Disclaimer:

Alles, was irgendwie nach Köln 50667/Team 13 klingt (Charakter, Handlung, Dialoge, etc.) gehört RTL II.

Sämtliche Fehler (Rechtschreibung, Grammatik, sonstiges) gehört mir. Wenn ihr welche findet, gebt sie mir bitte zurück, ich werde mich um sie kümmern.


Kapitel 5

Freitag hieß auch früher Schulschluss. Mehr Zeit daheim, andererseits auch die Möglichkeit, meine Mutter länger zu besuchen. Falls er es mir erlaubte. Eigentlich hatte ich vorgehabt, heute mal wieder direkt nach der Schule ins Bordell zu fahren und auf die Regeln zu pfeifen. Aber nach den Erlebnissen gestern Nachmittag und heute Morgen hatte ich den Plan ganz schnell wieder verworfen. Vielleicht hatte ich trotzdem Glück und durfte meine Mutter besuchen. Einen Versuch war es wert.

Natürlich war er schon zuhause, als ich ankam. Und natürlich saß er schon vor dem Fernseher, Feierabendbier in Reichweite. Ich verdrehte die Augen. Dass er sich nicht schämte, so früh schon zum Alkohol zu greifen.

„Na, Junge, heute kam ja gar kein Anruf aus der Schule. Hat meine Lektion also gewirkt, ja?" Ich sah zu Boden und versuchte, meine Wut zu verbergen. War es denn meine Schuld, dass der Rohrstock Striemen auf meiner Haut hinterließ? Striemen, die im Sommer nicht immer leicht zu verbergen waren? Besonders, wenn er meinte, auf meine Schultern zielen zu müssen. Aber ich behielt es für mich, würde mir nicht wirklich helfen bei dem, was ich vorhatte. Nur wie sollte ich es am Besten formulieren? Ich hatte eigentlich lange genug Zeit gehabt, mir etwas zu überlegen, aber mir war nichts wirklich brauchbares eingefallen. Vielleicht einfach direkt heraus damit.

„Darf ich heute meine Mutter besuchen?" Die Frage ließ ihn inne halten. Langsam stand er auf und drehte sich zu mir um.

„Und womit hast du das deiner Meinung nach verdient? Die letzten Tage hast du dich ja nicht gerade wie ein guter Sohn verhalten." Sollte es jetzt eine Belohnung sein, zu meiner eigene Mutter, die im sterben lag, gehen zu dürfen? Die Andeutung machte mich nur noch wütender.

„Ich habe das Recht, sie zu sehen! Oder willst du, dass das Jugendamt erfährt, dass du es mir verbietest?" Blitzartig packte er mich am Kragen und schlug mich gegen die Wand. Ich kniff vor Schmerz kurz die Augen zu, zwang mich dann aber, ihm in die Augen zu sehen, fest entschlossen, so überzeugend zu wirken wie möglich.

„Pass auf, wie du mit mir redest, Junge! Hab ich dir das nicht schon öfter gesagt?" Er wollte mir drohen, mich zum Nachgeben zwingen. Aber er war unsicher, er wusste, dass ich nicht ganz Unrecht hatte. Besuchen durfte ich meine Mutter so oft ich wollte, nur nicht bei ihr wohnen. Er überlegte kurz, dann beugte er sich weiter zu mir vor.

„Ich warne dich, wenn du nicht spätestens Punkt fünf hier bist..." Den Rest musste er nicht aussprechen, ich konnte nur zu gut spüren, was mich dann erwarten würde. Ich sah ihn nur weiter still an. Er schüttelte mich kurz, dann ließ er mich los. Eilig ging ich zur Tür, bevor er es sich anders überlegen konnte.


Im Bordell begrüßten mich alle von ganzem Herzen mit aufrichtiger Freude. Ich gab mein Bestes, ebenfalls fröhlich zu wirken. Penelope nahm ich zur Seite.

„Hey, schön dich zu sehen! Deine Mutter hat gerade einen Arzt da. Keine Sorge, nur Routine. Du kannst ja kurz hier warten, ich bring dir was zu trinken." Ich nickte und ging zum Tresen. Plötzlich hörte ich einen scharfen Atemzug hinter mir.

„Oh mein Gott, du blutest ja!", stieß Penelope erschrocken hervor. Ich hatte nicht gemerkt, dass die Wunden wieder aufgegangen waren und Flecken auf meinem T-Shirt hinterließen. Verdammt! Ich fuhr herum und starrte sie an. Angst musste deutlich in meinem Gesicht zu sehen sein. Sie nahm meine Hand.

„Ist schon gut, Schatz, ist schon gut", sagte sie leise und drückte mich an sich, bemüht meinen Rücken so wenig wie möglich zu berühren. „Komm, erzähl, was ist passiert", forderte sie mich sanft auf.

„Nichts, alles gut." Ich wollte nicht darüber sprechen. Sie konnte sich wahrscheinlich eh ausmalen, was los war.

„Rapha!", ermahnte sie mich. Ich sah ihr in die Augen. „Schatz, ich kann dir nicht helfen, wenn du mir nichts sagst. Komm, setz dich hin und rede mit mir." Nun gut, warum auch nicht. Ich hatte mit den Frauen immer über alles reden können. Das hier, naja. Aber nur unter einer Bedingung...

„Bitte, sag meiner Mutter nichts. Ich möchte nicht, dass sie sich auch noch Sorgen um mich macht." Penelope überlegte kurz. Es schien ihr nicht zu gefallen, was ich da von ihr verlangte. Andererseits verstand sie sicher auch, warum ich meine Mutter nicht weiter belasten wollte. Nach einer Weile nickte sie schließlich, immer noch zögernd.

„Mein Vater, das ist passiert", murmelte ich vorsichtig. Sie sah mich fragend an, sie wollte Details. Ich konnte es ihr nicht verübeln. „Ihm passt's nicht, dass ich her komme. Du weißt ja, wie er auf meine Mutter zu sprechen ist." Sie hatte schon mehrmals mitbekommen, wie aufbrausend und beleidigend er sein konnte, wenn der Unterhalt nicht pünktlich bei ihm ankam.

„Also schlägt er dich." Es war keine Frage, es war offensichtlich. Trotzdem nickte ich. „Rapha, das musst du dem Jugendamt sagen, das kann so doch nicht weitergehen! Du kannst doch sicher zurück nach Mittelbach, oder nicht?" Ich schüttelte den Kopf. Konnte oder wollte sie meine Situation nicht verstehen? „Warum nicht, was hält dich denn davon ab?"

„Wie soll ich denn dann noch her kommen. Mittelbach ist so weit weg. Ich... Ich..." Ich brach ab, wie konnte ich das nur erklären?

„Nun, so weit ist es nun auch wieder nicht. Und deine Betreuerin wird doch sicher verstehen, wenn du ein, zwei Nächte hier bleibst. Sie wird das schon nicht gleich melden, besonders wenn sie weiß, wo du bist und warum. Wir werden schon einen Weg finden. Aber du kannst doch nicht bei deinem Vater bleiben, wenn er dich blutig prügelt!" Sie war entsetzt und gab alles, mich zu überreden. Aber so würde das nicht funktionieren. Ein oder zweimal die Woche. Auch wenn ich jetzt kaum öfter vorbeikam, hatte ich trotzdem eher die Möglichkeit.

„Nein. Es gibt einfach keine andere Option. Das war auch nur ein Extremfall, das ist ja nicht die Regel. Es ist schon in Ordnung, ich komm schon klar..." Sie wusste genauso gut wie ich, dass es eine Lüge war.

„Rapha! Du hast was besseres verdient als das!" Erneut schüttelte ich den Kopf. „Also gut, fürs erste lass ich dich damit durchkommen. Aber versprich mir, wenn sich eine Alternative ergibt, dass du sie ergreifen wirst. Versprich es mir!" Auf mein zögerliches Nicken fuhr sie fort. „Und wenn ich noch einmal sehe, dass du blutest wegen diesem Mistkerl, ich schwöre dir, ich informiere das Jugendamt und hol dich da raus. Eigentlich sollte ich das jetzt schon tun." Ich sah sie flehend an. Bitte nicht das Jugendamt, oder die Polizei. Die konnten mir eh nicht helfen. Sie nahm wieder meine Hand und lächelte mitfühlend.

„Ist gut, Rapha. Ich handle nur gegen mein Gewissen, weil du mir versicherst, du kommst klar. Aber lass mich wenigstens mal deine Wunden anschauen, ob ich was tun kann."

Ich folgte ihr mit gesenktem Blick in ihr Zimmer. Während sie ein paar Sachen zusammensuchte setzte ich mich auf einen Stuhl. Eigentlich könnte ich schon mal mein T-Shirt ausziehen, aber... Ich hatte gerade nicht die Motivation, irgendetwas zu tun. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, überhaupt her zu kommen. Natürlich wollte ich meine Mutter sehen, so lange ich es noch konnte. Aber ich wollte auch einfach nur allein sein. Irgendwo, wo mich niemand fand. Ich wollte, dass es vorbei war, wobei ich nicht mal genau wusste, was ich eigentlich meinte. Alles. Nichts.

Vorsichtig zog Penelope mein Shirt hoch, dass es durch das frische Blut an meinen Wunden klebte machte es nicht gerade angenehm, doch das bekam ich nur am Rande mit. Ich fühlte mich, als wäre ich losgelöst von meinem Körper, schon noch anwesend, aber auch ganz woanders. Wie aus weiter Ferne spürte ich eine sanfte Hand auf meiner Schulter. Hatte sie etwas gesagt? Oder versuchte sie, mich zu trösten? Ich hoffte, sie beeilte sich einfach mit dem, was sie vorhatte zu tun.

Ein Brennen auf meiner Haut brachte mich schlagartig zurück in meinen Körper. Ich zuckte zusammen. Sofort lag die Hand wieder auf meiner Schulter.

„Ist gut, Schatz. Ich versuch ja, dir nicht weh zu tun", sagte Penelope in einem beruhigenden Tonfall. Ich nickte nur, ich fühlte mich jetzt nicht zum Sprechen bereit. Vorsichtig fuhr sie fort.

Nach einer Weile, ich konnte nicht annähernd einschätzen, wie lange es gedauert hatte, war sie schließlich fertig und rollte mein T-Shirt wieder runter. Jetzt musste ich nur aufpassen, dass keiner zu lange auf meinen Rücken starrte, bis ich meine dünne Stoffjacke von der Garderobe geholt hatte.

Gerade als ich sie wieder angezogen hatte kam der Arzt in den Eingangsbereich. Er verabschiedete sich hastig von den Frauen, es war ihm wohl unangenehm, in Gesellschaft von Prostituierten zu sein. Ich hielt mich versteckt, er kannte mich sowieso nicht.

Sobald er weg war ging ich zum Zimmer meiner Mutter. Die anderen lächelten mir noch einmal mitfühlend und ermunternd zu. Leise klopfte ich an die Tür und trat ein.

„Mama?" Vielleicht war sie auch zu erschöpft, jetzt mit mir zu reden. Ich wollte sie nicht davon abhalten, sich auszuruhen.

„Rapha, Schatz?" Ihre Stimme war kaum hörbar, so schwach war sie inzwischen. Oder war es nur ein schlechter Tag? Plötzlich fühlte ich mich schuldig, dass ich sie die letzten Tage nicht besucht hatte. Ja, Vater war stinksauer gewesen, aber wie egoistisch war ich eigentlich? Meine Mutter kämpfte gegen Krebs, immer noch, obwohl sie wusste, dass sie verlieren würde. Und ich war so feige lieber zuhause zu bleiben anstatt die Prügel einzustecken. Die paar Schläge konnte ich meiner Mutter zu Liebe doch wohl ertragen!

„Hey, mein Junge, nicht weinen", flüsterte meine Mutter vom Bett. Ich hatte nicht gemerkt, wie die Tränen in meine Augen gestiegen waren. „Komm her, was bedrückt dich?" Ich setzte mich auf einen Hocker neben sie und nahm ihre Hand.

„Alles gut, Mama. Mach dir keine Sorgen um mich", sagte ich mit brüchiger Stimme. Wem wollte ich eigentlich was vormachen? Natürlich war nicht alles gut. Aber das sollte nun wirklich nicht ihr Problem sein. „Wie geht's dir? Hat der Arzt irgendwas neues gesagt?"

„Nein, unverändert. Ich soll mich ausruhen, meine Medikamente nehmen. Das Übliche halt." Sie wollte genauso wenig über ihre Leiden sprechen wie ich. Verständlich. „Wie war Schule?", fragte sie stattdessen. Ablenkung von den unangenehmsten Themen.

„Es geht schon. Ist halt das Abschlussjahr, die Lehrer machen uns jetzt schon genug Angst. Und ich hab keine Ahnung, wie ich Physik oder Mathe bestehen soll..." Naja, das war vielleicht etwas übertrieben. Irgendwie würde ich da schon durchkommen. Gerade so wahrscheinlich.

„Mathe, das hast du von mir. Hab ich auch nie verstanden", sagte sie mit einem schwachen Lächeln. Das war wirklich so ziemlich das einzige Fach, bei dem sie mich nicht drängte, möglichst gut mitzumachen. Die Grundlagen saßen, für mehr sahen wir beide nicht den Sinn. Wozu würde ich schon jemals Kurvendiskussionen brauchen?

„Und sonst? Gibt es irgendwelche Probleme mit Schülern oder Lehrern?" Ja, mit denen, die ihre Klappe nicht halten konnten, Herr Kaiser zum Beispiel.

„Nein, eigentlich nicht. Meine Mitschüler lassen mich in Ruhe und die Lehrer sind zufrieden damit, dass ich keinen Ärger anfange." Eigentlich stimmte das nicht ganz, meine Lehrer versuchten immer wieder, mich mehr in den Unterricht und auch in die Klasse einzubringen. Ersteres war ja okay. Auch wenn ich es nicht mochte, aber sie brauchten eben mündliche Noten. Wenn ich nie von selbst etwas sagte, konnte das auch mal zu meinem Nachteil ausfallen. Letzteres dagegen musste nun wirklich nicht sein. Wenn ich mit meiner Klasse nicht so viel zu tun haben wollte, war das doch meine Sache, oder nicht? Warum mussten sich die Lehrer da einmischen? Noch dazu, ohne mich vorher zu fragen, ob ich es überhaupt wollte.

„Hast du denn eigentlich auch Freunde, mit denen du dich mal triffst?", fragte meine Mutter. Ich zuckte mit den Schultern. Klar wollte sie, dass ich soziale Kontakte pflegte, wollte, dass ich Gleichaltrige zum Austauschen und Blödsinn machen hatte. Und zwar nicht Team 13 aus Mittelbach, die ich jetzt sowieso nicht sah. Sie wollte das, ich nicht. Die würden mich nicht verstehen. Würden wahrscheinlich versuchen, mich auf irgendwelche Partys oder so mitzuschleifen. War nicht so mein Fall, brauchte ich nicht. Und genau das würde es schwierig machen. Was sollten sie denn sonst mit mir anfangen?

Mit den Mittelbachern war es etwas völlig anderes. Natürlich wurde ich nicht plötzlich zum Partytyp. Aber mit ihnen machte es mir weniger aus, auf Feiern auch mal abseits zu stehen und nur zu beobachten. Oder zum See zum Schwimmen zu gehen, auch mit frischen Striemen. Sie wussten eh, was bei mir zuhause abging, keine Geheimnisse im Team 13. Alle dort hatten schon viel mitgemacht. Klar, sonst wären sie nicht in der Jugendschutzstelle gelandet. Mit Leuten von hier wäre das unmöglich. Deswegen sah ich auch keinen Sinn darin, mich mit jemandem anzufreunden.

„Ach Rapha, du brauchst doch Freunde. Zum Reden und um mal was zu unternehmen. Mal was Dummes machen. Das gehört doch alles dazu, zum Erwachsen werden. Aber, bitte, du kannst doch nicht immer nur allein rumhängen." Sie versuchte immer wieder, mich dazu zu überreden, mehr rauszugehen. Aber... Ich wollte nicht. Hatte nicht wirklich Lust auf Kontakt mit anderen, nicht mehr als zwingend nötig. Ich wusste nur nicht, wie ich ihr das erklären konnte. Ich verstand mich ja manchmal selbst nicht.

„Ja, ich weiß, Mama. Ich versuch's ja auch immer wieder mal. Es fällt mir nur einfach so schwer, neue Bekanntschaften zu schließen." Und im Moment hatte auch nicht die Kraft dazu. Wie denn auch? Mit einer sterbenden Mutter, um die ich mir ständig Sorgen machte, war es schwierig, Energie zu tanken. Es war nicht ihre Schuld, es war einfach eine Tatsache. Und das bisschen, was ich hatte, prügelte mein Vater aus mir raus. Nein, allein sein war die einzige Zeit, die ich für mich hatte, und die wollte ich jetzt nicht mit anderen teilen.

„Ist schon gut, mein Schatz. Ich will dich ja zu nichts zwingen. Aber bleib einfach offen für Neues, ja? Kannst du mir das versprechen?" Sie nahm wieder meine Hand. Ich drückte sie leicht und nickte. „Na komm, spiel mir doch was auf der Gitarre. Das kannst du doch so schön", bat sie lächelnd.