst mal vorbei. Dennoch hatte ich genug Schwierigkeiten, diesen blöden Brief aufs Blatt zu bekommen, den wir als Übung schreiben sollten. Hundert Wörter, eigentlich ja nicht viel, wenn man denn wusste, worüber man bitte schreiben sollte. Einen Ausflug mit einem Brieffreund planen. Wer machte sowas eigentlich noch? Egal. Irgendwie füllte sich die Seite dann doch recht schnell. Ich las es mir danach lieber nicht noch einmal durch, gut klang es sowieso nicht. Inzwischen war es schon fast halb sieben. Hausaufgaben hatten wie immer länger gedauert, als ich erwartet hatte.

Langsam machte sich auch bemerkbar, dass ich mittags fast nichts gegessen hatte. Seufzend ging ich in die Küche. Mein Vater war zum Glück nicht in der Wohnung, ich hatte gar nicht mitbekommen, wie er gegangen war. Sicher stand er nur vor der Haustür mit irgendwelchen Kumpeln aus der Kneipe.

Schnell machte ich mir ein paar Brote und nahm sie mit in mein Zimmer, ich wollte es lieber vermeiden, meinem Vater zu begegnen. Duschen würde ich heute auch nicht mehr, die Erfahrung vom Morgen reichte mir. Aber irgendwie musste ich den Abend noch rumbringen. Von den Hausaufgaben rauchte mir noch der Kopf, lernen war also ausgeschlossen. Zum Schlafen war es fast noch ein bisschen zu früh. Andererseits konnte es gut sein, dass ich die Nacht nicht würde durchschlafen können. Manchmal, wenn er sich zu stark betrank, machte er sich nicht die Mühe, nach einem Grund zu suchen, sondern schlug einfach so zu. Nein, es war wohl besser, die Gelegenheit zu nutzen und schlafen zu gehen, es würde sowieso eine ganze Weile dauern, bis ich zur Ruhe kam.


Der Schultag verlief unspektakulär. Zunächst zumindest. Dann kam Sport, vor der Mittagspause. Dauerlauf trainieren, wunderbar. Es ging zwar schon in den Spätsommer über, aber es war immer noch zu warm dafür. Mein Rücken würde sich über den Schweiß nicht freuen. Immerhin waren die Wunden nicht wieder aufgegangen, trotzdem würde es höllisch weh tun. Es war ja schließlich nicht das erste Mal, dass ich mit Striemen am Rücken durch die Gegend rannte.

Zum Umziehen verschwand ich wie immer auf die Toilette. Ich trug zwar eh schon ein dunkles T-Shirt, aber für Sport wollte ich auf Nummer sicher gehen und hatte schwarz gewählt. Leider war der Kragen etwas weit, aber es musste gehen.

Etwas hinter meinen Mitschülern folgte ich ihnen auf den Sportplatz. Herr Kaiser war schon da und kontrollierte die Anwesenheit. Warum mussten Sportlehrer immer die Anwesenheit prüfen? Sonst würde ich, und wohl auch einige andere, einfach schwänzen, deshalb.

„Wie ihr ja wisst, steht Dauerlauf im Lehrplan. Heute machen wir noch ein paar Ausdauerübungen, nächste Woche machen wir dann Noten", kündigte er an, als alle da waren. Einige Schüler murrten gut hörbar. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich erleichtert sein sollte. Danach folgten sicher irgendwelche Ballspiele. Mir tat schon bei dem Gedanken daran alles weh. Mussten denn alle immer auf den Rücken zielen? „Also dann, wir fangen an mit fünf Minuten auf der Aschebahn, dann ein paar Dehnübungen und nochmal zehn Minuten laufen."

Beim zweiten Start brannten meine Schultern schon fürchterlich, mit jedem Meter wurde es schlimmer. Dass ich mich dadurch verkrampfte half natürlich auch nicht. Nach den zehn Minuten rang ich nach Luft, leicht nach vorne gebeugt, um dem Stechen in meiner Seite zu entgehen. Mein Rücken protestierte, aber das war mir im Moment egal. Schmerzen würde er eh noch eine Weile, Luft war jetzt erst mal wichtiger.

„Alles okay bei dir, Raphael?", fragte Herr Kaiser neben mir. Verdammt, sah ich aus als wollte ich gleich kotzen? Und wann war er zu mir rüber gekommen? Ich nickte nur, immer noch ein bisschen außer Atem. Plötzlich schoss ein seltsamer Ausdruck über sein Gesicht, erschrocken, und besorgt. „Raphael, bist du verletzt?" Zuerst begriff ich nicht, was er meinte, dann merkte ich, dass mein T-Shirt an der Schulter leicht verrutscht war. Durch den weiten Kragen musste er einen Blick auf die Striemen erhascht haben. Scheiße! Schnell richtete ich mein Shirt. Nicht gerade unauffällig, aber so lassen konnte ich es ja wohl auch nicht.

„Was? Oh, nein, ich bin nur neulich hingefallen. Ist nicht weiter schlimm", versuchte ich mich zu retten. Hoffentlich hatte er keinen Verdacht geschöpft! Er zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts weiter. Er glaubte mir nicht wirklich, natürlich nicht.

Die Sportstunde ging quälend langsam vorbei. Danach schwitzten alle ordentlich, einige suchten die Duschen auf. Ich nicht, bloß keine Gemeinschaftsduschen! Und wenn die anderen fertig waren, wäre es für mich schon zu spät. Also die Pause zum Lufttrocknen nutzen.

Die letzten zwei Stunden konnte ich mich nicht wirklich auf den Unterricht konzentrieren. Hoffentlich behielt Herr Kaiser für sich was auch immer er gesehen hatte und vermutete. Auf dem Heimweg ging es nicht besser. Mehrmals erwischte ich mich dabei, wie ich auf der Straße anstatt auf dem Gehweg lief. Oder eher, die Autofahrer machten mich lautstark darauf aufmerksam.

Heute stand mein Vater nicht vor der Haustür. Gut. Als ich die Wohnungstür aufschloss war es verdächtig still. Aber er war zuhause, seine Schuhe standen da. Meine Hände fingen an zu zittern. Stille war nie ein gutes Zeichen. Vorsichtig schloss ich die Tür hinter mir, mit weichen Knien ging ich zu meinem Zimmer. Ich konnte nicht mal einen Fuß hineinsetzen.