2. Eine Schale voll Wasser
Das Zimmer, das Ken in der Herberge bewohnte, war nicht übermäßig komfortabel. Aber es besaß etwas, das Standard war auf Coruscant – einen wandgroßen Bildschirm. Außer sämtliche Fernsehkanäle des Planeten zu empfangen hatte er noch eine weitere Funktion, die Ken als einzig sinnvoll einstufte: beinahe lebensechte Abbilder von Landschaften der verschiedensten Planeten zu zeigen.
Wie schon an den Abenden zuvor wählte er das alderaanische Meer. Das tiefe Blau des Himmels und das kristallklare Wasser, das diese Farbe spiegelte, füllten Kens Zimmer mit Ruhe und Weite. Nur das Kreischen der Seevögel und der Wind auf seiner Haut fehlten. Ken blickte in die imaginäre Ferne und sog das Gefühl von Heimat in sich auf. Aber es war nun einmal nur eine Projektion, nicht echt genug, um seine Gedanken zur Ruhe zu bringen.
„Weichhaut denkt zu viel", hätte Qyzen gesagt. Treffend wie immer. Ken rieb sich den Nacken und blickte mit gerunzelter Stirn auf die winzigen Wellen, die über die Wasseroberfläche zitterten. Hatte Meister Bakarn das wirklich im Sinn? Dass er bei seiner Suche nach Heilung für Meisterin Yuon auch noch einen machtbegabten Twi'lek mit sich herumschleppte, der vielleicht nicht mehr verrückt war, aber immer noch unvernünftig genug, sich einer Ausbildung zu verweigern? Diesem alten Jedi-Holocron von Rajivari hatte Nalen bereitwillig zugehört, aber bei denjenigen, die ihn aus dem Schlamassel wieder befreit hatten und sich damit auskannten, weigerte er sich? Und trotzdem tauchte er hier auf, um ihm angeblich helfen zu wollen? Ken schüttelte verständnislos den Kopf.
‚Nicht so schnell, Padawan', hörte er Meister Joren mit seinem typischen Schmunzeln sagen. ‚Alles hat seinen Grund, auch wenn es dir noch so seltsam vorkommt. Sieh hin, hör zu, frage. Und akzeptiere die Antwort.'
„Auch wenn sie mir nicht passt, ich weiß …", murmelte Ken. Er brauchte wohl noch eine kleine Auszeit, bevor er sich wieder mit Nalen und … den Ereignissen auf Tython befasste.
Ken hob die gebrannte Tonschale vom Wandbord und stellte sie auf den niedrigen Tisch. Das von noch etwas ungeschickten, aber eifrigen kleinen Händen geformte Gefäß entlockte Ken ein Lächeln, als er es mit Wasser aus einer Glaskaraffe füllte. Dann ließ er sich auf seinem Bett nieder und richtete seinen Blick auf die Wasseroberfläche.
Es verging nur ein Lidschlag, bis sich kleine runde Tropfen von ihr lösten und gemächlich nach oben stiegen. Ken dirigierte sie mit den Fingerspitzen, wob erst einen dichten Teppich, dann ein Netz, das sich langsam um sich selbst drehte. Tropfen für Tropfen hielt er in der Bewegung und im Gleichgewicht. Ganz konzentriert. Dabei fielen nach und nach alle anderen Gedanken von ihm ab wie welke Blätter.
Gerade als er dabei war, die Wasserperlen zu einer Kugel zu formen, erklang erneut der Türsummer.
Ken hielt die Wasserform mit einem geistigen Befehl in Schwebe und blickte auf. Die Anzeige am Rand des Wandbildes machte ihm deutlich, dass mehr Zeit über seiner Meditation vergangen war, als er beabsichtigt hatte.
„Ja?"
„Nalen Raloch ist hier. Darf ich eintreten?"
„Natürlich, kommt rein!" Ken schnipste wieder nach dem Türsensor und stellte fest, dass ihm diese Art von Fingerübung schon viel zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen war. ‚Zu faul zum Aufstehen, hm?' Meister Jorens amüsierte Kritik flüsterte aus seiner Erinnerung und Ken musste innerlich lächeln, als er die dazu passende hochgezogene Augenbraue vor sich sah. Rasch erhob er sich.
Als der blauhäutige Twi'lek durch die Tür trat, kam es wohl nicht nur Ken so vor, als würden sie sich erst jetzt wirklich zum ersten Mal seit ihrem Kampf wiederbegegnen. Vorhin, mit Meister Bakarn, war es mehr ein offizieller Besuch gewesen. Jetzt waren sie beide allein.
Ken spürte, dass Nalen nichts von der Anspannung verloren hatte, mit der er schon beim ersten Mal durch die Tür getreten war. Kens Meditation hatte die widersprüchlichen Gefühle in seinem Inneren zur Ruhe gebracht. Auf eine seltsame Weise war er froh darüber, dass Nalen ihn hier aufsuchte und dass von den Verletzungen, die er ihm hatte zufügen müssen, nichts mehr zu sehen war. Und gleichzeitig wollte er ihm eine reinhauen für das, wozu er ihn und seine eigenen Leute auf Tython gezwungen hatte.
Ken wusste, dass Nalen ihm diese Gedanken nicht ansehen würde. Wie alle Jedi konnte er ein Bildnis der Gelassenheit sein, auch wenn es in seinem Inneren manchmal drunter und drüber ging. Eine Maske, die für seine Berufung überlebenswichtig war und immer sein würde. Aber hier und jetzt fühlte er keine Veranlassung, sie weiter zu tragen. Mit dem, um was es ihm ging, war er weder Jedi noch angehender Botschafter, sondern einfach nur Ken.
„Ich war ziemlich überrascht, als ich Eure Nachricht bekam", sagte er und sprach spontan das aus, was ihm als erstes in den Sinn kam. „Meisterin Yuons Arzt hat sie über das Senatsnetz empfangen und mir zugestellt. Ich hatte nicht damit gerechnet, noch einmal etwas von Euch zu hören. Klingt vielleicht komisch, aber ich habe mich darüber gefreut, dass Ihr noch einmal Kontakt zu mir aufgenommen habt. Vor allem", ein leichtes Grinsen schlich sich auf Kens Gesicht, „weil Ihr zum ersten Mal nicht damit gedroht habt, mich umzubringen."
Die Maske nicht aufzusetzen hieß natürlich nicht, dass Ken nicht versuchen würde, Nalen aus der Reserve zu locken. Nalens abwartender Blick wurde zuerst irritiert und dann etwas verlegen.
„Ich dachte nicht, dass Ihr überhaupt antworten würdet. Aber es hat mir keine Ruhe gelassen, seit ich … wieder klar denken konnte."
„Ich habe Euch nie als Feind betrachtet, Nalen. Es ist gut, dass Ihr wieder wohlauf seid. Es hat mir nicht gefallen, dass ich Euch verletzen musste." Etwas in der Art hatte Ken in seiner Antwort zwar schon geschrieben, aber er fand es besser, es noch einmal persönlich zu sagen.
„Ich wünschte, ich könnte das auch von mir sagen." Nalens Stimme klang rau. „Ich hätte zu der Zeit nicht gezögert, Euch und Euren Freund zu töten." Er hielt Kens Blick noch einen Moment lang stand, dann wandte er sich ab und presste die Lippen aufeinander. „Zum Glück habt Ihr mich geschlagen."
Plötzlich weiteten sich seine Augen und Ken bemerkte, dass Nalen seine schwebenden Wasserperlen anstarrte. Nein, eher das, was darunter stand. Die gebrannte Tonschale mit dem Muster aus klauenartigen Löchern am oberen Rand und den Abdrücken von Blättern rundherum.
Nalens blaues Gesicht verlor alle Farbe und wurde grau.
„Diese Schale …" flüsterte er. „Woher habt Ihr …?"
„Sie ist ein Geschenk."
„Von Rusa ..."
Ken nickte, nicht weiter überrascht, dass Nalen das Twi'lek-Mädchen und ihre Tonarbeiten kannte. „Als ich in Kalikori auf der Suche nach Euch war, bin ich ihrer Mutter begegnet. Rusa war zu der Zeit schwerkrank und ihr Vater auf der Suche nach Zutaten für das Medikament, das sie brauchte. Ihre Mutter bat mich, nach ihm zu suchen, weil er noch nicht zurückgekommen war." Ken stockte. Wenn Nalen Rusa kannte, dann kannte er bestimmt auch ihren Vater. Ob man ihm schon erzählt hatte, was mit diesem geschehen war?
Nalen starrte ihn an. „Kreth …" Er schüttelte den Kopf, langsam, als würde er aus einem tiefen Traum erwachen. Sein Blick bohrte sich in den von Ken mit dieser ihm eigenen Intensität, die Ken zum wiederholten Mal fast schmerzte. „Was ist mit ihm?! Sagt doch! Was ist mit Rusa?!" Es schien, als wollte er ihn im nächsten Moment packen und schütteln, damit er endlich weitersprach.
Ken widerstand dem Impuls, einen Schritt zurückzutreten. Also doch nicht. Er seufzte im Stillen und verfluchte die Tatsache, dass er jetzt der Übermittler dieser Botschaft sein musste.
„Rusa geht es wieder besser. Ich habe gefunden, was sie brauchte, und es ihrer Mutter gegeben. Die beiden brachten mir diese Schale zum Tempel, weil Rusa sich bedanken wollte. Sie erwischten mich gerade noch, bevor wir hierher flogen."
Nalen schloss kurz die Augen, offensichtlich erleichtert ob dieser Worte. Aber Ken musste noch mehr berichten: „Ihr Vater … es tut mir leid, Nalen, aber er hat es nicht geschafft. Ich glaube, es war eine dieser Manka-Katzen, hinter denen er her war. Ich fand nur noch seine Leiche und eine Holonachricht für seine Familie."
Ken hatte den Eindruck, dass Nalens Gesicht noch mehr an Farbe verlor als ohnehin schon.
„Nein", stieß der Twi'lek hervor. „Nein! NEIN!"
In ohnmächtiger Wut holte er aus und schlug mit der Faust gegen die Wand von Kens Zimmer. Es knackte bedenklich, was Nalen aber nicht einmal zu bemerken schien. Noch einmal hob er die Faust, aber Ken fasste rasch nach seinem Arm und hielt ihn fest.
„Hört auf! Ihr werdet euch noch verletzten. Falls Ihr das nicht schon geschafft habt." Die Haut an Nalens Fingerknöcheln war aufgerissen und blutete leicht, aber der Twi'lek achtete gar nicht darauf. Ein wildes Flackern lag in seinen Augen, als er Ken ansah. „Lasst los!"
Ken tat ihm den Gefallen. „Er war ein Freund von Euch?" fragte er, einer Ahnung folgend.
„Ja. Das war er." Nalens Stimme war kaum zu hören, als er antwortete. Er fuhr sich mit beiden Händen an die Schläfen und schüttelte den Kopf, erst langsam, dann immer heftiger. Seine Lekku zuckten. „Er hat … ich … bei allen Göttern, wieso?! Was ist nur mit mir passiert?! Wie konnte ich das vergessen?!" Mit jedem Wort war Nalens Stimme lauter geworden. Er blickte Ken mit einem Ausdruck von tiefstem Entsetzen in die Augen – Entsetzen über sich selbst.
„Was vergessen?"
Ein paar Herzschläge lang blieb Nalen stumm. Er starrte an Ken vorbei die leere Wand seines Zimmers an und schien sie doch nicht zu sehen. Dann endlich antwortete er, stockend und mit gepresster Stimme:
„Kreth hatte mich gebeten, ihm zu helfen. Manka-Katzen sind gefährlich, auch wenn man ein guter Jäger ist. Er sagte mir, dass es Rusa schlecht ginge und dass er die Zähne einer Katze für die Medizin bräuchte. Und ich versprach, ihn zu begleiten. Aber meine Gedanken kreisten nur noch um die Macht, die Rajivaris Holocron mir verhieß, und um Euch, denn Ihr fingt plötzlich an, Euch einzumischen! So schnell, wie ich es versprochen hatte, so schnell vergaß ich es auch wieder! Kreth hat auf mich vertraut und ich habe es einfach vergessen! Natürlich hat er es dann allein versucht, als die Zeit drängte, er hat noch nie gern um Hilfe gebeten. Aber er hat es nicht geschafft, und ich bin schuld daran! Meinetwegen ist er jetzt tot!"
Nalens Stimme bebte. Er blickte wild um sich. Ken befürchtete schon, er würde im nächsten Moment erneut auf die Wand einschlagen. Aber stattdessen ließ Nalen sich langsam in einen der runden Sessel sinken und vergrub den Kopf in den Händen.
Etwas zupfte an Kens Gedanken, schon während er sprachlos zugehört hatte. Die Wasserform drohte sich aufzulösen. Rasch griff Ken mit der Macht nach ihr und ließ die Tropfen sanft zurück in die Schale gleiten, bevor sie auf dem Teppich landeten. Dann sah er wieder zu Nalen. In seinem Inneren krampfte sich etwas zusammen. Ken schluckte und wusste immer noch nicht, was er sagen sollte. Wider Willen empfand er Mitleid mit ihm.
„Es war seine Entscheidung, allein zu gehen, nicht die Eure", sagte er schließlich.
„Er ging allein, weil der, der die meiste Erfahrung mit der Jagd auf Manka-Katzen hatte, nicht gekommen ist! Ich an seiner Stelle hätte dasselbe getan, um meine Tochter zu retten." Nalen hob den Kopf und musterte Ken mit einer Mischung aus Unverständnis und Abwehr. „Hört auf damit, Jedi. Ich weiß, was in meiner Verantwortung liegt und was nicht."
„Ist das so?" Ken stellte fest, dass seine Stimme plötzlich merklich kühler klang. Er sammelte sich und ging innerlich einen Schritt auf Abstand. Zumindest versuchte er es. „Dann wisst Ihr sicher auch, dass er nicht der einzige gewesen ist, der sterben musste."
Nalen öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber dann schwieg er, mit einem seltsamen Ausdruck in den hellen Augen. Seine Hände, die auf seinen Knien lagen, schlossen sich langsam. Irgendwie schien er bereits zu erwarten, was Ken ihm zu sagen hatte.
Ken registrierte das nur ganz am Rande. Seine Kehle war eng geworden bei der Erinnerung an zwei Twi'lek-Gesichter mit erstarrten Augen.
„Ihr hattet drei Eurer Freunde in der Wasserfallhöhle zurückgelassen, um Qyzen zu bewachen. Vielleicht habt Ihr die in der Zwischenzeit ja auch vergessen. Ich allerdings nicht! Denn zwei von ihnen sind unter meiner Klinge gestorben!"
„Ich weiß." Nalens Stimme klang heiser, aber gefasst. „Yosh hat es mir übermittelt, als er wieder bei Bewusstsein war."
Ken merkte, dass seine Hände wieder zu zittern begannen. Die unterdrückten Gefühle brachen sich allmählich Bahn. Jetzt war er es, der am liebsten gegen die Wand geschlagen hätte. Aber so würde er sich nicht gehen lassen.
„Einen von ihnen konnte ich betäuben, ja, aber das hat mich viel mehr Kraft gekostet, als es sollte. Auch die beiden anderen waren so … stark, so schnell und beinahe unangreifbar. Fast wie ausgebildete Jedi. Was hattet Ihr mit Ihnen angestellt?! Wieso konnte ich sie einfach nicht betäuben?"
„Mit Rajivaris Techniken konnte ich ihre Kraft und ihre Schnelligkeit stärken. Und ich gab ihnen einen Schutz gegen Angriffe der Macht, die sie kampfunfähig machen würden. Das hat auch mir eine Menge Kraft abverlangt, sonst hätte ich bei unserem Kampf vielleicht länger durchgehalten."
„Und das hat sie ihr Leben gekostet!" fauchte Ken und erntete von Nalen einen überraschten Blick. Es war nicht üblich, dass ein Jedi Ärger oder gar Zorn zeigte. Eigentlich war es im Orden sogar verpönt. Schließlich führte es der offiziellen Lehre nach ohne viele Umwege zur „dunklen Seite", diese Gefühle überhaupt zuzulassen. Aber Meister Joren war schon immer etwas unkonventioneller gewesen als seine Mit-Jedi und sein ehemaliger Padawan stand ihm darin in nichts nach.
„Ich wollte sie nicht töten, um Qyzen da wieder rauszuholen! Aber sie … Hattet Ihr ihnen mit Hilfe der Macht auch befohlen, mich entweder aufzuhalten oder bei dem Versuch draufzugehen? Euren eigenen Leuten, deren ‚Schutz' doch angeblich immer Euer oberstes Ziel war?"
„Nein, das habe ich nicht!" widersprach Nalen aufgebracht. Nun war es doch um seine Ruhe geschehen. „Sie sollten euch aufhalten, aber ich habe ihnen niemals befohlen, sinnlos in den sicheren Tod zu gehen!"
„Aber genau das haben sie getan! Verdammt, Nalen, Ihr habt mich damit gezwungen, zwei Twi'lek zu töten, mit denen ich keinerlei Streit hatte! Mit einem von ihnen habe ich ein paar Tage zuvor sogar noch in Kalikori gesprochen! Sie ließen sich nicht betäuben und sie ließen mir durch ihre Stärke nicht die Möglichkeit des Rückzugs, um Verstärkung zu holen! Sie hätten mich getötet, wenn ich nicht schneller als sie damit gewesen wäre! Sie ließen mir keine Wahl!"
Ken hätte am liebsten laut geschrien vor Zorn und Hilflosigkeit – wie in dem Moment, als er genau das während des Kampfes erkannte. Dass er sich selbst nur retten konnte, wenn er es irgendwie schaffte, diese drei hochgeputschten rasenden Kämpfer auszuschalten. Die eigenen Gefühle auszuschalten. Letztendlich war es ihm gelungen. Aber der Preis dafür war einfach zu hoch.
Kens Herz schlug heftig. Er hatte sich während seiner Worte auf die Lehne eines Sessels gestützt. Seine Finger bohrten sich in das glatte Lederimitat. Nalen, starr und reglos, saß ihm gegenüber, einen schmerzerfüllten Ausdruck im Gesicht. Kens Augen hielten seinen flackernden Blick fest. Die nächsten Worte kosteten Ken einiges an Überwindung:
„Wisst Ihr, dass ich immer noch Ihre Gesichter sehe? Ich träume von ihnen! Ich habe sie inzwischen mehr als einmal umgebracht! Ich will, dass das aufhört! Ich weiß nur nicht, was ich dagegen tun kann! Es gibt nichts, was das ungeschehen machen könnte! Gar nichts!"
Nalen schluckte. Er setzte zu einer Antwort an, fand aber keine Worte und blieb stumm. Sein Blick konnte der Anklage in Kens Augen nicht länger standhalten. Er starrte auf seine Hände. Das Schweigen hing zwischen den beiden jungen Männern wie ein unsichtbarer Vorhang aus Blei.
Nalens leise Worte durchdrangen ihn schließlich: „Es tut mir leid, Ken'arryn. Ich habe niemals gewollt, dass so etwas passiert. Nicht, solange ich bei Sinnen war. Bei den Göttern, ich begreife immer noch nicht, wie das alles geschehen konnte! Hätte ich dieses verfluchte Holocron doch niemals angerührt! Dieser alte Meister … er bot mir die Macht und das Wissen, um die Feinde meines Dorfes zu vernichten. Ich wollte beides! Ich wollte lernen, was er wusste, um meine Leute vor dieser ständigen Bedrohung zu schützen! Stattdessen war ich am Ende nahe daran, sie in einen sinnlosen Krieg gegen Euren Orden zu führen. Das wäre das Ende von Kalikori gewesen."
Nalen schüttelte den Kopf. Seine Miene sah aus wie versteinert.
„Erst dachte ich, es wären nur Benneth und Lian … und Yosh, die … Aber jetzt ist es auch Kreth. Bahlea und Rusa. Ihr und Euer Freund. Sind da noch mehr, die ich in diesen Wahnsinn mit hineingezogen habe?"
„Keine Ahnung." Ken löste die Finger von der Lehne und ließ sich nun ebenfalls in einen der Sessel sinken. Er fühlte sich müde und ausgelaugt.
„Es war nicht Eure Schuld, Ken'arryn. Ihr konntet nichts anderes tun, als Euch zu verteidigen. Ich allein bin für ihren Tod verantwortlich."
Dachte er wirklich, ein Jedi konnte es sich so einfach machen? „Es war immer noch meine Hand, die die Klinge führte. Ich bin nicht weniger verantwortlich als Ihr!"
Nalen erwiderte nichts. Weder er noch Ken waren sonderlich erpicht darauf, sich um diese zweifelhafte Ehre zu streiten.
Wieder hing das Schweigen zwischen ihnen. Resignation lag darin. Trauer. Eine unterschwellige Fassungslosigkeit über den unglücklichen Gang der Ereignisse, die einfach nicht weichen wollte. Und doch fühlte sich etwas anders an als zuvor, obwohl Ken den Unterschied noch nicht benennen konnte.
Ken dachte an Rusa, die ihren Vater nie wiedersehen würde – den erschöpften Twi'lek, den er nur als Holoschemen kannte. Und die anderen … die anderen! Mit Bestürzung erkannte Ken, dass er bis eben nicht einen einzigen Gedanken an ihre Angehörigen verschwendet hatte.
„Hatten die beiden Familie? … Benneth und Lian?" Bisher waren die beiden Twi'lek nur namenlose Gesichter für Ken gewesen. Seine Zunge weigerte sich im ersten Moment sogar, die Namen auszusprechen, den letzten Abstand zu überwinden, den er noch zu ihnen gehalten hatte. Ken tat es nun, auch wenn es ihm einen Stich versetzte. Ein paar feige Herzschläge lang hoffte er, dass sie beide allein lebten.
„Benneth hat eine Frau und einen erwachsenen Sohn. Er war Jäger, hat die Jüngeren in den Waffentechniken unterrichtet. Beim Fest des Erwachens im letzten Jahr ist er mal gegen mich angetreten … Lian war kaum älter als Ihr. Seine Eltern bewirtschaften eine unserer Plantagen. Er und Yosh waren Benneths talentierteste Schüler. Wir sind oft zusammen unterwegs gewesen."
„Na wunderbar", seufzte Ken und rieb sich die Stirn. Er ahnte so langsam, was ihm noch bevorstand. Als Nalen vorhin durch die Tür gekommen war, hatte er sich gefragt, ob er das im Fall des Falles auch könnte – jemandem, dem er übel mitgespielt hätte, erneut gegenüberzutreten. Die Antwort auf diese Frage würde Ken schneller finden als gedacht – denn genau das würde er tun müssen. Allerdings bei den Angehörigen seiner Opfer. Ken fluchte im Stillen. Auf so etwas, auf all das hier hatte ihn seine Ausbildung nicht vorbereitet! Wahrscheinlich, weil es gar nicht ging.
Müde fuhr er sich durch das kurze Haar und bemerkte, dass Nalen ihn beobachtete.
„Ich hätte nicht gedacht, dass es einen Jedi überhaupt berühren würde, jemanden im Kampf zu töten …"
Ken zog die Augenbrauen hoch. „Ihr in Kalikori habt wirklich eine interessante Meinung von uns. Ein Jedi tötet nicht, wenn es einen anderen Weg gibt. Und den gibt es fast immer! Wenn mir das weniger wichtig gewesen wäre, dann wäre ich zu den Wächtern oder zu den Rittern gegangen. Aber ich habe gelernt, um ein Vermittler zu werden – jemand, der weiterdenkt und andere darin unterstützt, Lösungen zu finden, auf die sie vorher nicht gekommen sind. Nur bei mir selber habe ich kläglich versagt, wie's aussieht. Wärt Ihr nicht heute hier aufgetaucht, würde ich mich wahrscheinlich immer noch fragen, wie ich mit dieser unseligen Geschichte umgehen soll."
„Was habt Ihr vor?" wollte Nalen wissen.
Ken erwiderte seinen fragenden Blick und stellte fest, dass sein Zorn auf den Twi'lek verflogen war. Jetzt verstand er auch, was sich während ihres Gespräches verändert hatte. Alle diese Ereignisse, von denen Ken dachte, sie wären nur schwer zu überwinden, verbanden sie beide im Grunde miteinander. Keiner von ihnen hatte letztendlich gewollt, was passiert war. Und jetzt saßen sie hier - zwei junge Männer, die nach einem Weg suchten, mit den Folgen ihrer Auseinandersetzung umzugehen. Vielleicht würden sie ihn gemeinsam eher finden als jeder für sich allein. Nalen hatte den Anfang gemacht, indem er zu ihm kam. Und Ken war auf den nächsten Schritt gestoßen worden, gerade eben erst, auch wenn er schon lange überfällig war. Ken spürte, wie ein Funke Energie wieder in ihm erwachte.
„Etwas, das ich schon längst hätte tun sollen. Mich mit ihren Familien in Verbindung setzen, so wie Ihr es bei mir getan habt. Ich habe zwar noch keine Ahnung, was ich ihnen sagen werde, aber …" Ken schüttelte den Kopf. „Himmel, ich begreif's nicht, wieso ich erst jetzt daran denke! Aber auf Tython ging am Ende alles so verflixt schnell. Meisterin Yuons Zusammenbruch, das Raumschiff nach Coruscant, das wenig später starten sollte und uns mitnahm … Und hier ist die Lage auch nicht gerade rosig."
„Das kann Euch niemand vorwerfen", sagte Nalen bestimmt. „Ihr müsst Eurer Meisterin helfen. Die Lebenden gehen vor." Er beugte sich nach vorn und strich mit einem Finger über den Rand von Rusas Schale, fuhr die Umrisse der Blattabdrücke in der Wandung nach. Er sah sehr nachdenklich dabei aus. „Unsere Matriarchin hat die beiden Familien mit Sicherheit über alles informiert, was geschehen ist. Aber Ihr habt Recht. Das ist nicht das gleiche. Ich bin verantwortlich dafür. Ich hätte schon auf Tython Kontakt zu Benneths und Lians Familien aufnehmen müssen! Ich habe daran gedacht, aber … ich muss zugeben, ich wusste nicht, wie. Bei Euch erschien es mir … leichter."
‚Ich bin ja auch noch ziemlich lebendig', dachte Ken. Aber er verstand nur zu gut, was Nalen meinte. Diese zwei Nachrichten aufzunehmen würde so ziemlich das Schwerste werden, was er bisher in seinem Leben getan hatte.
„Ich werde es auch tun", sagte Nalen entschlossen. „Vielleicht kann Euer Meister Bakarn unsere Nachrichten mitnehmen, wenn er zurückfliegt?"
„Ich weiß was Besseres. Meisterin Yuons Arzt hat Zugang zu einer Direktverbindung über den Senat. Er kann sie gleich weiterleiten, das geht viel schneller. Er stellt mir sowieso alle Nachrichten zu, die hier für mich eintreffen. Wenn wir sie an Eure Matriarchin adressieren, dann bekommt Kalikori sie auf jeden Fall."
„Das klingt gut. Kolovish wird sie dann übermitteln. Allerdings kann ich zurzeit nichts aufnehmen. Mein Kom-Gerät hat bei unserem Kampf etwas abgekriegt, es war nicht mehr zu reparieren. Wisst Ihr, wo ich hier so ein Gerät erwerben kann?"
„Das braucht Ihr nicht. Ich leihe Euch eins. Es gehört eigentlich Meisterin Yuon, aber sie kann es momentan sowieso nicht benutzen."
Ken stand auf und ging zu einem Schränkchen hinüber, um die oberste Schublade zu öffnen. Aus einem Lederetui entnahm er das Kom-Gerät, entfernte Yuons Speicherkristall und schob einen bisher ungenutzten in den Slot. Dann hielt er Nalen das Gerät hin, der es nach einem kurzen Zögern entgegennahm. Er betrachtete Ken mit einem langen Blick, dann neigte er plötzlich den Kopf in der gleichen respektvollen Geste, wie er es schon vorhin getan hatte.
„Ich danke Euch, Ken'arryn", sagte er aufblickend. „Für alles. Ihr habt mir geholfen, als ich noch nicht einmal ahnte, dass ich Hilfe brauchte. Ihr habt Rusa gerettet. Und Ihr habt mir berichtet, was mit Kreth geschehen ist. Kolovish und ihre Tochter haben mich im Tempel besucht, aber nichts davon gesagt." Nalen schüttelte den Kopf. „Sie waren so … verständnisvoll, dass ich es fast nicht mehr aushielt. Vielleicht wollten sie damit warten, bis ich wieder zurück im Dorf war. Aber ich konnte nicht … ich wusste nicht, wie ich ihnen allen wieder unter die Augen treten sollte. Ich weiß nicht einmal, ob ich dort wirklich wieder willkommen wäre."
„Das werdet Ihr wohl nur herausfinden, wenn Ihr das nächste Mal dort seid. Nalen, Ihr wart krank. Der Einfluss von Rajivari, seine Fallen, diese irrsinnige Maschine – all das hat Eurem Geist sehr zugesetzt …"
„Sagt es ruhig – ich war verrückt", meinte Nalen trocken. „Vielleicht bin ich es immer noch. Einige Eurer Meister schienen das jedenfalls zu glauben."
„Meister Kaedan hat Euch das wohl gesagt? Ich kenne ihn noch nicht lange, aber er scheint mir etwas … vorschnell. Wir hatten auch so unsere Differenzen. Und Meisterin Shan ist ziemlich direkt. Aber Meister Bakarn ist derjenige, der sich am besten mit der Psyche auskennt. Und er hat Euch entlassen."
Die Entscheidung, die Ken noch zu treffen hatte, fiel ihm plötzlich erstaunlich leicht. „Ich glaube nicht, dass Ihr immer noch verrückt seid. Dafür seht Ihr die Dinge viel zu klar. Und selbst wenn der eine oder andere das denkt – beweist ihm das Gegenteil! Nachdem Ihr zurück seid. Wir könnten hier wirklich etwas Hilfe gebrauchen, auch wenn Qyzen das anders sieht. Aber es ist meine Entscheidung. Und ich nehme Euer Angebot an."
Ken erwiderte Nalens erfreuten und gleichzeitig erleichterten Gesichtsausdruck mit einem Lächeln, von dem er im ersten Moment gar nicht wusste, woher es kam. Es schien ihm, als hätte er gerade einen Schritt über einen Abgrund getan, der sich jetzt langsam hinter ihnen schloss. Es war ein seltsames, aber auch ein gutes Gefühl.
„Ihr seid anders als die Jedi im Tempel", sagte Nalen und blickte ihn aufmerksam an. „Die meisten, außer Meister Bakarn, haben mich gemieden, was ich ihnen nicht verdenken kann. Ich war auch nicht sonderlich wild auf ihre Gesellschaft. Aber Ihr … Ihr vertraut mir? Warum?"
„Weil Ihr hier seid. Weil Ihr Euch dem stellt, was geschehen ist. Weil wir beide wahrscheinlich mehr gemeinsam haben, als es auf den ersten Blick aussieht. Und weil Ihr mir jetzt schon geholfen habt, ein paar Dinge klarer zu sehen als zuvor. Also – Ihr seid dabei."
Ken streckte dem Twi'lek seine Hand entgegen. Nalen nickte stumm und ergriff sie. Zum ersten Mal sah Ken ein winziges Lächeln auf seinem ernsten Gesicht.
„Ja, Ken'arryn. Mit allem, was in meiner Macht steht."
Kens Blick begegnete Nalens hellen Augen, und der junge Jedi fügte spontan hinzu: „Wenn wir ein Heilmittel für Meisterin Yuon gefunden haben, werde ich Eure Hilfe erst recht brauchen. Ich will zurück nach Tython und dem Rat gehörig auf die Füße treten. Kalikori braucht endlich eine vernünftige Lösung für die Bedrohung durch die Fleischräuber. Und wen sollte ich dafür besser um Unterstützung bitten als Euch?"
Nalen schien seinen Ohren nicht zu trauen. Dann glomm Hoffnung in seinen Augen auf. „Ihr wollt den Rat der Jedi überzeugen und eine Lösung für Kalikori finden?"
„Das habe ich vor."
Nalens Blick wurde abschätzend. „Ihr wärt der erste Jedi, der das versucht."
Ken hob eine Augenbraue. „Ihr wisst doch selber, wie hartnäckig ich sein kann."
„Nur allzu gut … deshalb würde ich es Euch fast zutrauen."
„Und? Seid Ihr auch bei dieser Sache dabei?"
Etwas Herausforderndes lag jetzt in Nalens winzigem Lächeln.
„Mit meinem Leben, wenn es sein muss."
