Disclaimer:
Alles, was irgendwie nach Köln 50667/Team 13 klingt (Charakter, Handlung, Dialoge, etc.) gehört RTL II.
Sämtliche Fehler (Rechtschreibung, Grammatik, sonstiges) gehört mir. Wenn ihr welche findet, gebt sie mir bitte zurück, ich werde mich um sie kümmern.
Kapitel 6
Auf dem Heimweg musste ich mich schon etwas beeilen. Ich war länger geblieben, als ich geplant hatte. Inzwischen war es schon Viertel Fünf. Wenn die Öffis jetzt zu schlechten Zeiten fuhren, würde ich es nicht rechtzeitig nach Hause schaffen. Mehrmals joggte ich zwischendurch, Herr Kaiser würde sich freuen. Oder auch nicht, so kurz wie ich es durchhielt. Trotzdem reichte es, um pünktlich anzukommen, sogar mit fünf Minuten Puffer. Vor der Wohnungstür nahm ich noch ein paar tiefe Atemzüge, mein alter Herr musste ja nicht unbedingt wissen, dass ich gerannt war, dann schloss ich auf und trat ein.
„Langsam wird's ja doch noch was mit deiner Erziehung!", rief mein Vater aus dem Wohnzimmer. Ich verdrehte die Augen. „Ab an deine Hausaufgaben!" Hatte ich eh vorgehabt. Fünf Uhr war eindeutig zu früh, um auch nur ans Essen zu denken, und eine andere Beschäftigung hatte ich nicht. Dann hatte ich das wenigstens schon mal hinter mir und konnte das Wochenende 'genießen'.
In meinem Zimmer saß ich trotzdem erst mal nutzlos am Schreibtisch und starrte vor mich hin. Dann fiel mir ein, dass ich immer noch mein T-Shirt von vorhin anhatte, das mit den Blutflecken. Schnell zog ich mich um und ging ins Bad. Besser gleich mit kaltem Wasser waschen, sonst konnte ich das Shirt wegschmeißen. So würde ich es definitiv nicht mehr anziehen können.
Zehn Minuten später hing es zum Trocknen am Schrank und ich fand mich wieder vor meinen Hausaufgaben. Seufzend zog ich das erstbeste Buch aus der Tasche und machte mich dran. So viel war es heute nicht einmal. Irgendwann kam mein Vater ins Zimmer und informierte mich, er würde sich mit ein paar Kumpels treffen. In der Kneipe natürlich, das brauchte er nicht zu sagen. Ich solle in der Wohnung bleiben oder ich würde es bereuen. Aber mal ganz ehrlich, wo sollte ich denn jetzt noch hin? Meine Mutter hatte ich heute schon besucht, mehr gab es in Köln nicht für mich.
Ich nutzte die Gelegenheit, um mir in Ruhe etwas zu essen zu suchen. Groß war die Auswahl nicht, sodass ich wieder bei belegten Broten landete. Sollte mir recht sein, Hunger hatte ich eh kaum.
„Was glaubst du eigentlich, wer du bist, dass du meinst, mich erpressen zu können!", brüllte mir mein Vater praktisch direkt ins Ohr. Mitten in der Nacht. Ich schrak hoch und fiel fast vom Bett, als ich vor ihm zurück wich. Ein intensiver Alkoholgeruch stieg mir in die Nase, er war wohl gerade erst von der Kneipe gekommen. Er packte mich am Kragen, zog mich wieder zu sich heran und schüttelte mich. Im Halbschlaf hatte ich noch immer nicht ganz begriffen, was er von mir wollte, wovon er überhaupt redete. Erst langsam kamen mir meine Worte von heute Mittag wieder in den Sinn. Wenn er das als Erpressung verstand...
„Was glaubst du, wer du bist!", schrie er erneut und verpasste mir eine Ohrfeige. Dann stieß er mich zurück aufs Bett. Und zog seinen Gürtel aus. Mir blieb der Atem weg. Wie erstarrt blieb ich liegen. Ich hatte nicht gedacht, dass ich mir jemals den Rohrstock wünschen würde. Diesmal jedoch halbierte er den Lederriemen. Wenigstens nicht die Schnalle, und ich hatte noch ein Shirt an.
Trotzdem zuckte ich vor Schmerz zusammen und drückte den Rücken weg. Verdammt, auch betrunken hatte der Mistkerl noch mehr als genug Kraft. Dafür hatte seine Genauigkeit nachgelassen. Vorsichtshalber schützte ich meinen Kopf mit meinen Armen. Die Hiebe regneten irgendwo auf meinen Rücken nieder. Doch schon bald ließ seine Ausdauer nach, es konnten nicht mehr als ein paar Minuten gewesen sein, bevor er aufhörte. Schwankend und leise vor sich hin fluchend verließ er mein Zimmer.
Leicht zittrig stand ich auf und schloss die Tür hinter ihm, darauf bedacht, kein Geräusch zu machen. Bevor ich mich wieder hinlegte zog ich noch mein T-Shirt aus, ich wollte morgen früh nicht noch eins waschen müssen. Der Gürtel hatte zwar sicher keine neuen Wunden hinterlassen, aber ein paar alte würden definitiv wieder bluten, wenn schon ein paar Zusammenstöße mit der Wand dafür ausreichten. Den Schaden würde ich mir morgen früh genauer anschauen.
Ich hasste Wochenenden. Keine Schule war zwar nicht verkehrt, aber das hieß auch, dass ich die Wohnung in der Regel nicht verließ, sofern ich meine Mutter nicht besuchen durfte. Entweder ich hatte keine Lust, saß den ganzen Tag im Zimmer und las. Oder mein Vater zwang mich, ihm bei der Hausarbeit zu helfen. Wobei helfen relativ war, meistens machte ich die Arbeit und er nörgelte, wenn es ihm nicht passte. Für den Fall, dass ich den Mund aufmachte, war der Rohrstock nicht weit entfernt.
„Junge! Zimmer aufräumen, Bad putzen, Müll raus und staubsaugen!", rief er mir auf dem Weg zu seiner Morgenzigarette zu, während ich gerade in der Küche frühstückte. Ich nickte und wandte mich wieder meinem Müsli zu. „Jetzt!" Genau, selbst erstmal eine rauchen, aber mich nicht mal was essen lassen. Ich verdrehte genervt die Augen, packte meine Sachen aber dennoch weg und ging zurück in mein Zimmer.
Gut, hier sah es wirklich ein bisschen aus. Hauptsächlich, weil ich meine Kleidung meistens da liegen ließ, wo sie gerade hinfiel. Also erstmal sortieren, dreckige oder stark verschwitzte Klamotten auf einen Haufen, der Rest aufs Bett, die konnte ich gleich noch aufräumen. Mein Hemd von der Nacht war zum Glück sauber geblieben. Den Wäscheberg trug ich ins Badezimmer. Der Wäschekorb war auch voll, also ab damit in die Waschmaschine. Dann zurück ins Zimmer und die gute Kleidung halbwegs ordentlich zusammenlegen und in den Schrank räumen. Danach sammelte ich den Abfall ein, der sich um meinen Schreibtisch verteilt hatte. Hauptsächlich irgendwelche Notizen zu Mathe-Aufgaben. Den Mülleimer stellte ich dann erst einmal an die Zimmertür, den würde ich später mit runter nehmen, wenn ich auch den Rest mit raus nahm.
Irgendwann kam mein Vater zurück in die Wohnung und begutachtete, was ich so trieb. „Na, weit bist du ja noch nicht. Schick dich mal ein bisschen!", kommentierte er, mehr aber auch nicht. Gut, je weniger er sagt, desto besser. Ich arbeitete sowieso am liebsten in Ruhe.
Als nächstes kam das Bad dran. Oder genauer, Klo, Dusche und Waschbecken, mehr war es im Grunde eh nicht. Es war zwar meistens nur eine Sache von einer viertel Stunden, trotzdem machte ich es nicht gerne. Durch die gebückte Haltung gerade beim Klo putzen tat mir anschließend der Rücken weh, sodass ich das immer zum Schluss machte. Danach gönnte ich mir eine kurze Atempause. Aber wirklich nur eine kurze, der Staubsauger wartete schon und mit ihm ein Mann, der keine Gelegenheit auslassen würde, mich daran zu erinnern, wie faul und nutzlos ich doch war.
Ich hasste staubsaugen. Wir hatten noch so ein uralt Teil, laut, unsauber, mit Beutel. Es war eh ein Wunder, dass er überhaupt noch funktionierte. Auf jeden Fall brauchte ich immer ewig, bis ich alles gründlich genug gesaugt hatte, um es meinem Vater präsentieren zu können. Mit einem Besen wäre ich wahrscheinlich schneller. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaltete ich das Ding endlich aus, nahm den Beutel raus, suchte den restlichen Abfall aus der Wohnung zusammen und machte mich auf den Weg zu den Mülltonnen vorm Haus.
Vor der Tür rauchte gerade ein Nachbar. Ich konnte mir nie merken, wie er hieß, ich konnte ihn eh nicht leiden. Er war schon in Rente und verstand sich gut mit meinem Vater, eine Kombination, die nicht gut für mich war. Natürlich konnte ich ihn jetzt aber auch nicht meiden, ich musste an ihm vorbei.
„Guten Tag", grüßte ich höflich und versuchte, möglichst schnell weiter zu gehen. Erfolglos, selbstverständlich.
„Ach, ein seltener Anblick, du hier außen", höhnte der Mann. Sein Blick fiel auf die Mülltüten, die ich in den Händen hielt. „Schön von dir, dass du deinem Vater auch mal hilfst. Er beklagt sich ja ständig, wie faul du bist. Immer nur in deinem Zimmer, und dann willst du auch noch deine ehrlose Mutter besuchen..."
„Sie ist krank, natürlich möchte ich sie besuchen!" Ich bemühte mich, möglichst freundlich zu klingen. Warum verstand dass denn auch keiner?
„Das hat sie selbst über sich gebracht. Prostitution ist eine Sünde, das ist ihre gerechte Strafe! Dein Vater tut gut daran, dich nicht zu ihr zu lassen!" Ich biss die Zähne zusammen und schluckte meine Wut hinunter. Immer diese religiösen Idioten! Gute Menschen nannten sie sich, aber für Kranke waren sie dann doch nicht da. Und die, die es waren, wurden geächtet, sofern sie nicht selbst gläubig waren. Dann war wieder alles in Ordnung. Heuchler.
Auch wenn mein Vater kein streng gläubiger Christ war, überraschte es mich nicht, dass die beiden sich gut verstanden. Prostitution ist eine Schande, sofern man es nicht selbst in Anspruch nimmt. Kinder brauchen Schläge, um zu anständigen Erwachsenen zu werden. Ich wollte gar nicht wissen, worüber sie sich noch so unterhielten, sicher nichts angenehmes.
Mit gesenktem Blick eilte ich weiter zu den Mülltonnen, um dem Gespräch zu entgehen. Was wollte der Typ denn eigentlich von mir hören? Dass er Recht hatte? Dass ich meine Mutter verachten sollte? Dass ich meinem Vater dafür zu danken hatte, dass er mich verprügelte? Konnte er vergessen!
„Unhöflich von dir, nicht zu antworten!", rief mir der Mann hinterher. „Du solltest eigentlich alt genug sein, das zu wissen." Ich verdrehte die Augen. Warum sollte ich mit ihm reden, wenn er alles was ich sagte dafür nutzen würde, mich runter zu machen?
„Schönen Tag noch", wünschte ich mehr oder weniger freundlich, als ich wieder an ihm vorbei ins Haus ging. Ich sah sein verdutztes Gesicht in der Glasscheibe der Haustür. Er wollte gerade noch etwas sagen, da war die Tür auch schon hinter mir zu gefallen. Ich drehte mich nicht noch einmal um, während ich die Treppe hoch ging.
„Schon fertig?", fragte mein Vater aus dem Wohnzimmer. „Dann kannst du ja gleich noch die Küche putzen!" Seufzend machte ich mich an die Arbeit.
