Disclaimer:

Alles, was irgendwie nach Köln 50667/Team 13 klingt (Charakter, Handlung, Dialoge, etc.) gehört RTL II.

Sämtliche Fehler (Rechtschreibung, Grammatik, sonstiges) gehört mir. Wenn ihr welche findet, gebt sie mir bitte zurück, ich werde mich um sie kümmern.


Kapitel 7

Ich war einer dieser seltsamen Schüler, die sich auf Montag freuten. Einigermaßen zumindest. Nach einem ganzen Wochenende zuhause war Schule immer eine willkommene Abwechslung, mal wieder andere Gesichter. Welche, die mich in Ruhe ließen. Mein Vater war zwar ungewöhnlich angenehm im Umgang gewesen, aber in der Schule konnte ich trotzdem leichter untertauchen als in der Wohnung.

Montags endete der Unterricht nach der sechsten Stunde. Zeit genug, um danach noch einkaufen zu gehen, hatte mein Vater heute früh gemeint. Natürlich konnte er es nicht selbst machen, er musste ja schließlich arbeiten. Zwar auch nur bis mittags, aber danach musste er ja direkt heim. Also blieb die Drecksarbeit mal wieder an mir hängen. Okay, es gab schlimmeres als einkaufen, trotzdem musste ich es ja nicht gerne machen.

Seit meinem sechzehnten Geburtstag war es außerdem meine Aufgabe, beim Einkaufen auch gleich den Biervorrat im Haus aufzustocken. Ich hasste es. Nicht nur, dass er betrunken schlimmer zu ertragen war und ich es deshalb lieber nicht noch unterstützen wollte. Ich war mir auch nie sicher, welche Marke er gerade am liebsten mochte. Konnte sowieso jede Woche wechseln. Mal wieder fand ich mich unentschlossen vor dem Bierregal. Nun ja, besser das falsche mitbringen als gar keins, das wäre definitiv tödlich.

Eine halbe Stunde später schleppte ich die Sachen die Treppe hoch und dann in die Küche. Dort packte ich schnell alles aus und verstaute es in den Schränken. Wenn ich mich beeilte blieb vielleicht noch genug Zeit, meine Mutter zu besuchen. Seit Freitag hatte mein Vater mir nicht mehr erlaubt, zu ihr zu fahren.

Wenn man vom Teufel sprach... Er sperrte die Tür auf und kam Richtung Küche gelaufen. Wahrscheinlich war er nach der Arbeit noch mit ein paar Kumpels auf ein Bier in die Kneipe oder sonst wohin gegangen. Mittags. Für ihn nicht ungewöhnlich.

„Was soll das sein, Junge?", fragte er gereizt. War es das falsche Bier? Dumme Frage, natürlich. Hatte er ja letzte Woche schon getrunken.

„Bier." Die einfachste, und schlechteste, Antwort, die ich geben konnte, ohne falsch zu liegen. Zu behaupten, es wäre gerade seine Sorte, konnte nur nach hinten losgehen.

„Und warum steht dann 'alkoholfrei' drauf?" Was? Ich schaute noch mal auf die Verpackung des Six-Packs. Tatsächlich, mittendrauf, aber nicht sehr groß. Verdammt! Ich war so sehr darauf bedacht gewesen, nicht die falsche Marke mitzunehmen, dass ich das völlig übersehen hatte. Scheiße!

„Wozu schick ich dich überhaupt in die Schule, wenn du nicht mal lesen kannst!", schrie er mir fast direkt ins Ohr. Klar war er stinksauer. Ich drehte mich nicht um, blieb wie erstarrt stehen. Wie hatte mir das nur passieren können! „Schau, dass du in dein Zimmer kommst! Aber schnell!"

Hastig machte ich mich auf den Weg, sodass ich fast stolperte. Er ließ mir kaum Zeit, mich vorzubereiten, verfolgte mich praktisch direkt mit dem Rohrstock. So zurückhaltend er am Wochenende gewesen war, so wütend war er jetzt. Die Schläge donnerten auf meinen Rücken nieder, ein Hieb direkt nach dem anderen, keine Pause zum Atmen. Die Schmerzen nahm ich aber kaum war. Irgendwann merkte ich, dass ich auf dem Boden lag. Wann war das denn passiert? Dennoch dachte mein Vater nicht ans Aufhören, prügelte weiter gnadenlos auf mich ein. Er brüllte etwas davon, wie dumm ich doch sei. Dass ich wissen müsse, was er wollte. Besser aufpassen solle, nicht so einen einfachen Fehler zu machen.

Ich hörte nicht zu. Stattdessen spürte ich den alt vertrauten Hass in mir aufsteigen. Sollte er seinen Scheiß doch selber kaufen! Dann war es wenigstens sein Problem, wenn's ihm nicht passte. Aber ich wusste doch ganz genau, warum er es nicht machte. Er war froh über jeden noch so kleinen Vorwand, den Rohrstock hervorzuholen.

Selbiger zischte noch einmal durch die Luft, traf meinen Rücken. Hart. Einen kurzen Moment stockte mir der Atem. Dann trat mein Vater einen Schritt zurück, sagte aber kein Wort. Ich drehte den Kopf, sodass ich ihn sehen konnte. Er stand einfach nur da. Starrte mich an, wie ich da schwer atmend vor ihm auf dem Boden lag. Sein Gesichtsausdruck gefiel mir nicht, als würde er sein Werk bewundern. Was hatte er vor?

„Merk dir, wo du hingehörst", zischte er gehässig. Ich wandte den Blick wieder ab, senkte den Kopf zurück auf den Boden. In seinen Augen war mein Platz schon immer zu seinen Füßen gewesen. Als Sohn einer Hure war ich minderwertig, eine Schande für ihn. Er hatte es mir so oft eingeprügelt, an manchen Tagen nahm ich es als Wahrheit an. An den gefährlichen Tagen.

Nach einer Weile hörte ich Schritte mein Zimmer verlassen, dann fiel die Tür zu. Ich blieb liegen wo und wie ich war. Ich realisierte nicht, wie die Zeit um mich herum verging. Irgendwann hörte ich die Haustür. Mit einem Ruck richtete ich mich auf. Meine Chance, das Haus zu verlassen. Ich wusste nicht genau wann ich mich dazu entschieden hatte, irgendwann während den letzten paar Schlägen wahrscheinlich, aber heute war es mal wieder soweit, dass ich über Nacht woanders bleiben würde. Wo wusste ich noch nicht, vielleicht im Bordell. Vielleicht in Mittelbach. Oder irgendwo dazwischen.

Hastig zog ich mein T-Shirt wieder an, dann verließ ich ebenfalls die Wohnung. Schlüssel, Schulsachen, konnte alles hier bleiben. Nur meinen Geldbeutel mit meinem Ausweis nahm ich lieber doch mit.

Bevor ich die Tür hinter mir zufallen ließ schaute ich erst einmal vorsichtig im Treppenhaus auf und ab, ob nicht irgendein Nachbar in Sicht war. Besser, wenn mich keiner aufhielt. Besonders nicht dieser alte Idiot. Zum Glück blockierte aber keiner meinen Weg.

Zügig, aber möglichst unauffällig, ging ich zur nächsten Bushaltestelle, und von dort weiter ins Bordell.


Meiner Mutter ging es heute nicht so gut. Sie war sehr schwach, konnte kaum die Augen offen halten. Ich verzichtete darauf, mich viel mit ihr zu unterhalten und spielte stattdessen Gitarre. Groß was zum Reden hatte ich eh nicht. Außer meinem Vater war eigentlich nichts passiert, und über ihn redet wir beide nicht.

Nach nicht mal ganz einer Stunde war sie wieder eingeschlafen. Leise verräumte ich die Gitarre. Ich sah noch einmal zu ihr rüber. Bis auf die schweren Atemzüge wirkte sie so friedlich. Mit möglichst wenigen Geräuschen verließ ich ihr Zimmer.

Im Hauptraum setzte ich mich an die Bar und starrte vor mich hin, den Kopf gesenkt. Die Frauen putzten gerade das Haus. Montags war das Bordell geschlossen, sodass da alle anfallenden Arbeiten gemacht wurden. Eigentlich hätte ich ihnen gerne geholfen, aber der Tag war anstrengend gewesen, ich war erschöpft, psychisch zumindest. Meine Mithilfe verlangte auch keiner. Im Gegenteil, nicht nur einmal hatten sie darauf bestanden, dass ich mich hinsetzte und ausruhte. An den meisten Tagen war ich nicht ganz abgeneigt.

Irgendwann kam Penelope an die Bar. Sie stellte mir was zu trinken hin und fragte, ob es mir gut ging. Ich nickte nur, weniger als Bestätigung, mehr eine Andeutung, nicht reden zu wollen. Sie drängte mich nicht, blieb aber bei mir und putzte den Tresen. Falls ich meine Meinung ändern sollte.

„Kann ich heute Nacht hier bleiben?", fragte ich schließlich.

„Stress zuhause?", wollte sie vorsichtig wissen. Ich zuckte mit den Schultern, einen anderen Grund gab es ja eigentlich eh nicht. Sie schaute mich eine Weile still an, forschte dann aber nicht weiter nach. „ Klar, eine Nacht wird schon gehen. Wenn dein Vater vorbei kommen sollte und nach dir fragt..."

„Ich bin nicht mehr da." Komplett zu leugnen, dass ich da gewesen war, würde es nur unglaubwürdig machen.

„Dachte ich mir."


Am nächsten Morgen verließ ich das Gebäude früh genug, um rechtzeitig zur Schule kommen zu können. Trotzdem würde ich nicht gehen, ich hatte ja nicht mal was dabei. Außerdem, wenn ich Pech hatte, war es möglich, dass mein Vater nach der Schule dort auf mich warten würde, um mich nach Hause zu schleifen. Darauf hatte ich nun wirklich keine Lust.

Im Bordell konnte ich auch nicht bleiben. Zum Einen würde es meine Mutter, und mit ihr auch die Anderen, nicht tolerieren. Sie würden darauf bestehen, meiner Schulpflicht nachzugehen. Zum Anderen wäre es der offensichtlichste Ort, an dem ich mich aufhalten könnte. Würde mein Vater es darauf anlegen, mich wieder zu sich zu holen, er wüsste, wo er zuerst schauen müsste. Oder die Polizei. Auch wenn es aus seiner Sicht ziemlich dumm wäre, die mit einzubeziehen. Ich bräuchte nur mein T-Shirt ausziehen, um sicher zu stellen, nicht zu ihm zurück zu gehen. Er wusste ja nicht, dass ich das nicht tun würde. Desweiteren kam ja auch noch dazu, dass ich eigentlich gar nicht über Nacht hätte hier bleiben dürfen.

Also vertrieb ich mir die Zeit, indem ich ziellos und durch Köln wanderte. Irgendwann merkte ich, dass ich mich grob in Richtung Mittelbach bewegte. Tatsächlich war ich schon in den Außenbereichen der Stadt. Ich hatte am Wochenende auch schon daran gedacht, mal wieder dort vorbei zu schauen, wenn auch nur für ein paar Stunden. Einfach mal zum Durchatmen.

In Gedanken verloren ließ ich mich von meinen Füßen tragen. Ich würde dann schon sehen, wo ich letztendlich raus kam, ob in Mittelbach, in Köln oder irgendwo im Wald. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich mich an einem Ort fand ohne zu wissen, wie ich da hin gelaufen war.

Wie aus weiter Ferne hörte ich Autos an mir vorbei rauschen, einige hupten laut und lang. Meine Ohren nahmen es war, eine Verbindung konnte mein Hirn aber nicht herstellen. Jemand packte mich, schüttelte mich, brüllte irgendwelche Worte. Nichts davon realisierte ich wirklich.